Das heilige Reich brach zusammen, die Fürsten des Südens und Westens

traten als Vasallen unter Frankreichs Schutz. Da endlich wagte

König Friedrich Wilhelm allzuspät die Überlieferungen seines Oheims

wieder aufzunehmen und „die letzten Deutschen unter seinen Fahnen

zu sammeln”. Er versuchte, dem Rheinbunde einen norddeutschen Bund

entgegenzustellen; diese Rückkehr Preußens zu seiner alten deutschen

Politik führte den verhängnisvollen Krieg herbei. An einem Tage

stürzte der Waffenruhm des fridericianischen Heeres in Trümmer, und

es folgte jene Zeit der Schmach und Schande, die uns noch heute, so

oft und so glorreich gesühnt, in der Erinnerung empört. Die Königin

hat noch später die Vorstellungen eines französischen Unterhändlers

zurückgewiesen mit den Worten: „Die Frauen haben über Krieg und Frieden

nicht mitzusprechen.” Sie weilte fern im Bade zu Pyrmont, als in Berlin

der Krieg beschlossen wurde; aber „ich würde -- so gestand sie beim

Ausbruch des Kampfes an Gentz -- für den Krieg gestimmt haben, wenn

man mich gefragt hätte, weil die Ehre gebot, aus unserer zweideutigen

Haltung herauszutreten.” Mit sicherem Instinkt ahnte Napoleon die Kraft

des Widerstandes, die in diesem schwachen Weibe schlummerte; wie er

allezeit in den sittlichen Mächten des Völkerlebens die gefährlichsten

Feinde seines Weltreichs sah und die „Ideologen” mit seinem wildesten

Hasse verfolgte, so überhäufte er auch die fromme Frau auf dem

preußischen Throne mit den pöbelhaften Schimpfreden der Wachtstube; er

schildert sie in seinen Bulletins als die Kriegsfurie Preußens, als die

Armida, die im Wahnsinn ihr eigenes Schloß anzündet: =elle voulait du

sang=!

Die Königin bemerkte wohl die ratlose Verwirrung im Hauptquartiere,

und zu dem zaudernden Feldherrn, dem alten Herzog von Braunschweig,

wollte sie kein Vertrauen fassen. Einen so jähen Fall, wie er nun ihrer

Krone bereitet wurde, hatte sie doch nicht erwartet. Das glänzende

Bild von dem Staate Friedrichs des Großen, daran sie seit dreizehn

Jahren bewundernd geglaubt, lag plötzlich in Scherben vor ihren Füßen;

weinend erzählte sie ihren Söhnen auf der Flucht: „Der König hat sich

getäuscht in der Tüchtigkeit seiner Generale, seines Heeres.” Aber

mitten im Unglück erhebt sie sich zu jener Ansicht des Völkerlebens,

welche der mutigste Mann immer mit dem frömmsten Weibe teilen wird.

„Die Zeiten machen sich nicht selbst, die Menschen machen die Zeit” --

und wieder: „Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten.” Das

ist die königliche Auffassung der Geschichte; der gesamte Staatsbau der

Monarchie ruht auf dem Gedanken, daß Personen die Geschichte machen.

In solchen Zeiten der höchsten Not darf die Stimme des natürlichen

Gefühles mitreden im Rate der Staatskunst; die Königin übte Frauenrecht

und Fürstenpflicht, wenn sie jetzt dem tiefgebeugten Gemahl tröstend

zur Seite stand und ihn bestärkte in dem Entschlusse, den ungleichen

Kampf fortzuführen bis zum Schwinden der letzten Hoffnung. Alle

Schrecken des Krieges brachen über die Unglückliche herein. Krank und

fiebernd flieht sie aus Königsberg vor dem Feinde, denn „lieber in die

Hände Gottes fallen, als in die Hände dieser Menschen”; da sie in einem

elenden Bauernhause auf der Kurischen Nehrung übernachtet, jagt der

Sturm die eisigen Flocken durch das zerbrochene Fenster über das Bett

der kranken Königin. In Memel, auf der letzten Scholle deutscher Erde,

die noch frei und preußisch war, fand sie ein bescheidenes Obdach.

Damals lernte sie unter strömenden Tränen das Wort verstehen: „Leid und

Elend sind Gottes Segen.”

Den Haß der Römerin hat das sanfte Herz der deutschen Frau nie gekannt;

nur ihre stolze Verachtung traf den großen Feind, der ihr der Held

der rohen Selbstsucht war, und niemals wollte sie glauben, daß Gottes

Weisheit diese Herrschaft der frechen Gewalt auf die Dauer zulassen

könne. Sie sah, wie der alte deutsche Heldenmut wieder lebendig ward

unter den tapferen Verteidigern von Kolberg, Graudenz und Danzig; ihre

tiefe Frömmigkeit und das gute Zutrauen zu ihrem Volke begegneten

sich in der Überzeugung, daß dieser Staat nicht untergehen könne:

„Der politische Glaube ist wie der religiöse, eine feste Zuversicht

dessen, was man hoffet, aber nicht siehet.” Vor diesen Briefen der

schmerzbeladenen, hoffnungsstarken Königin wird uns ein uraltes

Gefühl des Germanenherzens wieder lebendig: die fromme Scheu vor dem

Weibe: und wir verstehen, warum unsere Ahnen einst im Dickicht der

cheruskischen Wälder eine heilige und weissagende Macht, =sanctum

aliquid providumque=, an ihren Frauen ehrten. Der Mann geht auf in den

Kämpfen und Sorgen des Augenblicks; das sichere gesammelte Gefühl des

Weibes vermag in schweren Tagen klarer als er die Zeichen der Zeit zu

deuten, hinter dem Glanze des Siegers die hohle Nichtigkeit, unter der

Schmach des Besiegten die ungebrochene Kraft zu ahnen. Als der König

nach der Schlacht von Eylau, der ersten, die der Unbesiegte nicht

gewonnen, die lockenden Friedensvorschläge Napoleons zurückweist und

sich weigert, den russischen Bundesgenossen zu verlassen, da schreibt

seine Gemahlin einfältig wie ein gläubiges Kind: „Das wird Preußen

einst Segen bringen!” So einfach, wie sie wähnte, sind Lohn und Strafe

im Leben der Völker nicht verteilt; gleichwohl bleibt dem frommen Worte

seine Wahrheit: ohne den Sinn altpreußischer Ehre, den der König bei

jener schweren Versuchung bewahrte, hätte der Staat sich nie wieder

erhoben. Was die Preußen empfanden, da sie also den heldenhaften Sinn

ihrer schönen Königin kennen lernten, das wissen wir aus den Versen

Heinrich von Kleists:

Denn eine Glorie in jenen Nächten

Umglänzte deine Stirn, von der die Welt

Am lichten Tag der Freude nichts geahnt.

Wir sah'n dich Anmut endlos niederregnen;

Daß du so groß als schön warst, war uns fremd.

Noch eine letzte, schmähliche Demütigung stand der mißhandelten Frau

bevor. Zar Alexander gab seinen treuen Bundesgenossen preis und schloß

den Tilsiter Frieden; aus Rücksicht auf den neugewonnenen russischen

Freund verstand sich Napoleon dazu, die Vernichtung Preußens, die

längst beschlossene Sache war, aufzuschieben und dem Könige die

Hälfte der Monarchie zurückzugeben. Da ersann die frevelhafte Torheit

feigherziger Ratgeber den Vorschlag: die unvergeßlich beleidigte

Königin solle selber den Sieger um mildere Bedingungen bitten. Auch

dies Äußerste nahm sie auf sich, in der frauenhaften Hoffnung, es

könne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rühren

und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog.

Mit rohem Spotte schrieb Napoleon an seine Josephine: „Es hätte mir zu

viel gekostet, den Galanten zu spielen”; und an Clarke: „Sie begreifen,

daß der König von Preußen sehr unzufrieden ist, da er sein Bollwerk,

Magdeburg, in meinen Händen lassen muß.”

In der entlegensten Provinz des verstümmelten und ausgesogenen

Staates verbrachte nun der Hof zwei schwere Jahre. Man zeigt noch

in dem alten Ordensschlosse zu Königsberg das bescheidene Eckzimmer

mit dem dunklen Alkoven daneben, wo die Königin wohnte: ein kleiner

Schreibtisch, ein mehr als einfaches Klavier; von der Wand blickt

das Bildnis Scharnhorsts mit großen, tiefen Augen hernieder. Welche

Zeiten! Ringsum auf Schritt und Tritt die Erinnerungen an Preußens

Macht und Glück: von jenem Fenster da hatte Luise vor zehn Jahren den

Jubel des Huldigungsfestes mit angehört; hier vor diesem Tore steht das

Schlütersche Standbild des ersten Königs, von ihrem Gemahl einst „dem

edlen Volke der Preußen gewidmet”; dort im Vorzimmer der Ofenschirm

stammt noch aus den Hohenfriedberger Tagen, da der große König wie ein

junger Gott von Sieg zu Sieg stürmte, irgendeine übermütige kleine

Prinzessin hat zierlich die Inschrift darauf gestickt: =pour nous

point d'Alexandre, le mien l'emporte!= Und daneben diese jammervolle

Gegenwart! Der Staat, ausgestoßen aus dem Kreise der großen Mächte,

mitten im Frieden von feindlichen Truppen überschwemmt, verspottet

und geschmäht von seinen Landsleuten. Die deutsche Nation fand kein

Wort des Mitleids, nur Hohn und Schadenfreude für die Besiegten.

In Preußen aber lebte noch die alte Treue. Fürst und Volk traten

einander näher, wie im verwaisten Hause die Überlebenden sich inniger

zusammenschließen; der ärmliche Hofhalt zu Königsberg und Memel empfing

von allen Seiten rührende Beweise der Teilnahme, der König lud seine

getreuen Stände als Paten zur Taufe der jüngsten Prinzessin. Dies

stolze und trotzige Ostpreußen, das Stiefkind Friedrichs des Großen,

schloß in Not und Trübsal, ohne viele Worte, den Herzensbund mit seinem

Herrschergeschlechte, der im Frühjahr 1813 seine Kraft bewähren sollte.

Die schwere Natur Friedrich Wilhelms verwand nur langsam die Schläge

des Unglücks; er glaubte oft, daß ihm nichts gelinge, daß er für jedes

Unheil geboren sei. Da er nun einmal mit der Königin die Gräber der

preußischen Herzöge im Chore des Doms zu Königsberg besuchte, fiel

sein Blick auf die Grabschrift: „Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung

zu Gott.” „Wie entsprechend meinem Zustande!” rief er erschüttert und

wählte sich das ernste Wort zum Wahlspruch für sein eigenes Leben. Nur

das Pflichtgefühl hielt ihn aufrecht unter der Bürde seines schweren

Amtes. Er begann mit Scharnhorst die Herstellung des zerrütteten Heeres

und berief den Freiherrn vom Stein für den Neubau der Verwaltung. Mit

herzlichem Vertrauen begrüßte die Königin den Mann „großen Herzens,

umfassenden Geistes: Stein kommt, und mit ihm geht mir wieder etwas

Licht auf”. Sie war mit ihm und ihrem Gemahl einig in dem Gedanken,

daß es gelte, alle sittlichen Kräfte des erschlafften Staates zu

beleben; fast wörtlich übereinstimmend mit den allbekannten Worten,

die der König seiner Berliner Hochschule in die Wiege band, schrieb

sie einmal: „Wir hoffen den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend

reichlich zu ersetzen.”

Die Acht Napoleons trieb den stolzen Reichsfreiherrn aus dem Lande,

gerade in dem Augenblicke, da ein neuer Krieg des Imperators gegen

Österreich sich vorbereitete und die Königin auf eine Erhebung

des gesamten Deutschlands hoffte. Sie besaß nach Frauenart wenig

Verständnis für die mächtigen Interessen, welche trennend zwischen den

beiden Großmächten des alten Reiches standen, und sah in Österreich

schlechtweg den stammverwandten Genossen. Mit der Mahnung, unsere

leidenden österreichischen Brüder dereinst zu rächen, hatte sie

vor Jahren ihren ältesten Sohn begrüßt, da er zum ersten Male den

Offiziersrock trug. Vor wie nach dem Kriege bekannte sie: „Meine

Hoffnung ruht auf der Verbindung alles dessen, was den deutschen Namen

trägt” -- während der König, die militärische Lage richtiger schätzend,

nicht ohne Rußlands Beistand den neuen Kampf wagen wollte. Jetzt aber

fochten die Russen auf Frankreichs Seite; die Absichten des Wiener

Hofes, der die Schlacht von Jena mit kaum verhohlener Schadenfreude

begrüßt hatte, blieben in verdächtigem Dunkel. Das unfähige Kabinett,

das die Erbschaft Steins angetreten, fand in der schwierigen Lage

keinen festen Entschluß; Österreich unterlag, und die kriegerische

Begeisterung des deutschen Nordens verrauchte in einigen kecken

Parteigängerzügen. Die Königin aber schrieb verzweifelnd: „Österreich

singt sein Schwanenlied, und dann ade, Germania!”

Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen

Lebens. Sie kehrt zurück in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch

das Königstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr die verarmte Stadt

verehrt, nahebei der König zu Roß und die beiden ältesten Söhne im Zuge

ihres Regiments, da begrüßten die dichtgedrängten Massen den Hof wie

die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preußens Volk und Heer, die

einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Versöhnung,

um fortan einig zu bleiben für alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage

bevor die Königin ihre letzte Reise antrat, entließ Friedrich Wilhelm

das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die

ihm seine kleinmütigen Räte zumuteten, und berief Hardenberg an die

Spitze der Geschäfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in

die Verwaltung; er führte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein

kühn und besonnen weiter und bereitete durch ein viel verkanntes kluges

diplomatisches Spiel die große Erhebung vor, während Scharnhorst die

Waffen schärfte für den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte

Luise nie gehofft. Ihr zarter Körper erlag dem verzehrenden Kummer.

In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin

gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: „Ich bin heute so

glücklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten

der Männer.” Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem

Leben des schwergeprüften Fürsten blieb ein dunkler Schatten; niemals,

auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke,

schwellende Gefühl des Glückes wiedergefunden.

Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Königin

einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte

erwartete: „Die Nachwelt wird mich nicht zu den berühmten Frauen

zählen; aber möge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus

im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten würdig

waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich sie errungen haben.”

Wie über alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig-stolze

Erwartung in Erfüllung gegangen! Die historische Wissenschaft führt

ihre denkenden Jünger zurück zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern

Segen den Kindern Häuser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit

fortwirkt mitten in der lärmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen

nicht abschließt mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glücklichen

ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser

deutschen Königin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie

Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer

noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: „Wir

gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde

haben, weil wir sie verdienen.” Der alte Blücher meinte grimmig, da

er die Nachricht ihres Todes empfing: „Wenn die Welt in die Luft

flöge, mir wär' es recht.” Als endlich die Stunde der Erhebung schlug,

da stiftete der König an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen

Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte für den heiligen Krieg.

Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor Körners, wie das Verlangen,

die zu Tode gequälte Königin an dem ungroßmütigen Sieger zu rächen, die

tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer spürte nicht in

dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen

einen Hauch von dem Geiste der Verklärten? Da der Friede kam, zogen

jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und

wahrlich nicht bloß um das Werk des Künstlers zu bewundern, dem die

Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete, sondern um sich

das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes.

Die beiden gewaltigen Könige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden

geehrt und gefürchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Königin

Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den

Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verständnis, das

die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten.

Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der

Königin über unserer Stadt und über diesem Saale liegt, so ist uns

allen zumute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen

Gestalt mit eigenen Augen erblickt hätten. Zeiten des Glückes sind

stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen

Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade

Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen

eines langersehnten neuen Tages über sein Volk heraufzuführen, mit

seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des Deutschen Reiches wieder

aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern -- wir alle erlebten es ja

mit tief erschüttertem Herzen -- hat der Sohn sich Mut und Kraft

gesucht für die Schlachten des großen Krieges, für den steilen Weg zur

kaiserlichen Krone.

Fern sei es von uns, heute einen verjährten Haß gewaltsam zu beleben,

der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich längst die Buße seiner

Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Königin leichtfertig

auszubeuten für die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das

Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am würdigsten ehren, wenn

wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze

Geringschätzung der endlichen Güter des Lebens uns erhalten, wenn wir

in diesem männischen Jahrhundert, unter den Hammerschlägen hastiger

Arbeit und dem Lärmen der politischen Kämpfe die alte deutsche

ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor

jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Völker

allein die Gewähr der Dauer geben.

Stein

Stein.

Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein wurde den 26.

Oktober 1757 zu Nassau an der Lahn „von sehr achtungswerten Eltern

geboren und -- so erzählt er selbst -- unter dem Einflusse ihres

religiösen, echt deutschritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen;

die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre,

Pflicht das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die

hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu

erwerben, wurden durch ihr Beispiel und Lehre tief meinem jungen

Gemüte eingeprägt”. Er lernte, nach aristokratischer Weise, sich der

Gewalt des Hauses zu beugen; ein Beschluß der Eltern bestimmte ihn,

den jüngsten Sohn, zum alleinigen Erben und Stammhalter des uralten,

reichsfreien Geschlechts. Die Welt des Schönen ergriff ihn weniger

mächtig als die meisten Söhne seines Jahrhunderts. Sein kräftiger,

auf das Wirkliche gerichteter Geist versenkte sich früh in die

historischen Dinge. Er sah in der Geschichte nicht bloß eine Fundgrube

politischer Erkenntnis, sondern vornehmlich eine Schule des sittlichen

Ernstes und jener strengen, tief religiösen Frömmigkeit, die er sich

in den Tagen der Aufklärung unwandelbar bewahrte. Als die sittlichen

Vorbilder seines Lebens nennt er selbst seine Mutter (eine Langwerth

von Simmern) und den Minister v. Heynitz. Er besuchte Göttingen,

Wetzlar, Regensburg, Wien, um sich, nach dem Wunsche der Eltern, auf

eine Laufbahn an den Reichsgerichten vorzubereiten. Mit Vorliebe trieb

er während diesen akademischen Jahren das Studium der englischen

Geschichte und Politik; Adam Smiths Werke wurden bestimmend für seine

politische Bildung. In Brandes und Rehberg fand er gleichgesinnte

Freunde, Männer, ergriffen von den Ideen des philosophischen

Jahrhunderts, doch zugleich auf das historisch Gewordene mit einer

andächtigen Ehrfurcht schauend, welche den meisten Zeitgenossen

abging. Der sittliche Ernst, der kräftige realistische Sinn des jungen

Mannes fand keine Freude an dem unwahren, verrotteten Treiben des

Reichsgerichts. Ein Bewunderer Friedrichs des Großen und eifriger

Protestant, entschloß er sich im Jahre 1780, weit abweichend von den

Gewohnheiten des Reichsadels und seines eigenen Hauses, in preußische

Dienste zu treten.

Er fand zunächst Anstellung im Bergdepartement unter dem Minister

v. Heynitz, dem Schöpfer des preußischen Staatsbergwesens. „Verließ

ich es gleich im Jahre 1793, berichtet er, so hatte doch das Leben

in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die

körperlichen Kräfte zugleich entwickelnden Geschäfte den Nutzen, den

Körper zu stählen, den praktischen Geschäftssinn zu beleben und das

Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit kennen zu

lehren.” Er ehrte die harte Zucht, die angestrengte Arbeitsamkeit des

altpreußischen Beamtentums, aber er erkannte schon jetzt die unseligen

Folgen bureaukratischer Bevormundung. In solcher Ansicht begegnete er

sich mit den Ideen einer aufkommenden jüngeren Schule innerhalb des

preußischen Beamtentums, mit Männern wie Kraus und v. Schrötter, welche

nach Englands Vorbild von dem freien Spiele der sozialen Kräfte die

Stärke des Staates erwarteten. Wider Willen ward er einmal aus der

Verwaltungstätigkeit herausgerissen, als er (1785) den Auftrag erhielt,

den Kurfürsten von Mainz für den Fürstenbund Friedrichs des Großen

zu gewinnen. Er vollzog die Sendung mit Glück und erbat rasch seine

Zurückberufung; das Gewirr kaiserlicher und preußischer, französischer

und russischer Intrigen an dem geistlichen Hofe hatte ihm jenen tiefen

Widerwillen gegen die Diplomatie eingeflößt, den er zeitlebens nicht

überwinden konnte. Zurückgekehrt von einer längeren technologischen

Reise durch England, begann er im Jahre 1787 sein siebzehnjähriges

großartiges Wirken in der westfälisch-niederrheinischen Verwaltung,

zuerst als Kammerdirektor und Kammerpräsident in Kleve und Hamm, seit

1796 als Oberpräsident in Hamm, später in dem neuerworbenen Münster.

Das Land dankte ihm die Anfänge moderner Verkehrsmittel; er ließ

die Ruhr schiffbar machen und die Straßenverbindung zwischen Rhein

und Weser vollenden. Trotz seiner herrisch durchgreifenden, rastlos

anfeuernden Weise verstand er die Selbsttätigkeit des Volkes zu fördern

in diesem Lande, das von allen Provinzen Preußens sich allein eine

freie Gemeindeverfassung bewahrt hatte. Mit Zuziehung der Stände führte

er ein verbessertes Steuerwesen und vollständige Gewerbefreiheit auf

dem flachen Lande ein und bereitete die Aufhebung der Feudallasten

vor. Die Bewohner lohnten ihm durch Verehrung und Anhänglichkeit,

sie grüßten ihn als den Wohltäter des Landes, einen andern Adolf von

Böhmen. Er selbst lernte Westfalen als seine zweite Heimat lieben und

erfüllte sich mit dem Stolze eines preußischen Patrioten, daher er auch

eine Ministerstelle in Hannover von der Hand wies.

Die aufstrebenden Köpfe in den einflußreichen Kreisen Preußens schauten

längst auf den stolzen Reichsfreiherrn als auf eine Säule des Staates.

Im nichtpreußischen Deutschland ward sein Name zum ersten Male im Jahre

1804 genannt. Er hatte die Revolutionskriege am Rhein in der Nähe

beobachtet, der Einnahme Frankfurts durch die Hessen und Preußen selber

beigewohnt und die Überzeugung gewonnen, die er später der Kaiserin von

Rußland vor versammeltem Hofe aussprach, daß nicht die Nation, sondern

die Nichtigkeit ihrer Fürsten das ungeheure Unglück verschuldete. Nun

sollten die Folgen des Reichsdeputationshauptschlusses sein eigenes

Haus treffen. Der Herzog von Nassau unterwarf die Güter des Steinschen

Hauses eigenmächtig seiner Landeshoheit. Stein verwahrte sein Recht in

einem Briefe vom 10. Januar 1804 und verkündete darin die Ideen einer

hochsinnigen Vaterlandsliebe, die von den Zeitgenossen kaum begriffen

ward. „Deutschlands Unabhängigkeit und Selbständigkeit wird durch die

Konsolidation der wenigen reichsritterschaftlichen Besitzungen mit

denen sie umgebenden kleinen Territorien wenig gewinnen; sollen diese

für die Nation so wohltätigen großen Zwecke erreicht werden, so müssen

diese kleinen Staaten mit den beiden großen Monarchien, von deren

Existenz die Fortdauer des deutschen Namens abhängt, vereinigt werden,

und die Vorsehung gebe, daß ich dieses glückliche Ereignis erlebe....

Es ist noch härter, alle diese Opfer nicht irgendeinem großen, edlen,

das Wohl des Ganzen fördernden Zweck zu bringen, sondern um der

gesetzlosen Übermacht zu entgehen, um -- doch es gibt ein richtendes

Gewissen und eine strafende Gottheit.”

Deutsche Lebensbilder · 第 6 / 25 段