Sie werden freilich immer wiederkehren, am heftigsten in fruchtbaren,

aufstrebenden Zeiten, jene traurigen Zerwürfnisse von Vater und Sohn,

herzergreifend traurig, weil jeder Teil im Rechte ist und das alte

Geschlecht die junge Welt nicht mehr verstehen darf. Aber in Lessings

Leben -- wie herzlich er auch von seinem Vater sprach, wie groß immer

die innere Verwandtschaft der beiden Streitenden war -- in Lessings

Leben erscheint dieser Kampf unmäßig hart, das alte Geschlecht

ungewöhnlich klein und gehässig. Denn der Hader bewegte sich nicht um

politische und religiöse Fragen, die doch nur mittelbar den Frieden

des Hauses berühren; eine große gesellschaftliche Umwälzung vielmehr

begann sich zu vollziehen, die Ehre des väterlichen Hauses ward

bloßgestellt durch die soziale Stellung des Sohnes. Bis dahin war, wer

hinausstrebte aus der Erwerbstätigkeit des Bürgertums, in den Dienst

des Staates oder der Kirche gegangen. Die regsamsten Kräfte des Adels

und der Mittelklassen hatte das Beamtentum und jene Zunftgelehrsamkeit

des Katheders verschlungen, die kaum noch den Namen der akademischen

Freiheit kannte. Höchstens dem bildenden Künstler ward gestattet seiner

Kunst zu leben, im Gefolge eines Hofes ein Unterkommen zu suchen.

Da wagte der Sohn des ehrenfesten Pastorenhauses, was vordem nur

verdorbene Talente zu ihrem Unsegen versucht hatten, er wurde der freie

Schriftsteller, der erste deutsche Literat -- nicht in klarer Absicht,

nein, wie die Menschen werden, wozu der Geist sie treibt, weil er nicht

anders konnte, weil dieser freie Kopf den Zwang des Amtes nicht ertrug.

Wie er also unserem Volke eine neue ungebundene Berufsklasse erschuf,

so wandte er auch zuerst mit Bewußtsein sich an ein neues Publikum.

Nimmermehr mochte er der unfreien Weise der Mehrzahl seiner Vorgänger

folgen, die nur geziert für die Höfe, plump für das Volk zu schreiben

wußten. Wohl dachte er groß und menschlich von den niederen Ständen,

von „dem mit seinem Körper tätigen Teile des Volks, dem es nicht sowohl

an Verstand als an Gelegenheit ihn zu zeigen fehlt”, er wünschte ihnen

als Tröstung Gedichte zum Preise der „fröhlichen Armut”. Er selber

indes suchte sich andere Leser. Wie er sich hinausgerettet aus dem

Bannkreise der alten Stände, so sprach er auch zu einem gebildeten

Publikum, das keine Stände kennt, und half also diesen Kern unseres

Volkes erziehen, der in der Literatur zuerst, dann im Staate zur

entscheidenden Macht emporwachsen sollte.

Zum ersten Male sahen die Deutschen das ruhelose und doch nie würdelose

Leben eines abenteuernden Schriftstellers. „Lessing,” sagt Goethe,

„warf die persönliche Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden

Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können.” Wie geistvoll

hier der Herzenskündiger geurteilt, das bezeugt ein erst vor kurzem

wieder aufgefundenes Epigramm aus Lessings Studienzeit; Goethe hat es

nie gekannt, und doch stimmt es wörtlich mit seinem Urteile überein.

Achtlos, übermütig wirft der Dichter in den ersten Zeilen seine Würde

hin, um sie am Ende gefaßt wieder aufzunehmen -- in den Versen:

Wie lange währt's, so bin ich hin

Und einer Nachwelt unter'n Füßen.

Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen,

Weiß ich nur, wer ich bin.

Worte, überaus bezeichnend für Lessings rasche, ungestüme Weise des

Lebens -- denn er vor allen besaß jenen gemeinsamen Charakterzug

aller vorwärtsstrebenden Geister, die Gleichgültigkeit gegen seine

eigenen Werke, sobald sie vollendet waren -- aber bezeichnender noch

für die Meinung, welche unseres Volkes beste Männer von dem Werte des

Nachruhms hegten. Ist den hellen Köpfen der Romanen der Nachruhm das

eingestandene höchste Ziel des Schaffens, so leben die Deutschen des

Glaubens: der Ruhm sei, wie die Liebe, wie jedes echteste und höchste

Glück des Lebens, eine Gnade des Geschicks, die wir in Demut hinnehmen,

doch nimmermehr erstreben sollen. Und noch immer hat unser Volk sich

jener Männer mit der wärmsten Liebe erinnert, die am wenigsten davon

redeten, daß sie ein solches Gedächtnis erhofften. Einen leisen

Schatten freilich hat diese harte, kampferfüllte Jugend in Lessings

Wesen zurückgelassen. Jener prosaische, nüchterne Zug, der Lessing

von späteren glücklicheren Dichtern in ähnlicher Weise unterscheidet,

wie Friedrich der Große einem Cäsar, einem Alexander gegenübersteht,

läßt sich nicht allein aus der Naturanlage des Dichters erklären. In

den Tagen, wo das Gemüt jede Härte am schmerzlichsten empfindet, hat

kein Frauenauge gütig über ihm gewaltet, allein die streng abweisende

Mutter, die lieblos meisternde Schwester trat ihm entgegen. Die innige

Zartheit der Empfindung aber, die ein hartes Geschick dem Jüngling

verkümmerte -- wie vermöchte der Mann sie je aus sich heraus zu

entfalten?

Also hinausgetreten aus den altgewohnten Kreisen des bürgerlichen

Lebens hat er mit unverwüstlichem Mut seinen Kampf geführt wider

die falschen Götzen der literarischen Welt. Die Freude am Kampfe,

am Widerspruch -- vergeblich hat man es leugnen wollen -- blieb die

herrschende Leidenschaft in ihm, der von früh auf liebte, „Rettungen”

verkannter Charaktere zu schreiben, der das Bekenntnis streitlustigen

Stolzes niederlegte in dem Worte: „Auf wen alle losschlagen, der

hat vor mir Frieden.” Wie die Schwäche und zugleich die Größe der

modernen Kulturvölker gutenteils darin gelegen ist, daß sie nicht

vermögen, wieder ganz jung zu werden, so offenbarte auch die unreife

deutsche Dichtung jener Tage alle Mängel der Kindheit und des

Greisenalters zugleich. Eine Weltliteratur mag man sie nennen, wenn das

widerstandlose Aufnehmen fremdländischer Ideale und Formen zu solchem

Namen berechtigt. Und doch war die in festen überlieferten Formen

erstarrte Dichtung nicht einmal der korrekten Redeweise mächtig. Von

beiden Schwächen hat Lessing unsere Dichtung geheilt. Man erfaßt nur

eine Seite seines kritischen Wirkens, wenn man in ihm lediglich den

trotzigen Streiter wider die =règles du bon goût= erblickt, wenn man

ihm nicht folgt in jene ersten Jahre, da er mit der peinlichen Strenge

des Pädagogen die kläglichen Übersetzungsfehler armseliger Gesellen

rügte.

Kein Wunder aber, daß jener Kampf mit den Regeln der französischen

Ästhetik allein noch haftet in dem Gedächtnis der Nachwelt. Denn

das erste dauernde seiner Werke schuf er erst, da er in den

Literaturbriefen auf die zuversichtliche Behauptung: „Niemand wird

leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten

Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe” -- seinen

kecken Schlachtruf erschallen ließ: „Ich bin dieser Niemand.”

Allerdings der Zorn des tiefempörten nationalen Stolzes redet aus

dieser Polemik. Wider den Dünkel der Kritik lehnt der Kritiker sich

auf und hält ihr das Recht des Künstlers entgegen, der sich selber

seine Bahnen bricht. Doch schärfer noch befehdet der Deutsche die

Anmaßung des fremden Volkes, das jeden anderen Volksgeist in die Enge

seiner konventionellen Empfindungen zu bannen gedachte. Wer hört nicht

das schadenfrohe Gelächter des nationalen Selbstgefühles aus jenen

erbarmungslosen Zeilen, die der untrüglichen französischen Ästhetik

beweisen, daß sie die Regeln des Aristoteles nicht verstanden, die

Voltaires Dramatik enthüllen, wie sie ist -- gesucht, gemacht, der

Natur entfremdet, „so steif, als wäre jedes Glied an einen besonderen

Klotz geschmiedet?” Mochten die einen im derben Liede den alten Fritz

preisen, der sich auf die Hosen klopft und die Franzosen laufen läßt,

die andern Beifall rufen, wenn der deutsche Kritiker Voltaires Blöße

zeigt: Beide feierten Siege eines wieder erwachenden Volkstums.

Wucht und Nachdruck erhielten jene kritischen Schläge erst durch

Lessings Dichtertaten. Auch er hatte sich geübt in den überlieferten

Formen und Empfindungen anakreontischer Dichtung, und lange Zeit lockte

seinen Scharfsinn, der zu spielen liebte, das Grenzgebiet zwischen

Dichtung und Prosa: Fabel und Sinnspruch. Doch zur rechten Geltung

gelangte das ihm eigene schöne Gleichgewicht ordnenden Verstandes und

schöpferischer Phantasie in dem Drama. Das Gleichgewicht, sage ich.

Denn jene noch heute oft nachgesprochene romantische Torheit, die dem

Dichter der Minna von Barnhelm die echte poetische Kraft absprechen

will, ist längst im voraus widerlegt durch den Denker, den Lessing

selber als den größten der Ästhetiker verehrte. Aristoteles sagt: zum

Dichten gehört ein Genius, ein kräftig und ebenmäßig geschaffener Geist

(εὐφυής), der von Natur schon das Schöne und Wahre findet --

oder auch ein Geist von erregbarer, enthusiastischer Phantasie

(μανικός). Wenn in Lessings Seele der lichte Verstand unleugbar

vorherrschte, dieser ekstatische Rausch seinem nüchternen Wesen fremd

blieb, so besaß er dafür jenes Höhere: die harmonische Kraft des

Genius, die nichts unternimmt, was sie nicht ganz vollbringen kann. Wie

er schon als Student an der wirklichen Bühne sich geschult, ja seine

Rollen gedichtet hatte für bestimmte Schauspieler aus der Truppe der

Neuberin, die uns als die Vorläuferin der modernen Schauspielkunst

gilt: so kamen seine dramatischen Anschauungen zur Reife im Verkehr mit

jener Hamburger Bühne, die heute als die erste Erscheinung des neuen

deutschen Schauspiels bezeichnet wird. Und wie er damals schon unter

den Franzosen sich die natürlichere Schule Marivaux' zum Muster wählte,

so führte er die germanische Dichtung auf den geraden Weg zurück,

brachte ihr die Naturwahrheit, die freie Bewegung des Shakespearischen

Dramas. Aber ein Reformer -- wie der maßlosen Natur des Künstlers ziemt

-- nicht ein Revolutionär -- wie sollte er sich vermessen, auf unsere

verwandelte Bühne den ungebundenen Szenenwechsel des altenglischen

Schauspiels einzuführen? Der so viele falsche Götzen gestürzt, wie

sollte er sich selber Shakespeare als neuen Götzen setzen -- was ihm

die Gedankenlosen noch heute nachsagen? In der Charakterzeichnung

allerdings folgte er Shakespeares Spuren; doch der Bau seiner Dramen

wich nur wenig ab von der Weise der Franzosen, die mit ihrer klaren

Verstandesschärfe dem Gegner doch sehr nahe standen und in ihm einen

billigen Richter fanden. Sogar die Rollen, welche das französische

Schauspiel uns überliefert, hat er sorglich beibehalten, nur, daß jetzt

statt des Liebhabers, des edlen Vaters, der Buhlerin -- die Tellheim,

Odoardo, Orsina erschienen, lebendige Menschen mit dem unendlichen

Recht der Persönlichkeit. Auch die dramatischen Probleme, die er sich

stellt, sind die höchsten nicht; gewaltigere Kämpfe von reicherem

tragischen Gehalt sind seitdem über unsere Bretter gegangen. Doch in

seinem engen Kreise schaltet er mit einer dialektischen Kunst und

einem Reichtum der Erfindung, die allen Zeiten bewundernswert bleiben

werden. Er reißt seine Charaktere in eine leidenschaftliche dramatische

Bewegung hinein, die keiner seiner Nachfolger übertroffen hat.

Wenn alle diese gemeinsamen Charakterzüge der Dramen Lessings die Bühne

umgestalteten, wie hat doch jedes einzelne davon noch seinen besonderen

Einfluß geübt auf unser öffentliches Leben! Schon Sara Sampson, dies

erste bürgerliche Trauerspiel der Deutschen, konnte nur gedichtet

werden in einem Volke, dessen Mittelstände sich erhoben, und wirkte

belebend zurück auf das Selbstgefühl dieser Klasse. Welch ein Griff

aber mitten hinein in das nationale Leben der Gegenwart, als Lessing

sich des Stiefkindes unserer Dichter, des Lustspiels, erbarmte und

in Minna von Barnhelm -- mit Goethe zu reden -- ein Werk schuf von

spezifisch nationalem Gehalt! Hier klingt etwas wieder von dem Lärm

des schlesischen Winterlagers, von dem Trommelwirbel der Grenadiere

des alten Dessauers, den der Knabe schon vor den Fenstern von St. Afra

gehört. Wie lange hatten unsere Dichter, wenn sie die Form suchten

für den unfertigen, nach Gestaltung ringenden Gehalt ihrer Seele,

sich hinweg geflüchtet aus der armen Gegenwart und die Heroen einer

Vergangenheit, die so nie gewesen ist, „auf des Sittenspruchs geborgte

Stelzen steigen” lassen! Jetzt endlich wagte ein Dichter das Gemüt der

Gegenwart dramatisch zu verkörpern und gab ein Werk, volkstümlich sogar

in seinen Schwächen, in der Breite der komischen Szenen, und eben darum

ein Werk für alle Zeiten. Denn wie das Erzbild in freier Luft im Lauf

der Jahre sich verschönt, so haben manche veraltete Wendungen in diesem

Lustspiele für uns Nachlebende einen neuen schalkhaften Reiz gewonnen.

Als ein Gott aus der Maschine tritt in dieses Drama noch der große

König hinein, mit seinem Herrscherwort die erregten Gemüter versöhnend.

Wie anders schon der politische Sinn in Emilia Galotti! Nicht

allein das Kunstwerk erquickt uns, das, nach Goethe, „gleich der

heiligen Insel Delos aus der Gottsched-Weiße-Gellertschen Wasserflut

emporstieg, um eine kreißende Göttin barmherzig aufzunehmen”. Keiner

unter uns, der nicht den sittlichen Zorn wider höfische Tyrannei und

Verderbnis aus diesem Drama vernommen hätte. Und doch, wer hätte vor

der Katastrophe der Emilia nicht empfunden, daß der Sinn unseres Volkes

seitdem herzhafter und stolzer geworden, daß auch Lessing von der

Schüchternheit einer unfreien Zeit sich nicht völlig befreien konnte?

Ein Knabe hat mir einst gesagt: aber warum schlägt der Odoardo nicht

lieber den Prinzen tot? -- und ich fürchte nicht, daß man dies Wort

belächeln werde. Lernen wir erst wieder jene Bescheidenheit Lessings,

der vor einem Kunstwerke seiner Empfindung nicht traute, „wenn sie

von niemandem geteilt würde”, fassen wir den Mut, unbekümmert um

literarhistorische Pedanten, zu bekennen, was wir fühlen, und sagen wir

gerade heraus: wir verstehen diesen Mann nicht mehr, der in gerechter

Sache die mißhandelte, freilich in ihrem Herzen nicht mehr schuldlose

Tochter opfert, statt den frechen Dränger zu töten. Angeekelt von dem

falschen Pathos der französischen Tragödie strebte Lessing vor allem

die Leidenschaft in seinen Charakteren zu erregen, im schärfsten

Gegensatze zu Corneille wies er die Bewunderung aus dem Drama hinweg,

und wenn es ihm unfehlbar gelingt, unser Mitleid für seine Helden zu

erwecken, so bemerkt er nicht immer, daß unser Mitgefühl mit einem

leidenschaftlich bewegten Menschen auch ein achselzuckendes Mitleid

sein kann. Aber dürfen wir ihm eine Unsicherheit des Gefühles nicht

vorwerfen, die einem staatlosen Volke natürlich war, so bleibt ihm

allein der Ruhm einer Kühnheit, die unsere freiere Zeit kaum mehr zu

würdigen weiß. Welchen Schrecken mußte es in ängstliche Gemüter werfen,

daß ein Dichter die sittliche Fäulnis der Mächtigen auf der Bühne

erscheinen ließ -- wenige Jahre nachdem ein adliges Haus seiner Heimat

ein prunkendes Hochzeitsfest gehalten, weil seine Tochter zur Maitresse

des Landesherrn erhoben war! Wenn er absichtlich vermied, seine

Fabel mit dem staatlichen Leben zu verknüpfen, wenn er nur durch das

persönliche Schicksal seiner Heldin die Hörer erschüttern, nur „eine

bürgerliche Virginia” schaffen wollte, so hat seitdem die Geschichte

seinem Drama einen großen Hintergrund gegeben. Wer hört das Schlußwort

des Prinzen, jenen Ausbruch ohnmächtiger leichtfertiger Reue, und denkt

dabei nicht an das gräßliche =après nous le déluge=? Wer sieht nicht

hinter den Gestalten Marinellis und der Orsina die Schreckensmänner der

Revolution emporsteigen?

Und was war, blicken wir zurück, mit diesem kritischen und

dichterischen Wirken erreicht? Gebrochen war der Aberglaube an fremde

Weisheit, den Deutschen der Mut zurückgegeben, in der Kunst sich eigene

Pfade zu suchen. Selbständige Werke der Dichtung waren unserem Volke

geschenkt, welche aller Glorie der französischen Dramatik vollauf

die Wage hielten. Das Kunstverständnis endlich unseres Volkes ward

geläutert, die Reinheit der Gattungen in der Kunst wiederhergestellt,

der Vermischung von Dichtung und bildender Kunst in der beschreibenden

Poesie, der Vermischung von Poesie und Prosa in dem Lehrgedichte ein

Ziel gesetzt. Und noch der Lebende sollte die Früchte seines Schaffens

schauen; denn nie wieder wagte unter uns ein Mann von Geist ein

Lehrgedicht zu schreiben, und sah Lessing auf die jungen Stürmer und

Dränger, so hörte er die Deutschen mit Stolz, ja mit Übermut wegwerfend

reden von den einst vergötterten Franzosen.

Auch durch die beherrschende Vielseitigkeit seiner Bildung ist

Lessing ein Bahnbrecher der gegenwärtigen Gesittung geworden. Der

den theologischen Beruf entschieden von sich gewiesen, sollte der

Theologie seit Luther die erste nachhaltige Umbildung bringen. Die

Freiheit, die wir Luther dankten, die Begründung des Glaubens auf

die Heilige Schrift, war selber eine neue Knechtschaft geworden.

Lessing aber erkannte in den Schriften des neuen Bundes den Beleg,

nicht die Quelle des christlichen Glaubens, und leitete also auf den

Weg, den die wissenschaftliche Evangelienkritik der neuen Zeit weiter

verfolgt hat. Nicht völlig neu war diese Richtung; freute sich doch

selbst jener harmlose Hamburger Naturdichter Brockes, derselbe, der

neun Bände lang das irdische Vergnügen in Gott besungen, im stillen

an den geheimgehaltenen Streitschriften des Reimarus wider den

Offenbarungsglauben. Neu aber war der Mut, herauszusprechen, was

Tausende meinten, Schmach und Unglimpf zu ertragen von den „kleinen

Päpsten”, denen Lessing zuerst das tausendmal nachgesprochene Wort

entgegenwarf: lieber einen großen Papst als diese vielen kleinen --

jener Mut, der am schneidigsten aus der „ritterlichen Absage” an

Goeze spricht: „Schreiben Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben,

soviel das Zeug halten will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem

geringsten Dinge, was mich und meinen Ungenannten angeht, Recht gebe,

wo Sie nicht recht haben, dann kann ich die Feder nicht mehr rühren!”

Aber vergleichen wir selbst die heftigsten dieser Streitschriften mit

den gleichzeitigen Angriffen der Franzosen auf die Kirche, so nehmen

wir mit Erstaunen wahr, daß der deutsche Denker in der Sache die

Romanen an Verwegenheit überbietet, in der Form hingegen jenes edle

Maß einhält, welches, eine schöne Frucht deutscher Duldung, unsere

freien Geister davor bewahrt, Freigeister zu werden in dem von Lessing

gebrandmarkten Sinne.

Und läßt sich nicht aus diesem maßvollen Wesen des Denkers das Rätsel

erklären: warum doch er, der hinwegschaute über alle geoffenbarten

Religionen, für den alten Gedanken einer Union der christlichen

Kirchen sich erwärmen konnte? Es ist ein großes Ding, die Weissagung

des Genius; nicht heute, nicht morgen, nicht so erfüllt sie sich, wie

der am Buchstaben haftende Deuter sie auslegt. Jene Union, belächelt

als ein Unding von denen, die an der Oberfläche der Dinge verweilen

-- alltäglich, stündlich schreitet sie vorwärts, seit die Bildung des

Protestantismus, die Ideen Lessings beginnen das Eigentum unseres

ganzen Volkes zu werden. Auf eine solche Union, die alle kirchlichen

Schranken überwunden hat, auf ein solches „neues Evangelium” deutet

das reifste Werk dieser theologischen Kämpfe Lessings, die Erziehung

des Menschengeschlechts. Seine ersten Schriften liegen noch jenseits

der Grenze dessen, was modernen Menschen lesbar scheint; mit dieser

tritt er bereits mitten hinein in die neue Wissenschaft. Denn lösen

wir ab, was uns befremdet, die parabolische Hülle, und wir schauen

als Kern: eine Philosophie der Geschichte; wir hören die Lehre von

dem Fortschreiten der Menschheit und von dem Gott, der die ganze Welt

beseelt, wir finden jenen historischen Sinn der Gegenwart, der in den

positiven Religionen „den Gang des menschlichen Verstandes” erkennt

und seinen stolz-demütigen Ausdruck erhält in Lessings Worten: „Gott

hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unsern Irrtümern nicht?”

Wohl mochte er empfinden, daß diesem kühnsten Fluge seines Geistes die

Zeitgenossen nicht folgen konnten; darum bat er: lasset mich stehen und

staunen, wo ich stehe und staune.

Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen entsproß, ragt hinaus über das

Verständnis seiner, und soll ich nicht auch sagen: -- unserer Zeit.

Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans

des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir,

daß die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier

gerade tut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken

unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des

Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann

erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben. Wie man

auch denken möge über den Inhalt von Lessings theologischem Systeme --

in einem mindestens ist er schon jetzt der anerkannte Lehrer unseres

ganzen Volkes: er hat die sittliche Gesinnung vorgezeichnet, daraus

alle wissenschaftliche Forschung entspringen soll. Er sagte: „Ich weiß

nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern. Aber

das weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder

gar nicht zu lehren.” Zum Gemeinplatze geworden sind seine Aussprüche

über das Recht der freien Forschung und noch hat keiner die Kühnheit

jenes Wortes überboten: „Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über

Gott und göttliche Dinge der bürgerlichen Gesellschaft je nachteilig

geworden; nicht die Spekulationen -- der Unsinn, die Tyrannei ihnen zu

steuern.”

Und alle diese Werke in einer durchsichtigen Form, daraus überall

das leuchtende Auge des Denkers hervorblickt. Komisch beinahe, wie

in seinen ersten Werken das leidenschaftlich bewegte Herz ankämpft

gegen die Steifheit des überlieferten Verses. Wie anders der der

ungebundenen Rede aufs nächste verwandte Jambus des Nathan und jene

Prosa, die gar nicht anders kann als die augenblickliche Stimmung des

Schreibers getreulich widerspiegeln! Die augenblickliche Stimmung,

sage ich, denn wenn so häufig geklagt wird über die Widersprüche in

Lessings Schriften, über die Schwierigkeit, aus seinen Briefen seine

Herzensmeinung herauszulesen, so kann ich in dieser Klage nur den

sichersten Beweis für die Wahrhaftigkeit, die Unmittelbarkeit seiner

Schreibart finden. Wie ihm zumute war, hat er geschrieben, jede

Regung der Neckerei, des Widerspruchsgeistes, jeden Einfall eines

halbfertigen Gedankenganges rücksichtslos herausgesprochen, jeder

Übertreibung übermütig eine andere entgegengestellt. Und eben weil ihn

beim Schreiben nie der Gedanke störte, als könne je die Nachwelt über

seinen Schriften grübeln, eben darum ist es so leicht, den einen ganzen

Menschen aus allen seinen Widersprüchen herauszufinden.

Fragen wir endlich, wie Lessing sich stellte zu dem größten Gegenstande

männlicher Arbeit, zum Staate, so ließe sich wohl dawider fragen: ist

es nicht genug an den politischen Taten, die ich soeben geschildert?

Waren es nicht politische Taten, als er die Schranken der bestehenden

Stände durchbrach, als er ein Erzieher wurde des modernen Bürgertums,

als er unserem Volke ein starkes Selbstgefühl zurückgab gegenüber

der Kunst der Fremden und einer Nation gedrückter Kleinbürger den

unendlichen Gesichtskreis der Humanität erschloß? Gewiß, nur jene

sich liberal dünkenden Pedanten, welche alles staatliche Leben allein

in bestimmten Verfassungsformen enthalten glauben, werden hierauf

mit einem kurzen Nein antworten. Aber auch zu einem herzhaften Ja

werden sich nur wenige zwingen. Denn gelernt haben wir endlich, jeden

Mann zu fragen, ob er ein Vaterland habe, ob er das Wohl und Weh

des Gemeinwesens als seine Lust und sein Leid empfinde? Hier aber

erscheint modernen Augen eine Lücke in Lessings Bildung. Wer stimmt ihm

nicht zu, wenn er die Freunde Ramler und Gleim tadelt, daß in ihren

preußischen Kriegsliedern der Patriot den Dichter überschreie? Wer

entschuldigt es nicht, daß dem Mitlebenden der welthistorische Sinn

des Siebenjährigen Krieges verschlossen blieb, und er darin allein den

großen Genius des Königs zu bewundern fand? Und doch, stellet eine Ode

Ramlers oder das Lied des preußischen Grenadiers: „Auf einer Trommel

saß der Held” neben jenen geistsprühenden Brief Lessings, der in

solchem Patriotismus nur „eine heroische Schwachheit” sah -- und ihr

werdet gestehen, daß auf diesem Gebiete Lessing jene ärmeren Geister

um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große

Empfindung der Vaterlandsliebe.

Deutsche Lebensbilder · 第 9 / 25 段