Vergebliche Mühe, in wenigen Worten die vielseitigen Anregungen

zu schildern, die von dieser geistvollen Dichterschule ausgingen.

Sie begnügte sich nicht, unserem Volke für seine Vorzeit, seine

wunderreiche Sagenwelt und die Schönheit seines Landes den Sinn zu

eröffnen; bald schweifte sie hinweg zu den Schätzen der Kunst aller

Zeiten und aller Völker. Das Volkstümliche in der Gesittung aller

Nationen begann sie zu verstehen und zu übertragen. Ihr danken wir

eine unermeßliche Erweiterung unseres Gesichtskreises. Unsere harte

männliche Sprache erwies sich zum Staunen der Welt zugleich als die

empfänglichste, schmiegsamste, spiegelte getreulich die Schönheit

jeder fremden Dichtung wider, sie nahm in ihrem Tempel gastlich die

Götter aller Völker auf. Doch nach so weiten Entdeckungsfahrten war die

romantische Schule unversehens zur gelehrten, dem Volke entfremdeten

Dichtung geworden in einem anderen, ärgeren Sinne, als die klassische

Poesie es je gewesen. Den weiblichen Naturen der Tieck und Schlegel war

es eine Freude, sich zu versenken in die Träume einer untergegangenen

Welt, und bald erschien ihnen nur das Fremdartige poetisch, und

aus der Lust an den glücklich bewältigten künstlichen Formen der

romanischen und orientalischen Dichter erwuchs unserer Dichtung, was

der Sprache und dem Gemüte der Germanen am meisten zuwider ist: das

virtuose Spielen mit der Form. Mehr feine, empfängliche Kunstkenner als

schöpferische Künstler, wandten sich die Häupter der Schule hinweg von

der sprödesten und geistigsten Gattung der Poesie, dem Drama, das vor

allem einen reichen Inhalt verlangt. Als hätte nie ein Lessing gelebt,

wurden die Grenzen von Poesie und Prosa wiederum verwischt, und die

Überfülle der aus der Dichtung aller Völker aufgesammelten poetischen

Bilder hinübergetragen in die neue Wissenschaft, die nicht mehr nach

Beweisen, nur nach „Anschauungen” suchte, und in die neue Religion, die

nicht mehr das Gemüt erbauen, nur den Schönheitssinn erfreuen wollte.

Vor solchen Verirrungen der Verfeinerung und Überbildung ist Uhland

bewahrt worden durch seine köstliche schlichte Einfalt. Er war

aufgewachsen in einer Umgebung, wie sie dem Reifen des Künstlersinnes

nicht günstiger sein konnte, in einem schönen, reichen, sagenberühmten

Lande, wo doch nirgends eine übermächtige Pracht der Natur den freien

Sinn des Menschen erdrückt. Er ist immerdar ein Schwabe geblieben und

hat der kindlichen Liebe zu seiner Heimat oftmals Worte geliehen,

am rührendsten wohl in jenen Versen, die ein Tal seiner Heimat also

anreden:

Und sink' ich dann ermattet nieder,

So öffne leise deinen Grund

Und nimm mich auf und schließ ihn wieder

Und grüne fröhlich und gesund.

Wer je südwärts geschaut hat von Hohentübingen, wo der Blick die

ganze Kette der Alb vom Hohenzollern bis zum Hohenstaufen beherrscht,

dem wird dies edle Landschaftsbild aus Uhlands schönsten Liedern

immer wieder entgegentreten. Weil seine Dichtung also natürlich

emporwuchs aus dem mütterlichen Boden des schwäbischen Landes und

Volkes, so bewahrte sie sich jene derbe Naturwahrheit, die den meisten

Kunstwerken der Romantik sehr fern liegt: auch wo sie zarte, sanfte

Stimmungen ausspricht, wird sie nur selten verschwommen. Vor langen

Jahren schon ging unter den Schwaben die Rede: jedes Wort, das der

Uhland gesprochen, ist uns gerecht gewesen. Die Stammgenossen erhoben

den Dichter auf den Schild, über die Schultern gewöhnlicher Menschen

empor; wer ihn verkleinert, kränkt den gesamten Stamm. Eben diese

volkstümliche Tüchtigkeit gibt seinem Wesen eine harmonische Ruhe,

eine geschlossene Festigkeit, die nur wenigen Sängern der Romantik

eignet. Nicht leicht konnten die Dichter einer Schule, die so ganz in

der Sehnsucht nach längst entschwundenen Tagen lebte, jene olympische

Ruhe, jene selige Heiterkeit der Seele erwerben, welche dem Klassiker

Goethe das Recht gab, Tadlern und Lobrednern lächelnd zu sagen: „Ich

habe mich nicht selbst gemacht.” Wahrhaft harmonische Charaktere sind

unter den Heroen der Romantik fast allein die Männer der Wissenschaft,

so Savigny, die Grimms und der liebenswürdigste der Menschen, Sulpiz

Boisserée; unter den Dichtern der Romantik stehen neben Uhland nur sehr

wenige, deren Seele nicht getrübt ward durch einen unklaren, unfreien,

friedlosen Zug.

Auch er schaute mit der inbrünstigen Sehnsucht der Menschen des

Mittelalters zu dem Überirdischen empor; so recht den Herzschlag des

Dichters hören wir in dem frommen Gedichte „Die verlorene Kirche”:

Ich sah hinaus in eine Welt

Von heil'gen Frauen, Gottesstreitern.

Aber suchte Friedrich Schlegel in jener Vorzeit den phantastischen

Reiz des Alten und Fremden, einer unfreien Gesittung, so liebte

Uhland das Mittelalter, weil er in ihm die ungebändigte Kraft

eines ursprünglichen, farbenreichen Volkslebens und vor allem die

Herrlichkeit des vaterländischen Wesens bewunderte. So wurde jener

durch seine ästhetische Neigung dem freien Leben der Gegenwart

entfremdet und, obwohl er am lautesten den Ruf nach volkstümlicher

Dichtung erhoben, in eine undeutsche, katholische Richtung getrieben.

Uhland aber ward der vornehmste Dichter jener jüngeren, kräftigeren

Richtung der Romantik, welche der ursprünglichen Absicht der Meister

getreuer blieb als diese selber, und in unserer Vorzeit nur das noch

heute Lebendige, die deutsche Weise, bewunderte. Darum schöpfte er,

gleich den Brüdern Grimm, aus der liebevollen Erforschung des deutschen

Altertums Mut und Kraft zum Kampfe der deutschen Gegenwart; darum

verwarf er jeden Versuch, die Formen mittelalterlicher Gesittung in

unseren Tagen wieder zu erwecken, und sprach herbe Worte wider die

„erzwungene Begeisterung”, als es wieder lebendig ward um den alten

Krahn in Köln und der schönste aller Dome aus Schutt und Trümmern

zu neuer Pracht emporstieg. -- Nicht unsere klassischen Dichter,

deren Werke ihn nur teilweise tiefer berührten: die Dichtungen des

Mittelalters, die Volkslieder vornehmlich sind seine Lehrer gewesen,

und mit diesen Worten ist auch sein Platz in der Geschichte unserer

Dichtung bezeichnet. Es ist wahr, schon Goethes lyrische Muse hatte

viele ihrer herrlichsten Klänge dem deutschen Volksliede abgelauscht.

Aber für Goethes geniale Vielseitigkeit war diese Anregung nur

eine unter vielen anderen, ja im Alter stellte er sich zornig dem

romantischen Nachwuchs als einen „Plastiker” gegenüber; Uhland dagegen

hat das Eigenste seiner Kraft an den Gedichten des Mittelalters

gebildet. Sie wirkten auf den Mann kaum minder mächtig als auf den

Knaben an jenem Tage, da er zuerst das Nibelungenlied vortragen hörte

und, so sagt man, in tiefer Bewegung aus dem Zimmer eilte. An dem Liede

von Walther und Hildegunde fand er als Student zuerst eine Poesie, die

sein innerstes Wesen ergriff. „Das hat in mich eingeschlagen,” bekennt

er. „Was die klassischen Dichtwerke trotz meines eifrigen Lesens mir

nicht geben konnten, weil sie mir zu klar, zu fertig dastunden, was ich

an der neueren Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmucke vermißte,

das fand ich hier: frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen

Hintergrunde, der die Phantasie beschäftigte und ansprach!”

So ward ihm das hohe Glück, inmitten einer überbildeten, nach den

fremdesten und fernsten Reizen jagenden Kunst einen festen Kreis edler

Stoffe zu beherrschen, welche darum unfehlbar wirken mußten, weil ein

ganzes Volk sie durch Jahrhunderte gehegt und gebildet hatte. Und

noch schärfer sogar schied er sich ab von den älteren Romantikern

durch seine Weise, die Form der Kunst zu handhaben. Sein feines Ohr

empfand, daß eine Sprache voll Härten des musikalischen Wohlklangs der

romanischen Rede nur bis zu einem gewissen Grade fähig sei. Auch er

hat Sonette und Glossen gedichtet und die Assonanz statt des Reimes

gewagt; aber ungleich maßvoller als die Tieck und Schlegel brauchte er

diese fremden Formen, und nach uralter, deutscher Weise war ihm in der

Kunst der Inhalt das Bestimmende. Wäre ihm in seinem „Sängerstreite”

mit Rückert statt der guten Sache: „Falschheit kränket mehr denn

Tod”, die schlechte Meinung: „Eh'r falsch als tot”, zur Verteidigung

zugeteilt worden: er hätte sicherlich nicht jene kunstvollen, feinen

Wendungen gefunden, wodurch sein Gegner sich zu decken wußte; ein

Scherz vielmehr hätte ihm aus der Not helfen müssen. Schon im Jahre

1812 lobte er sich die „ursprünglich deutsche Art”, die Innigkeit der

Empfindung, im Gegensatz zu der formen- und bilderreichen Dichtung

des Südens. Der alte Spruch: „Schlicht Wort und gut Gemüt ist das

echte deutsche Lied”, war ihm fortan der Wahlspruch seiner Kunst.

Die einfacheren Formen aber, die er dem Genius unserer Sprache gemäß

fand, hat er mit vollendeter Kunst beherrscht, während Tieck mitten in

der gesuchten Formkünstelei oftmals sogar die Korrektheit vermissen

läßt. Und gelang es der älteren Romantik, weil nur ein ästhetisches

Wohlgefallen sie zu dem deutschen Altertume führte, sehr selten die

naive Weise des Mittelalters zu treffen, so wußte Uhland, weil er mit

ganzer Seele in jene Vorzeit sich versenkte, seine Mären so glücklich

in treuherzig altertümlichem Tone vorzutragen, daß wir heute kaum

noch begreifen, wie solche Stoffe jemals anders dargestellt werden

konnten. Sein natürliches, wissenschaftlich geschultes Sprachtalent hat

unserer modernen Dichtung eine Fülle schöner altertümlicher Wendungen

und Wörter neu geschenkt, davon die junge Welt kaum weiß, daß sie uns

einst verloren waren. Seinem strengen Formensinne war ein Greuel jenes

phantastische Verzerren der Natur, jenes Spielen mit „duftenden Farben”

und „tönenden Blumen”, das die Romantik liebte. Feste, starke Umrisse

gab er, wo es not tat, seinen Gestalten, also daß wir aus manchen

seiner Gedichte den tüchtigen Zeichner erkennen, der in der Ausübung

der bildenden Kunst sein Formgefühl schulte. Mit Recht hat man ihn

darum einen Klassiker unter den Romantikern geheißen.

Dieser ernste Künstlersinn offenbarte sich vornehmlich in Uhlands

weiser Selbstbeschränkung, einer antiken Tugend, die uns Modernen

nicht leicht fällt. Ein Künstler von Grund aus und ein denkender

Künstler, wie jede Zeile seiner Gedichte zeigt, hat er vielleicht

weniger als irgendeiner unserer namhaften Dichter die Neigung zur

Kritik und literarischen Fehde verspürt. Auf das Können, das ganze

und rechte Können ging er aus; er am wenigsten wollte das Schlagwort

der romantischen Dilettanten gelten lassen, daß man ein Dichter sein

könne, ohne je einen Vers geschrieben zu haben. „Größeren Gedichts

Entfaltungen” hatte er einst in jugendlicher Zuversicht seinen Lesern

versprochen; doch als ihn die ersten Versuche belehrten, daß ihm

die dramatische Kraft versagt sei, zog er sich zurück auf die Lyrik

und das lyrische Epos. Er begnügte sich, auf diesem engen Gebiete

Mustergültiges zu leisten, derweil die Chorführer der Romantik nach

allen höchsten Kränzen der Kunst zugleich die Hand ausstreckten, ja

in Plänen ganz neuer Kunstformen sich verloren und, im Grenzenlosen

schweifend, nur wenig in sich Vollendetes schufen.

Den letzten Grund aber dieses tiefgreifenden Unterschieds zwischen

Uhland und der Schlegel-Tieckschen Richtung verstehen wir erst, wenn

wir erkennen: in Uhland lebte ein tief sittlicher, tatkräftiger Ernst,

der die tatlose, ironische Weltanschauung der Romantik schlechthin

verwarf. Solchem sittlichen Pathos hatte einst Schiller die Liebe

des Volkes verdankt, obwohl er sehr selten volkstümliche Stoffe

besang. Denn mit unfehlbarer Sicherheit empfindet das Volk -- unter

den Germanen mindestens --, ob ein Künstler mit seinen Bildern bloß

geistreich spielt oder ob er sein Herzblut ausströmen läßt in seine

Gedichte, und noch hat niemand durch ein feines Spiel sich des Volkes

Herz erobert. In der Form allerdings hat Schillers hochpathetische

Weise nicht das mindeste gemein mit dem naiven, einfachen Wesen

der Uhlandschen Dichtung, das der Weise Bürgers und Goethes weit

näher steht. Schillers Geist aber, sein sittlicher Ernst, seine

kühne Richtung auf die Gegenwart und ihr öffentliches Leben, ward

in Uhland und den Sängern der Freiheitskriege aufs neue lebendig.

Darum ward Uhland durch seine romantischen Neigungen nicht gehindert,

in der Wissenschaft ein nüchterner methodischer Forscher, im Leben

ein Verfechter des modernen Staatsgedankens zu sein. Mit sicherem

Takte wußte er Leben und Dichtung auseinanderzuhalten, und jeder

mystischen Liebhaberei der romantischen Genossen stellte er seinen

derben protestantischen Unglauben gegenüber. Wenn Justinus Kerner

von dem „Geiste der Mitternacht” erzählte, dann lachte Uhland, dann

war er selber „der Zechgesell, der keinem glaubt”. Und wurde er ja

einmal durch eine Erzählung von geheimnisvollen Naturwundern zum Liede

begeistert, wie schön wußte er dann seinen Stoff aus dem trüben dumpfen

Traumleben in eine freiere durchgeistigte Luft zu erheben! Als ihm

berichtet ward von dem Mädchen, das im Mohnfelde schlief und, erwacht,

mitten im lauten Leben weiter träumte, so ward ihm dies ein Anlaß, das

Schlafwandeln des Dichters zu schildern, dem das Leben zum Bilde, das

Wirkliche zum Traume wird:

O Mohn der Dichtung, wehe

Ums Haupt mir immerdar!

In unseren nüchternen Tagen vermag auch ein flacher Kopf die Schwächen

der Romantik leicht zu durchschauen, und oft vergessen wir, wie tief

wir in ihrer Schuld stehen. Jene geistig hoch erregten Tage durften

sich, nach Immermanns wahrem Geständnis, einer Dichtigkeit des Daseins

rühmen, die unserem schnell lebenden, unruhig nach außen wirkenden

Geschlechte verloren ist. Noch war die Welt von Schönheit trunken,

noch galt ein edles Gedicht als ein Ereignis, das tausend Herzen

froh bewegte, und auch die Häupter der romantischen Schule umstrahlt

noch etwas von dem Glanze der glückseligen Zeit von Weimar, „wo der

bekränzte Liebling der Kamönen der innern Welt geweihte Glut ergoß”.

Aber eine Dichterschule kann durch eine Fülle neuer Gedanken und

Anschauungen, die sie in das Volk warf, die Nation zum bleibenden

Danke verpflichten und dennoch an echten Kunstwerken sehr arm sein.

Stellte nun einer die Frage: Welche Kunstwerke der romantischen Epoche

sind nicht bloß historisch wichtig durch die Anregung, die sie unserem

Volksgeiste gaben, sondern in sich vollendet und unsterblich? -- so

würde ein ganz schonungsloses Urteil doch nur die Antwort finden:

einige meisterhafte Übertragungen und Nachbildungen fremdländischer

Dichtung und -- die lyrischen Gedichte Uhlands und einiger ihm

verwandter Sänger.

Als Chamisso in Paris im Jahre 1810 den dreiundzwanzigjährigen Uhland

kennen lernte, schrieb er mit seiner liebenswürdigen Laune einem

Freunde: „Es gibt vortreffliche Gedichte, die jeder schreibt und

keiner liest; doch hier ist einer, der macht Gedichte, die keiner

schreibt und jeder liest.” Und langsam, aber einmütiger von Jahr zu

Jahr, begann die Nation in das Lob einzustimmen, als fünf Jahre später

die „Gedichte” erschienen waren. Den Weg zum Herzen seines Volkes

hat der Dichter zuerst gefunden durch jene Lieder, welche der Weise

des alten Volksliedes so treu, so naiv nachgebildet waren, wie es

vordem nur Goethe verstanden. Er hat zuerst in weiteren Kreisen das

Verständnis wieder erweckt für diese volkstümlichen Klänge, und wenn

Eichendorff und Wilhelm Müller selbständig, unabhängig von Uhland ihr

lyrisches Talent bildeten, so danken sie ihm doch, daß das Volk ihren

Liedern froh bewegt lauschte. Schien es doch, als wäre die unselige

Kluft wieder überbrückt, die heute die Gebildeten und die Ungebildeten

unseres Volkes scheidet, als tönte der Gesang, von namenlosen fahrenden

Schülern erfunden, unmittelbar aus der Seele des Volkes heraus.

Unwillkürlich fragte der Hörer, ob nicht am Schlusse des Sanges ein

Vers hinweggefallen sei, das alte treuherzige:

Der uns dies neue Liedlein sang,

Gar schön hat er gesungen;

Er trinkt viel lieber den kühlen Wein

Als Wasser aus dem Brunnen.

Der Gesang ist heute, wie zur Zeit der italienischen Renaissance die

Redekunst, die geselligste der Künste. Das arme Volk liest wenig, am

wenigsten Gedichte; fast allein durch den Gesang wird ihm das Tor

geöffnet zu der Schatzkammer deutscher Poesie. An Kunstwert stehen

Uhlands erzählende Gedichte seinen Liedern ohne Zweifel gleich; aber

die Bedeutung des Mannes für die Gesittung unseres Volkes beruht

vornehmlich auf den Liedern. Sie haben dem Sänger den schönsten

Nachruhm gebracht, der dem lyrischen Dichter beschieden ist. Sie leben

in ihrer leichten sangbaren Form im Munde von Tausenden, die seinen

Namen nie gehört, sie klingen wider, wo immer Deutsche fröhlich in

die Weite ziehen oder zum heiteren Gelage sich scharen. Es war eine

Stunde seliger Genugtuung, als er einmal auf der Wanderung durch die

Hardt in den Klostertrümmern von Limburg unerkannt rastete und seine

eignen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, durch das Gewölbe

schallten. Alle die hoffnungsvollen Anfänge freier, volkstümlicher

Geselligkeit, welche heute das Nahen einer menschlicheren Gesittung

verkünden, alle die fröhlichen Fahrten und Feste unserer Sänger und

Turner und Schützen danken einen guten Teil ihres poetischen Reizes

dem schwäbischen Sänger; kein Wunder, daß er selber sich an solcher

Volksfreude nicht satt sehen konnte. Fast deucht uns ein Märchen, daß

es einst eine Zeit gegeben, wo am Beiwachtfeuer deutscher Soldaten

das Lied noch nicht erklang: „Ich hatt' einen Kameraden”, daß einst

deutsche Handwerksburschen über den Rhein gezogen sind, die noch nicht

sangen von den „drei Burschen”.

Doch sehen wir näher zu, so finden wir auch in dem einfachsten dieser

Lieder einen entscheidenden Zug -- eine kunstvolle Steigerung,

einen schlagenden Abschluß --, der das Gedicht alsbald auf die Höhe

der Kunstpoesie erhebt und mit so großer Innigkeit und Frische den

durchgebildeten Verstand des Künstlers gepaart zeigt. Demselben

Lehrer, dem deutschen Volksliede, hat Uhland auch die Kunst der

gemütlich bewegten Erzählung abgesehen. Er vermag es, einen kleinen

anekdotenhaften Zug mit so viel schalkhafter Anmut zu einer Ballade

zu erweitern, wie vor ihm wieder nur Goethe. Sein Eigenstes und

Schönstes schuf er in der erzählenden Dichtung dann, wenn er sich

ein Herz faßte und die trotzige, reckenhafte Kraft der deutschen

Heldenzeit derb und mit Laune darstellte, wie in den Rolandsliedern,

wohl seinen besten Balladen. Und wie das Volkslied nicht in die

Grenzen eines Landes gebannt bleibt, sondern der Sang von Liebeslust

und -leid, von Heldenzorn und Heldentod durch alle Völker wandert und

in der Fremde sich umbildet, so hat auch Uhland sein deutsches Wesen

nicht verleugnet, wenn er fremdländische Sagenstoffe besang. Sein

Gesichtskreis umfaßte das gesamte Altertum der christlich-germanischen

Völker; nur sehr selten hat ihn ein Bild der antiken Gesittung zum

Liede begeistert, und gänzlich fern lag seinem deutschen Gemüte

die Sagenwelt des Orientes, wie sehr sie auch den Meister der Form

verlocken mochte. Sehr tief hatte er sich eingelebt in den Geist der

südländischen Sänger des Mittelalters: durch das liebliche Gedicht

„Ritter Paris” weht ein Hauch schalkhafter Grazie, darum ihn jeder

Troubadour beneiden könnte. Fast scheint es, wenn Uhland die Mären

der liederfreudigen Provence nachdichtet, als singe hier wirklich

ein alter Südfranzose, als erfülle sich die wehmütige Verheißung des

modernen provençalischen Dichters: =O moun pais, bello Prouvenço,

toun dous parla pou pas mouri.= Und doch ist dies nur ein Schein: aus

Uhlands südländischen Gedichten so gut wie aus seinen angelsächsischen

und nordfranzösischen Balladen weht uns heimatliche Luft entgegen, er

behandelt diese fremden Stoffe mit der gemütlichen Innigkeit und in der

tief bewegten Weise der Germanen, nicht mit der feierlichen Grandezza

und dem rhetorischen Pathos südlicher Romanzen.

Nicht immer freilich ist ihm dies gelungen. Oft nahm er aus den

romanischen Stoffen auch legendenhafte Wundergeschichten mit herüber,

die den modernen Hörer kalt lassen, oder häßlich phantastische Züge: --

so steht in dem schönen Zyklus „Sängerliebe” fremd und verletzend die

Romanze von dem Kastellan von Couci, dessen Herz von seiner Geliebten

verspeist wird. Manchmal -- was uns noch mehr abstößt -- schleichen

sich mit den fremden Bildern auch fremde Empfindungen in seine Seele.

Vor dem Bilde des „Wallers” oder der trauernden Nonne, die entsagt

und betet „bis ihre Augenlider im Tode fielen zu”, steht der gesunde

Sinn der modernen Deutschen befremdet still: was gilt sie uns, diese

zugleich schwächliche und überschwengliche Empfindung der Vorzeit der

Romanen? Ja sogar unter den Balladen, die auf deutschem Boden spielen,

finden sich neben vielen ursprünglichen Schilderungen deutscher

Kraft und deutscher Laune doch auch einige sentimentale Gedichte von

sehnsüchtigen Mädchen und trauernden Königen, die uns kein festes

Bild hinterlassen. Desgleichen, wenn wir an seinen Liedern das innige

Naturgefühl und die tief bewegte Stimmung bewundern, so scheinen uns

doch einzelne inhaltslos, wir wünschten, der Dichter hätte nicht bloß

sein bewegtes Herz, sondern sein reiches Herz gezeigt. Solche Mängel

mochte Goethe im Auge haben, wenn er in Augenblicken übler Laune sehr

hart und bitter von der Uhlandschen Dichtung sprach. Doch all diesen

Schwächen hat der Dichter selber die beste Verteidigung geschrieben:

Scheint euch dennoch Manches kleinlich,

Nehmt's als Zeichen jener Zeit,

Die so drückend und so peinlich

Alles Leben eingeschneit.

Uns freilich, unserem derben historischen Realismus fällt es

leicht zu erkennen, wann Uhland die harten, barocken Züge unserer

Vorzeit verwischt hat. Wir lächeln, wenn uns in Erzählungen aus dem

Mittelalter, dieser treulosesten aller Zeiten, von deutscher Treue

überschwenglich geredet wird, und seit die fortschreitende Kultur

das Haar unserer Mädchen gebräunt hat, fällt uns die ausschließliche

Begeisterung für blondes Haar und blaue Augen so schwer, wie die

übermäßige Freude an den Rosen und Gelbveigelein. Aber frage sich

jeder, ob auch das Unsterbliche in Uhlands Gedichten geschaffen werden

konnte von einem Dichter, der minder treuherzig für das biderbe

Mittelalter schwärmte, der weniger unbefangen sich begeisterte für

„Jugend, Frühling, Festpokal, Mädchen in der holden Blüte”? In unseren

rauheren Tagen geht auch der Jugend diese naive Schwärmerei sehr

rasch verloren, doch darum mangelt auch unseren neuen Lyrikern die

Jugendfrische, die herzbewegende Innigkeit des alten Sängers. Und wie

verschwindend gering ist doch die Zahl jener Gedichte, welche auch

Uhland angekränkelt zeigen von der unklaren Gefühlsseligkeit seiner

Zeit! Nur Heinrich Heines Gehässigkeit konnte aus dem Liede: „Ade,

du Schäfer mein” den Grundton der Uhlandschen Dichtung heraushören.

Neben dies eine Lied -- beiläufig eines seiner allerfrühesten

Jugendgedichte -- stellen sich hundert andere voll mannhafter Kraft und

unverwüstlicher Lebenslust.

Gern verstummt die Kritik vor diesen Gedichten; über ihnen liegt der

Zauber einer völlig abgeschlossenen Bildung. Sie sind das getreue

Spiegelbild der edelsten Empfindungen einer reichen Zeit, die wir mit

allen ihren Verirrungen aus unserer Geschichte nicht missen können,

nicht streichen wollen: die alte Burschenschaft vornehmlich lebt

nur noch in den Liedern Uhlands und seiner Genossen. Ist auch jene

Gesittung in unserem Volke längst einer anderen, härteren gewichen: tot

ist sie darum nicht. In allen neueren Völkern sehen wir eine seltsame

Erscheinung, welche dem modernen Menschen gar sehr erschwert, sich

auf seine eigenen Füße zu stellen. Gedanken und Anschauungen, die das

Volk längst überwunden, kehren in dem Leben des einzelnen wieder als

Momente seiner persönlichen Entwicklung. Längst vorüber sind unserer

Nation die Tage der Romantik und des jungdeutschen Weltschmerzes; aber

noch heute kommt kein geistreicher Deutscher zu seinen Jahren, der

nicht einmal, wehmütig wie ein Uhlandscher Bursch, dem scheidenden

Freunde das Geleite gegeben und später mit Byronschem Übermute sich

aufgelehnt hätte wider die Unnatur der „alternden Welt”. Dem Manne

ziemt, die Gedanken seiner Jugend zu überwinden, nicht, wie man heute

liebt, sie zu schelten; denn ihnen dankt er, daß er ein Mann geworden.

Wir wären die Deutschen nicht mehr, die wir sind, wenn je an der lauten

Tafelrunde unserer Burschen die stürmische Weise nicht mehr erklänge:

„Wir sind nicht mehr beim ersten Glas.” Und mir graut, wenn ich mir

vorstelle, es könnte je die Zeit kommen, da der deutsche Jüngling zu

verständig wäre, um in der heißen Sehnsucht herzlicher Liebe zu singen:

Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,

Eh' ich mag bei der Liebsten sein!

Deutsche Lebensbilder · 第 11 / 25 段