Was die klugen Leute die unbestimmte nebelhafte Weise von Uhlands

Lyrik nennen, ist oftmals nichts anderes als das Wesen aller lyrischen

Dichtung selber: jene hocherregte Stimmung die den Leser geheimnisvoll

ergreift und ihm einen Ausblick gewährt in das Unendliche. Oder wäre es

nötig, auch nur ein Wort zu verlieren gegen jene Barbarei, die Uhland

darum getadelt hat, daß seine Lieder sich der Musik so willig fügen?

In dem Gedichte „Traum”, das man auch oft allzu weichlich gescholten

hat, liegt doch nichts anderes als der überaus glückliche Ausdruck

einer Stimmung, die unserem Volke von Anbeginn im Blute liegt. Die

Klage um die Vergänglichkeit irdischer Lust wird von unserer gesamten

Dichtung, dem Volksliede insbesondere, in tausend Formen wiederholt und

ist selten rührender ausgesprochen worden als in dieser Vision von der

Abfahrt der „Wonnen und Freuden”:

Sie fuhren mit frischen Winden,

Fern, ferne sah ich schwinden

Der Erde Lust und Heil.

Und wieder, wie köstlich heben sich ab von diesen weichen Tönen der

Sehnsucht die Klänge neckischer Lebenslust! Nicht nur die Weise des

derben Spottes weiß der Dichter anzuschlagen, auch das harmlose,

sozusagen gegenstandslose Spielen der Laune hat er den „Lügenliedern”

unseres Volkes abgelauscht, und aus manchen seiner Gesänge klingt uns

die alte lustige Weise entgegen: „Ich will anheben und will nicht

lügen: ich sah drei gebratene Tauben fliegen.” --

„Niemand taugt ohne Freude!” Wie sollte Uhland nicht zu dem guten Worte

sich bekennen! Kein Geringerer hat es ja gesprochen als Walther von der

Vogelweide, den er als seinen liebsten Lehrer verehrte. Daß Uhland mit

anderem, moderneren Sinn als die Tieck und Schlegel auf das geliebte

Mittelalter zurücksah, das erkennen wir am leichtesten an dieser

Vorliebe für Walther, den vielleicht freiesten Geist des deutschen

Mittelalters, der mit seiner hellen bewußten Empfindung uns Neueren

näher steht als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Und mannigfach,

offenbar, war die Verwandtschaft der beiden. Ein Meister der Form in

der Dichtkunst, aber „mehr gestaltend als bilderreich”, hat Walther

gleich seinem späteren Schüler seine Herrschaft über die Form nie

mißbraucht zu leerem Spiele mit dem Wohllaut der Sprache. Die Form ward

ihm geschaffen durch den Inhalt, seine prächtigen volltönenden Weisen

versparte er, bis es galt Könige zu preisen oder die auserwählten

schönsten der Frauen. Uhland, der so warm und traulich die behagliche

Enge des häuslichen Lebens besang, spottete doch bitterlich des

Dichters, der in einer Welt des Kampfes nur „sein groß, zerrissen Herz”

zu betrachten wußte. Auch hierin war ihm der alte Sänger ein Lehrer

gewesen: -- der politische Dichter, der „in seinem besonderen Leben

das öffentliche spiegelte” und aus voller Kehle seines Landes Ruhm

sang: „Deutsche Mann sind wohlerzogen, gleich den Engeln sind die Weib

getan.” Sehr ungleich freilich waren den beiden die Gaben des Glücks

zugeteilt, und wir freuen uns der freieren Gesittung der Gegenwart,

wenn wir den stolzen, seßhaften, mit seinem Könige kämpfenden Bürger

unserer Tage mit dem fahrenden Ritter vergleichen, der Herberg und

Gaben heischend von Burg zu Burg zieht und, als ihm endlich eines

Fürsten Gnade eine kleine Hofstatt geschenkt, jubelnd in die Weite

ruft: „Ich hab' ein Lehen, all' die Welt, ich hab' ein Lehen.” Auch

darin waren die beiden verschieden geartet, daß Walthers höchste Kraft

in dem Spruche, dem Sinngedichte sich bewährte. Dem modernen Dichter

dagegen ist zwar auch manches glückliche Sinngedicht gelungen, so jenes

liebliche „Verspätete Hochzeitslied”, das wirklich aus der Not eine

Tugend zu machen weiß und die Säumnis des Sängers also entschuldigt:

Des schönsten Glückes Schimmer

Umschwebt euch eben dann,

Wenn man euch jetzt und immer

Ein Brautlied singen kann;

doch niemand wird in Uhlands Sinngedichten, denen oftmals die rechte

lakonische Kraft fehlt, das Eigenste seines Talentes suchen.

Es war ein Liederfrühling kurz und reich. Ein edles Bild der Jugend war

Uhlands Dichtung gewesen, und als mit den Jahren diese jugendlichen

Gefühle ihm seltener das Herz schwellten, hörte er auf zu singen. Nach

seinem dreißigsten Jahre sind nur wenige seiner Gedichte entstanden.

Darunter allerdings einige seiner schönsten Romanzen, und auch die

rührenden Naturlaute zarter inniger Empfindung entflossen noch dann und

wann dem Munde des gereiften Mannes, so damals, da ihm in einem Sommer

beide Eltern starben und er beim Anblick eines fallenden Blattes die

wie im Winde verwehende Klage schrieb:

O wie vergänglich ist ein Laub,

Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub!

Doch hat dies Laub, das niederbebt,

Mir so viel Liebes überlebt.

Es ist müßig, ihn darum zu preisen, daß seine Formgewandtheit ihn nicht

verführt hat zu Schöpfungen, die das Gepräge der Notwendigkeit nicht

mehr getragen hätten. Wir müssen sagen, er konnte nicht anders als

schweigen, wenn der Gott ihn nicht rief. Schon der junge Mann gesteht:

„Zu jeder ästhetischen, wenn auch nicht produktiven Arbeit ist eine

Stimmung erforderlich, welche die launische Stunde nach Willkür gibt

oder versagt.” Einmal erregt pflegte seine dichterische Kraft lange

anzuhalten, es war, als ob ein Lied das andere weckte. Sein Wesen läßt

sich nur mit dem französischen =entier= bezeichnen. Jeder Gedanke,

jede Beschäftigung nahm ihn ganz und auf die Dauer dahin, selbst die

politischen Arbeiten raubten ihm, einmal begonnen, die Lust zu anderem

Tun.

Doch wenn seine Dichtung allmählich verstummte, umso lauter erhob der

Chor seiner Nachfolger die Stimme, und da ein literarhistorisches

Zeitalter jeden Künstler säuberlich in einer Schublade unterbringen

muß, so mußte auch er, der dem Unwesen der literarischen Kameradschaft

immer gram war, als das Haupt der „schwäbischen Dichterschule” gelten

und -- manche Sünden seiner Nachfahren entgelten. Wohl waren diese

Sänger alle getränkt von dem warmen Naturgefühle ihrer Heimat, und mit

gerechtem Stolze konnte Justinus Kerner rufen:

Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur,

Da ist Schwabens Dichterschule, und ihr Meister heißt Natur.

Wie sie einst mit gesundem schwäbischen Sinne gegenüber der

Phantasterei der Schlegelschen Richtung ihre protestantische

Nüchternheit bewahrt, so haben sie später die reinen Formen der

lyrischen Dichtung gerettet, als der Feuilletonstil des jungen

Deutschlands alle Kunstformen zu verwischen drohte; sie haben

deutsches Wesen und züchtige Sitte getreu behauptet, während der

weltbürgerliche Radikalismus und die französischen Emanzipationslehren

über uns hereinbrachen. Aber mit der unermüdlichen Fertigkeit der

Meistersänger wurde jetzt der so leicht nachzuahmende, so schwer zu

erreichende Balladenstil Uhlands nachgebildet. Die poetische Stimmung,

jenes „Dunkelklare”, geht manchen gereimten Geschichtserzählungen

der Schüler verloren. Die geringe Empfänglichkeit für die Schönheit

der Antike war Uhlands natürlicher plastischer Kraft ungefährlich

gewesen, bei den Nachfolgern bestraft sie sich durch die unklare

verschwommene Zeichnung. Schon dem Meister war das hinreißende Pathos

großer Leidenschaft versagt, ihm fehlte der Trieb, das Geheimnis der

Weltenleitung in schweren Seelenkämpfen zu ergründen; bei vielen der

Späteren erscheinen diese Schwächen geradezu als platte Gemütlichkeit

und Gedankenarmut, wofür Frische und Natürlichkeit der Darstellung

keinen Ersatz gewähren. Wie überhaupt die Kunst, mit Halbwahrheiten

virtuos zu spielen, den boshaften Satiren Heinrich Heines ihren

gefährlichen Reiz verleiht, so ist auch eine halbe Wahrheit sicherlich

enthalten in jener Schmähschrift, welche den Spott des Übermütigen

über die Geistesarmut der schwäbischen Schule ergoß. Als endlich in

Schwaben jeder Fels, wo ein Ritter den andern erschlug, seinen Sänger

gefunden hatte, und die Düsseldorfer Maler unsere Galerien immer wieder

mit sehnsüchtigen blonden Mädchen und trauernden letzten Rittern

ihres Stammes bevölkerten, da entstand -- wesentlich gefördert durch

die Überproduktion der schwäbischen Schule -- in unseren tüchtigsten

Männern der weit verbreitete, beklagenswerte Widerwille gegen alle

lyrische Dichtung. Bei solchem Sinne der Männer ist Uhland heute

allerdings vornehmlich ein Liebling unserer Jugend, während Béranger,

der oft mit ihm Verglichene, auch dem älteren Geschlechte unter seinen

Landsleuten noch jetzt aus der Seele redet. Aber, ein leichtsinniges

Pariser Kind, huldigt dieser gleich willig den edlen wie den unwürdigen

Leidenschaften seines Volkes: des deutschen Dichters lauterer Sinn hat

nur der reinen Begeisterung der Jugend Worte geliehen. --

„Augen wie ein Kind hat der Alte” hören wir oft die Jüngeren

erstaunt sagen, wenn sie die verwitterten Züge eines Soldaten der

Freiheitskriege erblicken. In der Tat, eine seltene Frische und

jugendliche Reinheit der Empfindung, die so nicht wiedergekehrt ist,

bildet den entscheidenden Charakterzug jenes Geschlechtes, und sie

ist auch der schönste Reiz von Uhlands Dramen. Fremd zugleich und

liebenswürdig klingt unserem kurz angebundenen Wesen der zärtliche

Erguß der Freundschaft Ernsts von Schwaben an der Leiche seines Werners:

Die Lüfte wehen noch, die Sonne scheint,

Die Ströme rauschen und der Werner stirbt! --

oder die edle Resignation Friedrichs von Österreich, der sich freut:

Daß ich noch Kronen von mir stoßen, noch

Den Kerker kann erwählen statt des Throns.

An ähnlichen Zügen hoher lyrischer Schönheit sind die beiden

Dramen reich. Sogar die Landschaft spielt mit, nach der Weise der

lyrischen Dichtung; sie spiegelt wider oder hebt durch den Kontrast

die Leidenschaften der dramatischen Helden. Nicht minder kommt des

Dichters episches Talent zur Entfaltung in den zahlreich eingestreuten

Erzählungen -- kleinen Romanzen, die überall eine große Anmut und

Sicherheit der Zeichnung verraten; ja die gesamte Weltanschauung des

Dichters ist episch; seinen Kaiser schildert er nach homerischer Weise

und mit den Worten des mittelalterlichen Erzählers:

Und seine Schulter ragt' ob allem Volk.

Das eigentlich dramatische Talent dagegen hat sich Uhland in edler

Bescheidenheit selbst abgesprochen. Nimmermehr wird es blinden

Bewunderern gelingen, diesem Bekenntnisse des Dichters sein Gewicht zu

nehmen. Uhland deshalb zu den ersten Dramatikern der Deutschen zählen,

weil seine Dramen „nationale” Stoffe behandeln, das heißt prosaisch am

Stoffe kleben und das Wesen aller Kunst verkennen. Wie im Wettstreit

der Rede der ärmere Geist, der die Hörer durch rednerischen Schwung

bezaubert, unfehlbar und mit vollem Rechte den helleren Kopf besiegt,

welchem die hinreißende Gewalt der Rede fehlt: ebenso und mit gleichem

Rechte triumphiert auf den Brettern der bühnenkundige dramatische

Handwerker über den echten Dichter, der die Kunst der dramatischen

Aufregung nicht versteht. So recht das Gegenteil jenes durchgreifenden,

revolutionären Eifers, der den dramatischen Helden macht, ist die

zähe Kraft des treuen Beharrens, welche das Pathos der Helden Uhlands

bildet. Und wieder so recht das Gegenteil jener ganz bestimmten

endlichen Zwecke, welche der dramatische Held verfolgen soll, ist jene

gegenstandslose sittliche Begeisterung, die einen guten Plan verwirft,

weil nichts darin zu finden sei, „nichts, was begeistern könnt' ein

edles Herz”. Nur selten zeigt Uhlands Dialog das dramatische Platzen

der Geister aufeinander; mit vorgefaßten Entschlüssen treten zumeist

seine Menschen auf die Bühne, erzählen, sprechen ihre Empfindungen

aus und die Szene schließt oft ohne jedes dramatische Ergebnis. Auch

widerstrebt es dem warmen Herzen des Dichters, das Böse mit dem

unbefangenen Behagen des Dramatikers zu schildern. Die politischen

Pläne, die er seinen Helden in die Seele legt, erscheinen als Beiwerk,

nicht als ein Pathos, das den ganzen Menschen erfüllt. Auf der Bühne

tritt den modernen Hörern das fremdartige Wesen der Kulturformen und

der Empfindungen des Mittelalters sehr auffällig entgegen, um so

auffälliger, da der Dichter manche Szenen -- den Kirchenbann, den

Ritterschlag -- sichtlich nur deshalb mit Vorliebe behandelt hat, weil

der romantische Reiz des fremden Kostüms ihn lockte, nicht weil sie

dramatisch notwendig waren.

Dergestalt sind diese Dramen rasch von der Bühne verschwunden. Dem

Leser wird ihre lyrische Schönheit immer teuer bleiben, und eben darum

wird er mit reinerer Freude vor dem älteren der beiden Werke verweilen.

Willig vergißt er den verfehlten Bau des „Ernst von Schwaben”, dessen

Handlung mit dem Höhepunkte beginnt, denn gar zu liebenswürdig tritt

uns aus dem Bilde der beiden treuen Freunde das warme reine Herz des

Dichters entgegen. Das Schauspiel „Ludwig der Bayer” ist, obwohl es

Schritt für Schritt den Berichten der alten Chronisten folgt, doch

weit kunstgerechter gebaut als das Erstlingsdrama, und ohne Zweifel

hat keiner der späteren Bearbeiter dieser undramatischen Fabel den

schwäbischen Dichter erreicht. Aber der spröde Stoff gewährte hier

Uhlands lyrischem Talente weniger Spielraum. Am reichsten entfaltet

sich diese Begabung in dem Fragmente „Konradin”. Keine andere Fabel

unserer Geschichte kam allen Idealen dieses Dichters und dieser

Zeit so willig entgegen. Noch ein anderes schönes Bruchstück hat er

uns hinterlassen, das kleine Epos „Fortunat”. Es ist lehrreich, zu

beobachten, wie auch ein so schlichter, aller Paradoxie abgeneigter

Dichtergeist durch den Reiz des Kontrastes zum Gesange begeistert

werden kann. Diese übermütigen, mutwilligen Verse entstanden dem

ernsten, strengen Manne in Tagen schwerer Sorge um Haus und Staat.

Aber seltsam, wie er, der in seinen kleinen Gedichten uns durch die

gedrungene Kürze der Darstellung in Erstaunen setzt, bei größeren

Entwürfen ins Weite zu gehen liebte. Schon der zweite Gesang des

Fortunat ist eine Abschweifung nach Ariostischer Weise, und eben

deshalb mag auch die Vollendung des anmutigen Gedichts unterblieben

sein.

Der Dichtung Uhlands schaut keiner auf den Grund, der nicht Kunde hat

von seinem wissenschaftlichen Wirken. Er selber sagte scharf: „wer

sich nicht mit meinen Studien befaßt hat, kann auch nicht über mich

schreiben.” Die lebensvolle poetische Schilderung unserer Vorwelt

erwuchs ihm aus gründlicher gelehrter Kenntnis. Wohl durfte er von

seinen alten Büchern rühmen: „Durch ihre Zeilen windet ein grüner Pfad

sich weit.” Dank den Romantikern: nicht mehr eine ermüdende Masse

gleichgültiger Namen brachten die Gelehrten heim aus der Erforschung

unserer Vorzeit. Die Seele unseres Volkes in der Vorwelt erschloß sich

den Nachlebenden, und Uhland hat ein Großes mitgeschafft an diesem

Werke deutscher Wissenschaft. Ein gutes Wort aus seinen letzten Jahren

bezeichnet schlagend, wie er Sinn und Ziel seines wissenschaftlichen

Schaffens verstand. „Eine Arbeit dieser stillen Art,” schreibt er einem

Freunde, „setzt sich freilich dem Vorwurf aus, daß sie in der jetzigen

Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber

nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit; eher als

ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens,

an dessen Gesundheit man irre werden muß, wenn man einzig die

Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edlern, reinern Geist

geschichtlich darzustellen um so weniger unnütz sein mag, je trüber und

verworrener die Gegenwart sich anläßt”. Der Gedanke einer Geschichte

der deutschen Dichtung im Zeitalter der Staufer, einer schwäbischen

Sagenkunde beschäftigte ihn lange, und wenn von diesen weitaussehenden

Plänen nur einiges -- dies wenige allerdings meisterhaft -- ausgeführt

ward, so erraten wir leicht den Grund: für den Lyriker liegt der Reiz

des Schaffens im Anlegen und Erfinden. Streng methodisch wie nur sein

Freund Immanuel Bekker betrieb er diese germanistischen Studien, aber

auch den Dichter erkennen wir wieder in dem Verfasser des schönen

Buches „Walther von der Vogelweide”, woraus oben einige bezeichnende

Urteile mitgeteilt wurden. Seine einfach edle Prosa ist nicht weniger

künstlerisch als der Wohllaut seiner Verse. Wie dem Künstler ziemt,

suchte er hier aus der Person des Dichters die Dichtung zu erklären

und brachte also in die Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters

einen neuen notwendigen Gesichtspunkt. Nur die geschichtliche Bedeutung

und den ästhetischen Wert der Gedichte unserer Vorzeit hatte man

bisher gewürdigt, noch nicht sie betrachtet als Offenbarungen reicher

dichterischer Persönlichkeiten.

Nicht minder den Dichter erkennen wir, wenn er in der für die

germanische Mythologie Epoche machenden Abhandlung über den Mythus vom

Tor nicht nur den allegorischen Sinn der alten Naturmythen enträtselt,

sondern auch den Heidengott uns menschlich nahe führt und in dem

Bändiger aller tobenden Elemente uns den demokratischen Gott zeigt,

den gewaltigen Arbeitsmann, den geliebten Freund des Volkes, den der

Bauer neckend am roten Barte zupft. Froh und heimisch fühlt sich der

rüstige Mann unter dem starken Volke, das „im Donnerhalle die Nähe

seines Freundes erkennt”. Und fröhlich zog er auf weite Wanderfahrten,

um aus Fels und See, aus dem Geiste des Ortes selber die Gestalten

unserer Sagen greifbar und lebendig hervorsteigen zu sehen. An der Hand

der Natur führten dann seine Beiträge zur schwäbischen Sagenkunde den

Leser in die fremde Welt halbverschollener Überlieferungen ein. Wir

steigen mit ihm auf die Trümmer des alten Schlosses Bodman am Bodensee,

wir hören den Schall entfernter Glocken leise über den rauschenden

See her klingen und wir verstehen, wie einst hier in karolingischer

Zeit den schlafenden Hirten Pipin das wonnevolle Geläute zum fernen

Kloster lockte. Wir sehen den Nebel über den Wassern sich ballen, der

den Schiffer beirrt und die Reben mit kaltem Reife schädigt, und wir

begreifen, wie die Launen des Nebelmännleins seltsam hineinspielen in

das Geschick des alten Geschlechtes der Bodman.

Uhlands erstes gelehrtes Werk war eine Abhandlung über das

altfranzösische Epos gewesen, und das feine Verständnis der

Volksdichtung, das die Kenner in diesem Aufsatze erfreut, bewährte sich

auch in den jahrelangen Forschungen für sein letztes größeres gelehrtes

Werk über das deutsche Volkslied. Der Tod hat den bedachtsamen Arbeiter

in diesem Unternehmen unterbrochen. Vollendet ist nur der Vorläufer der

verheißenen Abhandlung, die köstliche Sammlung deutscher Volkslieder,

die in jedem guten deutschen Hause eine Stätte finden sollte, denn

sie ist, was der Sammler wollte, „weder eine moralische, noch eine

ästhetische Mustersammlung, sondern ein Beitrag zur Geschichte des

deutschen Volkslebens”. Wie „Des Knaben Wunderhorn”, dem Uhlands Jugend

so Großes verdankte, verrät auch diese Sammlung, daß schönheitskundige

Dichterhände die Auswahl geleitet; aber an der Vergleichung

beider Werke ermessen wir zugleich den ungeheuren Fortschritt der

germanistischen Wissenschaft von dilettantischer Unfertigkeit zu

kritischer Strenge. Schwerlich ist es ein Zufall, daß der Sammler den

bedeutenden wirksamen Platz am Schlusse seines Buches den Liedern des

streitbaren Protestantismus angewiesen hat. Des Kranzes letzte Blätter

sind: „Eine feste Burg ist unser Gott” und jenes herrliche Lied eines

sächsischen Mädchens aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges:

Stets soll mein Angesicht sauer sehn,

Bis die Spanier untergehn --

der kräftige Ausdruck einer großen politischen Leidenschaft, die

seitdem die Seele der mitteldeutschen Stämme leider nie wieder so

gewaltig erschüttert hat.

In mannigfachen Formen (schon vielen ist dies aufgefallen) kehrt in

Uhlands Gedichten ein Idealbild wieder -- der streitbare Sänger:

mag der Dichter den Normannen singend und die schweren Schwerter

schleudernd vor dem Eroberer reiten lassen, mag er Äschylos und

Dante preisen, weil sie für Freiheit und Vaterland gesungen und

gestritten, oder Körners Schatten heraufbeschwören zu zorniger Mahnung

an die Überlebenden. In friedlichem, aber nicht minder ernstem und

aufregendem Kampfe hat er selber sich zu diesen Sängern und Helden

gesellt. Die Zeit ist hoffentlich nahe, da wir Deutschen aufhören

werden, etwas Auffälliges zu sehen in dieser Verkettung bürgerlichen

und künstlerischen Ruhmes. Wie wir neuerdings in Italien der ruhmvollen

Erscheinung begegnen, daß unter den namhaften Denkern und Künstlern

kaum einer sich findet, der nicht sein Herzblut hingäbe für das freie

und einige Italien: so beginnt unter den Deutschen eine ähnliche

Wandlung sich zu vollziehen. Das Herz der Nation kehrt sich ab von

jenen Künstlern, die neben dem großen politischen Kampfe der Gegenwart

kalt zur Seite stehen. Seltener, schüchterner immer tönt das vordem

in diesen Kreisen oft gehörte Wort, dem Künstler zieme nicht sich zu

kümmern um die Abstraktionen der politischen Debatte, „weil er sich

kein Bild davon machen könne”. Der politische Kampf der deutschen

Gegenwart ist nicht ein Streit um diese oder jene Staatseinrichtung,

wie eine Doktrin, ein Klasseninteresse sie fordert. Es gilt, der

Nation das Unterpfand jedes schönen Erfolges, das stolze Selbstgefühl

zu retten. Was irgend krankt in unserem Volksleben, in Kunst und

Wirtschaft, Glauben und Wissen, nicht eher wird es völlig gesunden,

als bis die Deutschen ihren Staat gegründet. Das Geschlecht von

Dichtern aber, dem die Kleist, Arndt, Uhland angehören, war das erste

in Deutschland, welches diese unmittelbare sittliche Bedeutung der

Staatsfragen begriff und solche Erkenntnis in Taten bewährte. Als

König Ludwig von Bayern um das Jahr 1841, in der unheilvollsten Zeit

seiner Regierung, mit dem Plane umging, einen deutschen Dichterverein

zu gründen, und den schwäbischen Dichter zum Beitritt auffordern ließ,

da erklärte Uhland dem Minister v. Schenk in einem tapferen Briefe,

was er denke über die Pflicht des Dichters gegen das Vaterland. „Bei

Deutschlands politischer Zersplitterung,” heißt es da, „kann auch

der bestgemeinte Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen als

ermutigen; immer nur der Stein statt des Brotes! -- Wenn die deutsche

Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so können ihre Vertreter

nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschränkt

sein; jede Frage der Gegenwart, wenn sie das Herz bewegt, muß einer

würdigen Behandlung offen stehen.”

Deutsche Lebensbilder · 第 12 / 25 段