Sehr laut, fast überschwenglich ist neuerdings Uhlands politisches

Wirken gepriesen worden. Der Kaltsinn gegen die Kunst, diese Krankheit

der Gegenwart, offenbarte sich auch darin, daß in vielen Nekrologen

der Dichter wie ein patriotischer Landtagsabgeordneter erschien, der

nebenbei auch Verse geschrieben. Wohl ist es nicht leicht, diesen

verschlossenen Charakter zu durchschauen, der selten in Gesprächen oder

Briefen die Beweggründe seines Handelns angab. Nur diese Behauptung

dürfen wir zuversichtlich aufrechterhalten: Uhlands dichterisches und

gelehrtes Schaffen war nicht bloß fruchtbarer als seine politische

Wirksamkeit, es wurzelte auch ungleich tiefer in seinem Gemüte. Uhland

war weit weniger als Kleist oder Arndt eine politische Natur; das

Unglück des Vaterlandes erfüllte den ruhigen Mann nicht mit jener

heißen Leidenschaft, die jeden andern Gedanken übertäubt; gleich den

ausschließlich ästhetischen Geistern des älteren Dichtergeschlechts

war ihm noch möglich, während der krampfhaften Aufregung des

Freiheitskrieges sich die selige Ruhe künstlerischen Wirkens zu

bewahren. Nicht in die Wiege gebunden war ihm die Lust am Streite,

wie einem Lessing; ihn erfüllte nur das unabweisliche Verlangen,

rein und unsträflich vor seinen Augen dazustehen. Wie konnte er also

zurückstehen, wenn um die höchsten sittlichen Güter unseres Volkes

gestritten ward? Zudem hatte er seinen natürlichen Rechtssinn geschult

in den juristischen Studien, die er ohne Freude, aber mit Ernst und

Nachdruck trieb, und war früh mit den Ideen des modernen Liberalismus

vertraut geworden. Seine schmucklos bürgerliche Art, „dickrindig und

schier klotzig”, wie Chamisso sie einmal übermütig nannte, diese

keusche Wahrhaftigkeit sah mit bitterem Ekel auf die Leichtfertigkeit

der Höfe, auf das vornehme Spielen mit dem Ernste des Lebens. So ward

er, der seine gelehrte Arbeit und den besten Teil seiner Dichterkraft

unserer Vorzeit widmete, im Leben ein Streiter für die modernen

Volksrechte. Bestechend, aber verkehrt ist Heinrich Heines Versuch,

aus diesem scheinbaren Widerspruche von Leben und Dichtung das frühe

Verstummen von Uhlands Gesang zu erklären. Wir wissen längst, daß nicht

„das katholisch-feudalistische”, sondern das volkstümliche Element

der mittelalterlichen Gesittung seine dichterische Neigung vorwiegend

anzog; also haben seine poetischen Arbeiten seinen vaterländischen Sinn

vielmehr gekräftigt. Nur einzelne kleine Schwächen seiner Poesie lassen

sich allerdings auf dies zwiegeteilte Streben zurückführen. Wenn dann

und wann ein Ritter, ein Mönch seiner Balladen uns mit allzu blassen

Farben gemalt scheint, so erinnern wir uns: ein durchaus moderner

Mensch hat dies Bild geschaffen, der bereits mit hellem Bewußtsein auf

das Mittelalter als auf eine versunkene Welt zurückschaut.

Es ist nicht ganz richtig, wenn Uhland kurzweg den Dichtern der

Freiheitskriege zugezählt wird. Der Heldenzorn jenes Kampfes tönt uns

mit voller Gewalt nur aus den Liedern der Arndt, Körner, Schenkendorf

entgegen, die mitteninne standen in dem Schlachtgetümmel. Dem Schwaben

war dies schöne Los versagt; darum hören wir aus den Liedern Uhlands

in dieser Zeit nur die Stimme des erregten Beobachters, nicht des

Kämpfers. Besonders schön hat er die Angst der Guten geschildert, da

die letzte Entscheidung sich verzögerte, bis ihm endlich sein heißer

Wunsch erfüllt ward:

Das edle Recht, zu singen

Des deutschen Volkes Sieg.

Demutsvoll stand er zur Seite und fragte sein Land:

Nach solchen Opfern heilig großen

Was gälten diese Lieder dir!

Erst nach dem Frieden, als Süddeutschland der Brennpunkt unserer

staatlichen Kämpfe war, begannen die großen Tage seiner politischen

Dichtung, welche nun, da der Norden ermattet schwieg, den Geist jener

nordischen streitbaren Sänger getreulich bewahrte.

Der württembergische Verfassungsstreit brach aus. Schon als Arbeiter

im Justizministerium hatte der junge Jurist erfahren, was die

Willkürherrschaft des geistvollsten und ruchlosesten der Napoleonischen

Satrapen bedeute. Jetzt, ein unabhängiger Rechtsanwalt in Stuttgart,

ward er der beredte Mund des empörten Rechtsgefühls seines Stammes.

Er forderte das alte Recht zurück, verwarf sowohl die neue vom König

Friedrich eigenmächtig geschaffene Verfassung als die wohlmeinende

Vermittlung des Nachfolgers König Wilhelm und seines alten Gönners,

des Ministers Wangenheim, schrieb unermüdlich Adressen, Flugschriften

und die „Vaterländischen Gedichte”. Zu ihnen möchte ich alle

Verächter der politischen Dichtung führen, damit sie erkennen: ein

echter Dichter ist, derweil er singt, immer im Rechte. Auch wer das

starre Festhalten der Altwürttemberger an dem alten Rechte politisch

verwirft, muß ergriffen werden von dem so männlich-stolzen und so

christlich-demütigen Gebete:

Zu unsrem König, deinem Knecht,

Kann nicht des Volkes Stimme kommen.

Und wenn irgendwo, so ist hier Uhland der deutschen Dichterweise treu

geblieben und hat die Form seiner Lieder sich schaffen lassen durch den

Inhalt. Dichter und Staatsmann hatten schier die Rollen ausgetauscht:

der phantastischen, dreist experimentierenden Staatskunst Wangenheims

stand der Sänger mit der nüchternen bedachtsamen Mahnung gegenüber,

das Altbewährte treu zu hüten. Wirken sollten die Lieder, haften im

Gedächtnisse des Volkes. Darum die einfachste Form für den einfachen

Inhalt, unermüdliche Wiederholung, schmucklose, allen verständliche,

dann und wann fast prosaische Worte:

Schelten euch die Überweisen,

Die um eig'ne Sonnen kreisen,

Haltet fester nur am Echten,

Alterprobten, Einfach-Rechten!

Die verschiedensten Beweggründe zugleich trieben den Dichter in die

buntscheckigen Reihen der Opposition: die gemütliche Anhänglichkeit an

das altheimische Recht so gut wie der noch ungeschulte Liberalismus,

der die alte Verfassung pries, weil sie die Macht des Monarchen

beschränkte, doch nicht begriff, daß sie den modernen Staat aufhob.

Mächtiger als all dies wirkte in ihm der edle sittliche Zorn, der

freie Männerstolz, der auch der wohlmeinenden Macht nicht gestatten

wollte, das Recht zu beugen. In solchem sittlichen Zorn liegt die

Idee, die Berechtigung dieser Opposition. Ihm dankte der Dichter auch

seine poetische Überlegenheit, als er jetzt einen neuen heftigeren,

politischen Sängerstreit mit Rückert durchfechten mußte. So hatte

einst sein Lehrer Walther für den Staufer Philipp kampflustige Lieder

gesungen, derweil Wolfram von Eschenbach für den Welfenkaiser Otto

in die Schranken trat. Diesmal sprach Uhland zum Herzen der Hörer,

während der Gegner, indem er Wangenheims Reformpläne verteidigte, nur

an den Verstand des Volkes sich wenden konnte. Und nicht an der Scholle

haftete der Blick des Sängers, er sah in dem Ringen seiner Heimat nur

eine Schlacht des langen Krieges, der das weite Vaterland erfüllen

sollte, und verwundete die Elenden, die nach geheimen Bünden spürten,

mitten ins Herz mit den Versen:

Ich kenne, was das Leben euch verbittert,

Die arge Pest, die weit vererbte Sünde:

Die Sehnsucht, daß ein Deutschland sich begründe,

Gesetzlich frei, volkskräftig, unzersplittert.

Oftmals in diesen Händeln traf seine noch unfertige politische Bildung

mit sicherem Takte das Rechte; so, wenn er wider den Plan einer

württembergischen Adelskammer das gute, durch schwere Erfahrungen

bestätigte Wort sprach: „Das heißt den Todeskeim in die Verfassung

legen.” Auch an den Fehlern der Opposition hatte er seinen Teil,

an jener eigensinnigen Hartnäckigkeit, welche die gute Stunde, die

freieste Verfassung in Deutschland zu gründen, verscherzte. In späteren

Jahren hat er selbst eingesehen, wie sehr ihm die Freiheit des Urteils

fehlte, als er die wohldurchdachten Entwürfe der Regierung kurzab als

Machwerke verdammte. Doch von allen Irrtümern dieses Mannes gilt sein

eigenes Wort:

Wohl uns, wenn das getäuschte Herz

Nicht müde wird, von neuem zu erglüh'n:

Das Echte doch ist eben diese Glut.

Jawohl, das Feuer einer reinen Begeisterung flammt in diesen

württembergischen Liedern; darum werden sie auch dann noch in unserem

Volke leben, wenn das Königreich Württemberg längst aufgehört haben

wird zu bestehen. Die Lieder zogen als Flugblätter durch das Land.

Einzelne nichtschwäbische Zeitungen wagten sie in ihren Spalten

aufzunehmen. So brachte ein norddeutsches Blatt das an den wackeren

Stuttgarter Bürgermeister Klüpfel gerichtete Gedicht „Die Schlacht der

Völker war geschlagen” unter der für den Geist der Presse jener Tage

bezeichnenden Überschrift: „An den Repräsentanten einer angesehenen

Stadt bei einer bekannten Ständeversammlung, gesungen bei einem

festlichen Mahle, das dem würdigen Manne am 18. Oktober 1815 von seinen

Kommittenten gegeben wurde.” Diese Gedichte gründeten dem Sänger zuerst

einen geehrten Namen in der Literatur, und das schwäbische Volk sah mit

begreiflichem Stolze auf den Mann, der also mit Ehren die Stammesart

vertrat. Alsbald nachdem er das gesetzliche Alter erreicht, 1817, ward

er in die Kammer gewählt, und mit Unwillen mußte er jetzt den Umschlag

der Volksmeinung wahrnehmen. Dem zähen Eigensinne folgte übereilte

Nachgiebigkeit, nur das eine ward erreicht:

Daß bei dem biedren Volk in Schwaben

Das Recht besteht und der Vertrag.

Nicht durch königlichen Befehl, durch Vertrag zwischen Land und

Krone kam die neue Verfassung zustande, doch fehlte viel, daß ihr

Buchstabe zur Wahrheit ward. Bald befestigte sich unter König Wilhelm

die gefährlichste Form des scheinkonstitutionellen Regiments,

welche Deutschland vor der Revolution gesehen hat: ein aufgeklärter

Despotismus, den Großmächten gegenüber liberal, nach innen tätig für

das materielle Wohl, eifersüchtig gegen jede selbständige Haltung des

Landtags, von gewandten klugen Männern geleitet, eifrig bestrebt,

alle Talente des Landes in den Dienst der Minister zu ziehen. Ohne

Freude hielt Uhland unter den Landständen aus. „Nur als Freiwilliger,”

sagt er selbst, „als Bürger, als einer aus dem Volke trat ich mit

an.” Persönliche Würde, Pflichttreue und die Gewalt seiner Feder

verschafften ihm trotzdem eine Stelle unter den Führern der Opposition.

Während des Kampfes um die Verfassung hatte er Staatsämter, die man ihm

anbot, ausgeschlagen. Jetzt mußte er für seine Festigkeit büßen; erst

im Jahre 1829 berief ihn die Regierung zu der Stelle, die ihm gebührte

und seinen liebsten Wünschen entsprach: auf den Lehrstuhl der deutschen

Literatur in Tübingen.

Dort ist fortan sein Wohnsitz geblieben, und es war ein echtdeutscher

Zug, daß er an einem Stilleben sich genügen lassen konnte, welches

einen Franzosen von seiner Bedeutung zur Verzweiflung gebracht

hätte. Nahe an der Neckarbrücke stand sein freundliches Haus mitten

im Rebgarten am Abhange des Österberges, dessen schöngeschwungene

Formen der aus Italien heimkehrende Tübinger Philolog mit dem Vesuv

zu vergleichen liebt. Dort sah er Jahr für Jahr jene denkwürdigen

Ereignisse an sich vorübergehen, welche die Ruhe dieses akademischen

Flachsenfingen unterbrechen. Immer wieder zogen der Pauperpräfekt und

die Armenschüler in ihren hohen Hüten singend durch die winkligen

rinnsalreichen Gassen, das Vieh ward in den Neckar zur Schwemme

getrieben, die Stadtzinkenisten bliesen ihren Choral vom Turme, und

-- das wichtigste von allem -- die berufenen Flößer, die Jockeles,

führten das Holz des Schwarzwaldes talwärts und wechselten mit den

alten Erbfeinden, den Studenten, homerische Schimpfreden. Es liegt ein

eigener stiller Reiz über dieser kleinstädtischen Welt, wo an jedem

Hause ein uralter derber Burschenwitz oder eine gute Erinnerung an

einen tüchtigen Mann haftet. Im Verkehr mit vortrefflichen Männern

fühlte Uhland sich bald wieder heimisch in der Vaterstadt, und durch

seine kurze akademische Wirksamkeit erweckte er in den Schwaben zuerst

den Sinn für die germanistische Wissenschaft. Noch ein anderes rühmen

seine Landsleute ihm nach: der angesehene Professor vernichtete

durch persönliche Würde und gediegene Gelehrsamkeit jene kleinlichen

Vorurteile gegen den Beruf des Dichters, die seit Schubarts und

Hölderlins Tagen von dem schwäbischen Bürger gehegt wurden.

Nach wenigen Jahren rief ihn eine abermalige Wahl in die Kammer von

seinem gelehrten Wirken ab. In den zwanziger Jahren hatte sich die

Opposition in Württemberg vorwiegend auf örtliche Zwecke beschränkt.

Ein fleißiger Arbeiter in den Kommissionen, ein karger, ungewandter

Redner, aber wenn er sprach, schlagend, gedankenreich, entschieden,

war damals Uhland für den von der Regierung mißhandelten Friedrich

List in die Schranken getreten, hatte gewirkt für die Neuordnung der

Rechtspflege, namentlich die Unabhängigkeit des Richterstandes, und für

die Minderung der Militärlast. Höhere Ziele steckte sich die Opposition

nach der Juli-Revolution. Noch immer freilich blieb unter den deutschen

Liberalen die alte weltbürgerliche Neigung lebendig; diese Gesinnung

hatte Uhland vordem zum Eintritt in die Philhellenenvereine bewogen,

ihr verdanken wir auch eines seiner besten Gedichte, die Ballade „Die

Bidassoabrücke” zum Preise des Verwegensten der Spanier, Mina. Jedoch

unter den Besseren wenigstens „prägte sich jetzt -- nach Uhlands

Worten -- ein deutscher Liberalismus aus, der die freisinnige Idee

mit der Vaterlands-Ehre zu verbinden trachtete”. Als Süddeutschland

fürchten mußte, durch die absolutistische Tendenzpolitik Österreichs

in einen Krieg gegen das liberale Frankreich hineingerissen zu werden,

und die nicht minder verblendete Parteiwut vieler Liberalen freudig

den Augenblick ersehnte, der den Südwesten zum Verrat an Deutschland,

unter die „liberale” Trikolore der Fremden führen würde -- in diesen

angstvollen Tagen wandte sich das Auge der Besseren über die roten

Grenzpfähle hinaus den deutschen Bruderstämmen zu. Man empfand bitter

den Mangel einer Volksvertretung in Österreich und Preußen und „die

Unnatur der deutschen Zustände, daß die schwächeren Schultern die

Träger der größeren Volksrechte sein sollen”. Aber unverzagt mahnte

Uhland die Freunde, „unsere ehrenvolle Bürde, das zukünftige Eigentum

des gesamten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen”.

Mit dem stolzen Bewußtsein eines ernsten nationalen Berufs betrat die

Opposition den Ständesaal. Der Landtag des Jahres 1833 ward einer der

wichtigsten in Deutschland vor der deutschen Revolution. Nicht nur eine

große Zahl von Talenten füllte das Haus: hier ward auch zum ersten

Male grundsätzlich eine Lebensfrage der Politik des deutschen Bundes

erörtert. Die sittliche ebenso sehr als die politische Pflicht gebot,

daß einem großen politischen Lügensysteme ein Ende gemacht werde, daß

die konstitutionellen Regierungen nicht mehr durch Bundesbeschlüsse im

Geiste des Absolutismus sich ihres Verfassungseides entheben ließen.

Darum stellte Paul Pfizer seine berühmte Motion, daß der Verfassung

widersprechende Bundesbeschlüsse in Württemberg keine Geltung haben

sollten. Umsonst zeigten befreundete Landsleute in der Ferne, wie

Wurm, die Unausführbarkeit des Antrags. Es war und ist ein Widersinn,

daß ein Bund konstitutioneller Staaten von einer absolutistischen

Körperschaft geleitet wird; der Unwille darob ward unter den Liberalen

so übermächtig, daß sie, die Verfechter des Einheitsgedankens, den

Teil grundsätzlich über das Ganze stellten -- ein denkwürdiges

Symptom der Verwirrung und Verbildung deutscher Politik. Das

Verlangen der Minister, die Kammer solle die Motion mit verdientem

Unwillen zurückweisen, ward mit einer scharfen Adresse aus Uhlands

Feder beantwortet. Hierauf erfolgte die Auflösung und eine Reihe von

Ereignissen, welche in jener Zeit der politischen Unschuld ungeheures

Aufsehen erregten, während die Gegenwart bereits an einen weit roheren

Mißbrauch der Regierungsgewalt gewöhnt ist. Schon von dem aufgelösten

„vergeblichen Landtage” hatten die Minister ihre Gegner durch gesuchte

Gesetzesauslegungen auszuschließen getrachtet; Uhland war damals für

die Gültigkeit der Wahl seines alten Gegners Wangenheim aufgetreten

in einer Rede, die seinem Herzen Ehre macht. Jetzt wurden diese alten

Künste der Regierung weiter ausgebildet. Uhland, abermals gewählt,

erhielt den Urlaub nicht und legte rasch entschlossen seine Professur

nieder.

Von neuem entspann sich der Streit wider die verfassungswidrigen

Bundesbeschlüsse. In diesen Debatten verkündete Uhland in schwungvoller

Rede den nationalen Beruf der süddeutschen Opposition und sprach

das kühne Wort: „Diese Rechte und Freiheiten werden einst von einer

deutschen Nationalvertretung zur vollen und segensreichen Entfaltung

gebracht werden.” Was er schon während des alten Verfassungsstreites

dunkel geahnt, sah er jetzt klar vor Augen: daß alle Sünden der

Einzelstaaten ihre Wurzel haben in dem Mangel einer volkstümlichen

einheitlichen Verfassung Deutschlands. Darum deckte er bei der

Beratung des Militärbudgets schonungslos das große Übel auf, das

alle Militärdebatten in den Kleinstaaten noch heute verbittert und

vergiftet. Er fragte: „Hat sich die Einigung im Bunde selbst schon als

eine in der Nation begründete erwiesen? Kann bei solchem Stande der

Dinge Württemberg wissen, unter welcher größeren Fahne und zu welchen

Zwecken seine Truppen zunächst ausziehen werden?” Nicht zufrieden

mit der unfruchtbaren abwehrenden Haltung dem Bunde gegenüber,

sprach er jetzt ein altes wohlberechtigtes Verlangen der Liberalen

aus: er forderte, daß die Minister wegen der Instruktionen an die

Bundestagsgesandten den Kammern Rede stehen sollten.

Heftiger von Jahr zu Jahr wurde die Erbitterung. In ihrem allerdings

wohlbegründeten Mißtrauen gegen die Minister stimmte die Opposition

einmal sogar für die Verwerfung des gesamten Budgets, ja, befangen

in kleinstädtischen volkswirtschaftlichen Begriffen und voll

Widerwillens gegen Preußen, erklärte sich Uhland sogar gegen den

Beitritt Württembergs zum deutschen Zollvereine. Auch er litt an jener

Verblendung, womit die meisten Liberalen des Südwestens in jenen

Tagen behaftet waren: stolz auf sein schwäbisches „konstitutionelles

Leben”, das doch in Wahrheit die Willkür der Krone nicht wesentlich

beschränkte, handelte er unwillkürlich als Partikularist. Aus Liebe

zu Deutschland ward er mitschuldig an der unseligsten politischen

Sünde des alten Liberalismus: er widerstrebte dem großartigsten und

wirksamsten Versuche einer praktischen Einigung des Vaterlandes,

der seit Jahrhunderten gewagt worden! Dies Verfahren ist um so

befremdlicher, da Uhland selbst bald nachher die Unfruchtbarkeit

der kleinen Landtage für das große Vaterland scharf erkannte: „Wir

stehen an der Grenze einer lebendigen Wirksamkeit auf diesem Wege,”

schrieb er 1840, „der Bündel ist nicht zustande gekommen, das Beil

hat kein Heft und die Stäbe liegen zerknickt umher.” Endlich, im

Jahre 1839, beging die Opposition einen letzten verhängnisvollen

Fehler. Wie oftmals in reichen, warmen Gemütern, liegt auch in

dem tüchtigen Charakter der Schwaben ein Zug von unberechenbarem

Eigensinn, von pessimistischem Trotz. Häufig in ihrer Geschichte, und

immer zum Unheile des Landes, war er zutage gekommen; so während des

Verfassungsstreites, so jetzt wieder in anderer Weise, als die Uhland,

Schott, Pfizer, Römer, vereinsamt unter dem gleichgültigen Volke,

auf die Wiederwahl verzichteten. Dergestalt war der Landtag seiner

besten Kräfte beraubt, und dem schwäbischen Staatsleben, das in seinem

abgeschlossenen Sonderdasein dringender als die meisten anderen Staaten

der fortwährenden Mahnung an die nationalen Pflichten bedarf -- ihm

fehlten fortan gerade jene liberalen Talente, welche freieren Blicks

über die Landesgrenze hinausschauten.

Das zurückgezogene Leben, das der Dichter nun in Tübingen begann,

fiel gerade in die Tage, da von seiner Heimat jene kühne theologische

Bewegung ausging, welche durch das Auftreten von David Strauß

veranlaßt war. Abermals bewährte sich der alte Romantiker als ein

moderner Mensch. Den vorurteilsfreien Forscher erschreckte es nicht,

daß die Grundsätze der wissenschaftlichen Kritik, die ihm selber das

Verständnis der heidnischen Götterlehre erschlossen hatten, jetzt auf

die christliche Mythologie angewendet wurden. Der theologische Streit

lag seinem Sinne fern, doch verteidigte er die Verketzerten und ihr

Recht der freien Forschung. Einen anderen modernen Gedanken dagegen,

der gleichfalls in seiner Umgebung gehegt ward, hat er nie verstanden.

Jenen zukunftreichen politischen Plan, der einst als unbestimmte ferne

Hoffnung vor Fichtes Seele geschwebt und dann in Friedrich Gagerns

lichtem Haupte sich zu greifbarer Gestalt verdichtet hatte -- den Plan

des deutschen Bundesstaates unter Preußens Führung verkündete Paul

Pfizer, fast noch ein Jüngling, zuerst als ein politisches Programm

dem Volke und eroberte sich damit einen Ehrenplatz in der Geschichte

der deutschen nationalen Bewegung. Dem Dichter, der den alten Ruhm der

Hohenzollern oftmals freudig besungen hatte und den Widerwillen der

Schwaben gegen Norddeutschland nicht teilte, blieb dieser Gedanke immer

ein Greuel. Sein Herz war erfüllt von der gemütlichen Vorliebe seines

Stammes für die österreichischen Nachbarn; ihm blieb unvergessen, wie

oft er einst im Knabenspiele Partei genommen hatte für die Kaiserlichen

und in das nahe Rottenburg hinübergewandert war, um das wildfremde

Kriegsvolk der Magyaren und Kroaten zu schauen. Wie einst in dem

württembergischen Verfassungsstreite, so wirkten auch jetzt zwei

grundverschiedene politische Beweggründe in seiner Seele nach einem

Ziele zusammen. Die Freude an der althistorischen Herrlichkeit des

Wahlkaisertums und das Bekenntnis der Volkssouveränität -- romantische

und demokratische Neigungen zugleich führten ihn zu dem Ideale des

Wahlreichs. Auch eine köstliche, dem deutschen Staatsmanne leider sehr

notwendige Tugend brachte Uhland in die Kämpfe der Revolution hinüber

-- das wachsame Mißtrauen gegen den guten Willen der Höfe. Er hatte

unter König Friedrich das frevelhafte Mißachten jedes Rechtes, unter

seinem Nachfolger -- was seinem schlichten Sinne noch tieferen Ekel

erregen mußte -- das unwahre Buhlen mit dem Liberalismus gesehen, und

nur so schmerzliche Erfahrungen konnten seinem warmen wohlwollenden

Herzen diesen harten Zug einprägen.

Die Revolution brach aus, und dem greisen Dichter vor allen galt

der Jubel des aus langer Gleichgültigkeit erwachenden schwäbischen

Stammes. Der beispiellosen Mißregierung folgte eine beispiellose

Demütigung: der Bundestag gestand, daß ihm das Vertrauen des Volkes

fehle, und umgab sich mit „Männern des Vertrauens”. Auch Uhland ward

unter die Siebzehner gesendet, doch das Vertrauen seines Königs folgte

ihm nicht nach Frankfurt; ihm ward keine Antwort, als er sich die

persönliche Ansicht des Fürsten über die Aufgabe der Vertrauensmänner

erbat. Als nun in dem Ausschusse Dahlmann mit dem Programme des

Bundesstaates hervortrat, da schraken anfangs -- ich folge hier der

mündlichen Erzählung eines der Siebzehn -- die meisten zurück vor

der Verwegenheit des Gedankens, und Uhland stimmte eifrig gegen das

preußische Erbkaisertum, „als es noch in den Windeln lag”. Diese

großdeutsche Gesinnung trennte ihn auch im Parlamente von Dahlmann,

Grimm, Arndt und vielen anderen, die ihm durch Bildung und Begabung

nahestanden. Er hielt sich zu der Linken, und wie sehr auch die

demagogischen Ausschweifungen seinen maßvollen Künstlersinn anwiderten:

die demokratische Richtung konnte sich einiger Tugenden rühmen, die

Uhlands Herz an die Partei fesseln mußten, obwohl sie in der Demokratie

der Paulskirche sich oftmals verzerrt und entstellt offenbarten. Ihn

erfreute die menschliche Teilnahme der besseren Demokratie für die

Armen und Leidenden und der willige Opfermut, welcher sie vor den

Mittelparteien auszeichnete. Freilich, der schlichte demokratische

Bürgerstolz des ehrwürdigen Mannes hatte im Grunde sehr wenig gemein

mit jenen gellenden Lobpreisungen des Konvents, welche von den Bänken

seiner Parteigenossen erklangen. Ich glaube nicht als ein Parteimann zu

reden, wenn ich sage, Uhlands Verhalten in der Paulskirche hinterlasse

den Eindruck, als sei er dort nicht an seiner Stelle gewesen. Er

stand als ein „Wilder” zwischen den Parteien und blieb doch in

einer moralischen Verbindung mit der Linken; schon diese seltsame

Mittelstellung läßt ihn wie einen Halbfremden in der Versammlung

erscheinen.

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