VII.

Wenn man sagt, der Künstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme

dem Künstler nach, so kann dieses zweierlei bedeuten. Entweder der

eine macht das Werk des andern zu dem wirklichen Gegenstande seiner

Nachahmung, oder sie haben beide einerlei Gegenstände der Nachahmung,

und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es

nachzuahmen.

Wenn Virgil das Schild des Aeneas beschreibst, so ahmet er dem

Künstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung

nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem Kunstwerke vorgestellet

worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn er auch schon

das mitbeschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt

er es doch nur als ein Teil des Schildes, und nicht als die Sache

selbst. Wenn Virgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet hätte,

so würde dieses eine Nachahmung von der zweiten Gattung sein. Denn

er würde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet,

nachgeahmt, und nur die Züge seiner Nachahmung von ihr entlehnt

haben.

Bei der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bei der andern

ist er Kopist. Jene ist ein Teil der allgemeinen Nachahmung, welche

das Wesen seiner Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein

Vorwurf mag ein Werk anderer Künste, oder der Natur sein. Diese

hingegen setzt ihn gänzlich von seiner Würde herab; anstatt der Dinge

selbst ahmet er ihre Nachahmungen nach, und gibt uns kalte

Erinnerungen von Zügen eines fremden Genies, für ursprüngliche Züge

seines eigenen.

Wenn indes Dichter und Künstler diejenigen Gegenstände, die sie

miteinander gemein haben, nicht selten aus dem nämlichen

Gesichtspunkte betrachten müssen: so kann es nicht fehlen, daß ihre

Nachahmungen nicht in vielen Stücken übereinstimmen sollten, ohne daß

zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeiferung

gewesen. Diese Übereinstimmungen können bei zeitverwandten Künstlern

und Dichtern, über Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu

wechselsweisen Erläuterungen führen; allein dergleichen Erläuterungen

dadurch aufzustutzen suchen, daß man aus dem Zufalle Vorsatz macht,

und besonders dem Poeten bei jeder Kleinigkeit ein Augenmerk auf

diese Statue, oder auf jenes Gemälde andichtet, heißt ihm einen sehr

zweideutigen Dienst erweisen. Und nicht allein ihm, sondern auch dem

Leser, dem man die schönste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr

deutlich, aber auch trefflich frostig macht.

Dieses ist die Absicht und der Fehler eines berühmten englischen

Werks. Spence schrieb seinen "Polymetis" 1) mit vieler klassischen

Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den

übergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen

die römischen Dichter zu erklären, und aus den Dichtern hinwiederum

Aufschlüsse für noch unerklärte alte Kunstwerke herzuholen, hat er

öfters glücklich erreicht. Aber demohngeachtet behaupte ich, daß

sein Buch für jeden Leser von Geschmack ein ganz unerträgliches Buch

sein muß.

{1. Die erste Ausgabe ist von 1747; die zweite von 1755 und führet

den Titel: Polymetis, or an enquiry concerning the agreement between

the works of the Roman poets, and the remains of the ancient artists,

being an attempt to illustrate them mutually from one another. In

ten books, by the Revd. Mr. Spence. London, printed for Dodsley.

fol. Auch ein Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat,

ist bereits mehr als einmal gedruckt worden.}

Es ist natürlich, daß wenn Valerius Flaccus den geflügelten Blitz auf

den römischen Schilden beschreibt,

(Nec primus radios, miles Romane, corusci Fulminis et rutilas scutis

diffuderis alas)

mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung

eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke 2). Es kann

sein, daß Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn

Addison über der Rhea auf einer Münze zu sehen glaubte 3), auch von

den alten Waffenschmieden auf den Helmen und Schilden vorgestellet

wurde, und daß Juvenal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken

hatte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis auf den

Addison ein Rätsel für alle Ausleger gewesen. Mich dünkt selbst, daß

ich die Stelle des Ovids, wo der ermattete Cephalus den kühlenden

Lüften ruft:

{2. Val. Flaccus lib. VI. v. 55. 56. Polymetis Dial. VI. p. 50.}

{3. Ich sage, es kann sein. Doch wollte ich zehne gegen eins wetten,

daß es nicht ist.--Juvenal redet von den ersten Zeiten der Republik,

als man noch von keiner Pracht und Üppigkeit wußte und der Soldat das

erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf

seine Waffen verwandte. (Sat. XI. v. 100 bis 107.)

Tunc rudis et Grajas mirari nescius artes

Urbibus eversis praedarum in parte reperta

Magnorum artificum frangebat pocula miles,

Ut phaleris gauderet equus, caelataque cassis

Romuleae simulacra ferae mansuescere jussae

Imperii fato, geminos sub rupe Quirinos,

Ac nudam effigiem clipeo fulgentis et hasta

Pendentisque dei perituro ostenderet hosti.

Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die MeisterstÜcke großer

Künstler, um eine WÖlfin, einen kleinen Romulus und Remus daraus

arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmückte. Alles ist

verstÄndlich, bis auf die letzten zwei Zeilen, in welchen der Dichter

fortfährt, noch ein solches getriebenes Bild auf den Helmen der alten

Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, daß dieses Bild der

Gott Mars sein soll; aber was soll das Beiwort pendentis, welches er

ihm gibt, bedeuten? Rigaltius fand eine alte Glosse, die es durch

quasi ad ictum se inclinantis erklärt. Lubinus meinet, das Bild sei

auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme hänge, so habe

der Dichter auch das Bild hängend nennen können. Allein dieses ist

wider die Konstruktion; denn das zu ostenderet gehörige Subjektum ist

nicht miles, sondern cassis. Britannicus will, alles was hoch in der

Luft stehe, könne hangend heißen, und also auch dieses Bild über oder

auf dem Helme. Einige wollen gar perdentis dafür lesen, um einen

Gegensatz mit dem folgenden perituro zu machen, den aber nur sie

allein schön finden dürften. Was sagt nun Addison bei dieser

Ungewißheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre

Meinung ist ganz gewiß diese. (S. dessen Reisen deut. Übers. S.

249.) "Da die römischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und

kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt

auf ihren Helmen die erste Geschichte des Romulus zu tragen, wie er

von einem Gotte erzeugt, und von einer Wölfin gesäuget worden. Die

Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich auf die Priesterin Ilia,

oder wie sie andere nennen, Rhea Sylvia, herabläßt, und in diesem

Herablassen schien sie über der Jungfrau in der Luft zu schweben,

welches denn durch das Wort pendentis sehr eigentlich und poetisch

ausgedruckt wird. Außer dem alten Basrelief beim Bellori, welches

mich zuerst auf diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die

nämliche Figur auf einer Münze gefunden, die unter der Zeit des

Antoninus Pius geschlagen worden."--Da Spence diese Entdeckung des

Addison so außerordentlich glücklich findet, daß er sie als ein

Muster in ihrer Art, und als das stärkste Beispiel anführet, wie

nützlich die Werke der alten Artisten zur Erklärung der klassischen

römischen Dichter gebraucht werden können: so kann ich mich nicht

enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten. (Polymetis Dial.

VII. p. 77.)--Vors erste muß ich anmerken, daß bloß das Basrelief und

die Münze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Juvenals in die

Gedanken gebracht haben würde, wenn er sich nicht zugleich erinnert

hätte, bei dem alten Scholiasten, der in der letzten ohn' einen Zeile

anstatt fulgentis, venientis gefunden, die Glosse gelesen zu haben:

Martis ad Iliam venientis ut concumberet. Nun nehme man aber diese

Lesart des Scholiasten nicht an, sondern man nehme die an, welche

Addison selbst annimmt, und sage, ob man sodann die geringste Spur

findet, daß der Dichter die Rhea in Gedanken gehabt habe? Man sage,

ob es nicht ein wahres Hysteronproteron von ihm sein würde, daß er

von der Wölfin und den jungen Knaben rede, und sodann erst von dem

Abenteuer, dem sie ihr Dasein zu danken haben? Die Rhea ist noch

nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unter dem Felsen. Man sage,

ob eine Schäferstunde wohl ein schickliches Emblema auf dem Helme

eines römischen Soldaten gewesen wäre? Der Soldat war auf den

göttlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Wölfin und

die Kinder genugsam; mußte er auch noch den Mars im Begriffe einer

Handlung zeigen, in der er nichts weniger als der fürchterliche Mars

war? Seine Überraschung der Rhea mag auf noch so viel alten Marmorn

und Münzen zu finden sein, paßt sie darum auf das Stück einer

Rüstung? Und welches sind denn die Marmor und Münzen auf welchen sie

Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe?

Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori haben. Aber

die Admiranda, welches seine Sammlung der schönsten alten Basreliefs

ist, wird man vergebens darnach durchblättern. Ich habe es nicht

gefunden, und auch Spence muß es weder da, noch sonst wo gefunden

haben, weil er es gänzlich mit Stillschweigen übergeht. Alles kömmt

also auf die Münze an. Nun betrachte man diese bei dem Addison

selbst. Ich erblicke eine liegende Rhea; und da dem Stempelschneider

der Raum nicht erlaubte, die Figur des Mars mit ihr auf gleichem

Boden zu stellen, so stehet er ein wenig höher. Das ist es alles;

Schwebendes hat sie außer diesem nicht das geringste. Es ist wahr,

in der Abbildung, die Spence davon gibt, ist das Schweben sehr stark

ausgedruckt; die Figur fällt mit dem Oberteile weit vor; und man

sieht deutlich, daß es kein stehender Körper ist, sondern daß, wenn

es kein fallender Körper sein soll, es notwendig ein schwebender sein

muß. Spence sagt, er besitze diese Münze selbst. Es wäre hart,

obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in

Zweifel zu ziehen. Allein ein gefaßtes Vorurteil kann auch auf

unsere Augen Einfluß haben; zudem konnte er es zum Besten seiner

Leser für erlaubt halten, den Ausdruck, welchen er zu sehen glaubte,

durch seinen Künstler so verstärken zu lassen, daß uns ebensowenig

Zweifel desfalls übrigbliebe, als ihm selbst. So viel ist gewiß, daß

Spence und Addison eben dieselbe Münze meinen, und daß sie sonach

entweder bei diesem sehr verstellt, oder bei jenem sehr verschönert

sein muß. Doch ich habe noch eine andere Anmerkung wider dieses

vermeintliche Schweben des Mars. Diese nämlich: daß ein schwebender

Körper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welche die Wirkung seiner

Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den

alten Kunstwerken kein Exempel findet. Auch die neue Malerei

erlaubet sich dieselbe nie, sondern wenn ein Körper in der Luft

hangen soll, so müssen ihn entweder Flügel halten, oder er muß auf

etwas zu ruhen scheinen, und sollte es auch nur eine bloße Wolke sein.

Wenn Homer die Thetis von dem Gestade sich zu Fuße in den Olymp

erheben läßt, Thn men ar Oulumponde podes jeron (Iliad. S. v. 148),

so verstehet der Graf Caylus die Bedürfnisse der Kunst zu wohl, als

daß er dem Maler raten sollte, die Göttin so frei die Luft

durchschreiten zu lassen. Sie muß ihren Weg auf einer Wolke nehmen

(Tableaux tirés de l'Iliade p. 91), so wie er sie ein andermal auf

einen Wagen setzt (p. 131), obgleich der Dichter das Gegenteil von

ihr sagt. Wie kann es auch wohl anders sein? Ob uns schon der

Dichter die Göttin ebenfalls unter einer menschlichen Figur denken

läßt, so hat er doch alle Begriffe eines groben und schweren Stoffes

davon entfernet, und ihren menschenähnlichen Körper mit einer Kraft

belebt, die ihn von den Gesetzen unserer Bewegung ausnimmt. Wodurch

aber könnte die Malerei die körperliche Figur einer Gottheit von der

körperlichen Figur eines Menschen so vorzüglich unterscheiden, daß

unser Auge nicht beleidiget würde, wenn es bei der einen ganz andere

Regeln der Bewegung, der Schwere, des Gleichgewichts beobachtet fände,

als bei der andern? Wodurch anders als durch verabredete Zeichen?

In der Tat sind ein Paar Flügel, eine Wolke auch nichts andres, als

dergleichen Zeichen. Doch von diesem ein mehreres an einem andren

Orte. Hier ist es genug, von den Verteidigern der Addisonschen

Meinung zu verlangen, mir eine andere ähnliche Figur auf alten

Denkmälern zu zeigen, die so frei und bloß in der Luft hange. Sollte

dieser Mars die einzige in ihrer Art sein? Und warum? Hatte

vielleicht die Tradition einen Umstand überliefert, der ein

dergleichen Schweben in diesem Falle notwendig macht? Beim Ovid

(Fast. lib. 3.) läßt sich nicht die geringste Spur davon entdecken.

Vielmehr kann man zeigen, daß es keinen solchen Umstand könne gegeben

haben. Denn es finden sich andere alte Kunstwerke, welche die

nämliche Geschichte vorstellen, und wo Mars offenbar nicht schwebet,

sondern gehet. Man betrachte das Basrelief beim Montfaucon (Suppl.

T. I. p. 183), das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Palast

der Mellini befindet. Die schlafende Rhea liegt unter einem Baume,

und Mars nähert sich ihr mit leisen Schritten, und mit der

bedeutenden Zurückstreckung der rechten Hand, mit der wir denen

hinter uns, entweder zurückzubleiben, oder sachte zu folgen, befehlen.

Es ist vollkommen die nämliche Stellung in der er auf der Münze

erscheinet, nur daß er hier die Lanze in der rechten und dort in der

linken Hand führet. Man findet öftrer berühmte Statuen und

Basreliefe auf alten Münzen kopieret, als daß es auch nicht hier

könnte geschehen sein, wo der Stempelschneider den Ausdruck der

zurückgewandten rechten Hand vielleicht nicht fühlte und sie daher

besser mit der Lanze füllen zu können glaubte.--Alles dieses nun

zusammengenommen, wie viel Wahrscheinlichkeit bleibet dem Addison

noch übrig? Schwerlich mehr, als soviel deren die bloße Möglichkeit

hat. Doch woher eine bessere Erklärung, wenn diese nichts taugt? Es

kann sein, daß sich schon eine bessere unter den vom Addison

verworfenen Erklärungen findet. Findet sich aber auch keine, was

mehr? Die Stelle des Dichters ist verdorben; sie mag es bleiben.

Und sie wird es bleiben, wenn man auch noch zwanzig neue Vermutungen

darüber auskramen wollte. Dergleichen könnte z. E. diese sein, daß

pendentis in seiner figürlichen Bedeutung genommen werden müsse, nach

welcher es soviel als ungewiß, unentschlossen, unentschieden, heißet.

Mars pendens wäre alsdenn soviel als Mars incertus oder Mars

communis. Dii communes sunt, sagt Servius, (ad v. 118. lib. XII.

Aeneid.), Mars, Bellona, Victoria, quia hi in bello utrique parti

favere possunt. Und die ganze Zeile,

Pendentisque dei (effigiem) perituro ostenderet hosti,

würde diesen Sinn haben, daß der alte römische Soldat das Bildnis des

gemeinschaftlichen Gottes seinem demohngeachtet bald unterliegenden

Feinde unter die Augen zu tragen gewohnt gewesen sei. Ein sehr

feiner Zug, der die Siege der alten Römer mehr zur Wirkung ihrer

eignen Tapferkeit, als zur Frucht des parteiischen Beistandes ihres

Stammvaters macht. Demohngeachtet: non liquet.}

Laokoon: Oder, Über die Grenzen der Malerei und Poesie · 第 11 / 36 题