Und Otto Ludwig erfüllte diese Hoffnung, als einige Zeit später „Die

Makkabäer” erschienen. Der Stoff konnte nicht glücklicher gewählt

sein; denn der lyrische Schwung, der in der Fabel selbst liegt, half

freundlich einen Mangel in Ludwigs Talent verdecken, und nicht die

sinnlich reizende Pracht, welche heute so viele blasierte Poeten an

die orientalischen Stoffe fesselt, sondern der tiefreligiöse Ernst der

jüdischen Welt, der dem Wesen Ludwigs vollkommen entspricht, hatte

den Dichter angezogen. Das Drama gemahnt oft an den glaubensfreudigen

Siegesjubel, der in den Klängen von Händels Samson redet. Wie Juda

Makkabäus über die Leiche seines Oheims nach dem Götzenbilde schreitet

und den Greuel in den Staub wirft -- „o arme Beter, ärm'rer Gott!”

-- und wie den sterbenden Duldern zu Jerusalem aus den Augen des

einziehenden Helden neue Kraft zum Leben zuströmt: diese Szenen

stehen dem Besten unserer Dichtung zur Seite. Und es sind Kämpfe von

ewiger Wahrheit, die der Dichter schildert: die Empörung des freien

Heldenmuts gegen religiösen Fanatismus, der Kampf der Glaubenstreue

mit dem Zwange weltlicher Tyrannei. Die beklemmende Düsterheit von

Ludwigs Erstlingsdrama finden wir hier nicht mehr, wohl aber dieselbe

Kraft und Gedrungenheit, denselben sittlichen Ernst. Dies letztere

erscheint besonders erfreulich, wenn wir uns des gleichnamigen Stückes

von Zacharias Werner, das sich mit Ludwigs Tragödie vielfach berührt,

erinnern; denn an dieser Arbeit des Apostaten empört uns nicht sowohl

das wüste Durcheinander der Szenen und der hohle Klingklang schlechter

lyrischer Verse, als der gänzliche Mangel an Gewissen, die prahlerische

Äußerlichkeit des religiösen Gefühls.

In der Zeichnung der Charaktere hat der Dichter hier nur wenig und

in großen Zügen motiviert, und leider pflegen die Aufführungen der

Makkabäer das Heinesche Witzwort, daß Schauspieler und Dichter in

demselben kordialen Verhältnisse zu einander stehen, wie der Henker und

der arme Sünder, in besonders schlagender Weise zu bewahrheiten. Es ist

ein Vorzug großer historischer Stoffe, daß sie sparsames Motivieren

ermöglichen: die erhabenen allgemein-menschlichen Empfindungen der

Vaterlandsliebe, des Heldenmuts, der religiösen Begeisterung hat jede

nicht ganz stumpfe Phantasie schon durchempfunden, der Dichter hat

nicht nötig, durch Kleinmalerei sie uns näher zu bringen. Wer sollte

ihn nicht verstehen, diesen königlichen Juda, „den Mann, der seine

Tugenden verhüllt, daß unsere Armut nicht vor ihm erröte”, der bei

der Feinde Drohen vor Lust bebt wie ein Baum im Regen? Und neben ihm

„in ihrer Demut Niedrigkeit” das Röslein von Saron, eine Gestalt, die

nur wenige Zeilen spricht, aber, von einer erträglich schönen und

gefühlvollen Schauspielerin dargestellt, jeden Zuschauer kaum minder

rühren muß als den Juda selber. Auch der vielgeschmähte Charakter

der Mutter der Makkabäer scheint uns durchaus wahr und treu. „Kein

Weib war weiser, keine Mutter törichter”, dies Wort des Juda löst

das Rätsel. Mit durchdringender Klarheit erkennt sie die Schmach

ihres Volkes, sie glaubt mit einer die Grenzen des Weiblichen schon

überschreitenden Leidenschaft an die Rückkehr der Juden zum alten

Glanze, zum alten Gott; und in weiblicher Weise vermischen sich diese

religiös-politischen Bestrebungen mit ihrem Familienstolze, ihrer

blinden Mutterliebe: in jedem ihrer Söhne meint sie den Helden ihres

Volkes zu schauen, und indem sie ihnen die Bahn zum Ruhme weist,

zittert sie davor, sie zu verlieren. Es ist ein tiefsinniger Zug, daß

diese entgegengesetzten Seiten ihres Wesens zuletzt, da sie selbst ihre

Söhne zu Jehovas Ehren in den Tod treibt, miteinander in Kampf geraten.

Leider ist die Komposition sehr unfertig, auf Szenen voll Hoheit folgen

oft matte, fast zwecklose Auftritte. Ludwig hat gleich Z. Werner

zwei Fabeln verbunden, den Glaubenskampf des Juda und die rührende

biblische Erzählung von dem Opfertode der sechs Knaben im Marterofen;

aber ihm so wenig als Werner ist die Verschmelzung gelungen. Beide

Stoffe sind durchaus dramatisch, es war möglich, sie mit derselben

Idee zu durchdringen und in ähnlicher Weise wie die beiden Tragödien

im Lear zu einer idealen Einheit zu verknüpfen. In der einsamen Größe

des Juda, der sich losreißt von dem mütterlichen Boden der Gesittung

seines Volkes, ruht ein tieftragischer Gehalt; der Held -- das ist des

Dichters eingestandene Absicht -- soll zu seiner Beschämung erfahren,

daß auch er nur ein Werkzeug ist in der Hand Jehovas, und daß Israel

gerettet wird nicht durch den Mut des Heerführers, sondern durch die

Glaubenstreue der Masse. Aber dann durfte der Glaubenseifer dieses

Volkes nicht bloß durch den Mund des Fanatikers Jojakim zu uns reden;

vor Augen mußten wir es sehen, wie die Juden sich mit den Waffen in

der Hand erwürgen lassen, weil sie die Sabbatgesetze nicht brechen

wollen; und vor allem: dann durfte in den wenigen Szenen, wo wir es

schauen, das Volk nicht -- in jener Shakespeareschen Weise, die für

unsere Gesittung unbedingt ein Anachronismus ist -- so gar niedrig und

erbärmlich auftreten, denn auch die entsetzliche Starrheit des Glaubens

hat das Recht einer großen Idee. Diesem elendesten der Völker gegenüber

bemerken wir Judas Schuld kaum, er erscheint als ein makelloser, ein

epischer Held; und wie schwer er leidet, wie tief sein stolzer Geist

sich zerknirscht fühlt durch die Erkenntnis seiner Kleinheit, das

hat der Dichter, wie plötzlich erlahmend, kaum angedeutet. -- Noch

unsicherer entwickelt sich die andere Fabel; sie gelangt erst in der

prachtvollen Schlußszene, da die Makkabäerin um das Leben ihrer Kinder

fleht, zur vollen dramatischen Wirkung. --

Wie ist eine so seltsame Ungleichheit des Schaffens zu erklären?

Otto Ludwig selber gibt die Antwort in einem rückhaltlos ehrlichen

Bekenntnis. Der Dichter gesteht, daß ihn in den Stunden des Empfangens

zuerst eine musikalische Stimmung überkommt; sie wird ihm zur Farbe,

und durchleuchtet von dieser Farbe treten ihm dann einzelne Gestalten

der werdenden Dichtung vor Augen, in einer großen dramatischen

Situation, die gewöhnlich nicht die Katastrophe ist. Erst nach diesen

Gesichten hört er seine Menschen reden, und aus der Farbenpracht

solcher Erscheinungen erwächst ihm nach und nach der Plan seines

Werkes. Wer kann das lesen, ohne sofort befremdet zu rufen: Das

ist das Bekenntnis eines epischen Dichters! Dem Dramatiker muß die

Entwicklung seiner Charaktere, ihr stürmisches Fortschreiten durch eine

Welt der Taten und der Leiden das Erste, das Wesentliche sein. Ein

dramatischer Dichter, der also nur einzelne Szenen seines Gedichts in

seiner Seele erlebt, wird unvermeidlich in der Komposition des Werkes

und in den Szenen, die er erst nachträglich hinzugedacht hat, eine

ermattete Kraft zeigen, zumal wenn ihm, wie diesem treuen Thüringer,

die Gabe des Machers, der über seine Schwächen zu täuschen weiß,

gänzlich versagt ist. Und doch ward Ludwig durch sein männliches, tief

leidenschaftliches Wesen unwiderstehlich auf das Drama hingewiesen;

von der milden, heiteren Beschaulichkeit des Epikers lag gar nichts

in ihm. Durch solche verschwenderische Kargheit der Natur, die ihm

einige herrliche Gaben des Dramatikers, einige Kräfte des Epikers,

doch nicht die Harmonie des Genius schenkte, wird das tiefe Unglück

dieses ringenden Dichtergeistes vollauf erklärt. -- In der Sprache des

Stückes endlich kämpfen zwei Stile: das erhabene, von großen Metaphern

strotzende biblische Wort, das dem idealen Drama sich leicht einfügt,

steht fremd neben der pointenreichen Redeweise des Lustspiels und der

bürgerlichen Dramas.

Alle Freunde des Dichters fühlten: in dieser erhabenen Welt hatte das

groß angelegte Talent des Dichters seinen natürlichen Tummelplatz

gefunden. Aber Ludwig überraschte uns einige Jahre darauf durch seine

Rückkehr zu dem Ausgangspunkte seiner Bildung; das Thüringer Kleinleben

hatte ihm den Stoff geboten für die Erzählung „Zwischen Himmel und

Erde”. Jene unselige Fertigkeit, uns selbst zu belügen, deren Keim

auch in dem reinsten Menschen schlummert, deren Verirrungen in der

Liebe dem Komiker einen so dankbaren Stoff bieten -- hier ist sie als

der Urgrund der Sünde aufgefaßt. Wie wir uns einspinnen in eine Welt

erlogener Vorstellungen, wie uns der Wahn lieb wird und wir eine Furcht

ebenso schwer aufgeben als eine Hoffnung, wie wir die Welt zu kennen

meinen, derweil wir nur uns selbst kennen, wie endlich die Schuld uns

dahin führt, in den Menschen zu hassen, was wir an ihnen getan --

diese Nachtseiten des Herzens hat Ludwig mit wunderbarer Divination

verstanden. Hier, bei Ludwigs reifstem Werke, dürfen wir auch die

Frage aufwerfen: was hat dieser Dichter gemein mit den Bestrebungen

und Empfindungen seiner Zeit? Nicht als wollten wir in tendenziöser

Weise das =fabula docet= aus den Gebilden des Künstlers ziehen -- nicht

als wollten wir im mindesten die Berechtigung jener, man darf sagen,

zeitlosen lyrischen Dichter bezweifeln, welche, wie Eduard Mörike, eine

kleine Welt einfacher Gefühle mit unverwüstlichem Humor verklären:

allein gegenüber dem weit bewußteren Schaffen des Novellisten und

des Dramatikers ist die Frage nach seinem Zusammenhange mit den

Ideen seiner Zeit durchaus am Platze. Lange Jahre verleben unsere

besten Männer im Kampfe mit falschen Götzen, mit einer verkehrten

Genialität, mit sentimentalen Phrasen, die wir aus einer unklaren

verschwommenen Zeit ererbt haben. Darum werden wir so mächtig berührt

von der ungeschminkten Wahrhaftigkeit der Ludwigschen Gedichte; die

schlichte Größe des Juda reißt uns hin, und selbst die pedantische

Figur des Apollonius Nettenmair erweckt unsre Teilnahme, denn das

tiefe Klarheitsbedürfnis dieses Mannes, sein Widerwille gegen jede

Selbsttäuschung gemahnt uns an selbsterlebte schwere Stunden.

Wie in allen im Herzen des Künstlers empfangenen Gedichten hängen

auch in dieser Erzählung Ludwigs die Fehler eng zusammen mit den

Vorzügen. Er läßt uns die Stimmen hören, die sich in der Menschenbrust

untereinander entschuldigen oder verklagen, doch er verirrt sich auch

oft in eine Kleinmalerei, die dem lebhaften Geiste unerträglich wird.

Wer wüßte nicht, wie selbst den edlen Menschen zuweilen an heiliger

Stelle eine sinnlos widerwärtige Vorstellung überfällt? Welche Fülle

widersprechender Bilder und Gedanken durchtobt uns in einem Augenblicke

der Aufregung, und wie ganz vergeblich ist das Bemühen, jeden dieser

Züge festzuhalten! Wie der Maler um seine Gestalten einen festen Rahmen

zieht und dem Beschauer überläßt, diese schöne Welt der Träume noch

ins Unendliche auszudehnen, so ist auch dem psychologischen Talent

des Dichters eine Grenze gesetzt. Jede übertriebene Motivierung ist

unschön, denn sie ermüdet; sie ist unwahr, denn ein vorübergehender

Gedanke hinterläßt, in der Form der Darstellung fixiert, einen

ganz anderen Eindruck als in seiner flüchtigen Erscheinung in der

Wirklichkeit; noch mehr, die Überladung mit psychologischem Detail

wirkt verwirrend, sie verdunkelt das Wesentliche, das Ergebnis des

psychischen Prozesses.

Ludwig hat das thüringische Kleinleben vielleicht noch treuer, er hat

es jedenfalls minder befangen von gebildeter Reflexion geschildert,

als Auerbach die Zustände seiner Heimat. Doch gerade darum tritt das

Unschöne dieser Verhältnisse in der Detailschilderung der Erzählung

sogar noch auffälliger zutage, als in dem knappen dramatischen Bau des

Erbförsters. Für die Kunst gibt es noch heute Banausen. Die Theorie

soll sich nicht anmaßen, hier eine feste Grenze zu ziehen, welche der

Mut eines schönheitssinnigen Künstlers jederzeit überspringen kann.

Aber im bestimmten Falle läßt sich mit Sicherheit erkennen, ob des

Dichters Helden zu klein, zu alltäglich sind für seine psychologischen

Probleme -- so hier in einer ganz herrlichen Szene. Als das geliebte

Weib in warmem, schwellendem Umfangen in Apollonius' Armen liegt,

als die Versuchung in verlockender Schönheit an ihn herantritt, da

faßt ihn „die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische,

und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, so könne er etwas wie ein

Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen”.

Jawohl, solche Bilder mögen in solchem Augenblicke das Hirn eines

wackeren Schieferdeckermeisters durchzucken, der an Leib und Seele

die Sauberkeit und Ordnung selber ist. Aber welcher Leser von freier

Bildung kann ein so kleinliches Bild bei so großem Anlaß ertragen? Die

Kunst hat einen andern Maßstab als das praktische Leben. Nicht das

wertvolle Gold, sondern die schöne Masse des Marmors ist dem Bildner

der erwünschte Stoff; und wie der wilde Frevel des Mordes und der Liebe

süße Sünden ästhetisch verzeihlicher sind als leichtere kleinliche

Vergehungen, so ist das Ehrenwerte als solches noch nicht berechtigt,

den Tempel des Schönen zu betreten. Ludwig selbst hat das gefühlt,

indem er mit glücklichem Takt seinem Helden ein Gewerbe gab, das mit

seinem kecken Wagen immerhin noch einigen ästhetischen Reiz hat.

Auch der ethische Gehalt der Erzählung leidet unter der Enge

dieser kleinstädtischen Welt. Um zu schweigen von der grenzenlosen

Zurückhaltung, die wie ein Alp auf allen diesen Menschen lastet und den

Ton der Erzählung noch viel gedrückter macht, als der furchtbar ernste

Inhalt fordert: -- die dargestellten Empfindungen sind nur teilweise

rein menschlicher Art, wir steigen wieder hinab in eine Welt von

konventionellen Begriffen beschränkter Naturen, denen die Sittlichkeit

als mechanische Ordnung, die Vorsehung als eine finster nachtragende

Macht erscheint, die zu unfrei denken, um die Idee der Schuld und

der Zurechnung zu fassen. Wir wollen zur Not den kleinen Widerwillen

überwinden, den uns die peinliche Ordnungsliebe dieses Apollonius, sein

Federchenlesen und Möbelbürsten einflößt, wir wollen den freudigen

Künstlerspruch überhören, der uns dabei mahnend ins Ohr klingt,

Goethes schönes und sittliches Wort: „Süß ist jede Verschwendung!”

Wenn wir dem Helden nur seine entscheidenden Entschlüsse nachempfinden

könnten! Als Apollonius seine Vaterstadt gerettet und so sich vor

seinen eigenen unerbittlichen Augen von jedem Scheine der Schuld

gereinigt hat, da verschmäht er, die Witwe seines ruchlosen Bruders,

die schändlich geraubte Geliebte seines Herzens heimzuführen, ihr und

sich ein sittliches Dasein zu bereiten! Er ist dem Mordstoße seines

Bruders ausgewichen, der Frevler ist dabei umgekommen, und -- „hast du

den Lohn der Tat, so hast du auch die Tat!” Welche Moral! Empfänden

diese Menschen natürlich, so wäre die Versöhnung zwar in der Dichtung

schwer zu schildern -- denn so Großes wirkt im Leben nur eine Macht,

welche selbst für die freieste der Künste kaum darstellbar ist, die

Zeit -- aber sittlich wäre sie möglich, ja notwendig. Einem unfreien

Denken bleiben ethische Konflikte unlösbar. Wahrlich, nicht jener

aristokratische Tic, der die Tiefen des Volkslebens nicht versteht,

heißt uns so reden, sondern die Erkenntnis, daß die freie Bildung

den Menschen zur Natur zurückführt! Verstimmt und unfähig, uns der

trübseligen Resignation des Schlusses zu erfreuen, legen wir endlich

das schöne Buch aus der Hand. --

Während blinde Bewunderer das epische Talent des Dichters priesen,

gestand der strenge Mann sich unbarmherzig ein, daß seine Novelle nur

aus einer Reihe dramatischer Szenen bestand. Für das Epos bleibt das

Berichten der Begebenheiten immer das Wesentliche. Doch wo war hier

der leichte Fluß der Erzählung, wo die behagliche Freude des Epikers

an der Detailschilderung der Außenwelt? Gewiß, die Geschichte ist, wie

man sagt, novellistisch „spannend”, aber nur, weil uns der dramatische

Konflikt der Charaktere mächtig fesselt. Gewiß, das Buch ist reich an

wunderschönen landschaftlichen Schilderungen, aber nur da, wo es gilt,

die Stimmung der handelnden Personen in der Natur widerzuspiegeln.

Laßt einen Charakter dieses großen Psychologen zwei Zeilen reden,

und der ganze Mensch steht leibhaftig vor euch. Aber laßt Ludwig die

Außenwelt um ihrer selbst willen schildern, und ihr empfangt einen

verworrenen, unklaren Eindruck. Am allerseltsamsten spielt das epische

und das dramatische Talent des Dichters durcheinander, wenn er die

äußere Erscheinung seiner Helden zeichnet: er sieht sie vor sich,

hell und bestimmt wie der Epiker, aber er schildert mit peinlicher

Unbeholfenheit; wir fühlen die Verlegenheit des Dramatikers, der,

gezwungen zu erzählen, sich verpflichtet meint, alles zu berichten, was

der Schauspieler agiert.

Jedem Unbefangenen mußte jetzt die Befürchtung aufsteigen, die

psychologische Meisterschaft des Dichters werde, wenn er bei der

saloppen Form der Erzählung verharre, zu virtuoser Manier ausarten,

und seine strenge Wahrheitsliebe werde zum Behagen an der Prosa des

Alltagslebens herabsinken, wenn er in der kümmerlichen Umgebung seiner

Thüringer Heimat befangen bliebe. Leider schien das letzte Werk, das

Ludwig veröffentlichte -- zwei Novellen unter dem Titel „Thüringer

Naturen” -- die schlimmsten Besorgnisse zu rechtfertigen. Es war die

Zeit, da die neue realistische Richtung ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Als unsere Dichtkunst noch jugendlich unsicher nach ihren Stoffen

umhertastete, da brauchte es einen Lessing, um die Marken zwischen

der Poesie und den anderen Künsten zu zeichnen. Hundert Jahre darauf

hätte ein Mann von feinem Schönheitssinne wohl nach einem anderen

Lessing rufen können, der Poesie und Prosa scheiden sollte. Gebildete

Männer schämten sich nicht, jedes wohlgeordnete wissenschaftliche

Buch über Branntweinbrennerei und Drainage ein Kunstwerk zu nennen;

die ästhetische Kritik rief ungestüm nach patriotischen Stoffen, nach

Schilderungen aus dem deutschen Leben, auf daß der haushälterische

Leser zu dem Luxus der Kunst nur ja ein wenig patriotische Erhebung,

ein wenig ethnographische Belehrung mit in den Kauf nehmen könne. Die

blasierte vornehme Welt, der Hetärennovellen und der Redwitzischen

Süßlichkeit satt, stürzte sich, gleichwie Mörike in jenem lustigen

Gedichte über einen herzhaften Rettich die weichliche Schwäche der

Mondscheinpoesie vergißt, mit roher stofflicher Lust auf die derbe

Hausmannskost der Dorfgeschichte und fand den Tolpatsch originell, den

Brosi pikant, das Amreile allerliebst! Es war eine Mode wie andere

auch. Aus allen dunklen Winkeln deutscher Erde, aus Kassubien und

aus dem Ries beschworen die ideenlosen Nachtreter Berthold Auerbachs

ein Geschlecht von Tölpeln und Rüpeln herauf, und je roher, je

ungeschlachter diese Bauern es trieben, desto mehr waren sie „aus

dem Leben gegriffen”, mit desto höherem „ethnographischen Interesse”

betrachtete sie die Lesewelt.

Es schien in der Tat, als hätte auch das Talent des Thüringer Dichters

sich dazu herabgewürdigt, der neuen Mode zu huldigen. Mit dem höchsten

Aufwande von psychologischer und ethnographischer Treue erzählte er

in seiner Novelle „Die Heiterethei” eine dürftige Geschichte aus dem

Volksleben seiner Heimat -- den bloß scheinbaren Konflikt zwischen

zwei wackeren Liebenden, die nur durch die Zwischenträgerei der

„großen Weiber” ihres Städtchens eine Weile getrennt werden. Der

denkende Leser aber fragte verzweifelnd: wozu so vielen Tiefsinn an

einen kümmerlichen Stoff vergeuden? Uns ist, als stände eine jener

Miniaturkapellen gotischen Stils vor uns, zu klein um erhaben, zu

anspruchsvoll um niedlich zu erscheinen. Die Heiterethei und der

Holdersfritz sind wieder zwei jener stolzen reinen Menschen, denen das

Aussprechen zarter Empfindungen unmöglich ist; beide Gestalten und

die Schilderung ihrer sittlichen Wiedergeburt würden jeden fühlenden

Leser entzücken, erschienen nicht auch sie entstellt und unschön in

der maßlosen Häßlichkeit ihrer Umgebung. Die Heiterethei hat etwas von

einer Heroine -- und sie wird mit dem zürnenden Engel im Paradiese

verglichen, da sie -- den klatschenden Weibern den Kaffee ins Feuer

gießt und das Volk zur Tür hinausjagt!! Als der Holdersfritz das

Prügeln in der Schenke verschworen hat, will er den Genossen seiner

stürmischen Jugend zeigen, daß er die alte Kraft noch besitzt: ein

schwerbeladener Schubkarren wird im Kot festgefahren, die Heiterethei

und alle Männer versuchen ihre Kraft daran, bis endlich der Fritz

die Adelsprobe besteht! Wir lesen das nicht mit jenem Lächeln durch

Tränen, das der wahre Humor hervorruft, sondern mit der ratlosen Frage

auf den Lippen: Ist das alles Scherz oder Ernst? Wo das Unschöne

zurücktritt, da erreicht der Dichter statt ästhetischer Erhebung doch

nur moralische Erbauung; so in der Schlußszene, als der Fritz endlich

den Trotz seiner Braut gebrochen hat und glücklich rufen darf: „Sie

ist raus, die alt' Heiterethei!” Und diese beiden Menschen stehen noch

wie ideale Gestalten unter den übrigen. Im bittersten Ernste wird uns

seitenlang eine Prügelei in der Schenke beschrieben. O ihr Grazien!

Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Schwäche aller Dorfgeschichten,

jener unseligen Sprache, welche weder Dialekt noch Hochdeutsch, sondern

ein unästhetisches und unnatürliches Gemisch von beiden ist. Und

diese „großen Weiber”! Das freie leichte Spiel des Humors ist unserem

ernsten Dichter versagt, in grotesken Zerrbildern erscheinen ihm seine

komischen Gestalten, gespenstisch, peinlich für ihn selbst wie für

den Leser. Diese Leute reden nicht, sondern der eine „hustet”, die

andere „spinnt”; die „Baderin besteht bloß aus O und Ach, in ein ewiges

Erröten gewickelt”, eine andere „setzt ihr Zifferblatt auf den Kopf und

nimmt ihr blaues Gehäuse um die Schultern”, ein dritter „schlägt die

Vorderbeine über den Kopf zusammen”. Wahrlich, nur der tiefe ethische

Gehalt in den inneren Kämpfen der beiden Liebenden vermag uns über so

viel Unschönheit zu trösten.

Noch ärger verfehlt ist die letzte Novelle „Aus dem Regen in die

Traufe”. Ein zwerghafter Schneider, fortwährend geprügelt, anfangs von

seiner Mutter, dann von seiner Braut -- diese Mutter selbst „das alt'

Fegefeuer”, mit einem „polierten Nasenrücken”, der, wenn sie bekümmert

ist, so zu strahlen pflegt, daß man von „glänzendem Herzeleid” reden

kann, endlich jene Braut, „die Schwarze”, ein Scheusal an Leib und

Seele, wo sie ihrer Natur freien Lauf lassen darf, immer polternd und

mit ihren kolossalen Gliedmaßen alles zerschlagend -- dies die Helden!

Das ist zuviel des Häßlichen, das erregt physischen Ekel und erinnert

an die abscheuliche Erzählung Auerbachs von den zwei keifenden und

raufenden alten Hexen Huzel und Pochel, welche freilich damals die

Bewunderung einer verblendeten Kritik erregte. Immerhin erscheint auch

in dieser unglücklichen Novelle eine Gestalt, in der wir die edlen Züge

unseres Dichters wieder erkennen, die kleine Sannel. In diesem guten

Kinde ist der wunderbare Reichtum weiblicher Liebe und Hingebung zu

entzückend liebenswürdiger Erscheinung verkörpert; und -- ein großes

Verdienst in solcher Umgebung -- sie ist hübsch, gottlob, sehr hübsch!

Um dieser braven Dirne willen ließ sich manche ästhetische Sünde

verzeihen.

Deutsche Lebensbilder · 第 22 / 25 段