Noch immer, leider, werden übergeistreiche Beurteiler nicht müde,

das Bild des Denkers in eine falsche Beleuchtung zu rücken. Man

nennt ihn einen Gesinnungsgenossen der Romantiker -- ihn, dessen

spartanische Strenge so recht den Gegensatz bildet zu der vornehm

spielenden Ironie der Romantiker -- ihn, der, obwohl nicht frei von

mystischen Stimmungen, dennoch als ein herber Protestant, für alle

katholisierenden Richtungen nur Worte schärfster Verachtung hatte.

Auch Fichte genoß ein wenig von dem Segen jener schönen, reizvollen

Geselligkeit, welche die Gegenwart nicht mehr kennt; geistreiche Frauen

saßen zu seinen Füßen und stritten sich um die Ehre, ihm Famulusdienste

zu leisten, wenn er über die höchsten Gegenstände der Erkenntnis

sprach. Und doch ist nie ein Mann freier gewesen von jeder romantischen

Vergötterung der Frauen. Abhängigkeit, Bedürftigkeit war ihm das Wesen

des Weibes. Leidenschaftslos, voll warmer, treuer Zuneigung steht

er ehrenfest neben seinem Weibe, gleich einem jener derben Bürger

auf alten deutschen Holzschnitten; kein schöneres Lob weiß er ihr zu

sagen als „männlichere Seele, Johanna!” -- Das Ärgste aber in der

Umkehrung der Wissenschaft hat Stahl geleistet; er nennt Napoleon

das verkörperte weltschaffende Ich Fichtes. Also, in dem Helden der

souveränen Selbstsucht wäre Fleisch geworden das System des deutschen

Denkers, der unermüdlich eifert, es sei die Seligkeit des Ich, sich

der Gattung zu opfern?! -- Auch das ist vielen ein Rätsel gewesen, wie

dieser schroffe, schneidige Charakter gerade aus dem obersächsischen

Stamme hervorgehen konnte. Er selber sagt von seiner Heimat, sie berge

„einen Grad von Aufklärung und vernünftiger Religionskenntnis, wie ihn

in dieser Ausdehnung gegenwärtig kein Land in Europa besitzt”. Doch

das alles sei „durch eine mehr als spanische Inquisition eingezwängt.

Daraus entsteht denn eine knechtische, lichtscheue, heuchlerische

Denkungsart.” In der Tat, alle Voraussetzungen echter Geistesfreiheit,

eine Fülle von Bildungsmitteln, eine weit verbreitete Volkskultur waren

vorhanden in dem Mutterlande der Reformation. Aber Druck von oben und

das Übermaß geistigen Schaffens, dem kein großes politisches Wirken

das Gegengewicht hielt, hatten in dem ohnedies mehr elastischen als

massiven Stamme endlich jene Schmiegsamkeit und Höflichkeit erzeugt,

welche schroffe, reformatorische Naturen nur schwer erträgt. Nächst dem

schwäbischen hat das obersächsische Land die größte Zahl von Helden

des deutschen Geistes geboren; aber Obersachsen verstieß die Mehrzahl

seiner freieren Söhne. In allen diesen Heimatlosen, in Pufendorf und

Thomasius, in Lessing und Fichte, erhebt sich der freie Geist, der

solange mit der zahmen Sitte seiner Umgebung gerungen, zu schroffem

Stolze; rücksichtsloser Freimut wird ihnen allen zur Leidenschaft. --

Dem Vielgewanderten kamen endlich frohere Tage, als eine Änderung

seiner äußeren Lage ihm erlaubte, seine treue Johanna heimzuführen,

und der Ruf ihn traf zu der Stelle, die ihm gebührte, zum akademischen

Lehramte in Jena. Schon der erste Plan des jungen Mannes war der kecke

Gedanke gewesen, eine Rednerschule zu gründen in einem Volke ohne

Rednerbühne. Nach seiner Auffassung der Geschichte wurden alle großen

Weltangelegenheiten dadurch entschieden, daß ein freiwilliger Redner

sie dem Volke darlegte, und er selber war zum Redner geboren. Zur

Tat berufen sind jene feurigen Naturen, denen Charakter und Bildung

zusammenfallen, jede Erkenntnis als ein lebendiger Entschluß in der

Seele glüht; doch nicht das unmittelbare Eingreifen in die Welt

konnte den weltverachtenden Denker reizen. Von ihm vor allen gilt das

Stichwort des philosophischen Idealismus jener Tage, daß es für den

wahrhaft sittlichen Willen keine Zeit gibt, daß es genügt, der Welt den

Anstoß zum Guten zu geben. Auf den Willen der Menschen zu wirken, des

Glaubens, daß daraus irgendwo und irgendwann die rechte Tat entstehen

werde, das war der Beruf dieses eifernden geselligen Geistes. Daher

jener Brustton tiefster Überzeugung, der, wie alles Köstlichste des

Menschen, sich nicht erklären noch erkünsteln läßt. Daher auch der

Erfolg -- in diesem seltenen Falle ein sehr gerechter Richter --

denn was der große Haufe sagt: „ihm ist es Ernst”, das bezeichnet

mit plumpem Wort und feinem Sinn den geheimsten Zauber menschlicher

Rede. Vergeblich suchen wir bei Fichte jene Vermischung von Poesie

und Prosa, womit romanische Redner die Phantasie der Hörer zu blenden

lieben. Sogar die Neigung fehlt ihm, freie Worte als ein Kunstwerk

abzuschließen; der Adel der Form soll sich ihm gleich der guten Sitte

ungesucht ergeben aus der vollendeten Bildung. Nur aus der vollkommenen

Klarheit erwächst ihm jede Bewegung des Herzens; die Macht seiner Rede

liegt allein begründet in dem Ernste tiefen gewissenhaften Denkens,

eines Denkens freilich, das sichtbar vor unseren Augen entsteht.

Er strebt nach der innigsten Gemeinschaft mit seinen Hörern; an

der Energie seines eigenen Denkens soll ihre Selbsttätigkeit sich

entzünden; er liebt es, „eine Anschauung im Diskurs aus den Menschen

zu entwickeln”. „Ich würde”, sagt er schon in einer Jugendschrift,

„die Handschrift ins Feuer werfen, auch wenn ich sicher wüßte, daß sie

die reinste Wahrheit, auf das bestimmteste dargestellt, enthielte,

und zugleich wüßte, daß kein einziger Leser sich durch eigenes

Nachdenken davon überzeugen würde.” Diese Selbstbesinnung des Hörers

zu erwecken, ihn hindurchzupeitschen durch alle Mühsal des Zweifels,

angestrengter geistiger Arbeit -- dies ist der höchste Triumph seiner

Beredsamkeit, und es ist da kein Unterschied zwischen den „Reden” und

den Druckschriften; alle seine Werke sind Reden, das Denken selber

wird ihm alsbald zur erregten Mitteilung. Ein Meister ist er darum in

der schweren Kunst des Wiederholens; denn wessen Geist fortwährend

und mit schrankenloser Offenheit arbeitet, der darf das hundertmal

Gesagte noch einmal sagen, weil es ein Neues ist in jedem Augenblicke,

wie jeder Augenblick ein neuer ist. Doch vor allem, er denkt groß

von seinen Hörern, edel und klug zugleich hebt er sie zu sich empor,

statt sich zu ihnen herabzulassen. Die Jugend vornehmlich hat dies

dankend empfunden; denn der die Menschheit so hoch, das gegenwärtige

Zeitalter so niedrig achtete, wie sollte er nicht das werdende

Geschlecht lieben, das noch rein geblieben war von der Seuche der

Zeit? Der stets nur den ganzen Menschen zu ergreifen trachtete, er

war der geborene Lehrer jenes Alters, das der allseitigen Ausbildung

der Persönlichkeit lebt, bevor noch die Schranken des Berufs den

Reichtum der Entwicklung beengen. Endlich -- fassen wir die Größe des

Redners in dem einen von tausend Hörern wiederholten Lobe zusammen

--, was er sprach, das war er. Wenn er die Hörenden beschwor, eine

Entschließung zu fassen, nicht ein schwächliches Wollen irgend einmal

zu wollen, wenn er die Macht des Willens mit Worten verherrlichte,

die selbst einem Niebuhr wie Raserei erschienen: da stand er selber,

die gedrungene überkräftige Gestalt mit dem aufgeworfenen Nacken,

den streng geschlossenen Lippen, strafenden Auges, nicht gar so mild

und ruhig, wie Wichmanns Büste ihn zeigt, welche die Verklärung des

Toten verkörpert, voll trotzigen Selbstgefühles und doch hoch erhaben

über der Schwäche beliebter Redner, der persönlichen Eitelkeit -- in

jedem Zuge der Mann der durchdachten Entschließung, die des Gedankens

Blässe nicht berührte. Darum hat sich von allen Lehrern, die neuerdings

an deutschen Hochschulen wirkten, sein Bild den jungen Gemütern am

tiefsten eingegraben; sein Schatten ist geschritten durch die Reihen

jener streitbaren Jugend, die für uns blutete und in seinem Sinne ein

Leben ohne Wissenschaft höher achtete denn eine Wissenschaft ohne Leben.

Jene „mehr als spanische Inquisition” seiner Heimat sollte endlich

auch ihn ereilen. Eine pöbelhafte Anklage bezichtigte Fichte bei dem

kursächsischen Konsistorium des Atheismus und vertrieb ihn aus Jena,

weil er nicht imstande war, den Schein des Unrechts auf sich zu nehmen,

wo sein Gewissen ihm recht gab. Da wollte eine glückliche Fügung, daß

der Rat des Ministers Dohm ihn nach Preußen führte, in den Staat, der

gerade diesem Manne eine Heimat werden mußte. Der Staat Preußen hat den

Lehrer und Philosophen zum Patrioten gebildet.

Ein strenger Geist harter Pflichterfüllung war diesem Volke eingeprägt

durch das Wirken willensstarker Fürsten, fast unmenschlich schwer

die Lasten, die auf Gut und Blut der Bürger drückten. Was andere

schreckte, Fichte zog es an. Nur das eine mochte ihn abstoßen, daß

jener Sinn der Strenge schon zu weichen begann, daß zu Berlin bereits

ein Schwelgen in weichlichen unpoetischen Empfindungen, eine seichte,

selbstzufriedene Aufklärung sich brüstete, deren Haupt Nicolai unser

Held bereits in einer seiner totschlagenden humorlosen Streitschriften

gezüchtigt hatte. Ein rührender Anblick, wie nun der Kühnste der

deutschen Idealisten den schweren Weg sich bahnt, den alle Deutschen

jener Tage zu durchschreiten hatten, den Weg von der Erkenntnis der

menschlichen Freiheit zu der Idee des Staates: wie ihn, dem die

Außenwelt gar nicht bestand, die Erfahrung belehrt und verwandelt. Noch

zur Zeit der Austerlitzer Schlacht konnte er schreiben: „Welches ist

denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers?

Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter

derjenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Kultur steht. Mögen

doch die Erdgeborenen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dem Berge

ihr Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie

behalten, was sie wollten und was sie beglückt. Der sonnenverwandte

Geist wird unwiderstehlich angezogen werden und hin sich wenden, wo

Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinne können wir über die

Handlungen und Schicksale der Staaten uns beruhigen, für uns selbst und

für unsere Nachkommen bis an das Ende der Tage.” Dann ward durch den

Wandel der Weltgeschicke auch der Sinn des weltverachtenden Philosophen

nicht verwandelt, aber vertieft und zu hellerem Verständnis seiner

selbst geführt. Kein Widerspruch allerdings, aber eine höchst verwegene

Weiterentwicklung, wenn Fichte jetzt erkennt, daß der Deutsche Licht

und Recht nur in Deutschland finden könne. Er begreift endlich, daß

der Kosmopolitismus in Wirklichkeit als Patriotismus erscheine, und

verweist den einzelnen auf sein Volk, das „unter einem besonderen

Gesetze der Entwicklung des Göttlichen aus ihm” stehe. --

Längst schon war der Philosoph der freien Tat durch das Wesen seines

Denkens auf jene Wissenschaft geführt worden, welche den nach außen

gerichteten Willen in seiner großartigsten Entfaltung betrachtet.

Aber sehr langsam nur lernte er die Würde, den sittlichen Beruf des

Staates verstehen. Auch er sah -- gleich der gesamten deutschen

Staatswissenschaft, die ihre Heimat noch allein auf dem Katheder fand

-- im Staate zuerst nur ein notwendiges Übel, eine Anstalt des Zwanges,

gegründet durch freiwilligen Vertrag, um das Eigentum der Bürger zu

schützen. Unversöhnlichen Krieg kündete er dem Gedanken an, daß der

Fürst für unsere Glückseligkeit sorge: „Nein, Fürst, du bist nicht

unser Gott; gütig sollst du nicht gegen uns sein, du sollst gerecht

sein.” Diese Rechtsanstalt des Staates aber soll sich entwickeln zur

Freiheit, also daß jeder das Recht habe, „kein Gesetz anzuerkennen, als

welches er sich selbst gab”; der Staat muß das Prinzip der Veränderung

in sich selber tragen. -- Der also dachte, war längst gewohnt, von dem

vornehmen und geringen Pöbel sich einen Demokraten schelten zu lassen.

Und radikal genug, mit dem harten rhetorischen Pathos eines Jakobiners,

hatte er einst die Revolution begrüßt als den Anbruch einer neuen

Zeit, und die staatsmännische Kälte, womit Rehberg die große Umwälzung

betrachtete, gröblich angegriffen. Mit grimmiger Bitterkeit hatte

er dann die Denkfreiheit zurückgefordert von den Fürsten; denn die

einzigen Majestätsverbrecher sind jene, „die euch anraten, eure Völker

in der Blindheit und Unwissenheit zu lassen und freie Untersuchungen

allerart zu hindern und zu verbieten”.

Doch im Grunde ward sein Geist nur von einer Erscheinung der Revolution

mächtig angezogen: von dem Grundsatze der Gleichheit des Rechts für

alle Stände. Privilegien fanden keine Gnade vor diesem konsequenten

Kopfe: aus seinen heftigen Ausfällen wider den Adel redet der Zorn

des sächsischen Bauernsohns, der eben jetzt seine mißhandelten

Standesgenossen sich erheben sah gegen ihre adligen Bedrücker. Sehr

fern dagegen stand er den Ideen der modernen Demokratie, welche die

freieste Bewegung des Einzelnen im Staate verlangen; eine harte

Rechtsordnung sollte jede Willkür des Bürgers bändigen. Dieser

despotische Radikalismus trat in seiner ganzen Starrheit hervor, als

er jetzt das Gebiet des „Naturrechts” verließ und das wirtschaftliche

Leben der Völker betrachtete. In sozialistischen Ideen ist jederzeit

der verwegenste Idealismus mit dem begehrlichsten Materialismus

zusammengetroffen. Durch die Mißachtung des banausischen Getriebes der

Volkswirtschaft wurde Platon auf das Idealbild seiner kommunistischen

Republik und die Alten alle zu dem Glaubenssatze geführt, daß der gute

Staat des Notwendigen die Fülle besitzen müsse; durch die Überschätzung

der materiellen Güter gelangten die modernen Kommunisten zu ihren

luftigen Lehren. Und wieder die Verachtung alles weltlichen Genusses

verleitete den deutschen Philosophen zu dem vermessenen Gedanken: der

Staat, als eine lediglich für die niederen Bedürfnisse des Menschen

bestimmte Zwangsanstalt, müsse sorgen für die gleichmäßige Verteilung

des Eigentums. Solchem Sinne entsprang die despotische Lehre von dem

„geschlossenen Handelsstaate”, der in spartanischer Strenge sich

absperren sollte von den Schätzen des Auslandes und das Schaffen der

Bürger also regeln sollte, daß ein jeder leben könne von seiner Arbeit.

Auf dem Gebiete des Rechtes und der Wirtschaft gelang es dem Idealisten

wenig, die Welt für sich zurecht zu legen. Indessen sank der Staat

der Deutschen tief und tiefer. „Deutsche Fürsten”, ruft Fichte

zornig, „würden vor dem Dei von Algier gekrochen sein und den Staub

seiner Füße geküßt haben, wenn sie nur dadurch zum Königstitel hätten

kommen können.” In diesen Tagen der Schmach brach ihm endlich die

Erkenntnis an von dem Tiefsinn und der Größe des Staatslebens. Er sah

vor Augen, wie mit dem Staate auch die Sittlichkeit der Deutschen

verkümmerte, er begriff jetzt, daß dem Staate eine hohe sittliche

Pflicht auferlegt sei, die Volkserziehung. Auf diesem idealsten

Gebiete der Staatswissenschaft hat Fichte seine tiefsten politischen

Gedanken gedacht. Wir fragen erstaunt: wie nur war es möglich? Ist doch

dem Politiker die Erfahrung nicht eine Schranke, sondern der Inhalt

seines Denkens. Hier gilt es nach Aristoteles Vorbild, mit zur Erde

gewandtem Blicke eine ungeheuere Fülle von Tatsachen zu beherrschen,

Ort und Zeit abwägend zu schätzen, die Gewalten der Gewohnheit, der

Trägheit, der Dummheit zu berechnen, den Begriff der Macht zu erkennen,

jenes geheimnisvolle allmähliche Wachsen der geschichtlichen Dinge zu

verstehen, das die moderne Wissenschaft mit dem viel mißbrauchten Worte

„organische Entwicklung” bezeichnet. Wie sollte er dies alles erkennen?

Er, dessen Bildung in die Tiefe mehr als in die Breite ging, der die

Menschheit zur Pflanze herabgewürdigt sah, wenn man redete von dem

langsamen natürlichen Reifen des Staates? Er hat es auch nicht erkannt;

nicht einen Schritt weit kam sein Idealismus der Wirklichkeit entgegen.

Aber er lebte in Zeiten, da allein der Idealismus uns retten konnte,

in einem Volke, das, gleich ihm selber, von den Ideen der Humanität

erst herabstieg zur Arbeit des Bürgertums, in einer Zeit, die nichts

dringender bedurfte als jenen „starken und gewissen Geist”, den er ihr

zu erwecken dachte. Mit der Schlacht von Jena schien unsere letzte

Hoffnung gebrochen; „der Kampf” -- so schildert Fichte das Unheil

und den Weg des Heils -- „der Kampf mit den Waffen ist beschlossen;

es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der

Sitten, des Charakters.” Wohl mögen wir erstaunen, wie klar der Sinn

des nahenden Kampfes in diesen Tagen der Ermannung von allen verstanden

ward, wie diese Worte Fichtes überall ein Echo fanden. Die Regierung

selber erkannte, daß allein ein Volkskrieg retten könne, allein die

Entfesselung aller Kräfte der Nation, der sittlichen Mächte mehr noch

als der physischen -- „einer der seltenen, nicht oft erlebten Fälle,”

sagt Fichte rühmend, „wo Regierung und Wissenschaft übereinkommen.”

So, gerade so, auf dieser steilen Spitze mußten die Geschicke unseres

Volkes stehen, einen Krieg der Verzweiflung mußte es gelten um alle

höchsten Güter des Lebens, eine Zeit mußte kommen von jenen, die

wir die großen Epochen der Geschichte nennen, da alle schlummernden

Gegensätze des Völkerlebens zum offenen Durchbruch gelangen, die Stunde

mußte schlagen für eine Staatskunst der Ideen, wenn gerade dieser

Denker unmittelbar eingreifen sollte in das staatliche Leben.

Nicht leicht ward ihm, seine Stelle zu finden unter den Männern, die

dieser Staatskunst der Ideen dienten. Denn was den Nachlebenden als

das einfache Werk einer allgemeinen fraglosen Volksstimmung erscheint,

das ist in Wahrheit erwachsen aus harten Kämpfen starker eigenwilliger

Köpfe. Wie fremd stehen sie doch nebeneinander: unter den Staatsmännern

Stein, der Gläubige, der schroffe Aristokrat, und Hardenberg, der

Jünger französischer Aufklärung, und Humboldt, der moderne Hellene,

und Schön, der trotzige Kantianer; unter den Soldaten die denkenden

Militärs, die Scharnhorst und Clausewitz, denen die Kriegskunst

als ein Teil der Staatswissenschaft erschien, und Blücher, dem der

Schreibtisch Gift war, der eines nur verstand -- den Feind zu schlagen,

und York, der Mann der alten militärischen Schule, der Eiferer wider

das Nattergezücht der Reformer; unter den Denkern und Künstlern

neben Fichte Schleiermacher, dessen Milde jener als leichtsinnig und

unsittlich verwarf, und Heinrich v. Kleist, der als ein Dichter mit

unmittelbarer Leidenschaft empfand, was Fichte als Denker erkannte. Ihm

zitterte die Feder in der Hand, wenn er in stürmischen Versen die Enkel

der Kohortenstürmer, die Römerüberwinderbrut zum Kampfe rief. Einen

Schüler Fichtes meinen wir zu hören, wenn Kleist seinem Könige die

Türme der Hauptstadt mit den stolzen Worten zeigt: „Sie sind gebaut, o

Herr, wie hell sie blinken, für beßre Güter in den Staub zu sinken.”

Und er selber war es, der Fichte die höhnenden Verse ins Gesicht warf:

Setzet, ihr träft's mit euerer Kunst und zögt uns die Jugend nun zu

Männern wie ihr; liebe Freunde, was wär's?

Wenn er seine Adler geschändet sah von den Fremden, wie mochte der

stolze Offizier ertragen, daß dieser Schulmeister herantrat, die Nöte

des Augenblicks durch die Erziehung des werdenden Geschlechts zu

heilen? Und dennoch haben sie zusammengewirkt, die Männer, die sich

befehdeten und schalten, einträchtig in dem Kampfe der Idee gegen

das Interesse, der Idee des Volkstums wider das Interesse der nackten

Gewalt.

Schon vor der Schlacht von Jena hatte sich Fichte erboten, mit dem

ausrückenden Heere als weltlicher Prediger und Redner, „als Gesandter

der Wissenschaft und des Talents”, zu marschieren, „denn was” -- ruft

er in seiner kecken, die Weihe des Gedankens mitten in die matte

Wirklichkeit hineintragenden Weise -- „was ist der Charakter des

Kriegers? Opfern muß er sich können; bei ihm kann die wahre Gesinnung,

die rechte Ehrliebe gar nicht ausgehen, die Erhebung zu etwas, das

über dies Leben hinaus liegt.” Doch das letzte Heer des alten Regimes

hätte solchen Geist nicht ertragen. Die Stunden der Schande waren

gekommen. Fichte floh aus Berlin und sprach: „Ich freue mich, daß ich

frei geatmet, geredet, gedacht habe und meinen Nacken nie unter das

Joch des Treibers gebogen.” Auch ihn überwältigte jetzt auf Augenblicke

die Verzweiflung, da er zufrieden sein wollte ein ruhiges Plätzchen

zu finden, und es den Enkeln überlassen wollte zu reden -- „wenn bis

dahin Ohren wachsen zu hören!” Nicht die Zuversicht fand er wieder,

aber die Stärke des Pflichtgefühls, als er nach dem Frieden dennoch

redete zu den Lebendigen ohne Hoffnung für sie, „damit vielleicht

unsere Nachkommen tun, was wir einsehen, weil wir leiden, weil unsere

Väter träumten.” In Stunden einsamer Sammlung war nun sein ganzes Wesen

„geweiht, geheiligt”; der alte Grundgedanke seines Lebens, in eigener

Person das Absolute zu sein und zu leben, findet in dieser weihevollen

Stimmung eine neue religiöse Form, erscheint ihm als die Pflicht

„des Lebens in Gott”. Rettung um jeden Preis -- dieser ungeheueren

Notwendigkeit, die leuchtend vor seiner Seele stand, hatte er manches

geopfert von der Starrheit des Theoretikers. Er pries jetzt sogar

Machiavellis Weisheit der Verzweiflung; denn von der entgegengesetzten,

der niedrigsten Schätzung des Menschenwertes gelangte dieser Verächter

aller hergebrachten Sittlichkeit doch zu dem gleichen Endziele, der

Rettung des großen Ganzen auf Kosten jeder Neigung des Einzelnen.

Gereift und gefestigt ward dieser Ideengang, als Fichte jetzt sich

schulte an den großartig einfachen Mitteln uralter Menschenbildung, an

Luthers Bibel und an der knappen Form, der herben Sittenstrenge des

Tacitus.

Also vorbereitet hielt er im Winter 1807/08, belauscht von fremden

Horchern, oft unterbrochen von den Trommeln der französischen

Besatzung, zu Berlin die „Reden an die deutsche Nation”. Sie sind das

edelste seiner Werke, denn hier war ihm vergönnt, unmittelbar zu wirken

auf das eigentlichste Objekt des Redners, den Willen der Hörer; ihnen

eigen ist im vollen Maße jener Vorzug, den Schiller mit Recht als das

Unterpfand der Unsterblichkeit menschlicher Geisteswerke pries, doch

mit Unrecht den Schriften Fichtes absprach, daß in ihnen ein Mensch,

ein einziger und unschätzbarer, sein innerstes Wesen abgebildet habe.

Doch auch der Stadt sollen wir gedenken, die, wie eine Sandbank in dem

Meere der Fremdherrschaft, dem kühnen Redner eine letzte Freistatt bot;

die hocherregte Zeit und die hingebend andächtigen Männer und Frauen

sollen wir preisen, welche des Redners schwerem Tiefsinn folgten, den

selbst der Leser heute nur mit Anstrengung versteht. Riesenschritte --

hebt Fichte an -- ist die Zeit mit uns gegangen; durch ihr Übermaß hat

die Selbstsucht sich selbst vernichtet. Doch aus der Vernichtung selber

erwächst uns die Pflicht und die Sicherheit der Erhebung. Damit die

Bildung der Menschheit erhalten werde, muß diese Nation sich retten,

die das Urvolk unter den Menschen ist durch die Ursprünglichkeit ihres

Charakters, ihrer Sprache. -- Unterdrücken wir strenge das wohlweise

Lächeln des Besserwissens. Denn fürwahr ohne solche Überhebung hätte

unser Volk den Mut der Erhebung nie gefunden wider die ungeheuere

Übermacht. Freuen wir uns vielmehr an der feinen Menschenkenntnis des

Mannes, der sich gerechtfertigt hat mit dem guten Worte: „Ein Volk

kann den Hochmut gar nicht lassen, außerdem bleibt die Einheit des

Begriffs in ihm gar nicht rege.” -- Diesem Urvolke hält der Redner den

Spiegel seiner Taten vor. Er weist unter den Werken des Geistes auf die

Größe von Luther und Kant, unter den Werken des Staates -- er, der in

Preußen wirkte und Preußen liebte -- auf die alte Macht der Hansa und

preist also die streitbaren, die modernen Kräfte unseres Volkstums --

im scharfen und bezeichnenden Gegensatze zu Fr. Schlegel, der in Wien

zu ähnlichem Zwecke an die romantische Herrlichkeit der Kaiserzeit

erinnerte.

Deutsche Lebensbilder · 第 3 / 25 段