Leitung der ostpreußischen Angelegenheiten in die Hände, zog sich
jedoch besonnen zurück, da er York und Schön und die Männer des
preußischen Landtags voll Eifers für die große Sache, aber auch
voll Sorge wegen der russischen Eroberungslust sah. Am 25. Februar
1813 erschien er mit Anstett in Breslau und beredete den zaudernden
König, Scharnhorst in das russische Hauptquartier zu schicken
-- eine Sendung, welche den Abschluß des preußisch-russischen
Bündnisses zur Folge hatte. Er folgte nunmehr dem Hauptquartiere der
Monarchen, rastlos anspornend und ermutigend, ein Todfeind aller
halben Maßregeln und „verderblichen Waffenstillstände”, der feste
Bundesgenosse des Blücherschen Hauptquartieres. Zugleich leitete er
den Verwaltungsrat, der die eroberten Länder, zunächst Sachsen, zu
verwalten hatte, und seine kühne, schroffe Weise stieß hart zusammen
mit der Unentschlossenheit „dieser weichen sächsischen Wortkrämerei”.
Er betrieb eifrig den Abschluß der Allianz mit England. Nach dem
Waffenstillstand trat der lähmende Einfluß Österreichs auf die große
Allianz hervor. Die kühnen Gedanken jenes Petersburger Winters
erwiesen sich als unausführbar. Steins Zweifel an der Lebenskraft
Preußens waren längst verstummt angesichts der großen Erhebung, er
fühlte sich unter dem begeisterten Volke Norddeutschlands „wie in
einem unbekannten Lande”. Andererseits sah er mit Trauer, daß in dem
Österreich Metternichs der Geist von 1809 gänzlich verschwunden war,
daß die Bevölkerung der Kleinstaaten den Dynastien noch eine sehr
starke Anhänglichkeit entgegenbrachte und England in den Reichenbacher
Verträgen sich für Hannover bedeutende Gebietserweiterungen ausbedang.
Sonach war selbst der bescheidenste jener drei Petersburger Pläne
unmöglich, und Stein hielt jetzt die Herstellung der Kaiserwürde,
des Reichstages und der Reichsgerichte für notwendig, damit eine
monarchische Gewalt die kleinen Dynastien in Zucht halte und das
halbdeutsche Österreich durch die Pflichten des Kaisertums an
Deutschland gekettet werde. Vergeblich versuchte er, in Böhmen während
des Stillstandes der Kriegsoperationen nach der Schlacht von Kulm,
diesen Plan bei den Monarchen durchzusetzen. Metternich erklärte seine
Absicht, die deutschen Staaten nur durch ein System von Verträgen zu
verbinden, bald darauf schloß Österreich die Verträge von Ried und
Fulda und erkannte die Souveränität der rheinbündischen Könige an.
Seitdem war jede Aussicht auf eine gesicherte Verfassung Deutschlands
versperrt, und wenn fortan die Ansichten Steins über die Zukunft des
Vaterlandes in jähen Sprüngen wechselten, so war dies nur die Folge
der Unmöglichkeit, auf Grund der gegebenen Sachlage einen dauernden
Rechtszustand zu schaffen.
Nach der Schlacht von Leipzig ward sehr fühlbar, daß Stein, beschäftigt
mit der Organisation Sachsens und der definitiven Einrichtung der
Zentralverwaltung, dem Hauptquartier nicht gefolgt war. Erst nach
seiner Rückkehr faßte man den Entschluß, den Krieg über den Rhein zu
tragen. Stein entfaltete eine ungeheure Tätigkeit bei der Leitung des
Lazarettwesens und der provisorischen Einrichtung der eroberten Länder.
Die Zentralverwaltung war bedeutsam für die öffentliche Meinung, weil
sie der Welt wieder das Schauspiel einer Behörde für gesamtdeutsche
Angelegenheiten gab. Im Feldzuge von 1814 wiederholte sich das alte
Spiel: Stein und die Helden des schlesischen Heeres drängten vorwärts,
während das österreichische Hauptquartier zauderte. Der Aufenthalt
in Paris erfüllte Stein mit tiefem Mißmut, man sah ihn stachliger
und heftiger denn je. Sein Einfluß auf den Zaren begann zu sinken,
umsonst forderte er bei den Friedensverhandlungen gesicherte Grenzen
für Deutschland, umsonst verlangte er, daß Preußen die gute Stunde zur
Befriedigung seiner gerechten Ansprüche benutze. Die Wiedereinsetzung
der Bourbonen war ihm willkommen, als ein „Ruhepunkt” für die ermüdete
Nation, obwohl er den Doktrinen der Legitimisten nicht huldigte.
Von dem Wiener Kongresse sah er früh voraus, daß „das Ganze auf eine
flache und übertünchte Weise endigen werde”, er sah „die Zeit der
Kleinheiten, der mittelmäßigen Menschen” gekommen. In den Händeln
über die Territorialfragen ragte er hervor als Verteidiger der
Einverleibung Sachsens, er warf Talleyrand und dessen Genossen die
treffende Beschuldigung zu, daß sie es seien, welche die Zerteilung
der Völker verlangten. Sein Vorschlag, das eroberte Land durch
einen trefflichen Statthalter, den Prinzen Wilhelm, zu gewinnen,
fand keine Erfüllung. Wie ihn einst Napoleons Bulletins als einen
Demagogen geschildert hatten, so ward er jetzt in der Presse als ein
Borussomane und ein Spießgeselle der brutalen Gewalt angefeindet.
Er aber hielt noch im hohen Alter mit voller Überzeugung seine
wohlbegründete Meinung fest. Dagegen erkannte er die Unmöglichkeit,
ein unabhängiges konstitutionelles Polen mit Rußland auf die Dauer
friedlich zu verbinden. Für die deutsche Verfassung hatte er während
des französischen Feldzugs in Chaumont einen neuen Plan entworfen,
wonach die beiden Großmächte mit Bayern und Hannover als Direktoren
die exekutive Gewalt besitzen und den Bundestag leiten sollten. Im
Sommer darauf schlug er wiederum ein Direktorium der vier mächtigsten
Staaten und eine Kreisverfassung vor, welche so tief in die inneren
Landesangelegenheiten eingreifen sollte, daß die Großmächte sich ihr
nicht völlig unterwerfen konnten; daher verfiel er auf den Ausweg, daß
Preußen nur mit den Ländern links der Elbe, Österreich gleichfalls
nur mit seinen westlichsten Provinzen beitreten solle. Wenn Steins
Meinungen über die Leitung Deutschlands nicht minder unsicher
wechselten, wie die Ansichten der übrigen Zeitgenossen, so bieten seine
Pläne doch sämtlich eine glänzende Seite, die den großen Staatsmann
bekundet; sie enthalten alle sehr bestimmte Garantien für die
Volksfreiheit: -- Grundrechte für alle Deutschen und ausgedehnte, von
Bundes wegen garantierte, durch ein Bundesgericht gesicherte Befugnisse
für die Landstände. Desgleichen verlangte er in allen seinen Entwürfen
unbedingte Einheit der Gesetzgebung für den Verkehr im weitesten Sinne.
Er wünschte, daß die beiden Großmächte und Hannover die Vorberatung
der deutschen Verfassung auf dem Kongresse allein in die Hand nähmen.
Als statt dessen das Fünferkomitee gebildet ward und das Werk schon im
Beginn an dem Widerstande Bayerns und Württembergs zu scheitern drohte,
rief er den Zaren und den Verein der kleinen Fürsten zu Hilfe. Im Laufe
des Winters kehrte er nochmals zu seinem Kaiserplane zurück. Als auch
dieser verworfen ward, versuchte er nur noch, abermals umsonst, dem
Artikel 13 der Bundesakte einen Inhalt zu geben, den Landständen der
Einzelstaaten bestimmte Rechte von Bundes wegen zu gewährleisten. Das
vollendete Werk erschien ihm gänzlich hoffnungslos. Er stand allein auf
dem Kongresse, ohne Vollmacht, ohne Stimmrecht, und sein persönlicher
Einfluß war im Sinken, je mehr die Erinnerung an die großen Tage des
Krieges verblaßte.
Nach Napoleons Rückkehr brauste Steins alter Haß wieder auf, ein Haß,
dessen Glut sich doch sehr wohl vertrug mit scharfsichtiger Würdigung
des Feindes -- wie denn Stein unter den ersten den Zug der Gemeinheit
in dem Wesen des Imperators durchschaute. Stein zuerst ersann den
Gedanken, Napoleon zu ächten. Bei den Verhandlungen über den Zweiten
Pariser Frieden betrieb er rüstig die Rückführung der geraubten
Kunstschätze, doch umsonst verlangte er, diesmal im Bunde mit den
Staatsmännern Preußens und der kleinen deutschen Staaten, Elsaß und
Lothringen für Deutschland zurück. Nachdem also fast alle Pläne, welche
er an die Befreiung der Welt angeknüpft, gescheitert waren, zog er sich
in das Privatleben zurück. Den Posten eines österreichischen und eines
preußischen Bundestagsgesandten lehnte er ab, den einen, weil er sein
Preußen nicht verlassen, den andern, weil er nicht unter Hardenberg
dienen mochte und von der Frankfurter Versammlung kein Heil erwartete.
Er verlebte ein reiches Alter auf seinen Gütern Cappenberg und Nassau,
in lebhaftem brieflichen und persönlichen Verkehr mit bedeutenden
Männern. Die persönlichen Erfahrungen dieser letzten Jahre verstärkten
noch seine Liebe zu Preußen, da er in Nassau den kleinen Krieg
der Bureaukratie wider die Mediatisierten ertragen mußte, während
er in Cappenberg als Landtagsmarschall der Provinz Westfalen eine
hochangesehene Stellung einnahm. Der Tod seiner Gattin, die erst in
späterer Zeit seinem Herzen nahegetreten war, gab seinem Geiste eine
streng religiöse Richtung. Im Eifer seiner Rechtgläubigkeit wünschte er
wohl, der Staat möge „ein Dutzend Rationalisten =extra statum nocendi=
versetzen”. Sein Glaube war echt und ohne Prunk, und obwohl er, nach
der Weise dieser romantischen Tage, dem Katholizismus nähertrat, so
blieb er doch allen ultramontanen Bestrebungen feind: Stein wünschte,
wie sein Freund Erzbischof Spiegel, nationale Selbständigkeit unserer
katholischen Kirche.
Die neuen politischen Zustände boten ihm wenig Anlaß zur Freude. Er sah
auf der einen Seite die Bureaukratie mit ihrer „Wut zu generalisieren”
und überhäufte diese Klasse mit schweren Vorwürfen, deren Härte
sein alter Freund Kunth dem Aristokraten oftmals verwies. Der Adel
andererseits schien ihm „in Selbstsucht, Einseitigkeit, Leerheit,
Unbeholfenheit, Egoismus versunken”. Stein suchte mit Montesquieu
das Urbild freier Verfassung in England und „den deutschen Wäldern”
und verwarf die durch neufranzösische Ideen befruchtete Richtung
des süddeutschen Liberalismus als „seichten, rechtlosen Neologism”.
Die neue demokratische Strömung schien ihm darauf hinauszulaufen,
„das Ganze in ein Aggregat von Gesindel, Juden, neuen Reichen,
phantastischen Gelehrten zu verwandeln”. Die rheinische Gesetzgebung
bekämpfte er mit dem ganzen Hasse des Franzosenfeindes. Während er
so alle vorherrschenden Richtungen im Staatsleben der Einzelstaaten
bekämpfte, fand er die gesamtdeutsche Politik noch unglücklicher
bestellt. Den Bundestag verachtete er als eine „vom Philistergeist
durchdrungene politische Maschine”, und sein Zorn wallte auf, als
die Mainzer Zentraluntersuchungskommission ihn selber als einen
Haupturheber der demagogischen Umtriebe beschuldigte. Ebensowenig
wollte er teilhaben an dem neuen Teutonentum „dieser unbärtigen
fratzenhaften Studenten”. Die Opposition am Bundestage galt ihm
als eine neue Form der alten Rheinbundsbestrebungen; er verdammte
schonungslos jeden Bund im Bunde und das gesamte Treiben der
„Afterbündler”.
Dem Kundigen fällt nicht schwer, in dieser Fülle des Tadels, die
der Alternde nach allen Seiten hin ausspendete, einige große
positive Gedanken zu erkennen, welche zeigen, daß Stein noch immer
auf der Höhe der Zeit stand, während er zu Wien als ein Haupt der
militärischen Jakobiner, unter den Alltagsliberalen als ein Junker
verrufen war. Zunächst verlangte er immer aufs neue Erfüllung der dem
Volke gegebenen Verheißungen; denn „den durch die lautere Milch des
Jesuitismus noch nicht getrübten Menschenverstand” werde man nicht
überzeugen, daß es von dem Willen der Fürsten abhänge, ob und wie sie
ihr Wort halten wollten. Die unheilvollen Folgen der Ausschließung
der Nation von der Leitung ihrer eigenen Angelegenheiten, die er
schon in jenem Programme vom Jahre 1807 vorausgesagt, gingen Wort für
Wort in Erfüllung. Jetzt wie damals wollte er den Grundbesitz in den
Reichsständen überwiegend vertreten sehen, aber der Reichstag sollte
wirksame Rechte haben: „Beratende Stände sind eine inerte Masse oder
ein turbulenter Haufe, der ins Blaue hineinschwätzt, ohne Würde, ohne
Achtung.” Wie schroff und herrisch der Marschall oftmals die liberalen
Redner des westfälischen Landtags anließ -- auf dem Verlangen nach
Reichsständen bestand der gewissenhafte Mann unverbrüchlich, auch
nachdem die Julirevolution alle konservativen Neigungen seiner Natur
mächtig aufgeregt hatte. Über alle Verstimmungen und Beschwerden des
Tages rettete er sich seine Anhänglichkeit an das Haus Hohenzollern
und seinen Glauben an Preußen als den Hort unserer Zukunft. Er nannte
Berlin selbst in jenen stillen Jahren, da das öffentliche Leben fast
erstorben war, „den interessantesten Ort Deutschlands” und sah
mit Stolz auf das preußische Heer; kriegserfahrene Offiziere waren
dem streitbaren Manne die willkommensten Gäste. Unberührt von den
Modekrankheiten des neuen Liberalismus, hielt er den Blick fest auf die
Größe des ganzen Vaterlandes gerichtet. Auch da die kleinen Staaten
des Südens als die beneidenswerten Stätten der Freiheit gepriesen
wurden, schaute er mit unwandelbarer, grenzenloser Verachtung auf
die unheilbaren Mängel des kleinstaatlichen Lebens. Er wußte, die
Zeit sei noch nicht gekommen, die Staatsbildungen Napoleons vom
deutschen Boden hinwegzufegen, und begrüßte mit Freuden jeden Anfang
praktischer Einigung der Nation, so den werdenden preußisch-deutschen
Zollverein. Auf die unverwüstliche Gesundheit unseres Volkes baute
er felsenfest; nur „das Land der Phäaken”, Österreich, schloß er in
der Regel von seinem Lobe aus. Mit unvergeßlichen Worten rief er den
Demagogenverfolgern zu, ein treues, sittliches, gebildetes Volk, das
soeben einen glorreichen Krieg bestanden, verdiene Vertrauen und
wieder Vertrauen. In solchem hohen patriotischen Sinne hat er auch
das wissenschaftliche Unternehmen der =Monumenta Germaniae= begründet
und ihm einen guten Teil seines Alters gewidmet. Radikale Blätter
des Rheinlandes witterten in dieser Sammlung der Geschichtsquellen
unserer Vorzeit feudale Bestrebungen. Der instinktive Widerwille aller
Menschen ohne Vaterland, vornehmlich der liberalen Partikularisten,
bildet den sichersten Maßstab für Steins Größe. Wer einzelne Ausbrüche
der hypochondrischen Laune und der Tadelsucht des Staatsmanns außer
Dienst auszuscheiden weiß, findet in den Briefen seines Alters eine
unvergleichliche Quelle der Belehrung über die Zeitgeschichte und über
die wichtigsten Probleme der Politik, dazu in der ausdrucksvollen
Gewalt der eckigen, wuchtigen Sprache mit ihrer Fülle sich drängender
Beiwörter ein getreues Charakterbild.
Stein starb, und mit ihm sein Geschlecht, am 29. Juni 1831. Sein
Testament schließt mit der Mahnung an seine Erben, sich des göttlichen
Segens würdig zu erhalten ... „vornehmlich durch treue und zu
jeder Aufopferung bereite Liebe zum Vaterland”. Auf der Inschrift
seines Grabes wird er genannt: „Demütig vor Gott, hochherzig gegen
Menschen, der Lüge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und
Treue, unerschütterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes
ungebeugter Sohn, in Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier.” --
Die arge Verbildung unserer Zustände spiegelte sich wider in der
Teilnahmlosigkeit, womit die Nation die Kunde von Steins Abscheiden
aufnahm. Erst zwanzig Jahre nach seinem Tode ist Steins Bild dem Volke
wieder nähergetreten. Der größte Staatsmann der Deutschen dieses
Jahrhunderts war ein stolzer Preuße und ein Unitarier.
Lessing
Lessing.
Allein die Zeitgenossen winden dem Dichter den schönsten der Kränze.
Gerechter vielleicht mag die Nachwelt richten, als einen Seherblick
des Genius mag sie einzelnes preisen, was den Mitlebenden unverstanden
vorüberschwebte; doch jene fraglose unwillkürliche Rührung der Seelen,
die der Künstler als edelsten Lohn erstrebt, wird er am gewaltigsten
in seiner Zeit erregen. Wie könnte heute ein Jüngling von den Leiden
des jungen Werther so schmerzlich ergriffen werden wie damals, da die
Werther noch auf unseren Straßen verkehrten? Und hat je eine moderne
Hörerschaft den Scherzen der Narren Shakespeares ein so herzliches
baucherschütterndes Gelächter entgegengebracht, wie es dem Dichter
zuscholl aus den Reihen der Gründlinge seines Parterres? Immer wird
heute inmitten der jubelnden Menge ein Nüchterner stehen und meinen:
so, ganz so empfinden wir nicht mehr. Alle Welt weiß, wie wenigen
Dichtern beschieden ward, noch in der Zukunft vom Volke geliebt, nicht
bloß durchgrübelt zu werden von den Fachgelehrten. Warum aber ist bei
den Deutschen die Zahl der Dichter so auffällig gering, welche den
Jahrhunderten getrotzt? Denn wer außer dem Forscher liest noch, was
über die Literaturbriefe, über die Werke von Lessings Mannesalter
hinausliegt? Es ist wahr, weit später als anderen Völkern ist den
Deutschen der Tag der Dichtung erschienen, und in dem Jahrhundert, seit
jener Morgen graute, hat unser Volk erstaunlich rasch gelebt. Aber ist
mit solcher Antwort das Rätsel gelöst? Warum erfreut sich der Brite
noch an seinem Spenser, während Klopstock und Wieland unserem Volke
nur Namen sind? Hat doch auch über den Glanz von Spensers Dichtung
sein großer Nachfahr Shakespeare seinen breiten Schatten geworfen,
und ungeteilte Freude kann der derbe Realismus der Gegenwart an jenen
zierlichen Allegorien so wenig empfinden, wie unser aufgeregtes Wesen
an dem ruhigen Flusse des Epos. Offenbar, wir müssen eine andere
Antwort suchen.
Ein Märchen ist es, erfunden in philisterhaften Tagen, als könne je ein
vorwiegend literarisches Volk bestehen. Zuerst nach dem Ruhme seiner
Fahnen schaut ein Volk aus, wenn es seiner Vergangenheit gedenkt,
und gern vergißt es die Mängel, das Veraltete eines Kunstwerks, wenn
die Glorie einer großen Zeit aus der alten Dichtung redet. Nie genug
werden wir die Briten um jenes vornehmste Zeichen ihrer Gesundheit
und harmonischen Kraft beneiden, daß ihnen die Kunst auf dem festen
Boden staatlicher Größe reifte. Liest der Engländer die Verse von
der Feenkönigin, so steigt vor seinen Augen auf das Bild der großen
Elisabeth, er sieht sie reiten auf dem weißen Zelter vor jenem Heere,
dem die unüberwindliche Armada wich, und hinter den kriegerischen
Scharen der Engel in Miltons Verlorenem Paradiese erblickt er kämpfend
Cromwells gottselige Dragoner. So tritt auch dem Spanier aus den
Dichtungen seiner Lope und Cervantes das Weltreich entgegen, darin
die Sonne nicht unterging. Also erhalten durch die Wucht erhabener
politischer Erinnerungen diese Werke einen monumentalen Charakter. Wo
aber fand die deutsche Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts solch ein
Fußgestell staatlicher Größe, daraus sie sich sicher emporheben konnte?
Von einem gesunkenen, verachteten Reiche, von einem mißhandelten Volke
gingen unsere Sänger aus, und wie ihnen im Leben keines Mediceers Güte
lächelte, so auch im Tode sind sie, was sie sind, durch sich selbst
allein. Als Lessing sein letztes Drama schrieb, fragte er zweifelnd,
ob die Tage reiner Menschensitte so bald erscheinen würden, die dies
Werk auf der Bühne ertrügen; Heil und Glück rief er dem Orte zu, der
zuerst die Aufführung des Nathan schauen würde. Und -- vor zwanzig
Jahren ging in Konstantinopel der Nathan in neugriechischer Bearbeitung
über die Bretter. Als dann vor den verwunderten Türken die edlen Worte
erklangen: „Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins
in seinem Ring an Tag zu legen”, und die rechtgläubigen Moslemin in
lauten Beifall ausbrachen, da mochte wohl ein Deutscher stolzer den
Nacken heben. Denn hier, weit über die Grenzen christlicher Gesittung
hinaus, wo keiner des Dichters Namen kannte, keine volkstümliche
Erinnerung des Gedichtes Zauber erhöhte -- hier strahlte siegreich die
Macht des deutschen Genius allein, das weltbezwingende Lächeln der
Menschenliebe.
Durch sich selbst allein wirken jene Künstler auf die Nachgeborenen.
Noch mehr, sie selbst erst sind die Schöpfer eines freieren
öffentlichen Lebens in unserem Volke, sie standen unbewußt im Bunde mit
jenen Staatsmännern, die dem deutschen Staatswesen ein menschlicheres
Dasein bereitet haben. Wie sich von selbst versteht in einer Zeit,
wo das häusliche Leben die beste Kraft der Deutschen erschöpfte,
geschah dies Hinüberwirken Lessings auf unser öffentliches Leben
vornehmlich durch seine Person, durch die souveräne Selbständigkeit
seines Charakters. Erst vor wenigen Jahren ist ein gutes Bild des
Knaben Lessing bekannt geworden, und mit schalkhaftem Behagen sehen
wir den Mann vorgebildet in den Zügen des Kindes. Da sitzt Theophilus
Lessing, sittsam, ernst, in priesterlich langem Gewande, ehrbarlich ein
Lämmchen fütternd, daneben der aufgeweckte Bruder, „mit einem großen,
großen Haufen Bücher”, in der eleganten roten Tracht der Zeit; auch der
Unkundige kann erraten, daß jenem bestimmt sei, zu leben als dunkler
Ehrenmann und Konrektor, diesem -- als Gotthold Lessing. Kraft und
Wahrhaftigkeit spricht aus den derben Zügen des Knaben, und wahrlich,
hart gebettet hat die Zeit den starken und wahren Mann. Sein Puls
schlug bei voller Gesundheit so schnell wie der Puls anderer im Fieber,
er besaß im höchsten Maße jene Lebhaftigkeit des Redens, welche die
Obersachsen vor anderen Deutschen auszeichnet. Wie rasch jagen sich da
Fragen, Ausrufe, schnell wiederholte abgebrochene Worte, und er fand
den Mut also zu schreiben, wie seine Landsleute dachten und sprachen.
Nie hat ein Schriftsteller getreuer jenes Wort erfüllt, das seltsam
genug zuerst ausgesprochen ward in einer Nation, die es nicht versteht
-- das Wort: =le style c'est l'homme=. Dramatisch bewegt wie das Leben
selber strömt sie dahin, diese schmucklose, wasserklare Prosa -- dem
Unkundigen ein Kind der Laune, des Augenblicks, dem Tieferblickenden
ein Werk vollendeter Kunst, die schwierigste aller Schreibweisen,
denn unerträglich verletzend muß jeder triviale Gedanke, jede falsche
Empfindung sich verraten unter dieser leichten, nichts verbergenden
Hülle.
Und dieser Natürlichste der Menschen wuchs empor in einer Umgebung, wo
jedes einfache menschliche Gefühl in feste, herzlose, beengende Formen
gebannt war, in einem Vaterhause, wo hart abweisend der Befehl der
Eltern, unterwürfig und in schnörkelhaftem Ausdruck die Antwort der
Kinder erklang. Der ganze Schmerz um eine verbildete Jugend spricht aus
dem Ausruf des Mannes: „Der Name Mutter ist süß, aber Frau Mutter ist
wie Honig mit Zitronensaft.” Als er dann in Leipzig sich herausriß aus
der dürftigen Buchgelehrsamkeit der Schule und jenes Doppelwesen seiner
Natur, das schon das Bild des Kindes ahnen läßt, sich entfaltete -- der
Gelehrte, der in jedem Buche der Wittenberger Bibliothek geblättert,
der an schlechten Büchern mit Vorliebe seinen Scharfsinn übte, und der
Weltmann von feinen Formen, der sich gern im Lärm des Tages tummelte,
um die rasche Wallung seines Blutes zu übertäuben: -- da brach jener
schwere Kampf aus mit seinen Eltern, der längst schon gedroht. Man
kennt jenes bittere Wort, das Lessing am Abend seines Lebens schrieb:
„Ich wünsche was ich wünsche mit so viel vorher empfindender Freude,
daß meistenteils das Glück der Mühe überhoben zu sein glaubt, den
Wunsch zu erfüllen.” Seiner Jugend vornehmlich gilt diese Klage wider
das karge Glück. Auch der Geduldigste unter uns ertrüge nicht mehr die
Öde des Daseins jener Tage: ein Volk ohne Vaterland, darum gezwungen,
im Hause jede Freude zu suchen, und dennoch unfrei sogar im häuslichen
Leben.