In demselben Jahre ernannte ihn der König zum Minister für das

Departement der indirekten Abgaben. Ein Fachminister, ohne Einfluß auf

die große Politik, konnte Stein den unseligen Gang der Haugwitzschen

Staatskunst nicht hindern. In seinem Ressort bewirkte er die Aufhebung

der Binnen- und Provinzialzölle, er vereinfachte den Geschäftsgang,

ließ zum ersten Male statistische Tabellen für den ganzen Staat

zusammenstellen, berief Niebuhr zur Reorganisation der preußischen

Bank. Er beschaffte die Geldmittel, womit der Krieg von 1806 geführt

wurde, stellte dringend vor, daß der Kredit des Staates sich nur

durch eine kraftvolle auswärtige Politik aufrechterhalten lasse, und

beschwor den König, im Verein mit mehreren Prinzen und Generälen, das

geheime Kabinett und den Minister Haugwitz zu entlassen. Die Anmaßung

ward hart gerügt, die Katastrophe von Jena folgte. Stein rettete die

Staatsgelder nach Königsberg und bewog den Hof zur Fortsetzung des

Kriegs. Jetzt endlich entschloß sich der König, einige seiner Räte zu

entlassen. Stein aber verlangte auch die Entfernung des Kabinettsrates

Beyme, bevor er sich entschließen könne, die Leitung der Geschäfte zu

übernehmen. Darauf empfing er den berufenen „unbegreiflichen Brief”;

der König nannte ihn „einen exzentrischen und genialischen Mann, der

nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Haß

und Erbitterung handelt”. Sofort nahm Stein seinen Abschied (März 1807)

und kehrte nach Nassau zurück. Inzwischen wurde der Friede von Tilsit

geschlossen, Napoleon bestand auf Hardenbergs Entfernung und dieser

schlug Stein als einen =homme d'esprit= dem Könige vor, um mit seiner

Hilfe den Neubau des zertrümmerten Staates zu beginnen.

Stein erhielt die Aufforderung zur Rückkehr auf dem Krankenlager. Er

nahm an, das Fieber verließ ihn, nach wenigen Tagen reiste er nach

Memel ab (September 1807). Der König empfing ihn tiefgebeugt und

legte vertrauensvoll die Leitung des gesamten Staatswesens in die

Hände des Ministers, dessen Wirken nicht mehr durch die Ränke eines

geheimen Kabinetts durchkreuzt wurde. „Man ging”, sagte Stein, „von der

Hauptidee aus, einen sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist in

der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit

zu jedem Opfer für Unabhängigkeit von Fremden und für Nationalehre

einzuflößen und die erste günstige Gelegenheit zu ergreifen, den

blutigen, wagnisvollen Kampf für beides zu beginnen.” Die Ursachen

des tiefen Falles und die Mittel der Wiedererhebung schildert eine

Denkschrift Steins vom Oktober 1807, die man als das Programm des neuen

Regimentes betrachten kann, also: „Das zudringliche Eingreifen der

Staatsbehörden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten muß aufhören,

und dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht

in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt, weil ihn seine

Verhältnisse in das wirkliche Leben hineinrufen und zur Teilnahme an

dem Gewirre der menschlichen Angelegenheiten nötigen... Hat eine

Nation sich über den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich

eine bedeutende Masse von Kenntnissen erworben, genießt sie einen

mäßigen Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit

auf ihre eigenen National- und Kommunalangelegenheiten. Räumt man

ihr nun eine Teilnahme daran ein, so zeigen sich die wohltätigsten

Äußerungen der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes; verweigert man

ihr alles Mitwirken, so entsteht Mißmut und Unwille, der entweder

auf mannigfaltige schädliche Art ausbricht oder durch gewaltsame den

Geist lähmende Maßregeln unterdrückt werden muß. Die arbeitenden und

die mittleren Stände der bürgerlichen Gesellschaft werden alsdann

verunedelt, indem ihre Tätigkeit ausschließlich auf Erwerb und Genuß

geleitet wird, die oberen Stände sinken in der öffentlichen Achtung

durch Genußliebe und Müßiggang oder wirken nachteilig durch wilden,

unverständigen Tadel der Regierung. Die spekulativen Wissenschaften

erhalten einen usurpierten Wert, das Gemeinnützige wird vernachlässigt

und das Sonderbare, Unverständliche zieht die Aufmerksamkeit des

menschlichen Geistes an sich, der sich einem müßigen Hinbrüten

überläßt, statt zu einem kräftigen Handeln zu schreiten.”

Diese Gedanken stehen in einem schneidenden Widerspruche zu dem Geiste

allfürsorgender Staatsgewalt, der in dem Staate Friedrichs des Großen

vorherrschte, sie wollen allerdings die Revolution mit ihren eigenen

Waffen bekämpfen, doch sie enthalten in sich nur den kleinsten, den

probehaltigen Teil der sogenannten Ideen von 89. Niemand hat den

radikalen Bruch mit der Geschichte, den die Revolution vollzogen hatte,

leidenschaftlicher bekämpft als Stein. „Eine Verfassung bilden”,

schrieb er später an den Großherzog von Baden, „heißt in einem alten

Volke, wie das deutsche, nicht sie aus nichts erschaffen, sondern

den vorhandenen Zustand untersuchen, um eine Regel aufzufinden, die

ihn ordnet; und allein dadurch, daß man das Gegenwärtige aus dem

Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer für die Zukunft

sichern.” Niemand durchschaute schärfer die Leerheit jener politischen

Formen, worin das neue Frankreich das Wesen der Freiheit suchte:

„In Frankreich ist die Nation nur zum Schein zur Teilnahme an den

öffentlichen Angelegenheiten zugelassen, ihr gesetzgebender Körper ist

nur eine der registrierenden Verwaltungsbehörden, das Maschinenwesen

ihrer Bureaukratie ist zusammengesetzt, kostbar, in alles eingreifend

und wird von dem ungebundenen rücksichtslosen Willen eines einzelnen

geleitet.” Er wollte den Neubau des Staates von unten beginnen, der

freie Staat sollte getragen werden von der freien Tätigkeit des

Bürgers. Mit Stolz dürfen wir diese konservativ-liberale Politik

als eine nationale der nivellierenden Staatskunst der Romanen

gegenüberstellen. Zur Durchführung dieser Reformen fand Stein

treffliche Gehilfen in Schön, Schrötter, Niebuhr, Vincke, Stägemann,

während er gleichzeitig alle Mittel aufbot, die Kontributionen an

Frankreich abzuzahlen.

Zunächst vollzog der Minister in den anspruchslosesten Formen eine

tiefgreifende soziale Revolution. Ein uraltes Leiden unseres Nordens,

die Unfreiheit des Landmanns, ward beseitigt, die Emanzipation des

vierten Standes bewirkt durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 über

„den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums

sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbevölkerung”, welches die

Gebundenheit der bäuerlichen Grundstücke größtenteils beseitigte und

vor allem jedem, ohne Unterschied des Standes, den Erwerb aller Art

von Grundeigentum freistellte. Die persönliche Leibeigenschaft und der

Gesindezwang ward aufgehoben. Der Edelmann sollte fortan das Recht

haben, ein Bauer zu werden und bürgerliche Gewerbe zu treiben -- ein

Recht, das zugleich als Ersatz galt für die bisherige Bevorzugung

des Adels im Heere. Dergestalt war die scharfe Scheidung der Stände,

welche eine der Grundlagen des friderizianischen Staates bildete, mit

einem Schlage zerstört; denn, Aristokrat von Grund aus und ernstlich

gewillt, dem lebensfähigen Teile der Aristokratie eine einflußreiche

Stellung im Staate nach englischem Muster zu sichern, verachtete Stein

die Begehrlichkeit und die kastenmäßige Absperrung des niederen Adels.

„Der Adel in Preußen”, schrieb er damals, „ist der Nation lästig, weil

er zahlreich, größtenteils arm und anspruchsvoll auf Gehälter, Ämter,

Privilegien und Vorzüge jeder Art ist.” Die Kühnheit des Edikts vom 9.

Oktober erhellt am klarsten aus dem Widerspruche Gneisenaus, der von

dem Gesetze die schwerste Beeinträchtigung des großen Grundbesitzes

erwartete. Es folgten die Edikte vom 28. Oktober 1807 und vom 27. Juli

1808, welche die Erbuntertänigkeit auf den Domänen aufhoben und den

Domänenbauern in Altpreußen das freie Eigentum ihrer Höfe gaben. Die

großen Grundbesitzer wurden erleichtert durch ein Generalindult -- eine

höchst gewagte Maßregel, die, mit Schonung und Umsicht gehandhabt, in

der Bedrängnis jener Zeit sich vortrefflich bewährte. Ein Edikt vom

24. Oktober 1808 gab den Verkehr mit den Lebensmitteln frei, hob den

Zunftzwang für Bäcker, Schlächter und Höker auf. Diese Gesetze bildeten

den Ausgangspunkt für die neue Agrargesetzgebung in Preußen, obwohl

Stein selbst sich sehr hart und mißbilligend äußerte über die verwegene

Fortbildung, welche seine Werke durch Hardenberg erlitten. Sie beruhten

auf der selbständigen, eigentümlichen Anwendung von Grundsätzen, welche

in Frankreich und dessen Vasallenstaaten sich bereits verwirklicht

hatten.

Eine durchaus schöpferische Tat, ohne jedes Vorbild in Europa, war

dagegen die Städteordnung vom 19. November 1808, die ihrem Urheber

den schönen Nachruf verdiente, er sei mit besserem Rechte als König

Heinrich der Städtegründer der Deutschen zu nennen. In den Städten

von Kleve und Mark hatte Stein die Überreste alter Kommunalfreiheit

achten gelernt. Das neue Gesetz gab den Städten die Verwaltung der

Finanzen und der Polizei, den Bürgern die Wahl der Magistrate und

Stadtverordneten. Es wurde die Grundlage alles dessen, was seitdem in

Deutschland für eine Selbstverwaltung im deutschen Sinne geschehen;

selbst in England ist es, mit wenig Glück, nachgebildet worden. Ja,

wenn wir den unreifen, zweifelhaften Zustand unserer parlamentarischen

Institutionen betrachten, so erscheint leider die Behauptung

gerechtfertigt, daß die an Steins Ideen anknüpfenden Gemeindegesetze

bis zur Stunde den bewährtesten, bestgesicherten Teil deutscher

Volksfreiheit bilden. Dies Gesetz war ein erster entscheidender Schlag

gegen die Bureaukratie, deren Alleinherrschaft Stein bis an sein Ende

mit unversöhnlichem Hasse bekämpfte. „Unser Unglück ist,” schreibt

er im Alter, „daß wir von besoldeten, buchgelehrten, interesselosen,

eigentumslosen Buralisten regiert werden. Das geht so lange es geht.

Diese vier Worte: besoldet, buchgelehrt, interesselos, eigentumslos --

enthalten den Geist unserer geistlosen Regierungsmaschine. Es regne

oder scheine die Sonne, die Abgaben steigen oder fallen, man zerstöre

alte hergebrachte Rechte oder lasse sie bestehen, man theoretisiere

alle Bauern zu Tagelöhnern und substituiere an die Stelle der Hörigkeit

an den Gutsherrn die Hörigkeit an den Juden und Wucherer -- alles das

kümmert sie nicht. Sie erheben ihren Gehalt aus der Staatskasse und

schreiben, schreiben, schreiben im stillen, mit wohlverschlossenen

Türen versehenen Bureau und ziehen ihre Kinder wieder zu gleich

brauchbaren Schreibmaschinen an.”

Des Ministers Absicht ging auf eine umfassende Neugestaltung des

Staates, und das von Schön verfaßte Rundschreiben vom 24. November

1808, bekannt unter dem Namen „Steins politisches Testament”, sowie

die niemals vollzogene, von demselben Tage datierte Verordnung

„über die veränderte Verfassung der obersten Verwaltungsbehörden”

zeigen deutlich, in welchem großen Sinne die Reform gemeint war. Das

Nebeneinander von Fachministerien und Provinzialdepartements war

erträglich gewesen, solange Fürsten von so riesiger Arbeitskraft wie

Friedrich Wilhelm =I.= und Friedrich =II.= den lebendigen Mittelpunkt

des Staates bildeten. An der Verwaltungsorganisation des ersten Konsuls

lernte Stein die Notwendigkeit einer übersichtlichen Einteilung der

Staatsgeschäfte, wie er aus den Debatten der Nationalversammlung

lernte, daß der moderne Staat eine Hauptstaatskasse als den Mittelpunkt

des Kassenwesens erheische. Ein Kabinett von fünf Fachministern

sollte fortan an der Spitze der Verwaltung stehen, in Sachen der

Gesetzgebung aber nur eine Abteilung der höchsten monarchischen

Behörde, des Staatsrats, bilden, der alle hervorragenden Kräfte des

Staatsdienstes in sich zu vereinigen hätte. Der Plan war nichts

anderes als eine Rückkehr zu den alten Traditionen der preußischen und

jeder anderen großen Monarchie des Weltteils. Die alte Dienstordnung,

welche dem Verwaltungsbeamten das Recht der Unabsetzbarkeit, den

Regierungskollegien die Stellung von Gerichtshöfen für das öffentliche

Recht gab, war unhaltbar, seit die Städte Selbständigkeit erlangt

hatten; Stein verlangte Absetzbarkeit der Verwaltungsbeamten. Eine

allgemeine Einkommens- und Vermögenssteuer, ohne Ansehen des

Standes, sollte dieser kraftvollen Regierung reiche Mittel zur

Verfügung stellen. Alle Regierung und Gerichtsbarkeit sollte von

der höchsten Gewalt ausgehen, daher Abschaffung der Gutspolizei und

der Patrimonialgerichte, das will sagen: eine neue Gemeindeordnung

für das flache Land. Das Edikt vom 9. Oktober, von seinem Urheber

die =Habeas-corpus=-Akte Preußens genannt, muß gesichert werden

durch die Abschaffung der Fronden und eine neue Gesindeordnung.

Reform des Adels, dergestalt, daß er sich nach englischer Weise

durch die tüchtigsten Elemente aus dem Volke immer neu ergänze.

Kräftigung des religiösen Lebens und des Volksunterrichts (eben jetzt

geschehen die ersten Einleitungen für die Gründung der Berliner

Hochschule), Reform des Heerwesens in dem Geiste, der die neue

Militärreorganisations-Kommission (Scharnhorst, Gneisenau, Grolman)

beseelte und aus Blüchers militärischem Glaubensbekenntnisse sprach:

„Es ist vor einer Nationalarmee zu sorgen, niemand in der Welt muß

eximiert sein”. Neben den Provinzialbehörden Landstände. Zuletzt nach

Vollendung dieses Unterbaues Reichsstände, zwar wesentlich auf dem

Grundbesitze ruhend, aber mit dem Rechte der Steuerbewilligung und der

Mitwirkung bei der Gesetzgebung, „denn auf diesem Wege allein kann der

Nationalgeist positiv erweckt und belebt werden”.

Ein Gewaltstreich Napoleons machte diesen Plänen ein Ende, welche,

vollständig verwirklicht, unserem Vaterlande ein Menschenalter

tastender politischer Versuche ersparen konnten. Mitten in der Arbeit

der inneren Reform ging alles Dichten und Trachten des Ministers auf

die Abschüttelung des fremden Jochs, und wenn die neuen Agrargesetze

die Anhänger v. d. Marwitz' unter dem brandenburgischen Landadel

erbitterten und einen York zu Flüchen wider das Nattergezücht der

preußischen Jakobiner hinriß, so erregte Steins Entschluß, den Kampf

mit dem Eroberer zu wagen, Entsetzen unter der französischen Partei

am Hofe, den Kalkreuth und Voß, und bei der Masse der Schwachen

und Trägen. Stein galt in diesen Kreisen, wie Gneisenau berichtet,

„als ein Verzweifelter, der sich mit dem König auf eine Pulvertonne

setzen wollte, um sich in die Luft zu sprengen”. Bereits rüstete

Österreich. Stein hoffte auf eine gleichzeitige Erhebung Preußens,

er gedachte die französischen Satrapenländer im Norden zum Aufstande

zu reizen und zählte auf die Kraft der Bauern und des Mittelstandes,

während er nichts hoffte von der „Weichlichkeit der oberen Stände,

und dem Mietlingsgeiste der öffentlichen Beamten”. Allerdings mochte

Stein damals die hohe Leidenschaft, die seinen Feuergeist verzehrte,

allzu kühn in die Herzen der müden Masse übertragen. Schwerlich war

der Haß gegen die Fremden bereits tief genug in das Volk gedrungen,

um jetzt schon einen Verzweiflungskampf zu wagen. Noch weniger ließ

sich erwarten, daß Kaiser Franz den Krieg in jenem großen deutschen

Sinne, den Stein verlangte, beginnen und seine Truppen unter

schwarz-weiß-gelbem Bundesbanner -- mit den Namen „der Befreier der

Nation”, Hermann und Wilhelm von Oranien, auf den Fahnen -- in das

Feld schicken werde. Ein Brief Steins, der den Fürsten Wittgenstein

ermahnte, die Unzufriedenheit im Königreich Westfalen zu schüren, fiel

den Spähern Napoleons in die Hände und erschien am 8. September 1808 im

Moniteur. Der Kongreß von Erfurt beseitigte jede Hoffnung auf Rußlands

Beistand, und Stein sah sich gezwungen, seinen Abschied zu fordern. Er

nahm mit sich das Lob seines Königs, durch die Wirksamkeit eines Jahres

„den ersten Grund, die ersten Impulse zu einer erneuerten, besseren

und kräftigeren Organisation des in Trümmer liegenden Staatsgebäudes

gelegt zu haben”. Am 16. Dezember unterzeichnete Napoleon das Dekret,

welches =le nommé Stein= als einen Feind Frankreichs und des Rheinbunds

ächtete und seine Güter einzog. „Sie gehören nun der Geschichte an,”

rief Gneisenau dem Geächteten zu. Die Nation wußte jetzt, wen unter

den Deutschen der Kaiser am bittersten haßte. In tausend Herzen prägte

sich jetzt das Bild des Reichsfreiherrn ein -- die gedrungene Gestalt

mit dem breiten Nacken, jäh und eckig in jeder Bewegung, die funkelnden

braunen Augen und die Eulennase über den fest geschlossenen Lippen

-- ein Geist von deutscher Tiefe und Gründlichkeit, hochgebildet und

dennoch schlicht und kernhaft, der seine schwerwiegenden Gedanken oft

in ungelenken Formen, doch mit überzeugender Kraft und volkstümlicher

Derbheit aussprach -- ein Mann ohne Menschenfurcht, vornehm und

herrisch und doch milden Sinnes um die Leiden der kleinen Leute besorgt

-- voll Feuers und heiligen Zornes, aber ein demütiger Christ und klug

besonnen inmitten der Aufregung, unerschütterlich im Glauben an die

Zukunft seines Volkes und an das Walten der Vorsehung -- der ganze Mann

eine wunderbare Verbindung von Naturkraft und Bildung, Tatkraft und

Billigkeit, von glühender Leidenschaft und nüchterner Erwägung.

Steins Nachfolger ward nicht Schön, den er vorgeschlagen, sondern

Altenstein, unter dessen Verwaltung der Staat, in tiefe Schwäche

versunken, den Geächteten nicht zu beschützen wagte. In Brünn,

Troppau, Prag verlebte Stein die nächsten Jahre, doch selbst unter dem

Ministerium Stadion konnte man zu Wien sich nicht entschließen, diese

gewaltige Kraft zum Kampfe gegen Napoleon zu verwerten. Stein durfte

dann und wann den österreichischen Staatsmännern einen Rat erteilen, er

versuchte auch, als im Jahre 1810 Hardenberg sein Ministerium bildete,

wieder auf Preußens Geschicke einzuwirken, auf die innere Verwaltung

wie auf die Vorbereitung eines Volkskrieges nach dem Muster Spaniens

und der Vendée. Im ganzen blieb er ohne Einfluß. Es war die Zeit, da

Gneisenau die entsetzlichen Worte schrieb: „Wir dürfen es uns nicht

verhehlen, die Nation ist so schlecht als ihr Regiment.”

Auch Stein, der soeben die Erhebung Österreichs vom Jahr 1809

mit Bewunderung betrachtet, verlebte jetzt Augenblicke, da er an

dem preußischen Staate und an dem unverbesserlichen „Phlegma der

nördlichen Deutschen” verzweifelte. Endlich bei dem Herannahen des

russischen Feldzugs schien ihm die Stunde gekommen für einen großen

Befreiungsversuch. Er hatte schon im Jahre 1808 den Zaren Alexander zu

einer selbständigen Politik ermahnt und bot ihm jetzt seine Dienste

an. Fast gleichzeitig (Mai 1812) ereilte ihn die Einladung des Zaren.

Er blieb ohne amtliche Stellung, als ein selbständiger Rat, eine Macht

durch sich selber, an Alexanders Seite, und soweit die nun folgenden

Ereignisse von dem Willen einzelner Sterblicher abhingen, hat Stein an

der Befreiung Europas ein größeres Verdienst als irgendein Mensch. Er

war es, der den Kaiser zu dem Entschlusse bewog, den Krieg bis nach

Sibirien hinein fortzusetzen, er erfüllte den schwachen, edelsinnigen

Monarchen mit einem Hauche seiner eigenen Leidenschaft, er bestimmte

ihn, nach dem Siege, den Wünschen des Heeres zum Trotz, den Niemen zu

überschreiten. Je näher die Gefahr sich heranwälzte, um so freudiger

und zuversichtlicher hob sich alles Schneidige und Heldenhafte seines

Wesens. Er verachtete die Oberflächlichkeit der meisten gebildeten

Russen, doch er freute sich an der religiösen Begeisterung, dem

Opfermute des Volkes, und auch unter den höheren Ständen fand er

treffliche Helfer, so die Grafen Kotschubey und Lieven. Er sah in

dem russischen Kriege nur ein Mittel für seinen teuersten Zweck,

die Befreiung Deutschlands. Stein stand an der Spitze des deutschen

Komitees in Petersburg, ließ Aufrufe unter den Rheinbundstruppen

verbreiten, um sie zur Fahnenflucht zu verleiten, und durch die

Schriften seines treuen E. M. Arndt auf die Herzen der Deutschen

wirken, er bildete -- mit geringem Erfolg -- die deutsche Legion als

den Kern des künftigen deutschen Heeres, er drang auf Verbindung

mit England und zeigte der Regierung die Mittel, welche ihr nachher

ermöglichten, 40 Millionen Rubel russischen Papiergeldes in Deutschland

umzusetzen und also den Krieg fortzuführen. Während er also jeden Hebel

in Bewegung setzte zur Bekämpfung Napoleons, fand er doch Worte der

Billigkeit für jene preußischen Offiziere, welche, dem Fahneneide treu,

im Heere des Imperators fochten.

Die Pläne, welche er in jenem Petersburger Winter für Deutschlands

Umgestaltung entwarf, sind das Idealste und Verwegenste, was jemals

über deutsche Politik gedacht worden. Und dies bildet, nächst seiner

Teilnahme an der Umgestaltung Preußens und der Befreiung Europas,

das dritte welthistorische Verdienst des Mannes: er hat früher und

schärfer als irgendein Staatsmann die Einheit Deutschlands, ohne

Phrasen und Vorbehalte, als das höchste Ziel deutscher Politik

aufgestellt, er war der erste unter unseren Staatsmännern, der in jedem

Wechselfalle unwandelbar und mit hellem Bewußtsein nur das Wohl des

ganzen Vaterlandes ins Auge faßte. „Ich habe nur ein Vaterland, das

heißt Deutschland -- schrieb er an Münster, der ihn des einseitigen

Preußentums beschuldigte -- und da ich nach alter Verfassung nur ihm

und keinem besonderen Teile desselben angehörte, so bin ich auch nur

ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.” Wer ihm

von Schonung der althergebrachten Zersplitterung redete, dem erwiderte

er: „einen solchen Zustand wiederherstellen ist gerade so, als wolle

man darauf bestehen, daß ein toter Mann auf seinen Beinen stehen

solle, weil er es tun konnte, solange er noch lebte.” Jede Rücksicht

auf die Dynastien verwarf er: „Als ob es in Deutschland darauf

ankäme, ob ein Mecklenburg usw. existiert, und nicht, ob ein starkes,

festes, kampffähiges deutsches Volk ruhmvoll im Krieg und Frieden

dastehe!” Sein Ziel war die „Einheit, und ist sie nicht möglich, ein

Auskunftsmittel, ein Übergang”. In jenem Augenblicke, da der gesamte

Länderbestand Europas im Wanken war, schien ihm selbst das Höchste

erreichbar: eine große Monarchie von der Weichsel bis zur Maas und den

Vogesen, ebenso Italien zu einer geschlossenen Masse verbunden -- ganz

Mitteleuropa in jenem Zustande „der Kraft und Widerstandsfähigkeit”,

den er in seiner Lieblingszeit „unter den großen Kaisern” vom zehnten

bis zum dreizehnten Jahrhundert zu finden glaubte. Sei dies nicht

möglich, so solle man Deutschland nach dem Laufe des Mains zwischen

Österreich und Preußen teilen, die Rheinbundsfürsten als „betitelte

Sklaven und Untervögte” des Eroberers behandeln und auch die von

Napoleon verjagten Fürsten nicht als Bundesgenossen gelten lassen.

Könne man auch dies nicht erreichen, so bleibe als letzter Ausweg,

daß man jedem der beiden „verfassungsmäßigen Königreiche” Österreich

und Preußen einige Kleinstaaten als Vasallen unterordne, etwa Bayern,

Württemberg, Baden mit geschmälertem Gebiete der südlichen, Hannover,

Hessen, Oldenburg, Braunschweig der nördlichen Macht. Man wird in

diesen Plänen den hochherzigen Patriotismus ebensowenig verkennen,

wie die leidenschaftlich unklare Erregung der Zeit und den Stolz des

Mediatisierten, der nicht begriff, warum „man mit diesen Zaunkönigen so

viel Umstände mache”.

Deutsche Lebensbilder · 第 7 / 25 段