in England zu landen und -- dort „den schönen Tod der Schlachten zu
sterben. Unser aller Verderben lauert über den Meeren. Ich frohlocke
bei der Aussicht auf das unendlich prächtige Grab”. Eine schwere
Krankheit rettet ihn aus diesem Anfalle des Wahnsinns; doch die Narben
aus jenen Kämpfen bleiben unvertilgbar seinem Geiste aufgeprägt. Von
neuem beginnen die unsteten Wanderfahrten; über lange Abschnitte seines
Lebens sind wir noch heute ohne sichere Kenntnis. In diesem reichen
Geiste arbeiten dämonische Kräfte, die über die Enden des Menschlichen
hinausgreifen, er schwankt zwischen seinem Urbild und seinem Zerrbild,
zwischen dem Gott und dem Tier. Sein poetischer Genius bricht sich
endlich seine Bahn durch alle diese Leiden, entfaltet sich stolz und
sicher, stetig anwachsend. Dann bringt das Unglück des Vaterlandes
seinem verwüsteten Leben wieder einen neuen reichen Inhalt: mit der
inbrünstigen Liebe eines großen Herzens klammert der Dichter sich
fest an sein versinkendes Volk, und während er die herrlichen Werke
schreibt, die ihn an die Spitze unserer politischen Sänger stellen,
trägt der Unbegreifliche jenen finstern Lebensüberdruß mit sich umher,
der ihn schließlich zum Selbstmord treibt.
Es hieße an jeder Freiheit des Willens verzweifeln, wollte man in einem
so unseligen Leben keine Schuld finden. Aber wer ist so vermessen,
nach den dürftigen Nachrichten das Maß seiner Verschuldung und das
Maß seines Unglücks abzuwägen? Nur einige widrige Umstände, an denen
Kleists Wille wenig ändern konnte, seien erwähnt. Durch seinen
frühzeitigen Eintritt in den Soldatenstand ward sein Entwicklungsgang
unterbrochen, seine ganze spätere Bildung autodidaktisch und verwirrt.
Und wie unentbehrlich war nicht eine strenge Geisteszucht gerade
einem so erregbaren, so leicht und vielseitig auffassenden Kopfe! Ein
geborener Edelmann war er hinabgestiegen zu einem Berufe, der jenen
Tagen noch für bürgerlich galt, und vermochte doch den stetigen,
folgerechten Fleiß des bürgerlichen Arbeiters sich niemals anzueignen.
Noch tiefer und unheilvoller mußte auf ihn wirken, daß das Leben
seinem Gemüte so wenig Freuden bot. Eine wahre, beglückende Liebe
hat er nie genossen. Und wenn wir seine Richtung auf das Drama, sein
für jene Zeit wunderbar lebendiges Interesse am politischen Leben
bedenken, wenn wir uns fragen: Welch ein Geist mußte es sein, der in
dem Käthchen von Heilbronn, in der willenlos sich hingebenden Liebe
sein weibliches Ideal finden konnte? -- so erkennen wir, daß, bei aller
Reizbarkeit, das männliche, ja das männische Wesen der hervorstechende
Charakterzug seiner Natur war, so verstehen wir auch, wie schmerzlich
dieser stolze Mann den Mangel teilnehmender Liebe empfinden mußte.
Seine Braut hat ihn nie beglückt, das bezeugen seine Briefe. Diese
Liebesbriefe eines Dichters, die uns mit einer Flut dürrer, doktrinärer
Prosa überschütten, seien allen denen empfohlen, welche nicht begreifen
können, aus wie seltsamen, widerstrebenden Stoffen der Mensch gemischt
ist. Jeder Brief beginnt mit einigen zärtlichen Worten, deren abstrakte
Metaphern starke Zweifel an der Tiefe der Empfindung erregen; darauf
folgt eine regelrechte Schulstunde; er fordert seine Braut zu
Denkübungen auf, er legt ihr Fragen vor, wie: Was ist prächtig? was
niederschlagend? Kurz, er liebt sie nicht, er will sie erst bilden, und
auch eine reiche Phantasie kann eine solche Täuschung des Gefühls nicht
mit poetischem Zauber verklären.
Ulrike Kleist hat mit rührender Hingebung ihr Vermögen, ihr Glück,
ihr alles dem Bruder geopfert, doch sie war nur die Schwester, zudem
mit ihrem männlichen exzentrischen Wesen dem Dichter allzu verwandt:
„Es läßt sich nicht an ihrem Busen ruhn.” Auch eine zweite Geliebte,
die er zu Dresden in Körners Hause fand, verstand nicht in die Launen
seines herrischen Geistes sich zu fügen, und er stieß sie von sich.
Wer ein Ohr hat für die leisen Schwingungen des Gefühls, der errät
auch aus den Werken mannhafter Dichter, ob ihr Herz verödet blieb oder
ob sie einmal wahr und rein und glücklich liebten -- ein feiner und
tiefer Unterschied, der mehr in der Form als im Wesen der Empfindung
sich kundgibt. Wenn es lichte Geister gibt, die in der Einsamkeit
des schaffenden Genius erhaben sind über solcher Bedürftigkeit --
Kleist zählte nicht zu ihnen. Ergreifend klingt seine Klage: „So viele
junge blühende Gestalten, mit unempfundenem Zauber sollen sie an mir
vorübergehn? O dieses Herz! Wenn es nur einmal noch erwärmen könnte!”
Er schildert die Liebe selten unbefangen als die welterhaltende Macht,
die in dem Stammeln des Kindes als die erste Regung der Menschlichkeit
erscheint und den Trotz des Mannes zu der Natur zurückführt; er stellt
sie gern dar als eine Krankheit des Leibes und der Seele und verirrt
sich zuweilen in die Mysterien des geschlechtlichen Lebens, die der
Kunst schlechthin verschlossen sind. Er schildert gern das Nackte, und
seine lebensvolle Sinnlichkeit berührt oft die zarte Grenze, welche die
schöne Wärme der Leidenschaft von der fliegenden Hitze des Gelüstes
trennt.
Auch der Freunde besaß er wenige. Einige ausgezeichnete Männer
unter seinen Kriegskameraden, wie Rühle und Pfuel, standen seinem
Dichterschaffen allzu fern; und der Verkehr mit dem anmaßenden
Phantasten Adam Müller verwirrte nur sein Urteil. Erscheint es nicht
fast tragikomisch, daß der derbe, grundprosaische Zschokke und
der jüngere Wieland, den die Nachwelt nur als einen warmherzigen
Patrioten kennt, die einzigen Poeten waren, mit denen ihn eine gewisse
Gemeinschaft künstlerischer Arbeit verband? Zschokkes „Stunden der
Andacht” und Penthesilea! -- Was frommte ihm der Beifall des alten
Wieland, der schon mit einem Fuß im Grabe stand? Der eine, zu dem er
emporblickte, Goethe, konnte das Grauen vor den krankhaften Zügen
dieses leidenschaftlichen Talentes nicht verwinden; und die lauten
Stürmer der romantischen Schule, die mit ihren formlosen Experimenten
den Markt beherrschten, verziehen ihm seine Tugenden nicht, sie
verachteten den prosaischen Sinn des Mannes, der den Mut besaß,
festzuhalten an der strengen Kunstform des Dramas. Den christlichen
Poeten des Tages war der ernste Bekenner Kantischer Sittlichkeit
unheimlich: wenn Fouqué mit ihm zusammentraf, so sprachen sie selbander
-- über die Kriegskunst. Von solchen Stimmungen beherrscht erwies die
Leserwelt den Werken Kleists eine unbelehrbare Mißgunst; kein einziger
froher Erfolg verschönte sein Leben. Als er einst einer Freundin einige
seiner Verse rezitierte und jene voll Bewunderung nach dem Verfasser
fragte, da schlug er sich verzweifelnd an die Stirn: „Auch Sie kennen
es nicht? O mein Gott, warum mache ich denn Gedichte?” Man mag einen
jungen Poeten verachten, der die Kraft nicht findet, das unvermeidliche
Schicksal eines Erstlingswerkes zu ertragen; doch hier erschüttert
uns die gerechte Klage des verkannten Genius. Fester und fester spann
er sich ein in sein einsiedlerisches Treiben: das Leid, sprach er
stolz, drückt um so schwerer, wenn mehrere daran tragen. Der Fluch
der Einsamkeit kam über ihn: sie nährte sein mißmutiges Grübeln, sie
gewährte ihm nur zu viel Muße, die Dinge wieder und wieder zu bedenken,
also daß jeder Entschluß, kaum gefaßt, ihm alsbald zum Ekel ward.
Und wenn wir schaudern vor den frevelhaften Spielen der Phantasie,
die in solchen Stunden sein Hirn betörten, so sollen wir doch auch
unbarmherzig die Mitschuld seiner Zeit bekennen: dies Künstlervolk ließ
den Sänger des Prinzen von Homburg verhungern, während Kotzebue und
Zacharias Werner als große Dichter gefeiert wurden.
Es liegt am Tage, daß ein so qualvoll ringender Dichtergeist
unwillkürlich Probleme von subjektiver Wahrheit wählen mußte. Kleist
wußte wohl, warum er die Frage aufwarf, die ihm viele begabte
Dramatiker nachgesprochen haben: ob es denn nicht möglich sei, die
Frauen mindestens für einige Abende vom Theaterbesuche auszuschließen.
Seine edelsten Werke sind Bekenntnisse, ganz verständlich nur dem
reifen Manne, dem verwandte Kämpfe die Seele erschütterten. Wer sich
aber hineingefunden hat in diese subjektive Welt, den umfängt sie
auch wie ein Zauberkreis. Kleist besitzt eine dramatische Energie,
welche dem gemütvollen, gern in die Weite schweifenden deutschen Wesen
fast unheimlich erscheint und von keinem anderen unserer Dichter
erreicht wird. Ein hoher dramatischer Verstand wirft alles zur
Seite, was aufhalten, was den Sinn des Hörers von dem Wesentlichen
ablenken könnte. Unaufhaltsam, wie in den Effektstücken gedankenloser
Bühnenpraktiker, flutet die Handlung dahin; und doch ist nichts bloß
gedacht und gedichtet, alles erlebt und angeschaut. Mit wunderbarer
Sicherheit weiß er jederzeit die Stimmung in uns zu erwecken, die sein
Stoff verlangt; mit ein paar Worten versetzt er uns in jede fremde
Welt. Vor der Wahrheit seiner Charaktere verstummt die Kritik: diese
Menschen leben, und wenn der Sturm der Leidenschaft sie packt, dann
verliert selbst der nüchterne Hörer die Besinnung. In Kleists reiferen
Stücken sind auch die geringfügigen Nebenpersonen des Studiums der
tüchtigsten Schauspieler würdig: der Knecht Gottschalk im Käthchen
war eine der glänzendsten Rollen Ludwig Devrients. Freilich verführt
ihn die Fertigkeit, sich selbst zu belauschen, auch in der Zeichnung
seiner Charaktere oft zu virtuoser Kleinmalerei. Er wagt manchmal,
jene flüchtigen Gedankenblitze darzustellen, die uns wider Willen
durchzucken, die nur durch ihr augenblickliches Verschwinden erträglich
werden und darum jeder Darstellung sich entziehen; dann haben wir den
Eindruck, als redeten seine Menschen im Traume. In jenen Augenblicken
der höchsten Wut, wo in der Wirklichkeit die Leidenschaft stumm bleibt
oder nur zerrissene Reden ausstößt, verschmäht Kleist oft das schöne
Vorrecht des Dichters, der mächtigen inneren Bewegung Worte zu leihen;
solche Szenen machen bei ihm, weil er sich zu sehr an die Natur hält,
nur den Eindruck des Richtigen, nicht der poetischen Wahrheit.
Die maßlose Leidenschaft, daran des Dichters Leben sich verblutete,
dringt oftmals störend auch in seine Werke: er liebt das Schreiende,
Gräßliche, verfolgt jedes Motiv gern bis zur äußersten Spitze, seine
Helden jagen ihrer Sehnsucht nach so ungestüm, so unersättlich wie er
selber dem Traumbilde seines Robert Guiscard. Als Kleist zu dichten
begann, hatte er schon zu vieles, zu Ernstes erlebt, um zu meinen, es
ließen sich die großen Widersprüche der Welt mit einer „schönen Stelle”
lösen. Aber selbst diese echt künstlerische Tugend wird an ihm oft
zum Fehler: er haßt nicht bloß die Phrasen, er flieht die Ideen. Als
einen Mangel müssen wir es bezeichnen, daß die von Lessing verpönten
langweiligen Aushilfen verlegener Dichter in seinen Dramen fast
gänzlich fehlen. Das Trauerspiel hohen Stils verlangt solche Worte der
Weisheit, nur daß sie natürlich aus Handlung und Charakter sich ergeben
müssen; der Hörer atmet bei ihnen auf, er ahnt den hellen Dichtergeist
hinter den Schrecken des tragischen Schicksals. Nicht Mangel an Genie
erschwerte ihm, den idealen Gehalt seiner Fabeln an den Tag zu bringen,
wohl aber Mangel an Ruhe: seine Stoffe lasteten auf ihm noch in ganz
anderer Weise, als jedes unfertige Bild den Künstler bedrückt. Er besaß
andauernde Begeisterung genug, um fast nur größere Werke zu schaffen,
er arbeitete langsam und kehrte mit gewissenhaftem Fleiße immer wieder
zu dem Geschaffenen zurück. Er schildert jede Einzelheit mit peinlicher
Genauigkeit; und doch fühlen wir aus der Mehrzahl seiner Werke die
innere Rastlosigkeit des Dichters heraus, seinen Drang, des Stoffes
ledig zu werden. Man lese die „Episode aus dem letzten Feldzuge”, ein
keckes Reiterstück, die einfachste Geschichte von der Welt. Wie ein
Husar in einem von den Franzosen bedrohten Dorfe unbekümmert um die
Bitten des Wirts behaglich ein paar Gläser trinkt, dann mit einem
wilden Fluche davon sprengt und sich durch die Feinde durchhaut -- das
wird auf mehreren Seiten geschildert, keine Handbewegung des Reiters
wird uns erlassen. Und trotzdem kommen wir dabei nicht einen Augenblick
zur ruhigen Betrachtung, so atemlos ist die Erzählung.
Auf Kleists Schaffen paßt Wort für Wort die Klage, die Schiller einmal
über die Aufgabe des Dramatikers schlechthin ausspricht: „Ich muß immer
beim Objekte bleiben; jedes Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer
fremden Gewalt folge.” Und fragen wir, warum Heinrich Kleist mit aller
Schöpferkraft seiner Phantasie doch hinter dem Genius Schillers weit
zurückbleibt, so lautet die Antwort: Schiller ist ein Klassiker, er
sucht Probleme, die für alle Zeiten wahr sind, und löst sie mit der
Sicherheit eines Geistes, der in den Ideen lebt; und weiter: Schiller
steht seinen Werken frei gegenüber -- trotz jener Selbstanklage, die
ihn nicht trifft. Kleist aber wird in der Tat oft unfrei, willenlos
fortgerissen von der Gewalt seines Stoffes; ja wir fühlen nicht selten,
wie eine glänzende Erscheinung vor ihm aufsteigt, wie sie Macht gewinnt
über seinen Geist und ihn zwingt, sie zu gestalten, auch wenn die
Harmonie seines Planes darunter leiden sollte. Einzelne traumhaft
schöne Bilder kehren in seinen Gedichten immer wieder, fast wie fixe
Ideen, die er nicht abschütteln kann.
Trotzdem ist Kleist ein denkender Künstler. Zwar kommt ihm niemals
bei, in seinen Briefen über die Gesetze seines Künstlerschaffens
zu sprechen, ja in einem Aufsatz voll köstlichen zynischen Humors
verhöhnt er alle Kunsttheorien und meint, „daß es, nach Anleitung
unserer würdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens
rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand
zu bringen, völlig abgemacht ist”. Doch in seinen Werken ist solcher
Naturalismus nicht zu finden: gewissenhaft hat der Mann, dem die
Schule der Bühne verschlossen blieb, nachgedacht über die Gesetze des
Dramas; sorgfältig hält er die Kunstformen auseinander. In seinen
Dramen ist alles Handlung, in den Novellen alles Erzählung, also daß
selbst der Dialog zumeist in indirekter Rede berichtet wird. Man
vergleiche das lange Gedicht an die Königin Luise, das Graf York
vor kurzem in den Grenzboten mitteilte, mit dem schönen prägnanten
Sonette, das offenbar aus jenem Entwurf entstanden ist, und man wird
ahnen, wieviel Gedankenarbeit in diesen wenigen Zeilen liegt. Auch in
der Form seiner Gedichte bewährt sich der bewußte Künstler. Die ganze
Tonleiter der Empfindung steht dem Sprachgewaltigen zu Gebote, doch am
glücklichsten gelingt ihm der Ausdruck der stürmischen Leidenschaft;
er kennt die Laute des edlen Heldenzorns, wie der tierischen Wildheit.
Sein Stil ist höchst persönlich, von unverkennbarer Eigenart und eben
darum echt deutsch: eine knappe, markige Sprache, auch in der Prosa
allein aus dem deutschen Wortschatz geschöpft, reich an volkstümlichen
anschaulichen Wendungen, und wenn es sein muß derb und grob, so wie er
einst im Regimente gegen seine „Kerls” gewettert hatte. Der melodische
Tonfall lyrischer Rede reizt ihn nicht; ihn kümmert's wenig, ob seine
Jamben zuweilen hart, zerhackt, durch häßliche Flickwörter entstellt
erscheinen; nur dramatisch, ausdrucksvoll, ein treuer Spiegel des
Inhalts sollen sie sein, und sie sind es.
Mag ihn die Literaturgeschichte immerhin zu der romantischen Schule
zählen -- die stolze Ursprünglichkeit dieser Erscheinung wird durch
einen Gattungsnamen mit nichten erschöpft. Jedes Gedicht Kleists
entspricht der Mahnung, die er einst den nachahmenden Künstlern zurief:
die Werke der alten Meister sollten „die rechte Lust in Euch erwecken,
auf Eure eigene Weise gleichfalls zu sein”. Er hat die Märchenpracht
der Romantik mit ahnungsvoller Zartheit besungen, ja der Kantianer
sehnte sich auf Augenblicke nach dem Frieden, den nur die Formenschöne
des katholischen Kultus gewähren könne; aber dicht neben diesen
phantastischen Träumen liegt in seinem Geiste der strenge Realismus,
die Freude an dem Schlichtnatürlichen, die Verstandesklarheit des
protestantisch-norddeutschen Wesens. Der uns soeben die gaukelnden
Gestalten einer Wunderwelt geschildert, führt uns im nächsten
Augenblick in die Kämpfe des politischen Lebens, läßt uns in vollen
Zügen die frische, scharfe Luft der Zeitgeschichte atmen. So steht der
wunderliche Grübler vereinsamt wie ein Fremder in einer Zeit, deren
Kämpfe und Leiden er doch tiefbewegt im Innern mitempfindet; und wir
Nachlebenden wissen nicht zu sagen, ob wir ihn beklagen sollen als
einen Spätling oder als einen zu früh Geborenen. Er erschien zu spät
-- denn dem geistigen Vermögen einer jeden Epoche ist ein festes Maß
gesetzt, es war unmöglich, daß die deutsche Kunst noch bei Lebzeiten
Goethes jenen neuen Stil hätte finden können, von dem Kleist träumte.
Und wieder: er kam zu früh, denn erst der Bürgersinn, der realistische
Zug der Gegenwart beginnt den Kern dieses Dichtergeistes zu verstehen,
erst den Dramatikern unserer Tage sind seine Werke ein Vorbild.
Nur der Torso des ersten Aufzuges läßt uns ahnen, welch ein Werk der
„Robert Guiscard” zu werden bestimmt war; doch weder das Bruchstück
selbst noch die Überlieferung der Normannengeschichte gibt uns einen
klaren Begriff von dem Plane. Wir vermuten lediglich, wenn wir „das
Volk” als Masse reden und klagen hören, daß dem Dichter eine Erneuerung
des antiken Chors in ganz moderner, dramatischer Form, eine Verbindung
des charakteristischen und des idealisierenden Stiles vorgeschwebt
haben mag. Eine wunderbare, von Kleist selber nie wieder erreichte
Pracht der Sprache hebt uns sofort auf die Höhen des Menschenlebens;
hier ist sie wirklich, die =gorgeous tragedy in sceptred pall=, die
Tragödie der Könige und Helden. Wir blicken in das wogende Gewimmel
eines Völkerlagers, und wie der alte Löwe Robert Guiscard soeben
majestätisch unter die klagenden Normannen tritt, da brechen die Szenen
ab, die einzigen, welche Kleist nach der Vernichtung des Werks zu
erneuern gewagt hat, und traurig legen wir die Blätter aus der Hand, an
denen das Herzblut eines edlen Mannes haftet.
Noch während dieser Plan auf der Seele des Dichters lastete, versuchte
er sich an einem bescheideneren Werke, dem Drama „Die Familie
Schroffenstein”. Neben seiner großen Tragödie erschien ihm das kleinere
Gedicht bald armselig, wie „eine elende Scharteke”; fast gewaltsam
mußten ihn die Freunde überreden, das Drama zu vollenden. Kein Wunder,
daß die Kritik mit diesem Erstlingswerke nichts anzufangen wußte; der
Dichter war, da er als Neuling auf den Markt trat, längst in der Stille
durch eine harte Schule dramatischer Arbeit gegangen, längst hinaus
über die rhetorische Überschwenglichkeit der Jugend.
Der Bau der ersten Akte ist mit der Sicherheit eines gereiften
Verstandes entworfen; die Charaktere, voll gewaltiger, wortkarger
Leidenschaft, sind gezeichnet mit jener unerbittlichen Wahrheit, welche
die Frauen so leicht von Kleists Werken zurückschreckt; das Ganze ein
Bild finsterer blutiger Kämpfe, ohne jede Spur einer höheren Idee. Wenn
Hegel recht hätte mit seinem Satze, daß ein idealistischer Anfang in
der Kunst immer bedenklich sei, so müßte man dies Erstlingswerk mit dem
günstigsten Auge betrachten. Und doch liegt gerade in dem Mangel jedes
idealen Momentes der Grund seines Fehlschlagens.
Kleist schildert den ererbten Haß zweier verwandter Häuser,
deren Kinder sich lieben und endlich durch den Frevel der Väter
untergehen. In Shakespeares Romeo und Julie wird der Haß der Familien
vorausgesetzt, der Schwerpunkt liegt in der Schuld der Liebenden. Bei
dem deutschen Dichter erscheint das Leiden der Liebenden nur als eine
Episode, als das heitere Gegenbild der finsteren Fabel, freilich als
ein Bild von rührender Innigkeit und bezaubernder sinnlicher Wärme.
Der Kern seiner Aufgabe ist, zu entwickeln, wie die lang gehegte
Erbitterung der beiden Geschlechter durch ein Nichts, einen leeren
Verdacht zum finsteren Hasse gesteigert wird, wie der Wahnsinn des
Argwohns die beiden Stammeshäupter -- zwei grundverschiedene und doch
in ihrem zähen, schweren Wesen nahe verwandte Naturen -- übermächtig
packt und sie fortreißt von Untat zu Untat. Und dies ist dem Künstler
so vollständig gelungen, wirkliche und vermeinte Schuld, Schein und
Wahrheit verschlingen sich so fest ineinander, daß der Hörer und
schließlich auch der Dichter die Klarheit seines sittlichen Urteils
verliert. Dem Dichter selbst wird „das Gefühl verwirrt” wie seinen
Helden, er steht ratlos vor dieser jämmerlichen und doch so furchtbaren
Kleinheit der Menschen, die in ihrem Grimm befangen nicht rechts
noch links von ihrem Wahn hinwegzublicken weiß; er meint zuletzt,
die durch den Aberwitz der Sterblichen verschuldete Verwicklung
durch einen Aberwitz des Schicksals lösen zu dürfen. Durch einen
grundhäßlichen Zufall erschlägt jeder der Väter, in der Meinung, das
Kind des Feindes zu treffen, sein eigenes Kind. Vor den unschuldigen
Opfern kommt endlich die Nichtigkeit des Argwohns, der all dies Unheil
herbeigeführt, an den Tag, und die schuldigen Väter feiern eine weder
glaubhafte noch erhebende Versöhnung. Mit sichtlicher Unlust hat der
Dichter den Schluß zu diesem krankhaftesten seiner Dramen auf das
Papier geworfen; es ist sein eigenes verstörtes Gemüt, das durch den
Mund seines Helden verzweifelnd gen Himmel schreit:
Gott der Gerechtigkeit,
sprich deutlich mit dem Menschen, daß er's weiß,
auch was er soll! --