höheren Vaterlandsliebe, der die Nation als die Hülle des Ewigen
umfaßt, für welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle,
der nur um des ersteren willen da ist, sich eben opfern soll”. Und
weiter -- nach einem wundervollen Rückblick auf die Fürsten der
Reformation, die das Banner des Aufstandes erhoben nicht um ihrer
Seligkeit willen, deren sie versichert waren, sondern um ihrer
ungeborenen Enkel willen -- „die Verheißung eines Lebens auch
hienieden, über die Dauer des Lebens hinaus, allein diese ist es, die
bis zum Tode fürs Vaterland begeistern kann”. Nicht Siegen oder Sterben
soll unsere Losung sein, da der Tod uns allen gemein und der Krieger
ihn nicht wollen darf, sondern Siegen schlechtweg. Solchen Geist zu
erwecken, verweist Fichte auf das letzte Rettungsmittel, die Bildung
der Nation „zu einem durchaus neuen Selbst” -- und fordert damit, was
in anderer Weise E. M. Arndt verlangte, als er der übergeistigen Zeit
eine Kräftigung des Charakters gebot. Noch war die Nation in zwei
Lager gespalten. Die einen lebten dahin in mattherziger Trägheit,
in der lauwarmen Gemütlichkeit der alten Zeit; ihnen galt es eine
große Leidenschaft in die Seele zu hauchen: „Wer nicht sich als ewig
erklärt, der hat überhaupt nicht die Liebe und kann nicht lieben sein
Volk.” Das sind dieselben Töne, die später Arndt anschlug, wenn er dem
Wehrmann zurief: „Der Mensch soll lieben bis in den Tod und von seiner
Liebe nimmer lassen noch scheiden; das kann kein Tier, weil es leicht
vergisset.” Den anderen schwoll das Herz von heißem Zorne; schon war
unter der gebildeten Jugend die Frage, wie man Napoleon ermorden könne,
ein gewöhnlicher Gegenstand des Gesprächs. Diese wilde Leidenschaft
galt es zu läutern und zu adeln: „Nicht die Gewalt der Arme, noch die
Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche
Siege erkämpft.” Ein neues Geschlecht soll erzogen werden fern von
der Gemeinheit der Epoche, entrissen dem verderbten Familienleben,
erstarkend zu völliger Verleugnung der Selbstsucht durch eine Bildung,
die nicht ein Besitztum, sondern ein Bestandteil der Personen selber
sei. In Pestalozzis Erziehungsplänen meint Fichte das Geheimnis dieser
Wiedergeburt gefunden. War doch in ihnen der Lieblingsgedanke des
Philosophen verkörpert, daß der Wille, „die eigentliche Grundwurzel
des Menschen,” die geistige Bildung nur ein Mittel für die sittliche
sei; gingen sie doch darauf aus, die Selbsttätigkeit des Schülers
fort und fort zu erwecken. Wenn die Stein und Humboldt unbefangen
den gesunden Kern dieser Pläne würdigten: dem Philosophen war kein
Zweifel, der Charakter der Pestalozzischen Erziehungsweise sei -- „ihre
Unfehlbarkeit”; fortan sei nicht mehr möglich, daß der schwache Kopf
zurückbleibe hinter dem starken.
Zu solchem Zwecke redet er „für Deutsche schlechtweg, von Deutschen
schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend
und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben”.
„Bedenket -- beschwört er die Hörer --, daß ihr die letzten seid, in
deren Gewalt diese große Veränderung steht. Ihr habt doch noch die
Deutschen als Eines nennen hören, ihr habt ein sichtbares Zeichen
ihrer Einheit, ein Reich und einen Reichsverband, gesehen oder davon
vernommen, unter euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören
lassen, die von dieser höheren Vaterlandsliebe begeistert waren. Was
nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewöhnen, es wird
fremde Formen und einen anderen Geschäfts- und Lebensgang annehmen,
und wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche
gesehen oder von ihnen gehört habe?” -- Auch den letzten kümmerlichen
Trost raubt er den Verzagten, die Hoffnung, daß unser Volk in seiner
Sprache und Kunst fortdauern werde. Da spricht er das furchtbare Wort:
„Ein Volk, das sich nicht selbst mehr regieren kann, ist schuldig,
seine Sprache aufzugeben.” So geschieht ihm selber, was er seinem
Luther nachrühmte, daß deutsche Denker, ernstlich suchend, mehr finden
als sie suchen, weil der Strom des Lebens sie mit fortreißt. In diesem
radikalen Satze schlummert der Keim der Wahrheit, welche erst die
Gegenwart verstanden hat, daß ein Volk ohne Staat nicht existiert. --
„Es ist daher kein Ausweg,” schließen die Reden -- „wenn ihr versinkt,
so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen
Wiederherstellung.”
Wir Nachgeborenen haben den bewegenden Klang jener Stimme nicht
gehört, welche die andachtsvollen Zuhörer zu Berlin ergriff, -- und
jeder rechte Redner wirkt sein Größtes durch einen höchstpersönlichen
Zauber, den die Nachwelt nicht mehr begreift -- aber noch vor den
toten Lettern zittert uns das Herz, wenn der strenge Züchtiger
unseres Volkes „Freude verkündigt in die tiefe Trauer” und an die
mißhandelten Deutschen den stolzen Ruf ertönen läßt: „Charakter haben
und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.” -- Und welchen
Widerhall erweckten diese Reden in der Welt? Achselzuckend ließ der
Franzose den törichten Ideologen gewähren, gleichgültig erzählte der
Moniteur von einigen Vorlesungen über Erziehung, die in Berlin einigen
Beifall gefunden. Die Fremden wußten nicht, aus wie tiefem Borne dem
deutschen Volke der Quell der Verjüngung strömte, und kein Verräter
erstand, ihnen den politischen Sinn der Reden zu deuten. Mit wieviel
schärferem politischen Blicke hatte einst Machiavelli seinem Volke den
allerbestimmtesten Plan der Rettung mit den bestdurchdachten Mitteln
vorgezeichnet! Aber sein =Principe= blieb ein verwegenes Traumbild; die
Reden des deutschen Philosophen wurden einer der Funken, daran sich
die Glut der Befreiungskriege entzündete. Fichte freilich meinte, sein
Wort sei verhallt in den „tiefverderbten” Tagen, sein ganzes System sei
nur ein Vorgriff der Zeit. Denn es ist das tragische Geschick großer
Männer, daß sie ihren eigenen Geist nicht wiedererkennen, wenn er von
den Zeitgenossen empfangen und umgeformt wird zu anderen Gestalten,
als sie meinten. Und dennoch war der Redner an die deutsche Nation nur
der Mund des Volkes gewesen, er hatte nur dem, was jedes Herz bewegte,
einen kühnen, hochgebildeten Ausdruck geliehen. Denn was war es anders,
als jene höhere Vaterlandsliebe, die der noch ungeborenen Enkel denkt
-- was anders war es, das den Landwehrmann von Haus und Hof und Weib
und Kindern trieb, das unsere Mütter bewog, alles köstliche Gut der
Erde bis zu dem Ringe des Geliebten für ihr Land dahinzugeben? Was
anderes war es, als daß sie unser gedachten? In diesem Sinne -- denn
wer ermißt die tausend geheimnisvollen Kanäle, welche das durchdachte
Wort des Philosophen fortleiteten in die Hütte des Bauern -- in diesem
Sinne hat Fichtes Wort gezündet, und die Kundigen stimmten ein, wenn
Friedrich Gentz, diesmal wahrhaft ergriffen, sagte: „So groß, tief und
stolz hat fast noch niemand von der deutschen Nation gesprochen.”
Wieder kamen Jahre stiller Arbeit. Unter den ersten wirkte Fichte
bei der Gründung der Berliner Hochschule, die dem erwachenden neuen
Geiste ein Herd sein sollte. Ein Glück, daß Wilhelm v. Humboldt,
als ein besonnener Staatsmann, an die altbewährten Überlieferungen
deutscher Hochschulen anknüpfte und die verwegenen Gedanken des
Philosophen verwarf; denn mit der ganzen Strenge seiner herrischen
Natur hatte Fichte einen Plan mönchischer Erziehung entworfen, der
die Jugend absperren sollte von jeder Berührung mit den Ideenlosen,
doch in Wahrheit jede echte akademische Freiheit vernichtet hätte.
Um so unerschütterlicher bekämpfte er auf der neuen Hochschule die
falsche akademische Freiheit; er fand es verwerflich, grundverderblich,
Nachsicht zu üben mit alten unseligen Unsitten der Jugend. Das wüste
Burschenleben war ihm eine bewußte, mit Freiheit und nach Gesetzen
hergebrachte Verwilderung. In diesen Jahren weihte er seine ganze Kraft
dem Lehramte. Die gewohnte Macht über die jugendlichen Gemüter blieb
ihm nach wie vor. Er nutzte sie, den Keim zu legen zu der deutschen
Burschenschaft. Er förderte, wie schon früher in Jena, unter den
Studierenden den Widerstand gegen den Unfug der alten Landsmannschaften
und warnte die Gesellschaft der „Deutsch-Jünger” vor jenen beiden
Irrtümern, welche später die Burschenschaften lähmten: sie sollten sich
hüten, mittelalterlich und deutsch zu verwechseln, und sorgen, daß das
Mittel -- die Verbindung -- ihnen nicht wichtiger werde als der Zweck
-- die Belebung deutschen Sinnes. --
Endlich erfüllten sich die Zeiten; dies Geschlecht, das er verloren
gab, fand sich wieder; denn so tief war es nie gesunken, als der
Idealist meinte. Die Trümmer der großen Armee kehrten aus Rußland
heim, die Provinz Preußen stand in Waffen, der ostpreußische Landtag
harrte auf das Wort des Königs. Der König erließ von Breslau den
Aufruf zur Bildung von Freiwilligen-Korps; aber noch war der Krieg an
Frankreich nicht erklärt. Auf der Straße begegneten den französischen
Gendarmen dichte Haufen still drohender Bauern, die zu den Fahnen
zogen; und Fichtes Schüler zitterten vor Ungeduld, dem Rufe des Königs
zu folgen, doch sie warteten des Lehrers. Wer meinte nicht, daß in
diesen schwülen Tagen der Erwartung ein glühender Aufruf aus Fichtes
Munde wie ein Blitzstrahl hätte einschlagen sollen? -- Schlicht und
ernst, wie nach einem großen Entschlusse, tritt er endlich am 19.
Februar 1813 vor seine Studenten. Nur selten berichten die lauten
Annalen der Geschichte von dem Edelsten und Eigentümlichsten der großen
historischen Wandlungen. So ist auch das Herrlichste der reinsten
politischen Bewegung, die je unser Volk erhob, noch nicht nach Gebühr
gewürdigt -- jener Geist schlichter, gefaßter Manneszucht, der das
Ungeheuere vollzog so ruhig, so frei von jedem falschen Pathos, wie
die Erfüllung alltäglicher Bürgerpflichten. Nichts staunenswürdiger
an diesen einzigen Tagen, als jener ernste, unverbrüchliche Gehorsam,
der unser Volk selbst dann noch beherrschte, da die hochgehenden
Wogen volkstümlicher Entrüstung die Decke sprengten, die sie lange
gehemmt. Ein Heldenmut ist es, natürlich, selbstverständlich in den
Tagen tiefer Bewegung, dem Rohre der feindlichen Kanone freudig ins
Gesicht zu blicken, aber jedes Wort des Preises verstummt vor der
mannhaften Selbstbeherrschung, die unsere Väter beseelte. Als ein
Heißsporn des ostpreußischen Landtags die Genossen fragte: „wie nun,
meine Herren, wenn der König den Krieg nicht erklärt?” -- da erwiderte
ihm Heinrich Theodor von Schön: „Dann gehen wir ruhig nach Hause.”
Durchaus getränkt von diesem Geiste ernster Bürgerpflicht war auch die
Rede, die Fichte jetzt an seine Hörer richtete. Er habe, gesteht er,
lange geschwankt, ehe er mit solchem Worte vor seine Schüler getreten
sei. Die Wissenschaft allerdings sei die stärkste Waffe gegen das Böse,
und in diesem Kampfe würden Siege erfochten, dauernd für alle Zeit.
Aber zu dem geistigen Streite bedürfe es des äußern und des innern
Friedens: und nur darum, weil diese Ruhe des Gemütes ihn selber, trotz
vielfacher Übung in der Selbstbesinnung, zu verlassen beginne, schließe
er jetzt seine Vorlesungen. -- Das einfache Wort genügte, die Jünglinge
in die Reihen der Freiwilligen zu führen. Noch einmal ist ihm dann der
Gedanke gekommen, als ein Redner in das Lager zu gehen -- noch einmal
vergeblich. Dann ist Fichte krank und halb gelähmt mit den gelehrten
Genossen und dem kaum mannbaren Sohne in den Landsturm getreten; Lanze
und Säbel lehnten nun an der Tür des Philosophen.
Als die Kunde erscholl von den herrlichsten deutschen Siegen, von den
Tagen von Hagelberg und Dennewitz, selbst dann hat er nicht gelassen
von der alten tüchtigen Weise, den Dingen nachzudenken bis zum Ende. Im
Sommer 1813 hielt er vor den wenigen Studierenden, die dem Kampfe fern
blieben, Vorlesungen über die Staatslehre. Auch jetzt noch bewegt er
sich ausschließlich im Gebiete der Ideen; seinen kühnsten Sätzen fügt
er stolz abweisend hinzu: „Es gilt vom Reiche (der Vernunft), nicht von
ihren Lumpenstaaten.” Noch immer geht er dem Staate der Wirklichkeit
mit radikaler Härte zu Leibe; Erblichkeit der Repräsentation ist ihm
ein absolut vernunftwidriges Prinzip, „die erste Pflicht der Fürsten
wäre, in dieser Form nicht da zu sein”, der Wahn der Ungleichheit ist
bereits durch das Christentum praktisch vernichtet. Aber wie viel
reicher und tiefsinniger erscheint ihm jetzt der Staat! Mit scharfen
Worten sagt er sich los von der naturrechtlichen Lehre, die er bereits
in den Reden an die deutsche Nation verlassen hatte. Er verwirft die
„schlechte Ansicht”, welche im Staate nur den Schützer des Eigentums
erblickt und darum Kirche, Schule, Handel und Gewerbe allein den
Privatleuten zuweist und im Falle des Krieges die Ruhe für die erste
Bürgerpflicht erklärt. Der Staat ist berufen, die sittliche Aufgabe auf
Erden zu verwirklichen. In den beiden schönen Vorlesungen, die „von
dem Begriffe des wahrhaften Krieges” handeln, stellt er scharf und
schroff die sinnliche und die sittliche Ansicht vom Staate einander
gegenüber. Nach jener gilt „zuerst das Leben, sodann das Gut, endlich
der Staat, der es schützt”. Nach dieser steht obenan „die sittliche
Aufgabe, das göttliche Bild; sodann das Leben in seiner Ewigkeit, das
Mittel dazu, ohne allen Wert, außer inwiefern es ist dieses Mittel;
endlich die Freiheit, als die einzige und ausschließende Bedingung,
daß das Leben sei solches Mittel, drum -- als das einzige, was dem
Leben selbst Wert gibt”. -- Der einst mit dem Mißtrauen des deutschen
Gelehrten die Zwangsanstalt des Staates betrachtet, er sieht jetzt mit
der Begeisterung eines antiken Bürgers in dem Staate den Erzieher des
Volkes zur Freiheit, alle Zweige des Volkslebens weist er der Leitung
des Staates zu. Nur in einem solchen Staate ist „ein eigentlicher
Krieg” möglich, denn hier wird durch feindlichen Einfall die allgemeine
Freiheit und eines jeden besondere bedroht; es ist darum jedem für die
Person und ohne Stellvertretung aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod.
Schon längst waren seine radikalen Theorien dann und wann erhellt
worden durch ein Aufblitzen historischer Erkenntnis; bereits in
seiner Jugendschrift über die französische Revolution hatte er
Friedrich den Großen gepriesen als einen Erzieher zur Freiheit. Doch
jetzt erst beginnt er die historische Welt recht zu verstehen. Er
erkennt, daß ein Volk gebildet werde durch gemeinsame Geschichte,
und berufen sei, „in dem angehobenen Gange aus sich selber sich
fortzuentwickeln zu einem Reiche der Vernunft”. Alle Staaten der
Geschichte erscheinen ihm jetzt als Glieder in der großen Kette
dieser Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Ist diese
Erziehung dereinst vollendet, dann wird „irgendeinmal irgendwo die
hergebrachte Zwangsregierung einschlafen, weil sie durchaus nichts
mehr zu tun findet”, dann wird das Christentum nicht bloß Lehre, nein,
die Verfassung des Reiches selber sein. In diesem Reiche werden die
„Wissenschaftlichen” regieren über dem Volke, denn „alle Wissenschaft
ist tatbegründend”. So gelangt auch Fichte zu dem platonischen
Idealbilde eines Staates, welchen die Philosophen beherrschen. Und
wenn der nüchterne Politiker betroffen zurückweicht vor diesem
letzten Fluge des Fichteschen Geistes, so bleibt doch erstaunlich,
wie rasch die große Zeit sich ihren Mann erzogen hat: der Held des
reinen Denkens wird durch den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu
der Erkenntnis geführt, daß der Staat die vornehmste Anstalt im
Menschenleben, die Verkörperung des Volkstums selber ist. Näher
eingehend auf die Bewegung des Augenblicks schildert er das Wesen des
gewaltigen Feindes, der unter den Ideenlosen der Klügste, der Kühnste,
der Unermüdlichste, begeistert für sich selber, nur zu besiegen ist
durch die Begeisterung für die Freiheit. So stimmt auch Fichte mit
ein in die Meinung unserer großen Staatsmänner, welche erkannten,
daß die Revolution in ihrem furchtbarsten Vertreter bekämpft werden
müsse mit ihren eigenen Waffen. Fast gewaltsam unterdrückt er den
unabweislichen Argwohn, daß nach dem Frieden alles beim alten bleibe.
Nicht ungerügt freilich läßt er es hingehen, daß man in solchem Kampfe
noch gotteslästerlich von Untertanen rede, daß die Formel „Mit Gott für
König und Vaterland” den Fürsten gleichsam des Vaterlandes beraube.
Aber alle solche Makel der großen Erhebung gilt es als schlimme alte
Gewohnheiten zu übersehen; „dem Gebildeten soll sich das Herz erheben
beim Anbruche seines Vaterlandes”. Beim Anbruche seines Vaterlandes --
die aus der Ferne leidenschaftslos zurückblickende Gegenwart mag diese
schöne Bezeichnung der Freiheitskriege bestätigen, welche die hart
enttäuschten Zeitgenossen kummervoll zurücknahmen.
Auch zu einer rein publizistischen Arbeit ward der Denker durch die
Sorge um den Neubau des Vaterlandes veranlaßt. Alsbald nach dem Aufrufe
des Königs an sein Volk schreibt er den vielgenannten „Entwurf einer
politischen Schrift”. Die wenigen Blätter sind unschätzbar nicht bloß
als ein getreues Bild seiner Weise zu arbeiten -- denn hier, in der
Tat, sehen wir ihn pochen und graben nach der Wahrheit, den Verlauf des
angestrengten Schaffens unterbrechen mit einem nachdenklichen „Halt,
dies schärfer!” und die Schlacken der ergründeten Wahrheit emporwerfen
aus der Grube -- sondern mehr noch, weil uns hier Fichte entgegentritt
als der erste namhafte Verkündiger jener Ideen, welche heute
Deutschlands nationale Partei bewegen. Schon oft war, bis hinauf in die
Kreise der Mächtigsten, der Gedanke eines preußischen Kaisertums über
Norddeutschland angeregt worden. Hier zuerst verkündet ein bedeutender
Mann mit einiger Bestimmtheit den Plan, den König von Preußen als einen
„Zwingherrn zur Deutschheit” an die Spitze des gesamten Vaterlandes
zu stellen. Parteien freilich im heutigen Sinne kannte jene Zeit noch
nicht, und Fichte am wenigsten hätte sich der Mannszucht einer Partei
gefügt; er schreibt seine Blätter nur nieder, damit „diese Gedanken
nicht untergehen in der Welt”. Aber kein Parteimann unserer Tage mag
das tödliche Leiden unseres Volkes, daß es mediatisiert ist, klarer
bezeichnen als er mit den Worten, das deutsche Volk habe bisher an
Deutschland Anteil genommen allein durch seine Fürsten. Noch immer
schwebt ihm als höchstes Ziel vor Augen eine „Republik der Deutschen
ohne Fürsten und Erbadel”, doch er begreift, daß dieses Ziel in
weiter Ferne liege. Für jetzt gilt es, daß „die Deutschen sich selbst
mit Bewußtsein machen”. -- „Alle großen deutschen Literatoren sind
gewandert,” ruft er stolz; und jenes freie Nationalgefühl, das diese
glänzenden Geister trieb, die Enge ihres Heimatlandes zu verlassen,
muß ein Gemeingut des Volkes werden, damit zuletzt der Einzelstaat als
überflüssig hinwegfalle. Ein haltbarer Nationalcharakter wird gebildet
zunächst durch die Freiheit, denn „ein Volk ist nicht mehr umzubilden,
wenn es in einen regelmäßigen Fortschritt der freien Verfassung
hineingekommen”. Aber auch im Kriege wird ein Volk zum Volke, und hier
spricht er ein Wort, dessen tiefster Sinn sich namentlich in Fichtes
Heimatlande als prophetisch bewährt hat: „Wer den gegenwärtigen Krieg
nicht mitführen wird, wird durch kein Dekret dem deutschen Volke
einverleibt werden können.” Als einen Erzieher zur Freiheit, zur
Deutschheit brauchen wir einen Kaiser. Österreich kann die Hand nie
erheben zu dieser Würde, weil es unfrei und in fremde undeutsche Händel
verwickelt ist; sein Kaiser ist durch sein Hausinteresse gezwungen,
„deutsche Kraft zu brauchen für seine persönlichen Zwecke”. Preußen
aber „ist ein eigentlich deutscher Staat, hat als Kaiser durchaus
kein Interesse zu unterjochen, ungerecht zu sein. Der Geist seiner
bisherigen Geschichte zwingt es fortzuschreiten in der Freiheit, in den
Schritten zum Reich (das will sagen: zum Vernunftreiche); nur so kann
es fortexistieren, sonst geht es zugrunde”.
So -- nicht eingewiegt, nach der gemeinen Weise der Idealisten, in
leere Illusionen, aber auch nicht ohne frohe Hoffnung ist Fichte
in den Tod gegangen für sein Land. Welch ein Wandel seit den Tagen
der Revolutionskriege, da er der Geliebten noch vorhielt, daß sie
gleichgültig sei gegen die Welthändel! Der Schwung der großen Zeit,
die opferbereite Empfindung weiblichen Mitgefühls führt jetzt Johanna
Fichte unter die wunden Krieger der Berliner Hospitäler. Alle guten und
großen Worte des Gatten von der Macht der göttlichen Gnade werden ihr
lebendig und strömen von ihrem Munde, da sie die unbärtigen Jünglinge
der Landwehr mit dem hitzigen Fieber ringen, in letzter Schwäche, in
unbezwinglichem Heimweh die Heilung von sich weisen sieht. In den
ersten Tagen des Jahres 1814 bringt sie das Fieber in ihr Haus. Einen
Tag lang verweilt der Gatte an ihrem Lager, eröffnet dann gefaßt seine
Vorlesungen und findet, zurückgekehrt, die Totgeglaubte gerettet. In
diesen Stunden des Wiedersehens, meint der Sohn, mag den starken Mann
der Tod beschlichen haben. In seine letzten Fieberträume fiel noch
die Kunde von der Neujahrsnacht 1814, da Blücher bei der Pfalz im
Rheine den Grenzstrom überschritt und das feindliche Ufer widerhallte
von den Hurrarufen der preußischen Landwehr. Unter solchen Träumen von
kriegerischer Größe ist der streitbare Denker verschieden am 27. Januar
1814. Sein Lob mag er selber sagen: „Unser Maßstab der Größe bleibe der
alte: daß groß sei nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil
über die Völker bringen, fähig sei und von ihnen begeistert.”
Seitdem ist eine lange Zeit vergangen, Fichtes Name ist im Wechsel
gepriesen worden und geschmäht, ist aufgetaucht und wieder
verschwunden. Als die kriegerische Jugend, heimkehrend von den
Schlachtfeldern, in die Hörsäle der Hochschulen zurückströmte, da
erst ward offenbar, wie tief das Vorbild des „Vaters Fichte” in den
jungen Seelen haftete. „Die Jugend soll nicht lachen und scherzen, sie
soll ernsthaft und erhaben sein”, war seine Mahnung, und wirklich,
wie Fichtes Söhne erschienen diese spartanischen Jünglinge, wie
sie einherschritten in trutziger Haltung, abgehärteten Leibes, in
altdeutscher Tracht, hochpathetische Worte voll sittlichen Zornes und
vaterländischer Begeisterung redend. Die Ideen, welche diese jungen
Köpfe entzückten, lagen zwar tief begründet in der ganzen Richtung der
Zeit, aber unzweifelhaft gebührt den Lehren Fichtes daran ein starker
Anteil. Vor seinem Bilde, dessen lautere Hoheit uns kein Schopenhauer
hinwegschmähen wird, erfüllte sich das junge Geschlecht mit jenen
Grundsätzen herber Sittenstrenge, die unseren Hochschulen eine heilsame
Verjüngung brachten. Und welch ein Vorbild der „Deutschheit” besaß die
Jugend in ihm, der aus der dumpfen Gemütlichkeit des kursächsischen
Lebens sich emporrang zu jenem vornehmen Patriotismus, welcher nur noch
„Deutsche schlechtweg” kennen wollte und den Kern unserer Nation in der
norddeutsch-protestantischen Welt erblickte. Mochte er immerhin seinen
politischen Ideen die abwehrende Weisung hinzufügen: „Auf Geheiß der
Wissenschaft soll die Regierung jene bändigen und strafen, welche diese
Lehren auf die Gegenwart anwenden”: -- die Jugend wußte nichts von
solcher Unterscheidung. Die Hoheit seiner Ideen und der Radikalismus
seiner Methode wirkten berauschend auf die deutschen Burschen. „Der
deutsche Staat ist in der Tat einer; ob er nun als einer oder mehrere
erscheine, tut nichts zur Sache” -- solcher Worte diktatorischer Klang
drang tief in die jungen Seelen. Die Vorstellung, daß das Bestehende
schlechthin unberechtigt sei und einem deutschen Reiche weichen müsse,
ward durch Fichtes Lehren mächtig gefördert.
Als eine edle Barbarei hat man treffend die Stimmung der Burschenschaft
bezeichnet, und auch an den Sünden dieser edlen Barbaren ist Fichte
nicht schuldlos. Seine mönchische Strenge spiegelt sich wider in
dem altklugen, unjugendlichen Wesen, das uns so oft zurückstößt
von der wackeren teutonischen Jugend. Wenn er immer wieder die
Bildung des Charakters betonte, war es da zu verwundern, daß
schließlich die Jugend, die den Wert eines gereiften Charakters
noch nicht zu beurteilen vermag, mit Vorliebe den polternden
Moralpredigern folgte und an alle glänzenden Geister unseres Volkes
den Maßstab der „Gesinnungstüchtigkeit” legte? Wenn er unermüdlich
die Jugend darstellte als den noch reinen Teil der Nation und die
„Wissenschaftlichen” als die natürlichen Lenker des Volkes: -- mußte
da nicht endlich die Anmaßung aufwuchern in der wissenschaftlichen
Jugend? -- „Unser Urteil hat das Gewicht der Geschichte selbst, es ist
vernichtend!” -- in solchen Reden, die im Burschenhause zu Jena, als
Arnold Ruge jung war, widerhallten, offenbart sich die Kehrseite des
Fichteschen Geistes. Fichte starb zu früh; bei längerem Leben wäre all
seine wache Sorge dahin gegangen, die edle Barbarei der Jugend maßvoll
und bescheiden zu erhalten. Weder Luden noch Oken oder Fries, und am
allerwenigsten der alte Jahn stand hoch genug, um die spartanische
Rauheit des jungen Geschlechts zu mäßigen. -- Vornehmlich in dieser
sittlichen Einwirkung auf die Gesinnung des werdenden Geschlechts liegt
Fichtes Bedeutung für die Geschichte unserer nationalen Politik -- und
wer darf leugnen, daß der Fluch dieses Wirkens tausendmal überboten
ward von dem Segen? Nimmermehr wird diesem Denker gerecht, wer ihn
lediglich beurteilt als einen politischen Schriftsteller. Der Publizist
mag lächeln über Fichtes ungeübten politischen Scharfblick, der
„Gelehrte von Metier” mag erschrecken vor seiner mangelhaften Kenntnis
der politischen Tatsachen; aber hoch über die Fachgelehrten und die
Publizisten hinaus erhebt sich der Redner an die deutsche Nation, wenn
er mit der Kühnheit des Propheten das Ethos unserer nationalen Politik
verkündet, wenn er den zersplitterten Deutschen den Geist der echten
Vaterlandsliebe predigt, der über den Tod hinaus zu hassen und zu
lieben vermag.