Mächtiger als diese dunklen, erscheinen doch die lichten, die

trostvollen Zeichen der Zeit. Das Gefühl einer tiefen inneren

Verwandtschaft verbindet die Gegenwart mit den Zeiten Luthers, zwingt

den Künstler unwillkürlich, die Bauformen des sechzehnten Jahrhunderts

wieder aufzunehmen, den Gelehrten sich forschend in jene Zeit des

Sturmes zu versenken. Vieles, was Luthers Tage nur ahnen konnten, hat

unser Jahrhundert erst gestaltet und vollendet. Die neue Welt, die

damals entdeckte, tritt jetzt erst in die Weltgeschichte ein, und ihre

zukunftreichsten Lande gehören dem evangelischen Glauben, fern am

Stillen Ozean denken in diesen Tagen fromme Herzen des Landes, wo die

Wiege Martin Luthers stand; die Buchdruckerkunst bewährt sich jetzt

erst als eine völkerverbindende Macht; die Einheit Deutschlands und

Italiens steht aufrecht, und nach unseren deutschen Krummstabslanden

ist auch der letzte und schlechteste der geistlichen Staaten, der

Kirchenstaat des Papstes, ins Grab gesunken; die Freiheit des Denkens

und des Glaubens ist allen Völkern der gesitteten Welt gesichert, und

in der evangelischen Kirche arbeitet noch immer die ungebrochene Kraft

eines starken Lebens. Der Unfriede, der sie erfüllt, beweist doch

nur, daß die Religion in unseren Tagen die Herzen wieder tiefer und

stärker ergreift, als einst im Zeitalter der Aufklärung. Und mitten

im Hader sind ihr doch zwei Taten des Friedens gelungen: sie hat die

getrennten Schwesterkirchen des Protestantismus zur evangelischen

Union verbunden, und eben jetzt ist sie überall am Werke, den so lange

verkümmerten Gedanken der Gemeindekirche in den Formen ihrer Verfassung

auszugestalten.

In so reicher Zeit soll kein guter Protestant die Hoffnung aufgeben,

daß dereinst noch schönere Tage kommen werden, da unser gesamtes Volk

in Martin Luther seinen Helden und Lehrer verehrt. Wir wissen alle, vor

Zeiten gereichte es unserem Vaterlande zum Heile, daß die Reformation

nur einen halben Erfolg errang; vollkommen siegreich, allein

herrschend, hätte die evangelische Kirche jenen Geist menschlicher

weitherziger Duldung, der heute im deutschen Leben überwiegt,

schwerlich aufkommen lassen. Doch die Tage, da die Kirchenspaltung

Segen brachte, gehen zu Ende. Seit die römische Kirche mit der

Unfehlbarkeit des Papstes ihr letztes Wort gesprochen hat, empfinden

wir schmerzlicher denn je, welche Kluft die Glieder unseres Volkes

trennt. Diese Kluft zu schließen, das evangelische Christentum wieder

also zu beleben, daß es fähig wird, unsere ganze Nation zu beherrschen

-- das ist die Aufgabe, welche wir erkennen und spätere Geschlechter

dereinst lösen sollen. Nie kann dies Werk gelingen, wenn wir feig den

Berg wieder hinabsteigen, den unsere tapferen Väter im Schweiße ihres

Angesichts erklommen haben. Denn nimmermehr wird eine Priesterkirche

das Volk Martin Luthers um ihre Altäre versammeln. Solches vermag nur

eine Kirche, welche die evangelische Freiheit des Christenmenschen,

die Selbständigkeit des gläubigen, bußfertigen Gewissens anerkennt und

den sittlichen Mächten dieser Welt, vor allem dem Staate, ihr gutes

Recht gewährt. Schwerere Zeiten als die unseren hat der Protestantismus

schon siegreich überstanden: wie viele sind unter uns, deren Ahnen am

Weißen Berge oder bei Lützen sich für das Evangelium schlugen oder

das Brot der Verbannung aßen um ihres Glaubens willen. Getrost und

dankbar dürfen wir am Geburtstage des Reformators sein hochgemutes Lied

anstimmen:

Und ob es währt bis in die Nacht

Und wieder an den Morgen,

Doch soll mein Herz an Gottes Macht

Verzweifeln nicht noch sorgen!

Fichte und die nationale Idee

Fichte und die nationale Idee.

In rascher Folge haben sich in den jüngsten Jahren die Feste gedrängt,

welche das Andenken der großen Männer unseres Volkes feierten. Aber

laut und schneidend klingen in den Jubel der Menge die fragenden

Stimmen der Mahnung und des Spottes: ob wir denn gar nicht müde werden,

uns behaglich die Hände zu wärmen an dem Feuer vergangener Größe?

ob uns denn gar zu wohl sei in dem Bewußtsein einer epigonenhaften

Zeit? ob wir denn ganz vergessen, daß alle Straßen und Plätze von

Athen prunkvoll geschmückt waren mit den Standbildern seiner großen

Männer, zur Zeit da Griechenland des Eroberers Beute ward? -- Nicht

ein Wort mag ich erwidern auf den Vorwurf, daß wir in einem Zeitalter

der Epigonen lebten. Denn mit solchem Willen soll eine jede Zeit sich

rüsten, als ob sie die erste sei, als ob das Höchste und Herrlichste

gerade ihr zu erreichen bestimmt sei; und ruhig mögen wir einem

späteren Jahrhundert überlassen zu entscheiden, ob unser Streben ein

ursprüngliches gewesen -- wie ich denn sicher hoffe, es werde unsern

Tagen dies Lob dereinst nicht fehlen. Aber wohl gebührt sich eine

Antwort auf den anderen Vorwurf der Selbstbespiegelung. Nein, nicht

die Eitelkeit, nicht einmal jene ehrenwerte Pietät, die andere Völker

treibt, ihre großen Toten zu ehren -- ein tieferes Bedürfnis der Seelen

ist es, was gerade jetzt unser Volk bewegt, seiner Helden zu gedenken

mit einer Innigkeit, die von den Fremden vielleicht nur der Italiener

versteht.

Auf uns lastet das Verhängnis, daß wir staatlosen Deutschen die Idee

des Vaterlandes nicht mit Händen greifen an den Farben des Heeres, an

der Flagge jedes Schiffes im Hafen, an den tausend sichtbaren Zeichen,

womit der Staat den Bürger überzeugt, daß er ein Vaterland hat. Nur im

Gedanken lebt dies Land; erarbeiten, erleben muß der Deutsche die Idee

des Vaterlandes. Jeder edlere Deutsche hat entscheidungsvolle Jahre

durchlebt, da ihm im Verkehre mit Deutschen aus aller Herren Ländern

die Erkenntnis anbrach, was deutsches Wesen sei, bis endlich der

Gedanke, daß es ein Deutschland gebe, vor seiner Seele stand mit einer

unmittelbaren Gewißheit, die jedes Beweises und jedes Streites spottet.

Wachsen wir so erst im Verkehre mit den Lebendigen zu Deutschen

heran, so begreift sich das Volk als ein Ganzes in seiner Geschichte.

Und das ist der Sinn jener Feste, deren die politisch tiefbewegte

Gegenwart nicht müde wird, daß wir, rückschauend auf die starken

Männer, die unseres Geistes Züge tragen, erfrischen das Bewußtsein

unseres Volkstums und stärken den Entschluß, daß aus dieser idealen

Gemeinschaft die Gemeinschaft der Wirklichkeit, der deutsche Staat

erwachse. Darum fällt die Feier solcher Tage vornehmlich jenen als

ein unbestrittenes schönes Vorrecht zu, die sich nicht genügen lassen

an dem leeren Worte von der Einigkeit der Deutschen, sondern Kopf und

Hände regen zum Aufbau des deutschen Staates. -- Und das auch ist ein

rühmliches Zeichen für das lebende Geschlecht, daß aus der langen Reihe

von Jahrhunderten, welche dies alte Volk hinter sich liegen sieht und

in der Gegenwart gleichsam neu durchlebt, keine Epoche uns so traulich

zum Herzen redet, uns so das Innerste bewegt, wie jene siebenzig Jahre

seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, da unser Volk sich losrang

zuerst von der Geistesherrschaft, dann von dem politischen Joche

unheimischer Gewalten. Erst heute werden die Helden jener Zeit von

ihrem Volke verstanden, besser oft verstanden als von den Zeitgenossen;

und wenn es ein Herrliches war, eine Zeit zu schauen, die einen Stein

und Goethe gebar, so mögen wir auch als ein Glück preisen, in Tagen zu

leben, die diesen Männern zuerst ganz gerecht geworden.

Ein gesegneter Winkel des obersächsischen Landes fürwahr, der in kaum

hundert Jahren den Deutschen Lessing, Fichte, Rietschel schenkte --

drei Geister im Innersten verwandt, wie fremd sie sich scheinen, der

kühne Zertrümmerer der französischen Regeln unserer Dichtung, der

tapfere Redner und der weiche sinnige Bildhauer -- jeder in seiner

Weise ein Träger der besten deutschen Tugend, der Wahrhaftigkeit.

Ein Dorfwebersohn, wuchs Fichte auf in dürftiger Umgebung, in der

altfränkischen Sitte der Lausitzer Bauern. Frühzeitig und stark

arbeitet er im Innern mit dem Verstande und mehr noch mit dem Gewissen.

Der so begierig lernt, daß er eine Predigt nach dem Hören wiederholen

kann, wie rüstig kämpft er doch gegen die Dinge, die so lebendig auf

ihn eindringen! Das schöne Volksbuch vom hörnernen Siegfried wirft er

in den Bach als einen Versucher, der ihm den Geist ablenkt von der

Arbeit. Als ihm dann durch die Gunst eines Edelmannes eine gelehrte

Erziehung auf der Fürstenschule zu Pforta zuteil wird, stemmt sich

der eigenwillige Knabe wider jene Verkümmerung des Gemüts, welche der

familienlosen Erziehung anhaftet, sein waches Gewissen empört sich

gegen die erzwungene Unwahrhaftigkeit der Gedrückten. Er gesteht seinen

herrischen Oberen den Entschluß der Flucht; er flieht wirklich; auf dem

Wege, im Gebete und im Andenken an die Heimat, kommt das Gefühl der

Sünde über ihn; er kehrt zurück zu offenem Bekenntnis. So früh sind die

Grundzüge seines Wesens gereift, wie zumeist bei jenen Menschen, deren

Größe im Charakter liegt. Der Knabe schon bezeichnet seine Bücher mit

dem Sinnspruch, den der Mann bewährte: =Si fractus illabatur orbis,

impavidum ferient ruinae=.

Schwerer, langsamer entscheidet sich die Richtung seiner Bildung.

Kümmerlich schlägt er sich durch die freudlose Jugend eines armen

Theologen, und sein Stolz -- „die verwahrlosteste Seite meines

Herzens” -- schämt sich bitterlich der Armut. Erst in seinem

siebenundzwanzigsten Jahre wird ihm das Schicksal gütiger. Er sammelt

auf der weiten Fußwanderung nach einer Hauslehrerstelle in Zürich

eine für jene Zeit ziemlich ausgedehnte Erfahrung von dem Elend des

armen leidenden Volkes, er wird in der Schweiz mit der großen Arbeit

der deutschen Literatur vertraut, er lernt in Zürich das schmucklose

Wesen eines ehrenhaften Freistaates verstehen, das seinem schlichten

Stolze zusagt, und findet dort endlich in Johanna Rahn, einer

Nichte Klopstocks, das herrliche Weib seiner Liebe. Eine verwandte

Natur, sehr ernsthaft, wirtschaftlich nach Schweizer Weise, nicht

gar jung mehr und längst schon gewohnt, ihr warmes Blut in strenger

Selbstprüfung zu beherrschen, tritt sie ihm fertig und ruhig entgegen,

und oftmals mochten ihre Augen strenge unter dem Schweizerhäubchen

hervorblicken: „Höre, Fichte, stolz bist du. Ich muß dir's sagen, da

dir's kein anderer sagen kann.” Auch in der abhängigen Stellung des

Hauslehrers weiß er sich seine feste Selbstbestimmung zu wahren; er

zwingt die Eltern, die Erziehung bei sich selber anzufangen, führt ein

gewissenhaftes Tagebuch über ihre wichtigsten Erziehungsfehler. Nach

zwei Jahren sieht er sich wieder in die Welt getrieben; eine Fülle

schriftstellerischer Pläne wird entworfen und geht zugrunde.

Da endlich erschien seines inneren Lebens entscheidende Wendung,

als er, bereits achtundzwanzigjährig, in Leipzig durch einen Zufall

Kants „Kritik der reinen Vernunft” kennen lernte. „Der Hauptendzweck

meines Lebens ist der,” hatte er früher seiner Braut geschrieben, „mir

jede Art von (nicht wissenschaftlicher, ich merke darin viel Eitles,

sondern) Charakterbildung zu geben. Ich habe zu einem Gelehrten von

Metier so wenig Geschick als möglich. Ich will nicht bloß denken, ich

will handeln, ich mag am wenigsten denken über des Kaisers Bart.”

Und mit der gleichen Verachtung wie auf die Gelehrten von Metier

schaute er hinab auf die „Denkerei und Wisserei” der Zeit, auf jene

Nützlichkeitslehre, welche nur darum nach Erkenntnis strebte, um durch

einzelne hastig und zusammenhanglos aufgegriffene Erfahrungssätze

die Mühsal des Lebens bequemer, behaglicher zu gestalten. Der rechte

Gelehrte sollte gar nicht ahnen, daß das Wissen im Leben zu etwas

helfen könne. Sein Trachten stand nach einer Erkenntnis, die ihn

befähige, „ein rechtlicher Mann zu sein, nach einem festen Gesetze und

unwandelbaren Grundsätzen einherzugehen.” Aber woher diese Sicherheit

des Charakters, solange sein Gemüt verzweifelte über der Frage,

die vor allen Problemen der Philosophie ihn von früh auf quälend

beschäftigte, über der Frage von der Freiheit des Willens? Sein

logischer Kopf hatte sich endlich beruhigt bei der folgerichtigen Lehre

Spinozas, wie Goethes Künstlersinn von der grandiosen Geschlossenheit

dieses Systems gefesselt ward. Sein Gewissen aber verweilt zwar

gern bei dem Gedanken, daß das Einzelne selbstlos untergehe in dem

Allgemeinen, doch immer wieder verwirft es die Idee einer unbedingten

Notwendigkeit, denn „ohne Freiheit keine Sittlichkeit”. Welch ein Jubel

daher, als er endlich durch Kant die Autonomie des Willens bewiesen

fand, als er jenes große Wort las, das nur ein Deutscher schreiben

konnte: „Es ist überall nichts in der Welt, überhaupt auch außerhalb

derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte

gehalten werden, als allein ein guter Wille.” Über Kants Werken verlebt

er jetzt seine seligsten Tage; all sein vergangenes Leben erscheint

ihm ein gedankenloses Treiben in den Tag hinein, der Weisheit Kants

verdankt er „seinen Charakter bis auf das Streben, einen haben zu

wollen”. Der Verkündigung dieser Lehre soll nun sein Leben geweiht

sein; „ihre Folgen sind äußerst wichtig für ein Zeitalter, dessen Moral

bis in seine Quellen verderbt ist.” Und zum sicheren Zeichen, daß er

hier einen Schatz von Gedanken gefunden, der seinem eigensten Wesen

entsprach, entfaltete sich jetzt seine Bildung ebenso rasch und sicher,

als sie schwer und tastend begonnen hatte. Eine Reise nach Polen und

Preußen führt ihn zu dem Weisen von Königsberg, dem er ehrfürchtig

naht, „wie der reinen Vernunft selbst in einem Menschenkörper”. Bei

ihm führt er sich ein durch die rasch entworfene Schrift „Kritik aller

Offenbarung, 1791.”

Damit beginnt sein philosophisches Wirken, das näher zu betrachten

nicht dieses Orts noch meines Amtes ist, so reizvoll auch die Aufgabe,

zu verfolgen, wie die Denker nach dem Worte des alten Dichters, die

Leuchte des Lebens gleich den Tänzern im Fackelreigen von Hand zu Hand

geben. Es genüge zu sagen, daß Fichte die Lehre von der Selbständigkeit

und Unabhängigkeit des Willens mit verwegenster Kühnheit bis in ihre

äußersten Folgesätze hindurchführte. Weil die Bestimmung unseres

Geistes sich nur verwirklichen läßt im praktischen Handeln, das

praktische Handeln aber eine Bühne fordert, deshalb und nur deshalb

ist der Geist gezwungen, eine Außenwelt aus sich herauszuschauen und

als eine wirkliche Welt anzunehmen. „Ich bin ja wohl transzendentaler

Idealist,” gesteht Fichte, „härter als Kant, denn bei ihm ist noch ein

Mannigfaltiges der Erfahrung; ich aber behaupte mit dürren Worten, daß

selbst dieses von uns durch ein schöpferisches Vermögen reproduziert

wird.” Hatte Kant die große Wahrheit gefunden, daß die Dinge sich

richten nach der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens: sein

Nachfolger schreitet weiter und behauptet getrost: „die Dinge werden

erst durch unser Ich geschaffen; es gibt kein Sein, sondern nur

Handeln; der sittliche Wille ist die einzige Realität.” Allein an

der Kühnheit dieser Abstraktionen, der verwegensten, die deutscher

Denkermut zu fassen wagte, können wir den aufrechten Trotz des Mannes

ermessen. Zuversichtlich glauben wir ihm, daß „seine wissenschaftliche

Ansicht nur die zur Anschauung gewordene innere Wurzel seines Lebens”

selber war; denn „was für eine Philosophie man wählt, richtet sich

danach, was für ein Mensch man ist”. In sicherem Selbstgefühle faßt

der Mann sich jetzt zusammen, als die namenlose Schrift des Anfängers

für ein Werk des Meisters Kant gehalten wird, und der triviale

Lärm seichter Lobreden ihn rasch die Nichtigkeit der literarischen

Handwerker durchschauen läßt.

So steht sein Charakter vollendet, mannhaft, fast männisch, des

Willens, die ganze Welt unter die Herrschaft des Sittengesetzes zu

beugen, gänzlich frei von Schwächen, jenen kleinen Widersprüchen wider

die bessere Erkenntnis -- und eben darum zu einem tragischen Geschicke

bestimmt, zu einer Schuld, die mit seinem Wesen zusammenfiel, die er

selber unwissend bekannte, indem er sich also verteidigte: „Man paßt

bei einer solchen Denkart schlecht in die Welt, macht sich allenthalben

Verdruß. Ihr Verächtlichen! Warum sorgt ihr mehr dafür, daß ihr euch

den andern anpaßt, als diese euch und sie für euch zurecht legt?”

-- Andere für sich zurecht legen -- das ist die herrische Sünde der

idealistischen Kühnheit. Als in der Not des Krieges von 1806 sein

Weib, einsam zurückgeblieben in dem vom Feinde besetzten Berlin, voll

schwerer Sorge um den fernen Gatten, in Krankheit fällt, da schreibt

ihr der gewaltige Mann: „Ich hoffte, daß du unsere kurze Trennung,

gerade um der bedeutenden Geschäfte willen, die dir auf das Herz

gelegt waren, ertragen würdest. Ich habe diesen Gedanken bei meiner

Abreise dir empfohlen und habe ihn in Briefen wieder eingeschärft.

Starke Seelen, und du bist keine schwache, macht so etwas stärker --

und doch!” So hart kann er reden zu ihr, die ihm die Liebste ist;

denn er glaubt an die Allmacht der Wahrheit. Ihm ist kein Zweifel,

wo die rechte Erkenntnis sei, da könne das rechte Handeln, ja das

rechte Schicksal nicht fehlen, und jeden Einwand menschlicher

Gebrechlichkeit weist er schroff zurück. Darum keine Spur von Humor,

von liebenswürdigem Leichtsinn, nichts von Anmut und Nachgiebigkeit in

ihm, der das derbe Wort gesprochen: „Eine Liebenswürdigkeitslehre ist

vom Teufel.” Nichts von jener Sehnsucht nach der schönheitssatten Welt

des Südens, die Deutschlands reiche Geister in jenen Tagen beherrschte.

Unfähig, ungeeignet sich liebevoll zu versenken in eine fremde Seele,

verkündet er kurzab, er lehre alle Dinge nur von einer Seite zu

betrachten, „nämlich von der rechten”.

Entfremdet der Natur, die ihm nur besteht, um unterjocht zu werden

von dem Geiste, mahnt er zur Hingebung, zur Selbstvergessenheit eine

sinnliche, selbstsüchtige Zeit: auch essen und trinken sollen wir

nur um Gottes willen. Nicht die leiseste sinnliche Vorstellung soll

uns den erhabenen Gottesgedanken trüben: „Ein Gott, der der Begierde

dient, ist ein Abgott. Gott will nicht, Gott kann nicht das Gute, das

wir gern möchten, uns geben außer durch unsere Freiheit; Gott ist

überhaupt nicht eine Naturgewalt, wie die blinde Einfalt wähnt, sondern

ein Gott der Freiheit.” Die Freuden des Himmels, die bequeme Tröstung

schwacher Gemüter, müssen schwinden vor einer geistigeren Auffassung:

„Die Ewigkeit kommt der neuen Zeit mitten in ihre Gegenwart hinein”;

die vollendete Freiheit, die Einheit mit Gott ist schon im Diesseits

möglich.

Beseelt von solchen Gedanken der Ertötung alles Fleisches, der

asketischen Sittenstrenge, ist Fichte ein unästhetischer Held

geblieben, wie groß er auch dachte von der Kunst, die der Natur den

majestätischen Stempel der Idee aufdrücke. Auch in ihm, wie in allen

edleren Söhnen jener an den Helden Plutarchs gebildeten Tage, wogte

und drängte ein großer Ehrgeiz; er gedachte, an seine Existenz für

die Ewigkeit hinaus für die Menschheit und die ganze Geisterwelt

Folgen zu knüpfen; aber, fährt er fort, „ob ich's tat, braucht keiner

zu wissen, wenn es nur geschieht!” Jene hohe Leidenschaft, die dem

strengsten aller Dichter, Milton, nur als die letzte Schwäche edlerer

Naturen erscheint, der Durst nach Ruhm, wird scharf und schonungslos

als eine verächtliche Eitelkeit verworfen von dieser selbstgewissen

Tugend, welche leben will aus dem erkannten rein Geistigen heraus. In

Augenblicken des Zweifels -- als gälte es Schillers witziges Epigramm

zu bewähren -- prüft der gestrenge Mann, auf welcher Seite seine

Neigung stehe, um dann mit freudiger Sicherheit des anderen Weges zu

gehen. Selber folgerichtig im Kleinsten wie im Größten, sagt er den

Zeitgenossen erbarmungslos auf den Kopf zu, welches die notwendigen

Folgen ihrer weichlichen Grundsätze seien. Trocken spricht er: „Dies

weiß man gewöhnlich nicht, gibt es nicht zu, ärgert sich daran, glaubt

es nicht; aber es kann alles dieses nichts helfen, so ist's.” Er findet

unter den Menschen nur wenige bösartig und gewalttätig -- „denn hierzu

gebricht es bei der Mehrzahl an Kraft: -- sondern sie sind in der Regel

bloß dumm und unwissend, feige, faul und niederträchtig.” In diese Welt

tritt er ein mit dem stolzen Bewußtsein eines apostolischen Berufs: „So

bin ich drum wahrhaft Stifter einer neuen Zeit -- der Zeit der Klarheit

-- bestimmt angebend den Zweck alles menschlichen Handelns, mit

Klarheit Klarheit wollend. Alles andere will mechanisieren, ich will

befreien.” -- Wenn Goethe fürchtete, der eigenrichtige Mann sei für

sich und die Welt verloren: für den Philosophen war das Widerstreben

der Welt gar nicht vorhanden. „Wenn ich im Dienste der Wahrheit

stürbe,” sagt er einfach, „was täte ich dann weiter als das, was ich

schlechthin tun müßte?”

Ein Eloge zu halten ist nicht deutsche Weise, und in Fichtes Geiste

am wenigsten würde ich handeln, wenn ich nicht trotzig sagte, wie

gar fremd unserer Zeit, die an sich selber glaubt und glauben soll,

dieser Idealismus geworden ist, der so nur einmal möglich war und

keinen Schüler fand. Seit jenen Tagen ist das Leben unseres Volkes

ein großer Werkeltag gewesen. Wir haben begonnen in harter Arbeit den

Gedanken der Welt einzubilden und sind darüber der Natur freundlich

näher getreten. Sehr vieles nehmen wir bescheiden hin als Ergebnis der

Natur und Geschichte, was Fichte dem Sittengesetze zu unterwerfen sich

vermaß. Mit dem steigenden Wohlstande ist ein hellerer Weltsinn in die

Geister eingezogen; ein schönes Gleichmaß von Genuß und Tat soll uns

das Leben sein. Wer unter uns bezweifelt, daß die Sittlichkeit der

Athener eine reinere war als die Tugend der Spartaner und dem Genius

unseres Volkes vertrauter ist? Seitdem ist auch die gute Laune wieder

zu ihrem Rechte gelangt, wir heißen sie willkommen selbst mitten in

der Spannung des Pathos; die kecke Vermischung von Scherz und Ernst in

Shakespeares Gedichten ist erst dem realistischen Sinne der Gegenwart

wieder erträglich geworden. Doch eben weil jener Idealismus Fichtes

unserem Sinne so fern liegt, weil längst der Zeit verfiel, was daran

vergänglich war, weil Lust und Not des rastlosen modernen Lebens uns

von selber ablenken von jeder Überspannung des Gedankens -- eben

deshalb gereicht es unseren fröhlicheren Tagen zum Segen, sich in diese

weltverachtenden Ideen weltverachtender Sittlichkeit zu versenken wie

in ein stählendes Bad der Seele, Selbstbeherrschung daran zu lernen und

zu gedenken, daß ein tatloses Wesen dem Humor anhaftet und der Dichter

sicher wußte, warum er seinem Hamlet die Fülle sprudelnden Witzes lieh.

Wie beschämt muß all unsere heitere Klugheit verstummen vor dem einen

Worte: „Nur über den Tod hinweg, mit einem Willen, den nichts, auch

nicht der Tod, beugt und abschreckt, taugt der Mensch etwas.”

Deutsche Lebensbilder · 第 2 / 25 段