Ganz modern ist auch seine Anschauung der Geschichte: er sieht in ihr

nicht wie Shakespeare die ewig gleiche sittliche Weltordnung, die sich

immer wieder herstellt, wenn die Leidenschaft des Menschen sie auf

Augenblicke gestört; der Jünger der modernen Philosophen faßt sie auf

als ein ewiges Werden. Er liebt den Zusammenstoß zweier Kulturwelten

zu schildern: wie das Hellenentum aus der orientalischen Gebundenheit

emporsteigt, das Christentum aus der jüdischen Welt, die neue Zeit aus

dem Mittelalter. Ich kann jedoch nicht finden, daß der Dichter bei

diesem kühnen Unterfangen immer glücklich ist. Die neue Welt, die aus

der zerfallenden alten Ordnung sich erhebt, tritt nicht leibhaftig vor

uns hin, sie wird uns lediglich angedeutet durch einen symbolischen

Zug; und nur weil wir historische Schulbildung besitzen, erraten wir,

was uns das Kunstwerk selber nicht sagt, daß die heiligen drei Könige,

die am Schlusse von „Herodes und Mariamne” plötzlich auftreten, den

Anbruch der christlichen Gesittung vorstellen sollen. Diese Neigung für

symbolische Züge beherrscht den Dichter zuweilen so gänzlich, daß er in

eine gleichgültige, ja absurde Fabel willkürlich eine Idee hineinlegt,

welche ihr völlig fremd ist. Und da ja ausschweifende Phantastik im

Innersten verwandt ist mit den Verirrungen überfeinen Verstandes, so

erinnert Hebbel mit solcher Symbolik, solchem Mystizismus oft stark an

Calderon.

In der Einsamkeit brütender Betrachtung mußte die düstere Denkweise vom

Leben, wozu Hebbels Natur neigte, zu erschreckender Stärke anwachsen.

Der Pessimismus ist insgemein eine Sünde begabter Menschen, denn nur

ein heller Kopf wird die tiefen Widersprüche des Lebens, wird die

schreckliche Tatsache, daß die Ordnung des Rechts eine andere ist als

die Ordnung der Sittlichkeit, in ihrer ganzen Schärfe durchschauen,

nur ein tiefes Gemüt sie in ihrer vollen Schwere empfinden. Kein

Wunder, daß diese, die Werke aller bedeutenden tragischen Dichter

überschattende, reformatorische Strenge, welche die Welt verachtet und

Lügen straft, von dem Haufen verketzert und als unsittlich gebrandmarkt

wird. Aber selbst ein tiefmelancholisches Gedicht wird dem Poeten nur

dann gelingen, wenn ihm, ob auch verhüllt und verborgen, tief in der

Seele der Glaube lebt an den Sieg des Geistes über die Gebrechen

der Welt. Noch keinem echten Dichter hat dieser Glaube gefehlt, er

atmet selbst in dem schwermütigsten Gedichte, das je in den Nebeln

Altenglands ersonnen ward, in Walter Raleighs „=the lye=”. Hebbel

wußte wenig von solcher Hoffnung. Wie er, der Konservative, nicht

daran dachte, im Leben an der Heilung der kranken Welt mitzuwirken, so

vermögen auch seine Gedichte, obwohl sie dann und wann von künftiger

Versöhnung reden, von der Lebendigkeit dieses Glaubens nicht zu

überzeugen. Die furchtbare Anklage, die er in einem abscheulichen

Sonette gegen die menschliche Gesellschaft schleudert: „Der Mörder

braucht die Faust nur hin und wieder, du hast das Amt zu rauben und zu

töten” -- sie ist nicht ein wilder Ausbruch augenblicklichen Unmuts,

sie blieb durch lange Jahre die Grundstimmung seiner Seele. Er erkannte

mit eindringender Klarheit die Gebrechen der Welt, doch er verzweifelte

an der Heilung. Ganz unerträglich wird diese Verbitterung des Gemüts,

wenn Hebbel seinem eigenen Worte zum Trotz „die Kirsche vom Feigenbaum

fordert” und seiner düsteren Phantasie die hellen Klänge der Komödie zu

entlocken sucht.

Er gesteht, daß er mit seinen Gedichten „seiner Zeit ein künstlerisches

Opfer dargebracht” habe; und gewiß, einige der Ideen, welche das

moderne Deutschland bewegten, fanden in den Werken dieses Dichters

einen treuen und großartigen Ausdruck. Doch gerade die schönste und

herrlichste Erscheinung unserer Tage, recht eigentlich die Signatur

der neuen Zeit, das Emporwachsen unseres Volkes zum staatlichen Leben,

blieb diesem verdüsterten Auge verborgen. Er sah in der Entwicklung

unseres Volkes „nicht eine Lebens-, sondern eine Krankheitsgeschichte”.

Nun warf ihn sein Unstern unter das verkommene Deutschtum in

Österreich; „wir und germanisieren!” rief er hohnlachend. Die frohe

Botschaft des Jahrhunderts, die Verjüngung der antiken Sittlichkeit,

welche von jedem Menschen, auch von dem Künstler, zugleich die Tugenden

des Bürgers fordert -- an ihm fand sie einen tauben Hörer. Selbst die

Dichtungen unserer kosmopolitischen klassischen Zeit tragen die Spuren

der politisch-nationalen Kämpfe der Epoche weit deutlicher auf der

Stirn als Hebbels Werke die Eindrücke der Gegenwart. Und wird ja einmal

die Natur der Dinge mächtiger als Hebbels Verstimmung, entschließt er

sich ein Zeitgedicht zu schreiben, so finden wir nicht, wie es bei

dem Sohne der Marschen zu entschuldigen wäre, einen naturwüchsigen

Ausbruch des Zornes über die Schmach seines Volkes, sondern ein

griesgrämiges Epigramm über Staatsmänner, welche die Kunst verstehen,

niemals zu erwachen, oder eine wegwerfende Bemerkung über moderne

Staatsverfassungen -- oder ein Gedicht an König Wilhelm, das im Grunde

nicht gehauen und nicht gestochen ist, in schönen Versen nur die

politische Ratlosigkeit des Dichters offenbart.

Bei so trostloser Anschauung des Lebens weiß er nichts von jener edlen

Volkstümlichkeit, welche der Ehrgeiz großer Dichter ist. Darum hat

er, der Dramatiker, Schillers Größe lange gänzlich verkannt; darum

verschmähte er die hohe Schule des Dramatikers, den Wechselverkehr mit

der Bühne. Auch dieser Irrtum ist eng verflochten mit einer ehrenwerten

Tugend, einer wohlberechtigten Verachtung gegen die bornierten

Rücksichten der Konvenienz, welche gemeinhin das Bühnenschicksal eines

Dramas bestimmen. Aber nicht die Theaterzensur allein verbannt seine

Werke von den Brettern, sie sind in ihrer Mehrzahl in Wahrheit nicht

darstellbar. Sie behandeln nicht bloß extreme Fälle, sondern abnorme,

krankhaft seltsame Konflikte, welche keinen Widerhall erwecken in den

Herzen der Hörer; und wer es verschmäht, die Edelsten seiner Zeit im

Innersten zu bewegen, der mag der stolzen Hoffnung entsagen, für das

Theater aller Zeiten zu schreiben.

Hart, ja grausam ward diese gewollte Vereinsamung an dem Lebenden

bestraft. Über den vielgelesenen Schriftsteller bildet sich die Welt

zuletzt immer ein mildes, ausgleichendes Urteil. Doch die Werke dieses

Sonderlings fielen zumeist nur einzelnen Kritikern in die Hände, die

ihn von den Wällen ihres ästhetischen Systems herab schonungslos

bekämpften. Nun geschah ihm, was gemeinhin den Einsiedlern des

Gedankens widerfährt: wie um Friedrich Rohmer und Schopenhauer --

Männer, die ich übrigens weder unter sich noch mit Hebbel vergleichen

will -- so scharte sich um diesen vielbekämpften Dichter eine kleine

Gemeinde fanatischer Anhänger, die durch unmäßiges Lob den Hohn der

Gegner erweckten. So zwischen gehässigen Tadel und blinde Bewunderung

gestellt, ward das wohlbegründete Selbstgefühl des Mannes krankhaft

reizbar. Auch wir halten es für trockene Philisterweisheit, wenn dem

Poeten zugemutet wird, er solle nicht empfindlich sein. Wer darf

Angriffe auf sein eigen Fleisch und Blut mit Kälte ertragen? Und wer

könnte die alte Wahrheit, daß ein halbes Lob tiefer verletzt als ein

ganzer Tadel, bitterer empfinden als der Dichter? Führt doch der

Künstler das Los des verwunschenen Prinzen: im Leben soll er sich

schelten und stoßen lassen wie die anderen auch, und kaum nimmt er

das Saitenspiel zur Hand, so ist er ein geborener Fürst und hat immer

recht und treibt mit uns, was ihm gefällt; darum mögt ihr Nachsicht

üben, wenn nicht ein jeder dies gespaltene Dasein mit Haltung zu

tragen weiß. Aber es ist ein anderes, seinem Ärger über die Kritik

einmal durch einen derben, in Gottes Namen ungerechten Zynismus Luft

zu machen -- und wieder ein anderes, jahrelang die geschmacklose

Rolle des verkannten Genies zu spielen, fortwährend mit „Wichten”

und „Kannegießern” um sich zu werfen, jedes seiner eigenen Worte mit

einer Andacht zu bewahren, die dem reichen Geiste schlecht ansteht, ja

sogar nach Knabenart pathetisch zu prahlen: diese und jene Tugend hat

mir noch niemand abgesprochen. Jene Liebenswürdigkeit, die, nach der

Versicherung seiner Freunde, dem Menschen zuweilen eigen war, blieb dem

Schriftsteller versagt. Es gibt glückliche Naturen -- und viele unserer

streitbarsten Männer, Lessing vornehmlich, zählen dazu -- denen wir

niemals grollen, auch wenn wir widersprechen; andere wieder, welche uns

immer in Versuchung führen, mit ihnen zu rechten, sie mögen sagen, was

sie wollen. Zu diesen letzteren zählt Hebbel, nach meinem und vieler

anderer Gefühl; er hat den Mitlebenden erschwert, gerecht über ihn zu

reden.

Dem Toten sollen endlich die menschlichen Schwächen vergessen werden;

auch von dem Kunstwerk seines Lebens gilt das gute Dichterwort, das

er einmal über das Drama aussprach: „In einem Kunstwerk muß immer

die letzte Zeile die erste rezensieren.” Er ist wirklich gewachsen

mit seinem Volke, das er nie ganz würdigte, er befreundete sich als

reifer Mann mit den einfachen Idealen, die er einst mißachtet, er

lernte die Größe des edelsten unserer Dramatiker schätzen und schuf

endlich jene hochpoetischen Gestalten der Nibelungen, die nicht mehr

angekränkelt sind von der Blässe des Gedankens. Von diesen letzten

Werken des Dichters fällt verklärend ein Lichtstrahl zurück auf die

unfertigen Dichtungen seiner früheren Zeit. Kein Zweifel mehr: der

friedlose Sinn, der aus Hebbels älteren Dramen spricht, ist nicht

die blasierte Ironie der Romantiker, nicht die zuchtlose Frivolität,

der buhlerische Weltschmerz der Jungdeutschen, er ist der tiefe und

wahre Schmerz eines starken Geistes, der erst nach harten Kämpfen eine

Versöhnung finden konnte, welche der Glückliche, der Gedankenarme

mühelos erreicht. -- Der Dichter wies in seinem Eigensinne jede Kritik

der Wahl seiner Stoffe zurück, weil „das einmal lebendig Gewordene sich

nicht zurückverdauen” lasse. Heute, da wir sein Schaffen im ganzen

überschauen, wird uns das Körnlein Wahrheit deutlich, das in diesem

anmaßenden Ausspruch liegt; auch in den seltsamsten Experimenten des

Poeten läßt sich eine gewisse Notwendigkeit nicht verkennen.

Wir gehen rasch hinweg über Hebbels erste Novellen, die in der Art des

Humors an Jean Paul, in der Hast der Darstellung an Heinrich Kleist

erinnern. Wie seltsam verkannte der Dichter sein ganz und gar nicht

populäres Talent, wenn er hoffte, seine niederländische Geschichte

„Schnock” werde im Bauernkittel von Fließpapier auf den Jahrmärkten

feilgeboten werden; den derben Ton herzhaften Spaßes, den der Bauer

verlangt, findet dieser Poet des Gedankens nicht.

In seinem ersten Drama Judith versucht Hebbel in der Seele der epischen

Heldin der Bibel einen Bruch, einen Kampf hervorzurufen, er will uns

an ihr das Recht des Weibes auf wahre Liebe zeigen und dergestalt

den Liebling starkgeistiger Maler und Poeten dem modernen Bewußtsein

verständlich machen. Freilich wird das gräßliche Weib selbst dadurch

kein tragischer Charakter; denn unter den widerstreitenden Gefühlen,

welche ihr Herz bewegen, der religiösen Begeisterung für ihr Volk, der

durch den Anblick kläglicher Schwächlinge geschärften Ruhmbegierde,

endlich der geheimen Liebe zu dem einzigen ganzen Manne, den sie kennt,

tritt bald die nackte tierische Sinnlichkeit als das herrschende Motiv

hervor. Noch häßlicher ist Holofernes, wohl der unwahrste aller jener

souveränen Kraftmenschen, in deren Schilderung sich die Literatur

jener Tage gefiel, bei aller scheinbaren Größe ein lächerlicher

Prahler. Wahrhaft empfunden sind allein die glaubenseifrigen Gestalten

des jüdischen Volkes. Hier war es dem Sohne strenger bibelfester

Bauern leicht, aus voller Seele zu schaffen. Aber wie fremd steht die

Frömmigkeit des Alten Testaments neben einem Materialismus, der an die

häßlichsten Ausgeburten der =poésie de sang et de boue= gemahnt! Diese

Zerfahrenheit der Stimmung, diese Unsicherheit der sittlichen Begriffe

des Dichters raubt dem Stücke, trotz der in mächtigem Aufschwung stetig

anschwellenden Handlung, die innere Einheit.

Selbst jenes verwirrenden und berauschenden Reizes, den die Judith

bei der ersten Aufführung immer bewähren wird, entbehrt die Genoveva.

Hebbel versteht noch nicht, den unbestimmtesten und darum bildsamsten

der Verse zu gebrauchen: sein dramatischer Jambus ist korrekt und

entspricht durch die Härte seiner männlichen Endungen äußerlich dem

Wesen des Dramas, aber er hat weder lebendige Kraft noch melodischen

Fluß. Mißachtend das durch die Natur des Stoffes Gebotene hat der

Poet das wehmütig-liebliche Volksmärchen gewaltsam in eine Tragödie

verwandelt, indem er den versöhnenden Schluß hinwegließ und jede Spur

des Naiven und Naturwüchsigen vertilgte. Ja, er benutzte den mythischen

Stoff, um an ihm die Unwahrheit unserer sittlichen Gesetze zu zeigen.

Hier freilich sind „Satzungen und Rechte, die das Lebendig-Freie

schamlos knechten”. Diese Menschheit ist befangen in formalistischer

Sittlichkeit: nur ein Äußerliches erblickt sie in der Ehre, der Treue,

dem Glauben, zu deren Schutze sie die blutbefleckten Hände hebt.

Doch wir erkennen in ihr unser eigenes Gefühl nicht wieder; rein

unbegreiflich erscheint in dieser gebundenen Welt die ganz moderne

Empfindung des Versuchers Golo. Die Handlung ist ein gehäuftes Maß

von Schrecknissen -- denn bei Hebbel erscheint der Tod stets als die

gräßliche Kere, nimmer als milder Genius -- die Diktion bietet einen

jähen Wechsel von Frost und Hitze; der letzte Eindruck ist vollkommene

Ermüdung und die ratlose Frage, ob die wirre Symbolik dieser Szenen

wirklich eine Tragödie der ehelichen Treue vorstellt?

Verdankte die Judith ihren Erfolg vor allem ihrer Wahlverwandtschaft

mit gewissen krankhaften Verstimmungen der Zeit, und hatte die Genoveva

als ein Verstandeswerk gar nur das Staunen eingeweihter Literatenkreise

erregt, so fand die Maria Magdalena den verdienten Beifall aller

Unbefangenen, ein wahrhaft poetisches Werk, das über seiner klaren

und strengen Komposition und über der ergreifenden Wahrheit seiner

Charaktere alle seine Mängel leicht vergessen läßt. Hebbel war

kühn genug, aus der Not eine Tugend zu machen, die „schreckliche

Gebundenheit in der Einseitigkeit” -- jene Klippe, an der die meisten

bürgerlichen Dramen und Dorfgeschichten scheitern -- zum Mittelpunkte

des tragischen Konflikts zu erheben. Die Hohlheit kleinbürgerlicher

Ehrbegriffe mit ihren schrecklichen Folgen soll dargestellt werden. Zu

solcher Arbeit ist Hebbels große dialektische Kraft wie geschaffen.

Auch das Eingehen auf Sitten und Zustände, welche dem Poeten genau

bekannt waren, ist ihm zum Heile ausgeschlagen. Nicht als meinten wir

mit den Verehrern photographischer Wahrheit, der Künstler solle nur

Verhältnisse schildern, die ihm durch persönliche Erfahrung vertraut

geworden; wer das Zeug hat zu einem Dichter, trägt ein Bild der

Menschheit im Herzen. Hebbel jedoch mußte durch einen Stoff, dessen

feste Schranken ihm selbst wie den Lesern wohlbekannt sind, von

seiner Unart, symbolische Züge in die Aktion zu legen, abgehalten

werden. Er bewährt hier seinen Ausspruch: „Überall soll der Dichter

ökonomisch sein, nur nicht in seinen Grundmotiven.” Der Bau des

Dramas ist musterhaft knapp und gedrungen, auch die Naturlaute der

Leidenschaft erklingen tief erschütternd, das Stück würde das Muster

eines bürgerlichen Trauerspiels sein, wenn nicht der Dichter durch

die Unsicherheit seines sittlichen Gefühls auch dem Hörer das Gefühl

verwirrte. Der Hörer nimmt Partei -- nicht wie der Dichter will für

die büßende Heldin, sondern für den harten alten Philister Meister

Anton. Das unglückliche Mädchen hat sich im Zorn verschmähter Liebe

einem ungeliebten Manne verlobt, und da ihr Gewissen sie noch immer

der alten, jetzt sündhaften Liebe zeiht, wähnt sie sich verpflichtet,

dem eifersüchtigen Bräutigam durch verzweifelte Hingebung ihre Treue

zu beweisen. Eine solche Tat ist denkbar -- denn was wäre unmöglich

für ein geängstetes Mädchengewissen -- doch sie steht sittlich tiefer

als ein in der Hitze natürlicher Leidenschaft begangener Fehltritt.

Der Dichter soll uns nicht einreden, das Mädchen sei durch diesen

Schritt nicht innerlich befleckt worden. Der alte borstige Vater hat

ganz recht, wenn er die Schande nicht auf seinem ehrlichen Bürgerhause

dulden will -- und über solchen unabweisbaren Verstandesbedenken geht

uns die Freude an dem schönen Gedichte fast verloren.

Mit diesem Werke war ein großer Erfolg errungen, des Dichters

dramatisches Talent unzweifelhaft erwiesen. Wer hätte nicht hoffen

sollen, Hebbel werde mit frischem Mute, mit seiner jetzt durch schöne

Reisen erweiterten Bildung fortschreiten auf so glückverheißendem Wege?

Statt dessen verlor er sich jahrelang in zielloses Experimentieren,

er schrieb jene unglückseligen Märchendramen „Der Diamant” und „Der

Rubin”, deren Symbolik zu enträtseln der Mühe nicht lohnt.

In Unteritalien lernte er eine Welt verrotteter Zustände kennen, einen

tief unsittlichen Polizeistaat, einen leeren Lippenglauben, einen

getretenen und verwilderten Pöbel, eine gewissenlose Geldmacht. Hier,

wenn irgendwo, war seine Verachtung der schlechten Wirklichkeit am

Platze, hier mußte er fühlen, daß des Künstlers Hände zu rein sind, um

die Verwesung byzantinischer Verhältnisse zu berühren. Und hier gerade

ließ er sich durch eine aberwitzige Anekdote anreizen zur Erfindung

seiner berüchtigten Tragikomödie „Ein Trauerspiel in Sizilien”, welche

ein tragisches Geschick in untragischer Form darstellen, des Hörers

Lachmuskeln zucken und zugleich ihn vor Grausen erstarren machen soll.

Das heißt doch nur die gemeine Prosa des Alltagslebens geradeswegs in

die Kunst einführen. Das tragische Geschick in untragischer Form stöhnt

und ächzt auf allen Märkten; ihm die tragische Form zu finden, ist

des Dichters schönes Recht. Hebbels feiner Formensinn hat ihn davor

bewahrt, den unglücklichen Gedanken weiter zu verfolgen. Auch ein

anderes Experiment dieser Zeit blieb liegen. In der Tragödie „Moloch”

wollte der Dichter „ein Volk stammeln lassen”, die Uranfänge der

menschlichen Gesittung, die Entstehung der Religion darstellen -- ein

Versuch, der mit ungemeiner dichterischer Kraft begonnen, schließlich

doch in undramatische Symbolik verlaufen mußte. Wiederum in den

zerfressenen italienischen Verhältnissen wurzelt das Schauspiel Julia

-- eine Schilderung moderner Blasiertheit und Verworfenheit, wie sie

nur einem völlig umnachteten Auge erscheinen konnte, ein Drama ohne

Abschluß, ohne jedes Interesse, gerade darum gefährlich und unsittlich,

weil Hebbel die unnatürliche, kläglich-sentimentale Handlungsweise

seines Helden, der sich selber eine wandelnde Leiche nennt, als eine

sittliche darstellen, sittlich erhebend durch das abgeschmackte Drama

wirken will.

Das waren böse Tage für Hebbel, da sein Selbstgefühl im selben Maße

wuchs, wie die Teilnahme der Leser sich ihm entfremdete. Selbst die

Freunde fragten verwundert, ob er denn aus dem ewigen Rom nichts

anderes davongetragen habe als die feine Durchbildung der Form, welche

fortan alle seine Gedichte auszeichnete. Auch das bedeutendste Drama

dieser unseligen Periode ist ein Werk des kalten Verstandes. „Herodes

und Mariamne” schildert das Judentum in seiner Selbstauflösung und

ist zugleich eine Tragödie der ehelichen Treue; so bildet es ein

Gegenstück zur Judith und zur Genoveva. Herodes kann es nicht ertragen,

daß sein Weib ihn überlebe, zweimal stellt er sie, während er zu

gefahrvollen Fahrten verreist, unter das Schwert des Henkers. Gegen

solchen Zwang sträubt sich der Stolz der Gattin, denn „das kann man

tun, erleiden kann man's nicht”. Und dieser bei aller Seltsamkeit

gewaltige, echt dramatische Konflikt, der schon in der Darstellung

des Josephus jedes Herz bewegt, läßt bei Hebbel vollkommen kalt. So

sehr ermangeln diese Menschen der Ursprünglichkeit und Freiheit, so

sehr befremdet uns die moderne epigrammatische Sprache an historischen

Personen, deren grundverschiedene Gesittung wir von Kindesbeinen an

kennen.

Endlich, endlich nach so langem theoretischen Umhertasten öffnete

sich Hebbels Gemüt wieder natürlicheren, einfacheren Gefühlen, als

er die „Agnes Bernauer” schrieb und auf heimatlichem Boden Menschen

schuf, so wahr und tüchtig, wie sie ihm seit der Maria Magdalena nicht

mehr gelungen waren. Hier erscheint der moralische Revolutionär als

politisch konservativ: die Berechtigung des Allgemeinen, des Staates,

wird gezeigt gegenüber dem subjektiven Belieben der Leidenschaft.

Hebbel bleibt vollkommen frei von der sentimentalen Auffassung der

Liebe, deren heute der vornehme Pöbel voll ist. Leider verrät die

Heldin kaum durch ein hingeworfenes Wort eine Ahnung von der Schwere

ihrer Schuld, und wir empfinden ihren Tod als eine brutale Mißhandlung.

Der wahrhaft innerlich ringende Held des Stücks vielmehr ist Herzog

Ernst; sollte das Werk dramatisch wirken, so mußte der alte Herzog

in den Mittelpunkt der Handlung treten. Dann ließ sich ein besserer

Schluß finden als dieser unselige fünfte Akt, wo Hebbel, der sonst

das Gräßliche liebt, einen tödlichen Gegensatz durch eine übereilte

Versöhnung beendet. In einem Aufzuge die Ermordung der Agnes, den

wütenden Kampf des Sohnes gegen den Vater und die Beilegung des

Streites darstellen -- das verletzt jene Einheit der Zeit, welche der

Dramatiker auch nach Lessing noch achten soll, das bleibt unglaublich,

obschon der Poet durch die sprudelnde Heftigkeit, welche er dem

jungen Herzoge leiht, uns darauf vorbereitet hat. Aber wie das Land

nach langer Wasserreise, begrüßen wir in dem Stücke wieder eine warme

natürliche Stimmung, wir freuen uns der getreuen Genossen des jungen

Herzogs und der kernhaften Bürger. Lebendig tritt die gärende Zeit uns

vor die Seele, wo die Tage der Hohenstaufen bereits als ein ferner

schöner Jugendtraum in der Sehnsucht der Menschen lebten und moderne

Diplomatenkunst die ritterliche Vasallentreue zu verdrängen begann.

So war das Eis gebrochen, und die gesunde freudige Stimmung hielt an.

Das gemütvolle Versmaß, das uns Deutschen wie ein liebes altes Märchen

zum Herzen redet, das Metrum der deutschen Reimpaare, ward von Hebbel

glücklich benutzt für das kleine Künstlerdrama Michelangelo. Diese

geistreiche Behandlung einer sinnigen Anekdote gewährt manchen tiefen

Einblick in die Geheimnisse künstlerischen Schaffens; und doch ist

genug Handlung in dem Stücke, um selbst auf der Bühne Interesse zu

erregen. Mögen andere rügen, daß die Schilderung der Kunstfreunde und

dilettierenden Künstler sich von tendenziöser Bitterkeit nicht frei

hält und sehr deutlich an des Verfassers eigene Fehden mit der Kritik

erinnert; mögen sie tadeln, daß die Gestalt des Raffael, wie fast

alles Holde und Milde bei Hebbel, ganz schattenhaft gehalten ist: --

uns widersteht es, an einem erfreulichen und mit Unrecht vergessenen

Werke zu mäkeln. Dieser Michelangelo lebt wirklich -- ein hohes Lob,

da die allzu verbreitete Kenntnis der Kunstgeschichte hier der freien

Tätigkeit des Dichters schwer beengende Fesseln anlegte. Mancher

akademisch korrekte Künstler wird an dem jugendfrischen, vielsagenden

Worte „die Ordnung, mein' ich und bleibe dabei, beginnt erst bei der

Staffelei” seine eigene Hohlheit erkennen; mancher, der Hebbel mit

Mißwollen betrachtet, wird aus diesen einfachen Szenen den heiligen

Ernst des Schriftstellers begreifen.

Deutsche Lebensbilder · 第 19 / 25 段