die ursprüngliche Kraft des biderben Volkslebens ganz verstanden;
die Gegner beklagten mit schlecht verhehlter Schadenfreude, so werde
ein großes Talent zugrunde gerichtet durch die Torheit der Mode. Wie
wenig ahnten die Lobredner und die Tadler, was in diesem seltsamen
Menschen vorging! Die Erzählungen, mit denen der Meister des Realismus
sein letztes Wort gesprochen haben sollte, galten ihm selber nur als
Beiwerke. Er hatte sie hingeschrieben ohne jede Rücksicht auf die Mode
des Tages, lediglich um sich zu beruhigen, um unter den vertrauten
Gestalten seiner Heimat einmal auszurasten; und soviel ich weiß, sind
die „Thüringer Naturen”, die fast wie ein Zerrbild von „Zwischen Himmel
und Erde” erschienen, früher entstanden als diese schöne Erzählung.
Ludwigs beste Gedanken schweiften längst auf anderen, steileren Pfaden.
Wieder wie vor Jahren, da er sich losriß von der Romantik, kam ein
schwerer Kampf über seinen rastlosen Geist, er begann in der Stille
seines Krankenzimmers seine eigenen Werke zweifelnd zu betrachten, und
wie der bedeutende Künstler immer der beste Kritiker seiner Werke ist,
so fand auch Ludwig, sicherer als das Urteil dritter vermochte, die
Mängel seines Schaffens heraus: „Der Gefahr des anatomischen Studiums
muß ich erliegen, ich stehe vor einem Charakter, wie eine Ameise vor
einem Hause.” Er fühlt, daß er mit seinen Makkabäern schon auf dem
rechten Wege gewesen, daß das Ideal und die natürliche Wahrheit,
statt einander auszuschließen, vielmehr für den rechten Künstler
eines sind, daß die Illusion sich ganz von selber einstellt, wenn der
Dichter nur das Schöne schafft: „Es gilt jetzt nicht, in Opposition
gegen allen Idealismus zu stehen, es gilt vielmehr, realistische Ideale
darzustellen, d. h. Ideale unserer Zeit.” Er sucht das Drama hohen
Stils, das in einer einfachen „schlanken” Handlung, in dem Ringen und
Leiden großer, nicht allzu individueller Charaktere das allgemeine
Menschenschicksal darstellen, das der Natur treu bleiben und doch nicht
roh naturalistisch wirken soll: „Die ruhigen Szenen durch rasches
Gespräch belebt, die bewegteren künstlerisch gemäßigt. So werden beide
Klippen vermieden, dort die zu geringe, hier die zu starke Illusion.”
Eine bunte Welt dramatischer Gestalten drängte sich jetzt vor sein
Auge; der alte Fluch geistvoller Naturen, daß sie sich übernehmen in
ihren Plänen, ging an dem Kranken grausam in Erfüllung. Ein Entwurf
jagte den andern; der Anfang eines Schauspiels „Die Brüder von
Imola”, einige herrliche Szenen aus einer Tragödie „Marino Falieri”
wurden niedergeschrieben, noch auf dem Totenbette ein Drama „Tiberius
Gracchus” begonnen. Auch die Heldengestalten des Siebenjährigen Krieges
haben den Kranken beschäftigt; er schilderte in einem Vorspiele
„Die Torgauer Haide” das friderizianische Heer mit einer derben,
kernhaften Lebenswahrheit, die den wirksamsten Stellen des schönen
Romans „Cabanis” von W. Alexis nichts nachgibt. Das Lieblingswerk
dieser Jahre war ein Trauerspiel „Agnes Bernauerin”. Ludwig fühlte mit
feinem Künstlertakt, daß dieser Engel von Augsburg in der historischen
Überlieferung mehr eine rührende als eine tragische Gestalt ist; er
versuchte sie zu einem schuldvollen tragischen Charakter zu erheben,
lieh ihr einen dreisten vorwitzigen Zug und lief freilich Gefahr, das
Mitleid für die Heldin zu ertöten. Aber die alte rätselhafte Unart
seiner Phantasie, die nur fragmentarisch schaffen konnte, ließ sich
nicht mehr bewältigen. In wundervoller Klarheit erschienen ihm einzelne
Szenen, und was er von solchen Bruchstücken auf das Papier warf,
wirkt hinreißend, bezaubernd auf den Leser. Er meinte wohl, jetzt,
da er mit Bewußtsein schaffe, entwerfe er zuerst den Plan, dann erst
erschienen ihm seine Gestalten; doch die unhemmbare vorwärtsschreitende
Gestaltungslust des rechten Dramatikers, welche nicht ruhen kann, bis
sie ihren Helden auf die Höhen der Leidenschaft emporgetrieben und dann
herniedergestürzt hat -- sie erwachte dem Kranken nie. Eine Lücke, die
sich niemals füllen wollte, klaffte immer zwischen den einzelnen in
höchster Pracht geschauten Bildern, der Ring des Kunstwerks schloß sich
nicht. Nun packt er „die Stoffe, die er bebrütet”, aber und abermals
an, wohl zwölfmal oder mehr wird die Bernauerin umgearbeitet -- nie
vollendet.
Er belauscht sich während des Schaffens, er fühlt seine Verwandtschaft
mit Kleist und Hebbel, vergleicht seine Gestalten mit den ihrigen,
er findet in Shakespeare den vollendeten Künstler und versucht aus
dessen Werken die höchsten Gesetze der Kunst abzuleiten. Sein eigenes
Selbstgefühl, seine Künstlerfreudigkeit fühlt sich erdrückt durch die
Größe des Briten, sieben Jahre lang bis zu seinem Tode läßt ihn das
Bild des fremden Dichters nicht los, er schreibt „Shakespearestudien”
und trägt in diese Blätter, wie in ein Tagebuch, alles zusammen,
was ihm Kopf und Herz bewegt: Selbstgeständnisse, ästhetische
Regeln, Dramenentwürfe, Studien über Shakespearesche Charaktere,
Besprechungen eigener und fremder Werke. Der Thüringer Natursohn
spricht in Lob und Tadel mit einer unbefangenen Geradheit, die
unserer verzärtelten rücksichtsvollen Zeit wie eine Stimme aus den
cheruskischen Wäldern klingt, er berührt die feinsten und höchsten
Rätsel der Kunst und des Seelenlebens, er erörtert Fragen, die nur
ein reicher Künstlergeist aufwerfen kann -- als z. B.: „Wie reich ein
Stück Shakespeares an Handlung ist und wie wenig Szenen es doch hat
und wie diese auch so viel poetische Ausmalung haben” -- und gleich
darauf befremdet er uns durch einen Erklärungsversuch, der eine fertige
historisch-philologische Bildung verlangt, also der Intuition des
Künstlers allein nicht gelingen kann -- und dann folgt wieder ein
Selbstbekenntnis von fast unheimlicher Klarheit. Auch in Ludwigs Seele
wühlte jene krankhafte Neigung, sich selbst zu belauern, welche das
Leben Heinrich Kleists verwüsten half. Aber während Kleist in der Kunst
sich immer wieder zu frischer Schöpferlust ermannte und nur in seinem
äußeren Leben ein unglücklicher Grübler blieb, verfloß Ludwigs Leben
wohlgeordnet, in gleichmäßigem Wellenschlage, der krankhafte Trieb
in ihm warf sich allein auf sein künstlerisches Schaffen. Schon ein
Übermaß gelehrten Wissens lähmt oft den freien Flug des Dichtergeistes,
doch noch verderblicher als die allzu schwere Bildung des Verstandes
wirkt auf den Künstler jene vorzeitige Kritik, die ihm die Freude
stört an seinen halbvollendeten Gestalten. Mir ward unsäglich traurig
zumute, als ich einst in einigen Heften aus Ludwigs Nachlaß blättern
durfte. Welch ein ungeheurer Fleiß in diesen eng beschriebenen Bogen;
nur selten einmal hat die zitternde Hand des Kranken am Rande bemerkt,
er habe heute seinen Kindern zulieb' zeitig Schicht gemacht. Große
tiefsinnige Entwürfe, prächtige Verse, glänzender, schwungvoller als
die schönsten Stellen der Makkabäer, dann wieder einzelne aufgebauschte
geschraubte Bilder, und schließlich doch kein Ganzes -- eine Phantasie,
die uns zugleich durch ihren Reichtum und durch ihre Unfruchtbarkeit in
Erstaunen setzt.
Ganz gewiß hat auch die Krankheit und die Sorge um des Lebens Notdurft
den Aufschwung dieser Dichterkraft gelähmt. Man darf von Ludwig nicht
reden, ohne mit ernstem Wort einer häßlichen Schwäche der deutschen
Gesittung zu gedenken -- des unanständigen Geizes, den die deutsche
Lesewelt ihren Schriftstellern entgegenbringt. Alle die bequemen
Entschuldigungen, welche auf unseren noch jugendlichen Volkswohlstand
verweisen, zerfallen in nichts vor der beschämenden Tatsache, daß
in dem kleinen Holland, dem halbbarbarischen Rußland die Auflagen
guter Bücher weit stärker, oft zehnmal stärker sind als in dem großen
gelehrten Deutschland. Kein Volk liest mehr, keines kauft weniger
Bücher als das unsere. Namentlich unsere höheren Stände zeigen im
literarischen Verkehrsleben einen Mangel an Feingefühl, eine Kargheit,
welche unsere Nachbarn mit Recht als unschicklich schelten. Solange
es bei uns noch nicht für schmutzig gilt, wenn eine reiche elegante
Dame mit Handschuhen bewaffnet ein unsauberes Lesezirkelexemplar eines
Buches liest, das sie im nächsten Laden für wenige Groschen kaufen
kann -- ebensolange werden alle Schiller- und Tiedgestiftungen die
gedrückte Lage der deutschen Schriftsteller nicht wesentlich bessern.
Ist ein deutscher Dichter vollends wenig fruchtbar, fehlt ihm, wie
diesem Thüringer, gänzlich das Talent für den einzigen gewinnbringenden
literarischen Erwerbszweig, für die Journalistik, so kann er der
bitteren Not nicht entgehen.
Doch in Wahrheit liegt der letzte Grund der Unfruchtbarkeit von Ludwigs
späteren Jahren nicht in der Krankheit, nicht in der Armut, sondern
in jener rätselhaften Anlage seiner Phantasie. Ihm blieb versagt, der
Welt die Schätze seiner Seele zu zeigen, er war mehr, als er schuf,
und nur seinen Freunden lebt das unverstümmelte Bild seines Wesens
in der Erinnerung. In der Kunst aber gilt nur das Können -- der alte
Spruch soll allezeit in Ehren bleiben, ob er auch grausam scheine;
das landläufige Urteil wird bei Otto Ludwigs Namen immer zuerst an
jene Erzählung „Zwischen Himmel und Erde” denken, welche er selber für
ein Nebenwerk ansah. Wer den unendlichen Wert der Persönlichkeit in
der Kunst versteht, wer da weiß, daß in der Entwicklung des geistigen
Lebens wie in dem Haushalt der Natur nichts verloren geht, der darf
freilich bei einer so äußerlichen Schätzung nicht stehen bleiben.
Wie die politische Geschichte dem General Friedrich von Gagern einen
ehrenvollen Platz anweist um der Gedanken willen, die er in der Stille
für Deutschland dachte, um der unerfüllten Hoffnungen willen, die
sich an ihn knüpften -- so wird auch die Literaturgeschichte nicht
bloß anerkennen, was Otto Ludwig schuf, sondern auch ein Wort des
Dankes übrig behalten für die hohen Ziele, die der Ringende nicht ganz
erreichte; sie wird gerecht und in Ludwigs eigenem Sinne urteilen, wenn
sie ihn auffaßt als den Dichter der Makkabäer, der das realistische
Ideal im Drama zu verwirklichen suchte.
Gottfried Keller
Gottfried Keller
Zwei köstliche Geschenke findet der Schweizer in seiner Wiege, welche
das Reifen echt-menschlicher Bildung und darum auch das Gedeihen der
Kunst mächtig fördern müssen. Von Kindesbeinen an umfängt ihn der
Zauber einer wunderbar reichen und vielgestaltigen Natur, zugleich
einer mächtigen Natur, welche nicht duldet, daß der Mensch sich ihr
entfremde und das fromme Bewußtsein seiner Abhängigkeit verliere;
und sein Leben sodann verbringt er unter den Segnungen einer uralten
politischen Freiheit. Dennoch hat der rüstige Stamm, welcher die
Sehnsucht des großen Mutterlandes, die Einheit, bereits in beglückender
Erfüllung besitzt, zu dem königlichen Reichtum deutscher Kunst kaum ein
ärmliches Scherflein beigetragen. Nur zweimal mit bedeutendem Erfolge
wußten die Schweizer die Vorteile ihrer Lage für die Literatur zu
benutzen.
Als die Eroberungsgelüste der Nachbarfürsten an dem Todesmute der
Schweizerbauern gescheitert, da schollen die Sempacher Lieder und die
Burgundischen Kriegsgesänge von den Alpen nieder, und die hochgemute
Weise „Der Stier von Uri hat scharpffi Horn, kein Herr ward ihm nie
zhoch geborn” fand frohen Widerhall unter den Marschenbauern, die im
Norden zu gleichem Kampfe sich scharten, und unzählige Nachahmer in
den sangeslustigen Haufen der Landsknechte. Die Reformation zog in der
Schweiz so wenig wie in Deutschland einen Aufschwung der Dichtung nach
sich. Seltsam genug: trug doch jene Bewegung in der deutschen Schweiz
einen freieren, weltlicheren Charakter als bei uns; ist doch „unser
Landskraft Zwingli” und sein staatsmännisches Wirken, sein kühner
Reitertod ein ganz anders lohnender Stoff für die Kunst als Luthers
gewaltigere aber mehr innerliche Größe. Erst lange nachher, zur Zeit
der Wehen, welche dem Glanze unserer Dichtung vorausgingen, sprachen
die Schweizer wieder ein entscheidendes und gutes Wort, als ihr
natürlicher Sinn, ihr treu bewahrtes germanisches Wesen sich auflehnte
gegen den Zwang französischer und Gottschedischer Regeln. An jener
Blütezeit selbst haben die Schweizer nur insofern einen bedeutenden
Anteil, als ihre Geschichte ein Gegenstand unserer Dichtkunst ward, und
vielleicht mehr als irgendein anderes neueres Ereignis hat Schillers
Tell das Gefühl der Gemeinsamkeit des Zweiges mit dem großen Stamme
unter ihnen wieder angefacht. Auch neuerdings, während ihr Staatswesen
so frisch und rüstig fortschreitet und der Aufschwung des Verkehrs
den beschränkten Gesichtskreis der abgeschiedenen Alpengaue täglich
mehr erweitert, ist das Land von den Bewegungen auf dem Gebiete
der Kunst ziemlich unberührt geblieben. Zwar die französischen
Schweizer haben durch die Farbenpracht ihrer unvergleichlichen
Landschaftsmalerei bewiesen, daß der Hochländer ein offenes Auge,
ein empfängliches Herz hat für die Herrlichkeit seiner Berge. In der
schönen Literatur jedoch war es um so stiller. Die naturwüchsige
Kraft des wackeren Berner Pfarrherrn in Ehren: wir verargen es doch
keinem seiner Landsleute, wenn er sich ernstlich verwahrt gegen die
Unterstellung, daß die Erzählungen Jeremias Gotthelfs ein getreues
Bild vom Schweizerleben böten. Nur eine Seite der Schweizer Art weiß
er zu schildern: die Härte, den Trotz, die örtliche Beschränktheit,
das zähe Beharren der Bauern; aber statt des unbefangenen, allem Guten
hell entgegenblickenden Auges, das wir von dem Bürger eines tüchtigen
Freistaates erwarten, finden wir kleinlichen Sinn, einen unerträglich
engherzigen Haß gegen alles, was unser Jahrhundert groß macht; und
statt der lieblichen Bilder, die ihm ein Gang ins Freie zeigen konnte,
führt er uns nur zu oft eine kümmerliche, häßlich-enge Welt vor die
Augen.
Unter den Lebenden ist doch _ein_ Schweizer Poet, der sein Land mit
Ehren vertritt. Das Glück ist dem Erfolge von Gottfried Kellers
Schriften wenig günstig gewesen, und auch während des Schaffens hat ihm
nicht immer die gleiche freundliche Sonne gelächelt. Wenn wir trotzdem
auch seine halbvergessenen Jugendschriften in den Kreis unserer
Betrachtung ziehen, so geschieht es, weil eine lebendige Kritik nur
dem möglich ist, der den Entwicklungsgang des Künstlers übersieht. Die
Überfülle seichten poetischen Schaffens hat allmählich in den Reihen
der Kritik einen unwürdigen Ton handwerksmäßiger Roheit eingeführt:
Kritik und Kunst leiden gleich sehr, wenn ein begabter Dichter sein
Fleisch und Blut als Nummer 59 unter „Fünf Dutzend neuer Romane”
besprochen findet. Was der Kritik gegenwärtig vor allem nottut, ist
ein wenig Pietät vor der individuellen Eigentümlichkeit der Künstler.
Wer nicht einzusehen vermag, daß in jedem Kunstwerke außer seinem
absoluten ästhetischen Werte und seiner historischen Bedeutung noch
ein höchst persönliches Element liegt, das gebieterisch Verständnis
fordert, der ist für Kunstbetrachtungen verdorben. Von Schiller kennen
wir das bezeichnende Wort: „Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt,
der nicht größer war als seine Werke.” Lassen wir dies Eingeständnis
uns einen Fingerzeig sein; suchen wir hinter jeder Dichtung, die uns
erquickt, den freien und wohlgeordneten Dichtergeist zu entdecken,
dem wir sie verdanken. Das Suchen wird selten unbelohnt bleiben, am
wenigsten wenn es sich um einen deutschen Dichter handelt. Denn das
Bewußtsein unserer Volkseinheit ist bei den meisten von uns nicht
ein Werk der Reflexion und gelehrter Forschung, sondern ein Ergebnis
persönlicher Erfahrung, der Erinnerung an so viele starke Männer,
aus allen Ländern deutscher Zunge, die wir aus ihren Werken oder von
Angesicht zu Angesicht kennen und in denen allen wir die Spuren _eines_
Volksgeistes wiederfinden. Darum ist uns jeder ganze und tüchtige Mann,
in dem wir eine gute Seite deutschen Wesens erkennen, eine Freude:
er ist uns ein Unterpfand mehr für die Erfüllung unserer heiligsten
Hoffnungen.
Sie bildeten eine sehr gemischte Gesellschaft, die „Gedichte”, mit
denen Gottfried Keller im Jahre 1846 hervortrat. Immer wieder, wenn
eine solche bunte Sammlung von Gutem und Verfehltem erscheint, ertönt
die Klage über den Mangel an Selbstkritik, und immer wieder vergißt
man, wie tief diese kritiklose Redseligkeit in der Natur des Alters,
das zur lyrischen Dichtung besonders neigt, und wohl auch in der Natur
der Lyrik selbst begründet ist. Es waren damals die Tage, wo die langen
und erbitterten Parteikämpfe, welche die Neugestaltung des Schweizer
Gemeinwesens ankündigten, ihrem letzten gewaltsamen Ausbruche sich
nahten, es schien die Schweiz „der Freiheit Werkstatt, wo zornig ihre
Essen sprühn und rauchen”. Zugleich erfüllten Heinescher Weltschmerz,
ausschweifende Lehren von der Emanzipation des Fleisches und der
fanatische Christenhaß des Daumerschen Hafis die Köpfe unserer Jugend.
Unser Schweizer Poet stürzt sich mit Leidenschaft in das berauschende
Treiben der Zeit, und so stehen in dem seltsamen Büchlein schwungvoll
phrasenhafte Freiheitslieder im Herweghschen Stile und bitterböse
Angriffe gegen die Glatzen der Christenpfaffen friedlich neben
Gedichten, deren wohllautende Verse in heiliger Andacht die Größe der
Natur feiern, oder in denen der Dichter mit rührender Offenherzigkeit
über den Sünden seiner Jugend zu Gericht sitzt. Das ist das Eigene
an solchen Sammlungen: je mehr lyrisch die Gedichte sind, je mehr
sie nur die Stimmung des Augenblicks wiedergeben, desto verwirrter
der Eindruck, den das Ganze dem Leser hinterläßt. Die meisten sind
befriedigt, wenn sie nur das Gefühl mit hinwegnehmen, daß der Poet
ein jedem Hauche der Zeit geöffnetes Herz und die Gabe besitze, seine
Empfindungen stark und schön auszusprechen. Aus diesen Gedichten war
es doch nicht schwer, ein Mehreres herauszulesen, -- eine tüchtige
durchaus eigenartige Natur. Leicht ließ sich erkennen, daß der Zorn
dieses Dichters Muse nicht ist: seine tendenziösen Lieder sind selten
tief empfunden, und je überzeugender die einfache Plastik seiner Bilder
uns vor die Seele tritt, desto tiefer verletzt uns der Zynismus in dem
„Apostatenmarsch”, dem „Pietistenwalzer” oder wie sonst diese weder
singbaren noch witzigen Spottgedichte heißen. Der junge Republikaner
ist sehr wohl fähig, seine gute Sache poetisch zu vertreten; aber
nicht der Kampf ist es, der seinem Wesen zusagt: „Voran, voran,
ihr Bittern in fegenden Gewittern! wir ziehen heilend, segnend
nach mit klar gestimmten Zithern” -- so singt er in Augenblicken,
wo er ganz er selber ist. Das Ziel nur hat einen Reiz für ihn, das
glückliche Gleichmaß eines freien mit Recht und Wohlwollen geleiteten
Gemeinwesens; und in diesem Sinne weiß er das Glück seiner Heimat
mit einem Vollgefühle der Zufriedenheit zu preisen, um das wir ihn
beneiden. Nicht eine politische Doktrin führt ihn in das demokratische
Lager, sondern jene Tugend, deren sich die echte Demokratie mit
größerem Rechte rühmen darf als irgendeine andere politische Richtung,
die vorurteilsfreie, alles Menschliche achtende Humanität:
Hernieder laßt uns dringen,
Demütigen Herzens bringen
Licht in der engsten Hütte Nacht!
Noch mehr gefällt uns der Dichter, wenn er mit wenigen, klaren und
sicheren Strichen ein einfaches Bild der Natur nachzeichnet, wenn er
den Knaben besingt, der im Walde liegt, durch die Zweige gen Himmel
blickend, und gern und ruhig duldet, daß eine Eidechse über seinen Hals
schlüpft -- oder das Mädchen, wie sie eine Rose in den Brunnen wirft
und das Wasser schlau in Wellen schlägt, bis der Knabe den Blumengruß
gewonnen hat. Diese Einkehr in die Natur bleibt bei Keller frei von
aller Sentimentalität; es ist die kerngesunde Lust am Einfachschönen,
nicht eine mürrisch-trübe Flucht vor den Stürmen der Welt. Recht derb
vielmehr weiß er die „Goethephilister” abzufertigen: -- wer spricht
von Anmut, wenn die Berge wanken? Und dann gerade erklingt sein Lied
am schönsten, wenn er die rein menschliche Lebenslust und seine Liebe
zu seiner großen rastlos vorwärtsstrebenden Zeit zugleich ausspricht.
Allbekannt ist sein Gedicht an Justinus Kerner. Als der alte Herr
einmal einen poetischen Stoßseufzer ausstieß ob der dampfestollen Welt,
die er nicht mehr verstand, da wußte ihm der frohmutige Schweizer so
stolz, so jugendfrisch zu antworten, daß der greise Sänger gewiß seinen
Trost davon gehabt hat:
Und wenn vielleicht, nach fünfzig Jahren,
Ein Luftschiff voller Griechenwein
Durchs Morgenrot käm' hergefahren --
Wer möchte da nicht Fährmann sein?
Dann bög' ich mich, ein sel'ger Zecher,
Wohl über Bord von Kränzen schwer
Und gösse langsam meinen Becher
Hinab in das verlaßne Meer!
Ein Dichter von so jugendlicher Frische, so einfachem Natursinn mußte
die zeitgemäße Tendenz bald als unnützen Ballast über Bord werfen.
Reifende Einsicht mußte ihn abbringen von der Neigung zum Seltsamen,
Barocken, welcher er in den „Gedanken eines Lebendigbegrabenen” und
ähnlichen Gedichten, die sich schon durch ihre Aufschrift verurteilen,
gefrönt hatte, mußte ihn zurückführen zu dem Sinne für das Schlichte,
Wahre, der in seinem Wesen lag und aus seinen gelungenen Liedern sprach.
In der Tat zeigen Kellers „Neuere Gedichte” eine reifere
Gestaltungskraft. Die Stürme des Jahres 1848 waren gekommen, und
in den deutschen Parteikämpfen steht der Schweizer natürlich auf
demokratischer Seite. Aber wie anders weiß er jetzt seine politischen
Ideen dichterisch zu verkörpern! Kurz entschlossen tritt der übermütige
junge Plebejer vor das Fenster des Fürstenhauses und singt sein
„Ständchen an eine Prinzessin”:
In die Tiefe tauche kühn,
Jugend und Liebe zu werben,
Wo die Bäume des Lebens blühn
Und die Augen wie Sterne glühn!
Droben bei dir ist Sterben,
Liebliche Bürgerin Klara!
Das heißt doch die Idee der Brüderlichkeit praktisch und als Künstler
verstehen! Wer heute die Schriften liest, woraus damals unsere
Jugend ihre Staatsideale schöpfte, der erschrickt nicht bloß vor
der Ideenarmut, sondern mehr noch vor der trostlos langweiligen
Nüchternheit, die sich, bei aller phantastischen Überschwenglichkeit,
in ihnen brüstet, vor jener dürren Prosa, welche sich allemal
einstellt, wenn die Phantasie sich auf Gebiete wagt, die ihr
verschlossen sein sollten. Wahrlich, kein geringes Maß von Kraft
und Gesundheit gehörte dazu, diese abstrakten Träume des sozialen
Radikalismus in individuelle Gestalten umzubilden:
Und wo flimmernd Schwan und Leier
Und das Bild des Kreuzes sprühn,
Wird dereinst in schönem Feuer
Karoli Magni Krone glühn.
Aber dann in tausend Wiegen,
Hier in Gold und dort in Holz,
Wird der junge Kaiser liegen,
Freier Mütter Ruhm und Stolz,
Wird als Hirt in Blumen weilen,
Im Gebirg' als Jäger gehn,
Auf des Meerschiffs schwanken Seilen
Als ein braver Seemann stehn.
Sicher, das Bild einer schönen, menschlich-reinen Zukunft. Und wer
wollte mit dem lyrischen Dichter über politische Fragen rechten, wenn
er getan hat was er nicht lassen konnte, wenn er einen glücklichen
Traum, der sein Herz bewegt, in tief empfundenen Worten wiedergibt? Die
Frühlingsmonde der deutschen Revolution, die berauschende Hoffnung,
die wie ein Lauffeuer von Land zu Land eilte, das erste mächtige
Aufatmen nach einer langen Zeit dumpfen unnatürlichen Schweigens --
dies, bei all seiner Verkehrtheit doch wunderbar großartige Schauspiel
lebt vielleicht nur denen ganz klar und schön in der Erinnerung,
welche damals zu jung waren, um an dem Kampfe selbst teilzunehmen und
die Sorgen und Gefahren des Augenblicks zu würdigen. Die furchtbare
Enttäuschung, welche dem Rausche folgte, hat es begreiflich jedem
Künstler unmöglich gemacht, den überreichen Stoff zu benutzen, den
jene Tage ihm bieten. Kaum daß wir einmal in einer Gemäldesammlung ein
Genrebild treffen, wie den lustigen „Einzug des Reichsverwesers” von
Oppenheim, das uns die Stimmung des bewegten Frühlings zurückruft.
Unter all den Gedichten, welche mit dem Sturme kamen und verschwanden,
ist keines so ganz erfüllt von dem Pulsschlage jener Zeit, der
fraglosen Hoffnungsseligkeit, wie diese politischen Gedichte von
Keller. Freilich, nicht alle tragen diesen Charakter reiner Empfindung.
Es sind manche darunter, welche in parteiischer Verschrobenheit
Betteljungen und Taugenichtse als das eigentliche Volk verherrlichen.
Doch aus den meisten redet ein echt humaner Freisinn, ein liebevolles
Mitgefühl mit den Armen und Leidenden.
Auch in dieser Sammlung geben wir den einfachen Naturbildern den Preis,
welche, frei von aller Wortmalerei, oft mit glücklicher Wahrheit
die Seele einer Landschaft widerspiegeln oder als echte Idyllen den
Menschen in einfach-frohem Dasein schildern. Natürlich stößt dies
offene Auge auch oft auf Häßliches, und der Dichter hat nicht immer die
Kraft, es zu verklären; solche Gedichte erscheinen, da seinem ehrlichen
Wesen die kleinen Künste, das Widrige zu bemänteln, gänzlich fehlen,
doppelt grell und abstoßend. Seine Weinlieder sind zwar keineswegs
frei von jenen renommistischen Klängen, welche bei solchen Stoffen zum
Handwerk zu gehören scheinen; aber der Grundton ist auch in ihnen ein
gesunder: die einfache herzliche Dankbarkeit für die reichen Geschenke
der Natur.