Selbst in Tagen, die des freien politischen Lebens entbehren, entzieht

sich keiner gänzlich der Einwirkung des Staates. So läßt sich auch

von Lessing manches Wort und manche Tat aufweisen zum Belege, daß er

die Unfreiheit, die Kleinheit des deutschen Staatslebens empfand: wie

er gleich seinem Geistesverwandten Thomasius hinausstürmte aus der

Zahmheit und Enge des kursächsischen Wesens, wie er mit überlegenem

Lächeln auf den Gegensatz des Sachsentums und Preußentums hinabsah,

wie er das engherzige Mäcenatentum des Pfälzer Kurfürsten hochsinnig

zurückwies, wie auch ihm die Klage sich entrang: wann werde Deutschland

je einem Beherrscher gehorchen? Aber blicken wir von solchen

vereinzelten Zügen auf jene Freiheitstragödie Henzi, die von blinden

Verehrern als ein ganz modernes Werk gepriesen wird, so erkennen wir

sofort, wie ganz anders als die Gegenwart Lessings Tage sich zu den

Kämpfen des Staatslebens stellten. Welche Armut der Motive hier bei

ihm, der uns überall sonst durch den Reichtum poetischen Details

entzückt! Wie künstlich wird doch die lebendige Fülle des Parteiwesens

zugespitzt zu dem kahlen abstrakten Gegensatze von Tyrannei und

Freiheit! Nicht bloß die Jugend des Dichters ist schuld an solcher

Armut, die Gesinnung eines Bürgertums vielmehr spiegelt sich darin

wider, das die werktätige Teilnahme am Staate noch nicht kannte und

darum von dem Inhalt politischer Kämpfe noch keine Anschauung besaß.

Offenbar hat Lessings Denken die politischen Fragen nur berührt, an

wenigen Stellen berührt. Den Publizisten von Gewerbe rief er sogar,

seinem praktischen Wesen getreu, die Mahnung zu, solche Dinge zu

überlassen „dem Staatsmanne und vornehmlich demjenigen, den die Natur

zum Weltweisen machen wollte, weil sie ihn zum Vorbilde der Könige

machte”.

Trotzdem sind jene hingeworfenen politischen Gedanken Lessings

keineswegs überlebt, nicht einmal erledigt. Denn wie man von der

Humanität der Deutschen des achtzehnten Jahrhunderts gesagt hat, sie

sei herabgestiegen vom Himmel auf die Erde, so hat auch Lessing, der

die alltäglichen Pflichten des Staates übersah, einige der höchsten

Probleme der Staatskunst beleuchtet, die erst eine ferne Zukunft

lösen wird. Die Gesittung der Gegenwart steht zugleich über und

unter den Ideen der Humanität unserer Väter. Sie blickt hernieder

auf ein Volk von Privatmenschen, das den Patriotismus nicht kannte,

aber demütig schaut sie empor zu jenen Weisen, die, menschlichen

Sinnes voll, nach der Grenze fragten, „wo Patriotismus Tugend zu

sein aufhört”. Mit der traurigen Wirklichkeit, die Lessing umgab,

mit dem Elend der Notstaaten, darin er lebte, entschuldigen wir es,

daß auch ihm, wie allen deutschen Denkern seiner Zeit, sehr schwer

ward, die Notwendigkeit des Staates zu verstehen, daß auch ihn jene

Frage beschäftigt hat, die ein Volk mächtiger und glücklicher Bürger

nie lange betrachten mag, die Frage: ist die Abschaffung des Staates

möglich oder zu wünschen? Desgleichen in die überwundene Epoche

vorherrschenden Privatlebens verweisen wir seine Lehre, daß der Staat,

obwohl er erst „den Anbau der Vernunft möglich mache”, doch nur ein

Mittel sei für die Bildung des einzelnen Menschen. Aber weit hinaus

über den Gesichtskreis der Nachwelt selber schweift er wieder, wenn er

in den Freimaurergesprächen das tiefsinnige Problem durchdenkt: wie

lassen sich die Übel der Beschränktheit und der Härte heben, die das

Bestehen mehrerer Staaten notwendig hervorruft? Wie ist eine Verbindung

möglich aller guten Menschen ohne Ansehen des Standes, des Landes und

des Glaubens zum Zwecke rein menschlicher Gesittung? In diesen Worten,

fürwahr, eröffnet sich die Aussicht auf einen menschlichen Verkehr

der Völkergesellschaft, den erst ferne Tage schauen werden. Wie aber?

Steht nicht dies Weltbürgertum ein Todfeind gegenüber dem ersten und

berechtigtsten Streben der Gegenwart, dem Drange nach nationaler

Staatenbildung? Ich denke, nein. So tiefsinnig, so überschwenglich

reich ist das Leben der Staaten, daß niemals eine Geistesrichtung

allein darin herrschen kann. Noch heute leben sie, jene Gedanken von

dem Weltbürgertume, und eben jene dürfen sich heute Lessings getreueste

Diener nennen, die -- seinem Geist, nicht dem Klange seiner Rede

folgend -- am rührigsten für den nationalen Gedanken wirken. Wenn

erst von den großen Kulturvölkern jedes zerrissene sich geeint, jedes

geknechtete aus seinem Volksgeiste heraus seinen Staat sich gestaltet

hat, wenn damit verschwunden sind die größten, die gefährlichsten

Anlässe des Haders, die bisher Staat mit Staat verfeindet: dann erst

wird jener gesicherte Verkehr der Menschen, jenes Weltbürgertum sich

vollenden in einem tieferen, reicheren Sinne, als Lessing meinte, und

allüberall wird man reden von seinem Sehergeiste. Dann auch wird die

Welt den Kern der Wahrheit herausfinden aus einem Worte, das in dem

schwer ringenden Menschengeschlechte niemals ganz sich verwirklichen

darf -- aus dem himmlisch milden: Was Blut kostet, ist gewiß kein Blut

wert.

Und Lessing ahnte, daß Zeiten harten, aufreibenden staatlichen Kampfes

unserem Volke kommen würden. Das bezeugt sein gehaltvolles Urteil

über die Geschichte. Wie sicher begreift er das der Kunst verwandte

Wesen der Geschichtschreibung, wenn er die Bildung des „Gelehrten und

des schönen Geistes zugleich” von dem Historiker fordert. Und sollte

wirklich nur eine skeptische Laune, und nicht vielmehr eine Ahnung der

politischen Bedeutung historischer Wissenschaft sich aussprechen in

seinem vielgescholtenen Paradoxon: im Grunde könne ein jeder nur der

Geschichtschreiber seiner eigenen Zeit sein --? So scheinen ihm alle

Vorteile umfassender archivalischer Forschung nichtig gegen die Vorzüge

des zeitgenössischen Geschichtschreibers, daß er seinen Menschen bis

in Herz und Nieren blicken, daß er seine Leser durch die Erzählung von

ihrer eigenen Schuld und Strafe im Innersten ergreifen und -- vor allem

-- daß er eine Macht werden kann unter den Lebenden.

Soll ich noch schildern, wie wenig die Mitlebenden ihm dankten,

wie schwer das Geschick bis zum Ende ihn heimsuchte? Das widrige

Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Mund ging, das

Wort: „Geteilter Schmerz ist halber Schmerz” hatte der Jüngling schon

mit der stolzen Gegenrede abgewiesen:

Was nutzt mir's, daß ein Freund mit mir gefällig weine?

Nichts, als daß ich in ihm mir zwiefach elend scheine.

Einsam ist er durch das Leben geschritten, und sein alle Weichheit

des Gefühls mißachtender Sinn neigte sich zu dem Grundsatze antiker

Sittlichkeit, der Weiber und Sklaven von den höchsten Forderungen des

Sittengesetzes ausschloß. Dann hat ihm der klare und heitere Geist

seiner Eva König jene treue und tiefe Neigung erweckt, die mit ihrem

verständigen, derb bürgerlichen Wesen in den Herzensgeschichten der

Dichter ihresgleichen nicht findet. Ein Jahr einer glücklichen Ehe

lehrte ihn größer von den Frauen zu denken; dann am Abend seines

Lebens entrang sich ihm jene schreckliche Klage: „Meine Frau ist tot,

und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Es ist mir lieb, daß

mir viele solche Erfahrungen nicht mehr übrig sein können, und ich

bin ganz leicht.” Wenn er aber aus dem tiefen Schmerze hinausblickte

in sein Haus und in die Welt der Kunst, so hat er sicher empfunden,

daß seine Saat aufging. Die Kinder seines Weibes hörte er verkehren

in dem Tone schlichter offener Herzlichkeit, er sah eine segensreiche

Verwandlung des häuslichen Lebens und durfte sich sagen, daß er selber

ein Großes daran gewirkt. Und in der Kunst, deren Fesseln er gebrochen?

Da stürmte Götz von Berlichingen über die Bretter, und die Jünglinge

klagten in überströmender Empfindung um die Leiden des jungen Werther.

Mochte der Maßvolle der regellosen Weise des jungen Geschlechts zürnen

und spotten über die weichen Gefühle, die seinen hellenischen Sinn

nie berührt, und die Rechte der Kultur verteidigen wider Rousseaus

Naturschwärmerei: -- mit freudigem Verständnis hat er doch den Genius

begrüßt, als Goethe jene grandiose Fabel besang, die zu ewig neuen

Liedern den Sinn der Sterblichen begeistern wird, die Fabel von dem

Lichtbringer Prometheus.

Um das Todesjahr Lessings ging von der Einsiedelei in Sanssouci die

denkwürdige Schrift aus „Über den Zustand der deutschen Literatur”.

Zu ihr möchte ich alle jene führen, die noch immer das Tendenzmärchen

wiederholen, dem großen König habe das Herz gefehlt für unser Volk.

Ist es nicht genug an dem einen Fluche der Deutschen, der noch heute

gewaltig fortwirkt in allen Zweigen unseres Volkslebens bis hinab in

die Sprache und die traulichen Umgangsformen des Hauses -- daß Luther

der einen Hälfte der Nation der gepriesene Erretter, der anderen ein

Greuel ist? Noch fern ist die Zeit -- doch auch sie wird erscheinen

--, wo alles, was deutsche Zunge redet, den deutschen Helden in Luther

begrüßen wird. Schon jetzt aber ist die Stunde gekommen, den anderen

Mann, der nächst Luther am gewaltigsten für die neueren Deutschen

gewirkt, von den Schmähungen zu entlasten, womit blinde Parteiwut ihn

bedeckt hat. Nicht die preußische Neigung des heutigen Liberalismus

hat unserem großen König den Ruhm eines nationalen Helden angedichtet;

kein anderer als Goethe sprach das gute Wort: Friedrich der Große erst

habe durch seine Taten unserem Volksleben jenen großen heroischen und

nationalen Inhalt gegeben, den Lessing in schöne Formen bildete. Ihn,

der also den Stoff geboten für die neuerstandene Dichtung -- hören wir

ihn reden über die Kunst der Deutschen! Klagen, bittere Klagen über

die form- und zuchtlose Sprache, Klagen, daß unsere Sprache noch nicht

in die Schnürbrust eines Wörterbuchs der Akademie eingezwängt sei,

daß die Dramen Shakespeares, „würdig der Wilden von Kanada”, und die

„abscheulichen Plattheiten” des Götz von Berlichingen das rohe Volk

erfreuen! Wir erstaunen über diesen unerhörten Beweis der französischen

Bildung des Königs und seiner gänzlichen Unkenntnis der deutschen

Dichtung; doch lesen wir weiter in derselben Schrift, so redet uns

mächtig zum Herzen die deutsche Empfindung desselben Mannes, der

bewegte Ausdruck des Zornes und der Scham über solche Armut der Kunst

seines Volks, das frohe Aussprechen endlich einer großen nationalen

Hoffnung. Nicht an Geist gebreche es den Deutschen; schon sei der

Ehrgeiz der Nation erwacht, „und vielleicht werden, die zuletzt kommen,

alle Vorhergehenden übertreffen. Ich bin wie Moses”, ruft der König am

Ende, „ich sehe das gelobte Land aus der Ferne, doch ich bin zu alt, um

es je zu betreten”.

Nun halte man neben diese Worte des Königs Lessings berufene Klage:

der Charakter der Deutschen sei, keinen eigenen Charakter haben zu

wollen -- in wie seltsamem Irrtum verfingen sich doch die beiden!

Der König erwartet den Glanz unserer Dichtung von den französischen

Regeln, und siehe, er kam durch die Freiheit. Der König meint in der

Ferne das gelobte Land zu sehen, und siehe, er selbst stand mitten

darin. Desgleichen der Dichter, der so schmerzlich fragte nach dem

Nationalcharakter der Deutschen -- hätte er lesen können in der Seele

jener preußischen Soldaten, die bei Roßbach die Franzosen warfen und

bei Leuthen in der Winternacht das „Herr Gott Dich loben wir” sangen,

gewiß, er hätte begriffen: die lebendige Staatsgesinnung, die er

suchte, sehr unreif war sie, doch sie war im Werden. So standen die

beiden im Nebel der Nacht: der König, der einen Lessing suchte für

unsere Kunst, und der Dichter, einen Friedrich suchend für unseren

Staat. Inzwischen ist es Tag geworden, die Nebel sind gefallen, und wir

sehen die beiden dicht nebeneinander auf demselben Wege: den Künstler,

der unserer Dichtung die Bahn gebrochen, und den Fürsten, mit dem das

moderne Staatsleben der Deutschen beginnt.

Und wäre es denn ein Zufall, daß achtzig Jahre nach Lessings Tode

gerade sein Bildnis den Anstoß gab zu einem heilsamen Umschwunge

unserer Bildnerkunst? Versuchen wir uns zu versenken in die Seele des

Künstlers, dem jene Aufgabe ward. Sollte er Lessing bilden in der

Toga -- ihn, der das gespreizte Römertum der Franzosen erbarmungslos

verspottete? Oder in dem beliebten Theatermantel -- ihn, der im Leben

jeden falschen Schein verschmähte? Da blieb kein Ausweg: kraftvoll,

schlicht und wahrhaft wie er selber -- oder gar nicht mußte Lessings

Bild erscheinen. Und der glückliche Entschluß einmal gefaßt, hat unserm

Rietschel jedes Glück des Genius gelächelt, aus jeder Not ward ihm

eine Tugend. Der steife Haarbeutel ward ihm ein Anlaß, die vollendeten

Linien des wallenden Haares zu zeichnen, und die Enge des kurzen

Beinkleides erlaubte ihm, die gedrungene Kraft der Glieder zu zeigen.

So sehen wir Lessings Bildnis vor uns -- die erste Bildsäule der

Deutschen, darin der entschlossene wahrhaftige Realismus der Gegenwart

sich in höchster Ehrlichkeit offenbart -- schmucklos und stark,

gehobenen Hauptes, und diese trotzigen Lippen scheinen zu reden:

Was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen,

Weiß ich nur, wer ich bin.

Ludwig Uhland

Ludwig Uhland.

Ist es vorteilhaft, den Genius bewirten, -- wie neidenswert ist dann

das Haus, das eines edlen Sängers Lied preisend gegrüßt hat! Noch

leben manche, denen Ludwig Uhlands Muse ein herzliches Wort in ihr

Heimwesen gesendet, aber kein Haus in Deutschland hat sie so reich

beschenkt wie das königliche Haus von Württemberg. Als die schweren

Hungerjahre kaum vorübergegangen, lag eine tiefe und gerechte Trauer

auf dem schwäbischen Stamme um den Tod der Königin Katharina. Ihr Volk

hatte von ihr das gute Wort gehört: „Helfen ist der hohe Beruf der Frau

in der menschlichen Gesellschaft,” und hatte sie von Hütte zu Hütte

ziehen sehen in der harten Zeit, Arbeit bringend den feiernden Händen.

Vor solcher menschlichen Größe beugte sich die Muse des bürgerlichen

Sängers, die sich rühmte: „Sie hat nicht Anteil an des Hofes Festen.”

Fast zaghaft, unwillig, auch nur den Schein der Schmeichelei auf

sich zu nehmen, trat sie unter die Trauernden und legte auf den Sarg

der Königin den „Kranz von Ähren” mit einem der schönsten Gedichte

deutscher Sprache:

Und hat sie nicht die Lebenden erhoben,

Die Toten, die nicht hören, darf sie loben.

Ein Menschenalter ging darüber hin, und im November 1862 eilten von

nah und fern Leidtragende zu der Bahre des Sängers. Wer aber im Lande

Württemberg seine Empfindung nach dem Winke des Hofes zu stimmen wußte,

hütete sich sorglich, dem Toten, der nicht hörte, ein letztes Zeichen

menschlichen Mitgefühls zu erweisen.

Gern begönne ich diese Schilderung mit einem minder bitteren Worte

-- wäre nur diese häßliche Tatsache eine vereinzelte Erscheinung!

Doch leider, wenn wir der zahlreichen nationalen Erinnerungsfeste der

jüngsten Jahre gedenken: wie gehässig hob sich da die Gleichgültigkeit,

das schlecht verhehlte Mißtrauen der Höfe ab von der warmen Teilnahme

der Menge! Der politische Parteikampf wirkt bereits verwirrend und

verfälschend auf jene Gefühle, die unser Volk als einen gemeinsamen

Schatz hegen sollte, er läßt den einen als fremde, unheimliche

Gestalten jene Männer erscheinen, zu denen die große Mehrheit des

Volkes mit herzlicher Liebe emporblickt. Nicht selten zwar haben

solche Feste der Erinnerung den Ränken der Parteien, der eitlen

Selbstbespiegelung als willkommener Vorwand gedient, und sehr

verletzend tritt bei solchem Anlaß dem ernsten Beobachter eine traurige

Schwäche unserer Gesittung entgegen: Wir modernen Menschen sind allzu

bereit, auf gegebenen Anstoß gleich einer Herde alle das gleiche zu

tun, das gleiche zu empfinden. Dennoch ist die Gesinnung, welche heute

eine Rede, eine Schrift über Uhland nach der andern hervortreibt, in

ihrem Grunde echt und tüchtig. Denn eben weil die Höfe mit anderen

Augen als das Bürgertum auf unsere Geschichte blicken, eben darum

sollen wir laut bezeugen: nicht wir haben es vergessen, wie rein und

schön der Dichter von unserem Hause, von deutschem Land und Volk

gesungen und wie wacker er für uns gefochten hat.

Wieviel heiterer und menschlicher war doch die Sitte des deutschen

Hauses in den Tagen der Kindheit unseres Dichters, als vordem, da

Schiller sich aufbäumte wider die Unfreiheit des schwäbischen Wesens!

Ein Stilleben freilich war es, schlicht und schmucklos, das in der Enge

des ehrenfesten wohlhäbigen Bürgerhauses zu Tübingen sich abspann:

doch keinen gesunden Trieb des Kindes verkümmerte die verständige

Zucht, und diesem Knaben am wenigsten wäre es ein Segen gewesen, hätte

er ankämpfen müssen gegen erdrückenden Zwang. Denn wohl die erste

Empfindung, die jedem sich aufdrängt beim Rückschauen auf dies schöne

Dasein, ist das Erstaunen, wie leidenschaftslos dieser reizbaren

empfänglichen Künstlerseele das Leben verlief. Selbst jene tiefe

männliche Liebe, die Uhlands Herz erfüllte, der er so oft im Liede

Worte geliehen, die Liebe zu seiner Kunst, wie gehalten und ruhig

tritt sie zutage! Jahrelang konnte er harren, schmerzlos harren, bis

der Gott ihn rief, und seine Dichterkraft, die man erstorben wähnte,

uns mit neuen edlen Gaben beschenkte. Noch ist es nicht unnütz, diese

Tatsache laut zu betonen. Denn wenigstens den Nachwehen jener Zeit

der falschen Geniesucht, die auch einen Uhland unter die prosaischen

Menschen verwies, begegnen wir noch heute. Immer wieder hören wir die

Unterscheidung von poetischen Naturen und poetischen Talenten, und

allzuoft vergißt man die triviale Wahrheit, daß schon der Name einer

poetischen Natur die schöpferische Kraft bezeichnet. Wir Deutschen

vornehmlich sind es uns schuldig, solche Vorurteile einer schwächlichen

Epoche entschlossen abzuschütteln. Wir müßten ja, wären sie begründet,

das Ungeheuerliche tun und uns selber unseren polnischen Nachbarn, die

Engländer den Iren als prosaische Naturen unterordnen! Die Erscheinung

freilich ist auch unter deutschen und englischen Künstlern selten, daß

zu großer Kraft und Wärme der Phantasie ein gehaltenes Gleichmaß der

Stimmung, nüchterner Ernst und trockene Schroffheit des Auftretens sich

gesellen. Diese Verbindung des Widerstrebenden in Uhlands Bilde hat

oftmals auch jene befremdet, welche bescheiden verstehen, daß in den

feinsten Naturen die Charakterzüge sich am seltsamsten mischen.

Und doch verdankt der schwäbische Dichter seinem nüchternen

altbürgerlichen Sinne einen guten Teil seines Ruhmes. Keine

glücklichere Mitgift konnte der Sänger sich wünschen in jenen

verworrenen Tagen der Romantik, die Uhlands Bildung bestimmten. Nach

volkstümlichen Stoffen verlangte die junge Dichterschule; sie empfand,

daß das Ideal der klassischen Dichtung unserem Volke ein fremdes sei,

und das Bild der Göttin mit den Rosenwangen heute nur das Herz weniger

Hochgebildeter ergreifen könne. Sehr lebhaft fühlte auch Uhland den

Gegensatz der antiken und der germanischen Gesittung. Ein Aufsatz aus

seiner Jugend „Über das Romantische” sagt darüber: „Die Griechen, in

einem schönen genußreichen Erdstriche wohnend, von Natur heiter,

umdrängt von einem glänzenden, tatenvollen Leben, mehr äußerlich

als innerlich lebend, überall nach Begrenzung und Befriedigung

trachtend, kannten und nährten nicht jene dämmernde Sehnsucht nach

dem Unendlichen. Der Sohn des Nordens, den seine minder glänzenden

Umgebungen nicht so ganz hinreißen mochten, stieg in sich hinab. Wenn

er tiefer in sein Inneres schaute als der Grieche, so sah er eben darum

nicht so klar. Er verehrte seine Götter in unscheinbaren Steinen, in

wilden Eichenhainen: aber um diese Steine bewegte sich der Kreis des

Unsichtbaren, durch diese Eichen wehte der Odem des Himmlischen.” --

Glückliche Tage, da eine hochbegeisterte Dichterjugend auszog nach dem

Wunderlande der germanischen Vorwelt und aus den lange verschütteten

Schächten der mittelalterlichen Gesittung ungeahnte Schätze zutage

förderte! Während heute Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft im

Vordergrunde unseres nationalen Wirkens stehen, gab damals die Dichtung

dem gesamten geistigen Leben Anstoß und Richtung.

Das vielgerühmte Weltbürgertum der Deutschen ward damals erst zur

Wahrheit, seit uns das Verständnis aufging für das Gemütsleben unserer

eigenen Vorzeit, seit der historische Sinn unter den Deutschen

reifte. Wir lernten den Volksgeist in seinem Werden belauschen,

den Glauben, die Kunst, die Sitte verschollener Tage in ihrer

Notwendigkeit verstehen. Die religiöse Innigkeit der Romantik machte

mit einem Schlage dem selbstgefälligen Rationalismus ein Ende,

der so lange über „die Nacht des Mittelalters” vornehm gelächelt

hatte. Die Hellenen der modernen Welt erbauten sich wieder an dem

überschwenglichen Reichtume des Gemüts, der in den Bildwerken des

Mittelalters so rührend hervorbricht aus der Gebundenheit unfertiger

Formen. Das Auge der Menschen erschloß sich wieder für die feierliche

Großheit der gotischen Kunst, die vordem nur von einer stillen

Gemeinde hellblickender Verehrer verstanden ward. Lange hatte sich

der politische Idealismus der Deutschen -- wo er bestand -- an den

Bildern der Reformationszeit und des großen Friedrich begeistert; nur

dann und wann war ein Lied von Arminius erklungen; jetzt umfaßte

die Sehnsucht der Patrioten mit leidenschaftlicher Bewunderung die

Heldengestalten der Stauferkaiser. Wir wurden wieder Herren im eigenen

Hause und begriffen eben darum jetzt erst die innige Verwandtschaft

der Völkerfamilie des Abendlandes. Eine neue Welt voll gemütlicher

Innigkeit und Sehnsucht, voll phantastischen Zaubers und malerischer

Schönheit ging den Romantikern auf: „Das Dunkelklare”, gesteht Uhland,

„ist mir überall die bedeutendste Färbung, im menschlichen Auge, im

Gemälde, in der Poesie, wie bei Novalis.” Auch das landschaftliche

Auge des Volkes ward ein anderes. Solange Menschen leben, wird der

Streit nicht enden, ob die heitere Pracht eines ionischen Tempels

herrlicher sei als das ahnungsvolle Dunkel eines gotischen Domes,

der zürnende Achilleus erhabener als die rächende Kriemhild. Nur in

einem, in dem Verständnis der Seele der Landschaft, war die Romantik

der klassischen Kunst ebenso gewiß überlegen, als ein schwellender

duftiger Kranz deutscher Waldblumen tausendmal schöner ist denn

jene straff gewundenen Lorbeergirlanden, welche die Bildwerke der

Alten schmücken. Herzlicher, sinniger denn je ward nun von den

Dichtern besungen der feierliche Ernst der Waldeinsamkeit, da die

Geister des Waldes über den schweigenden Blättern weben, und der

wollüstige Zauber jener Sommernächte, da der berauschende Duft der

Lindenblüten dem Träumenden den Sinn verwirrt und das Mondlicht auf

den bemoosten Schalen klarer Brunnen spielt, und die erhabene Pracht

des Hochgebirges, wo weltbauende Mächte in den gewaltigen Formen jäh

abstürzender Felsen sich offenbaren. Niemals, sicherlich auch nicht in

den prosaischen ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts, waren

unter den Germanen gänzlich ausgestorben jene träumerischen Gemüter,

die vor solchen Szenen ursprünglicher Naturschönheit von den Schauern

des Weltgeheimnisses sich durchzittern ließen; aber jetzt erst ward

weithin im Volke die Freude lebendig an diesen „romantischen” Reizen

der Natur. Kaum ein Städtchen heute in Deutschland, das nicht irgendwo

einen lauschigen Platz dem Freunde der Natur wohlumfriedigt zu stillem

Genusse böte; die romantische Dichtung hat an dieser weiten Verbreitung

des Natursinnes im Volke ein reiches Verdienst.

Deutsche Lebensbilder · 第 10 / 25 段