Unendliche. In die leitende Idee des Dramas spielt noch eine zweite
Gedankenreihe hinein, welche freilich aus dem hastigen Tun des Helden
nicht klar hervortritt, desto klarer aus den Reden der Offiziere. Der
Dichter verherrlicht das Recht des freien Heldenmuts, der rettenden
Tat neben der toten Regel. Und hören wir die schönen Worte des alten
Kottwitz:
Herr, das Gesetz, das höchste, obere,
das wirken soll in deiner Feldherrnbrust,
das ist der Buchstab deines Willens nicht,
das ist das Vaterland, das ist die Krone,
das bist du selber, dessen Haupt sie trägt --
wer sollte da den Sehergeist des Dichters nicht bewundern? Denn gerade
so dachten drei Jahre später die Männer des ostpreußischen Landtags,
als sie, ohne den Ruf des Königs abzuwarten, für ihn und für das
Vaterland sich erhoben.
Noch vor wenigen Jahren wurde auf der Leipziger Bühne der Schlußvers
des Dramas, der Schlachtruf der Offiziere: „In Staub mit allen
Feinden Brandenburgs”, nicht geduldet. Er lautete dort, obschon der
mißhandelte Jambus sich heulend wider den Frevel verwahrte, „in Staub
mit allen Feinden Germaniens!” Ich aber glaube, daß eine nahe Zukunft
den „preußischen Partikularismus”, welcher der königlich sächsischen
Vaterlandsliebe so anstößig erschien, dem Dichter zum Ruhme anrechnen
wird. Der Prinz von Homburg darf noch auf ein langes Bühnenleben
zählen, denn er ist, kurz und gut, das einzige gelungene historische
Drama hohen Stils, das seinen Stoff aus der neuen deutschen Geschichte
schöpft -- aus der Geschichte, die noch in Wahrheit die unsere ist,
aus der Geschichte, die mit der derben Prosa ihrer Lebensformen
uns doch traulicher zum Herzen redet als die phantastische Pracht
des Mittelalters. Wir atmen die freie Luft des historischen Lebens
und fühlen uns doch behaglich wie in unserem Hause: niemand unter
uns, der nicht einmal seine Freude gehabt hätte an dem ehrlichen
grauen Schnurrbart eines wirklichen Obersten Kottwitz. Wer ganz
empfindet, wie von Grund aus das Gemüt unseres Volkes seit den Stürmen
des Dreißigjährigen Krieges sich verwandelt hat, der weiß diesen
glücklichen Griff des Dichters auch ganz zu würdigen. Und jetzt, da
endlich unter dem Segen des preußischen Heerwesens die alte stolze
Waffenfreudigkeit unseres Volkes überall in Deutschland wieder erwacht
ist, wird auch dies schönste Werk deutscher Soldatendichtung zu Ehren
kommen, und selbst die Schwaben und Obersachsen werden dem Sänger
verzeihen, daß er ein Preuße war. In dem großen Zusammenhange unserer
neuen Geschichte erhält Kleists Gedicht eine noch tiefere Bedeutung.
Fast anderthalb Jahrhunderte hindurch stand das Heer der Hohenzollern
und sein kriegerischer Adel verständnislos und unverstanden der wieder
aufblühenden Kunst und Wissenschaft der kleinen Staaten gegenüber.
Wohl berührten sich einmal leise die beiden Gegensätze, als das
Heldentum des großen Königs der deutschen Dichtung einen neuen Inhalt
schenkte, als der Dichter des Frühlings, Ewald Kleist, „für Friedrich
kämpfend niedersank”, wie seine Grabschrift sagt -- und die preußischen
Offiziere in Leipzig dem alten Gellert ihre Verehrung bezeigten. Doch
hier zum ersten Male ward der Waffenruhm der Preußen von einem Sohne
des märkischen Adels mit der vollen Pracht der deutschen Dichtung
gefeiert, und dies erscheint dem Nachlebenden wie die erste Annäherung
zweier Mächte der deutschen Geschichte, die beide gleich einseitig der
Ergänzung bedurften.
Wie frei und glücklich schwebt des Sängers Geist über dem
selbstempfundenen Leide, das er in diesem Gedichte uns darstellt!
Wie sollte der Dichter nicht endlich selber die Versöhnung gefunden
haben, die er so heiter an seinem Helden geschildert? Und doch stand
es anders, ganz anders um den Unglücklichen; nur für kurze Stunden war
ihm das heitere Spiel der Kunst ein Labsal. Er hatte weder aus seinem
edlen Werke den selbstgewissen Frohmut des Künstlers geschöpft, noch
im Verkehr mit Dahlmann die patriotische Zuversicht gelernt, welche so
fest und mannhaft aus der ruhigen Versicherung des Freundes sprach:
Napoleon wird fallen, wenn wir nur ausharren! Er sah das Reich des
„Höllensohnes” wie ein nimmersattes Ungetüm ein Glied nach dem andern
vom Leibe unseres Vaterlandes reißen, und allenthalben wohin er schaute
-- so sagt die erschütternde Klage seines „letzten Liedes” --
kommt das Verderben mit entbund'nen Wogen
auf alles was besteht herangezogen.
Er sah vor sich ein ruhmloses, sorgenvolles Leben, ohne Liebe, ohne
Hoffnung. Noch einige schlechte Novellen, einige kleine Anekdoten, um
wenig Geld für ein Berliner Winkelblatt hastig auf das Papier geworfen,
dann wird er matt und matter
und legt die Leier thränend aus den Händen.
Ich lasse mir nicht einreden, die Schätze dieses Geistes, der bis dahin
durch Pein und Krankheit hindurch unaufhaltsam zu immer schöneren
Werken aufgestiegen war, seien schon erschöpft gewesen. Was diesem
Dichter fehlte, war ein gehobenes, ein großes Vaterland. Ein einziger
Sonnenblick des Glücks -- und wenn auch nur der Brief Dahlmanns, der
den Freund gastlich nach Kiel lud, in die rechten Hände gekommen wäre!
-- und der Unselige konnte auch diesen Anfall des Siechtums wie so
viele vordem überstehen, um in einer schöneren Zeit sein Vaterland
mit edlen Gedichten zu entzücken. Es sollte nicht sein. Eben jetzt da
der Trieb der Selbstzerstörung wieder in ihm wühlt, tritt ihm eine
Freundin näher, welche, krank wie er, sich nach dem Grabe sehnt,
und abermals überfällt ihn der gräßliche Gedanke, den er einst der
Schwester schrieb: „Das Leben hat doch immer nichts Erhabeneres als
nur dieses, daß man es erhaben wegwerfen kann.” -- Erhaben wegwerfen!
Ach, wenn auch nur ein Zug der Erhabenheit zu spüren wäre in dem
jämmerlichen Ende des Dichters. Gleichmütig wie ein Mann, der abends
aus einem Zimmer in das andere geht, um sich zur Ruhe zu legen, mit der
ganzen schrecklichen Gelassenheit des Irrsinns gab Heinrich Kleist der
Freundin und sich selbst den Tod (21. Nov. 1811).
Die Gerechtigkeit der Geschichte hat auch seine Schuld gesühnt.
Grausamer strafte sie keinen als diesen Träumer, der zu früh
verzweifelte an seinem Volke. Noch sproßte kaum der Rasen auf dem
einsamen Grabe am Ufer des Havelsees, da brachte das Schicksal den
glühenden Wünschen dessen, der dort ruhte, die überschwengliche
Erfüllung. Da klirrte durch die Marken der Lärm der Waffen; da wies
ein anderer, ein größerer Prinz von Homburg durch eine rettende Tat
unserem Volke den Weg zum Siege; da dröhnten über das befreite Land die
Donner einer anderen Hermannsschlacht, die herrlicher, menschlicher war
als des Dichters Traumbild. Vielleicht daß einmal unter den preußischen
Offizieren ein Wort des Mitleids fiel um den treuen Kameraden, der
nicht warten konnte und nicht den Tod des Helden starb. Doch was
fragten die Hunderttausende, die zur Freiheit erwachten, nach einem
gebrochenen Herzen? Sie stürmten vorwärts, dem Siege entgegen, und
brausend klang es um die alten Fahnen:
„In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!”
Friedrich Hebbel
Friedrich Hebbel
(Königstein 1860.)
In zwiefachem Sinn ist die Dichtkunst die Herzenskündigerin ihrer Zeit.
Dem Dichter bleibt nicht nur das schöne Recht herauszusagen, was die
Gegenwart in ihren Tiefen bewegt; er zwingt auch die Zeitgenossen,
durch die Aufnahme, welche sie seinen Werken angedeihen lassen,
ihr innerstes Wesen der Nachwelt zu enthüllen. Die von Grund aus
verwandelte Stellung der Gebildeten zu den Werken der Poesie zeigt
klarer als irgendeine Tatsache der politischen Geschichte, daß wir
wirklich binnen weniger Jahrzehnte andere Menschen geworden sind.
Als nach einer langen Zeit vorherrschender literarischer Tätigkeit
die ersten Keime freien politischen Lebens in Deutschland sich
schüchtern aus dem Boden emporhoben, da galt es noch als ein Wagnis,
der ästhetisch verbildeten Lesewelt politische Geschäftssachen in
nüchterner geschäftlicher Form vorzutragen, und der alte Benzel-Sternau
kleidete weislich den langweiligsten aller Stoffe, einen Bericht über
die ersten bayrischen Landtage, in die phantastische Hülle eines
Briefwechsels zwischen Hochwittelsbach und Reikiavik. Nur zwanzig
Jahre vergingen, und jede Spur andächtigen Schönheitssinnes schien
hinweggefegt von der politischen Leidenschaft. Alles jubelte, wenn
die Meute gesinnungstüchtiger Zeitpoeten wider die vornehme Ruhe
des Fürstenknechtes Goethe lärmte. Das Vaterland forderte, wie ein
Wortführer jener Tage selbstgefällig sagt,
von der Dichterinnung
statt dem verbrauchten Leiertand,
nur Mut und gute Gesinnung.
Von diesem Äußersten unästhetischer Roheit freilich, von diesem
Selbstmordversuch der Poesie sind wir zurückgekommen. Der schwere
Ernst der politischen Arbeit lehrte uns die verschwommenen Phrasen der
Tendenzlyrik mißachten, und jener schlichte Sinn für das Wahre, welcher
das köstlichste Gut der Gegenwart bildet, wandte sich mit Ekel von
poetischen Gestalten, die kein eigenes Leben lebten, nur das Mundstück
waren für des Dichters politische Meinungen. Doch die alte Begeisterung
der Deutschen für das Schöne ist nicht wiedererwacht; dem starken und
tiefsinnigen Dichtergenius fällt in unseren Tagen ein unsäglich hartes
Los.
Wir wollen nicht allzu bitter beklagen, daß die gesamte Lyrik heute
lediglich von den Frauen gelesen wird, nur selten ein Mann von Geist in
verschämter Stille an seinem Horaz oder an Goethes römischen Elegien
sich erquickt: die Härte, der Weltsinn, die Aufregung des modernen
Lebens verträgt sich wenig mit lyrischer Empfindsamkeit. Und wenn in
sehr zahlreichen und sehr ehrenwerten Kreisen ein junger Mann, von dem
man nur weiß, er sei ein Poet, mit verhaltenem Lachen empfangen wird,
wenn man von ihm erwartet, er werde jenes Durchschnittsmaß von Verstand
und Willenskraft erst erweisen, das wir bei allen anderen Sterblichen
voraussetzen: so sehen wir keinen Anlaß, sentimental und verstimmt zu
werden ob dieser notwendigen Folge der poetischen Überproduktion. Aber
versuchet, in einem Kreise gebildeter Männer die triviale Wahrheit
zu verfechten, daß die Kunst für ein Kulturvolk täglich Brot, nicht
ein erfreulicher Luxus sei -- und Widerspruch oder halbe Zustimmung
wird euch lehren, wie arg der Formensinn verkümmert ist in diesem
arbeitenden Geschlechte. Es ist nicht anders, der ungeheuren Mehrzahl
unserer Männer gilt die Kunst nur als eine Erholung, gut genug, einige
müde Abendstunden auszufüllen. Wir widmen, was von Idealismus in uns
liegt, dem Staate, uns bedrückt eine Geschäftslast, welche die älteren
Geschlechter unseres Volkes nie für möglich gehalten hätten, wir wissen
den Wert der Zeit so genau zu schätzen, daß der ruhige briefliche
Gedankenaustausch unter tätigen Männern fast ganz aufgehört hat und
selbst unser geselliger Verkehr überall die Spuren hastiger Unruhe
zeigt. Eine solche ganz nach außen gerichtete Zeit sucht in der Kunst
die Ruhe, die Abspannung. Wer will bestreiten, daß Gustav Freytag seine
Popularität weit weniger seinem edlen Talente verdankt als seiner
liebenswürdigen Heiterkeit, welche auch dem Gedankenlosen erlaubt, vor
dem unverstandenen, aber lustigen Gebaren der Gestalten des Dichters
ein gewisses Behagen zu empfinden? Sehr undankbar ist in solchen Tagen
das Schaffen des pathetischen Dichters. Gelingt ihm sein schweres Werk
nicht vollkommen, so vereinigt sich zu seiner Verurteilung der Haß der
Massen gegen jeden, der ihren dumpfen Schlummer stört, und der gesunde
Sinn für Harmonie, dem eine niedrige, doch erfolgreiche Bestrebung
erfreulicher scheint als ein groß angelegtes, aber unfertiges Schaffen.
Dabei lebt in diesem prosaischen Geschlechte unausrottbar doch die
stille Hoffnung, daß das fröhlich aufblühende neue Leben unseres
Staates auch die dramatische Kunst einer großen Zukunft entgegenführen
müsse. Freilich nur eine unbestimmte Ahnung. Kein sicheres Volksgefühl
zeichnet dem jungen Dramatiker gebieterisch bestimmte Wege vor; uns
fehlt ein nationaler Stil, ein festes Gebiet dramatischer Stoffe, jede
Sicherheit der Technik. Unermeßlich, zu beliebiger Auswahl breitet sich
vor dem Auge des Poeten die Welt der sittlichen, sozialen, politischen
Probleme aus; und wenn schon diese schrankenlose Freiheit der Wahl
den geistreichen Kopf leicht zu unstetem Tasten, zum Experimentieren
verleitet, so wird ihm vollends die Sicherheit des Gefühls beirrt
durch die Wohlweisheit der Kritik. Scheint es doch, als verfolgten
manche Kunstphilosophen nur das eine Ziel, dem schaffenden Künstler
sein Tun zu verleiden, ihm den frischen Mut zu brechen. Was hat diese
Altklugheit nicht alles bewiesen: für das Epos sind wir zu bewußt, für
die Lyrik zu nüchtern, für das Drama zu unruhig; die alte Geschichte
ist für unsere Kunst zu kahl, das Mittelalter zu phantastisch, die neue
Zeit steht uns zu nahe -- und wie die anmaßenden und doch im Grunde
gehaltlosen Schlagworte sonst lauten. Zu den Füßen dieser überreifen
Ästhetik treibt eine vulgäre Kritik ihr Unwesen, deren erschreckende
Roheit täglich deutlicher beweist, daß die besten Köpfe der Epoche
sich der Kunst entfremdet haben. Wir wundern uns gar nicht mehr, wenn
ein tief empfundenes Kunstwerk als Nr. 59 unter „Fünf Dutzend neuer
Romane” abgeschlachtet wird, wenn eine Dichtung von G. Freytag oder
G. Keller allen Ernstes in eine Reihe gestellt wird mit den Arbeiten
der Frau Mühlbach oder ähnlichen Produkten einer volkswirtschaftlichen
Tätigkeit, welche sich lediglich durch das Verhältnis von Angebot und
Nachfrage bestimmen läßt. Wir fühlen uns nicht mehr befremdet, wenn
jener beliebige Herr Schultze, der im Erdgeschoß einer politischen
Zeitung seinen kritischen Sorgenstuhl aufgestellt hat, mit den
Dichtern und Denkern, deren Werke er beschwatzt, auf du und du
oder gar im Tone des Schulmeisters verkehrt. Wir empfinden für den
Kritiker sogar eine gewisse Hochachtung, wenn er die Kenntnisse eines
angehenden Obersekundaners entfaltet -- eine Bildungsstufe, welche in
diesen Kreisen unserer Literatur nicht allzu häufig erklommen wird.
Begreiflich in der Tat, wenn ein starker Künstlergeist, angeekelt von
diesem nichtsnutzigen belletristischen Treiben, auch die ehrenwerten
Ausnahmen übersieht, welche in unserer Presse zuweilen noch auftauchen,
und grimmig seiner Straße zieht.
Doch das schwerste Hemmnis, das die Gegenwart dem dramatischen
Dichter in den Weg wirft, ist die Gärung, die Unsicherheit unserer
sittlichen Begriffe. Wieviel einfacher als der moderne Mensch
standen unsere großen Dichter zu den Problemen des sittlichen
Lebens! Welchen sittlichen und ästhetischen Schatz besaß Schiller an
Kants kategorischem Imperativ -- eine großartige, streng sittliche
Weltanschauung, wie geschaffen für den Dramatiker, denn sie läßt
dem tragischen Charakter ungeschmälert die Freiheit. Seit die neue
Philosophie den Glauben an Gott und Unsterblichkeit erschüttert hat,
seit die Naturforschung beginnt, den Zusammenhang von Leib und Seele
schärfer zu beleuchten, steht der Dichter, wenn er zugleich ein Denker
ist, den einfachsten und schwersten sittlichen Fragen minder unbefangen
gegenüber; selbst die Idee der tragischen Schuld und Zurechnung,
die dem Dramatiker unbedingt feststehen muß, wird ihm leicht durch
Zweifel verwirrt und getrübt. Und wo ist sie hin, die edle, mit
Geist und Empfindung gesättigte Geselligkeit, die in den Tagen von
Weimar nur einige auserwählte Kreise unseres Volkes beglückte? Die
schamlose Frechheit der Halbwelt auf der einen, die unleugbar steifen,
gezwungenen Formen unserer guten Gesellschaft auf der anderen Seite
-- in einer solchen Umgebung erlangt der Künstler nicht leicht die
harmonische Bildung der sittlichen und der sinnlichen Kräfte.
Das Edle und Große dieser durchaus von der Politik, der
Volkswirtschaft, der Wissenschaft beherrschten Welt begeistert zu
empfinden, ihr Leben mitzuleben und dennoch das Schöne, nichts als das
Schöne zu schaffen, das ist die schwere Aufgabe des modernen Dichters.
Ein Zug der Resignation, das Bewußtsein, daß nicht jede Zeit dem
Künstler das Höchste zu erreichen gestattet, wird in solchen Tagen oft
den Geist des Dichters ergreifen, und sicherlich viele der heutigen
Poeten haben zuweilen mit eingestimmt in die Bitte, welche Friedrich
Hebbel einst an seine Muse richtete:
Du magst mir jeden Kranz versagen,
wie ihn die hohen Künstler tragen,
nur daß, wenn ich gestorben bin,
ein Denkmal sei, daß Kraft und Sinn
noch nicht zu Wilden und Barbaren
aus meiner Zeit entwichen waren.
Das ganze Wesen des Mannes liegt in diesen Zeilen: sein Stolz, sein
ernster Künstlersinn und jene hoffnungslose Verstimmung, die ihn seinem
Volke entfremdete. Aber wie schwer er auch irrte, den Ruhm, den er
sich in jenen Zeilen erfleht, wird ihm heute kein Unbefangener mehr
versagen. Er dachte groß von seiner Kunst, er lebte ihr mit rastlosem,
fruchtbarem Fleiße, mit Andacht und Sammlung, treu seinem Ausspruch:
„Leben heißt tief einsam sein.” Oftmals berührt von den Sünden der
Zeit, die er lästerte, hat er nie wissentlich ihren Launen gehuldigt;
in ihm waltete jene vornehme Selbstgewißheit, welche jedes unmittelbar
tendenziöse Einwirken der Poesie auf die Gegenwart verschmäht und sich
des freudigen Glaubens getröstet, daß der Gehalt der Dichtung ein
ewiger ist und seiner Stunde harren kann.
Ein ditmarscher Kind, in einer engen und harten Welt aufgewachsen,
bewahrte Hebbel immer einen Zug rauher reckenhafter Kraft, also daß
starke nordische Naturen, wie der alte Dahlmann, ihm die Teilnahme
des Landsmannes nie versagten, auch wenn sie seinen Wandlungen nicht
folgen mochten. Er selber bezeichnete die altgermanische Welt und die
Bibel gern als die Quellen seiner Dichtung. Doch auch andere, minder
lautere Kräfte schlugen in sein Leben ein: die nervöse Sinnlichkeit
des modernen Paris, die zersetzende, glaubenlose Reflexion der
jungdeutschen Literatur. Verbittert durch die Entbehrungen einer
freudlosen Jugend, ward der stolze Mann launisch, anmaßend, gehässig;
bis zur Grausamkeit selbstisch mißbrauchte er die Güte der Menschen,
die sich ihm liebend hingaben. Erst nach langen Irrgängen, da er
endlich wieder zurückgriff zu den Sagengestalten unserer Vorzeit,
die ihm die Träume der Knabenjahre erfüllt hatten, gelang ihm ein
Kunstwerk, das dauern wird.
Die Künstlertugend, welche an Hebbel zuerst in die Augen fällt,
ist der seltene, dem Dilettanten allezeit unverständliche Sinn
für die Totalität des Kunstwerks. Er verachtet das Haschen
nach Einzelschönheiten, wie die kleinmeisterliche, an einzelne
Auffälligkeiten sich festklammernde Kritik. Schon aus diesem einen
Grunde sollte man endlich aufhören, ihn mit Grabbe zu vergleichen.
Grabbe war das Kind einer sinkenden Epoche, welche die Ideale einer
großen Vergangenheit in zuchtlosem Übermute zerschlug; in diesem rohen
Talente war keine Entwicklung. Hebbel erscheint als der Sohn einer
aufstrebenden Zeit, welche neue Ideale zu gestalten suchte. Freilich
es war ein Suchen, an dem der grübelnde Verstand oft mehr Anteil
hatte als die schaffende Phantasie. Der Dichter experimentierte, er
tastete umher nach einem Kunstwerk der Zukunft, in seinen ersten Werken
erschien die Intention ungleich stärker als die lebendige Ausführung.
Das traurige Wort, womit Hebbel einst die Frage „Man weiß doch, was ein
Lustspiel heißt?” beantwortet hat: -- „Dies steht so klar vor meinem
Geist, daß, wenn ich's minder hell erblickte, das Werk vielleicht mir
besser glückte” -- dieses unselige Geständnis gibt leider den Schlüssel
zu einem großen Teile seines Schaffens. Er haßt die Phrase, niemals
drängt sich bei ihm der Verstand in der prosaischen Form undramatischer
Betrachtungen hervor; aber bei aller realistischen Anschaulichkeit im
einzelnen läßt das Ganze oft kalt, erscheint als gemacht und geklügelt.
Und so findet sich bei Hebbel, der nach dem edlen Ziele strebt, alles
Geistige zu verleiblichen, das Zusammenfallen von Idee und Bild ebenso
selten wie bei Klopstock, von dem ein altes treffendes Wort sagt, er
habe alles Leibliche des Körpers entkleidet.
Man hat Hebbel schweres Unrecht getan, wenn ihm die Wärme des Gemüts
gänzlich abgesprochen ward. Selbst aus den verfehltesten seiner
Gedichte bricht zuweilen, und dann ergreifend, eine starke und tiefe
Empfindung hervor. Wer die Gedichte kennt, worin er Selbsterlebtes, wie
das stille Glück des Hauses besingt, der wird den herzlosen Vorwurf der
Herzlosigkeit nicht wiederholen. Er dichtete nur, wenn der Geist ihn
rief, ließ oft jahrelang die halbfertigen Gestalten seiner Entwürfe
ruhen, bis sie von selber wieder erwachten. Trotzdem trat in den also
aus künstlerischem Drange entstandenen Werken die Reflexion zuweilen
so stark hervor, daß der Hörer kaum wußte, ob ein Dichter oder ein
Denker zu ihm sprach. Dies verrät sich vornehmlich in der Zeichnung
der Charaktere. Otto Ludwig nennt in seiner grobkörnigen Weise Hebbels
dramatische Gestalten kurzab „psychologische Präparate”, er meint:
„sie tun dick, sie wissen sich etwas” mit ihrer Eigenart. Ein hartes
Urteil, das Hebbels ältere Werke leider nicht immer Lügen strafen.
Seine Charaktere handeln so folgerecht, daß wir jedes ihrer Worte
vorausberechnen können; er motiviert oft mit überraschender Feinheit,
und eine große dialektische Kraft steht ihm zu Gebote, um den Irrgängen
innerer Kämpfe nachzugehen. Aber über dem allzu eifrigen Bemühen, den
Charakteren feste scharfe Umrisse zu geben, verlieren sie die Farbe,
das Leben. Wohl zwingt die strenge Prägnanz des Dramas den Dichter,
seinen Menschen offenherzige Geständnisse in den Mund zu legen,
welche der phantasielose Verstand unnatürlich findet; doch die helle
Selbsterkenntnis, welche Hebbel seinen Charakteren leiht, überschreitet
zuweilen die Grenzen der poetischen Wahrheit, und wie selten schallt
aus diesen Menschen der volle Brustton naturwüchsiger Leidenschaft
heraus, den, wie alles Herrlichste in der Kunst, keine Anstrengung des
Hirns erklügeln kann!
Es klingt wie ein unwillkürliches Selbstbekenntnis, wenn dieser
zwischen dem Reiche des Gedankens und dem Reiche der Phantasie
einherschwankende Geist einmal ausruft:
Ein Shakespeare lächelt über Alle hin
und offenbart des Erdenrätsels Sinn,
indes ein Kant noch tiefer niedersteigt
und auf die Wurzel aller Welten zeigt.
Der Denker verachtet den stofflichen Reiz, das Anekdotenhafte in der
Kunst, er will nicht „der Auferstehungsengel der Geschichte” sein.
Er fühlt, daß die moderne Bildung ein Recht hat, über die Tragik
Shakespeares hinauszugehen und eine Tragödie der Idee, nach dem
Vorbild des Faust, zu fordern; und so fest hält er diesen Gedanken,
daß er niemals versucht, eine einfache Charaktertragödie zu schreiben.
Die bunte Fülle des Menschenlebens reizt ihn nur, wenn sie ihm ein
„Problem”, einen Kampf der Ideen, zur Lösung darbietet. Unter allen
Rätseln des Menschendaseins hat ihn keines so anhaltend beschäftigt
wie das Verhältnis von Mann und Weib; von der Judith bis herab zu
den Nibelungen, in den mannigfachsten Formen versucht er dies große
Problem künstlerisch zu gestalten, immer tiefsinnig und mit starkem
Gefühle, doch zuweilen spielt auch die häßliche Überfeinerung moderner
Sinnlichkeit in seine Bilder hinein.