Gleich darauf eilt er nach Frankreich, um unter Bonapartes Fahnen

in England zu landen und -- dort „den schönen Tod der Schlachten zu

sterben. Unser aller Verderben lauert über den Meeren. Ich frohlocke

bei der Aussicht auf das unendlich prächtige Grab”. Eine schwere

Krankheit rettet ihn aus diesem Anfalle des Wahnsinns; doch die Narben

aus jenen Kämpfen bleiben unvertilgbar seinem Geiste aufgeprägt. Von

neuem beginnen die unsteten Wanderfahrten; über lange Abschnitte seines

Lebens sind wir noch heute ohne sichere Kenntnis. In diesem reichen

Geiste arbeiten dämonische Kräfte, die über die Enden des Menschlichen

hinausgreifen, er schwankt zwischen seinem Urbild und seinem Zerrbild,

zwischen dem Gott und dem Tier. Sein poetischer Genius bricht sich

endlich seine Bahn durch alle diese Leiden, entfaltet sich stolz und

sicher, stetig anwachsend. Dann bringt das Unglück des Vaterlandes

seinem verwüsteten Leben wieder einen neuen reichen Inhalt: mit der

inbrünstigen Liebe eines großen Herzens klammert der Dichter sich

fest an sein versinkendes Volk, und während er die herrlichen Werke

schreibt, die ihn an die Spitze unserer politischen Sänger stellen,

trägt der Unbegreifliche jenen finstern Lebensüberdruß mit sich umher,

der ihn schließlich zum Selbstmord treibt.

Es hieße an jeder Freiheit des Willens verzweifeln, wollte man in einem

so unseligen Leben keine Schuld finden. Aber wer ist so vermessen,

nach den dürftigen Nachrichten das Maß seiner Verschuldung und das

Maß seines Unglücks abzuwägen? Nur einige widrige Umstände, an denen

Kleists Wille wenig ändern konnte, seien erwähnt. Durch seinen

frühzeitigen Eintritt in den Soldatenstand ward sein Entwicklungsgang

unterbrochen, seine ganze spätere Bildung autodidaktisch und verwirrt.

Und wie unentbehrlich war nicht eine strenge Geisteszucht gerade

einem so erregbaren, so leicht und vielseitig auffassenden Kopfe! Ein

geborener Edelmann war er hinabgestiegen zu einem Berufe, der jenen

Tagen noch für bürgerlich galt, und vermochte doch den stetigen,

folgerechten Fleiß des bürgerlichen Arbeiters sich niemals anzueignen.

Noch tiefer und unheilvoller mußte auf ihn wirken, daß das Leben

seinem Gemüte so wenig Freuden bot. Eine wahre, beglückende Liebe

hat er nie genossen. Und wenn wir seine Richtung auf das Drama, sein

für jene Zeit wunderbar lebendiges Interesse am politischen Leben

bedenken, wenn wir uns fragen: Welch ein Geist mußte es sein, der in

dem Käthchen von Heilbronn, in der willenlos sich hingebenden Liebe

sein weibliches Ideal finden konnte? -- so erkennen wir, daß, bei aller

Reizbarkeit, das männliche, ja das männische Wesen der hervorstechende

Charakterzug seiner Natur war, so verstehen wir auch, wie schmerzlich

dieser stolze Mann den Mangel teilnehmender Liebe empfinden mußte.

Seine Braut hat ihn nie beglückt, das bezeugen seine Briefe. Diese

Liebesbriefe eines Dichters, die uns mit einer Flut dürrer, doktrinärer

Prosa überschütten, seien allen denen empfohlen, welche nicht begreifen

können, aus wie seltsamen, widerstrebenden Stoffen der Mensch gemischt

ist. Jeder Brief beginnt mit einigen zärtlichen Worten, deren abstrakte

Metaphern starke Zweifel an der Tiefe der Empfindung erregen; darauf

folgt eine regelrechte Schulstunde; er fordert seine Braut zu

Denkübungen auf, er legt ihr Fragen vor, wie: Was ist prächtig? was

niederschlagend? Kurz, er liebt sie nicht, er will sie erst bilden, und

auch eine reiche Phantasie kann eine solche Täuschung des Gefühls nicht

mit poetischem Zauber verklären.

Ulrike Kleist hat mit rührender Hingebung ihr Vermögen, ihr Glück,

ihr alles dem Bruder geopfert, doch sie war nur die Schwester, zudem

mit ihrem männlichen exzentrischen Wesen dem Dichter allzu verwandt:

„Es läßt sich nicht an ihrem Busen ruhn.” Auch eine zweite Geliebte,

die er zu Dresden in Körners Hause fand, verstand nicht in die Launen

seines herrischen Geistes sich zu fügen, und er stieß sie von sich.

Wer ein Ohr hat für die leisen Schwingungen des Gefühls, der errät

auch aus den Werken mannhafter Dichter, ob ihr Herz verödet blieb oder

ob sie einmal wahr und rein und glücklich liebten -- ein feiner und

tiefer Unterschied, der mehr in der Form als im Wesen der Empfindung

sich kundgibt. Wenn es lichte Geister gibt, die in der Einsamkeit

des schaffenden Genius erhaben sind über solcher Bedürftigkeit --

Kleist zählte nicht zu ihnen. Ergreifend klingt seine Klage: „So viele

junge blühende Gestalten, mit unempfundenem Zauber sollen sie an mir

vorübergehn? O dieses Herz! Wenn es nur einmal noch erwärmen könnte!”

Er schildert die Liebe selten unbefangen als die welterhaltende Macht,

die in dem Stammeln des Kindes als die erste Regung der Menschlichkeit

erscheint und den Trotz des Mannes zu der Natur zurückführt; er stellt

sie gern dar als eine Krankheit des Leibes und der Seele und verirrt

sich zuweilen in die Mysterien des geschlechtlichen Lebens, die der

Kunst schlechthin verschlossen sind. Er schildert gern das Nackte, und

seine lebensvolle Sinnlichkeit berührt oft die zarte Grenze, welche die

schöne Wärme der Leidenschaft von der fliegenden Hitze des Gelüstes

trennt.

Auch der Freunde besaß er wenige. Einige ausgezeichnete Männer

unter seinen Kriegskameraden, wie Rühle und Pfuel, standen seinem

Dichterschaffen allzu fern; und der Verkehr mit dem anmaßenden

Phantasten Adam Müller verwirrte nur sein Urteil. Erscheint es nicht

fast tragikomisch, daß der derbe, grundprosaische Zschokke und

der jüngere Wieland, den die Nachwelt nur als einen warmherzigen

Patrioten kennt, die einzigen Poeten waren, mit denen ihn eine gewisse

Gemeinschaft künstlerischer Arbeit verband? Zschokkes „Stunden der

Andacht” und Penthesilea! -- Was frommte ihm der Beifall des alten

Wieland, der schon mit einem Fuß im Grabe stand? Der eine, zu dem er

emporblickte, Goethe, konnte das Grauen vor den krankhaften Zügen

dieses leidenschaftlichen Talentes nicht verwinden; und die lauten

Stürmer der romantischen Schule, die mit ihren formlosen Experimenten

den Markt beherrschten, verziehen ihm seine Tugenden nicht, sie

verachteten den prosaischen Sinn des Mannes, der den Mut besaß,

festzuhalten an der strengen Kunstform des Dramas. Den christlichen

Poeten des Tages war der ernste Bekenner Kantischer Sittlichkeit

unheimlich: wenn Fouqué mit ihm zusammentraf, so sprachen sie selbander

-- über die Kriegskunst. Von solchen Stimmungen beherrscht erwies die

Leserwelt den Werken Kleists eine unbelehrbare Mißgunst; kein einziger

froher Erfolg verschönte sein Leben. Als er einst einer Freundin einige

seiner Verse rezitierte und jene voll Bewunderung nach dem Verfasser

fragte, da schlug er sich verzweifelnd an die Stirn: „Auch Sie kennen

es nicht? O mein Gott, warum mache ich denn Gedichte?” Man mag einen

jungen Poeten verachten, der die Kraft nicht findet, das unvermeidliche

Schicksal eines Erstlingswerkes zu ertragen; doch hier erschüttert

uns die gerechte Klage des verkannten Genius. Fester und fester spann

er sich ein in sein einsiedlerisches Treiben: das Leid, sprach er

stolz, drückt um so schwerer, wenn mehrere daran tragen. Der Fluch

der Einsamkeit kam über ihn: sie nährte sein mißmutiges Grübeln, sie

gewährte ihm nur zu viel Muße, die Dinge wieder und wieder zu bedenken,

also daß jeder Entschluß, kaum gefaßt, ihm alsbald zum Ekel ward.

Und wenn wir schaudern vor den frevelhaften Spielen der Phantasie,

die in solchen Stunden sein Hirn betörten, so sollen wir doch auch

unbarmherzig die Mitschuld seiner Zeit bekennen: dies Künstlervolk ließ

den Sänger des Prinzen von Homburg verhungern, während Kotzebue und

Zacharias Werner als große Dichter gefeiert wurden.

Es liegt am Tage, daß ein so qualvoll ringender Dichtergeist

unwillkürlich Probleme von subjektiver Wahrheit wählen mußte. Kleist

wußte wohl, warum er die Frage aufwarf, die ihm viele begabte

Dramatiker nachgesprochen haben: ob es denn nicht möglich sei, die

Frauen mindestens für einige Abende vom Theaterbesuche auszuschließen.

Seine edelsten Werke sind Bekenntnisse, ganz verständlich nur dem

reifen Manne, dem verwandte Kämpfe die Seele erschütterten. Wer sich

aber hineingefunden hat in diese subjektive Welt, den umfängt sie

auch wie ein Zauberkreis. Kleist besitzt eine dramatische Energie,

welche dem gemütvollen, gern in die Weite schweifenden deutschen Wesen

fast unheimlich erscheint und von keinem anderen unserer Dichter

erreicht wird. Ein hoher dramatischer Verstand wirft alles zur

Seite, was aufhalten, was den Sinn des Hörers von dem Wesentlichen

ablenken könnte. Unaufhaltsam, wie in den Effektstücken gedankenloser

Bühnenpraktiker, flutet die Handlung dahin; und doch ist nichts bloß

gedacht und gedichtet, alles erlebt und angeschaut. Mit wunderbarer

Sicherheit weiß er jederzeit die Stimmung in uns zu erwecken, die sein

Stoff verlangt; mit ein paar Worten versetzt er uns in jede fremde

Welt. Vor der Wahrheit seiner Charaktere verstummt die Kritik: diese

Menschen leben, und wenn der Sturm der Leidenschaft sie packt, dann

verliert selbst der nüchterne Hörer die Besinnung. In Kleists reiferen

Stücken sind auch die geringfügigen Nebenpersonen des Studiums der

tüchtigsten Schauspieler würdig: der Knecht Gottschalk im Käthchen

war eine der glänzendsten Rollen Ludwig Devrients. Freilich verführt

ihn die Fertigkeit, sich selbst zu belauschen, auch in der Zeichnung

seiner Charaktere oft zu virtuoser Kleinmalerei. Er wagt manchmal,

jene flüchtigen Gedankenblitze darzustellen, die uns wider Willen

durchzucken, die nur durch ihr augenblickliches Verschwinden erträglich

werden und darum jeder Darstellung sich entziehen; dann haben wir den

Eindruck, als redeten seine Menschen im Traume. In jenen Augenblicken

der höchsten Wut, wo in der Wirklichkeit die Leidenschaft stumm bleibt

oder nur zerrissene Reden ausstößt, verschmäht Kleist oft das schöne

Vorrecht des Dichters, der mächtigen inneren Bewegung Worte zu leihen;

solche Szenen machen bei ihm, weil er sich zu sehr an die Natur hält,

nur den Eindruck des Richtigen, nicht der poetischen Wahrheit.

Die maßlose Leidenschaft, daran des Dichters Leben sich verblutete,

dringt oftmals störend auch in seine Werke: er liebt das Schreiende,

Gräßliche, verfolgt jedes Motiv gern bis zur äußersten Spitze, seine

Helden jagen ihrer Sehnsucht nach so ungestüm, so unersättlich wie er

selber dem Traumbilde seines Robert Guiscard. Als Kleist zu dichten

begann, hatte er schon zu vieles, zu Ernstes erlebt, um zu meinen, es

ließen sich die großen Widersprüche der Welt mit einer „schönen Stelle”

lösen. Aber selbst diese echt künstlerische Tugend wird an ihm oft

zum Fehler: er haßt nicht bloß die Phrasen, er flieht die Ideen. Als

einen Mangel müssen wir es bezeichnen, daß die von Lessing verpönten

langweiligen Aushilfen verlegener Dichter in seinen Dramen fast

gänzlich fehlen. Das Trauerspiel hohen Stils verlangt solche Worte der

Weisheit, nur daß sie natürlich aus Handlung und Charakter sich ergeben

müssen; der Hörer atmet bei ihnen auf, er ahnt den hellen Dichtergeist

hinter den Schrecken des tragischen Schicksals. Nicht Mangel an Genie

erschwerte ihm, den idealen Gehalt seiner Fabeln an den Tag zu bringen,

wohl aber Mangel an Ruhe: seine Stoffe lasteten auf ihm noch in ganz

anderer Weise, als jedes unfertige Bild den Künstler bedrückt. Er besaß

andauernde Begeisterung genug, um fast nur größere Werke zu schaffen,

er arbeitete langsam und kehrte mit gewissenhaftem Fleiße immer wieder

zu dem Geschaffenen zurück. Er schildert jede Einzelheit mit peinlicher

Genauigkeit; und doch fühlen wir aus der Mehrzahl seiner Werke die

innere Rastlosigkeit des Dichters heraus, seinen Drang, des Stoffes

ledig zu werden. Man lese die „Episode aus dem letzten Feldzuge”, ein

keckes Reiterstück, die einfachste Geschichte von der Welt. Wie ein

Husar in einem von den Franzosen bedrohten Dorfe unbekümmert um die

Bitten des Wirts behaglich ein paar Gläser trinkt, dann mit einem

wilden Fluche davon sprengt und sich durch die Feinde durchhaut -- das

wird auf mehreren Seiten geschildert, keine Handbewegung des Reiters

wird uns erlassen. Und trotzdem kommen wir dabei nicht einen Augenblick

zur ruhigen Betrachtung, so atemlos ist die Erzählung.

Auf Kleists Schaffen paßt Wort für Wort die Klage, die Schiller einmal

über die Aufgabe des Dramatikers schlechthin ausspricht: „Ich muß immer

beim Objekte bleiben; jedes Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer

fremden Gewalt folge.” Und fragen wir, warum Heinrich Kleist mit aller

Schöpferkraft seiner Phantasie doch hinter dem Genius Schillers weit

zurückbleibt, so lautet die Antwort: Schiller ist ein Klassiker, er

sucht Probleme, die für alle Zeiten wahr sind, und löst sie mit der

Sicherheit eines Geistes, der in den Ideen lebt; und weiter: Schiller

steht seinen Werken frei gegenüber -- trotz jener Selbstanklage, die

ihn nicht trifft. Kleist aber wird in der Tat oft unfrei, willenlos

fortgerissen von der Gewalt seines Stoffes; ja wir fühlen nicht selten,

wie eine glänzende Erscheinung vor ihm aufsteigt, wie sie Macht gewinnt

über seinen Geist und ihn zwingt, sie zu gestalten, auch wenn die

Harmonie seines Planes darunter leiden sollte. Einzelne traumhaft

schöne Bilder kehren in seinen Gedichten immer wieder, fast wie fixe

Ideen, die er nicht abschütteln kann.

Trotzdem ist Kleist ein denkender Künstler. Zwar kommt ihm niemals

bei, in seinen Briefen über die Gesetze seines Künstlerschaffens

zu sprechen, ja in einem Aufsatz voll köstlichen zynischen Humors

verhöhnt er alle Kunsttheorien und meint, „daß es, nach Anleitung

unserer würdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens

rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand

zu bringen, völlig abgemacht ist”. Doch in seinen Werken ist solcher

Naturalismus nicht zu finden: gewissenhaft hat der Mann, dem die

Schule der Bühne verschlossen blieb, nachgedacht über die Gesetze des

Dramas; sorgfältig hält er die Kunstformen auseinander. In seinen

Dramen ist alles Handlung, in den Novellen alles Erzählung, also daß

selbst der Dialog zumeist in indirekter Rede berichtet wird. Man

vergleiche das lange Gedicht an die Königin Luise, das Graf York

vor kurzem in den Grenzboten mitteilte, mit dem schönen prägnanten

Sonette, das offenbar aus jenem Entwurf entstanden ist, und man wird

ahnen, wieviel Gedankenarbeit in diesen wenigen Zeilen liegt. Auch in

der Form seiner Gedichte bewährt sich der bewußte Künstler. Die ganze

Tonleiter der Empfindung steht dem Sprachgewaltigen zu Gebote, doch am

glücklichsten gelingt ihm der Ausdruck der stürmischen Leidenschaft;

er kennt die Laute des edlen Heldenzorns, wie der tierischen Wildheit.

Sein Stil ist höchst persönlich, von unverkennbarer Eigenart und eben

darum echt deutsch: eine knappe, markige Sprache, auch in der Prosa

allein aus dem deutschen Wortschatz geschöpft, reich an volkstümlichen

anschaulichen Wendungen, und wenn es sein muß derb und grob, so wie er

einst im Regimente gegen seine „Kerls” gewettert hatte. Der melodische

Tonfall lyrischer Rede reizt ihn nicht; ihn kümmert's wenig, ob seine

Jamben zuweilen hart, zerhackt, durch häßliche Flickwörter entstellt

erscheinen; nur dramatisch, ausdrucksvoll, ein treuer Spiegel des

Inhalts sollen sie sein, und sie sind es.

Mag ihn die Literaturgeschichte immerhin zu der romantischen Schule

zählen -- die stolze Ursprünglichkeit dieser Erscheinung wird durch

einen Gattungsnamen mit nichten erschöpft. Jedes Gedicht Kleists

entspricht der Mahnung, die er einst den nachahmenden Künstlern zurief:

die Werke der alten Meister sollten „die rechte Lust in Euch erwecken,

auf Eure eigene Weise gleichfalls zu sein”. Er hat die Märchenpracht

der Romantik mit ahnungsvoller Zartheit besungen, ja der Kantianer

sehnte sich auf Augenblicke nach dem Frieden, den nur die Formenschöne

des katholischen Kultus gewähren könne; aber dicht neben diesen

phantastischen Träumen liegt in seinem Geiste der strenge Realismus,

die Freude an dem Schlichtnatürlichen, die Verstandesklarheit des

protestantisch-norddeutschen Wesens. Der uns soeben die gaukelnden

Gestalten einer Wunderwelt geschildert, führt uns im nächsten

Augenblick in die Kämpfe des politischen Lebens, läßt uns in vollen

Zügen die frische, scharfe Luft der Zeitgeschichte atmen. So steht der

wunderliche Grübler vereinsamt wie ein Fremder in einer Zeit, deren

Kämpfe und Leiden er doch tiefbewegt im Innern mitempfindet; und wir

Nachlebenden wissen nicht zu sagen, ob wir ihn beklagen sollen als

einen Spätling oder als einen zu früh Geborenen. Er erschien zu spät

-- denn dem geistigen Vermögen einer jeden Epoche ist ein festes Maß

gesetzt, es war unmöglich, daß die deutsche Kunst noch bei Lebzeiten

Goethes jenen neuen Stil hätte finden können, von dem Kleist träumte.

Und wieder: er kam zu früh, denn erst der Bürgersinn, der realistische

Zug der Gegenwart beginnt den Kern dieses Dichtergeistes zu verstehen,

erst den Dramatikern unserer Tage sind seine Werke ein Vorbild.

Nur der Torso des ersten Aufzuges läßt uns ahnen, welch ein Werk der

„Robert Guiscard” zu werden bestimmt war; doch weder das Bruchstück

selbst noch die Überlieferung der Normannengeschichte gibt uns einen

klaren Begriff von dem Plane. Wir vermuten lediglich, wenn wir „das

Volk” als Masse reden und klagen hören, daß dem Dichter eine Erneuerung

des antiken Chors in ganz moderner, dramatischer Form, eine Verbindung

des charakteristischen und des idealisierenden Stiles vorgeschwebt

haben mag. Eine wunderbare, von Kleist selber nie wieder erreichte

Pracht der Sprache hebt uns sofort auf die Höhen des Menschenlebens;

hier ist sie wirklich, die =gorgeous tragedy in sceptred pall=, die

Tragödie der Könige und Helden. Wir blicken in das wogende Gewimmel

eines Völkerlagers, und wie der alte Löwe Robert Guiscard soeben

majestätisch unter die klagenden Normannen tritt, da brechen die Szenen

ab, die einzigen, welche Kleist nach der Vernichtung des Werks zu

erneuern gewagt hat, und traurig legen wir die Blätter aus der Hand, an

denen das Herzblut eines edlen Mannes haftet.

Noch während dieser Plan auf der Seele des Dichters lastete, versuchte

er sich an einem bescheideneren Werke, dem Drama „Die Familie

Schroffenstein”. Neben seiner großen Tragödie erschien ihm das kleinere

Gedicht bald armselig, wie „eine elende Scharteke”; fast gewaltsam

mußten ihn die Freunde überreden, das Drama zu vollenden. Kein Wunder,

daß die Kritik mit diesem Erstlingswerke nichts anzufangen wußte; der

Dichter war, da er als Neuling auf den Markt trat, längst in der Stille

durch eine harte Schule dramatischer Arbeit gegangen, längst hinaus

über die rhetorische Überschwenglichkeit der Jugend.

Der Bau der ersten Akte ist mit der Sicherheit eines gereiften

Verstandes entworfen; die Charaktere, voll gewaltiger, wortkarger

Leidenschaft, sind gezeichnet mit jener unerbittlichen Wahrheit, welche

die Frauen so leicht von Kleists Werken zurückschreckt; das Ganze ein

Bild finsterer blutiger Kämpfe, ohne jede Spur einer höheren Idee. Wenn

Hegel recht hätte mit seinem Satze, daß ein idealistischer Anfang in

der Kunst immer bedenklich sei, so müßte man dies Erstlingswerk mit dem

günstigsten Auge betrachten. Und doch liegt gerade in dem Mangel jedes

idealen Momentes der Grund seines Fehlschlagens.

Kleist schildert den ererbten Haß zweier verwandter Häuser,

deren Kinder sich lieben und endlich durch den Frevel der Väter

untergehen. In Shakespeares Romeo und Julie wird der Haß der Familien

vorausgesetzt, der Schwerpunkt liegt in der Schuld der Liebenden. Bei

dem deutschen Dichter erscheint das Leiden der Liebenden nur als eine

Episode, als das heitere Gegenbild der finsteren Fabel, freilich als

ein Bild von rührender Innigkeit und bezaubernder sinnlicher Wärme.

Der Kern seiner Aufgabe ist, zu entwickeln, wie die lang gehegte

Erbitterung der beiden Geschlechter durch ein Nichts, einen leeren

Verdacht zum finsteren Hasse gesteigert wird, wie der Wahnsinn des

Argwohns die beiden Stammeshäupter -- zwei grundverschiedene und doch

in ihrem zähen, schweren Wesen nahe verwandte Naturen -- übermächtig

packt und sie fortreißt von Untat zu Untat. Und dies ist dem Künstler

so vollständig gelungen, wirkliche und vermeinte Schuld, Schein und

Wahrheit verschlingen sich so fest ineinander, daß der Hörer und

schließlich auch der Dichter die Klarheit seines sittlichen Urteils

verliert. Dem Dichter selbst wird „das Gefühl verwirrt” wie seinen

Helden, er steht ratlos vor dieser jämmerlichen und doch so furchtbaren

Kleinheit der Menschen, die in ihrem Grimm befangen nicht rechts

noch links von ihrem Wahn hinwegzublicken weiß; er meint zuletzt,

die durch den Aberwitz der Sterblichen verschuldete Verwicklung

durch einen Aberwitz des Schicksals lösen zu dürfen. Durch einen

grundhäßlichen Zufall erschlägt jeder der Väter, in der Meinung, das

Kind des Feindes zu treffen, sein eigenes Kind. Vor den unschuldigen

Opfern kommt endlich die Nichtigkeit des Argwohns, der all dies Unheil

herbeigeführt, an den Tag, und die schuldigen Väter feiern eine weder

glaubhafte noch erhebende Versöhnung. Mit sichtlicher Unlust hat der

Dichter den Schluß zu diesem krankhaftesten seiner Dramen auf das

Papier geworfen; es ist sein eigenes verstörtes Gemüt, das durch den

Mund seines Helden verzweifelnd gen Himmel schreit:

Gott der Gerechtigkeit,

sprich deutlich mit dem Menschen, daß er's weiß,

auch was er soll! --

Deutsche Lebensbilder · 第 15 / 25 段