Kein Satz steht dem Ästhetiker so fest wie dieser, daß die Ideale

unserer Zeit nur im Drama die vollendete künstlerische Gestaltung

empfangen können. Und keine Tatsache steht dem Beobachter des

Kunstlebens so fest wie diese, daß nicht das Drama, sondern der Roman

sich heute der höchsten Volksgunst erfreut. Man mag diesen Widerspruch

beklagen, und ich beklage ihn lebhaft -- aber die ästhetische

Empfänglichkeit eines Volkes läßt sich nicht meistern, sie gehorcht

ebensowenig wie die Gestaltungskraft der Künstler den Machtsprüchen

der Theorie. Die Vorliebe der Zeitgenossen für den Roman entspringt

zum Teil der Trägheit; denn das Drama mutet der Phantasie der Hörer

eigene Tätigkeit zu, während der stoffliche Reiz des Romans auch den

Stumpfsinn erregt. Doch zugleich sagt uns ein richtiges Gefühl, daß

die eigentümlichsten Gedanken der Gegenwart bisher in dem Romane ein

getreueres Abbild gefunden haben als im Drama. Die jüngste Epoche der

deutschen Poesie läßt sich kurz bezeichnen als eine Zeit, welche nach

dem Drama sucht, ohne es zu finden. Der lebensfähigen Dramen sind heute

so wenige, daß man einigen Mutes bedarf, um ernstlich zu glauben, dies

Suchen sei nicht bloß den Reminiszenzen der Weimarschen Tage, sondern

einem ursprünglichen Drange der Gegenwart entsprungen. Recht als ein

Vertreter dieser suchenden Zeit, als eine tragische Gestalt erscheint

uns Otto Ludwig, ein Dichter, der mit allen Kräften eines starken

Geistes dem Ideale des Dramas nachtrachtete und endlich doch erleben

mußte, daß eine seiner Erzählungen den Zeitgenossen als das schönste

seiner Werke galt.

Halb lächelnd halb beschämt gedenken wir heute des sonderbaren Streites

der angeblichen Idealisten und Realisten, welcher in den fünfziger

Jahren die Spalten so vieler Blätter mit gehässigem Zanke füllte. Als

die Ausläufer der Romantik sich in phantastische Experimente verloren,

bald die Kunst zum Gegenstande der Kunst machten, bald schattenhafte

Märchengestalten erschufen, welche jeder menschlichen Wahrheit und

darum der Schönheit entbehrten: -- war es nicht natürlich, daß damals

frische, mit gesunder Sinnlichkeit begabte Dichter, jenes schwächlichen

Treibens müde, mit kecker Hand in die derbe Wirklichkeit des niederen

Volkslebens griffen? Dieser aus der Lage der Dinge entsprossenen

Richtung verdanken wir die allmähliche Rückkehr der erzählenden

Dichtung zu kräftigen, lebenswahren Gestalten. Aber die Dorfgeschichte,

die bei ihrem ersten Auftreten, in Immermanns Münchhausen, wie ihr

gebührte, nur als eine Episode erschienen war, begann bald sich als

die Herrscherin zu fühlen. Der prosaische Sinn der Zeit, froh der

großen Triumphe der deutschen Arbeit, stellte dem Dichter die Zumutung,

daß er das Schöne suche unter den Düften des Heus, beim Klappern des

Webstuhls. Man verwechselte das Ideale und das Abstrakte, schalt über

Unnatur, so oft ein Poet über die Schilderung des platt Alltäglichen

hinausging. Die realistische Ästhetik bewunderte alles Ernstes den

dürftigen Ruhm jenes alten Malers, dessen Trauben die Gier der

Sperlinge reizten; sie lief Gefahr herabzusinken zu der Roheit des

großen Haufens, dessen Kunstgenuß, nach Goethes klassischem Worte, nur

darin besteht, daß er das Abbild mit dem Urbild vergleicht.

Ihr gegenüber scharte sich nach und nach eine seltsam gemischte

Gesellschaft. Zarte musikalisch gestimmte Naturen, welche das lyrische

Element in jenen realistischen Dichtungen mit Recht schmerzlich

vermißten; sinnige Verehrer der Goethischen Muse, die sich aus der

Enge der prosaischen Lebensverhältnisse zurücksehnten nach der

freieren Luft und der reinen Formenschönheit der antiken Welt; vor

allen aber talentlose Schriftsteller, die greisenhaften Epigonen

des „jungen Deutschlands”, denen die leibhaftige Wahrheit der

Dorfgeschichten ihren eigenen Mangel an Gestaltungskraft klar machte

-- sie alle vereinigten sich zu dem Rufe, bei dem Streben nach dem

Charakteristisch-Wahren gehe die Schönheit verloren. Für das heutige

Geschlecht bedarf es kaum noch der Versicherung, daß die hellen Köpfe

der beiden streitenden Parteien im Grunde eines Sinnes waren. Darin

liegt ja die Größe, der Tiefsinn der Poesie, daß sie, vielseitig,

allumfassend, nicht wie die Skulptur den idealistischen, nicht wie die

Malerei den charakteristischen Stil begünstigt, sondern beiden freien

Spielraum gewährt. Jener zarte Sinn für die reine Form, welcher mit

selbstvergessenem Entzücken selbst der abstrakten Schönheit der Linien

zu folgen vermag, von den großartigen Umrissen eines Gebirges bis

herab zu den lieblichen Wellenwindungen eines Frauenscheitels -- er

ist dem Dichter nicht minder unerläßlich als der kecke Mut, der seine

Lust hat an den mannigfachen Verzerrungen, in denen das Menschenleben

die Idee des Schönen entstellt und gebrochen zur Erscheinung bringt.

Erst die Vereinigung dieser Kräfte macht den Dichter. Nur ein Mehr

oder Minder, ein Vorwiegen der einen oder der andern Richtung ist an

einzelnen Künstlern wie an ganzen Zeiträumen wahrzunehmen. Und wenn

wir die prosaischen Lebensformen unserer Tage, ihr unstreitbar mehr

auf das Wahre denn auf das Schöne gerichtetes Gefühl betrachten, so

läßt sich gar nicht leugnen: für einen modernen deutschen Dichter,

der seiner Zeit ein offenes Herz entgegenbringt, ist die Hinneigung

zur charakteristischen Darstellungsweise nicht Sache der freien Wahl,

sondern Ergebnis geschichtlicher Notwendigkeit. -- In dem heftigen

literarischen Kampfe jener Zeit fanden so einfache Wahrheiten

kein Gehör; jeder Künstler ward unbarmherzig hineingezerrt in den

Parteihader des Tages. Otto Ludwig selbst hat sich von den kritischen

Fehden vornehm zurückgehalten, er hat zur Welt nie anders gesprochen

als durch seine poetischen Taten. Trotzdem erkor ihn die buntscheckige

Menge der charakteristischen Darstellungsweise zur Zielscheibe ihrer

bittersten Anfeindungen; er sollte der wahre Bannerträger sein der

Poesie des Tütendrehens. Wunderlicher Irrtum! Wie wahr ist es doch, daß

die Lebenden einander nicht verstehen! Heute, da jener törichte Zank

längst verstummt ist, da Otto Ludwig nicht mehr unter uns weilt, sei

der Versuch gestattet, ein treues Bild des edlen Mannes zu zeichnen. --

Eine harte freudlose Jugend gewährte dem Dichter nur allzuoft einen

Einblick in die Nachtseiten des Menschenherzens. Er war zu Eisfeld

im Jahre des deutschen Freiheitskrieges geboren und wuchs heran in

jenen müden Zeiten, da noch kaum ein Lichtstrahl eines öffentlichen

Interesses die Gedanken der Menschen in einer thüringischen Kleinstadt

hinweglenkte von den Sorgen und Kämpfen ihres engen häuslichen

Daseins. Er erlebte frühzeitigen Liebeskummer, raschen unheilvollen

Schicksalswechsel im Hause der Eltern, sah unter den Verwandten

wilde Auftritte entfesselter Leidenschaft in gedrückten ärmlichen

Verhältnissen, und da er eine Zeitlang hinter dem Ladentische stehen

mußte, trat ihm das kleine Alltagstreiben der wunderlichen Käuze,

die jene Zeit des ungestörten Philistertums erzeugte, dicht unter

die Augen. Das Völkchen um ihn her begann bald zu ahnen, daß eine

ungewöhnliche Kraft in der Seele dieses jungen Menschen arbeitete. Ein

Augenzeuge erzählte mir einst, wie Thorwaldsen einmal im lebhaften

Gespräche im Zimmer auf und ab ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet

und einen Tonklumpen zwischen den Fingern knetend; nach einer Weile

holt er den Ton hervor und siehe da, er hat die edlen Umrisse eines

schönen Kopfes geformt. Auch in der Phantasie des jungen Thüringers lag

ein Zug von dieser unbewußten geheimnisvollen Schöpferkraft. Er lebte

und webte in einer reichen Traumwelt; glänzende Gestalten tauchten auf

vor seinem inneren Auge, traten ihm in den Weg, wo er ging und stand,

in körperlicher Fülle, in beängstigender Nähe. Vielleicht ist kein

deutscher Dichter seit Heinrich Kleist durch eine solche übermächtige

Naturgewalt des Vorstellungsvermögens zugleich beglückt und gepeinigt

worden. Doch der erlösende Ruf, der den harmonischen, glücklichen

Genius früh auf ein bestimmtes Gebiet des Schaffens drängt, erklang

diesem ringenden Geiste nicht. Seine Phantasie war ebenso unstet als

vielseitig; sein Wesen gemahnt an jene Urzeit des Völkerlebens, da

die Gattungen der Kunst noch ungeschieden durcheinander lagen und

der Mensch mehr in Bildern und Tönen als in Begriffen dachte. Er

hört entzückende Melodien in seinem Innern klingen und beginnt zu

komponieren, er zeigt ein lebhaftes Gefühl für die bildende Kunst

und sieht die Erscheinungen, die ihm aufsteigen, blendend vor sich

in reicher Farbenpracht, so deutlich, daß er das leiseste Zucken

ihrer Mundwinkel nachzeichnen könnte; er fühlt die ersten Regungen

seiner Dichterkraft und spielt in einem Liebhabertheater zugleich den

Dramaturgen und den Kapellmeister.

Als er endlich meint, seinen Beruf für die Musik erkannt zu haben, und

die Güte eines Gönners dem Armen das Studium der Kunst ermöglicht, da

führt ihn sein Unstern in das höfliche Sachsen. Dem derben Sohne der

Thüringer Berge graut vor diesen glatten Städtern, vor „der erlogenen

Jugend auf diesen Leipziger Gesichtern”. Er sehnt sich heim nach der

alten Bastei in Eisfeld, wo er so oft mit schlichten, kernhaften

Freunden geplaudert, zieht sich scheu vor den Menschen zurück. Noch

in späteren Jahren, wenn er die hohen Gestalten der Bilder in der

Dresdner Galerie betrachtete, erschien ihm das moderne Volk mit seiner

Hast und seiner Leere oft nur wie ein Haufen „aufgepappter Nürnberger

Männlein”. Er erwarb jetzt, während er eifrig seiner Kunst oblag,

durch harte, aufreibende Arbeit eine allgemeine Bildung, die doch

immer unfertig blieb, bis er endlich -- man sagt, nach dem Anhören

einer Beethovenschen Symphonie -- sich traurig gestehen mußte, daß die

Welt der Musik nicht die seine sei. Nun erwachte seine dramatische

Kraft. In seinen dreißiger Jahren geht er noch tastend die Irrgänge

des Schülers, mannigfach aufgeregt bald durch die reckenhafte Größe

der altnordischen Sagenwelt, bald durch die Spukgestalten der neuen

Romantik. Ich verdanke der Güte der Witwe Otto Ludwigs die Kenntnis

zweier Dramen aus dieser Zeit, und ich vermag lebhaft nachzuempfinden,

wie bald der strenge, rastlos aufstrebende Geist des Dichters, der

sich nie genug tat, von so unreifen, chaotischen Werken sich abwenden

mußte. „Das Fräulein von Scudery” ist eine wenig glückliche Bearbeitung

der bekannten Schauergeschichte von Callot-Hoffmann; die phantastische

Willkür der Erfindung, welche der Novellist durch den leichten Fluß

seiner Erzählung, durch eine gewisse diabolische Grazie zu verstecken

weiß, tritt in dem Drama grell, in widerwärtiger Klarheit hervor.

Minder formlos, aber auch weniger eigentümlich ist das Trauerspiel „Die

Rechte des Herzens”.

Es gereicht dem Scharfblick Eduard Devrients zur Ehre, daß er aus

einzelnen mächtigen Klängen ursprünglicher Leidenschaft, welche in

diesen unfertigen Dramen zuweilen aufbrausen, das Talent des Dichters

erkannte und ihm die Schule der Dresdner Bühne eröffnete. Was wußte

die Klatschsucht des ängstlichen Dresdner Philisters nicht zu erzählen

von dem schweigsamen Sonderling, der zuweilen mit seiner langen Pfeife

im Großen Garten erschien -- eine hohe schlanke Gestalt, schöne,

tiefe deutsche Augen, ein großes bleiches Gesicht von langem Haar und

Bart umschattet. Ein Ton matter und platter Gemütlichkeit war aus

der Dresdner Künstlerwelt niemals ganz verschwunden seit jener Zeit,

da die Abendzeitung ihre Wasserkünste spielen ließ, bis herab zu

diesen neueren Tagen, da der wackere Julius Hammer verständnisinnig

um sich und in sich schaute. Doch alle mannhaften und tiefen Naturen

aus diesen gefühlsseligen Kreisen suchten gern das stille Haus des

Thüringers auf; und wer ihm irgend näher getreten, pries bewundernd

die seltene Hoheit dieses Künstlergeistes, wie besonnen und verständig

er im täglichen Leben schaltete, wie treu und wahrhaftig die Stimme

der Empfindung aus seinem Herzen klang, und wie geistvoll er in seinem

derben Thüringer Dialekte über die höchsten Probleme der Kunst zu

reden wußte, wenn man nur anzuklopfen verstand. Eine glückliche Ehe

und der günstige Bühnenerfolg zweier Tragödien schienen dem Dichter

endlich, da er das vierzigste Jahr schon überschritten hatte, die Bahn

eines wohlgeordneten ehrenvollen Lebens zu eröffnen; da warf ihn ein

grausames Siechtum danieder, betrog ihn und uns um die Früchte seines

Schaffens. Unermüdlich tätig, nie verlassen von seiner Seelenstärke,

hat er noch viele Jahre hindurch der Krankheit widerstanden, bis er

endlich, kaum zweiundfünfzigjährig, erlag.

Es muß ein harter Kampf gewesen sein, der den Dichter des „Fräuleins

von Scudery” befreite von den allzu lange verfolgten romantischen

Idealen. Genug, er brach mit dieser phantastischen Welt, endgültig

nach seiner starken Art; er wollte fortan auf eigenen Füßen stehen,

„Natur und Wahrheit geben, ja die Wirklichkeit selbst” -- so schrieb

er -- „nicht die rohe, sondern die schöne”. In der Tat erschien das

Trauerspiel „Der Erbförster”, das in Dresden (1852) zum ersten Male

über die Bretter ging, wie eine leidenschaftliche Kriegserklärung

gegen alle romantische Verschwommenheit. Es ist kaum möglich, über die

ungeheuerliche Fabel dieses seltsamen Dramas ein allzu hartes Urteil zu

fällen. Das Thema von Kleists Kohlhaas, das Bild des wackeren Mannes,

der durch gekränktes Rechtsgefühl ins Unrecht gestürzt wird -- dieser

alte schöne grunddeutsche Stoff erscheint hier sonderbar verzerrt. Ein

leichter, ja komischer Streit zwischen dem wackeren Förster und seinem

nicht minder wackeren Herrn wird durch allerlei äußere Umstände, durch

eine verwickelte dramatische Maschinerie, die den Einfluß von Lessings

Emilia Galotti nur allzu deutlich erkennen läßt, emporgeschraubt zu der

Höhe eines tragischen Kampfes; zuletzt greift gar der gemeine Zufall

ein und der Förster erschießt, indem er den Sohn des Feindes töten

will, sein eigenes Kind.

Und doch, was war es, das damals die Hörer in gespannter Teilnahme auf

den Bänken bannte? Warum regte sich kein Lächeln bei den widersinnigen

Zumutungen, welche der Dichter an uns stellt? In leibhaftiger

Wirklichkeit, mit überwältigender Wahrheit traten uns diese Menschen

entgegen; während des Schauens zum mindesten vermochte der Zweifel

nicht sich zu regen. Ein jeder fühlte: das ist tief innerlich

empfunden, das ward geschrieben mit jener Sammlung des ganzen Wesens,

welche in der heutigen Kunst -- bei der Masse von Bildungsstoff, die

auf den Künstler eindrängt und seine Teilnahme zerstreut -- eine

unendlich seltene Erscheinung ist. Diese Gestalten hatten von dem

Blute des Lebens getrunken, sie sagten uns nicht, was der Dichter mit

ihnen wollte, sie sagten, was sie selber wollten, und sie sprachen es

aus, ohne es recht zu wissen. Eine feine und tiefe Unterscheidung,

die den Nagel auf den Kopf trifft und von Otto Ludwig in seinen

Selbstbekenntnissen oft betont wird; der kalte Verstand begreift sie

kaum, das gesunde Gefühl empfindet sie augenblicklich. Gerade die

gebildeten Hörer, befangen in der Reflexion, an stete Selbstbeobachtung

gewöhnt, zeigen heute wenig Sinn für die rechte Objektivität des

Dramatikers; sie sind befriedigt, wenn die Gestalten auf der Bühne nur

nichts sagen, was ihrem Charakter widerspricht, und hören gern jene

pikanten epigrammatischen Selbstbekenntnisse, welche doch lediglich den

psychologischen Scharfsinn, den analytischen Verstand des Dichters,

nicht seine Gestaltungskraft zeigen. Hier aber erschien ein echter

Dramatiker, der völlig hinter seinem Werke verschwand. Der unglückliche

Dichter, der mit seinem schwerflüssigen Talent seinen unablässigen

grübelnden Seelenkämpfen dem fruchtbaren, glückselig heiteren Genius

Albrecht Dürers gegenübersteht wie die Nacht dem Tage, zeigt doch in

der naiven Wahrheit, der knorrigen Eigenart seiner Charaktere eine

Verwandtschaft mit dem alten Maler.

Und warum fanden sie so wenig Anklang, jene kritischen Stimmen, welche

mit der naheliegenden Behauptung auftraten, hier sei die krasse

Trivialität der Schicksalstragödien wieder auferstanden? Nein, hier

ist nichts von jener leichtfertigen Frivolität, die des Menschen Tun

und Denken an einen rohen Zufall knüpft. Ein alttestamentarischer

Ernst schreitet durch das Stück; der Dichter scheint frivol, weil

seine gewissenhafte Strenge zur Härte wird. „Unschuld und Verbrechen

steh'n an den Enden des Menschlichen; aber den Unschuldigen und

den Verbrecher trennt oft nur ein schnellerer Puls” -- das ist ein

Ausspruch frevelhafter Schwäche, wenn er die Sünde entschuldigen soll.

Aber Otto Ludwig versteht ihn im Sinne einer Anklage; er glaubt gerecht

zu handeln, wenn er „einem raschen Worte, das unser Herr wird, weil

wir uns nicht die Mühe geben, sein Herr zu sein”, die furchtbarsten

Schrecken folgen läßt. Eine freudlose, trostlose Lebensweisheit, eine

arge Verirrung, gewiß, aber die Verirrung eines tiefen und starken

Geistes!

Vielleicht noch peinlicher als den grausamen Schluß empfand der Hörer

die schwüle beklommene Luft, die über dem gesamten Werke liegt. Diese

starken wilden Leidenschaften im engsten Raume tobend -- das macht

den Eindruck eines Sturmes im Glase Wasser, dabei geht die Harmonie

von Form und Inhalt verloren. Die Berechtigung des dörflichen und

kleinbürgerlichen Lebens in der Tragödie bleibt schlechterdings eine

sehr beschränkte. Worin besteht der poetische Reiz jener schlichten

Lebenskreise? In der Einfachheit, der heimlichen Enge, dem traulichen

Frieden eines der Natur noch nicht entfremdeten Daseins. Wie anders in

dieser Tragödie! Von dem ästhetischen Reize des Wald- und Jägerlebens

ist nicht die Rede; nur die Härte, die Unfreiheit der prosaischen

Lebensverhältnisse tritt uns entgegen. Wo die Leidenschaft tobt, da

erscheint sie in häßlicher Form: ausgehauen wird des Försters Sohn,

und den ruchlosen Mordtaten muß sich die feige Waffe der Büchse als

Mittel bieten. Fürwahr, das sind keine Äußerlichkeiten. Wenn der

Dichter in der ersten Bearbeitung seinen Helden aufs Gericht gehen

ließ, um für den Totschlag den Tod zu finden, wenn er später den

juristischen Fehler durch einen psychologischen ersetzte und diesen

starren Gläubigen durch Selbstmord enden ließ: -- liegt darin nicht ein

bedenklicher Fingerzeig, wie wenig diese harmlosen Lebenskreise sich

für die Tragödie eignen? Die komische, die rührende Dichtkunst findet

in solchen einfachen Zuständen ihr natürliches Element. Die Tragödie

schreitet auf geweihtem Boden, sie verlangt den Kothurn, sie fordert

eine reine, von dem Dunst und Staub des alltäglichen Lebens gesäuberte

Luft, sie fordert große Verhältnisse, wenn die großen Leidenschaften,

welche sie entfesselt, groß erscheinen, harmonisch wirken sollen,

wenn ihr Eindruck nicht traurig statt tragisch, niederschlagend

statt erschütternd sein soll. Oder wäre es ein Zufall, daß die große

Familientragödie des Lear, das psychologische Drama des Tasso in der

vornehmen Welt spielen? Wir sind weit entfernt, den niederen Ständen

die tragische Hoffähigkeit kurzweg abzusprechen; aber es bedarf

ungewöhnlichen Glückes, wenn der Dichter einer kleinbürgerlichen

Tragödie die arge Klippe umschiffen will, daß die Leidenschaften

in diesem engen Raume verkümmert, gebrochen erscheinen, und daß

die rächenden Mächte des bürgerlichen Lebens, der Gendarm und das

„Trillerhäusle” mit ihrer handgreiflichen Häßlichkeit den Kunstgenuß

zerstören.

Noch mehr. Die Tragödie verlangt volle Zurechnung, individuelle

Freiheit des Entschlusses der Handelnden, und auch darum sind die

Höhen des Lebens ihr natürlicher Boden. Keine Spur davon in unserem

Trauerspiele. Dieser Held bewegt sich in einer engen Welt fester

Rechts- und Ehrbegriffe, welche nicht minder starr, aber weit minder

ästhetisch sind als die Satzungen spanischer Ritterlichkeit in den

Dramen Calderons. Seine Ehre glaubt er geschändet, wenn sein Gutsherr

ihn wegen einer Meinungsverschiedenheit aus dem Dienste entläßt, sein

Ansehen denkt er zu wahren, wenn er mit der Furcht statt der Liebe Weib

und Kind an sich fesselt. Auch Kleists Kohlhaas ist ein schlichter

Mann aus dem Volke; doch hier zeigt sich die Überlegenheit dieses

mit Ludwig verwandten und doch ungleich größeren Geistes. Kleist

läßt seinen Helden klar und einfach denken, also daß wir alle, hoch

und niedrig, sofort verstehen, warum er in seinem Rechte gekränkt,

zur Selbsthilfe greift. Dem Erbförster dagegen widerfährt zwar eine

Unbill, doch kein Unrecht, er wird als ein widerspenstiger Diener von

seinem Herrn entlassen. Der brave Mann empfindet nun dunkel -- und

wir mit ihm --, daß das formelle Recht diesmal zur unsittlichen Härte

führt; in ihm regt sich die uralte, die echt menschliche und doch ewig

unerfüllbare Forderung, daß die Ordnung des Rechts und die Ordnung der

Sittlichkeit sich decken sollen. Aber der Dichter verschmäht, dies

klare und wirksame Motiv zu benutzen; er leiht seinem Helden nicht

die Beschränktheit der Leidenschaft, welche im Drama ein ewiges Recht

behauptet, sondern die Beschränktheit der Unbildung, die der Hörer

belächelt. Der unwissende Förster kann das sonnenklare Recht seines

Dienstherrn nicht begreifen, und auf dieser Dummheit des Helden ruht

am Ende der ganze tragische Konflikt! -- „So sind meine Thüringer” --

pflegte Ludwig zu antworten, wenn man ihm solche Bedenken einwarf;

er gedachte dann aller der harten und beschränkten Naturen, die ihm

droben auf dem Walde begegnet waren, er erzählte von jenem Manne

in Eisfeld, der mit den Seinen dem Hungertyphus erlag, weil er es

für eine Schande hielt, der Behörde seine Dürftigkeit zu bekennen.

Aber sind solche Empfindungen, weil sie im Leben vorkommen, poetisch

wahr? Ist der Hörer, der mit freieren menschlichen Ideen an das Werk

herantritt, imstande, sie nachzuempfinden oder auch nur zu begreifen?

Die enge kleine Welt, worin der Dichter aufwuchs -- sonst ein Segen

für den Künstler, denn sie schenkt ihm, was keine Bildung ersetzen

kann, Vertrautheit mit der Natur, mit dem einfachen Ausdrucke starker

Empfindungen -- sie gereicht ihm zum Unsegen. Er vermag nicht, über

das Reich der Erfahrung sich zu erheben, er zeichnet das Leben selbst,

nicht ein künstlerisches Bild des Lebens. So hinterläßt dies Drama

eines ernsten und strengen Künstlers doch einen ähnlichen Eindruck,

wie die Werke zuchtloser, nach willkürlichen Effekten haschender

Geister: erstaunt und befremdet verweilen wir, dieser Held ist ein

unverständliches Original.

Zu diesem Fehler, der aus unfreier Bildung entspringt, gesellt sich

ein anderer, der seinen Grund hat in der Überfülle der Kraft. Die

sinnliche Wahrheit der bis zur Zudringlichkeit deutlichen Gestalten

überschreitet oft die dem Dramatiker gesetzten Schranken, also daß

der Schauspieler gepeinigt oder zum Automaten herabgewürdigt wird;

über ihnen schwebt nicht jener geheimnisvolle Duft, der die Phantasie

des Hörers zu eigener Tätigkeit erweckt. Wie peinlich der Dichter

durch seine Traumgestalten bedrückt ward, das fühlen wir bei Ludwig

wie bei Kleist am deutlichsten an den Szenen höchster Erregung: hier

finden beide selten die Beredsamkeit der Leidenschaft, sie reden die

stammelnden Laute der rohen Empfindung, sie scheinen zu kalt, weil sie

zu heiß sind. Das alles hat Otto Ludwig selbst späterhin eingesehen, da

er sich vorwarf: „Wer den Sinn überzeugen will, lähmt die Phantasie.”

Endlich -- da einmal auch der begabteste Dichter seine Menschen

teilweis sich zum Bilde schafft -- so haben all diese Charaktere eine

schwere, verschlossene, zurückhaltende Weise, die jede Situation

übermäßig gespannt und ängstigend macht und dem Hörer zur Qual wird.

-- Wer die Stärke dieses Talents bewunderte, der mußte wünschen, ein

freundlicher Stern möge die Phantasie des Dichters hinausführen aus der

engen Welt, die seine Wiege umgab, damit er das Dürftige und Häßliche

des Alltagslebens vergesse -- und er möge sich befreien von der Schule

Eduard Devrients, welcher er zwar die Bühnenkenntnis und die Sorgfalt

in der Charakterzeichnung, aber auch die einseitige Vernachlässigung

der idealen Elemente des Dramas verdankte.

Deutsche Lebensbilder · 第 21 / 25 段