Noch einmal, in der Tragödie Gyges und sein Ring, hat Hebbel einen

Schatz von Formenschönheit und Kunstverstand an einen undankbaren

Stoff verschwendet. Der Dichter versteht, uns in die Atmosphäre

längst entschwundener Zeiten zurückzuzaubern, „an den alten Nil, wo

gelbe Menschen mit geschlitzten Augen für tote Könige ew'ge Häuser

bau'n”. Wo nicht stellenweise eine allzu moderne Bewußtheit der Sprache

uns die Stimmung verdirbt, steht sie wirklich farbenprächtig vor

uns, die reiche Wunderwelt des Herodot, die mit der Fülle ihrer rein

menschlichen Konflikte unseren Poeten ein so dankbares Feld eröffnet.

Dennoch wird dies Trauerspiel mit vollem Rechte nie auf der Bühne Fuß

fassen, denn es ist ein antiquarisches Stück. Es ist ein sinniger,

freilich mehr für eine Novelle als für eine Tragödie der Ehe geeigneter

Gedanke, daß auch in der innigsten Vereinigung jeder Gatte ein Etwas

zurückbehält, das Schonung erheischt, das er dem Gemahl nicht hingeben

kann, ohne sich selbst aufzugeben; aber wie wenige Leser werden aus der

seltsamen Handlung des „Gyges” diese Idee erraten! Heute, da man den

Dramatiker unaufhörlich auf historische Stoffe verweist, kann nicht

laut genug die einfache Wahrheit wiederholt werden, daß der Dichter

seine Menschen in den Herzen seiner Zuschauer, der Kinder seiner Zeit,

entstehen und wachsen lassen muß. Mag er getrost Weltverhältnisse aus

den Tagen vor der Sündflut uns vorführen: in den Empfindungen seiner

Charaktere dulden wir nichts Antiquarisches. Gerade unser Publikum mit

seinen abgestumpften Gefühlen wird nur durch einfach-drastische, sofort

verständliche Empfindungen erregt werden. Dieser König Kandaules,

welcher „Zeugen braucht, daß er nicht ein eitler Tor ist, der sich

selbst belügt, wenn er sich rühmt, das schönste Weib zu küssen”,

welcher darum den Fremden als Zuschauer an das eheliche Lager führt

-- er handelt nach unsern Begriffen mit einer brutalen Roheit, die

seinen Edelmut uns völlig unglaublich macht und jedes tragische

Mitleid aufhebt. Hier aber sind unsere Begriffe im Rechte, weil wir

leben. Nur ein bedauerndes Achselzucken haben wir für die untadelhafte

Komposition, die Melodie der Sprache und den Gedankenreichtum des

Dichters, der in diesem Werke sich glänzend entfaltet. Wie nämlich

Kandaules in seinem Hause die Schranken altheiliger Sitte zerstört,

so wagt er auch im Staate „an den Schlaf der Welt zu rühren”, obwohl

er „nicht die Kraft hat, ihr Höheres zu bieten”. Und in diese dumpfe

gebundene Menschheit tritt der einzige, den wir ganz verstehen, der

jugendliche Gyges, der Mann der freien entschlossenen Tat, der Sohn

des klaren Hellenenvolkes, das die Fesseln starrer Sitte lächelnd

abgestreift hat.

Wie seine Dramen, so zeigen auch Hebbels kleine Gedichte eine

auffällige Ungleichheit des Werts. Wir sehen eine ursprünglich

poetische Natur vor uns, welche durch übereifrige Verstandestätigkeit

sich der schönsten Früchte ihres Talents beraubt. Hebbel erstrebt

eine Universalität, woran selbst ein Goethe nie gedacht hat -- ein

Unterfangen, wobei einem pathetischen Dichter das Ärgste widerfahren

muß. Ein Mann wie er konnte in seiner Jugend ein Mädchen erschrecken

durch heiße, despotische Leidenschaft; er konnte dann ein edles Weib

mit jener tiefen und ernsten Mannesneigung erfassen, wovon so manches

schöne Gedicht an Christine Kunde gibt; versucht er jedoch zu tändeln

und leicht zu kosen, so zeigt er nur die Grazie eines seiltanzenden

Elefanten. Auch für das einfache Lied fehlt ihm die Naivität. Dagegen

sind mehrere der Balladen durch ihre einheitliche Stimmung sehr

wirksam; nur leiden sie meist an zu großer Länge; denn der Dramatiker

weiß nichts von dem Kunstgeheimnis des lyrischen Rhapsoden, durch

Verstummen das Tiefste zu sagen. Die Gedichte „Dem Schmerz sein

Recht” erschüttern durch den heftigen rastlosen Kampf eines aufwärts

strebenden Geistes; doch zeigen auch sie, wie selbst die schönsten

Gedichte der Sammlung, eine ungelöste Zutat von Reflexion. Das Epigramm

ist natürlich stark vertreten: fast überall Gedanken eines gescheiten

Mannes, aber auch überall eine unselige Störung, bald durch die Breite

der Darstellung, bald durch die Prosa des Gedankens oder durch ein

geschmackloses Bild. Selbst das verständigste der Gedichte, selbst das

Epigramm, muß in der Phantasie des Künstlers empfangen werden.

Es ist doch ein frischer, erfreulicher Dichterzug in Hebbels Leben,

wie er, entzückt von dem liebenswürdigen Spiele einer Künstlerin, sie

rasch entschlossen von der Bühne heimführte. Beglückt an der Seite

dieser edlen Frau, in dem Frieden eines wohlgeordneten Hauses ließ er

jetzt in dem kleinen Epos „Mutter und Kind” alles wieder zu frischem

Leben erwachen, was vorzeiten seine Phantasie erregt: das derbtüchtige

niederdeutsche Bauernleben, das reiche Hamburg und seinen furchtbaren

Brand. Auch die Ideen, welche seinen Kopf vorzugsweise beschäftigen,

das Verhältnis von Mann und Weib, die Fragen von der Armut und dem

Sozialismus, spielen in das Gedicht hinein. In dieser kleinen Welt rein

menschlicher Empfindungen hat der Dichter jene Wärme des Gefühls, jene

Freude an dem Milden und Gemütlichen, jene gläubige versöhnte Stimmung

wiedergefunden, die auf seinen langen spekulativen Irrfahrten fast

verloren schienen.

Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,

das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,

und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?...

Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen

und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune.

Uns scheint, in diesen Worten über die Elternliebe liegt unendlich mehr

Tiefsinn und kräftiger Mannesmut, als in den heftigsten Invektiven,

welche Hebbel je gegen die Gesellschaft geschleudert. Der wesentliche

Mangel des Werks zeigt sich in der Form. Wir meinen hier nicht die

übermäßige Anwendung des Trochäus, die Hebbel sich erlaubt. Denn der

Hexameter ist zwar keineswegs, wie Hebbel meint, „der deutscheste

Vers”, sondern ein Maß, das einer ursprünglich der Quantität

entbehrenden Sprache niemals ganz natürlich zu Gesichte stehen kann;

doch gerade deshalb mag der deutsche Dichter bei dessen Handhabung mit

großer Freiheit verfahren. Sein feines Gehör allein muß ihn warnen vor

dem Schein der Dürftigkeit, der durch zahlreiche Trochäen entsteht,

wie vor dem haltlosen, hüpfenden Wesen und dem zischenden Mißklang

gehäufter Konsonanten, welche die Daktylen der „korrekten” Platenschen

Schule in den Hexameter bringen. Wir meinen hier die Form in einem

minder äußerlichen Sinne. Die ungeheure, vollkommen nur einmal erfüllte

Aufgabe, in unserer aufgeregten Zeit das erhabene Gleichmaß epischer

Diktion und Empfindung zu bewahren, war dem Dramatiker unlösbar. Bald

staut seine Rede sich auf in abgebrochenen Sätzen, bald stürmt sie

daher in langen Perioden, die ebenmäßige Wallung des Hexameters geht

verloren. -- Und dies einfach herzliche Gedicht ging in der Lesewelt

fast spurlos vorüber. Ist es doch längst kein Geheimnis mehr, daß das

Los der Gedichte heute in den Händen der jungen Damen liegt. Wirken

Tragödien zu aufregend auf die Gemüter der Fräulein -- nun, hier

ist ein Epos aus der stillen Welt des Hauses, ganz dazu geschaffen,

ein einfaches Mädchen sanft zu bewegen. Doch leider, keine Spur von

Sentimentalität und augenverdrehender Frömmigkeit; und diese Bäuerin

hat so gesunde Nerven, sie untersteht sich sogar, im Grünen zu gebären!

=Mon Dieu=, welche Pensionsdirektrice von Pflichtgefühl darf ihren

Zöglingen solche Natürlichkeiten bieten?

Unterdessen reifte langsam des Dichters größtes Werk, die Nibelungen.

Wenn der gebildete Durchschnittsmensch heute schon beim Anblick des

Titels einer Nibelungentragödie mit der Ruhe des Weisen zu sagen

liebt: das sind alte Geschichten, der Himmel bewahre uns vor dieser

tausendjährigen Hexerei -- so können wir nicht bestimmt genug die

Überzeugung aussprechen: nur wenige moderne Dichter haben die gewaltige

Versuchung nicht empfunden, die Gestalten des Nibelungenliedes

irgendwie nachzubilden. Da steht sie vor uns, eine jener grandiosen

Fabeln, woran die Kunst und der Glaube von Jahrhunderten gearbeitet,

das Wunderwerk eines ganzen Volkes, in ihren Grundzügen hoch erhaben

über jeder Anfechtung der Kritik. Und mit dem vollen Reize der Jugend

tritt das altehrwürdige Werk vor unsere Augen. Seit zwei Menschenaltern

erst hat sich die Liebe unseres Volkes wieder der alten Dichtung

zugewendet. Seitdem sind die Gestalten des hörnernen Siegfried und

der Rächerin Kriemhild einem jeden eng verwachsen mit jenen ersten

Empfindungen der Kindheit, welche ewig frisch bleiben, als wären

sie gestern empfunden. Und dieser Schatz gewaltigster menschlicher

Leidenschaft, der unsere Maler zu immer neuen Nachschöpfungen reizt,

ist uns überliefert in einer poetischen Bearbeitung, die dem feineren

Kunstsinne der Gegenwart nimmermehr völlig genügen kann. Denn -- zum

Schrecken orthodoxer Germanisten sei gesagt, was jedes einfache Gefühl

sofort empfindet -- neben Stellen von hinreißender Kraft und Schönheit

dehnen sich im Nibelungenliede weite Strecken von langweiliger

Einförmigkeit. Auch der Inhalt bietet oftmals eine fremdartige,

ja feindselige Mischung von altnordischen, deutschheidnischen und

christlichen Elementen. Die ungeheure Bewegung und leidenschaftliche

Wildheit des Stoffes, welchen die epische Form oft kaum bewältigen

kann, fordert den Dramatiker ebenso laut zum Nachbilden auf, wie jene

Keime verschlungener, eingehender Charakteristik, die sich im Epos nur

halb entfalten dürfen. Gründe genug, um in unzähligen modernen Menschen

den Wunsch zu erregen, daß die Heldengestalten der alten Sage auf der

Bühne erscheinen möchten, wo, nach Hebbels schönem Worte,

wo sich die bleichen Dichterschatten röten

wie des Odysseus Schar von fremdem Blut.

Aber wie läßt sich diese ungeheure Fabelwelt dem Verständnis

unserer Hörer erschließen? Am nächsten liegt es, durch sorgfältige

psychologische Motivierung die alten Recken uns menschlich nahe zu

führen. Dieses Weges ist Emanuel Geibel gegangen -- und der Erfolg

bewies, daß auf solche Weise die finstere Größe des alten Gedichtes

gänzlich verloren geht. Wie anders ist Hebbel verfahren! Ein ungeheures

Geheimnis bleibt immerdar über den riesigen Gestalten dieser Sage,

das keine Kunst unserer helleren Zeit lichten kann. Sollen unsere

Hörer an einen Hagen Tronje wirklich glauben, so gilt es nicht, ihn

hinabzuziehen in unsere Kleinheit und Feinheit, nein, es gilt, ihn noch

reckenhafter erscheinen zu lassen und die Wunder der alten Göttersagen,

die im Nibelungenliede schon halb verwischt sind, in voller Pracht zu

entfalten. Von vornherein muß der Hörer empfinden, daß er die Welt des

hellen, bewußten Verstandes verlassen hat, daß er unter Menschen tritt,

die wahllos, zweifellos, wie die Naturgewalten, das Ungeheure tun, die

der vollbrachten Untat hart und sicher in die Augen sehen und sie auf

sich nehmen wie der Hagen des Liedes, der bei jedem neuen Frevel sich

vordrängt und spricht „laß mich den Schuldigen sein”.

Diese Erhöhung der Helden fast über das Maß des alten Liedes hinaus

hat Hebbel mit bewundernswürdiger Kunst vollzogen. Wie vertraut sind

diese Menschen mit aller Heimlichkeit des Naturlebens. Beredt wird ihre

Zunge nur, wenn sie sich erzählen von den Geheimnissen des Waldes, von

den Seherworten, die aus dem Nixenbrunnen ertönen, von den Wundern des

nordischen Eislandes, von jenen Runen, darüber ein Held vergeblich

sinnen mag bis an seinen Tod. Wo es zu handeln gilt, gehen sie ans Werk

wortlos, sicher, unentwegt; dann und wann bricht aus den geschlossenen

Lippen ein Ausruf jenes gräßlich wilden Humors hervor, der sich schon

in dem alten Liede findet, wenn es von Volker spricht:

„Das ist ein roter Anstrich, den er am Fidelbogen hat.”

Doch während der Dichter so trotzig allen unseren konventionellen

Begriffen ins Gesicht schlägt, ist er um so maßvoller und schonender

verfahren, wo er unser sittliches Gefühl zu verletzen fürchten

muß. Jener König Gunther, der schon in dem alten Liede eine sehr

widerwärtige Rolle spielt und bei jedem Versuche eingehender

psychologischer Zergliederung notwendig ekelhaft erscheinen muß,

ist von Hebbel mit sicherem künstlerischen Takte in den Hintergrund

geschoben worden. Jung und schwach läßt er den grimmen Hagen gewähren,

der ihn und seine Brüder ganz beherrscht. Ebenso ist jener nächtliche

Ringkampf auf Brunhilds Lager von Hebbel sehr schamhaft behandelt, und

wer sich einmal eingelebt in die wunderbare Luft dieses Dramas, wird

ohne jeden Anstoß daran vorübergehen.

Auch daß Hebbel den ganzen Inhalt des Nibelungenliedes in die

dramatische Form umgegossen hat, können wir nur billigen. Denn wenn

man so gern auf die attischen Dramatiker verweist, die nur einzelne

Katastrophen aus der reichen Fülle der homerischen Gedichte sich

auswählten, so will diese gelehrte Vergleichung hier nimmermehr passen.

Wie Schuld die Schuld gebiert -- dies Fortwirken des Frevels, welches

in der ursprünglichen Form der Sage, in dem Fluche, den Andwari über

das Gold gesprochen, sogar noch schöner ausgedrückt war, bildet recht

eigentlich den Kern der Tragik des Nibelungenliedes. Darum müssen wir

sehen, wie Siegfrieds Mörder und ihr ganzes Geschlecht untergehen; eine

Vision, welche dies nur andeutete, kann uns nicht genügen.

Wer diesen Stoff dramatisch gestaltet, muß verzichten auf die

konzentrierte Schönheit des Einzeldramas, er ist gezwungen zur

zyklischen Behandlung. Hebbel griff zur Dreiteilung; er läßt auf ein

kurzes Vorspiel „Der hörnerne Siegfried” zwei Trauerspiele „Siegfrieds

Tod” und „Kriemhilds Rache” folgen. Diese Einteilung ist eben deshalb

ein großes künstlerisches Verdienst, weil der Laie meinen wird,

sie verstehe sich von selbst. Sie bietet dem Dichter den Vorteil,

daß er, ohne je in undramatische Breite zu verfallen, den reichen

tragischen Gehalt seiner Fabel wirklich erschöpfen kann. Es gibt

einige Stoffe von so unergründlicher tragischer Tiefe, daß sie unserer

Seele bei jeder neuen Betrachtung immer neue und immer ergreifendere

Situationen enthüllen. Wer hat das Bild von Paul Delaroche „Maria

in ihrem Hause in der Nacht nach der Kreuzabnahme” gesehen, ohne im

ersten Augenblick zu erstaunen über die Neuheit der Erfindung und im

zweiten ihre Notwendigkeit freudig anzuerkennen? Und wenn die Bauern

vom Oberammergau ihr Passionsspiel aufführen, was ist es, das diese

Tausende während langer Stunden in atemloser andachtsvoller Stille

fesselt, den blasierten Großstädter so gut wie die schwäbische Bäuerin,

die meilenweit gewallfahrt zu der heiligen Handlung? Es ist nicht

bloß die einzige Erscheinung, daß hier die künstlerische Kraft, die

in den Tiefen unseres Volkes schlummert, frei und freudig aus dem

Verborgenen hervortritt; es ist nicht bloß die erhabene Weihe, welche

der Glaube von Millionen über den grandiosen Mythus von der Kreuzigung

Christi ausgegossen hat. Noch ein anderer, rein ästhetischer Grund

gibt den anspruchslosen Zeilen des alten Dorfschulmeisters eine so

mächtig erschütternde Kraft. Jener eine Tag des Todes Christi ist so

überschwenglich reich an tragischen Momenten, daß der Nachdichter nicht

nötig hat, zu jenen Verkürzungen zu greifen, welche das Drama insgemein

verlangt. Stunde für Stunde vielmehr des schmerzensreichen Tages

geht in jenem Passionsspiele an uns vorüber. Also hat der Zuschauer

den zweifachen Genuß der tragischen Erschütterung und zugleich der

vollen ungetrübten Naturwahrheit; denn auch jener letzte Schein des

Absichtlichen, der nach Goethes tiefem Worte jedem Kunstwerke anhaftet,

verschwindet bei dieser glücklichen Fabel. Einen ähnlichen Moment voll

unerschöpflicher Tragik bietet die Nibelungensage in dem Morgen nach

Siegfrieds Ermordung, und Hebbel hat verstanden, die Gunst der Fabel

auszubeuten. Kein Augenblick des Grausens wird uns erlassen von der

Stunde an, da Kriemhild erwacht und der Kämmerling über den toten Mann

vor der Tür stolpert, bis zu jener schrecklichen Totenprobe, da der

grimme Hagen unerschüttert ruft:

Das rote Blut! Ich hätt' es nie geglaubt

nun seh' ich es mit meinen eignen Augen.

In solcher Weise ist der fünfte Akt von Siegfrieds Tod das Schönste

geworden, was Hebbel je geschrieben.

Wenn Hebbel in klarer und berechtigter Absicht das Maßlose, das

Reckenhafte seiner Helden in den gewaltigsten Umrissen gezeichnet hat,

so war sein Plan doch keineswegs, uns durch das Fremdartige dieser

Erscheinungen lediglich in Erstaunen zu setzen. Nein, wir sollen

empfinden, dies ist das Geschlecht der Heiden, der Gewissenlosen, das

einer neuen reinen Menschheit die Stätte räumen soll. Darum hat er jene

Spuren des Christentums, welche in das Nibelungenlied hineinspielen,

weiter verfolgt und den Heiden Hagen in grimmiger Feindschaft der

Kirche gegenübergestellt. Zuletzt, als die Heiden sich hingemordet,

ergreift der Christ Dietrich von Bern das Zepter der Welt

„im Namen dessen, der am Kreuz verblich”.

Dies war sicherlich der einzige Weg, um das Entsetzen dieser Fabel zu

einem für das moderne Bewußtsein versöhnenden Abschlusse zu führen.

Dennoch liegt hier eine Schwäche des Werkes. Die christlichen Elemente

treten im Verlaufe der Handlung so wenig hervor, Dietrich selbst greift

so wenig in das Spiel ein, daß sein letztes Aufsteigen fast wie ein

symbolischer Zug, zum mindesten nicht als eine Notwendigkeit erscheint.

Der ruhige, gewaltige Alte des Nibelungenliedes ist uns verständlicher

als dieser Dietrich, der so befremdlich mitten inne steht zwischen der

heidnischen und der christlichen Welt.

Gerade vor diesem schönen Drama haben wir aufs neue empfunden, wie

ganz eigen unser Volk zu seiner Geschichte steht, wie vertraut und

zugleich wie fremd die Jugend unseres Volkes uns erscheint. Jene

jugendliche Naivität des Naturlebens, welche sich im Drama schon wegen

seiner klaren bewußten Kunstform nur leise andeuten läßt und nur in

der Breite des Epos zu ihrem vollen Rechte kommt -- sie ist es, die

noch heute das Gemüt des Deutschen zu seinen alten Mythen hinzieht.

Was aber des Dramatikers eigentliche Aufgabe bildet, das Gemütsleben

dieser epischen Zeit, das ist uns in solchem Maße fremd geworden, daß

wir dreist behaupten können, ein Trauerspiel aus der französischen

oder italienischen Gegenwart dürfe sich heute mit größerem Rechte ein

deutsches Trauerspiel nennen als eine Dramatisierung der Nibelungensage.

Dem Dramatiker sind, weil seine Kunst gewaltiger als irgendeine

andere den ganzen Menschen erschüttert, engere Schranken gesetzt bei

der Wahl seiner Stoffe als dem Maler oder dem erzählenden Dichter;

und dieser Einsicht voll hat sicher schon mancher moderne Poet der

reizenden Versuchung dieser Fabel widerstanden. So gewiß wir beim

Hören von Uhlands Ballade „Jung Siegfried” uns willig in die alte

Wunderwelt versenken, ebenso gewiß ruft das Drama den Verstand zum

schonungslosen Mitsprechen auf. Indem Hebbel seine Recken gänzlich

aus der Welt unseres Denkens und Empfindens heraushob, hat er zwar

den einzigen Ton angeschlagen, der diesem Stoffe geziemt, doch er hat

zugleich verzichtet auf die höchste Lust des Dramatikers, daß die

Hörer fortwährend mit seinen Helden leiden und denken, sie treiben

oder zurückhalten möchten. Allerdings bietet dies Drama auch mehrere

Charaktere, welche uns völlig verständlich sind, namentlich den

Charakter der Kriemhild, den nach unserem Gefühle schönsten des Werkes

-- wie ja auch Shakespeare in dieser alten Sagenzeit mehrere Stoffe von

rein menschlichem für alle Zeiten gültigem Gehalte gefunden hat. Aber

daneben stehen sehr viele Züge eines halb bewußtlosen Menschenlebens,

das „keinen Grund braucht” für sein Handeln, während der heutige

Zuschauer sich doch fortwährend im stillen nach den Gründen fragt.

Und untersuchen wir, was Hebbel neu geschaffen hat in dem alten Stoffe,

so finden wir zwar einzelne überraschend feine Motivierungen, welche

das Lied gar nicht oder nur leise andeutet, wir sehen Brunhilds geheime

Liebe zu Siegfried, wir erfahren, daß die Eifersucht Kriemhild bewog,

ihre Schwägerin zu schelten, und daß der Neid der letzte Grund des

Hasses ist, den Hagen gegen Siegfried hegt; aber wir können nicht

sagen, die Helden seien uns in dem modernen Drama vertrauter geworden

als in dem alten Liede. Unvermeidlich vielmehr treten in dem Drama

einige moderne Züge störend hervor. Die alten Recken beurteilen sich

gegenseitig mit einer bewußten Klarheit, welche zu ihrem eigenen Tun

wenig stimmt; und wenn Brunhild zu Gunther spricht:

in dir und mir

hat Mann und Weib für alle Ewigkeit

den Kampf um's Vorrecht ausgekämpft --

so offenbaren auch diese Worte ein helles Bewußtsein, das wir der

Königin von Isenland nicht zutrauen. Gestehen wir also: wenn uns

die Lust anwandelt, uns zu erfreuen an der Größe unserer Sagenzeit,

so greifen wir lieber zu dem Nibelungenliede selber als zu dem neuen

Drama. Denn in einer Erzählung vergangener Taten nehmen wir vieles

arglos und willig hin, was uns in der unmittelbaren Gegenwart des

Dramas verletzt; und während die Mängel des alten Liedes uns nur wie

das Blei erscheinen, worein die Natur das Silber verborgen hat, machen

die Mängel des modernen Werkes den Eindruck einer fremden künstlichen

Zutat. Der Dichter hat das mögliche geleistet, aber er hat gewisse

Bedenken nicht überwinden können, welche notwendig gegeben sind durch

die ungeheure Kluft, die unser Empfinden von dem Seelenleben der

epischen Tage trennt.

So war dem kräftigen Manne doch gelungen, das Echte seines Wesens der

Mitwelt zu offenbaren, und auch sein letztes Werk gab ein Zeugnis von

der Läuterung dieses Geistes. Er nahm die Fabel des Schillerschen

Demetrius wieder auf; doch Schillers Drama einfach fortzusetzen kam ihm

nicht bei: „Ich könnte ebensogut da zu lieben anfangen, wo ein Anderer

aufgehört hat.” In seinen jungen Jahren wäre ihm unzweifelhaft der

verzwickte Charakter eines tugendhaften Betrügers ein reizender Vorwurf

gewesen; jetzt stand er anders zu den sittlichen Fragen. Sein Sinn war

jetzt so ganz auf das einfach Edle gerichtet, er empfand so lebhaft

die Gemeinheit, die in jedem Betrüger liegt, daß ihm sogar Schillers

Idealismus nicht mehr genügte. Schiller wäre, erklärte er oft, mit

seinem Betrüger nicht zu Ende gekommen. Er faßte den Demetrius als den

Betrogenen, der erst ganz zuletzt, da er nicht mehr zurück kann, seine

eigene Schuld erfährt, und stellte den Usurpator so rein und edel hin,

daß ich fast zweifle, ob nicht das vollendete Werk an dramatischem

Interesse ebensoviel verloren hätte, als der Held an Tugend gewann.

Hebbels realistischer Sinn zeigt sich diesmal nur in der drastischen

Schilderung des slawischen Volkslebens, die unser deutsches Gefühl

fremdartig berührt. Überhaupt liegt über dem tief durchdachten Werke

eine seltsame Kälte; unter den vielen, welche sich an dieser erhabenen

Schicksalstragödie versucht haben, reicht keiner an Schillers feurige,

schwungvolle Weise heran.

Das Gedicht abzuschließen war dem Dichter nicht vergönnt. Eben jetzt

begann die Welt dem lange Verkannten zu danken, da warf ihn eine

tödliche Krankheit nieder. Er hörte noch auf dem Krankenbette, seinen

Nibelungen sei der große Berliner Dramenpreis zuerkannt worden. Die

Antwort, die er dem Boten gab, ist wie der letzte Pinselstrich zu dem

Charakterbilde des düsteren, schwerkämpfenden Mannes, der die helle

Lust am Leben niemals ganz gekostet hat. Er sagte trüb: „Das ist

Menschenlos. Bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.”

Otto Ludwig

Otto Ludwig.

Deutsche Lebensbilder · 第 20 / 25 段