Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er einen Wid

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_Das erläuternde Nachwort steht am Schlusse des Bandes_

Heinrich von Treitschke

Deutsche Lebensbilder

[Illustration]

_H. Fikentscher Verlag / Leipzig_ =C= 1

Textrevision:

=Dr.= _Lotte Blaschke_

Druck von Ackermann & Glaser, Leipzig.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Luther und die deutsche Nation 9

Fichte und die nationale Idee 33

Königin Luise 71

Stein 89

Lessing 113

Ludwig Uhland 137

Heinrich von Kleist 181

Friedrich Hebbel 229

Otto Ludwig 261

Gottfried Keller 289

Nachwort 312

Luther und die deutsche Nation

Vortrag,

gehalten in Darmstadt am 7. November 1883

zur Feier des vierhundertsten Geburtstags

Martin Luthers.

Hochansehnliche Versammlung!

Mancher unter Ihnen hat vor einigen Wochen auf der Höhe des

Niederwaldes gestanden, als unser greiser Kaiser das Bild der

schwertumgürteten Germania enthüllen ließ, und dort das Glück

genossen, mit allen Landsleuten von nah und fern das eine Gefühl

dankbarer Freude zu teilen. Jahrhundertelang ist uns Deutschen dieser

Einmut froher, neidloser Erinnerung, der zum Leben gesunder Völker

gehört, versagt geblieben; denn jene Siege, die uns die neue Einheit

unseres Reiches schufen, waren selber seit unvordenklicher Zeit die

erste gemeinsame große Tat, zu der sich die ganze Nation in schönem

Wetteifer zusammenfand. Wohl ist sie ruhmvoll, die Geschichte dieses

Volkes, das so oft schon dem Weltteil den ersten Mann des Jahrhunderts

geschenkt, so oft in den Kämpfen Europas das erweckende oder das

versöhnende Wort gesprochen hat; doch fast alle ihre großen Namen waren

in das Gewirr der Gegensätze, die unser inneres Leben zerrütteten,

so tief verflochten, daß sie noch heute breiten Schichten des Volkes

unverständlich bleiben und ihnen nur als die Vorkämpfer eines Stammes,

einer Partei, eines Glaubensbekenntnisses, nicht schlechtweg als

deutsche Helden erscheinen. Wir haben im achtzehnten Jahrhundert den

letzten und größten Vertreter des alten unbeschränkten Königtums unter

uns walten sehen, und seit seine Saat in Halme schoß, beginnen die

Einsichtigen zu fühlen, daß er für Deutschland focht, als er gegen

Österreich und das heilige Reich seine Schlachten schlug; dennoch

wird König Friedrich, gleich seinem Ahnen, dem großen Kurfürsten,

immer zunächst der Liebling seiner Preußen bleiben und der Masse der

Oberdeutschen niemals ganz vertraut werden. Wir haben ein Jahrhundert

zuvor durch einen greuelvollen Krieg der europäischen Welt die

kirchliche Duldung gesichert, aber der Sieg ward um einen furchtbaren

Preis, durch die Verwüstung unserer alten Kultur, erkauft, und der

Held, der sich von jener finsteren Zeit als die beinahe einzige lichte

Gestalt abhebt, Gustav Adolf, war ein Fremder; selbst seine Bewunderer

können nicht leugnen, daß seine Siegeslaufbahn zu unserem Heile

frühzeitig endete, eben in dem Augenblicke, da seine Macht unserem

Vaterlande verderblich zu werden begann.

So ist denn auch die Gedächtnisfeier, zu der sich in dieser Woche

unser protestantisches Volk überall gehobenen Herzens versammelt,

leider nicht ein Fest aller Deutschen. Millionen unserer Landsleute

stehen teilnahmslos oder grollend abseits; sie wollen, sie können nicht

begreifen, daß der Reformator unserer Kirche der gesamten deutschen

Nation die Bahnen einer freieren Gesittung gebrochen hat, daß wir in

Staat und Gesellschaft, in Haus und Wissenschaft, überall noch den

Atem seines Geistes spüren. Wer über ihn redet, der muß bekennen, wie

er sich selber zu den großen sittlichen Aufgaben der Gegenwart stellt.

Leidenschaftlich, als stünde der Reformator noch mitten unter uns,

erklingen die Anklagen derer, die seine Größe nicht zu fassen vermögen.

Schon bei seinen Lebzeiten ist Martin Luther dem tragischen Geschick

der Verkennung, das keinem großen Manne und am wenigsten dem Kämpfer

erspart bleibt, nicht entgangen. In den hoffnungsreichen ersten

Jahren seines öffentlichen Wirkens begrüßte ihn die Nation mit einer

stürmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen

wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband

und dann kühn und kühner, fortgerissen von der zwingenden Macht des

freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne

der alten Kirche zum erklärten Ketzer ward, als er die Bannbulle

des Papstes in das Feuer warf und in dem flammenden Aufruf „An den

christlichen Adel deutscher Nation” seine Deutschen aufforderte zur

Reform der Kirche und des Reiches an Haupt und Gliedern: da stand er

vor Kaiser und Reich als der Führer der Nation, heldenhaft wie ihr

Volksheiliger, der streitbare Michael; da jubelte das Volkslied: „Zu

Worms er sich erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind' hat

er geschweiget, keiner durft' ihn wenden an”; da schien es wirklich,

als sollten alle die elementarischen Kräfte, die in der tief erregten

Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemüter, der

Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalhaß des ritterlichen

Adels wider die welschen Prälaten, der Groll der mißhandelten Bauern,

sich zu einem mächtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles

römische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen.

Aber noch war unsere deutsche Königskrone fest verkettet mit der

weltumspannenden Politik des römischen Kaisertums. Einen Zufall dürfen

wir es nicht nennen, daß in jenem verhängnisvollen Augenblick ein

Fremdling unsere Krone trug, der unseres Herzens Schlag nicht hören

konnte und, während die Deutschen dem lauten Freimut ihres Landsmannes

zujauchzten, verächtlich lächelnd sprach: der soll mich nicht zum

Ketzer machen.

Sobald der Kaiser dem Rufe der Nation sich versagte, stand nicht bloß

die politische Macht des spanischen Weltreichs wider den Reformator,

sondern auch eine gewaltige sittliche Macht, die feste Kaisertreue

unseres Volkes. Und nun trat auch die alte Todsünde unserer Geschichte,

der Haß der Stände, wieder hervor. Die Ritterschaft vergeudete ihren

ungestümen Tatendrang in einer ziellosen, unglücklichen Fehde. Die

Bauern nahmen die Lehre der evangelischen Freiheit fleischlich auf

und erhoben sich zu einem wütenden sozialen Kampfe. Luther aber

meinte seine heilige Sache geschändet und ließ die Gecken, die das

Evangelium mit Hammern und mit Zangen in den Kisten suchten, die ganze

Wucht seines Zornes empfinden. Als der gräßliche Aufruhr durch die

unbarmherzigen Herren gräßlicher bestraft war, da sah sich der Mann,

den sein Volk soeben auf den Schild gehoben, mit den Verwünschungen

der kleinen Leute beladen. Mittlerweile hatte sich auch der erste

Gelehrte des Jahrhunderts, Erasmus, von den Wittenbergern abgewendet;

auch Luthers Lehrer, Staupitz, der sinnige Mystiker, auch die

geistreichen Humanisten Crotus Rubianus und Eobanus Hessus traten

erschrocken zurück. Mit ihrem Abfall war entschieden, daß die neue

Lehre selbst unter den Höchstgebildeten der Nation vorerst noch nicht

überall Anklang finden konnte, und da sie mit der Selbständigkeit

des Denkens auch den trotzigen Eigensinn des deutschen Charakters

entfesselte, so verfielen ihre Anhänger bald einer gefährlichen

Zersplitterung: zuchtlose Schwarmgeisterei und dogmatischer Streit

schwächten ihre Einheit.

Also von allen Seiten bedrängt und verlassen suchte Luther seine

Zuflucht bei dem deutschen Fürstenstande. Noch immer reich an

Erfolgen, waren seine letzten Jahre noch reicher an schmerzlichen

Enttäuschungen. Er hatte einst gehofft, in der gesamten Christenheit

oder mindestens in seiner deutschen Nation das kirchliche Leben zu

verjüngen. Nun mußte es ihm genügen, daß nach und nach in den größeren

weltlichen Fürstentümern Deutschlands kleine evangelische Landeskirchen

entstanden; und wer in der Geschichte nur die Erscheinungen des Tages

obenhin betrachtet, mag es leicht eine glückliche Fügung nennen, daß

der durch übermenschliche Arbeit früh Gealterte aus diesem Leben

hinweggerufen wurde, unmittelbar bevor die deutschen Protestanten im

Schmalkaldischen Kriege durch Hader und planlose Schwäche den Waffen

der Fremdherrschaft schimpflich erlagen. Ja während sonst das Bild der

geschiedenen Helden sich im Gedächtnis der Völker zu verklären pflegt,

erschien Luther den Nachlebenden kleiner, als er gewesen. In jenen

müden Jahrzehnten der politischen Tatenscheu und des theologischen

Gezänks, welche den lichten Tagen der deutschen Reformation folgten,

formte sich ein kleines Geschlecht die Gestalt des Reformators nach

seinem eigenen Bilde, als wäre er auch nur ein bibelfester Prediger

und ehrsamer Hausvater gewesen, als hätte er wirklich nur eine

Sonderkirche, die sich nach dem Namen eines sündhaften Menschen nannte,

stiften wollen. Erst die historische Wissenschaft unseres Jahrhunderts

hat sich wieder das Herz gefaßt, den ganzen Luther zu verstehen, den

zentralen Menschen, in dessen Seele fast alle die neuen Gedanken eines

reichen Jahrhunderts mächtig widertönten; sie steht ihm fern genug, um

auch die mittelbaren Folgen seines zerstörenden und aufbauenden Wirkens

zu würdigen, um alle die Keime einer neuen Kultur, die er ahnungslos,

nach der Weise des Genius, in den deutschen Boden senkte, wahrzunehmen

und dankbar zu erkennen, wie treu er sein Wort erfüllt hat: „Für meine

Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen”. --

Im deutschen Gemüte lag von jeher dicht neben der hellen Weltlust ein

beschaulicher Ernst, der die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge

schmerzlich empfand, neben der wagenden Tapferkeit eine tiefe Sehnsucht

nach Erlösung von dem Fluche der Sünde. Die Germanen allein unter allen

Völkern Westeuropas haben schon in den Tagen ihres Heidentums etwas

geahnt von dem dereinstigen Untergange dieses frevelnden Geschlechts,

von einer neuen Welt der Reinheit und der Klarheit, die da kommen

solle. In einem solchen Volke mußte die frohe Botschaft aus Jerusalem

bereite Herzen finden, und wie andächtig, wie innig die Deutschen den

neuen Glauben aufnahmen, das erzählen die Wunderbauten unserer alten

Dome. Gleichwohl hatte die christliche Lehre, als sie bei uns eindrang,

bereits in Rom eine Gestalt angenommen, welche dem deutschen Volke

niemals ganz vertraut werden konnte. Diesseits und Jenseits, alle

Zeiten und alle Völker erschienen eingeschlossen in der einen großen

Gemeinschaft der Heiligen, welche die streitende Kirche hienieden

mit der leidenden Kirche der armen Seelen im Fegefeuer und der

triumphierenden Kirche der Seligen droben im Himmel verband. Aus dem

Gnadenschatze der guten Werke der Heiligen spendete die Kirche ihren

Gläubigen die Vergebung der Sünden durch den Mund eines herrschenden

Priesterstandes, der durch die geistige Zeugung der Weihe befähigt war,

Brot und Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln.

Außer ihr war kein Heil; von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis

zur letzten Ölung umfing und heiligte sie das Leben jedes Christen. Es

war ein wunderbarer großer Gedankenbau; lange Jahrhunderte hindurch

hatten die Weisheit und die Andacht so vieler heiliger Männer und

eine seltene Kunst der Menschenbeherrschung daran gebaut; festgefügt

stand Stein auf Stein, die unerbittliche Folgerichtigkeit dieser

Lehre ließ dem Christen nur die Wahl zwischen der Unterwerfung und

der Ketzerei. Doch die scharfe Logik der Romanen hat dem deutschen

Geiste niemals ganz genügt; nicht so von außen her, nicht allein

durch die Gnadenmittel der Kirche und durch vorgeschriebene gute

Werke konnte das rege Gewissen unseres Volkes seinen Frieden finden.

Schon im vierzehnten Jahrhundert erdröhnte das deutsche Land von den

Kyrieleis-Rufen der Geißler, und immer lauter, immer verzweifelter,

fast so herzzerreißend wie in den Anfängen der christlichen Geschichte,

erklang seitdem der Aufschrei der sündigen Kreatur nach Versöhnung mit

ihrem Schöpfer.

Zugleich ward auch der kampfmutige Weltsinn der Deutschen an den Lehren

der alten Kirche irr. So viele Kränze des Ruhmes, so viele edle Freuden

bot diese schöne Erde dem tatkräftigen Manne; und das alles sollte

nichts gelten neben der höheren Heiligkeit der begebenen Menschen,

der Priester und der Mönche, die auf alles verzichteten, was Menschen

menschlich aneinander bindet, die mit dem holden Glück auch die

heiligen Pflichten des ehelichen Lebens verschmähten! Kummervoll sann

der größte Dichter unseres Mittelalters, Walther von der Vogelweide,

diesem dunklen Rätsel nach und klagte:

Ach leider kann es nimmer sein,

Daß Gottes Gnade kehre

Mit Reichtum und mit Ehre

Je wieder in dasselbe Herz.

Und dieser Priesterstand, der sich so unnahbar hoch über die

gehorchende Gemeinde erhob, der alle weltliche Arbeit so tief

verachtete, war selber längst einer schamlosen Weltlust verfallen,

die ihn den Weltlichen als ein Heuchlergezücht erscheinen ließ. Er

besaß das reichste Drittel Deutschlands, gab auf den Reichstagen durch

seine Überzahl den Ausschlag, und seine politische Macht ward von den

Deutschen als Fremdherrschaft empfunden; denn in der Kirche regierte

der Papst mit seinen italienischen Prälaten, und alle die Fülle von

Geist, Witz und Bildung, die sich in dem Lügenstübchen des Vatikans

gesellig zusammenfand, alle die Meisterwerke des Meißels und des

Pinsels, die in der Sonne päpstlicher Gnade reiften, konnten unser

Volk doch nicht darüber trösten, daß die Herrscherin der Christenheit

die ruchloseste Stadt der Erde war. Vergeblich hatten die Deutschen,

allen anderen Nationen voran, auf den Konzilien des fünfzehnten

Jahrhunderts die Schäden der Kirche zu bessern versucht. Als Luther

auftrat, war die Nation in unheimlicher Gärung, von widersprechenden

Gefühlen stürmisch bewegt: hier die Gewissensangst der Frommen, die

über ihre Sünden und guten Werke peinlich Buch führten und mit heiligem

Schauer die volkstümlichen Bilder des Totentanzes betrachteten; dort

der kecke Übermut eines sinnenkräftigen, lebenslustigen Geschlechts,

das der derben Schwänke nicht satt ward und sich dreist spottend an dem

Zerrbild der verkehrten Welt erfreute; dazu allen Deutschen gemein der

Haß gegen das welsche Wesen.

Die Tat der Befreiung ging aus den Kämpfen des ehrlichen deutschen

Gewissens hervor; aus seiner Demut schöpfte Luther die Kraft der

höchsten Verwegenheit. Getrieben von einer leidenschaftlichen Angst

um seine und seiner Brüder Seligkeit hatte er einst Vater und Mutter

verlassen und in seiner Klosterzelle durch alle Qualen mönchischer

Buße den Himmel stürmen wollen, doch immer wieder klang es in seiner

Seele: „O meine Sünde, Sünde, Sünde!” -- bis dann endlich das Wort

des Apostels von der Rechtfertigung durch den Glauben zündend in sein

Herz schlug. Und nun kam sie über ihn, die Wandelung des inneren

Menschen, die μετάνοια des Paulus; in demütiger Erkenntnis

der Unzulänglichkeit alles menschlichen Verdienstes ergab er sich

gläubig der Gnade des lebendigen Gottes und er wagte, dieses seines

Glaubens zu leben. Der ganze Gegensatz romanischer und germanischer

Empfindung tritt uns vor die Augen, wenn wir diese Seelenkämpfe

Luthers vergleichen mit den inneren Anfechtungen, welche späterhin der

Rittersmann der wiederhergestellten alten Kirche, Ignatius von Loyola,

zu überwinden hatte. Der Spanier entledigt sich seiner Pein durch den

Entschluß, diese Wunden seiner Seele nie mehr zu berühren; der Deutsche

beruhigt sich erst, sobald sein Gemüt überzeugt ist und alle Zweifel

vor der Gewißheit einer innerlich erlebten Wahrheit schwinden.

Ohne jede Ahnung von der unermeßlichen Wirkung seiner Tat beginnt

er nun den Kampf gegen den häßlichsten Mißbrauch der verweltlichten

Kirche, und dann führt ihn Gott weiter wie einen Gaul, dem die Augen

geblendet sind. Aus jenem entscheidenden Gedanken ergibt sich ihm

die Erkenntnis, daß Gott keinen erzwungenen Dienst will und über die

Gewissen niemand richten kann denn Gott allein. Kaum drei Jahre nach

dem Beginne des Ablaßstreites sagt er sich schon los von der gebundenen

Sittlichkeit des Mittelalters durch jenen mächtigen Hymnus der

evangelischen Freiheit, das Buch von der Freiheit des Christenmenschen:

der Christ ist niemand untertan in seinem Glauben und eben darum

jedermanns Knecht, dem geringsten seiner Brüder zum Dienst der Liebe

verpflichtet; gute Werke machen nimmermehr einen guten Mann, sondern

ein guter Mann machet gute Werke. Eine zugleich freiere und strengere

Auffassung des sittlichen Lebens, die wieder anknüpft an die Kämpfe

Jesu wider die starre Gesetzlichkeit der Pharisäer und den Schwerpunkt

der sittlichen Welt im Gewissen des Menschen findet. An diese

Erkenntnis wieder schließt sich die Forderung des Priestertums der

Laien und der Gedanke der freien Gemeindekirche, die sich bescheidet,

die äußeren Formen der Kirchengemeinschaft wie alles Menschliche in

den Fluß der Zeiten zu stellen, und dem mißdeuteten Worte „Auf diesen

Felsen will ich meine Kirche bauen” das lebendig verstandene Wort

entgegenhält: „Wo zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem

Namen, da bin ich mitten unter ihnen.”

Gewiß war Luthers Tat eine Revolution, und da der religiöse Glaube

im innersten Kerne des Volksgemüts wurzelt, so griff sie in alles

Bestehende tiefer ein als irgendeine politische Umwälzung der neuen

Geschichte. Es ist wahrlich kein Zeichen evangelischen Mutes, wenn

manche wohlmeinende Protestanten dies zu leugnen oder zu verhüllen

suchen. Nur ein Mann, in dessen Adern die ungebändigte Naturgewalt

deutschen Trotzes kocht, konnte so Vermessenes wagen. Die ganze alte

Ordnung der sittlichen Welt, die einem Jahrtausend heilig gewesen,

die lange Kette der ehrwürdigen Traditionen, welche das Leben der

Christenheit gebunden hielten, brach mit einem Schlage zusammen, und

lebhaft können wir heute dem Gegner des Reformators, dem Elsässer

Murner, nachempfinden, wenn er heim Anblick der ungeheuren Zerstörung

jammernd ausrief:

Alle Bücher sein erlogen,

Die je beschrieben sind,

Die Heiligen han betrogen,

Die Lehrer sein all blind!

Die Größe der historischen Helden besteht in der Verbindung von

Seelenkräften, die nach der Meinung des platten Verstandes einander

ausschließen. So gewaltig die Kühnheit des schlichten Mannes, der

sich selber nur eine Gans unter den Schwänen nannte und dennoch sich

vermaß, gegen die stärksten politischen und sittlichen Mächte der Zeit

in die Schranken zu treten, ebenso erstaunlich erscheint von Haus aus

seine Mäßigung. Nie war er kühner, als da er den Bilderstürmern von

Wittenberg die Mahnung der Liebe zurief: Macht mir nicht aus dem Frei

sein ein Muß sein! Mit kindlichem Vertrauen baute er auf die Macht des

göttlichen Wortes allein. Und sein Glaube trog ihn nicht; denn nachdem

erst die wilden Zuckungen des Bauernkrieges und der Wiedertäuferei

überwunden waren, vollzog sich der Sieg der Reformation in Deutschland

fast überall friedlich, frei aus dem Volke heraus. Bei allem

Häßlichen, das sich mit ansetzte, trug die große Bewegung doch jenen

Charakter schlichter Treuherzigkeit und Kraft, der alle große Epochen

der deutschen Geschichte auszeichnet; sie schenkte unserem Volke die

Form des Christentums, welche dem Wahrheitsdrange und der unzähmbaren

Selbständigkeit der deutschen Natur zusagt, gleichwie die römische

Kirche der Logik und dem Schönheitssinne der Romanen, die orthodoxe

Kirche der halborientalischen Gebundenheit der gräko-slawischen Welt

entspricht. Und weit hinaus über den Kreis seiner Glaubensgenossen

wirkte Luthers Wort; er war im Rechte, wenn er den deutschen Bischöfen

zurief: „Ihr habt mein Evangelium verdammen lassen, habt es aber

heimlich und in vielen Stücken angenommen.” Mit gutem Grunde nennen wir

ihn heute einen Wohltäter auch der alten Kirche. Denn auch sie ward

durch ihn gezwungen, ihre sittlichen Kräfte zusammenzuraffen, auch sie

blieb nicht unberührt von der innigen, seelenvollen Auffassung des

Glaubens, welche Luther der Christenheit wiedergab. Eine so sinnliche

Ablaßlehre, wie sie Tetzel einst predigte, wäre auf deutschem Boden

jetzt unmöglich; und sicherlich steht heutzutage der denkende deutsche

Katholik dem deutschen Protestanten in seiner ganzen Weltanschauung

näher als seinem spanischen Glaubensgenossen.

In allen den mächtigen Wandlungen unseres geistigen Lebens seitdem

ist der Grundgedanke der Reformation, die freie Hingebung der Seele

an Gott, unwandelbar das sittliche Ideal der Deutschen geblieben. Er

kehrt, ins Weltliche gewendet, wieder in dem strengen Ausspruch Kants,

daß überall auf der Welt nichts für gut gehalten werden dürfe, als

allein ein guter Wille; er tönt uns entgegen aus dem milden Gesange der

Engel, die Fausts Unsterbliches gen Himmel tragen: „Wer immer strebend

sich bemüht, den können wir erlösen.” Wir danken der Reformation das

lebendige Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse, worauf die heutige

deutsche Gesittung beruht, jene freie Duldsamkeit, die weder der Furcht

noch dem Kaltsinn entspringt, sondern der Erkenntnis, daß das Licht der

göttlichen Offenbarung, wie heute die Welt noch steht, nur gebrochen

in vielen Strahlen dem Auge der Menschheit erkennbar ist; denn so

gewiß kein Sohn des sechzehnten Jahrhunderts, auch Luther nicht,

verstanden hätte, was wir heute Toleranz nennen, ebenso gewiß ist diese

Duldung nur möglich geworden auf dem Boden des Protestantismus, der

den hochmütigen Wahn einer alleinseligmachenden Kirche grundsätzlich

verwirft. Wir danken ihr, daß der Deutsche zugleich fromm und frei

empfinden kann, daß keiner unserer großen Denker, wie kühn sich auch

die Flüge ihres Geistes erhoben, jemals in den lästernden Spott eines

Voltaire verfiel, und die Todsünde der Heuchelei unter uns eine seltene

Ausnahme ist.

Denn das ist die Größe des Protestantismus, daß er einen Widerspruch

zwischen dem Denken und dem Wollen, zwischen dem religiösen und dem

sittlichen Leben nicht dulden will, sondern gebieterisch fordert: Was

du erkannt hast, das bekenne und darnach handle! Zu Luthers Zeiten

standen die Italiener unserem Volke in Kunst und Wissenschaft weit

voran. Bereits im vierzehnten Jahrhundert war unter ihnen Petrarca

aufgetreten, der erste moderne Mensch, der ganz auf eigenen Füßen

stand und die Binde sich von den Augen gestreift hatte; und nun

gerade in den Tagen des deutschen Ablaßstreites schrieb Machiavelli

jene zwei Bücher vom Staate, die mit den überlieferten Vorstellungen

des Mittelalters weit rücksichtsloser brachen als Luther. Jedoch den

Romanen fehlte die Kraft, ihre eigenen Gedanken in vollem Ernst zu

nehmen, sie brachten es über sich, ihr Gewissen zu teilen und einer

Kirche, die sie verspotteten, zu gehorchen. Die Deutschen wagten,

das Leben nach der erkannten Wahrheit zu gestalten, und weil die

historische Welt die Welt des Willens ist, weil nicht der Gedanke,

sondern die Tat das Schicksal der Völker bestimmt, darum beginnt die

Geschichte der modernen Menschheit nicht mit Petrarca, nicht mit den

Künstlern des Quattrocento, sondern mit Martin Luther. Merkwürdig früh

hat die europäische Welt dies erkannt. Nur hundertundvierzig Jahre nach

Luthers Tode stellte der deutsche Historiker Cellarius die Behauptung

auf, gegen den Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts sei eine alte,

für uns abgeschlossene Zeit zum Ende gelangt, das Mittelalter. Bei

allen Völkern hat sich seitdem Begriff und Name des Mittelalters

eingebürgert, und dabei wird es bleiben, obwohl die Selbstverliebtheit

unserer Tage zuweilen, ganz vergeblich, versucht, die Geschichte der

neuen Zeit erst mit der französischen Revolution zu beginnen. --

Gleich allen echten Germanen hegte Luther ein tiefes Gefühl

historischer Pietät, und er liebte, die große Neuerung, die er in der

Kirche vollzog, sich nur als die Wiederherstellung der ursprünglichen

Zustände des Christentums zu denken. Dagegen wußte er wohl, daß er

das politische Leben der Völker mit einem schlechthin neuen Gedanken

befruchtet hatte. „So stund's aber dazumal,” -- sagt er über die

Zeiten der Jugend -- „es hatte niemand gelehret noch gehöret, wußte

auch niemand von der weltlichen Obrigkeit, woher sie käme, was ihr Amt

oder Werk wäre oder wie sie Gott dienen solle.” In der Tat war der

Staat noch niemals zu seinem vollen Rechte gelangt, seit die schwere,

der heidnischen Welt unbekannte Frage nach den Grenzen geistlicher

und weltlicher Gewalt zuerst in der Christenheit aufgeworfen wurde.

In ihren ersten Jahrhunderten hielt sich die Kirche scheu vor dem

Staate zurück, weil er heidnisch war, und als sie dann im Römerreiche

die Oberhand gewann, entstand nach und nach, eng verbunden mit

der Verfassung und dem Dogma der Kirche, das politische System

der kirchlichen Weltherrschaft. Das ganze Leben der Christenheit

erscheint als eine fest geordnete Einheit; Staat und Volkswirtschaft,

Wissenschaft und Kunst, alle Berufe der Menschen empfangen ihre

sittlichen Gesetze aus den Händen der Kirche; die Kirche ist der Staat

Gottes, der weltliche Staat das Reich des Fleisches, ohne eigenen

sittlichen Zweck und nur dann vor Gott gerechtfertigt, wenn er dem

Schiedsrichter der Staatenwelt, dem Papste, seinen starken Arm zum

Dienste leiht. Kein kräftiger Staat des Mittelalters hatte diese

herrischen Ansprüche des Papsttums jemals vollständig anerkannt. Seit

Dante, seit Marsilius von Padua und den tapferen ghibellinischen

Schriftstellern, die sich um Kaiser Ludwig den Bayern scharten, war

das Ansehen der kirchlichen Weltstaatslehre auch in der Wissenschaft

bereits tief erschüttert. Sie ganz zu überwinden, konnte doch nur dann

gelingen, wenn der Stier bei den Hörnern gepackt und die Herrschaft des

Priesterstandes in der Kirche selbst verworfen wurde.

Erst Luther warf den Satz „Geistliche Gewalt ist über der weltlichen”,

diese starke Mauer der Romanisten, in Trümmer und lehrte, daß der

Staat selber eine Ordnung Gottes ist, berechtigt und verpflichtet,

seinen eigenen sittlichen Lebenszwecken, unabhängig von der Kirche,

nachzugehen. Damit ward der Staat für mündig erklärt, und da er

wirklich schon zu seinen Jahren gekommen war, da die weltliche Gewalt

überall an dem erstarkten Selbstgefühl der Nationen eine sichere

Stütze fand, so wirkte diese Tat der politischen Befreiung fast noch

gewaltiger, noch weiter in die Welt hinaus, als die Reformation der

Kirche. Alle Kronen, ohne Ausnahme, katholische wie evangelische,

sagten sich los von der politischen Herrschaft des gekrönten Priesters.

Von einer Obedienzleistung, wie sie der Papst vordem den weltlichen

Gewalten zugemutet, war fortan keine Rede mehr, und noch ehe Luthers

Jahrhundert zu Ende ging, begründete Bodinus den Gedanken der

Souveränität des Staates zuerst mit wissenschaftlicher Schärfe --

eine neue Erkenntnis, die, einmal gefunden, das gemeinsame Besitztum

der gesitteten Menschheit geblieben ist. Mochte die Gesellschaft Jesu

noch von der Weltherrschaft des Gottesstaates träumen, unaufhaltsam

verwuchsen die Staaten Europas zu einer neuen freien Völkergesellschaft

und bildeten sich ein weltliches Völkerrecht, das, gerechter als

weiland die Urteilssprüche der Päpste, in der Interessengemeinschaft

und dem Rechtsbewußtsein der Nationen seine Wurzeln hat. Schritt für

Schritt drängte der moderne Staat die Kirche auf ihr geistliches

Gebiet zurück; er nahm ihr die Rechtspflege, die Schulverwaltung,

das Armenwesen und bewies durch die Tat, daß er diesen politischen

Pflichten besser als sie zu genügen vermag. Nichts zeugt so laut

für die Gesundheit der politischen Gedanken der Reformation, wie

die unleugbare Tatsache, daß die politische Entwicklung in den

protestantischen Staaten fast durchweg friedlicher, minder gewaltsam

verlaufen ist, als in der katholischen Welt.

Keinem Volke brachte die Befreiung des Staates von kirchlicher

Herrschaft so reichen, so lang nachwirkenden Segen wie uns Deutschen,

denn nirgends war die alte Kirche fester mit dem Staate verflochten,

als in diesem römischen Reiche und allen den geistlichen Fürstentümern,

welche seine Krone stützten. Unleugbar hat die Reformation den längst

schon beginnenden Zerfall des alten Reichs gefördert, die längst

schon vorhandenen politischen Gegensätze noch durch kirchlichen Haß

verschärft. Doch wer Wunden zu heilen vermag, darf sie auch schlagen.

Nur aus dem Borne des Protestantismus konnte dies sieche Reich den

verjüngenden Trank schöpfen. Nur wenn unser Staat wieder wahr wurde wie

seine Kirche, wenn er die zur Lüge gewordenen Ansprüche seines heiligen

römischen Kaisertums aufgab und seine Krummstabslande einer weltlichen

Obrigkeit unterwarf, nur dann vermochte er wieder zu wachsen mit der

wachsenden Zeit.

Luther selbst hatte diese letzten Schlüsse aus seinen Gedanken nie

gezogen. Ihm graute vor den Schrecken eines Bürgerkrieges: „Ehe man

in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtete, so wäre es

dreimal verheeret.” Er wußte, daß er kein Staatsmann war, und teilte

mit seinem Volke die ehrfürchtige Scheu vor der kaiserlichen Majestät,

vor dem jung edlen Blut von Österreich; wie viele Zweifel mußte er

überwinden, bis er sich nur entschloß, den Widerstand gegen kaiserliche

Übergriffe, der doch im alten Reiche Rechtens war, gutzuheißen. Die

Natur der Dinge, die Vernunft der Geschichte, hat schließlich dennoch

vollendet, was in dem Heimatlande der Reformation nicht ausbleiben

konnte: unrettbar brachen die geistlichen Staaten Deutschlands nach

und nach zusammen, bis endlich im Anfang unseres Jahrhunderts die

letzten verfaulten Trümmer der römischen Theokratie verweltlicht und

mit ihnen auch die römische Kaiserkrone vernichtet wurde. Nun erst,

seit unser Staat sich ehrlich zu seinem weltlichen Wesen bekannte,

ward die Stätte geebnet für einen Neubau; und auch an dieser letzten

heilvollen Wendung unserer Geschicke hat der Reformator seinen Anteil

durch eine Tat, deren ferne Folgen ihm verhüllt blieben. Auf Luthers

Rat entschloß sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von

Brandenburg, den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuze abzulegen, die

falsche Keuschheit des Mönches zu meiden und „eine rechte ordentliche

Herrschaft zu gründen, die ohne Gleißen und falschen Namen vor Gott und

der Welt angenehm wäre”. So ward das Ordensland Preußen, die Pflanzung

des gesamten Deutschlands, in ein weltliches Herzogtum verwandelt

und vor der Begehrlichkeit des polnischen Nachbarn gerettet. Luther

aber schrieb dankbar: „Siehe dies Wunder! In vollem Laufe, mit vollen

Segeln, eilt jetzt das Evangelium durch Preußen!” Er ahnte nicht,

welche größeren Wunder unser Volk noch an seiner entlegenen Ostmark

erleben sollte. Aus diesem, der alten Kirche geraubten Lande, das mit

dem Protestantismus stand und fiel, ist in unvergeßlichen Kämpfen

die streitbare Großmacht unserer neuen Geschichte hervorgegangen und

endlich, als die Zeiten sich erfüllten, der neue Staat der Deutschen,

der nicht heilig sein will und nicht römisch, sondern, nach den Worten

des Reformators, ohne Gleißen und falschen Namen ein weltliches, ein

deutsches Reich. --

Wie die Einheit des deutschen Staates erst möglich ward, seit

die letzten Staatsgebilde der römischen Kirche von unserem Boden

verschwanden, so verdanken wir auch den Kämpfen der Reformation das

köstliche geistige Band, das uns in den Tagen deutscher Zerrissenheit

lange fast allein zusammenhielt, unsere neue Sprache. Was selbst dem

Zauber unserer ritterlichen Dichtung nicht gelungen war, den deutschen

Norden unter die Herrschaft der hochdeutschen Sprache zu beugen, das

gelang erst, als die schöne Lieblingsstätte des Minnesanges, die

Wartburg, zum zweiten Male unserem Volke teuer ward und von dort die

ersten Bücher der deutschen Bibel ausgingen -- die Heilige Schrift,

übertragen mit strenger Treue durch einen wahlverwandten religiösen

Genius und doch so ganz verdeutscht, so ganz beseelt von dem Hauche

deutschen Gemütes, daß wir uns heute das Bibelwort in anderer Fassung

kaum noch denken können. Gleich den Italienern empfingen wir unsere

Schriftsprache mit einem Male durch die Tat eines Mannes. Es liegt

aber im Wesen des Genius, das Notwendige, das einfach Natürliche

zu wollen. Wie Dante nicht willkürlich neuerte, sondern nur die

Volkssprache seiner toskanischen Heimat adelte und durchgeistigte,

so hegte auch Luther nur schlicht und recht die Absicht, von seinem

ganzen Volke verstanden zu werden, damit Gott deutsch zu den Deutschen

rede. Er benutzte daher das gemeinverständliche Mitteldeutsch, das

schon überall, wo Ober- und Niederdeutsche unter einem Herrscher

zusammensaßen, in dem Staate des deutschen Ordens, in den Kanzleien

der lützelburgischen Kaiser und der sächsischen Kurfürsten von der

Obrigkeit geredet wurde.

Also wirkten gebend und empfangend alle Stämme der Nation zu den

Taten der Reformation zusammen. Im Norden fand der Protestantismus

seinen festen politischen Rückhalt; die mächtige Sprache aber, welche

fortan das evangelische Deutschland geistig beherrschte, kam aus dem

Oberlande, aus jenen Gauen Süd- und Mitteldeutschlands, die zu allen

Zeiten das warme Nest unserer Dichtung und also auch der Sprachbildung

geblieben sind. Und dies Hochdeutsch war die Sprache von Luthers

Heimat; seine Laute klangen ihm vertraut von Kindesbeinen an; so hatte

er schon das Volk in den Mansfelder Bergwerken, seines lieben Vaters

Schlegelgesellen, reden hören. Sprachgewaltig, wie seitdem nur einer

noch, Goethe, ward er der volkstümlichste aller unserer Schriftsteller.

In seinen Schriften vereinigt sich, was sonst unvereinbar scheint, der

Tiefsinn, die gedrängte Gedankenfülle des Buchs und die fortreißende

Macht, der sprudelnde Wörterreichtum der Rede, so daß der Leser immer

die herzbewegende Stimme des Predigers zu hören meint; dem Einfältigen

geben sie genug, und der Denkende findet des Nachsinnens kein Ende. In

Kämpfen geboren, kann diese Sprache des Freimuts und der Wahrhaftigkeit

bis zum heutigen Tage die Zeichen ihres Ursprungs nicht verleugnen.

Gewaltig vermag sie zu zürnen, übermütig zu spielen in toller Laune,

zu den Höhen des Gedankens steigt sie kühn empor, für jedes holde

Geheimnis des Herzens findet sie ein liebliches Wort; doch wer sie

zwingen will, ihre Meinung zu bemänteln oder tückisch unterm Zaum

hervor zu beißen oder gar den überbildeten Geschmack durch das Pikante

und Scharmante zu reizen, dem schenkt sie wenig, den läßt sie betteln

gehen an den Tischen der Fremden.

Mehr denn hundert Jahre hat es noch gewährt, bis dies neue Deutsch, das

in der Predigt und dem Gemeindegesange der evangelischen Kirche kräftig

erklang, zum Gemeingut unseres Volkes wurde, bis auch die Wissenschaft

volkstümlich und weltlich ward und das Wort sich ganz erfüllte, das

Ulrich von Hutten schon in den ersten Tagen überschwenglicher Hoffnung

zuversichtlich in die Welt hinausgerufen hatte: „Sonst waren nur die

Pfaffen gelehrt, jetzt hat uns Gott auch Kunst beschert, daß wir die

Bücher auch verstahn”. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts

kam über den lutherischen Zweig des deutschen Protestantismus eine

lange Zeit unheilvoller Erstarrung, da fast allein die weihevollen

Klänge des evangelischen Kirchenliedes noch Kunde gaben von dem

ursprünglichen Geiste der Reformation und in der neuen wie in der alten

Kirche herrschsüchtige Theologen der weltlichen Wissenschaft Richtung

und Grenze vorschrieben. Nur der Heldenmut seiner tatkräftigeren

Schwesterkirche, nur der Kampf der Calvinisten Niederlands wider die

spanische Krone, bewahrte damals das verkommene Luthertum vor dem

sicheren Untergange. Erst der Jammer des Dreißigjährigen Krieges

brachte auch uns die Selbstbesinnung. Die Pietisten von Halle erweckten

unserem Volke wieder den lebendigen evangelischen Geist, den Geist

der brüderlichen Liebe, der das Evangelium leben wollte und über dem

öden Buchstabengezänk der letzten Jahrzehnte ganz vergessen schien;

Pufendorf vertrieb die Theologen aus den politischen Wissenschaften,

Thomasius wagte zuerst auf deutschem Lehrstuhl deutsch zu reden;

und auf dem also bereiteten Boden erhob sich sodann unsere neue

Wissenschaft und Dichtung, ganz frei von konfessioneller Härte,

weltlich von Grund aus, weit kühner in ihren Gedanken, als Luther

selbst jeweils gebilligt hätte, und dennoch protestantisch. Alle ihre

Führer gehörten dem Protestantismus an. Nur aus der Autonomie des

Gewissens, die uns Luther errungen, konnte das neue Ideal der Humanität

hervorgehen. Mit Entsetzen vernahmen die bayerischen Jesuiten das

„lutherische Deutsch” dieser neuen Bildung; doch unhemmbar hielt sie

ihren friedlichen Siegeszug auch durch das katholische Deutschland, bis

sie schließlich alles, was deutsch war, in den frischen Strom ihrer

Gedanken hineingezogen hatte; und heute sehen wir mit Freude, wie

selbst die Vorkämpfer Roms unter unseren Landsleuten längst lutherisch

deutsch gelernt haben, wie sie wider uns streiten mit Waffen, die in

unserer Schmiede gehämmert sind.

Seit die Kirche sich auf ihren geistlichen Beruf beschränkt sah,

erhielt alles redliche weltliche Schaffen erst seine sittliche

Rechtfertigung. Das Rätsel war gelöst, das jenem Dichter des

Mittelalters so ganz unlösbar schien: wie Reichtum und Ehre sich mit

der Gnade Gottes vertragen sollten. Die Ewigkeit trat dem Gläubigen

mitten in sein Leben hinein, und er fühlte, daß er auch mit seiner

Hände Arbeit dienen könne und solle. Selbst den Kriegsleuten gab Luther

die tröstliche Gewißheit, daß sie auch in seligen Stand kommen würden,

wenn sie ihres harten Handwerks in Treue warteten. Seit eine Kirche

ohne Klerisei bestand, konnte auch in den rein katholischen Ländern der

Klerus sich nicht mehr auf die Dauer als der erste Stand behaupten.

In Deutschland aber wurden jene mittleren Schichten der Gesellschaft,

zu denen Luther vornehmlich geredet hatte, mehr und mehr zum Kerne

der Nation. Auch die soziale Macht, welche die gelehrte Bildung und

mit ihr leider der Doktrinarismus im deutschen Leben behauptet, hat

ihren ersten Ursprung in der Wirksamkeit des größten aller deutschen

Professoren.

Der Protestantismus entstammt einem derben männischen Jahrhundert,

das nach den Frauen wenig fragte, und die nüchternen Formen seines

Kultus vermögen der frommen Sehnsucht des weiblichen Herzens nicht

immer zu genügen. Und doch hat Luther die deutschen Frauen höher

erhoben, als sie je vordem gestanden hatten in den Zeiten, da noch die

gnadenreiche Mutter Gottes angerufen ward; er hat den Wirkungskreis

des Weibes, das Haus wieder zu Ehren gebracht vor Gott und Menschen.

Schwer mußte er kämpfen, ehe er sich das Herz faßte, um die Hand seiner

Käthe zu werben; was zuletzt den Ausschlag gab, war doch nicht bloß

die Sehnsucht nach häuslichem Glück, sondern das Gefühl einer heiligen

Pflicht. Wie oft hat er den Klosterleuten zugerufen: „Wer hat dich

etwas geloben und schwören heißen, was wider Gott und seine Ordnung

ist, nämlich daß du schwörest, du seiest kein Mann und kein Weib?”

War er berechtigt also zu fragen, war die Ehe wirklich ein heiliger

Stand, Gott wohlgefälliger als die Gelübde der Beschorenen, dann

mußte er selber mit seinem Leib und Leben Zeugnis ablegen für seine

Lehre. Er wußte, welch eine Schlammflut ekler Verdächtigungen sich nun

heranwälzen mußte gegen ihn, dessen makelloser Name bisher einer großen

Sache zum Schilde gedient und allen Pfeilen der Verleumder widerstanden

hatte. Freiwillig nahm er dies Kreuz auf sich; denn überzeugender,

siegreicher konnte sich die sittliche Macht der evangelischen Freiheit

nicht erweisen, als wenn die Ehe des entlaufenen Mönches und der

entlaufenen Nonne zum Vorbild wurde für Tausende frommer Menschen.

Und sie ward es. Dies mit allen Flüchen der römischen Kirche

beladene Haus lebt in unser aller Herzen. Wir denken seiner, wenn am

Weihnachtsabend vor dem Tannenbaume die hellen Stimmen unserer Kinder

die frohe Botschaft singen: „Vom Himmel hoch da komm ich her”; wir

sehen ihn vor Augen, den alten Doktor, wie er, ein Gewissensrat seiner

lieben Deutschen, allen den Zweifelnden und Beladenen, die von nah und

fern zu ihm eilen, Lehre, Trost und Hilfe spendet und immer mit seinem

freien Gemüt Partei nimmt für das Recht des Herzens, für die Stimme

der Natur, für die Billigkeit und die Liebe; wir hören sein herzliches

Lachen, wenn er den zagenden Melanchthon mit kräftigem Zuspruch

aufrichtet oder in neidloser Freundschaft die Größe seines kleinen

Griechen preist; wir freuen uns seiner goldenen Laune, wenn er abends

um seinen gastlichen Tisch den Becher kreisen läßt und die deutscheste

der Künste, Frau Musika, zu den fröhlichen Zechern ladet: „Hie kann

nicht sein ein böser Mut, wo da singen Gesellen gut”; wir klagen mit

ihm, wenn er, überwältigt vom menschlichsten Schmerze, an der Bahre

seines Lenchens weint. So war das erste evangelische Pfarrhaus; und

wie viele Tränen sind seitdem von den Frauen unserer Landpfarrer

getrocknet, wie viele gute und hochbegabte Männer in diesen friedlichen

Heimstätten einer gelehrten und doch der Natur nicht entfremdeten

Bildung erzogen worden.

All unser Tun ist Stückwerk, und in der Geschichte dauert der Name

keines Mannes, der nicht größer war als seine Werke. Das köstlichste

Vermächtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er

selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemüts. Keine

andere der neueren Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen

Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart

das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte. Ein Ausländer mag

wohl ratlos fragen: wie nur so wunderbare Gegensätze in einer Seele

zusammenliegen mochten: diese Gewalt zermalmenden Zornes und diese

Innigkeit frommen Glaubens, so hohe Weisheit und so kindliche Einfalt,

so viel tiefsinnige Mystik und so viel Lebenslust, so ungeschlachte

Grobheit und so zarte Herzensgüte, und wie derselbe ungeheure Mensch,

der einen Brief an Seine Fürstliche Ungnaden Herzog Georg von Sachsen

kurzab unterzeichnete „Von Gottes Gnaden Martin Luther, Evangelist

zu Wittenberg”, dann wieder zerknirscht vor Gott in den Staub sinken

konnte. Wir Deutschen finden in alledem kein Rätsel, wir sagen einfach:

das ist Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen

deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen, der

die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die

Macht des sittlichen Willens; und weil er heraussagte, was im Gemüte

seines Volkes schon lebte, nur halb konnte der arme Mönch, der

soeben noch aus dem stillen Augustinerkloster am Monte Pincio demütig

hinübergepilgert war nach den Hallen von St. Peter, in wenigen Jahren

wachsen und wachsen und schließlich der neuen römischen Weltmacht

ebenso furchtbar werden, wie einst die deutschen Kohortenstürmer dem

Reiche der Cäsaren. Ein Menschenalter nach Luthers Tode bekannten sich

schon vier Fünftel unserer Nation zum evangelischen Glauben. In den

meisten der deutschen Landschaften, welche die römische Kirche heute

beherrscht, verdankt sie ihre Herstellung der Macht des Schwertes, und

fast überall, wo das Evangelium gewaltsam ausgerottet wird, kränkelt

der deutsche Geist noch heute, als wäre ihm eine seiner Schwingen

gelähmt. Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander

stößt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhüter.

In unseren Nordostmarken gilt deutsch und evangelisch, polnisch und

römisch-katholisch längst als gleichbedeutend, und unter den deutschen

Stämmen Österreichs bewahrt sich keiner sein Volkstum so treu wie das

evangelische Sachsenvolk Siebenbürgens. --

Wohl ziemt es uns, in diesen Tagen der Feier, da die Gestalt des

Reformators lebendig in unsere Gegenwart hineintritt, auch der Warnung

zu gedenken, die er einst seinen Deutschen zurief: „Gottes Wort und

Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal

gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben

nu nichts. Paulus bracht' ihn in Griechenland. Hin ist hin, nu haben

sie den Türken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt: hin ist

auch hin, sie haben nu den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken,

daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird

ihn nicht lassen bleiben. Darum greif zu und halt zu, wer greifen und

halten kann, faule Hände müssen ein böses Jahr haben”. Dieselben Mächte

des Verderbens, welche einst die Reformation in ihrem natürlichen

Fortgang hemmten, treiben in verwandelter Gestalt noch heute unter uns

ihr Wesen: der lieblose Bruderzwist der Gläubigen, das fleischliche

Evangelium der Rottengeister und die dreiste Selbstgerechtigkeit der

Epikureer, wie Luther sie nannte.

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