Das war mithin kein Zufall, daß der Name dieses Denkers durch den

deutschen Bundestag in den Kot getreten ward. Viel zu milde, leider,

lautet das landläufige Urteil, daß unser Volk mit Undank belohnt worden

für die Errettung der Throne, die sein Blut erkauft. Als ein Verbrechen

vielmehr galt zu Wien und Frankfurt der Geist des Freiheitskrieges.

Und wer hatte den „militärischen Jakobinismus” des preußischen Heeres

schroffer, schonungsloser ausgesprochen als Fichte in den Worten:

„Kein Friede, kein Vergleich! Auch nicht falls der zeitige Herrscher

sich unterwürfe und den Frieden schlösse! Ich wenigstens habe den

Krieg erklärt und bei mir beschlossen, nicht für seine Angelegenheit,

sondern für die meinige, meine Freiheit.” Wie sehr mußte die Woge

demokratischen Zornes und Stolzes, welche in diesen Worten brandet,

jene Schmalz und Kamptz erschrecken, die den Freiheitskrieg für eine

Tat gewöhnlichen Gehorsams erklärten, vergleichbar dem Wirken der

Spritzenmannschaft, die zum Löschen befehligt wird! Darum, als die

Zentral-Untersuchungskommission zu Mainz den unbeschämten Augen des

Bundestages die demagogischen Umtriebe darlegte, standen obenan unter

den verbrecherischen Geheimbünden -- die Vereine, welche in den Jahren

1807-13 sich gebildet zum Zwecke der Vertreibung der Franzosen, und die

Liste der Verdächtigen ward eröffnet mit den erlauchten Namen von --

Fichte und Schleiermacher. Nur mit Erröten denken wir der Tage, da man

in Berlin verbot, die Reden an die deutsche Nation aufs neue zu drucken.

Mag es sein, daß Fichtes nervige Faust den Bogen zu heftig spannte

und über das Ziel hinausschoß; in der Richtung nach dem Ziel ist

sicherlich sein Pfeil geflogen. Die Zeit wird kommen, die Sehergabe

des Denkers zu preisen, der Preußen die Wahl stellte, unterzugehen

oder fortzuschreiten zum Reiche. Mag es sein, daß der verwegene

Idealist oftmals abirrte in der nüchternen Welt der Erfahrung: -- ein

Vorbild des Bürgermutes ist er uns geworden, der lieber gar nicht sein

wollte, als der Laune unterworfen und nicht dem Gesetz. Und auch das

praktisch Mögliche hat der Theoretiker dann immer getroffen, wenn er

handelte von den sittlichen Grundlagen des staatlichen Lebens. Alle

Vorwände der Zagheit, all das träge Harren auf ein unvorhergesehenes

glückliches Ereignis -- wie schneidend weist er sie zurück, wenn

er versichert, keiner der bestehenden Landesherren „könne Deutsche

machen”, nur aus der Bildung des deutschen Volksgeistes werde das

Reich erwachsen. Wenn wir willig diesem Worte glauben, so hoffen

wir dagegen -- oder vielmehr wir müssen es wollen, daß ein anderer

Zukunftsspruch des Denkers nicht in Erfüllung gehe. Schon einmal sahen

wir ihn, nach der Weise der Propheten, sich täuschen in der Zeit:

sechs Jahre schon nach den Reden an die deutsche Nation erhebt sich

das Geschlecht, das er gänzlich aufgegeben. Sorgen wir, daß dies Volk

nochmals rascher lebe, als Fichte meinte, daß wir mit eigenen Augen das

einige Deutsche Reich erblicken, welches er im Jahre 1807 bescheiden

bis in das 22. Jahrhundert verschob. -- Wieder ist den Deutschen die

Zeit des Kampfes erschienen; wieder steht nicht der Gedanke gerüstet

gegen den Gedanken, nicht die Begeisterung wider die Begeisterung.

Die Idee streitet gegen das Interesse, die Idee, daß dieses Volk zum

Volke werde, wider das Sonderinteresse von wenigen, die an das nicht

glauben, was sie verteidigen. Wenn die Langsamkeit dieses Streites,

der uns aus sittlichen noch mehr denn aus politischen Beweggründen

zu den Fahnen ruft, uns oft lähmend auf die Seele fällt, dann mögen

wir uns aufrichten an dem Fichteschen Worte der Verheißung, daß in

Deutschland das Reich ausgehen werde von der ausgebildeten persönlichen

Freiheit und in ihm erstehen werde ein wahrhaftes Reich des Rechts,

gegründet auf die Gleichheit alles dessen, was Menschenangesicht trägt.

Damit, fürwahr, sind bezeichnet die bescheidensten, die gerechtesten

Erwartungen der Deutschen. Was die Deutschen, wenn sie den Einmut

finden, ihren Staat zu gründen, bei mäßiger Macht dennoch hoch stellen

wird in der Reihe der Nationen, ist allein dieses: kein Volk hat je

größer gedacht als das unsere von der Würde des Menschen, keines die

demokratische Tugend der Menschenliebe werktätiger geübt.

Mit schönen Worten pries Fichte das Schicksal des großen

Schriftstellers: „Unabhängig von der Wandelbarkeit spricht sein

Buchstabe in allen Zeitaltern an alle Menschen, welche diesen

Buchstaben zu beleben vermögen, und begeistert, erhebt und veredelt bis

an das Ende der Tage.” Nicht ganz so glücklich ist das Los, das den

Werken Fichtes selber fiel; denn nur wenige scheuen nicht die Mühe, den

echten Kern seiner Gedanken loszuschälen aus der Hülle philosophischer

Formeln, welchen die Gegenwart mehr und mehr entwächst. Doch daß der

Geist des Redners an die deutsche Nation nicht gänzlich verflogen

ist in seinem Volke, davon gab die Feier seines hundertjährigen

Geburtstages ein Zeugnis. Wohl mancher Nicolai verherrlichte an jenem

Tage den lauteren Namen des Denkers und ahnte nicht, daß er seinen

Todfeind pries. Aber nimmermehr konnte ein ganzes, ehrliches Volk einen

Helden des Gedankens als einen Helden der Nation feiern, wenn nicht in

diesem Volke noch der Glaube lebte an die weltbewegende Macht der Idee.

Und er wird dauern, dieser vielgeschmähte Idealismus der Deutschen.

Und dereinst wird diesem Volke des Idealismus eine schönere Zukunft

tagen, da eine reifere Philosophie die Ergebnisse unseres politischen

Schaffens, unseres reichen empirischen Wissens in einem großen

Gedankensysteme zusammenfaßt. Wir Lebenden werden Fichtes Geist dann

am treuesten bewahren, wenn alle edleren Köpfe unter uns wirken, daß

in unsern Bürgern wachse und reife der „Charakter des Kriegers”, der

sich zu opfern weiß für den Staat. Die Gegenwart denkt, wenn Fichtes

Name genannt wird, mit Recht zuerst an den Redner, welcher diesem

unterjochten Volke die heldenhaften Worte zurief: „Charakter haben und

deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.” --

Königin Luise

Königin Luise.

_Vortrag, gehalten am 10. März 1876 im Kaisersaale des Berliner

Rathauses._

In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Königin,

zu deren Gedächtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert

worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie

eine Lichtgestalt, die den Kämpfern unseres Befreiungskrieges, den

Pfad weisend, hoch in den Lüften voranschwebte. Wollte ich dieser

volkstümlichen Überlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte

malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Großen wie

ein Fluch an die Fersen der Mächtigen dieser Erde sich klammert,

so müßte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von

diesem reinen Leben zu geben, wie der Künstler sich scheut, das

unvermischte Weiß auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen

der historischen Wissenschaft, daß sie uns die Schranken der Begabung,

die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und

sie so erst unserem menschlichen Verständnis, unserer Liebe näher

führt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig

aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen.

Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder

ernsten Seelenkämpfen wie jene starken Männer, die in Scham und Reue

den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren

Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den

treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter

bildeten und dem Weltbürger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf

die Lippen legten, haben die schöne anmutvolle Frau, die beglückende

und beglückte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet,

dessen Hauch wir noch spürten in unserem jüngsten Kriege.

Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Männern war, so hat

auch dieser preußische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken

fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen

bis zur Herbheit männlichen Charakter behauptet. Er dankt dem

liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeßliches. Am Ausgange

des Dreißigjährigen Krieges blieb uns von der alten Großheit der

Väter nichts mehr übrig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den

Frauenhände hüteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem

öffentlichen Leben aber sind die Frauen Preußens immer fern geblieben,

im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs.

Ganz deutsch, ganz preußisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene

Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus

der langen Reihe begabter Fürstinnen, welche den Thron der Hohenzollern

schmückten, hat unseren Staat regiert. Auch Königin Luise bestätigte

nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward

eine Macht in der Geschichte Preußens, doch nie mit einem Schritte

übertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem

Geschlechte setzt. Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich

so wenig sagen läßt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem

menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat für den tapfersten

Mann und den kühnsten Entschluß; auch einige, nur allzuwenige,

schöne Briefe erzählen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der

Tiefe ihres Gefühles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres

Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau,

in der Persönlichkeit, in dem Adel natürlicher Hoheit, in jenem

Zauber einfacher Herzensgüte, der in Ton und Blick unwillkürlich und

unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies

Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren

Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mußte auch Preußen den alten

Fluch besiegter Völker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwürfen

wälzte sich heran wider jeden Mächtigen im Staate. Noch schroffer und

schärfer hat in den leidenschaftlichen Parteikämpfen der folgenden

Jahre die schonungslose Härte des norddeutschen Urteils sich gezeigt;

kein namhafter Mann in Preußen, der nicht schwere Verkennung, grausamen

Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der

Königin blieben Verleumdung und Parteihaß ehrfürchtig stehen; nur eine

Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glückes

das Vorrecht der Frauen übte, mit ihrem strahlenden, glückseligen

Lächeln das Kleine und Kleinste zu verklären, in den Zeiten der Not

durch die Kraft ihres Glaubens die Starken stählte und die Schwachen

hob. --

Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren

geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen;

wir wollen ihm auch die Ehre gönnen, diese Tochter seines alten

Fürstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande

ihrer Väter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstädter

Hofe genoß die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das

Glück einer schlicht natürlichen, keineswegs sehr sorgfältigen

Erziehung. Da sie heranwuchs, erzählte alle Welt von den wunderschönen

mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine

überschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz

verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die

lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der

alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die

jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben

Specksalat aßen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen

Trunk holten.

So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist

auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in

Frankfurt, am Tische des Königs von Preußen, fand sie den Gatten,

der ihr fortan „der beste aller Männer” blieb. An lauten Huldigungen

hat es wohl noch niemals einer deutschen Fürstenbraut gefehlt; das

war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden

mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrüßte. In

einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das

kleine Mädchen, das ihr die üblichen Hochzeitsverse hersagte, in der

Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin

umarmte und küßte. Die unerfahrene siebzehnjährige Frau, aufgewachsen

im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem

schlüpfrigen Boden dieses mächtigen Hofes, wo um den früh gealterten

König ein Gewölk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle

Prinz Ludwig Ferdinand sein unbändig leidenschaftliches Wesen trieb und

der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand;

da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Gräfin Voß.

Wer kennt sie nicht, die strenge Wächterin aller Formen der Etikette,

die in siebzig Jahren höfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort

und den tapferen Mut sich zu bewahren wußte? Sie gab ihrer Herrin den

besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen

Freund und Vertrauten sich zu wählen als ihren Gemahl; und dabei blieb

es bis zum Tode der Fürstin.

Für den edlen, doch früh verschüchterten und zum Trübsinn geneigten

Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschätzbares Glück, daß er einmal

doch herzhaft mit vollen Zügen aus dem Becher der Freude trinken,

die schönste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer

wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin

fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie

rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen

Mannes, lernt manche wirre Träumerei des Mädchenkopfes aufzugeben.

Unablässig strebt sie „sich zur inneren Harmonie zu bilden”; ihre

wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff.

Etwas Liebenswürdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven

Briefe an ihren alten freimütigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da

fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel

bewunderte Königin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und

wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; „frägt

man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt

man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit”. Sie lebt

sich ein in die Geschichte des königlichen Hauses, teilt mit ihrem

Gemahl die Begeisterung für Friedrich den Großen und wählt sich unter

den Fürstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte

Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preußen wert gemacht,

die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, die unserem evangelischen

Volke das Lied „Jesus meine Zuversicht” sang. A. W. Schlegel hatte

einst der einziehenden Braut zugerufen: „Du bist der goldnen Zeit

Verkünderin.” Fast schien es, als sollte der Dichtergruß sich erfüllen.

Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch

davon zu reden wissen, schenken der guten Gräfin Voß willig Glauben,

wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. März 1797 vergnüglich von der Geburt

eines Prinzen erzählt und weise hinzufügt: „es ist ein prächtiger

kleiner Prinz”. Wenn der Blick der glücklichen Mutter auf der dichten

Schar ihrer schönen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: „Die Kinderwelt

ist meine Welt!”

Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Königin auch

die entlegenen Provinzen des Staates kennen; überall, selbst bei

den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang wie einst in der

Hauptstadt. Sie war stets bereit, für den schweigsamen König das Wort

zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die

Staatsgeschäfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns

hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe

geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schönen Königin lebte. Als ich

vor Jahren auf die Kösseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzählte der

Führer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem

König und der Königin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens

kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen

Punkte auf dem Querschnitt des weißen Stengels und meinte stolz: das

sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur

hier auf den alten preußischen Fichtelbergen.

Überall in Preußen war die junge Fürstin behaglicher Ruhe, warmer

Anhänglichkeit begegnet, überall schien das Volk von der alten Ordnung

befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzuge: „von

Freiheit schwatze wer da mag”, der Preuße finde in dem geliebten

Königspaare sein höchstes Glück. Und doch schwankte der Staat, der so

sicher schien, längst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen.

Kein Zeitraum der preußischen Geschichte liegt so tief im Dunkel,

wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms =III.= Das furchtbare

Unglück und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren

breiten Schatten über diese stille Zeit geworfen; niemand bemüht

sich, sie zu durchforschen. Man schließt aus den schweren Gebrechen,

welche der Tag von Jena bloßlegte, kurzerhand zurück und verdammt

den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung.

Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden

der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blücher,

allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits

in hohen Ämtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher

dem niedergeworfenen Staate neue Stärke brachten, die Befreiung des

Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universität

Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet

worden. Der König betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem

Abscheu des ehrlichen Mannes, doch über den berechtigten Kern der

furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten

seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu,

ganz unberührt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein König der

Bettler sein nach der Überlieferung seines Hauses. „Er ist Demokrat

auf seine Weise -- sagte einer seiner Minister zu dem französischen

Gesandten Otto: -- er wird die Revolution, die ihr von unten nach

oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchführen; er

arbeitet ohne Unterlaß, die Vorrechte des Adels zu beschränken, aber

durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte

mehr in Preußen geben.” Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwürfe kam

zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemütern. Die Keime frischen

jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermögen die Decke

nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen

Kräften, trägt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir

alle aus der kahlen Nüchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Münze und

ähnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb

bei bedachtsam schüchternen Vorbereitungen, die kaum für Tage tiefen

Friedens genügten. Und währenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen,

auf rollenden Rädern stürmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt

warf die Grenzen aller Länder durcheinander, erhob auf den Trümmern der

alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preußische

Staat verlor den Boden unter seinen Füßen; das Deutsche Reich kam ins

Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Südwestens, Preußens altes

Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu größeren

Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen

ihr Land den preußischen Werbern.

Wie war es möglich, daß in diesem scharf urteilenden, bis zur

Tadelsucht freimütigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar

nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche

Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preußen allein

unwandelbar bleiben könne in diesem großen Wandel der Zeiten? Die

Königin, die so oft das rechte Wort zu finden wußte, hat auch hier

die zutreffende Antwort gegeben: „Wir waren eingeschlafen auf den

Lorbeeren Friedrichs des Großen.” Die Größe der fridericianischen

Tage lastete lähmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst

durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der großen Mächte,

war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen;

noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den

verachteten französischen „Katzenköpfen” ihre Überlegenheit gezeigt.

Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler

Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem

Schutze der preußischen Waffen blühten Handel und Wandel, die deutsche

Dichtung sah ihre schönsten Tage. Dem Könige schien es ein Frevel, so

vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer

Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, daß die vielen

kleinen Siege der rheinischen Feldzüge am Ende nur zu einer politischen

Niederlage geführt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen

fordere? -- dann traten ihm die alten Generale, die noch die Kränze der

fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit überlegener Sicherheit

entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen.

An einem großen Mißgeschicke des Gemeinwesens ist niemand ganz

schuldlos, und auch die Königin war es nicht. Sie wußte wohl, warum

sie in den Tagen des Unglücks die rührende Klage: „Wer nie sein Brot

mit Tränen aß” in ihr Tagebuch schrieb und selbst den letzten herben

Vorwurf sich nicht ersparte: „Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.”

Die unbewußte Selbstsucht des Glückes hatte auch ihr den Gesichtskreis

verengert, so daß sie von den sittlichen Schäden des sinkenden Staates

lange nichts ahnte. In der reinen Luft ihres befriedeten Hauses blieb

ihr verborgen, welche wüste, überfeinerte Unzucht ihr Wesen trieb in

diesem Berlin, das wenige Jahre später allen anderen deutschen Städten

mit opferfreudiger Vaterlandsliebe voranging; sie selbst wie ihr Gemahl

verkehrte leutselig und schlicht mit jedermann, doch im Heere und in

den höheren Ständen herrschte ein Ton geringschätzigen Übermutes gegen

die kleinen Leute, der alle Grundlagen des bürgerlichen Friedens zu

erschüttern drohte. Die Glückliche ahnte nicht, wie alles morsch ward

in dem Staate, wie das Auge des großen Königs zürnend auf die Erben

niederblickte.

Die Gräfin Voß hatte schon vor Jahren, da ihre Herrin um die Geburt

eines toten Kindes trauerte, feinfühlend erkannt, wie dieser Charakter

durch das Unglück gehoben wurde. Erst als das Verderben dem Staate

näher rückte, begann die Königin mit gespannten Blicken dem Gange der

Ereignisse zu folgen, und Friedrich Gentz erstaunte, sie so genau und

sicher unterrichtet zu finden. Seit der Besetzung Hannovers durch die

Franzosen lag die Schwäche der Monarchie vor aller Augen; nicht einmal

ihren Stolz, die Sicherheit des deutschen Nordens, hatte sie zu hüten

verstanden; seitdem ahnte die Königin, daß die Friedensliebe des Hofes

zur Feigheit wurde. Ihr ganzes Wesen wird freier und größer in diesen

sorgenvollen Jahren, auch ihr Geschmack edler und reiner: wenn sie

vordem an den tränenseligen Romanen des Modedichters Lafontaine sich

gern erbaute, so läßt sie jetzt nur noch das Echte und Tiefe gelten und

erhebt sich das Herz an Herder und Goethe, wie an Schillers mächtigem

Pathos.

Deutsche Lebensbilder · 第 5 / 25 段