Von allen Plänen der Mittelparteien forderte der Gedanke des

preußischen Kaisertums Uhlands heftigsten Widerspruch heraus. Dieser

Widerspruch bewog ihn zu den beiden einzigen größeren Reden, welche von

dem Schweigsamen in der Paulskirche gehalten wurden und nach meinem

Ermessen das Allerbeste sind, was je für die „großdeutsche” Richtung

gesprochen worden. Nicht in Verstandesgründen, sondern in gemütlichen

Sympathien liegt die Stärke dieser Partei, und wie mächtig wußte

Uhland diese Saite in der Brust seiner Hörer anzuschlagen, als er am

26. Oktober 1848 tiefbewegt in schwungvollen Worten das Parlament

ermahnte zu sorgen, „daß die blanke, unverstümmelte, hochwüchsige

Germania aus der Grube steige!” Noch kräftiger wirkte seine Rede vom

22. Januar 1849. Die Kapuzinerspäße Beda Webers waren kaum verklungen,

da hob Uhland die Debatte wieder auf die Höhe ihres Gegenstandes.

Die alte Herrlichkeit des deutschen Wahlkaisertums führte er gegen

die preußische Partei ins Feld: „Es waren in langer Reihe Männer von

Fleisch und Bein, kernhafte Gestalten mit leuchtenden Augen, tatkräftig

im Guten und Schlimmen.” Als dann die berühmten Worte folgten, bei

jeder Rede eines Österreichers in der Paulskirche sei ihm zumute

gewesen, „als ob ich eine Stimme von den Tyroler Bergen vernähme oder

das Adriatische Meer rauschen hörte”, da freilich war der nüchterne

Verstand schnell bei der Hand, über die „Phrase” selbstgefällig zu

lächeln. Wer aber den Worten in die Tiefe sah, erkannte ihren ernsten

Sinn. Allerdings war es ein schrecklicher Widerspruch, in Wahrheit eine

Unmöglichkeit, die in unserer Geschichte nicht wiederkehren darf, daß

ein Parlament, worin Österreichs Abgeordnete stimmberechtigt tagten,

über die Trennung Deutschlands von Österreich beraten konnte. Ein

schönes Seherwort des Dichters beschloß die Rede, das allbekannte:

„Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem

reichlichen Tropfen demokratischen Öles gesalbt ist.” Damit hatte

er der deutschen Bewegung sein „in diesem Zeichen wirst du siegen”

zugerufen, und uns, den Gegnern, vornehmlich geziemt es, das gute Wort

in treuem Herzen zu tragen. Die Welt ist heute liberal, und nur im

Bunde mit dieser unhemmbaren liberalen Bewegung des Jahrhunderts wird

es uns gelingen, die Einheit Deutschlands zu gründen. Das bewährte

sich damals schrecklich, als das Herrscherhaus der Hohenzollern den

rückhaltlosen Bund mit dem Liberalismus verschmähte und dem Rufe der

Nation sich schwach versagte. Furchtlos und treu, ein echter Schwabe,

hielt Uhland auch jetzt noch aus bei seiner Partei,

So wie ein Fähndrich wund und blutig

Die Fahne rettet im Gefecht,

und sogar die Worte dieses vaterländischen Gedichts aus seiner Jugend

kehrten wieder in dem Manifeste vom 25. Mai, das er im Namen des

Rumpfparlaments an die Nation richtete: „Wir gedenken, wenn auch

in kleiner Zahl und großer Mühsal, die Vollmacht, die wir von dem

Volke empfangen, die zerfetzte Fahne, treu gewahrt in die Hände des

Reichstags niederzulegen, der am 15. August zusammentreten soll.”

Freilich, unklar, romantisch verschwommen wie der Wortlaut war auch

der Gedankengehalt dieses Aufrufes. Dem Idealisten galt es nur, die

Idee des Parlamentes zu retten: er folgte der Linken nach Stuttgart,

„darum daß nicht das letzte Band der deutschen Volkseinheit reiße”.

Unhaltbarer immer ward die Stellung des maßvollen Mannes unter der

wüsten Leidenschaft des Rumpfparlaments. Schon wurde der Klang seiner

Rede von dem zornigen Lärm des Pöbels übertäubt, als er vor der

Einsetzung der Reichsregentschaft, vor dem Bürgerkriege warnte und

den Verblendeten zurief: „Württemberg ist nicht beschaffen wie jetzt

diese Versammlung; es stellt nicht wie diese nur eine der Parteiungen

dar, in welche das deutsche Volk zerklüftet ist.” Nur sehr wenige

Gesinnungsgenossen zählte er noch in der Versammlung. Der Austritt

aber aus einer unterliegenden Partei war seinem Stolze, seiner Treue

unmöglich. So ist er geblieben bis zu dem jammervollen Ende des

deutschen Parlaments, dem Straßenkampfe in Stuttgart.

Seine Briefe aus diesen Jahren verkünden männlichen Schmerz über den

Zusammenbruch der Hoffnungen des Vaterlandes. Weniger tief mag er, der

mit all seinem Sinnen in der schwäbischen Heimat wurzelte, das eine

empfunden haben, was den meisten heimkehrenden Reichstagsmännern nach

den großen Kämpfen des Parlaments überwältigend, demütigend auf die

Seele fiel: die bettelhafte Armseligkeit der Kleinstaaterei. Seine

demokratische Gesinnung blieb in alter Schroffheit aufrecht: sogar

den Orden =Pour le mérite= wollte er nicht annehmen, den einzigen

noch unentweihten in Deutschland, den selbst der strenge Republikaner

Arago getragen hatte. Die letzten Jahre sind ihm in der Stille

wissenschaftlicher Arbeit vergangen. Daß er aber noch lebte in dem

Herzen seines Volkes, davon haben ihm alljährlich tausend Zeichen der

Teilnahme von fern und nah Kunde gebracht. Sie wurden dem schlichten

Manne oft lästig, dem Schwab einst sagte: „Du liebtest nicht das laute

Lieben.”

An dem Grabe des Dichters hat das gesamte Volk empfunden, was einst

sein Walther dem süßen Liedermunde Reinmars von Hagenau in die Gruft

nachrief:

Deine Seele möge wohl nun fahren,

Deine Zunge habe Dank.

Und wie sein Lied nur mit unserer Sprache selber sterben wird, so

wird auch fortleben in unserem Volke das Bild des Mannes Uhland,

der, menschlich irrend, doch in hohen Ehren, manchen wuchtigen Stein

hinzugetragen hat zu dem Neubau des deutschen Staates. Auch im Tode --

er selber hat es uns verkündet -- wollte er nicht lassen von seinem

Volke:

Wohl werd' ich's nicht erleben,

Doch an der Sehnsucht Hand

Als Schatten noch durchschweben

Mein freies Vaterland.

Uns aber, die ihn betrauern, bleibt die schöne Pflicht, mit streitbarem

Worte und fester Tat zu sorgen, daß die Sehnsucht des Dichters sich

erfülle, daß er die Stätte bereitet finde, wenn er kommt -- als

Schatten zu durchschweben sein freies Vaterland.

Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist.

Wer unter den Hellenen nicht verstand, eine feste Stelle zu gewinnen

in der gegebenen Ordnung des Staates und der Sitte, der ging zugrunde,

verachtet und vergessen. Der strenge Bürgergeist der Alten verdammte

den Einzelwillen, der sich erdreistete etwas zu gelten neben dem

Willen des Ganzen; ihr auf das Große gerichteter Sinn blickte gelassen

hinweg über die geheimsten Schmerzen der ringenden Menschenseele;

ihre Schamhaftigkeit scheute sich den Schleier zu heben, der diese

Abgründe des Herzens verhüllt. Erst die moderne Welt zeigt ein

liebevoll mitleidiges Verständnis für die Fülle des Elends, die in dem

Worte liegt: ein verfehltes Leben! Und sie hat guten Grund zu solchem

Mitleid. Sie läßt den einzelnen aufwachsen in fast schrankenloser

Ungebundenheit: mag er nachher selber zusehen, wie dies junge trotzige

Ich nach hartem Kampfe sich einfüge in die handelnde Gemeinschaft der

Menschen. Nicht in den brausenden Jünglingsjahren, deren glückselige

Torheit allein den philisterhaften Sittenprediger erschreckt --

erst später, um die Mitte der zwanziger Jahre, wenn die Zeit des

Schaffens anhebt, pflegen dem modernen Menschen die schwersten, die

gefährlichsten Stunden zu kommen. Welcher Mann von halbwegs reicher

Erfahrung hätte nicht an dieser Markscheide des Lebens einen geliebten

Genossen seiner Jugend zugrunde gehen sehen und schmerzvoll mit

Heinrich von Kleist gerufen:

Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,

Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,

Weil er in ihre Krone greifen kann.

Die fette Mittelmäßigkeit schwimmt behaglich obenauf, doch manche

der Besten sinken unter, weil ihr reicher Geist sich nicht fügen

will dem Gebote des Lebens: du sollst einen Teil deiner Gaben ruhen,

verkümmern lassen -- einem Gebote, dessen Härte der Gedankenlose gar

nicht fühlt. Wie viele flattern dahin ihr Leben lang wie mit gelähmter

Schwinge, weil ein Mißgriff, ein Körpergebrechen, ein alberner Zufall

sie ausschließt von dem Wirkungskreise, in dem sie ihr Höchstes, ihr

Eigenstes leisten konnten. Unter allen, die nicht wurden, was sie

wollten, leidet niemand so furchtbar, wie der hochstrebende Geist,

der sich durch sein ganzes Sein, durch eine unwiderstehliche innere

Stimme in einen bestimmten Beruf -- und nur in diesen -- getrieben

fühlt und schließlich doch entdeckt, daß seine Kraft nicht ausreicht.

Solche Grausamkeit der Natur trifft am härtesten die reizbare Seele

des Künstlers; denn er vermag weniger als irgendein anderer Arbeiter

die Mängel der Begabung durch die Kraft des Willens zu ersetzen,

und die Kunst kennt keine Mittelstraße, sie kennt nur vollendete

und verfehlte Werke. -- In Vischers Ästhetik, einem der besten und

bestbestohlenen Werke unserer Literatur, wird sehr richtig neben

dem Genius, der sich selber die Regel ist, und dem Talente, das auf

geebneter Bahn frisch und kräftig vorwärts schreitet; noch eine dritte

Form der künstlerischen Anlage unterschieden: das partielle Genie --

die Begabung jener tief unglücklichen Geister, welche dann und wann in

seligen Augenblicken mit der Kraft des Genius das Klassische, das Ewige

schaffen, um alsbald ermattet zurückzusinken und sich zu verzehren

in heißer Sehnsucht nach dem Ideale. Solche Naturen gleichen einem

herrlichen, großgedachten Gemälde, das irgendwo an auffälliger Stelle

durch eine Lücke, eine widrige Verzeichnung verunstaltet wird, sie

besitzen alles, was den unsterblichen Meister bildet, bis auf jenen

kleinen Punkt über dem i, der den Buchstaben fertig macht. Die deutsche

Dichtung, die nicht emporwuchs aus einer reifen Volksgesittung, sondern

ihr voranging, zählt eben deshalb solcher unfertiger, unglücklicher

Genies nur allzu viele, und unter ihnen ragt Heinrich von Kleist als

der Gewaltigste, der Wahrhaftigste hoch empor. „Die Hölle gab mir meine

halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar

keines” -- so bezeichnet er den Fluch seines Lebens, und nur er selber

darf also reden, denn die Halbheit, die Armut seiner Gaben genügt

vollauf, um eine Handvoll tüchtiger Künstler mit überschwenglichem

Reichtum zu segnen.

Wir Deutschen rühmen uns, daß von den Helden unseres Geistes nicht

so unbedingt wie von den meisten Dichtern anderer Völker gesagt

werden darf: Des Künstlers Leben sind seine Werke. Es ist ein echt

deutscher Spruch, den Schiller einmal hinwirft: „Den Schriftsteller

überhüpfe die Nachwelt, der nicht größer war als seine Werke.” Selbst

vor Goethes Faust überkommt uns die stolze Ahnung, daß der Dichter

noch immer eine Fülle überschüssiger Kraft zurückbehalten hat in

seiner reichen Seele. Darum lassen wir uns die Freude nicht nehmen,

den größeren Mann zu suchen hinter den großen Werken, und auch wer

die Vorliebe der Gegenwart für die Briefe und Papierschnitzel unserer

Dichter nicht teilt, darf das berechtigte Gefühl nicht verkennen, das

diesem Übermaß zugrunde liegt. Die düstere Gestalt Heinrich Kleists

verbietet uns solchen Genuß. Während seine Werke oft den Tadel, immer

das Lob entwaffnen, einige darunter bis zu den Höhen menschlichen

Schaffens hinaufreichen, ist sein Leben doch nur eine entsetzliche

Krankheitsgeschichte. Zweifel und Kämpfe, wie sie niemals grausamer

ein Menschenherz gepeinigt, Siechtum des Leibes und der Seele, der

ungerechte Kaltsinn der Zeitgenossen, der Zusammenbruch des Vaterlandes

und die gemeine Not um das liebe Brot -- das alles vereinigt sich zu

einem erschütternden Bilde; dem Betrachter bleibt zuletzt nur ein

Gefühl grenzenlosen Mitleids und der wehmütige Hinblick auf die von

dem Unglücklichen so oft angerufene „Gebrechlichkeit der Welt”. --

Die Biographie steht darum dem reinen Kunstwerke so nahe, weil in dem

Dasein jedes bedeutenden und gesunden Mannes die Geschichte seiner Zeit

wie in einem Mikrokosmos erscheint. Kleists Leben aber, wie mächtig

auch die Stürme des Jahrhunderts diesen tiefen Geist erschütterten, ist

die Geschichte höchstpersönlicher Leiden, ein psychologisches Problem.

Wir kennen nicht die Züge seines Gesichts; denn das einzige erhaltene

Porträt -- ein greisenhafter Knabenkopf, den ein Gottverlassener,

dicht auf der Grenze zwischen dem Maler und dem Weißbinder stehend,

zusammengepinselt hat -- erweckt keinen Glauben. Von den geheimen

Kämpfen seiner Seele hat er selbst ein treues Bild gegeben in den

Briefen an seine Schwester, die mit ihrer dämonischen Leidenschaft,

ihrem verzehrenden Schmerze in unserer Literatur einzig dastehen; wohl

nur Mirabeaus Jugendbriefe schildern mit gleich schreckhafter Wahrheit

den Aufruhr in einem großen Menschengeiste. Aber selbst wer diese

rückhaltlosen Geständnisse kennt, steht zuletzt doch traurig vor einem

Unbegreiflichen, vor einer krankhaften Naturanlage, die dem Dichter

selbst ein Rätsel blieb. In allen seinen Irrgängen begegnet uns kein

Zug, der nicht ehrlich, hochherzig, bedeutend wäre. Er ringt nach

der Erkenntnis des Wahren und des Schönen, nach den Kränzen höchsten

Dichterruhms; an den platten Freuden des Lebens geht er vorüber mit

einer stolzen Verachtung, die unserem genußsüchtigen Zeitalter fast

unfaßbar erscheint, kaum daß dann und wann die Sehnsucht, nicht nach

dem Behagen, sondern nach dem Frieden des Hauses sich in seine Klagen

mischt. Für ihn wie für wenige Menschen gilt das Wort: ihn ganz

verstehen heißt ihm ganz verzeihen.

Geboren am 10. Oktober 1776 zu Frankfurt an der Oder, tritt der feurige

junge Mensch nach dem Brauche seines Soldatenhauses frühzeitig in die

Armee. Während er teilnimmt an den rheinischen Feldzügen, erschüttern

die Ideen des philosophischen Jahrhunderts sein Herz. Er sehnt sich

hinaus in die Freiheit, in das unendliche Reich des Wissens, er will

„die Zeit, die wir hier so unmoralisch töten, durch menschenfreundliche

Taten bezahlen”. In seinem zweiundzwanzigsten Jahre fordert er seinen

Abschied und kehrt als überreifer Student in seine Vaterstadt zurück.

Er wird der Lehrer, der geistige Mittelpunkt für einen heiteren Kreis

junger Verwandten, er verschlingt Bücher in rastloser Arbeit und meint

mit seinem Forschen bis in den Kern der Nuß einzudringen. Aber schon

nach Jahresfrist treibt ihn eine verzehrende innere Unruhe hinweg

von den Studien, von seiner kaum gefundenen Braut. In Berlin sodann

trifft ihn wie ein Wetterstrahl die Lehre Kants, daß der Mensch nicht

die Dinge kennt, nur seine Anschauung von den Dingen. In maßlosem

Schmerz bricht der junge Himmelsstürmer zusammen vor dieser Erkenntnis.

Die Verzweiflung an aller Wahrheit, an allen Gesetzen des sittlichen

Lebens klagt fortan schauerlich in seinen Briefen: „Daß wir ein Leben

bedürften, um zu lernen, wie wir leben müßten! -- Und so mögen wir

am Ende tun was wir wollen, wir tun recht!” Und dazwischen immer

von neuem die glühende Sehnsucht nach dem Ewigen. „Zwischen je zwei

Lindenblättern, wenn wir abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht an

Ahndungen reicher als Gedanken fassen und Worte sagen können!”

Schon in früher Jugend quält ihn die überfeine Zartheit des Gewissens,

welche wir so gern als ein Zeichen innerer Reinheit begrüßen möchten,

während sie doch in den meisten Fällen nur der Vorbote ist eines

verdüsterten, selbstquälerischen Alters. Mit unbarmherzigem Auge

verfolgt er selbst jeden seiner Schritte, wie ein Geisteskranker

belauscht er sich; selbst über seine tollsten Streiche, seine

finstersten Seelenkämpfe gibt er sich und andern Rechenschaft -- das

alles ganz unbefangen, ganz wahrhaftig, ganz frei von jedem Streben

sich interessant zu machen. Darüber gehen ihm natürlich viele jener

Augenblicke verloren, wo der Mensch, ganz mit sich einig, ohne Wahl

und Frage sein Bestes schafft. Das Doppelleben, das so viele Künstler

führen, wird ihm zur verzehrenden Krankheit. Nicht genug, daß seine

Stimmung in jähen Sprüngen von kindlich harmloser Fröhlichkeit

zu finsterem Unmut, von rasch aufloderndem Stolze in kleinmütige

Verzagtheit umschlägt, daß seine Unbeständigkeit ihm den bitteren

Ausruf entringt, Gleichmut sei die Tugend nur des Athleten; nicht

genug, daß seine schneidende Verstandesschärfe ungesellig steht neben

einer glühenden Einbildungskraft und einem weichen Gemüte: auch seine

Phantasie bringt ihm keinen Trost. Der so viele mit dem reichen Spiele

seiner Erfindung entzückt, ihm bleibt selbst das harmloseste Vorrecht

des Künstlers versagt. Nicht einmal Luftschlösser kann er bauen, nicht

einmal im Geiste sich zu seinen Lieben versetzen; es ist, als sei

seine Phantasie für das tägliche Leben nicht vorhanden. Er haßt die

Menschen; denn sein Herz und Nieren prüfender Scharfblick zeigt ihm

ihre Kleinheit, und sein düsterer Sinn vermag nicht, mit überlegenem,

freundlichen Lächeln das Recht solcher Kleinheit zu würdigen.

„Vielleicht” -- so schreibt er einmal seiner Braut -- „hat die Natur

dir jene Klarheit zu deinem Glück versagt, jene traurige Klarheit, die

mir zu jeder Miene den Gedanken, zu jedem Worte den Sinn, zu jeder

Handlung den Grund nennt.” Fremd, beklommen steht er in den höheren

Kreisen der Gesellschaft, wo das Verbergen jedes starken Gefühls für

gute Sitte gilt; und doch kann er des Beifalls der Mißachteten nicht

entbehren. Die Welt beginnt die Achsel zu zucken über sein zielloses

Träumen, er fühlt die spöttischen Blicke seiner Umgebung auf seinen

Wangen brennen. Der Drang nach Taten erwacht und lastet auf ihm „wie

eine Ehrenschuld, die jeden, der Ehrgefühl hat, unablässig mahnt”;

er will schaffen, rastlos, unermüdlich: „Der Mensch soll mit der

Mühe Pflugschar sich des Schicksals harten Boden öffnen.” Auch seine

Freunde, seine Braut, seine geliebte Schwester Ulrike drängen und

fragen ihn, was er denn werden, was er leisten wolle. O ihr Erinnyen

mit eurer Liebe! ruft er außer sich.

Wer hätte nicht einmal in schweren Stunden erfahren, wie qualvoll

solche zudringliche Einmischung der Welt uns bedrückt, wenn eine ernste

Entscheidung vor unsere Seele tritt? Und eben jetzt, da jedermann ihm

von seinen wissenschaftlichen Plänen spricht, ist Heinrich Kleist schon

verekelt an aller Wissenschaft, er ahnt, daß Gelehrte und Künstler

Antipoden sind und -- daß er selber ein Dichter sei. Auch dies müssen

wir schweigend hinnehmen als ein psychologisches Rätsel, daß in einem

solchen Dichtergeiste die Ahnung seines Berufes so unbegreiflich spät

erwachte. Kein Liebeslied, kein rhetorischer Dithyrambus hat ihm, wie

anderen glücklicheren Künstlern, die holde Schwärmerzeit des Lebens

verschönt; die Erstlinge seiner Muse sind -- seine schmerzbewegten

Briefe an Ulrike. Wir fühlen nach, wie das Ohr des Künstlers sich

erfreut an diesen verhaltenen Gedichten, an dem vollen Klange dieser

leidenschaftlichen Klagen. Zuweilen tritt schon die Sehnsucht nach dem

Schönen klarer hervor; er schildert die Reize der Natur in prächtigen

Farben, er ruft: „Wir sollten täglich wenigstens ein gutes Gedicht

lesen, ein schönes Gemälde sehen, ein sanftes Lied hören oder ein

herzliches Wort mit einem Freunde wechseln.” -- Dann stürmt er hinaus

in die Ferne; jahrelang, auf unsteten Wanderfahrten durch Deutschland,

Frankreich und die Schweiz jagt er dem Traumbilde des Dichterruhmes

nach, das flammend vor seiner Seele steht. Er will der größte der

Kleiste werden -- denn ein naiver Familienstolz liegt in seinem Geiste

dicht neben der Schwärmerei für die Gleichheit der Menschen. Das

Sprichwort der märkischen Vettern „jeder Kleist ein Dichter” soll sich

glorreich erfüllen, der Lorbeer des alten Ewald Kleist soll verwelken

neben dem seinen. Er berauscht sich an Goethes Werken, Schillers

ideales Pathos ergreift diesen durch und durch realistischen Kopf

nur wenig. Zugleich sagt ihm eine geheimnisvolle Ahnung, daß in ihm

selber eine Gewalt dramatischer Leidenschaft schlummere, die Goethes

harmonischer Genius so nicht kannte: „Ich will ihm den Kranz von der

Stirne reißen”, ruft er frevelnd. Was hat er nicht ausgestanden bei dem

wohlweisen Lächeln der Philister um ihn her, die ihm seine „Versche”

nicht verzeihen können; wie soll das armselige Volk erstaunen, wenn er

einst heimkehrt als der erste der deutschen Dichter!

Und schon ist der Plan gefunden, der alle Wunder von Weimar mit einem

Schlage überbieten soll: das Drama Robert Guiscard. Auf diesen einen

Wurf setzt er sein alles: gelingt ihm dies Gedicht, „das der Welt deine

Liebe zu mir erklären soll” -- dann will er sterben, so schreibt er der

Schwester. In dem geheimnisvollen Ringen um dieses Werk verzehrt sich

die edelste Kraft seiner Jugend. Bald schwelgt er in „der Erfindung,

diesem Spiele der Seligen”, bald umflattern die werdenden Gestalten

des Gedichts sein Haupt wie ein verfolgendes Dämonengeschlecht,

also daß er mitten in froher Gesellschaft mit halblauter Stimme zu

dichten beginnt. Wieder und wieder vernichtet er das Werk, das seinen

glühenden Wünschen nie genügt. Dann klagt er das Schicksal an, warum

es nicht die Hälfte seiner Gaben zurückgehalten habe, um ihm dafür

Selbstvertrauen und Genügsamkeit zu schenken; dann überfällt ihn die

Reue um die verlorenen Stunden, die ungenossenen wie die ungenützten,

und eine tiefe Verachtung des Lebens: „Wer es mit Sorgfalt liebt,

moralisch tot ist er schon, denn seine höchste Lebenskraft, es opfern

zu können, modert, indem er es pflegt.” Und bald strahlt er wieder von

kecker Siegeszuversicht und ruft gleich seinem Prinzen von Homburg: „O

Cäsar Divus, die Leiter setz' ich an deinen Stern!” Sein äußeres Leben

in diesen angstvollen Tagen schildert er selbst in der Klage: „An mir

ist nichts beständig als die Unbeständigkeit.” Er wandert und wandert,

schließt Bekanntschaften mit bedeutenden Männern, um sie ebenso

schnell zu lösen, entwirft neue Lebenspläne, um sie sogleich fallen zu

lassen. Er will als ein Landmann in der Schweiz sich eine stille Hütte

bauen und bricht mit seiner Braut, weil sie ihm nicht folgen will;

er versucht einmal, inmitten der Pracht der Alpen, auf einer Insel

in der Aar, mit einem anmutigen Schweizermädchen ein beschauliches

Künstlerleben zu führen -- und das alles zieht an ihm vorüber wie ein

Traum, leer und nichtig neben dem einen, was ihm wirklich ist -- neben

dem Dichterschmerz um sein Drama. Da endlich erfolgt die Enttäuschung,

deren schneidenden Jammer nur die eigenen Worte des Unglücklichen

schildern können. Am 5. Oktober 1803 schreibt er der Schwester:

„Der Himmel weiß, meine theuerste Ulrike (und ich will umkommen,

wenn es nicht wörtlich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen

aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so

anfangen könnte: ‚Mein Gedicht ist fertig.’ Aber Du weißt, wer nach dem

Sprichwort mehr thut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinter

einander folgender Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet,

an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere

Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu,

daß es genug sei. Sie küßt mir gerührt den Schweiß von der Stirne und

tröstet mich, ‚wenn jeder ihrer lieben Söhne nur eben so viel thäte,

so würde unserem Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen’. Und so

sei es denn genug. Das Schicksal, das den Völkern jeden Zuschuß zu

ihrer Bildung zumißt, will, denke ich, die Kunst in diesem nördlichen

Himmelsstrich noch nicht reifen lassen. Thöricht wäre es wenigstens,

wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich

mich endlich überzeugen muß, für mich zu schwer ist. Ich trete vor

Einem zurück, der noch nicht da ist, und beuge mich ein Jahrtausend

im Voraus vor seinem Geiste. Denn in der Reihe der menschlichen

Erfindungen ist diejenige, die ich gedacht habe, unfehlbar ein

Glied, und es wächst irgendwo ein Stein schon für den, der sie einst

ausspricht. Und so soll ich denn niemals zu Euch, meine theuersten

Menschen, zurückkehren? O niemals! Rede mir nicht zu. Wenn Du es

thust, so kennst Du das gefährliche Ding nicht, das man Ehrgeiz nennt.

Ich kann jetzt darüber lachen, wenn ich mir einen Prätendenten mit

Ansprüchen unter einem Haufen von Menschen denke, die sein Geburtsrecht

zur Krone nicht anerkennen; aber die Folgen für ein empfindliches

Gemüth, sie sind, ich schwöre es Dir, nicht zu berechnen. Mich entsetzt

die Vorstellung. Ist es aber nicht unwürdig, wenn sich das Schicksal

herabläßt, ein so hilfloses Ding, wie der Mensch ist, bei der Nase

herumzuführen? Und sollte man es nicht fast so nennen, wenn es uns

gleichsam Kuxe auf Goldminen giebt, die, wenn wir nachgraben, überall

kein ächtes Metall enthalten?” --

Deutsche Lebensbilder · 第 14 / 25 段