wunderliche Grille zusammen, -- ein grimmiger Haß gegen die Idee der
Unsterblichkeit. Er wähnt, dieser Gedanke sei unverträglich mit dem
Gefühle der Daseinsfülle, welches das Glück seines Daseins ausmacht,
und er verfolgt ihn wieder und wieder mit dem bittersten Spotte. Wer
unberührt ist von der Gehässigkeit, womit diese Idee seit alter Zeit
und neuerdings wieder bald verteidigt, bald angegriffen wird, der
erstaunt billig darüber, wie grundverschiedene Dinge unter diesem Namen
begriffen werden. Daß, wie wir das Schaffen großer Männer und großer
Völker handgreiflich fortwirken sehen von Geschlecht zu Geschlecht, so
auch der schwächste Sterbliche ein notwendiges Glied ist in der großen
Kette der Geschichte -- daß darum keine unserer Taten ganz verloren
geht, keine wieder zu vertilgen ist durch äußerliche Buße -- dieser
Gedanke ist allerdings die Grundlage jeder streng gewissenhaften
Sittlichkeit. Diese Unsterblichkeit soll der Mensch -- nicht glauben,
denn wer darf beim Glauben von einem Sollen reden? -- sondern ernst
und klar erkennen. Und auch der Dichter mag zu Felde ziehen gegen
die Leichtfertigkeit oder die äußerliche Religiosität, welche diese
Erkenntnis leugnet. Wie anders der Glaube an ein bewußtes Dasein nach
dem Tode! Wenn jetzt schon jeder unbefangene Denker gesteht, daß unser
Wissen über diese Frage nichtig ist, so wird einst eine Zeit reinerer
Menschlichkeit kommen, wo alle Welt über die heute so arg verketzerte
Wahrheit einig ist, daß der Glaube an ein Jenseits mit unserem Glücke,
unserer Tugend an sich nicht das mindeste zu tun hat. Für schwache
oder gemeine Naturen kann der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode
ebensowohl eine Quelle der Unsittlichkeit werden wie das Leugnen
derselben; wenn es asketische Toren gibt, welche sich „die köstliche
Neige der Zeit mit dem Gedanken der Ewigkeit verdünnen”, so leben noch
weit mehr Menschen, welche zugleich mit dem Glauben an ein Jenseits
jedes Lebensglück, jeden sittlichen Halt verlieren würden. Freilich,
wenn der ungeheure Gedanke der Ewigkeit von unreinen Lippen gepredigt
oder durch triviale Vorstellungen getrübt wird, dann soll der Dichter
dagegen, wie gegen alles Kleinliche und Unwahre, sein lauteres Wort
erheben. In dem glücklichen Gedichte „Wochenpredigt” schildert Keller,
wie am heißen Erntetage die lebensmüden Alten in der Kirche sitzen und
der Priester ihnen verkündigt, daß wir im ewigen Leben „von einem Stern
zum andern hupfen und endlich in den Urquell schlupfen”. Dann geht
das Pfäfflein heim, und, um die Zeit bis zu einem abendlichen Feste
totzuschlagen, verschläft es den Nachmittag.
O Pfäfflein, liebes Pfäfflein sag':
Ist dir zu lang der eine Tag,
Was willst du mit all den Siebensachen,
Den Millionen Sternen und Jahren machen?
Gewiß, das muß ein arger Pedant sein, dem dieser lustige Einfall
keinen Beifall entlockt. An sich aber ist der Glaube an ein Jenseits
weder sittlich noch unsittlich, weder schön noch unschön; er
mag von Dichtern mit gleichem Glücke verherrlicht oder verworfen
werden. Wer darf dem wie Sphärengesang tönenden Schwunge der von
diesem Glauben durchaus getränkten Oden Klopstocks oder Hölderlins
sein poetisches Recht bestreiten? Und wieder, wer darf das echt
künstlerische Gefühl verkennen, welches Keller treibt, die Blumen und
die irdische Herrlichkeit ringsumher also anzureden: „Ich wende mich
vom Schrankenlosen zu eurer Anmut froh zurück?” Nur sollte es kaum
der Bemerkung bedürfen, wie wenig eine dauernde Beschäftigung mit so
formlosen abstrakten Stoffen der Dichtkunst frommen kann. Wir lächeln,
lesen wir heute, wie Klopstocks seraphische Überschwenglichkeit sich
sogar die Freude an einem Johanniswürmchen durch die Frage verbittert:
„Du bist vielleicht, ach! nicht unsterblich?” Aber nicht bloß lächeln
müssen wir über den Luftkampf, welchen die materialistischen Poeten von
heute führen; auch die ernste Frage können wir ihnen nicht schenken,
wie es sich mit dem Wesen der heilenden und versöhnenden Kunst
verträgt, einen Glauben zu verspotten, der für Unzählige den Inbegriff
alles Heiligen bildet? Lesen wir vollends Zynismen wie das Lied: „Ich
hab' so manchen Narren gekannt, der wollte ewig leben” oder manche der
„Gaselen”, so gestehen wir, daß dieser materialistische Fanatismus der
Verketzerungssucht der „Christenpfaffen” völlig ebenbürtig ist. --
Inzwischen hatte Keller seine Kraft zu einem größeren Werke gesammelt,
zu dem Romane „Der grüne Heinrich”. Es bedarf keines Tiefblicks, um
zu erkennen, daß gar manches in diesem Buche von dem Poeten selbst
erlebt ist, daß er in langer und liebevoller Arbeit die Früchte einer
mannigfach bewegten Jugend zusammengetragen hat. Aber hier ist nichts
von jener Schönseligkeit, jener Selbstvergötterung, die seit Rousseaus
Tagen solchen Konfessionen anhaftet. Das Gedicht ist entstanden aus
dem natürlichen Bedürfnisse, mit einer erfahrungsreichen Zeit, die
der Dichter überwunden hat, völlig abzuschließen. Freilich verliert
so das Werk an Einfachheit und Abrundung der Komposition, was es an
Wahrheit und Lebhaftigkeit gewinnt. Keller hat das naturgemäßeste
Thema des Romans gewählt: er schildert den Werdegang eines Charakters;
und wir wüßten aus den letzten Jahren kaum eine Dichtung, welche
einen jungen Mann in dem Alter, wo man zuerst beginnt, auf sein Leben
zurückzuschauen, so tief und dauernd fesseln könnte. Aber nicht bloß
der stoffliche Reiz zieht uns zu dem Buche: auch der Kunstwert der
ersten Bände ist hoch anzuschlagen. Die gleichmäßige Heiterkeit seiner
Natur, sein für alle, auch die kleinsten Schönheiten der Außenwelt
geöffnetes Auge, seine frohe zuversichtliche Weltanschauung, der die
Geschichte als ein großes Lustspiel erscheint, worin die überlegene,
unbedingte Einsicht schließlich alles versöhnt: -- das alles mußte
Keller von selbst zur epischen Dichtung führen. Wie wahr weiß er die
verborgensten Falten in dem Charakter seines Helden aufzudecken, und
doch sind diese Schilderungen nicht peinlich-genau, nach Art englischer
=matter-of-fact=-Novellen, sondern poetisch wahr. Zu den gelungenen
Teilen dieses Romans möchten wir die kritischen Klopffechter des
Idealismus und Realismus führen: hier, wie an jedem Kunstwerke, könnten
sie lernen, daß lebendiger Schönheitssinn zum charakteristischen Stile
so notwendig gehört wie der Anker zum Schiff. Keller besitzt nicht
jenen leeren abstrakten Formensinn, den ästhetische Feinschmecker an
Paul Heyse und Geibel bewundern, sondern ein kräftiges, angeborenes,
aber durch Bildung geadeltes Schönheitsgefühl. Auch wenn die Fabel des
Romans das Geheimnis nicht verriete, würde uns die Darstellungsweise
auf die Vermutung bringen, daß ein Stück von Maler in ihm liegen muß.
Könnte der arme Mann von Toggenburg diese lachenden Schilderungen vom
Schweizerlande lesen, wie herzlich würde der Gute seine Landsleute um
Verzeihung bitten, daß er ihnen das Verständnis der Naturschönheit
abgesprochen. So recht an seiner Stelle ist Kellers Talent, wenn er die
echt epischen, durch ihre Einfachheit großen Empfindungen ausdrückt:
wenn er schildert, wie der Jüngling mit befangenem Staunen zum ersten
Male seiner Großmutter begegnet und das seinem Dasein Vorangegangene
groß und unvermittelt ihm gegenübertritt -- oder wenn er uns einführt
in das heilige Schweigen der Nacht, wo das Glück der Erde seinen
Rundgang zu halten scheint über die schlafende Welt. Kellers Sprache
ist von jener anschaulichen Kraft, die dem Sohne des Volkes zu erwerben
leicht wird, und sie wird mit der Freiheit gehandhabt, welche nur die
Frucht gewissenhafter Arbeit ist. Keller hat sich das schöne Vorrecht
des Epikers, daß er scheinbar absichtslos und ohne Rücksicht auf den
Leser schreiben darf, nicht entgehen lassen: er erregt von Hause aus
unsere Teilnahme für den Helden, aber nirgends reizt er uns durch jene
prickelnde Neugierde, die den Kunstgenuß zerstört. Sein Buch ist, wie
die Weisheit des Brahmanen verlangt, „ein Ganzes, das besteht aus
tausend kleinen Ganzen”.
Die Mängel des Romans lassen sich meist darauf zurückführen, daß der
Poet seinem Stoffe nicht frei genug gegenübersteht. Bezeichnend dafür
ist, daß die Kindheitsgeschichte des Helden weit unbefangener und
klarer dargestellt wird als seine späteren Erlebnisse, von denen manche
des Dichters persönliches Interesse noch allzu nahe berühren mochten.
Wir lernen den grünen Heinrich kennen, wie er von seiner Mutter und
seiner Schweizer Heimat sich trennt, um in München Landschaftsmaler zu
werden. Aber schon nach den ersten Reiseabenteuern wird die Erzählung
abgebrochen, und wir erhalten die Jugendgeschichte des Helden in der
Darstellung, die er, um sich selber Rechenschaft zu geben, aufgesetzt
hat. Stört diese Zerspaltung der Fabel ohnehin den harmonischen
Eindruck, so führt sie noch schwerere Nachteile mit sich. Die Form
des Tagebuchs gibt dem Dichter Gelegenheit, sich in behaglicher
Weitschweifigkeit zu ergehen und seiner Neigung für das Absonderliche,
die er trotz aller ästhetischen Bildung doch nicht hat ablegen können,
die Zügel schießen zu lassen. In der Absicht, uns mit dem Charakter
des Helden vertraut zu machen, gibt er uns dessen Betrachtung über
alles Erdenkliche, Herzensergießungen, so derb ehrlich, so verzweifelt
naiv (denn der grüne Heinrich verdient seinen Namen nicht bloß um der
Farbe seines Rockes willen), daß ein gesetzter Leser sich bekreuzen
möchte. Schlimmer ist, daß diese Betrachtungen oft die Wahrheit der
Erzählung zerstören. Das langsame Erwachen des Menschen aus kindischem
Traumleben zu hellem Bewußtsein ist vielleicht der zarteste Gegenstand,
den ein Dichter berühren kann: nur die allerruhigste, unbefangenste
Erzählung kann uns hier überzeugen. Eine Reihe kleiner kindischer
Sünden, die uns, einfach erzählt, ganz natürlich erscheinen würden,
erregen unser Befremden, weil der zwanzigjährige Tagebuchschreiber
sich die Motive seiner alten Missetaten nachträglich zu erklären
sucht. Jedoch solche Mißgriffe sind nicht häufig. Im ganzen ist es
eine Lust, diese Kindheitsgeschichte zu lesen. Selbst das unbefangen
Tierische im Menschen wird uns gezeigt, seine natürliche Grausamkeit,
seine schamlose Selbstsucht; wir sehen, wie die erste Wurzel der
Unwahrheit, die falsche Scham, sich bildet, wir werden an jene
haarscharfe Grenze geführt, welche das naturgemäße Erwachen einer
lebendigen Einbildungskraft von der bewußten Lüge scheidet: und doch
geht über dieser Fülle des Charakteristischen nicht der wehmütige
Zauber verloren, der über dem Dämmerleben des Kindes schwebt. Durchaus
bewährt sich des Dichters sittlicher Takt: er hütet sich wohl, den
gedankenlosen Diebereien des Kindes mit dem Strafgesetzbuch in der
Hand entgegenzutreten: aber sein Künstlerzorn erwacht, wenn er den
Helden bei einem kleinlichen, engherzigen Gebaren findet. Die ersten
bewußten Jahre verlebt der Held in engen Verhältnissen unter der
liebevollen Zucht einer ernsten, genauen Mutter. Dann beginnt der
unreife Spieltrieb allmählich umzuschlagen in die Lust an wirklicher
Tätigkeit. Heinrich beschließt, sich zum Künstler zu bilden. Da sehen
wir mit Rührung, wie hilflos die arme Witwe dem fremdartigen Treiben
des Sohnes gegenübersteht: kann sie doch den Liebling ihres Herzens
kaum anders unterstützen, als indem sie Strümpfe für ihn strickt.
Und wie ergreifend erscheint das unselige Streben des Autodidakten,
der, bald führerlos, bald mißleitet von unfähigen Lehrern, haltlos
seiner unfertigen Empfindungslust, seiner knabenhaften Neigung für
das Sonderbare preisgegeben ist. Ein Landaufenthalt seines Helden gibt
Keller Anlaß zu Schilderungen des Volkslebens von so viel Schönheit und
Farbenpracht, daß wir uns erstaunt fragen, ob dies dieselben Menschen
sind, welche in Bitzius' Erzählungen unser ästhetisches Gefühl so oft
schwer beleidigen. Diese Bauern sind weder malerisch noch großartig,
sie sind schroff und engherzig, soweit in jenem harten materiellen
Leben der Mann es sein muß, um auf eigenen Füßen zu stehen; es sind
starke aufrechte Männer, sondertümliche, eigenartige Charaktere, wie
sie in freier Unabhängigkeit sich bilden. Aber wie ehrwürdig erscheinen
uns hier die köstlichen Güter des Landmanns, das frische Brot und
der junge Wein; und wie tüchtig und beneidenswert das Volksfest der
Tellfeier mit all seiner Derbheit, seinem naiven Ungeschick; denn
über all dem bunten Treiben sehen wir ein naturwüchsiges, freies
Gesamtleben, dem der Staat noch nicht als eine dem Volk entfremdete
mechanische Amtsordnung gilt. Dort auf dem Dorfe empfängt des Helden
Charakter die ersten dauernden Eindrücke der Leidenschaft. Seine
romantische Neigung, seine unklare Schwärmerei wird durch ein zartes
junges Mädchen gefesselt, aber sein Künstlerfeuer, seine lebendige
Sinnlichkeit liegen in den Banden eines gereiften Weibes. Die schöne
Judith ist eine jener sicheren, naturfrischen Frauen, die auch in
unseren frommen Tagen nimmer aussterben werden: schön und stark,
heißblütig und mit heidnischer Unbefangenheit jeder Leidenschaft
folgend, aber durchaus wahr und eine harmonische Natur, der man nicht
grollen kann. Dies Doppelleben des Helden ist mit ergreifender Wahrheit
geschildert, aber auch mit einer naiven Offenherzigkeit, wie wir
sie nur dem grünen Heinrich verzeihen können. Wir sind die letzten,
die verbildete Prüderie unserer Frauen, welche ihnen die edelsten
Kunstgenüsse verdirbt, zu verteidigen, und wir wissen sehr wohl Kellers
kräftige Sinnlichkeit von der faunischen Lüsternheit der Franzosen
zu unterscheiden: dennoch bedauern wir, daß manche schöne Hand den
Roman aus der Hand legen wird, erschreckt durch diese Darstellung
des Nackten, für welche ein künstlerischer Zweck nicht zu finden
ist. Das zarte Mädchen stirbt, von Judith reißt Heinrich sich los in
einem gewaltsamen Ausbruche unreifen Tugendstolzes. Endlich zieht der
zuversichtliche junge Held in die Fremde, um -- alles zu vergeuden, was
er besitzt, sein und seiner Mutter Leben.
Von hier hebt die eigentliche Erzählung wieder an, und sie sticht
auch dadurch von dem Tagebuch in sehr störender Weise ab, daß von
den vielen in diesem angeknüpften Fäden kaum einer von der Erzählung
wieder aufgenommen wird. Mit des Helden Eintritt in das Münchener
Kunstleben beginnt auch der Dichter sich eingehender mit der
Kunst zu beschäftigen. Sein Buch ist das herbste, unbarmherzigste
Verdammungsurteil über den Dilettantismus. Nur der Meister, nur
wer seinen Beruf gründlich versteht, ist glücklich, mag er auch
einen Stiefel zurechthämmern -- dies der Kern der Kunstanschauung
Gottfried Kellers. Eine goldene Wahrheit, die dem Sohne eines starken
und regsamen Volksstammes wohl ansteht; ein Kind mag sie fassen,
aber Tausende unserer Gebildeten gehen zugrunde, weil ihnen der
sittliche Mut, ihr zu folgen, mangelt! Die Standrede, welche der
Maler Erikson seinem Freunde, dem grünen Heinrich, hält, über die
mächtige Gesellschaft der „Wollenden” in der Kunst, über die nahe
schöne Zukunft, wo die Städtebewohner sich an dem Gruße: Dichter?
Dichter! Künstler? Künstler! erkennen werden, und ein Senat geprüfter
Buchbinder und Rahmenvergolder zu Gericht sitzen wird über den Werken
des reinen Fleißes -- dieser Scherz ist eine meisterhafte Satire, die
jeder junge Künstler einmal lesen sollte. In solchem Geiste frischen
vollkräftigen Künstlertums bekennt sich Keller auch zu jener Auffassung
des geistigen Eigentums, die zu Recht bestehen wird, solange es rüstige
Künstler gibt: der ohnmächtige Schwächling, dem eine gute Idee über
Nacht gekommen, hat nicht das mindeste Recht zur Klage, wenn ein
schöpferischer Kopf sie seiner unfähigen Hand entreißt und lebendig
gestaltet. Wiederum eine sehr einfache, selbstverständliche Wahrheit;
aber haben uns nicht die tragikomischen Erlebnisse des Schulmeisters
von Possenhofen gezeigt, wie wenig unsere tonangebenden Schriftsteller
diesen braven Künstlersatz begreifen? -- So gern der Dichter über
künstlerische Dinge redet, so wenig wird die Schrift dadurch zum
Kunstroman. Weder stellt sich hier die Kunst eitel vor den Spiegel,
noch treten wir in jene Kreise der Aristokratie des Geistes, welche
mit ihrem vorherrschend innerlichen Leben der Dichtung einen noch
weit minder dankbaren Stoff bieten als der Adel. Das Buch bleibt ein
einfacher bürgerlicher Roman; der Dichter hat es verstanden, diese
besonderen Erlebnisse zu einem Bilde des Allgemeinen zu erweitern.
Seine Verachtung des künstlerischen Dilettantismus ist lediglich der
Haß des tüchtigen Menschen gegen alles Halbe und Schwächliche. Der Held
bleibt ein epischer Charakter, er läßt die ganze Fülle der Welt der
Erfahrung bildend auf sich wirken. Der Maler Ferdinand Lys schließt
sich an ihn an, einer jener unselig begabten Menschen, an denen die
Gegenwart reich ist: durchaus geistreich, fähig, von allem die höchsten
und kühnsten Begriffe zu fassen, auch nicht gerade unproduktiv, aber
mit einem Überwiegen des kritischen Denkens über die schöpferische
Begabung, welches ihn am dauernden, beglückten Schaffen hindert.
Oft genug gerät der gescheite Skeptiker mit dem unreifen jungen
Freunde in Streit, bis einmal der Junge, stolz auf den willkürlichen
Gottesglauben, den er sich aus den Trümmern der Dogmatik allein
noch gerettet, ihm mit schwer beleidigenden Worten seinen Atheismus
vorwirft. Da folgt eine Katastrophe, wie sie im Jugendleben nicht
selten ist, lächerlich und tief traurig zugleich: seinem Herrgott zu
Ehren verwundet der verblendete junge Mensch den Freund im Zweikampfe,
und Ferdinand stirbt einige Jahre darauf an den Folgen der Wunde.
Heinrich erkennt endlich, daß er zum Maler verdorben ist, er zeigt
sich gänzlich ungeschickt zum Erwerben, er gerät in bittere Not. Eine
ehrenwerte und doch falsche Scham entfremdet ihn gänzlich seiner
Mutter, und die unglückliche Frau stirbt vor Sehnsucht und Gram um den
verlorenen Sohn.
Hier nun muß es sich entscheiden, ob Heinrich ein wahrer Romanheld ist,
ab er fähig ist, seine inhaltlose, gutmütige Jugendbegeisterung mit
einer kräftigen, durch geistigen Schwung geadelten Lebenstätigkeit
zu vertauschen. Aber hier erfahren wir, wie selten jene behagliche
Heiterkeit des Gemüts, die Keller befähigte, seiner Erzählung
einen ruhigen epischen Fluß zu geben, sich verbunden zeigt mit
der dramatischen Energie, welche zum Abschlusse jedes Kunstwerks
unerläßlich bleibt. Und noch klarer zeigen sich die schlimmen Folgen
davon, daß der Held zu viel von des Dichters Fleisch und Blut hat.
Heinrich faßt zwar den männlichen Entschluß, der Malerei zu entsagen,
aber er meint sich berufen, im lebendigen Menschenstoffe zu schaffen.
Nein, junger Freund, wenn du, so derb geschüttelt durch schwere
Erfahrungen, noch nicht helleren Auges in dein Inneres blicken kannst,
so bist du noch immer der „grüne” Heinrich. Zum Maler taugt dieser
Mensch freilich nicht, denn er ist unfähig, nur mit einem Sinne die
Welt zu erfassen, er hat seine Lust an der sprossenden Frühlingssaat,
während seine Malergenossen den giftigen Ton der Farbe beklagen; aber
zum handelnden Leben taugt er darum noch minder. Ein ästhetischer
Widerwille war es ja, der schon den Knaben von dem Mysterium des
Abendmahls zurückstieß, dichterisch ist die üppige Erfindungslust,
welche sein Malerwirken so bitter störte -- mit einem Worte, in
Heinrich steckt ein Poet. Aber Keller hat nicht den Mut, diesen
Entwicklungsgang aufzudecken, er vernachlässigt darum das fruchtbare
Motiv, das in Heinrichs ästhetischer Lebensanschauung -- diesem
Urgrunde seines Glücks und seiner Schuld zugleich -- enthalten ist. Er
weiß sich schließlich nur so zu helfen, daß er Heinrich, während wir
noch auf dem vorletzten Blatte das Beste hoffen, auf der letzten Seite
sterben läßt. Diese Ratlosigkeit über den Ausgang des Helden verdirbt
den letzten Band durchaus; er ist gewandter geschrieben als der Anfang,
aber in der Komposition und der dichterischen Wärme steht er weit
zurück. Er ermüdet uns durch lange, völlig zwecklose Schilderungen
und Betrachtungen. Ja, es gelingt dem Dichter sogar einmal, unsere
Teilnahme dem Helden gänzlich zu entfremden, da Heinrich im Elend in
eine unerträglich weinerliche Gramseligkeit verfällt. Am Schlusse
indes erhebt sich die Erzählung noch einmal zu regerem Leben. Heinrich
schüttelt die letzten Spuren seines Jammers von sich, er erstarkt zu
neuem Selbstgefühle, und zum ersten Male kommt die Macht einer tiefen
Liebe gewaltig über ihn. Aber sein Tod zerreißt des Lesers kaum wieder
erwachte Hoffnungen. Es bleibt ein Mißgriff, der nicht wieder gesühnt
werden kann, daß der Dichter Heinrichs Freund und Mutter zum Teil
durch seine Schuld sterben ließ. Solche Verschuldungen, die mehr dem
Ungeschick des Kopfes als der Schlechtigkeit des Herzens entspringen,
bilden immer einen gefährlichen Stoff für die ernste Dichtung. Es ist
hart, daß Heinrich um dieser Sünden willen, welche ja nicht das Werk
seines freien Willens waren, zu den Verdorbenen und Gestorbenen gehören
soll. Und doch würden wir es noch minder ertragen, wenn Heinrich auf
dem Grabe seiner Mutter lustig Hochzeit hielte. Im Leben freilich ist
es nicht nur möglich, ja wir dürfen sogar verlangen, daß ein Mensch
mit so unseliger Vergangenheit noch ein wackerer und glücklicher Mann
werde. Aber so Großes bewirkt im Leben nur jene Macht, welche selbst
für die freieste und gewaltigste der Künste kaum darstellbar ist -- die
Macht der Zeit! So ist denn die Achillesferse aller Romane, der Schluß
hier besonders schwach. Das Buch endet mit einem grellen Mißlaute.
Wir durften wohl erwarten, daß ein so stark gärender Most endlich zu
einem reinen und edlen Wein werde. Nicht gänzlich haben die Erzählungen
von den „Leuten von Seldwyla” diese Hoffnungen erfüllt. Wie in jenem
Romane breite, ermüdende Reflexionen sich neben den schönsten Bildern
bewegten Menschenlebens ausdehnten, so stehen in dieser Schrift einige
gänzlich verfehlte Erzählungen neben Novellen, die aus dem Schatz
unserer Dichtkunst, will's Gott, nie wieder verschwinden werden.
Die Leute von Seldwyla sind, was schlechte Künstler „ein poetisches
Völkchen” nennen. Gegen dieses selige Lumpentum, das die Gemütlichkeit
für seine besondere Kunst hält, wendet sich der Dichter mit der
lustigsten und doch bittersten Ironie. Keller hat sehr richtig gefühlt,
daß solche flache Lustigkeit, die schließlich ins Elend versinkt, zu
gehaltlos ist, um der Kunst einen Stoff zu bieten. Das verkommene Volk
gibt ihm nur den Hintergrund, von dem sich die Schilderungen einiger
origineller Menschen abheben.
Freilich, wie ganz hat den Dichter sein guter Genius verlassen, als er
seinen „Pankraz, den Schmoller” schrieb. Uns ist, als müßte der lange
Erikson hervortreten, dem Poeten auf die Schulter klopfen und ihn
fragen, ob auch er nach so mannhaftem Kampf gegen das Dilettantenwesen
für die mächtige Genossenschaft der Wollenden sich habe werben lassen.
Es scheint des Dichters Absicht, zu schildern, wie oft gerade seine
kleinen Eigenschaften des Menschen Schicksal bestimmen, ihn fast
wider Wissen und Willen in ein schweres Schuldverhältnis zu seiner
Umgebung bringen. Und wieder scheint es, er wolle in dem nichtig-eitlen
Charakter der Lydia das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das schon
Vater Homer geahnt, enthüllen. Aber er versucht nicht einmal, diese
Motive auszuführen. Kurz und gut, die Geschichte entbehrt jeder Pointe
-- so sehr, daß wir nicht einmal sicher sind, ob die Vermutungen,
welche wir vorhin über des Dichters Plan äußerten, in Wahrheit
zutreffen.