Als endlich sein Geist sich langsam erholte von dem Zusammenbruch

seiner liebsten Träume, da begann er eine Neuschöpfung des

Molièreschen Amphitryon. Eine Neuschöpfung, sage ich, denn bloß zu

übersetzen war diesem trotzigen Dichter unmöglich; in ihm lag nichts

von weiblicher Empfänglichkeit, und selbst die Aufgabe, das Werk

Molières umzugestalten, hätte ihn schwerlich gereizt, wenn nicht

die unharmonische Natur des Stoffes jedem neuen Bearbeiter einen

weiten Spielraum eröffnete. Die berühmte Fabel, wie Zeus in der

Gestalt Amphitryons dessen Weib Alkmene erkennt, bietet in der tollen

Verwechslung der Personen, in der Figur des geprellten Ehemanns, diesem

zweideutigen Liebling des Lustspiels aller Zeiten, überreichen Stoff

zu komischen Szenen; aber, zu grausam für einen Scherz, zu lächerlich,

um tiefere Empfindungen zu erregen, kann sie nie einen reinen Eindruck

hervorbringen. Als ein Meister hat Molière verstanden, die bedenkliche

Kehrseite der Handlung zu verdecken, mit herzerquickendem Selbstgefühl

stellt er sich als ein moderner Mensch der antiken Welt gegenüber --

so übermütig wie nur Shakespeare in Troilus und Cressida. Er verflacht

absichtlich den nationalen Gehalt des Stoffes, er will nichts wissen

von dem religiösen Schauer, den die Erscheinung des Göttervaters in

der Brust des gläubigen Hellenen erweckte. Seine Götter sind ein

lebenslustiges, übermütiges Völkchen, von den Menschen nur durch ihre

Macht verschieden und sehr geneigt, diese Übermacht zu mißbrauchen. Er

beginnt mit einem Prologe voll köstlicher Laune: Merkur fordert die

Nacht auf, einige Stunden länger über Theben zu verweilen, damit Zeus

seine Freude bis auf die Hefe genießen könne; sie weigert sich, denn

man müsse „das Dekorum der Göttlichkeit” wahren, doch gibt sie nach,

als er ihre Neigung für galante Abenteuer, wovon sie sich allerdings

nicht freisprechen läßt, ihr vorhält. Mit diesen Späßen und dem

possenhaften Wortspiele =Bon jour, la Nuit -- adieu, Mercure=, das den

Prolog schließt, gelangen wir sofort zu der leichtfertigen, lustigen

Stimmung, die der Dichter verlangt. Nun folgt ein buntes Durcheinander

lächerlicher Szenen. Merkur in der Gestalt des Sklaven Sosias zankt

sich mit dem wahren Sosias über sein Ich, zerprügelt ihn wiederholt

mit göttlicher Urkraft; und zu diesen alten Witzen, wodurch schon

der Amphitryon des Plautus und des Camoens ihre Hörer entzückten,

tritt eine neue glückliche Erfindung hinzu: der eheliche Zwist im

Hause des Fürsten wiederholt sich possenhaft im Hause des Sklaven.

Die gewollte Oberflächlichkeit seiner Charakterzeichnung wird dem

Dichter erleichtert durch den Genius seiner Sprache: die französische

Leidenschaft tritt in viel zu rhetorischer Form auf, als daß sie uns

tief ergreifen könnte. Mit leichtfertiger Grazie schlüpft er über die

ernsten Auftritte dahin, so daß wir nie zum Nachdenken, nie aus dem

Gelächter herauskommen.

Der tiefe Gegensatz deutschen und französischen Kunstgefühles tritt

uns vor die Augen, wenn wir nunmehr den deutschen Dichter in seiner

Werkstatt belauschen, wie er das fremde Gebilde zu packen und auf den

Kopf zu stellen wagt. In den rein komischen Szenen reicht Kleist,

trotz der ersichtlichen Bemühung, sie mit lustigen Einfällen zu

bereichern, an die schalkhafte Leichtigkeit seines Vorbildes nicht

heran; dafür versucht er, die ernste Seite des Dramas zu vertiefen,

zu bereichern durch die Macht und Glut deutscher Leidenschaft. Als

Amphitryon seinem Weibe nicht glauben will, daß er selbst sie am

vergangenen Abend besucht, da ruft sie ihm nicht, wie bei Molière,

seine =transports de tendresse=, seine =soudains mouvements= -- und wie

sonst die französischen Phrasen lauten -- ins Gedächtnis: leibhaftig

vielmehr tritt der Vorgang vor uns hin, wie Alkmene in der Dämmerung

am Rocken saß, wie der vermeinte Gatte heimlich ins Zimmer schlich

und sie auf den Nacken küßte -- und so folgen wir Schritt für Schritt

dem Entzücken jener seligen Nacht. Bezeichnend genug liegt bei dem

romanischen Dichter der Schwerpunkt des Stücks in den Situationen,

bei dem Deutschen in den Charakteren. Alkmene, bei Molière eine sehr

gewöhnliche Erscheinung, ist bei Kleist ein herrliches Weib, „so

urgemäß dem göttlichen Gedanken in Form und Maß, in Sait' und Klang”;

sie bleibt rein in der Umarmung des fremden Mannes, denn „Alles was

sich Dir nahet ist Amphitryon”. Kleist schildert nicht die noble

Passion eines galanten großen Herrn, sondern den geheimnisvollen Zauber

eines begeisterten Festes der Liebe. Er wagt noch mehr: der christliche

Mythus von der unbefleckten Empfängnis der Maria schwebt ihm vor Augen,

und er erkühnt sich, der alten Heidenfabel ihren religiösen Inhalt

wiederzugeben. Sein Zeus ist der Gott, das irdische Haus muß sich

geehrt, begnadigt fühlen durch den Besuch des Allmächtigen. Dergestalt

haben zwar die ernsten Szenen unendlich gewonnen. Wie in den Gesprächen

mit Alkmene das göttliche Wesen des Zeus durch die irdische Hülle

hindurchbricht, wie er endlich mit dem Donnerkeil in der Hand aus dem

Gewölke tritt und zu den in heiligem Schrecken zusammenbrechenden

Sterblichen redet, das sind Auftritte voll Majestät. Aber das

Wesentliche, die Einheit des Stücks, geht verloren. Diese erhabenen

Bilder stehen in grellem Widerspruch zu dem possenhaften Treiben der

beiden Sosias; es ist unmöglich, Mitleid zu empfinden mit dem tiefen

Schmerze des Amphitryon, den wir soeben erst seinen Sklaven in höchst

prosaischer Weise prügeln sahen; und mit aller Pracht der Sprache

gelingt dem Dichter nicht, uns die Göttlichkeit eines Wesens glaubhaft

zu machen, das so groß spricht, aber so grausam und zweideutig handelt

wie dieser Zeus. Die zerrissenen, nichtssagenden Reden, womit das

Volk zuletzt die Kunde von der seltsamen Gnade des Gottes aufnimmt,

beweisen, daß Kleist selbst nicht daran glaubte. Recht behält die

faunische Weisheit des Molièreschen Sosias: =sur telles affaires

toujours le meilleur est de ne rien dire=.

Wie anders der fast zur selben Zeit vollendete „zerbrochene Krug”,

das einzige selbständige Lustspiel des Dichters -- ein Werk aus einem

Gusse, rund und fertig, harmonisch bis in die letzte Zeile. Kleist

hatte sich einst in der Schweiz mit Zschokke und Ludwig Wieland an

einem Kupferstiche ergötzt, der einen plumpen dicken Richter darstellte

inmitten hitziger Parteien, die um die Scherben eines Kruges sich

streiten. Die jungen Leute wählten dies zum Thema eines literarischen

Wettkampfes, und als nun der Grübler sich in das Bild vertiefte, da

kam ihm ein Einfall, so einfach, daß er unserem blasierten Publikum

kaum auffällt, und doch so glücklich, so echt komisch, daß wir in der

armen Geschichte des deutschen Lustspiels nur wenige seinesgleichen

finden: der Richter selber hat den Krug zerbrochen bei einem unsauberen

Liebesabenteuer und muß, indem er verhört, sich selbst entlarven.

Mit virtuoser Kühnheit macht sich Kleist die Arbeit so schwer als

möglich; er hält sich genau an das Bild: das ganze Lustspiel stellt,

bis auf eine einleitende Szene, nur die eine auf dem Kupferstiche

wiedergegebene Situation dar, und zum Überfluß spielt die Handlung in

Holland unter breitspurigen Menschen, die mit umständlichem Phlegma

jedes Nichts erörtern. Der entscheidende Hergang rollt sich nicht vor

unseren Augen ab, er wird nachträglich enthüllt; die Entwicklung des

Dramas ist analytisch, sie erinnert an die Komposition vieler antiker

Tragödien. Doch der Dichter hat wirklich die Not zur Tugend gemacht,

er weiß den Gang des Verhöres so gewandt zu entwickeln, daß wir auf

das Geschehene nicht minder gespannt sind wie in anderen Lustspielen

auf das Künftige. Und welch ein psychologisches Meisterstück --

dieser Richter Adam, wie er sich festlügt mit frecher Stirn, wie er

dann aufgescheucht wird aus allen Schlupfwinkeln seiner dummdreisten

Schlauheit, wie er sich nach und nach entpuppt als ein Ungetüm von

feiger Unverschämtheit, ein holländischer Falstaff. -- Wieviel Kraft

des Willens lag doch in Kleists Seele, wenn er seinen düsteren Sinn

zwingen konnte zu der ausdauernden Heiterkeit der Komödie! Nur an

einzelnen Stellen verrät der gepreßte künstliche Ton des Scherzes,

daß der Dichter diese derblustigen Gestalten schuf, um sein selbst zu

vergessen.

Durchaus nicht auf der Höhe seiner Dramen stehen Kleists Erzählungen.

Nicht als ob ihm das erzählende Talent gefehlt hätte: seine Virtuosität

in der Detailmalerei konnte sich hier vielmehr am freiesten tummeln.

Aber die lose Kunstform legt seinem stürmischen Geiste die Zügel

nicht an, deren er bedarf; alle krankhaften Neigungen seines Wesens,

welche die ideale Strenge des Dramas mäßigte, lassen sich hier haltlos

gehen. Es scheint nicht überflüssig, dies hervorzuheben: unsere

besten Dichtertalente sind heute auf dem Felde der Erzählung tätig;

dabei laufen wir Gefahr, den natürlichen Wert der Kunstgattungen

zu vergessen. Nimmermehr hätte Kleist in dramatischer Form so ganz

Verfehltes geschaffen, wie die häßlichen Schauergeschichten, „Der

Findling” und „Das Bettelweib von Locarno”, oder gar die weinerliche

Legende von der heiligen Cäcilie. Nur die Manier der Erzählung, nicht

das Talent verrät, daß diese verunglückten Versuche aus derselben

Feder flossen, welche „Das Erdbeben in Chili” und „Die Verlobung in

St. Domingo” schrieb. Das fürwahr sind echte Novellen im Stile der

alten Italiener: das neue unerhörte Ereignis, das launische Spiel

des Schicksals, nicht der Kampf in der Seele des Menschen, gilt dem

Dichter als das Wesentliche. In leidenschaftlicher Hast stürmt die

Erzählung vorwärts, wunderbar glücklich stimmt die schwüle Luft der

indischen Welt zu dem rasenden Wechsel der Geschicke; dem Leser wird

zumute, als ob ihm selber die Glut der Tropensonne sinnbetörend auf den

Scheitel brenne. Am meisten gerundet in der Form ist die Novelle „Die

Marquise von O.”. Aber alle Kunst des Dichters bringt uns nicht dahin,

daß wir den schändlichen und -- was schlimmer ist -- grundhäßlichen

Ausgangspunkt der Erzählung verwinden, daß wir dem Helden einen Frevel

an einem bewußtlosen Weibe vergeben. Immerhin bleibt erstaunlich,

wie der natürliche Adel des Talents selbst beim Ringen mit einem

widerlichen Stoffe sich nicht verleugnet. Kleists Freund Zschokke

mißbrauchte dasselbe Motiv zu einer Novelle voll fauler Späße; unser

Dichter schreitet über das Gemeine rasch hinweg, um sich in eine feine

und ernste Seelenschilderung zu vertiefen.

Noch stärker überwiegt das psychologische Interesse in der großen

Erzählung „Michael Kohlhaas”. Nur der Deutsche empfindet ganz die

tragische Macht dieser einfachen Geschichte: wie ein schlichter Mann,

in seinem Rechte gekränkt, vergeblich den Schutz des Gesetzes anruft

und dann, verzweifelnd an der Ordnung der Welt, in unbändiger Rachgier

Frevel auf Frevel häuft, bis endlich der überfeine Rechtssinn des

Rechtsbrechers an der Kleinheit seines Gegenstandes sich selbst die

Spitze abstößt. Wir meinen den Schleier fallen zu sehen von einem

Herzensgeheimnis des deutschen Mittelalters. Die Unersättlichkeit,

die Wollust der Rache konnte so wahr, so überzeugend nur ein Dichter

schildern, dem selber das Hirn wirbelte bei dem Gedanken an die

Vernichtung des Landesfeindes, der selber soeben seinem Volke zurief:

Wenn der Kampf nur fackelgleich entlodert,

wert der Leiche, die zu Grabe geht!

Aber während die modernen Novellisten sich zumeist in eine

Seelenmalerei verlieren, welche der Aufgabe des Dichters ebenso sehr

widerspricht wie die breite Naturschilderung, und mit peinlicher

Langsamkeit das Herz ihres Helden zerfasern und zerschneiden, bleibt

Kleist unwandelbar der Erzähler. Sein Held ist immer in Bewegung,

obgleich wir jeden seiner Gedanken erfahren, der Fluß der Ereignisse

stockt niemals, obschon uns kein Nebenumstand erlassen wird -- bis

wir leider plötzlich entdecken, daß dem Dichter die Kraft versagt,

die Gestalten unter seinen Händen zerfließen und die so herrlich

begonnene Fabel in willkürlichen Visionen endet. Die Erzählung lehrt

zugleich, wie übermütig der echte Dichter umspringen darf mit jener

„historischen Treue”, deren Wert von der überbildeten Gegenwart so

wunderlich mißverstanden wird. Dem Bilde, das wir alle von Johann

Friedrich dem Großmütigen im Herzen tragen, schlägt Kleist fast

mutwillig ins Gesicht; das moderne Dresden wird mit größter Sorgfalt

in das sechzehnte Jahrhundert zurückversetzt, während wir doch wissen,

daß die Handlung in Dresden gar nicht spielen konnte. Und doch drängt

sich uns nicht der mindeste Zweifel auf: so lebendig tritt uns alles

vor Augen, und so glücklich trifft der Erzähler jenen derben biederen

Ton der Rede, der uns die Weise unserer Altvordern weit eindringlicher

schildert, als die sorgfältigste Zeichnung des Kostüms vermöchte.

Erst von dem Augenblicke an, wo den Dichter die poetische Kraft

verläßt, wo er sich in nachtwandlerische Träume verliert, werden unsere

historischen Bedenken wach. Und nochmals erhebt sich die Frage: warum

Kleist nicht, nach dem Rate seines Freundes Pfuel, diesen köstlichen

Stoff zu einem Drama verwendet hat? In seinen Dramen tritt „die Unart

seines Geistes”, das schlafwandlerische, phantastische Wesen zuweilen

störend, nie zerstörend auf; hier in der Erzählung läßt er sich gehen,

und das schöne Gedicht, ein Werk seiner reifsten Jahre, wird ganz und

gar verwüstet.

Verfolgen wir sein dramatisches Schaffen weiter, so beobachten wir

fortan ein mächtiges Aufsteigen seiner dichterischen Kraft, zunächst

an der Tragödie Penthesilea. Man erzählt von Hegel, daß er einst, als

Tieck den Othello vorlas, entsetzt ausrief: „Wie zerrissen mußte dieser

Mensch, Shakespeare, sein, daß er den Jago so darstellen konnte” --

worauf Tieck entgegnete: „Herr Professor, sind Sie des Teufels?” Die

Schnurre ist, wenn nicht wahr, doch gut erfunden. Wer der Kunst nicht

lebt, nur zuweilen aus der befriedeten Welt des Gedankens sich in

ihren Zauberkreis hinüberstiehlt, wird sich leicht versucht fühlen,

den Künstler, der ein krankes Menschenherz schildert, selber für krank

zu halten. Und freilich, solange Kleists Briefe noch verborgen lagen,

blieb die Penthesilea, das subjektivste seiner Werke, unverständlich

wie der Traum eines Fiebernden; seit wir jene Geständnisse kennen,

erscheint gerade diese wilde Dichtung als der Anfang seiner Genesung.

Er faßte sich endlich das Herz, den Kämpfen seiner letzten Jahre ins

Gesicht zu sehen, er wagte sie zu einem Kunstwerke zu gestalten,

und sobald ein Dichter sein Leid gesteht, beginnt er schon es zu

überwinden. Die Erlösung freilich, die reine dauernde Versöhnung,

welche ein Goethe in solchem Geständnis seiner Qualen fand, sollte

dieser Unglückliche niemals erreichen. Der ganze Schmerz und Glanz

seiner Seele, so sagt er selbst, ist niedergelegt in der Penthesilea;

sein eigenes Ringen und Leiden, jene wilde Jagd nach dem Ruhm, dem

vollendeten Kunstwerk, und sein fürchterlicher Fall erschüttern uns

in dem Schicksal dieser Königin der Amazonen, die den Schönsten, den

Herrlichsten der Männer zu ihren Füßen niederzwingen will und nach

kurzem Rausche des Übermuts in rasendem Toben untergeht -- denn nicht

dem Speer des Feindes,

dem Feind in ihrem Busen wird sie sinken!

Wie glücklich fühlt sich der Dichter, „einmal etwas recht

Phantastisches zu schreiben”, die einfache Großheit des Achilleus und

des Diomedes inmitten der Farbenpracht einer traumhaften Wunderwelt

zu schildern! Wie dürr und kahl erscheinen neben dem Duft und Glanz

dieser Verse die gleichzeitigen, durchweg unglücklichen Versuche der

Romantiker, das Altertum auf ihre Weise wiederzubeleben -- ganz zu

geschweigen jener langweiligen Penthesilea, welche Tischbein damals

auf die geduldige Leinwand sündigte. An seine Heldin verschwendet

der Dichter alle Schätze seines Herzens, denn er liebt sie, und oft

klingt uns aus seinen Worten die unbefangene Sinnlichkeit der Heiden

entgegen. Er wagt sich an das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das

schon Vater Homer kannte, er will ein Weib schildern, so entzückend

schön, daß jedes sittliche Urteil vor ihr verstummt. Ihm ist zumute

wie jenen Greisen von Troja, die auf den Mauern sitzend das Verderben

bejammern, das um eines Weibes willen über ihr Volk kam -- und da die

Unheilvolle plötzlich unter sie tritt, wagen sie doch nicht zu zürnen,

so schrecklich (αἰνῶς) packt sie der Anblick der schönen Helena.

Aber selbst die Kraft unseres Dichters wird zunichte vor der Unnatur

seines Stoffes. Schon vor einer antiken Amazonenstatue verweilen

wir mit seltsam befremdeter Empfindung, und doch darf die bildende

Kunst in diesem Falle mehr wagen als die Dichtkunst. Unser Erstaunen

steigert sich zum Grauen, sobald uns das Seelenleben eines Mannweibes,

dies wilde Durcheinanderwogen von Heldenstolz und Kampflust, von

edler Liebe und roher Brunst in der hellen Beleuchtung eines modernen

Dramas entgegentritt. Nun gar das Umschlagen der Wollust in Blutgier,

dies allerscheußlichste Rätsel des Menschenherzens, an einem Weibe

zu beobachten, wer könnte das ertragen? Was gilt uns die prachtvolle

Schilderung der Rosenfeste von Themiskyra, wo die kriegerischen

Amazonen, seligen Schauers voll, die besiegten Jünglinge bekränzt zum

Altare der Aphrodite führen? Von dem Liebeswahnsinn dieser Jungfrau,

die ihre Zähne in den zuckenden Leichnam des Bräutigams schlägt,

wendet sich jedes natürliche Gefühl. Und sogar die schöne Form leidet

zuletzt unter der Verkehrtheit der Idee, da die Raserei der Königin in

läppischen Irrsinn übergeht.

Wir fühlen, wie krampfhaft das Herz noch zuckte, dem diese wilden Verse

entströmten, aber auch wie erleichtert der Dichter aufatmen mußte,

da er also seinen Schmerz bekannt hatte. Endlich einmal schien das

Geschick dem Unglücklichen freundlich zu werden; er gründete in Dresden

eine literarische Zeitschrift, den Phöbus, hoffte zuversichtlich, sich

jetzt einen ehrenvollen Platz in der Künstlerwelt zu erobern, trat

den geselligen Freuden wieder näher. Schon mehrmals früherhin hatte

der „arme Brandenburger” seinen Wanderstab ruhen lassen auf diesem

lieblichen Winkel deutscher Erde und stundenlang die Madonnenbilder

der Galerie betrachtet und die dunkeln Waldgründe durchstreift, die

in das lachende Elbtal münden, und droben von der Brühlschen Terrasse

träumend hinabgeschaut auf die sanften Windungen des Flusses und das

alles in entzückten Briefen der Schwester geschildert. Es war noch das

alte Dresden, die prächtige und doch stille Stadt, die Canaletto gemalt

hat, so recht ein Platz zum Träumen und zum Dichten, noch nicht der

abgetretene Spaziergang blasierter Touristen. Und -- so seltsam spielt

der Reiz des Kontrastes in dem Künstlergemüte -- gerade hier in dem

Schmuckkästlein des Rokokostils erwachte dem Dichter der Sinn für die

heimische Vorzeit; sein Geist, der so lange in die Ferne geschweift,

kehrte ein in die Fülle des deutschen Lebens, um seine schönsten und

reifsten Werke aus dieser reinen Quelle zu befruchten. Er fühlte sich

jetzt Mannes genug, einen neuen Herzenskummer, der ihn traf, sofort als

Künstler zu überwinden. All die Träume von Liebesglück, die ihm so

schmerzlich zerronnen waren, rief er wach, um im Gedichte ein Weib zu

schaffen, wie er es ersehnte und nie finden sollte, und alle sanften,

glücklichen Erinnerungen seines Lebens versammelte er um sich, um dem

geliebten Bilde eine freundliche Umgebung zu bieten. Die alte gotische

Kirche stieg wieder vor ihm auf, die seinem Vaterhause gegenüber stand,

mit ihrem schweren Turme und den geborstenen roten Backsteinzinnen,

die der Knabe so oft ahnungsvollen Blickes betrachtet; er sah die

finsteren Tore und die steilen Giebelhäuser in der alten Oderstadt;

jene zarten Bilder von dem „Cherub mit gespreizter Schwinge”, von dem

„süß duftenden Holunder”, die in seinen älteren Gedichten flüchtig wie

ein Sonnenblick aus dichtem Gewölk erschienen, erwachten wieder und

mahnten ihn, sie reich und farbig zu gestalten. Also schuf der seltsame

Mann, der in allem von der Regel abweicht, in seinem zweiunddreißigsten

Jahre das jugendlichste seiner Werke: das Käthchen von Heilbronn.

Wir fühlen ihm nach, wie er mit der naiven Freude des Entdeckers vor

den wundersamen Gestalten steht, die er in der Vorzeit seines Volkes

aufgefunden; ein frischer Duft weht uns an, wie der Erdgeruch aus dem

umgebrochenen Acker. Seine Heldin nennt er selbst „die Kehrseite der

Penthesilea, ihren anderen Pol, ein Wesen, das ebenso groß ist durch

Hingebung wie jene durch Handeln”. Noch nicht sechzig Jahre sind

verflossen, seit dies Werk zuerst an der Wien vor die Lampen trat;

und schon mutet es uns an wie eine Sage aus uralter Vorzeit, kaum

mehr verstanden von der hellen, strengen Gegenwart. In jedem Volke

begegnen uns einzelne Dichtungen, welche, ohne den Stempel klassischer

Vollendung zu tragen, doch unantastbar dastehen, weil sie geweiht sind

durch die Liebe eines vergangenen Geschlechts; sie fordern, daß der

Nachlebende sie dankbar hinnehme wie ein Gebilde der Natur. So dies

Gedicht; aus ihm reden alle jene holden traulichen Träume, die unseren

Müttern die Jugend beseligten, die Herzenssehnsucht einer Zeit, die

unser kälterer Verstand zugleich übersieht und um die Innigkeit ihres

Gefühls beneidet. Ich kann nicht ohne Rührung der Stunden denken,

da mir meine Mutter von ihren ersten Gängen zum Theater erzählte:

wie glückselig hat dies unschuldige Mädchengeschlecht dem Käthchen

gelauscht, wenn sie unter dem Fliederbusch ihre keusche Liebe träumt!

Der Dichter aber, der so glücklich einen Schatz aus dem Gemüte seiner

Zeit zutage gefördert, er war längst nicht mehr, als das Käthchen

endlich auf allen Bühnen sich einbürgerte; wir meinen oft seinen

Schatten zu sehen, wie er niederschaut auf die verspäteten Erfolge und

bitter lachend wie sein Prinz von Homburg die Achseln zuckt:

Nur schade, daß das Auge modert,

das diese Herrlichkeit erblicken soll!

Selbst heute noch können wir die Kraft des einfachen Märchens erproben:

in unseren Vorstadttheatern weilt ein Publikum, zu arm an Bildung und

zu schwer bedrückt von den Sorgen des eigenen Lebens, um die Gewalt

des tragischen Schmerzes zu ertragen, doch nach deutscher Art zu

gesetzt, um allein dem Lustspiele zu huldigen. Hier ist der rechte

Tummelplatz für das ernste Drama mit glücklichem Ausgange; hier hat

das Femgericht noch seine Schrecken, hier findet der erbärmliche

Darsteller des wackeren Gottschalk noch seine Bewunderer, die Kunigunde

ihre leidenschaftlichen Feinde. Wir müßten sehr niedrig denken von dem

sittlichen Berufe der Kunst, wollten wir solche Erscheinungen über die

Achsel ansehen; danken wir Gott, daß das Pariser Hetärendrama noch

nicht überall sein Zepter schwingt. Es ist nicht bloß der ritterliche

Lärm und Pomp, was diese braven Leute so tief ergreift; noch mächtiger

wirkt die Kraft der volkstümlichen Sprache, die Innigkeit des

Gemüts, die aus jeder Zeile redet, die Anschaulichkeit der einfach

verständlichen Motive. Selbst der Haß, sonst der deutschen Gutmütigkeit

so schwer faßlich, erklärt sich hier von selbst. „Der Mensch wirft

alles, was er sein nennt, in eine Pfütze, nur kein Gefühl” -- das

versteht auch der gemeine Mann, nicht die Worte, doch den Sinn.

Freilich muß das Drama von kundigen und rücksichtsvollen Händen

vorgeführt werden, mit Pietät nicht vor den schwachen Nerven der

Hörer, sondern vor der kräftigen Eigentümlichkeit des Dichters. Welche

Barbarei, wenn der zartsinnige Regisseur die Szene, wo Graf Wetter vom

Strahl dem Käthchen mit der Peitsche droht, verletzend findet, statt

der Roheit eine Niederträchtigkeit einfügt und den Grafen das Schwert

zücken läßt auf die Wehrlose! Freilich muß man die Ansprüche der

absoluten Kritik daheim lassen. Ist die hingebende Liebe des Käthchens

nicht schon selbst wunderbar genug? Ist es nicht bare Tautologie, das

größere Wunder durch ein kleineres zu erklären? Verliert Käthchens

Liebe nicht an Wert durch den zwingenden Zauber, der sie an den Ritter

kettet? Und geht nicht zuletzt der ideale Gehalt des Gedichts geradezu

verloren, da nicht das arme Bürgerkind durch die Macht der Liebe über

den Stolz des Ritters triumphiert, sondern die Kaiserstochter dem

Grafen ihre ebenbürtige Hand reicht? Solche unwiderlegliche Einwände

vergessen nur das Entscheidende, daß ein Märchen, ein dramatisch

behandelter epischer Stoff nicht unbedingt den Gesetzen des Dramas

gehorchen kann; liegt es doch im Wesen des Märchens, die Wunder des

Herzens durch die Aufhebung der Ordnung der Natur zu erklären, Lohn

und Strafe in der allersinnlichsten Form erscheinen zu lassen. Der

zarte Duft des volkstümlichen Stücks verfliegt, wenn wir mit so

derber Hand daran treten. Wir beklagen nur, was der Dichter selbst

aufs bitterste bereut hat, daß er dem märchenhaften Charakter des

Stücks nicht treu geblieben. Rücksicht auf die Ansprüche der Bühne,

denen das Käthchen doch niemals völlig genügen kann, verleitete

ihn, statt der zaubergewaltigen Fee Kunigunde jenes nüchterne

rationalistische Scheusal zu schaffen, das so widerwärtig erscheint

hier in der heiteren Fabelwelt, wo höhere Geister noch gern mit dem

farbenreichen Menschenleben verkehren. Die maßlose Heftigkeit des

Dichters verführt ihn auch diesmal, jedes Motiv zu Tode zu hetzen. Er

kann sich nicht genug tun in der Schilderung seiner Heldin, er jagt sie

durch alle Stufen der Erniedrigung hindurch, und während er ihr eine

übermenschliche Demut leiht, die der Selbstentwürdigung zuweilen nahe

kommt, häuft er auf ihre Feindin Kunigunde eine ganz unmögliche Last

der Schändlichkeit. Er litt noch unter dem Schmerze um seine verlorene

Braut und meinte sich berechtigt, ein Weib ohne Herz mit seinem Hasse

zu zeichnen.

Deutsche Lebensbilder · 第 16 / 25 段