Während Kleist so liebevoll die Gestalten der deutschen Vorwelt

schilderte, war in ihm längst der heilige Schmerz erwacht um die

Gegenwart des Vaterlandes. Er hatte wohl einst über seinem Dichterleide

die weite Welt und Deutschland mit ihr vergessen, den Tod gesucht,

wo er auch sei. Sobald er sich selber wieder angehörte, regte sich

doch der preußische Offizier. Der Künstler steht der Natur näher als

der Denker; löst er sich ab von seiner Heimat, so geschieht ihm wie

dem starken Baume, der in fremden Boden verpflanzt die Schollen des

mütterlichen Erdreichs an seinen Wurzeln mit sich nimmt. Der freie

Geist des Dichters hatte das öde Einerlei des Garnisondienstes nicht

ertragen, er mochte zuweilen von der Höhe seiner philosophischen

Bildung mitleidig herablächeln auf die militärischen Barbaren daheim.

Die stolzen kriegerischen Erinnerungen seines Vaterhauses, dem des

Königs Rock als das Kleid der Ehre galt, die glänzenden Bilder des

preußischen Waffenruhms, die durch die Träume seiner Kinderjahre

geschritten waren, hafteten doch weit fester, als er sich selbst

gestand, in seinem treuen Gemüte; und als das Verderben an seinen

Staat herantrat, da erwachte der Stolz des Preußen, des Deutschen,

die angelernten philanthropischen Ideen fielen zu Boden. Schon

während des Feldzugs von 1805 fragt er bitter, warum der König nicht

sofort, nachdem die Franzosen durch Ansbach marschiert, seine Stände

zusammenberufen und durch einen kühnen Krieg die Verletzung des

preußischen Gebiets gerächt habe. Immer häufiger erklingt fortan in

seinen Briefen die Klage über die finstere Zeit, wo das Elend jedem

in den Nacken schlägt. Auf die erste Kunde von der Schlacht von Jena

schreibt er mit dem ganzen Stolze und der ganzen Verblendung eines

friderizianischen Offiziers: „20000 Mann auf dem Schlachtfeld und doch

kein Sieg!” Dann erfährt er wie ein Betäubter die volle schreckliche

Wahrheit, dann übergibt ein Mann, der seinen Namen führt, die erste

Festung Preußens schimpflich an den Feind, dann sieht der Dichter

in Königsberg aus nächster Nähe den tiefen Fall des Hofes und des

Staates, und endlich muß er die Faust des Unterdrückers noch an seinem

Leibe empfinden. Sein scharfer Verstand hatte schon vor Jahren, da er

umnachteten Sinnes durch Frankreich irrte, die prahlerische Nichtigkeit

der eitlen Welteroberer unbarmherzig durchschaut; auch ihre Roheit

sollte er jetzt erfahren, da er während des Feldzuges von 1807 durch

ein Mißverständnis als Spion gefangen und nach Frankreich geschleppt

wurde. Er saß dann durch lange finstere Wochen auf dem Schlosse Joux

hoch im Jura, auf derselben Festung, wo einst Mirabeau die wildesten

Stunden seiner Jugend verlebt hatte.

Nun kehrte er heim in sein geschändetes Vaterland, mit dem vollen

Verständnis für die Größe der Zeit, er sah „Ungeheures, Unerhörtes

nahen”, eine Macht des Unheils heranfluten wider jedes Heiligtum der

Menschheit. Und diese Empfindung wuchs und wuchs, sie wurde etwa seit

der Vollendung des Käthchens (1808) die herrschende Macht in seinem

Geiste, also daß Dahlmann den Selbstmord des Dichters kurzweg aus

der Verzweiflung am Vaterlande erklärt. Wer kennt nicht eine jener

einsiedlerischen Naturen, die in tiefer Stille mit der ganzen Macht

ihrer unzerstreuten Leidenschaft alle Zuckungen der vaterländischen

Geschicke mitempfinden? So lebte auch Kleist in seinem einsamen Zimmer

ein hocherregtes historisches Leben: prächtig, eine himmelhohe Flamme

schlug dann das entfesselte Gefühl aus seiner verschlossenen Brust

empor. Er brauchte nicht erst, wie die zum Vaterlande zurückkehrenden

Gelehrten, die Fichte und Arndt, auf den weiten Umwegen des Gedankens

die Idee des Volkstums und ihr Recht sich selber zu erklären. Er liebte

Deutschland, wie dem Dichter ansteht, unwillkürlich, unmittelbar,

„weil es mein Vaterland ist” -- so läßt er in seinem patriotischen

Katechismus einen deutschen Knaben sprechen. Die glorreiche Fahne, die

er einst in seinen jungen Händen getragen, da lag sie im Staube. Ihre

Ehre war die seine. Ihre Schmach zu rächen greift er zu jeder Waffe,

er schreibt Pamphlete, Satiren und ohne jedes ästhetische Bedenken

Gedichte. Er hätte sie nicht verstanden, die armselige Frage, die

in einer späteren müden Zeit unter uns aufgeworfen ward, die Frage,

ob eine Poesie des Hasses ein Recht habe zu sein. Er wußte, daß die

Dichtung jedes berechtigte Gefühl der Menschenbrust schildern darf

und daß in diesen Tagen der Haß die letzte und höchste Empfindung des

deutschen Mannes war. Es galt das Dasein der Nation; die Begeisterung

der Ideologen, die Stimme des natürlichen Gefühls und die Berechnung

des Staatsmannes fielen in eines zusammen; nur eine solche Zeit konnte

einen so ganz in der Anschauung, der Empfindung lebenden Geist zur

politischen Dichtung führen.

Kleist ward, nach dem alten Gleim und den Poeten des Siebenjährigen

Krieges, der erste unserer neueren Dichter, der seine Muse den

politischen Zwecken des Augenblickes dienen ließ, der erste, dem

dies Wagnis völlig glückte. Er weiß und will nur eines -- den Kampf

der Waffen, augenblicklich, unverzüglich. Er lacht der „Schwätzer”,

der Tugendbündler und Philosophen, die von einem Kampfe der Gedanken

faseln, wirft ihnen Spottverse ins Gesicht ganz so ungeschlacht und

ungerecht wie jene, die er einst gegen Goethe geschleudert hatte. Es

leidet ihn nicht mehr im Norden als der Krieg von 1809 beginnt, er

eilt hinaus nach dem Schlachtfelde von Aspern, und da auch diesmal die

Heere der Feinde siegen, faßt er in vollem Ernst den Gedanken auf,

mit dem die erbitterte Jugend jener Tage spielte: er will durch die

Ermordung Napoleons das Vaterland befreien und -- mit einer großen Tat

sein eigenes zerrüttetes Dasein beenden. So berichtet eine nicht streng

beglaubigte, aber keineswegs unglaubhafte Überlieferung; allem Anschein

nach hat nur ein Zufall den gräßlichen Plan vereitelt. Und derselbe

dämonische Haß, dieselbe fürchterliche Wildheit tobt auch durch seine

patriotischen Gedichte. Feuriger hat nie ein Sänger zu unserem Volke

gesprochen als Kleist in der mächtigen Ode „Germania an ihre Kinder”:

Schlagt ihn tot, das Weltgericht

fragt euch nach den Gründen nicht!

Die Lust der Vergeltung, unzertrennlich von jeder Erhebung eines

mißhandelten Volkes, hat auch in unserem Freiheitskriege mächtiger

gewaltet, als wir nach den verblaßten Schilderungen der Nachlebenden

gemeinhin annehmen; schrieb doch Gneisenau nach dem Tage von Leipzig

frohlockend wie ein antiker Held: „Wir haben die Nationalrache in

langen Zügen genossen.” Wollen wir Kleists furchtbare Zeilen: „Alle

Triften, alle Stätten färbt mit ihren Knochen weiß” geschichtlich

verstehen, so müssen wir uns der Stimmung erinnern, die im Jahre

1813 in den unteren Schichten unseres Volkes lebte: -- der wilden

Kriegsweise der Landwehrmänner: „Schlag ihn tot, Patriot, mit der

Krücke ins Genicke;” der gefangenen Rheinbundoffiziere, denen der

preußische Soldat die französischen Orden von der Brust riß; des

gräßlichen lautlosen Würgens in der ersten Landwehrschlacht, bei

Hagelberg, und all der rohen Auftritte, welche des Krieges Gefolge

bilden.

Nur diese Glut der Leidenschaft erlaubt unserem Dichter das Unmögliche:

ein Poet zu bleiben, indem er die allerbestimmteste Tendenz verfolgt.

Seine Lieder halten sich ganz in der Sphäre der reinen Empfindung und

streifen nie über in das Gebiet der Reflexion, der Phrase, wohin seine

Nachfolger, die Sänger der Freiheitskriege, sich nicht selten verirren.

Zwar, dem Manne, der seinen Hermann sagen läßt, einen Gallier, einen

Deutschen könne er sich wohl als Weltherrscher denken, „doch nimmer

diesen Latier, der keine andre Volksnatur verstehen kann” -- ihm

wird man nicht vorwerfen, er habe die Idee des großen Kampfes nicht

verstanden. Auch vermag er zuweilen sein erregtes Gefühl zu gehaltenem,

maßvollen Ausdrucke zu zwingen; wie würdig und edel stellt er die

sittliche Größe des gedemütigten preußischen Staates dem rohen Hochmut

des Siegers gegenüber, indem er den nach Berlin heimkehrenden König

also anredet:

Blick auf, o Herr, du kehrst als Sieger wieder,

wie hoch auch jener Cäsar triumphiert!

Doch der Grundton, der vorherrschende Charakterzug seiner patriotischen

Poesie bleibt nichtsdestoweniger der Haß, und darum stellt sie nur

eine Seite der großen Erhebung dar, welche ein Jahr nach des Dichters

Tode begann. Denn Gott sei Dank, nicht so nach Spanierart, wie dieser

Dichter träumte, sollten die Deutschen in den Entscheidungskampf

hineinstürmen. Von dem sittlichen Pathos und der religiösen

Begeisterung der jungen Freiwilligen, von der Gutherzigkeit und dem

Edelmute, die unser Volk auch in seinem wilden Hasse sich bewahrte

-- von diesen herzgewinnenden Tugenden, wodurch die deutschen

Freiheitskriege in der gesamten modernen Geschichte einzig dastehen und

allmählich selbst die Bewunderung ihrer eitlen Feinde erwecken -- von

alledem ist in Kleists Gedichten wenig zu spüren. Er redet die Sprache

einer gequälten Zeit, die sich in wilden Träumen hinaussehnt nach dem

Kampfe und nur den einen Gedanken zu denken vermag: „Zu den Waffen, zu

den Waffen, was die Hände blindlings raffen.” Erst mit der Erhebung,

mit der Gewißheit des Sieges konnte die patriotische Leidenschaft Maß

und Haltung gewinnen. Und wer darf bezweifeln, daß Kleist, hätte er den

Tag der Befreiung erlebt, fähig gewesen wäre, mit einzustimmen in die

reineren und freieren Klänge jener glücklichen Zeit? Wer fühlte nicht,

daß der Haß des Dichters nur die Kehrseite ist einer innigen Liebe?

Derber, roher noch redet der Ingrimm in den prosaischen Schriften.

Mit unbeschreiblich grausamem Spott wird das märkische Edelfräulein

geschildert, das sich von einem französischen Gecken verführen läßt,

der sächsische Offizier, der mit patriotischem Hochgefühl unter den

Fahnen des Rheinbundes weiter dient. Dann folgen Anekdoten aus dem

letzten Kriege, kleine Züge preußischen Soldatenmuts, die den Geist des

Heeres beleben sollen, vorgetragen im allerderbsten Wachstubentone,

mit zynischem, wildem Humor; der Erzähler weiß sich vor Entzücken

kaum zu halten, wenn seine Helden noch sterbend mit „einem ungeheuren

Witze” die Franzosen verhöhnen. Auch die erhabene Rhetorik Arndts,

den Ton des „Geistes der Zeit”, versucht der Dichter in einzelnen

pathetischen Aufsätzen nachzuahmen. Ganz unbefangen wiederholt er die

Bilder und Wendungen seiner Gedichte in den prosaischen Schriften.

Mit vollem Rechte; denn der Wert dieser unförmlichen Versuche liegt

allein in der wilden Naturkraft einer patriotischen Leidenschaft,

welche in unserer gesamten Literatur kaum ihresgleichen findet. --

Was immer uns erschrecken und empören mag an diesem erregten Tun, wir

freuen uns doch, den Dichter also zu sehen. Sein Auge, das so lange in

unfruchtbarem Mißmut nur in sich hineingeschaut, blickt freier, offener

in die Welt hinaus; die krankhaften Züge seines Wesens treten zurück

vor der Hoheit einer großen Leidenschaft.

Schon vor dem Kriege von 1809 hatte Kleist in seiner „Hermannsschlacht”

ein Bild des Befreiungskampfes gezeichnet, wie er ihn sich dachte.

Wir überschauen mit einem Blicke das Aufsteigen unseres Volkes von

der lyrischen zur dramatischen Empfindung, wenn wir dies mächtige

Werk, wo selbst die „See, des Landes Rippen schlagend, Freiheit

brüllt”, mit Klopstocks Hermannsschlacht vergleichen. Nichts mehr

von dem unbestimmten Pathos, das bisher immer den Schilderungen der

germanischen Urzeit angehaftet hatte; leibhaftig, in voller sinnlicher

Wahrheit tritt diese fremde Welt vor uns hin, ausgemalt bis in den

kleinsten Zug und doch ohne alle gelehrte Genauigkeit. Nichts mehr von

dem „Bardengebrüll” abstrakter Heroengestalten; wir sehen den Hermann

der Geschichte, den staatsmännischen Barbaren, der um des Vaterlandes

willen keine der argen Künste römischen Truges verschmäht. Er sucht

den Tod im Freiheitskampfe, und nichts soll ihn bewegen, „das Aug' von

dieser finstern Wahrheit ab buntfarb'gen Siegesbildern zuzuwenden”;

nichts ist ihm hassenswürdiger, als was sein Herz erweichen, dem großen

Werke entfremden könnte: „Was brauch ich Latier, die mir Gutes tun?”

Seines Landes Blüte, die Gefühle seines Weibes, die Treue des gegebenen

Wortes opfert er ohne Bedenken; der geborene Herrscher, wohin er tritt,

spielt er voll übermütigen Humors mit seiner Umgebung; doch an der

religiösen Andacht, womit er seinen Plan betreibt, mag man erkennen,

wie zartbesaitet das Gemüt dieses rauhen Helden ist. Nur einem Boten

vertraut er die verhängnisvolle Botschaft an Marbod, denn „wer wollte

die gewalt'gen Götter also versuchen?” -- und als endlich die große

Stunde erscheint, als die Barden ihren erhabenen Gesang beginnen, da

bricht der eiserne Mann, jedes Wortes unfähig, in tiefer Bewegung

zusammen. Wie in übermütiger Laune, in bewußtem Gegensatze zu den

leeren Tugendmustern der Klopstockschen Muse zieht der Dichter das

Idealbild der Thusnelda in die Kleinheit des zeitgenössischen Lebens

herab; er schildert sie „wie die Weiberchen sind, die sich von den

französischen Manieren fangen lassen”, als eine Geistesverwandte jenes

märkischen Edelfräuleins.

Das Gelungene nimmt der Leser hin als selbstverständlich; wenige

fühlen, welcher Künstlerweisheit der Dichter bedurfte, um einen so ganz

unästhetischen Stoff zu gestalten. Die Römer werden durch berechneten

Verrat in das Verderben gelockt; die Gefahr liegt nahe, daß unsere

Teilnahme von den Unterdrückten sich zu den Unterdrückern wende. Aber

der frevelhafte Übermut dieser Fremdlinge macht jedes Mitleid mit

ihrem Untergange unmöglich; und doch ist der Römerstolz zu anziehend

geschildert, als daß sie uns ästhetisch beleidigen könnten. Der

Grimm des Helden steckt uns an; wir glauben, wir verzeihen alles der

Wahrhaftigkeit dieses Hasses, wir rufen mit ihm:

Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens

sich eingefilzt wie ein Insektenschwarm,

muß durch das Schwert der Rache jetzo sterben!

Der epische Stoff gestattet nicht eine wahrhaft dramatische

Verwicklung. Die ersten vier Aufzüge enthalten nur die Exposition,

und der Schluß, die Teutoburger Schlacht, kann, da das Drama der

epischen Massenbewegung nicht mächtig ist, dem weit ausholenden

Anlaufe nicht ganz entsprechen. Auch diesen unheilbaren Mangel weiß

der Dichter durch kunstvolle Steigerung mindestens zu verdecken: wir

folgen dem Anschwellen der Volksbewegung mit wachsender Spannung, wir

sehen die schwarzen Wasser Zoll für Zoll emporsteigen und zittern

dem Augenblicke, da die Flut über den Damm hinüberschlagen muß, mit

einer Angst entgegen, welche der echten dramatischen Spannung sehr

nahe kommt. Darum bleibt immerhin möglich, daß das Werk noch einmal

dauernd für die Bühnen gewonnen werde. Allerdings nur für die zwei oder

drei Bühnen, welche noch ein erträgliches Ensemble zustande bringen;

denn ewiger Vergessenheit möge er anheimfallen, der zähnefletschende,

in einem Löwenfelle einherstolzierende Unhold, der sich vor einigen

Jahren auf einem namhaften Theater böswillig für Hermann den Cherusker

ausgab: -- und wo ist der Schauspieler zweiten Ranges, der sich an

die kleine Rolle des Varus wagen darf? der den geknickten Stolz des

Römerfeldherrn, die Ahnung des hereinbrechenden Verderbens, das Grauen

vor den Schicksalsworten der Alraune in einem Monologe von vier Versen

veranschaulichen könnte?

In einigen Zügen maßloser Wildheit verrät sich wieder der Sänger der

Penthesilea. Man mag die gräßliche Szene ertragen, wo der alte Germane

sein geschändetes Kind ersticht: der Dichter hat mit glücklicher Ahnung

erkannt, daß Verbrechen wider die Frauen bei allen edlen Völkern

jederzeit ein Haupthebel großer Empörungen waren. Doch schlechthin

empörend bleibt der Auftritt, wo Thusnelda ihren römischen Verehrer

von der Bärin zerfleischen läßt -- unerträglich schon, weil _diese_

Thusnelda solcher Rache nicht wert ist. Die Tendenz des Gedichtes tritt

mit solcher Unbefangenheit hervor, daß wir auf die Rheinbundskönige

unter den Germanenfürsten mit Fingern weisen können; aber die Tendenz

liegt in dem Stoffe selbst. Und stehen wir selber denn heute, da die

alte Blutschuld der Könige von Napoleons Gnaden noch immer nicht

gesühnt ist, den Leidenschaften dieser napoleonischen Zeit ganz

freien Gemüts gegenüber? Darf der Deutsche gänzlich untergehen in dem

Ästhetiker? Darf er nicht auch seine patriotische Freude haben an der

erhabenen poetischen Gerechtigkeit, welche dieser Hermann vollstreckt?

Ich bekenne gern, daß ich niemals ohne herzliche Erquickung lesen kann,

wie dem Ubierfürsten Friedrich von Württemberg der Kopf vor die Füße

gelegt wird.

Wie der Dichter einst der finsteren Erscheinung der Penthesilea die

rührende Gestalt des Käthchens hatte folgen lassen, so trieb ihn jetzt

ein glücklicher Geist, diesem Gemälde seines patriotischen Hasses ein

heiteres Bild der Heimatliebe entgegenzustellen. Er schuf das reifste

seiner Werke, den Prinzen von Homburg, und knüpfte Hoffnungen daran.

Aber die kalte Aufnahme des Werkes sollte ihm zeigen, wie wenig eine

politisch bewegte Zeit fähig ist zu begreifen, daß eine patriotische

Idee dem Künstler selten mehr sein kann als ein Motiv. Er sollte

erfahren, wie wenige Leser in jeder Zeit imstande sind, das Ganze

eines Kunstwerks zu fassen. Wir hofften, hieß es, einen Helden zu

schauen voll Kraft und edler Gedanken, der alles besitzt, was unserem

gedrückten Geschlechte fehlt; und nun bringst du uns diesen wächsernen

Achilles, so schwach und menschlich wie wir selbst? Und doch ist

Kleists Prinz von Homburg die idealste Verherrlichung des deutschen

Soldatentums, welche unsere Dichtung besitzt. Seltsam genug schreibt

das große Publikum dem „Lager Wallensteins” dies Verdienst zu. Weil

Schiller uns selbst unter der ruchlosen Soldateska des Friedländers

heimisch macht, weil die seltene Erscheinung seines Humors hier in

glänzenden Funken sprüht, so hat man sich gewöhnt, dem nur dramatisch

Gültigen absoluten Wert beizulegen. Unsre Soldaten singen das ganz

dramatisch gedachte Reiterlied so harmlos, als wäre die rohe Kampfwut

einer entsetzlichen Horde ein passendes Gefühl für unser Volk in

Waffen. Wie bei so vielen Gedichten Schillers, ist auch hier durch den

langen Gebrauch der wahre Sinn verloren gegangen. Nun gar was sich

heute Soldatenpoesie nennt -- jene witzelnden Klatschgeschichten aus

der Langeweile des Rekrutendrillens und des Parademarsches -- das

ist jedem rechten Soldaten ein Greuel. Hier aber redet jener schöne

Idealismus des Krieges, der jedem rechten Deutschen unverwüstlich im

Blute liegt. In jeder Zeile kriegerisches Feuer, überall die kecke,

frische deutsche Reit- und Schlaglust und doch so gar nichts von dem

polternden Säbelgerassel der Franzosen. Es ist als ob der Dichter

vor- und rückschauend ein ideales Durchschnittsbild gezogen hätte aus

der Geschichte der preußischen Armee von Fehrbellin bis Königgrätz.

Tapfere Krieger, geschart um einen heldenhaften Fürsten, in fester

Mannszucht geschult, und doch freie Männer, deutsche Naturen, die auch

unter der harten Ordnung des Gesetzes sich noch ein selbständiges Herz

bewahren und dem Herrscher aufrecht die Wahrheit sagen -- so war, so

ist das Heer, das Deutschlands Schlachten schlug, und hier wird es uns

geschildert mit einfacher Treue, mit jener anheimelnden Wärme, welche

nur das Selbsterlebte dem Dichter in die Seele haucht.

Von diesem bewegten Hintergrunde nun hebt sich ab eine fein und tief

gedachte dramatische Verwicklung. Jetzt endlich ist Kleist ganz

Dramatiker; nachdem er sich so oft in epische Stoffe verloren, hält

er sich hier streng in den Schranken seiner Kunstform. Er zeigt uns,

wie der Jüngling vom Manne träumt und dann zum Manne wird -- ein

Problem, althergebracht in den Romanen und leicht zu lösen für den

Romandichter, doch überaus schwierig für den Dramatiker. Und wieder,

wie in der Penthesilea, aber milder, heiterer als dort, erzählt uns der

Dichter die Geschichte seines Herzens; er leiht seinem Helden seine

eigene wundersame Empfindung, diese jähe, stürmische Leidenschaft, die

dann plötzlich wie in Zerstreutheit innehält, sich verliert in süße

Selbstvergessenheit. Der Prinz erscheint zu Anfang als ein unreifer

übermütiger Jüngling, er lebt wie einst der Dichter selbst immer in

der Zukunft, nie dem Augenblicke; begehrlich schweifen seine stolzen

Träume den Taten um eine Welt voraus; mit all seiner Liebenswürdigkeit

ist er doch noch erfüllt von jener naiven Selbstsucht der Jugend, die

den Gedanken der Pflicht, des Gesetzes nicht fassen kann. In solcher

Stimmung unternimmt er in der Schlacht von Fehrbellin gegen den Befehl

des Kurfürsten den kecken Angriff, der den Sieg entscheidet. Und hier

weiß der Dichter mit bewunderungswürdigem Künstlerverstande selbst die

dramatisch ganz unbrauchbare rührende Geschichte von dem Opfertode des

Stallmeisters Froben als einen Hebel der Entwicklung zu verwenden. Der

Kurfürst gilt für tot, man hat sein weißes Schlachtroß im Getümmel

fallen sehen. Der Prinz fühlt sich darum als den Führer des Heeres, als

den Beschützer des verwaisten Hofes, er bekennt der Prinzessin Natalie

seine Liebe und steigt zum Gipfel des Übermutes empor: alle Kränze

des Ruhmes und der Liebe wähnt er mit einem Griffe auf seine trunkene

Stirn herabzureißen -- gleich dem Dichter des Guiscard. Da erscheint

der totgeglaubte Kurfürst wieder. Dem Jüngling tritt der Mann entgegen,

so groß und so schlicht, so streng und so weich, eine herrliche

Fürstengestalt, von der wir nur bewundernd sagen können: das ist

deutsche Herrschergröße. Der vorwitzige Knabe soll jetzt den Ernst des

Gesetzes empfinden, der ungehorsame General wird zum Tode verurteilt.

Unbarmherzig, wie immer, wenn es gilt, einen tiefen Gedanken bis auf

die Hefe auszuschöpfen, treibt nun der Dichter den aus seinen Träumen

Aufgestörten hinab in die tiefste Entwürdigung. Der Prinz bettelt

um sein Leben, und erst als er endlich die Gerechtigkeit des harten

Spruchs erkennt, sein Haupt freiwillig dem beleidigten Gesetze zur

Sühne darbietet, wird Gnade und Versöhnung dem Jüngling zuteil, den wir

vor unseren Augen in fünf kurzen Akten zum Manne heranwachsen sahen.

Haben wir also die Idee des Dramas begriffen und uns befreundet mit

der ungewohnten Erscheinung eines Bühnenhelden, welcher nicht fertig

vor uns hintritt, sondern erst wird, dann verstehen wir auch, daß der

Dichter in dieser scheinbar höchstpersönlichen Seelengeschichte einen

höheren Gedanken darstellen wollte als das Recht der militärischen

Subordination: er gab ein Bild von dem Werden des Mannes, hier

zum ersten Male gelang ihm eine typische Gestalt. Dann erscheint

auch die seltsame Schlafwandlerszene am Eingang lediglich als ein

phantastisches Beiwerk, das den Sinn des Sängers gefangen hielt wie ein

schöner Traum und doch den Gang des Dramas nicht wesentlich beirrt.

Nur ein Mißklang stört das herrliche Gedicht: jene verrufene Szene,

die uns den Prinzen in feig unwürdiger Todesfurcht vorführt. Gewiß,

die Demütigung des Helden ist unerläßlich für den Plan des Dramas,

und ihre poetische Wahrheit empfindet jeder, dem jugendliche Stoiker

verhaßt sind. Hundertmal lieber diese hellenische Natürlichkeit, dies

naive Schaudern vor dem Tode, als jene gespreizten Eisenfresser der

Nachahmer Schillers, welche zur selben Zeit auf allen Bühnen pathetisch

bejammerten, daß der Mensch nur einmal den Heldentod sterben kann.

Aber die ungestüme Hast unseres Dichters hat leider versäumt, die

Hörer, deren tief eingewurzelte Ehrbegriffe er verletzen will, auf das

Unerwartete vorzubereiten: wir sahen den Prinzen zuletzt aufgeregt,

doch in männlicher Haltung, und plötzlich ohne jeden Übergang windet

sich derselbe Mensch jämmerlich im Staube. So jähe Sprünge erträgt die

Seele des Hörers nicht. Dazu tritt die unleugbare Versündigung gegen

das historische Kostüm. Uns beirrt nicht das prosaische Bedenken, ob im

Jahre des Heils 1675 ein brandenburgischer General also denken durfte?

Doch wir fragen ungläubig: wie kann dieser Kurfürst, dieser Oberst

Kottwitz, der hier auf der Bühne vor uns steht, dem Prinzen einen so

häßlichen Verstoß gegen alle ritterliche Haltung verzeihen? In solcher

Umgebung erscheint der Prinz mit seiner antiken Naivität allerdings wie

eine Gestalt aus einer anderen Welt.

Deutsche Lebensbilder · 第 17 / 25 段