anderes, als was auch der Bourgeois ist, nämlich Kommis, Kaufmann,
Beamter, _homme de lettres_,{[19]} Offizier. _Gustave_ ist der bloß noch
unverheiratete, sonst aber genau derselbe Bribri. Doch das ist nicht die
Hauptsache; die ist vielmehr: als was _Gustave_ sich jetzt verkleidet,
womit er sich jetzt drapiert, was er vorstellt, was für Federn ihn
schmücken. Das Ideal des Liebhabers verändert sich entsprechend dem
Zeitgeist und spiegelt sich auf der Bühne immer in der Gestalt, in der
er in der Gesellschaft gerade umgeht. Der Bourgeois liebt nun zwar
besonders das Vaudeville, aber noch mehr liebt er das Melodrama. Das
anspruchslose, heitere Vaudeville (nebenbei bemerkt: das einzige
Kunsterzeugnis, das sich nahezu in überhaupt keinen fremden Boden
verpflanzen läßt, sondern nur auf dem Boden gedeiht, auf dem es
entstanden ist, nämlich in Paris) – das Vaudeville vermag den Bourgeois
zwar zu fesseln, aber es befriedigt ihn doch nicht vollständig. Er nimmt
es immerhin nicht ernst. Was er braucht, ist Erhabenes, er braucht
unaussprechlichen Edelmut, er braucht Gefühlvolles, und alles das bietet
ihm das Melodrama. Ohne Melodrama kann der Pariser einfach nicht leben.
Das Melodrama wird deshalb auch nicht aussterben, solange es den
Bourgeois gibt. Um so beachtenswerter ist es, daß jetzt selbst das
Vaudeville sich zu verändern anfängt. Es ist freilich wie immer heiter
und von überwältigender Komik, aber jetzt beginnt sich ihm doch schon
stark ein anderes Element beizumischen, und zwar – Moral. Der Bourgeois
liebt nämlich außerordentlich, und hält’s jetzt für die heiligste und
notwendigste Verrichtung, bei jeder passenden Gelegenheit sich selbst
und seiner Bisch gute Lehren und Moral zu predigen. Nicht zu vergessen:
der Bourgeois herrscht jetzt unumschränkt; er ist eine Macht; jene
Leutchen aber, die die Vaudevilles und Melodramen liefern, sind immer
Lakaien und schmeicheln immer der Macht. Also aus diesem Grunde
geschieht es nun, daß der Bourgeois auf der Bühne jetzt immer als Sieger
hervorgeht, selbst dann, wenn er als komische Figur auftritt, und
deshalb wird ihm zu guter Letzt auch immer vermeldet, daß alles in
Ordnung sei. Es ist anzunehmen, daß solche Berichte den Bourgeois
tatsächlich beruhigen. Stellt sich doch bei jedem ängstlichen Menschen,
der von dem Erfolge seiner Sache nicht ganz überzeugt ist, das quälende
Bedürfnis ein, sich überzeugen, ermutigen, beruhigen zu lassen. Ja, ein
solcher Mensch beginnt sogar, abergläubisch an günstige Vorbedeutungen
zu glauben. Genau so verhält es sich auch mit dem Bourgeois. Zu einem
Melodrama aber gehören erhabene Züge und erhabene Lehren. Da handelt es
sich schon nicht mehr um irgendwelchen Humor; da ist es bereits der
pathetische Triumph alles dessen, was Bribri so liebt und was ihm so
sehr gefällt. Am meisten gefällt ihm politische Zufriedenheit und das
Recht, Geld zusammenzuscharren zwecks besserer Ausstattung des eigenen
Heims. In diesem Sinne werden also jetzt auch die Melodramen verfaßt.
Und dementsprechend wird jetzt auch _Gustave_ gezeichnet. Und je nach
dem wie _Gustave_ gezeichnet ist, kann man immer mit Sicherheit
feststellen, was Bribri im Augenblick für das Ideal unaussprechlichen
Edelmuts hält. Früher – das ist schon lange her – erschien _Gustave_ als
Dichter, Künstler, verkanntes Genie, verfolgt, gequält durch
Ungerechtigkeiten. Er kämpfte lobenswert und es endete immer damit, daß
die Frau _Vicomtesse_, die sich im geheimen um ihn verzehrt, doch zu der
er sich verachtend-gleichgültig verhält, ihn schließlich mit ihrer
Pflegetochter _Cécile_ vermählt, mit _Cécile_, die zunächst keinen Sou
hat, doch plötzlich, wie sich herausstellt, ein riesiges Vermögen
besitzt. _Gustave_ rebelliert gewöhnlich und will von Geld nichts
wissen. Doch siehe, plötzlich hat sein Bild auf der Kunstausstellung den
glänzendsten Erfolg und alsbald stürzen drei lächerliche Mylords in
seine Wohnung und bieten ihm je hunderttausend Franken für sein nächstes
Bild. _Gustave_ macht sich mit Verachtung lustig über alle drei und
erklärt in bitterer Verzweiflung, daß alle Menschen Schurken seien,
seines Pinsels nicht wert, erklärt, daß er nie und nimmer die Kunst, die
heilige Kunst zur Profanation den Pygmäen ausliefern werde, diesen
Zwergen, die bis heut noch nicht begriffen haben, wie groß Er ist. Aber
da stürzt die _Vicomtesse_ herein und erklärt, _Cécile_ sterbe vor Liebe
zu ihm, und daß er deshalb das Bild malen müsse. Da erst errät
_Gustave_, daß die _Vicomtesse_, seine Feindin, dank welcher bisher kein
einziges seiner Bilder in die Ausstellung gelangt war, ihn im geheimen
liebt; daß sie sich nur aus Eifersucht an ihm gerächt hat. Natürlich
nimmt _Gustave_ nun gleich von allen drei Mylords das Geld, schimpft sie
noch einmal aus, womit sie sehr zufrieden sind, eilt darauf zu _Cécile_,
willigt ein, ihre Million mitzuheiraten, verzeiht der _Vicomtesse_, die
nun auf ihr Gut zurückkehrt, und nachdem er sich vorschriftsmäßig hat
trauen lassen, beginnt er sich Kinder zuzulegen, einen Hausrock aus
Flanell, einen _bonnet de coton_{[57]} und abends mit Mabisch um die
tugendsamen Springbrünnlein zu spazieren, deren sanftes Wasserplätschern
ihm, versteht sich, nur die Beständigkeit, Dauerhaftigkeit und Ruhe
seines Erdenglückes zu Bewußtsein bringt.
Mitunter kommt es auch vor, daß _Gustave_ nicht ein Kommis ist, sondern
irgendein verfolgter, verprügelter Waisenknabe, jedoch einer, der
innerlich von unaussprechlichstem Edelmut erfüllt ist. Plötzlich aber
stellt sich heraus, daß er keineswegs ein Waisenknabe, sondern der
rechtmäßige Sohn und Erbe eines Rothschild ist. Millionen fallen ihm zu.
Doch _Gustave_ lehnt stolz und mit Verachtung sämtliche Millionen ab.
Warum? – Ja, das ist nun mal so wegen der Redekunst vonnöten. Doch
siehe, plötzlich stürzt _Madame Beaupré_ herein, die Gattin des
Bankiers, bei dem er eine Anstellung hat und die in ihn verliebt ist.
Sie erklärt ihm, daß _Cécile_ sogleich vor Liebe zu ihm sterben werde
und daß er sie retten müsse. _Gustave_ errät, daß _Madame Beaupré_ in
ihn verliebt ist, nimmt die abgelehnten Millionen an und nachdem er alle
mit den gemeinsten Worten beschimpft hat, weil es im ganzen
Menschengeschlecht nicht noch einmal soviel unaussprechlichen Edelmut
gibt, wie in ihm, begibt er sich zu _Cécile_ und verbindet sich mit ihr.
Die Bankiersfrau reist auf ihr Gut, Herr _Beaupré_ triumphiert, da seine
Frau, die sich am Rande des Verderbens befand, rein und makellos
geblieben ist, _Gustave_ aber setzt Kinder in die Welt und spaziert
abends um die tugendsamen Springbrünnlein, deren sanftes
Wasserplätschern ihm nur usw., usw. zu Bewußtsein bringt.
Gegenwärtig wird der unaussprechliche Edelmut am häufigsten durch einen
aktiven Offizier verkörpert, oder durch einen Militäringenieur oder
etwas Ähnliches, jedenfalls am häufigsten durch eine Militärperson, die
im Knopfloch unbedingt das Band der Ehrenlegion trägt, das mit „eigenem
Blut erkauft“ ist. Nebenbei: dieses Bändchen ist etwas Entsetzliches.
Jeder Träger desselben brüstet sich mit diesem Bändchen dermaßen, daß
ein Zusammensein mit ihm fast unerträglich wird, man kann mit ihm weder
in demselben Eisenbahnwagen fahren, noch im Theater neben ihm sitzen,
geschweige denn im Restaurant. Es fehlte nur noch, daß er Sie anspuckt,
bis zu solcher Schamlosigkeit tut er sich vor Ihnen mit seinem
Ordensbande wichtig. Er schnauft, er bläht die Nüstern, so erfüllt ist
er von sich selbst, daß Ihnen schließlich übel wird oder die Galle
überläuft und Sie nach dem Arzt schicken müssen. Doch den Franzosen
gefällt das sehr. Merkwürdig ist ferner, daß im Theater jetzt auch dem
_Monsieur Beaupré_ eine schon gar zu auffallende Beachtung, oder
mindestens weit mehr Beachtung geschenkt wird als früher. Selbstredend
hat _Monsieur Beaupré_ bereits viel Geld in Sicherheit und auch schon
sehr viele Sachen und Sächelchen in seinem Besitz. Als Mensch ist er
bieder, offenherzig, ein wenig lächerlich mit seinen bourgeoisen
Angewohnheiten und infolge des Umstandes, daß er Gatte ist; aber er ist
gutmütig, ehrlich, großmütig und von unsagbarem Edelmut in dem Auftritt,
in welchem er an dem Argwohn, seine Bisch sei ihm untreu, zu leiden hat.
Doch ungeachtet dessen entschließt er sich großmütig, ihr alles zu
verzeihen. Natürlich stellt es sich dann heraus, daß sie so unschuldig
wie eine Taube ist, daß sie mit ihrem Interesse für _Gustave_ nur
gescherzt hat und daß Bribri, dessen Großmut sie aufs tiefste
erschüttert, ihr teurer als alles andere ist. _Cécile_ ist natürlich
ganz wie immer zu Anfang bettelarm, ist es aber jetzt nur noch im ersten
Akt; schon im zweiten stellt es sich heraus, daß sie eine Million
besitzt. _Gustave_ ist stolz und gleichfalls wie immer von alles
verachtendem Edelmut, nur tut er jetzt viel wichtiger, da er ja nun ein
Krieger ist. Das teuerste auf der Welt ist für ihn sein Orden, den er
mit seinem „Blut erkauft“ hat; und „_l’épée de mon père_“.{[58]} Von
diesem Degen seines Vaters spricht er in jedem Augenblick, immer und
überall, bei jeder unpassenden Gelegenheit; man begreift oft gar nicht,
um was es sich dabei handelt; er schimpft, entrüstet sich, doch alle
machen Bücklinge vor ihm und die Zuschauer weinen und klatschen Beifall
(sie weinen buchstäblich). Selbstverständlich hat er keinen Sou, das ist
_sine qua non_. _Madame Beaupré_ ist natürlich in ihn verliebt, _Cécile_
gleichfalls, er aber ahnt nicht einmal, daß _Cécile_ ihn liebt. Fünf
Akte hindurch hört man _Cécile_ vor Liebe ächzen. Schließlich schneit es
oder es geschieht etwas Ähnliches. _Cécile_ will sich aus dem Fenster
stürzen. Da fallen plötzlich draußen unter dem Fenster zwei Schüsse,
alles eilt herbei: _Gustave_ tritt bleich, mit verbundenem Arm langsam
auf die Bühne. Das Ehrenband, das er mit seinem „Blut erkauft“ hat,
leuchtet auf seiner Brust. _Céciles_ Verleumder, der sie zu verführen
trachtete, ist bestraft. _Gustave_ begreift schließlich, daß _Cécile_
ihn liebt und daß alle diese Widerwärtigkeiten von _Madame Beaupré_
angestiftet worden sind. Doch _Madame Beaupré_ steht jetzt bleich und
erschrocken da und _Gustave_ errät, daß auch sie ihn liebt. Plötzlich
fällt wieder ein Schuß. Das kann nur ein Schuß von _Beaupré_ sein, der
sich das Leben nimmt. _Madame Beaupré_ schreit auf, stürzt zur Tür, doch
schon erscheint _Beaupré_ in eigener Person, mit einem erlegten Fuchs in
der Hand oder mit einem anderen Tier. Die Lehre ist gut: Mabisch wird
sie nie vergessen. Sie schmiegt sich an Bribri, der ihr alles verzeiht.
_Gustave_ erfährt aber nun, daß _Cécile_ eine Million besitzt, und er
rebelliert von neuem. Er will nicht heiraten. _Gustave_ ziert sich
gewaltig, _Gustave_ ergeht sich in Schimpfworten und flucht. Das Fluchen
und das Spucken auf die Million ist unbedingt erforderlich; der
Bourgeois würde es ihm nicht verzeihen, wenn er das unterließe: sein
Bedürfnis nach unaussprechlichem Edelmut käme doch sonst zu kurz, – nur
bitte deshalb nicht zu glauben, daß der Bourgeois sich selbst untreu
werde! Beruhigen Sie sich: die Million geht dem glücklichen Paar nicht
verloren, die Million ist unvermeidlich und erscheint zum Schluß immer
in Gestalt einer Belohnung der Tugend. Nein, der Bourgeois wird sich
selbst nicht untreu. Natürlich nimmt _Gustave_ zu guter Letzt die
Million samt _Cécile_, und dann kommt wieder das Geplätscher der
Springbrünnlein, die baumwollene Nachtmütze usw., usw. Auf die Weise
gibt es dann sowohl viel Gefühlvolles, wie unaussprechlichen Edelmut
mehr als man fassen kann, und dazu den Bourgeois _Beaupré_ als Sieger,
der mit seinen Familientugenden alle bis zur Ergriffenheit rührt, und
die Hauptsache, die Hauptsache – die Million, die Million als Fatum, als
Naturgesetz, dem alle Ehre, aller Ruhm, alle Anbetung gebührt, usw.,
usw. Bribri und Mabisch verlassen das Theater vollkommen befriedigt,
beruhigt und getröstet. _Gustave_ begleitet sie, und während er Mabisch
in den Wagen hebt, küßt er ihr heimlich das Händchen ... Kurz, alles
geht, wie es muß.
„Tagebuch eines Schriftstellers.“
Aus der Zeitschrift „Der Bürger“ vom Jahre 1873.
Einführung[92].
Am zwanzigsten Dezember erfuhr ich, daß alles schon entschieden und ich
nunmehr Redakteur des „Bürger“ war[93]. Dieses außergewöhnliche
Ereignis, d. h. außergewöhnlich nur für mich (ich will niemanden
beleidigen) – vollzog sich indes auf eine ganz einfache Weise. Und an
demselben zwanzigsten Dezember las ich in den „Moskauer Nachrichten“
einen Bericht über die Hochzeit des Kaisers von China, der einen
mächtigen Eindruck in mir hinterließ. Dieses großartige und allem
Anscheine nach überaus komplizierte Ereignis hat sich nämlich
gleichfalls auf eine erstaunlich einfache Weise abgespielt: es war da
alles schon seit tausend Jahren vorgesehen und festgesetzt, alles bis in
die kleinste Einzelheit, in fast zweihundert Bänden des Zeremoniells.
Als ich nun die ganze Größe dieses chinesischen Ereignisses mit meiner
Ernennung zum Redakteur verglich, – empfand ich plötzlich eine gewisse
Undankbarkeit für unsere vaterländischen Einrichtungen, ungeachtet
dessen, daß man mich so leicht bestätigt hatte, und ich dachte bei mir,
daß es für uns, d. h. für mich und den Fürsten Meschtscherski, in China
ganz unvergleichlich leichter wäre als hier, den „Bürger“ herauszugeben.
Dort ist alles so klar ... Wir würden uns beide an dem bestimmten Tage
auf dem dortigen Hauptamt für die Presseangelegenheiten einfinden und
vertreten. Nachdem wir mit der Stirn auf den Fußboden gestoßen und
diesen mit der Zunge geleckt, würden wir aufstehen, die Zeigefinger vor
uns in die Höhe heben und zugleich ehrfurchtsvoll die Köpfe neigen. Der
Hauptgewalthaber in Sachen der Presse würde natürlich keine Miene
verziehen und tun, als schenke er uns nicht die geringste Beachtung, wie
irgendwelchen hereingeflogenen zwei Fliegen. Doch der dritte Gehilfe
seines dritten Sekretärs würde sich hierauf erheben und, das Diplom
meiner Ernennung zum Redakteur in der Hand, mit eindringlicher, jedoch
freundlicher Stimme die von den Gesetzen des Zeremoniells hierfür
bestimmte Belehrung aufsagen, – eine an sich so klare und so
verständliche Belehrung, daß uns beiden das Anhören derselben unsagbar
angenehm wäre. Und im Falle ich in China so dumm und so reinen Herzens
wäre, daß ich, der Schwäche meiner Fähigkeiten mir wohl bewußt, nun, wo
ich mich zur Übernahme einer Schriftleitung anschickte, Angst und
Gewissensbisse verspürte, so würde mir sofort bewiesen werden, daß ich
doppelt dumm sei, wenn ich solche Empfindungen hegte. Daß ich vielmehr
von eben diesem Augenblicke an überhaupt keinen Verstand brauchte,
selbst wenn ich einen hätte! Ja, es sei sogar, im Gegenteil,
unvergleichlich zuverlässiger, wenn gar keiner vorhanden sei. So etwas
aber wäre doch – ohne Zweifel – wirklich höchst angenehm zu hören. Und
nachdem der dritte Gehilfe des dritten Sekretärs mit den schönen Worten
die Rede geschlossen: „Gehe hin, Redakteur, von nun an kannst du mit
neuer Gewissensruhe Reis essen und Tee trinken,“ würde er mir ein
schönes Diplom, das auf rotem Atlas mit goldenen Lettern gedruckt ist,
überreichen. Fürst Meschtscherski würde eine schwerwiegende Sportel aus
seiner Hand gleiten lassen, und dann würden wir beide, nach Hause
zurückgekehrt, sogleich die prachtvollste Nummer des „Bürger“
herausgeben, eine, wie wir sie hier niemals herausgeben werden. In China
würde es uns vortrefflich gelingen.
Allein ich argwöhne, daß in China Fürst Meschtscherski mich unbedingt
mit einem Hintergedanken aufgefordert haben würde, Redakteur zu werden,
nämlich hauptsächlich zu dem Zweck, um sich von mir auf dem Hauptamt der
Presseangelegenheiten stets dann vertreten zu lassen, wenn er ersucht
wird, sich dort einzufinden, um Schläge mit Bambusstäben auf die
Fußsohlen in Empfang zu nehmen. Doch ich würde ihn dort schnell
überlisten: ich würde sofort aufhören, den „Bismarck“[94] weiter zu
drucken, dafür aber selbst vorzügliche Artikel schreiben, – so daß man
mich höchstens nach jeder zweiten Nummer zu den besagten Bambusstäbchen
rufen würde. Dafür würde ich aber lernen, Artikel zu schreiben.
Dort in China würde ich vorzüglich schreiben; hier ist das bedeutend
schwieriger. Dort ist alles vorgesehen und alles vorausberechnet schon
auf tausend Jahre; hier dagegen geht alles drunter und drüber noch auf
tausend Jahre. Dort würde ich sogar unwillkürlich verständlich
schreiben; so daß ich eigentlich nicht weiß, wer meine Artikel überhaupt
lesen würde. Hier dagegen ist es, wenn man gelesen werden will, sogar
weit ratsamer, unverständlich zu schreiben. Nur in den „Moskauer
Nachrichten“ werden die Leitartikel anderthalb Spalten lang geschrieben
und sind – sonderbar! – dennoch verständlich; allerdings nur, wenn sie
von der bekannten Feder herrühren[95]. In der „Stimme“ dagegen werden
sie in einer Länge von acht, von neun, von zwölf und selbst von dreizehn
Spalten geschrieben. Daraus ersieht man, wieviel Spalten man hier
verschwenden muß, um es durchzusetzen, daß man geachtet wird[96].
Das Sprechen mit anderen, – das ist bei uns eine ganze Wissenschaft. D.
h., auf den ersten Blick mag es ja scheinen, daß es hier dasselbe sei
wie in China: ganz wie dort gibt es auch bei uns einzelne sehr
vereinfachte und rein wissenschaftliche Bräuche. Früher, zum Beispiel,
bedeuteten die Worte „ich verstehe nichts davon“ nur, daß der
Betreffende, der sie aussprach, dumm war; hingegen jetzt – jetzt bringen
sie einem die größte Ehre ein. Man braucht neuerdings nur mit offener
Miene und stolz zu sagen: „Ich verstehe nicht die Religion, ich verstehe
nichts von Rußland, ich verstehe so gut wie nichts von der Kunst“ – und
Sie stellen sich damit sogleich auf eine ganz außergewöhnliche Höhe. Und
das ist besonders vorteilhaft, wenn Sie tatsächlich nichts verstehen.
Doch diese vereinfachte Manier beweist nichts. Im Grunde verdächtigt bei
uns ein jeder den anderen der Dummheit, ohne jedes Nachdenken und ohne
die Frage auch an sich selbst zu richten: „Oder sollte, in der Tat,
nicht gerade ich dumm sein?“ Also ein alle befriedigender Zustand, wie
man meinen sollte, und doch, siehe da, ist niemand mit ihm zufrieden,
sondern alle ärgern sich. Aber Nachdenken in unserer Zeit ist ja auch
fast unmöglich: kostet zuviel. Man kauft lieber fertige Ideen. Die
werden überall verkauft, sogar unentgeltlich; doch gerade unentgeltlich
kommen sie noch teurer zu stehen, und das beginnt man schon zu ahnen.
Das Ergebnis ist also: überhaupt kein Gewinn, sondern die Unordnung
herrscht nach wie vor.
Freilich, wir sind ein ebensolches China, bloß ohne seine Ordnung. Wir
fangen kaum erst mit dem an, was in China schon beendet wird. Zweifellos
werden wir einmal zu demselben Ende kommen, aber wann? Um tausend Bände
„Zeremonien“ anzunehmen, zwecks endgültiger Erwerbung des Rechts, über
nichts mehr nachdenken zu müssen, – dazu müssen wir noch mindestens ein
Jahrtausend des Nachdenkens durchleben. Und was sehen wir? – niemand
will den Ablauf der Frist beschleunigen, denn niemand will nachdenken.
Hinwiederum: wenn niemand nachdenken will, so muß doch, sollte man
meinen, der russische Schriftsteller es um so leichter haben. Ja, das
ist allerdings der Fall; und wehe dem Schriftsteller und dem
Herausgeber, der in unserer Zeit nachdenkt! Noch schlimmer erginge es
dem, der selber lernen und begreifen wollte; doch am schlimmsten ist der
daran, der das aufrichtig eingesteht; und wenn er dann gar erklärt, daß
er manches schon ein wenig begriffen habe und seinen Gedanken nun
aussprechen wolle, so wird er im Handumdrehen von allen verlassen. Ihm
bleibt dann nichts anderes übrig, als sich irgendein passendes
Menschlein herauszusuchen oder ein solches womöglich zu mieten und sich
nur mit diesem Menschen zu unterhalten; vielleicht nur für ihn allein
die Zeitschrift herauszugeben.
Eine höchst widerwärtige Lage, denn das ist doch ebensogut wie mit sich
selbst sprechen und die Zeitschrift nur zum eigenen Vergnügen
herausgeben. Ich vermute stark, daß der „Bürger“ noch lange mit sich
allein zum eigenen Vergnügen wird sprechen müssen. Und da bedenke man
meinetwegen nur dies Eine, daß nach der medizinischen Wissenschaft
Gespräche mit sich selbst Anlage zum Irrsinn bedeuten. Der „Bürger“ muß
aber doch unbedingt mit Bürgern sprechen und eben darin besteht sein
ganzes Unglück!
Nun wohl, einem solchen Unternehmen habe ich mich jetzt angeschlossen.
Meine Lage ist im höchsten Maße unbestimmt. Ich werde also mit mir
selbst sprechen und nur zu meinem Vergnügen, – in der Form dieses
„Tagebuchs“, gleichviel was dabei herauskommt. Wovon ich sprechen werde?
Von allem, was mir auffällt oder was mich zum Nachdenken zwingt. Sollte
ich aber einen Leser finden oder – Gott behüte! – gar einen Opponenten,
so weiß ich doch, daß man eine Unterhaltung zu führen verstehen und
stets wissen muß, mit wem man und wie man spricht. Das zu erlernen werde
ich mir Mühe geben, denn bei uns ist das ja am schwersten, ich meine: in
der Literatur. Zudem gibt es ja auch verschiedene Opponenten: nicht mit
jedem kann man ein Gespräch anfangen. Ich will hierzu eine Fabel
erzählen, die ich vor ein paar Tagen hörte. Man sagte mir, es sei eine
uralte Fabel, womöglich indischen Ursprungs, was überaus beruhigend ist.
Einmal geriet ein Schwein mit einem Löwen in Streit und forderte ihn zum
Duell. Nach Hause zurückgekehrt, besann es sich und bekam Angst. Die
ganze Herde versammelte sich, man dachte nach und beschloß also:
„Sieh’, Schwein, hier in der Nähe ist eine gewisse Grube; geh’ hin,
wälze dich gründlich in ihr herum und erscheine dann so auf dem
Kampfplatz. Du wirst sehen.“
Das Schwein tat wie ihm geheißen. Der Löwe kam, schnupperte, zog die
Nase kraus und ging weg. Noch lange nachher rühmte sich das Schwein, daß
der Löwe Angst bekommen habe und vom Kampfplatz weggelaufen sei.
Dies die Fabel. Natürlich, Löwen gibt es bei uns nicht, – das Klima ist
nicht danach; und es wäre auch gar zu großartig. Doch setzen Sie an die
Stelle des Löwen einen anständigen Menschen, der zu sein eines jeden
Pflicht ist, und die Moral ist dieselbe.
Übrigens, ich will hier noch ein kleines Erlebnis erzählen.
Einmal, während eines Gesprächs mit dem seligen Herzen[97], äußerte ich
mich mit größtem Beifall über eines seiner Werke, – über das Buch „Vom
anderen Ufer“. Über dieses Buch hat sich zu meiner aufrichtigen Freude
auch M. P. Pogodin[98] – in einem ausgezeichneten und interessanten
Artikel über seine Zusammenkunft mit Herzen im Auslande – durchaus
lobend geäußert. Dieses Buch ist in der Form eines Gesprächs zwischen
dem Autor und seinem Widerpart geschrieben.
„Und besonders gefällt mir daran,“ bemerkte ich unter anderem, „daß Ihr
Opponent gleichfalls sehr klug ist. Sie müssen doch zugeben, daß er Sie
in vielen Fällen an die Wand drückt.“
„Ja, eben darin liegt ja der ganze Witz,“ sagte Herzen lachend. „Warten
Sie, ich werde Ihnen eine Anekdote erzählen. Einmal, als ich in
Petersburg war, schleppte mich Bjelinski zu sich, ich mußte mich
hinsetzen und einen Artikel anhören, an dem er gerade mit Eifer schrieb:
‚Ein Gespräch zwischen Herrn A. und Herrn B.‘ (Der Artikel ist später in
die Gesamtausgabe seiner Werke aufgenommen worden.) In diesem Artikel
ist Herr A., natürlich Bjelinski selbst, als ein sehr kluger Mensch
gezeichnet, Herr B. dagegen, sein Opponent, als etwas weniger klug. Als
er geendet hatte, fragte er mich in fieberhafter Erwartung:
„Nun, was, wie findest du’s?“
„Tja, gut, ganz gut, und man sieht, daß du sehr klug bist, nur – was
macht dir denn das für einen Spaß, mit einem solchen Dummkopf deine Zeit
zu vergeuden?“
Bjelinski warf sich auf den Diwan, mit dem Gesicht aufs Kissen, und
schrie, fast erstickend vor Lachen:
„Erschlagen! Erschlagen!“
Menschen von damals[99].
Diese Anekdote von Bjelinski erinnert mich an mein erstes Auftreten in
der Literatur vor Gott weiß wieviel Jahren; eine traurige, für mich
verhängnisvolle Zeit. Mir fällt gerade Bjelinski selbst ein, wie er
damals war, als ich ihn kennen lernte, und wie er mich zum erstenmal
empfing[100]. Mir fallen jetzt oft Menschen von damals ein, natürlich
deshalb, weil ich jetzt oft auf Menschen von heute stoße. Bjelinski war
die begeisterungsfähigste Persönlichkeit von allen, die mir in meinem
Leben je begegnet sind. Herzen war etwas ganz anderes: Der war ein
Produkt unseres Herrentums, war vor allen Dingen _gentilhomme russe et
citoyen du monde_,{[59]} – ein Typ, der nur in Rußland erschienen ist
und der auch außer in Rußland nirgendwo hätte erscheinen können. Herzen
ist nicht emigriert, er hat nicht die Grundlage zur russischen
Emigration gelegt, – nein, er war einfach schon als Emigrant geboren.
Sie sind ja alle, alle die von seiner Art und seines Standes, ganz
einfach schon als Emigranten bei uns geboren, wenn auch die Mehrzahl von
ihnen nie aus Rußland hinausgekommen ist. In den hundertundfünfzig
Jahren des verflossenen Lebens unserer russischen Herrenschicht sind –
mit sehr wenigen Ausnahmen – die letzten Wurzeln, die diese Schicht in
der russischen Erde hatte, vermodert, haben sich ihre letzten
Verbindungen mit der russischen Wahrheit gelockert. Herzen ward
gleichsam von der Geschichte selbst die Aufgabe zugeteilt, diesen Bruch
der ungeheuren Mehrheit unseres gebildeten Standes mit dem Volke in
seiner Person wie in einem grellsten Typ darzustellen. In diesem Sinne
war er ein historischer Typ. Indem sie sich vom Volke absonderten,
verloren sie natürlicherweise auch Gott. Die Unruhigen unter ihnen
wurden Atheisten; die Schlaffen und Ruhigen wurden Indifferente. Für das
russische Volk empfanden sie einzig und allein Verachtung, bildeten sich
aber gleichzeitig ein und glaubten, daß sie es liebten und ihm nur das
Beste wünschten. Aber sie liebten es negativ, nämlich indem sie sich
statt seiner, wie es wirklich ist, irgendein Idealvolk dachten, das nach
ihren Vorstellungen das russische Volk sein sollte. Dieses Idealvolk
nahm damals für manche führende Vertreter dieser Mehrheit unwillkürlich
die Gestalt des Pariser Pöbels vom Jahre 93 an. Damals war dieser das
bezauberndste Ideal eines Volkes. Natürlich mußte Herzen Sozialist
werden, und zwar gerade als russischer Junker, d. h. soviel wie ohne
jede Not und ohne Ziel, eben nur und einzig aus dem „logischen Fluß der
Ideen“ und aus der Herzensleere in der Heimat. Er sagte sich von den
Grundlagen der bisherigen Gesellschaft los und war dabei, glaube ich,
ein guter Vater und Gatte. Er verneinte das Eigentum, doch vorläufig
wußte er sein Vermögen sicherzustellen und empfand im Auslande mit
Vergnügen seine materielle Unabhängigkeit. Er stiftete Revolutionen an,
spornte andere dazu an, und gleichzeitig liebte er Komfort und Ruhe im
eigenen Heim. Er war ein Künstler, ein Denker, ein glänzender
Schriftsteller, ein außergewöhnlich belesener Mensch, geistreich,
schlagfertig, ein bewundernswerter Unterhalter und Gesellschafter (er
sprach sogar noch besser, als er schrieb) und ein prachtvoller
Reflekteur. Die Reflexion – ich meine damit die Fähigkeit, aus dem
eigenen tiefsten Empfinden ein Objekt zu machen, es vor sich
hinzustellen, sich anbetend davor zu verbeugen und sich gleich darauf
über dasselbe meinetwegen auch lustig zu machen – war in ihm bis zum
höchsten Grade entwickelt. Zweifellos war er ein außergewöhnlicher
Mensch; aber was immer er war – ob er da seine Aufzeichnungen schrieb
oder mit Proudhon eine Zeitschrift herausgab, oder in Paris auf die
Barrikaden ging (was er in seinen Aufzeichnungen so launig geschildert
hat); ob er litt oder sich freute oder zweifelte, ob er 1863 den Polen
den Gefallen tat und jenen Aufruf an die russischen Revolutionäre
schrieb, obschon er gleichzeitig den Polen nichts glaubte und sogar
wußte, daß sie ihn betrogen, und wußte, daß er mit seinem Aufruf
Hunderte dieser unglücklichen jungen Menschen ins Verderben brachte; ob
er das alles später in einem seiner letzten Artikel mit unerhörter
Naivität selbst eingestand, ohne auch nur zu argwöhnen, in welch ein
Licht er sich mit einem solchen Geständnis selbst stellte – immer und
überall und in seinem ganzen Leben war und blieb er vor allen Dingen
_gentilhomme russe et citoyen du monde_, schlechthin ein Produkt der
früheren Leibeigenschaft, die er haßte und zu der er doch gehörte, nicht
nur durch seinen Vater, den Herrn aus der Leibeigenschaftszeit; sondern
eben durch die Entzweiung mit dem Heimatboden und dessen Idealen.
Bjelinski dagegen, oh, Bjelinski war keineswegs _gentilhomme_, oh nein.
(Er stammte von Gott weiß wem ab. Sein Vater war, wenn ich nicht irre,
Militärarzt.[101])
Bjelinski war eine _un_reflektierende Natur _par excellence_, war gerade
eine schrankenlos ekstatische Natur, war und blieb das sein ganzes Leben
lang. Meine erste Erzählung „Arme Leute“ entzückte ihn (später, fast ein
Jahr darauf, gingen wir auseinander – aus verschiedenen Gründen,
übrigens aus sehr unwichtigen, in jeder Hinsicht). Damals aber, in den
ersten Tagen unserer Bekanntschaft, als er sich gleich mit ganzem Herzen
an mich schloß, beeilte er sich sofort, und zwar mit der treuherzigsten
Hast, mich zu seinem Glauben zu bekehren. Ich übertreibe seinen
glühenden Drang zu mir, wenigstens in den ersten Monaten
unserer Bekanntschaft, nicht im geringsten. Ich lernte ihn als
leidenschaftlichen Sozialisten kennen und er begann mit mir sogleich vom
Atheismus zu sprechen. Darin sehe ich viel Bezeichnendes, – nämlich
seinen erstaunlichen Spürsinn und seine ungewöhnliche Fähigkeit, sich
aufs tiefste von einer Idee durchdringen zu lassen. Die Internationale
hat ja auch einen ihrer Aufrufe – vor etwa zwei Jahren – unmittelbar mit
der bezeichnenden Erklärung begonnen: „Wir sind vor allem eine
atheistische Gesellschaft,“ d. h. sie begann sogleich mit dem Kern der
Sache, mit dem Wesentlichen; damit begann damals auch Bjelinski. Er, der
Vernunft, Wissenschaft und Realismus am höchsten schätzte, begriff doch
zu gleicher Zeit tiefer als alle anderen, daß Vernunft, Wissenschaft und
Realismus _allein_ – bloß einen Ameisenhaufen erschaffen können, nicht
aber eine soziale „Harmonie“, in der es dem Menschen möglich wäre sich
einzuleben. Er wußte, daß die Grundlage zu allem – sittliche Grundsätze
sind. An die neuen sittlichen Grundlagen des Sozialismus (der übrigens
bisher noch keine einzige neue aufgewiesen, sondern nur widerliche
Entstellungen der Natur und des gesunden Verstandes hervorgebracht hat),
glaubte Bjelinski bis zum Wahnsinn und ohne jede Reflexion; das war bei
ihm nichts als eine einzige Ekstase. Doch als Sozialist mußte er
natürlich als Erstes das Christentum niederwerfen, – er wußte, daß die
Revolution unbedingt mit dem Atheismus zu beginnen hatte. Es galt für
ihn also, zunächst die Religion niederzureißen, aus der die sittlichen
Grundlagen der von ihm bekämpften Gesellschaft hervorgegangen waren.
Familie, Eigentum, sittliche Verantwortlichkeit des Einzelnen – alles
das wurde von ihm radikal verneint. (Ich bemerke hierzu, daß er
gleichfalls ein guter Gatte und Vater war, ganz wie Herzen.) Zweifellos
begriff er, daß er, indem er die sittliche Verantwortung der
Persönlichkeit verneinte, eben damit auch ihre Freiheit verneinte; aber
er glaubte mit seinem ganzen Wesen (viel blinder als Herzen, der, wenn
ich nicht irre, zum Schluß zu zweifeln begann), daß der Sozialismus die
Freiheit der Persönlichkeit nicht nur nicht zerstöre, sondern, im
Gegenteil, diese Freiheit in noch nie dagewesener Großartigkeit
wiederherstelle, jedoch auf einer neuen und bereits unerschütterlichen
Grundlage[102].
Aber da gab es nun noch die strahlende Persönlichkeit Christi selbst,
gegen die der Kampf am schwersten war. Die Lehre Christi mußte er als
Sozialist unbedingt zerstören, sie eine falsche und unwissende
Menschenliebe nennen, die von der heutigen Wissenschaft und den heutigen
ökonomischen Grundlagen schon verurteilt sei; aber – immerhin – es blieb
das lichte Bild des Gottmenschen, seine sittliche Unerreichbarkeit,
seine wunderbare und wunderwirkende Schönheit. Doch Bjelinski blieb in
seiner ununterbrochenen, unerlöschlichen Ekstase selbst vor diesem
unüberwindlichen Hindernis nicht stehen, wie Renan es noch tut, der in
seinem von Unglauben erfüllten Buch „_Vie de Jésus_“{[60]} dennoch sagt,
daß Christus das Ideal der menschlichen Schönheit sei, eine
unerreichbare Gestalt, deren Wiederholung auch in der Zukunft schon
nicht mehr möglich wäre.
„Ja, wissen Sie auch,“ rief Bjelinski damals an einem Abend mit seiner
heiseren Stimme mir zu (er konnte manchmal eigentümlich kreischen,
besonders wenn ihn irgend etwas sehr erregte), „wissen Sie auch, daß man
dem Menschen nicht seine Sünden anrechnen und ihn mit Schulden und
hingehaltenen Backen belasten darf, wenn die Gesellschaft so gemein
eingerichtet ist, daß sie es dem Menschen unmöglich macht, keine
Übeltaten zu begehen, wenn er ökonomisch zum Verbrechen geführt wird,
und daß es sinnlos und grausam ist, vom Menschen etwas zu verlangen, was
er schon auf Grund der Naturgesetze nicht erfüllen kann, selbst wenn er
es wollte ...“
An diesem Abend waren wir nicht allein; einer seiner Freunde, den er
überaus achtete und auf dessen Urteil er viel gab, war gleichfalls bei
ihm; und außer diesem war noch ein ganz junger Schriftsteller zugegen,
der erst später in der Literatur bekannt geworden ist.
„Wissen Sie, ich bin immer ordentlich gerührt, wenn ich ihn so ansehe,“
unterbrach plötzlich Bjelinski seinen wütenden Ausbruch, indem er sich
zu seinem Freunde wandte und dabei auf mich wies; „jedesmal, wenn ich so
wie jetzt von Christus rede, verändert sich sein ganzes Gesicht, als
wolle er gleich zu weinen anfangen ... Aber so glauben Sie mir doch, Sie
naiver Mensch,“ fiel er wieder über mich her, „so glauben Sie es doch,
daß Ihr Christus, wenn er in unserer Zeit geboren wäre, sich als der
unauffälligste und gewöhnlichste Mensch erweisen würde; er verschwände
nur so angesichts der heutigen Wissenschaft und der heutigen Beweger der
Menschheit.“
„N–n–nein, nicht doch!“ bemerkte da Bjelinskis Freund. (Ich weiß noch,
wir anderen saßen, er aber ging im Zimmer auf und ab.) „N–nein: wenn
Christus jetzt erschiene, würde er sich der Bewegung anschließen und an
ihre Spitze stellen.“
„Nun ja, nun ja,“ stimmte Bjelinski plötzlich und mit erstaunlicher
Eilfertigkeit ihm bei. „Er würde sich gerade den Sozialisten anschließen
und ihnen folgen.“
Unter jenen „Bewegern der Menschheit“, denen Christus sich anzuschließen
hätte, verstand man damals lauter Franzosen: vor allen anderen George
Sand, dann den jetzt vollkommen vergessenen Cabet, Pierre Leroux und
Proudhon, der gerade erst bekannt zu werden begann. Diese vier wurden
von Bjelinski, soweit mir erinnerlich ist, damals am meisten geachtet.
Fourier wurde schon längst nicht mehr so geschätzt. Und dann gab es da
noch einen Deutschen, den er in jener Zeit auch sehr verehrte:
Feuerbach. (Bjelinski, der in seinem ganzen Leben keine einzige fremde
Sprache zu erlernen vermochte, sprach den Namen immer „Fijerbach“ aus.)
Von Strauß wurde mit Ehrfurcht gesprochen.
Bei einem so warmen Glauben an seine Idee war er natürlich der
glücklichste der Menschen. Oh, grundlos hat man später geschrieben, daß
Bjelinski, wenn er länger gelebt hätte, zum Slawophilentum übergegangen
wäre. Niemals hätte er mit dem Slawophilentum geendet. Bjelinski hätte
vielleicht mit der Emigration geendet, wenn er länger gelebt hätte und
wenn es ihm gelungen wäre, über die Grenze zu kommen, und würde sich
jetzt als kleiner und begeisterter alter Herr mit demselben warmen
Glauben, der nicht die geringsten Zweifel zuläßt, irgendwo auf den
Kongressen in Deutschland und in der Schweiz herumtreiben, oder sich
irgendeiner deutschen Madame Goegg[103] als Adjutant anschließen und für
irgendeine Frauenfrage den Laufburschen spielen.
Dieser glückselige Mensch, der eine so erstaunliche Gewissensruhe besaß,
war übrigens mitunter sehr traurig, doch diese Trauer war von besonderer
Art, – nicht eine Folge von Zweifeln, nicht von Enttäuschungen, oh nein,
– sondern ihre Ursache war die Frage: warum nicht heute, warum nicht
morgen? Er war der ungeduldigste Mensch in ganz Rußland. Einmal traf ich
ihn gegen drei Uhr mittags bei der Snamenski-Kirche. Er sagte mir, er
sei spazieren gegangen und gehe nun nach Hause.
„Ich komme oft hierher, um zu sehen, wie der Bau fortschreitet“ (der Bau
des Bahnhofs der Nikolai-Bahn, die damals erst gebaut wurde). „Ich
erleichtere mir damit wenigstens das Herz, daß ich hier eine Weile stehe
und der Arbeit zusehe: endlich wird es auch bei uns wenigstens eine
Eisenbahn geben. Sie glauben nicht, wie dieser Gedanke mich manchmal
aufatmen läßt!“
Das war heiß und schön gesagt; Bjelinski war nie pathetisch. Wir gingen
zusammen weiter. Ich weiß noch, unterwegs sagte er zu mir:
„Ja, erst wenn ich verscharrt sein werde“ (er wußte, daß er
schwindsüchtig war), „wird man sich besinnen und gewahr werden, wen man
verloren hat.“
In seinem letzten Lebensjahr ging ich bereits nicht mehr zu ihm. Er
mochte mich nicht mehr; doch ich nahm damals mit Leidenschaft seine
ganze Lehre an. Und wieder ein Jahr später, es war in Tobolsk, als wir
in Erwartung unseres ferneren Schicksals im Ostrogg saßen, bis man uns
von dort weiter transportierte, gelang es den Frauen der Dekabristen,
den Aufseher des Ostrogg durch Bitten zu bewegen, ihnen eine heimliche
Zusammenkunft mit uns in seiner Wohnung zu gestatten. Wir sahen diese
großen Märtyrerinnen, die freiwillig mit ihren Männern nach Sibirien
gegangen waren. Sie hatten alles hingegeben: Adel, Reichtum,
Verbindungen und Verwandte, hatten alles geopfert für die höchste
sittliche Pflicht, für die freieste Pflicht, die es überhaupt gibt. Sie,
die selbst in nichts schuldig waren, ertrugen in langen fünfundzwanzig
Jahren alles, was ihre verurteilten Männer zu ertragen hatten. Unser
Zusammensein währte eine Stunde. Sie segneten uns auf den neuen Weg,
bekreuzigten uns und schenkten einem jeden das Neue Testament – das
einzige Buch, das im Ostrogg erlaubt ist. Vier Jahre lang lag es im
Zuchthause unter meinem Kopfkissen. Ich las es manchmal und las auch
anderen daraus vor. Nach diesem Buch lehrte ich einen jungen
Zuchthäusler lesen. Um mich herum waren dort gerade die Menschen, die
nach Bjelinskis Glauben ihre Verbrechen nicht hatten _nicht begehen
können_, die also im Recht und nur unglücklicher als die anderen waren.
Ich wußte, daß auch das ganze russische Volk uns „Unglückliche“ nannte,
und habe diese Benennung selbst unzählige Male von unzähligen Menschen
gehört. Aber es war da immer etwas anderes, es war da gar nicht das,
wovon Bjelinski sprach und was jetzt zum Beispiel aus manchen
Urteilssprüchen unserer Geschworenen hervorklingt. In jenem Worte
„Unglückliche“, in jenem Urteilsspruch des Volkes klang ein anderer
Gedanke. Vier Jahre Zuchthaus waren eine lange Schule; ich hatte Zeit,
mich zu überzeugen ...
Eine der zeitgemäßen Fälschungen[104].
Einige unserer Kritiker haben neuerdings bemerkt, daß ich in meinem
letzten Roman „Die Dämonen“ die Geschichte des bekannten
Netschajeff-Prozesses[105] benutzt hätte; doch gleichzeitig stellen sie
fest, daß eigentliche Porträts oder eine buchstäbliche Verwendung des
Falles Netschajeff in meinem Roman nicht enthalten sei; es sei bloß die
Erscheinung an sich genommen und ich hätte nur versucht, die Möglichkeit
einer solchen in unserer Gesellschaft zu erklären, und zwar schon im
Sinne einer gesellschaftlichen Erscheinung, nicht im Sinne einer
zufälligen Begebenheit, also sei es nicht eine Darstellung des Moskauer
speziellen Falles. Alles dies ist, das sage ich von mir aus, vollkommen
richtig. Auf die Person des bekannten Netschajeff wie auf die seines
Opfers Iwanoff habe ich in meinem Roman keinen Bezug genommen. Die
Gestalt _meines_ Netschajeff gleicht natürlich keineswegs dem wirklichen
Netschajeff. Ich wollte nur die Frage aufstellen und dann in der Form
eines Romans eine möglichst klare Antwort auf die Frage geben: wie in
unserer, in einem Übergangszustande befindlichen und wunderlichen
Gesellschaft nicht speziell dieser eine Netschajeff möglich war, sondern
wie überhaupt _Netschajeffs_ in ihr möglich sind und auf welche Weise es
geschehen kann, daß diese _Netschajeffs_ schließlich Netschajewzen um
sich zu sammeln vermögen?
Nun habe ich unlängst – übrigens ist es doch schon einen Monat her – in
der „Russischen Welt“ folgende merkwürdige Zeilen gelesen:
„... Der Prozeß Netschajeff hat, wie uns scheint, einen jeden überzeugen
können, daß die _studierende_ Jugend bei uns in ähnliche Verrücktheiten
nicht verwickelt zu sein pflegt. Ein idiotischer Fanatiker von der Art
Netschajeffs konnte seine Proselyten nur unter der müßigen, unreifen und
keineswegs studierenden Jugend finden.“
Und weiter:
„... um so mehr, als noch vor ein paar Tagen der Minister der
Volksaufklärung erklärt hat (in Kiew), er könne nach der Besichtigung
der Unterrichtsanstalten in sieben Kreisen nur sagen, daß ‚_in den
letzten Jahren die Jugend sich unvergleichlich ernster zur Wissenschaft
verhalte, viel mehr und unvergleichlich gründlicher arbeite, als
früher_‘.“
An und für sich sind ja diese Zeilen, d. h. wenn man sie unbezüglich
nimmt, ziemlich nichtssagend (ich hoffe, der Verfasser wird mich
entschuldigen). Aber sie sind eine Ausrede und enthalten eine alte,
schon so zuwider gewordene Lüge. Der ganze Grundgedanke besteht darin,
daß, wenn bei uns manchmal auch Netschajeffs auftauchen, diese doch
unbedingt alle nur Idioten und Fanatiker seien; und wenn es ihnen auch
gelinge, Proselyten zu machen, so geschehe das unbedingt „_nur_ unter
der müßigen, unreifen und _keineswegs_ studierenden Jugend“. Ich weiß
nicht, was der Verfasser dieses kleinen Artikels mit dieser Ausrede
eigentlich hat beweisen wollen: vielleicht wollte er der studierenden
Jugend schmeicheln? Oder wollte er, im Gegenteil, mittels eines schlauen
Manövers und sozusagen in der Form einer Schmeichelei die Jugend ein
wenig überlisten, jedoch nur mit den achtbarsten Absichten, nämlich nur
zu ihrem eigenen Besten, und da hat er es denn, um den Zweck zu
erreichen, mit einem Mittel versucht, das Gouvernanten und Kinderfrauen
ihren kleinen Pfleglingen gegenüber anzuwenden pflegen: „Seht, meine
lieben Kinderchen, was jene dort für ungezogene Rangen sind, wie sie
schreien und wie sie sich prügeln, und sicher werden sie dafür Ruten
bekommen, daß sie so ‚unreif‘ sind; ihr aber seid so liebe, artige
Kinderchen, sitzt bei Tische hübsch gerade, schlenkert nicht mit den
Beinchen unter dem Tisch, und dafür werdet ihr auch bestimmt etwas
Schönes bekommen“. Oder vielleicht hat der Verfasser unsere studierende
Jugend vor der Regierung „verteidigen“ und zu dem Zweck einen Kunstgriff
anwenden wollen, den er vielleicht selber für ungemein schlau und fein
hält?
Doch ich sage offen: obschon ich alle diese Fragen gestellt habe,
erwecken die persönlichen Absichten des Verfassers doch nicht das
geringste Interesse in mir. Und ich füge sogar hinzu, um die
Entschuldigung gleich abzutun, daß ich geneigt bin, die Lüge und die
alte faule Ausrede, die in jenem Artikel zum Ausdruck kommen, im
vorliegenden Fall für etwas Unbeabsichtigtes und Zufälliges zu halten,
d. h. ich glaube, daß der Verfasser sich selbst von seinen Worten hat
überzeugen lassen und sie für wahr hält – mit jenem höheren Biedersinn,
der so löblich und in jedem anderen Fall durch seine Harmlosigkeit sogar
rührend ist. Doch abgesehen davon, daß eine Lüge, die für Wahrheit
gehalten wird, immer die gefährlichste Lüge ist (selbst dann, wenn sie
in der „Russischen Welt“[106] erscheint), – es fällt einem außerdem
sofort auch dies auf, daß sie noch nie in so nackter, bestimmter und
ungeprüfter Gestalt aufgetreten ist, wie in diesem kleinen Artikel. In
der Tat, man sagt ja auch: zwinge einen anderen Menschen zum Beten und
er schlägt sich die Stirn ein[107]. Gerade in dieser Gestalt aber ist
die Lüge interessant zu untersuchen und nach Möglichkeit aufzudecken.
Hinzu kommt, daß man doch nicht weiß, wie lange man wird warten müssen,
bis man wieder einmal auf eine so ungeprüfte Aufrichtigkeit stößt!
Da ist es nun von der liberalen Presse schon seit unseren uralten
pseudo-liberalen Zeiten zur Regel erhoben, „die Jugend zu verteidigen“.
Gegen wen? gegen was? – das bleibt meist im Dunkel der Ungewißheit und
auf die Weise bekommt das ganze Vorgehen oft etwas überaus Sinnloses und
sogar höchst Komisches, besonders bei Angriffen auf andere Organe der
Presse in dem Sinne von: „Seht, wir sind liberaler, ihr aber fallt über
die Jugend her, folglich seid ihr reaktionärer.“ Ich bemerke hierzu in
Klammern, daß derselbe kleine Artikel der „Russischen Welt“ eine
Anschuldigung enthält, die im besonderen gegen den „Bürger“ gerichtet
ist: angeblich weil in ihm unsere studierende Jugend in Petersburg,
Moskau und Charkoff ausnahmslos angeklagt werde. Ich will mich nicht
weiter dabei aufhalten, daß der Verfasser des Artikels selbst _ganz
vorzüglich weiß_, daß es in unserem Blatt nichts, was einer allgemeinen
und ausnahmslosen Anklage auch nur ähnlich wäre, gegeben hat noch gibt,
sondern bitte unseren Ankläger nur zu erklären: was heißt das, die
Jugend ausnahmslos anklagen? Ich verstehe diesen Satz überhaupt nicht!
Das soll natürlich heißen, daß wir aus irgendeinem Grunde die ganze
Jugend ohne Ausnahme nicht lieben, – und nicht einmal so sehr die Jugend
überhaupt, als gerade ein gewisses Alter unserer jungen Menschen? Was
ist das für ein Unsinn! Wer kann eine solche Anklage ernst nehmen? Es
ist klar, daß sowohl die Anklage wie die Verteidigung mit größter
Oberflächlichkeit geschrieben worden sind, ohne daß man sich viel dabei
gedacht hätte. Ja, eben: „Lohnt es sich denn überhaupt, darüber
nachzudenken? Ich habe gezeigt, daß ich selbst liberal bin, daß ich die
Jugend lobe und diejenigen schelte, die sie nicht loben, na und damit
ist der Artikel fertig und ist’s abgetan!“ Ja, eben: und ist’s abgetan;
denn nur der schlimmste Feind unserer Jugend könnte sich entschließen,
sie _auf die Weise_ zu verteidigen, – und dabei auf eine so erstaunliche
Ausrede verfallen (unvermutet, ungewollt – davon bin ich jetzt
überzeugter denn je), wie der harmlose Verfasser des kleinen Artikels in
der „Russischen Welt“.
Die ganze Wichtigkeit des Falles besteht nur darin, daß dieses Verfahren
nicht eine Erfindung bloß der „Russischen Welt“ ist, sondern von vielen
Organen unserer pseudo-liberalen Presse angewandt wird, von diesen aber
geschieht das vielleicht nicht mehr so aus reiner Einfalt. Das Wesen
dieses Verfahrens besteht _erstens_: im ausnahmslosen Lob der Jugend,
und zwar in jeder Beziehung und in jedem Fall; und zweitens: in plumpen
Angriffen auf alle anderen, die sich in dem einen oder anderen Fall
erlauben, sich auch zu der Jugend kritisch zu verhalten. Aufgebaut ist
dieses Verfahren auf der lächerlichen Annahme, daß die Jugend noch so
unreif sei und Lob so liebe, daß sie nichts zu unterscheiden verstehe
und alles für bare Münze nehme. Und in der Tat, sie haben erreicht, daß
schon sehr viele unter der Jugend (wir glauben fest, daß es bei weitem
nicht alle sind) an plumpem Lob wirklich Geschmack gefunden haben, daß
sie nun schon Schmeichelei _verlangen_ und bereit sind, alle diejenigen,
die ihnen nicht ausnahmslos und auf Schritt und Tritt, besonders aber in
gewissen Fällen, Beifall spenden, ohne Unterschied anzuklagen. Übrigens
ist das vorläufig nur ein zeitweiliger Übelstand; mit zunehmender
Erfahrung und zunehmendem Alter werden sich die Anschauungen auch dieser
Jugend ändern. Aber es gibt noch eine andere Seite der Lüge, die bereits
unmittelbaren und wesentlichen Schaden stiftet.
Diese andere Seite der „Verteidigung unserer Jugend vor der Gesellschaft
und vor der Regierung“ nach besagtem Verfahren besteht in einfacher
_Verneinung der Tatsache_, – in einer bisweilen überaus plumpen und
frechen Verleugnung: „Nein,“ heißt es, „die Tatsache gibt es nicht und
hat es nie gegeben, ja, hat es gar nicht geben können; wer das Gegenteil
behauptet, verleumdet die Jugend, ist also ein Feind der Jugend!“
Dies die Manier. Ich wiederhole: selbst der schlimmste Feind unserer
Jugend hätte nichts ersinnen können, das ihren eigensten Interessen
schädlicher wäre. Das möchte ich auf alle Fälle beweisen.
Mit der _Verneinung der Tatsache_ um jeden Preis kann man erstaunliche
Ergebnisse erreichen.
Nun, was beweisen Sie damit, meine Herrschaften, und um was erleichtern
Sie die Sache, wenn Sie zu versichern anfangen (und zwar, was sehr
wichtig ist, zu Gott weiß welchem Zweck), daß die Jugend, die sich
„hinreißen“ läßt, d. h. jene, die sich „hinreißen“ lassen können
(meinetwegen selbst von einem Netschajeff), unbedingt nur „müßige,
unreife“ Jugend sei, die _keineswegs_ studiert, – mit einem Wort: das
seien eben nur Faulenzer mit den schlechtesten Neigungen. Auf die Weise
geschieht es, daß Sie, indem Sie den Fall absondern, aus der Sphäre der
Studierenden ausschließen und ihn ausschließlich für die „Müßigen und
Unreifen“ vorbehalten, eben damit schon im voraus diese Unglücklichen
anklagen und sich von ihnen endgültig lossagen. „Es ist ihre eigene
Schuld, sie waren Raufbolde und Faulenzer und verstanden bei Tisch nicht
artig zu sitzen.“ Indem Sie den Fall also absondern und ihm das Recht
nehmen, im Zusammenhang mit dem allgemeinen Ganzen untersucht zu werden
(eben daraus aber ergibt sich die einzig mögliche Verteidigung der
unglücklichen „Verirrten“!), unterschreiben Sie gewissermaßen nicht nur
deren endgültige Verurteilung, sondern entfernen von ihnen sogar jedes
Erbarmen, denn Sie versichern doch unumwunden, daß die Verirrungen
dieser Jugend einzig aus ihren abstoßenden Eigenschaften hervorgingen,
und daß diese Jünglinge sogar ohne jedes begangene Verbrechen schon
Verachtung und Abscheu erwecken müßten.
Und andererseits: wenn es nun geschähe, daß in einen solchen oder
ähnlichen „Fall“ keineswegs nur unreife, ungezogene Jungen, die unter
dem Tisch mit den Beinen schlenkern, keineswegs nur Faulenzer verwickelt
sind, sondern, im Gegenteil, Jugend, die fleißig ist, voll Glut, die
gerade eifrig lernt und sogar ein gutes, reines Herz hat, jedoch nur in
eine schlechte Richtung eingestellt ist, was dann? (Beachten Sie und
erfassen Sie diesen Ausdruck: _in eine Richtung eingestellt_. Wo, in
welch einem Teil Europas finden Sie jetzt eine größere Unsicherheit in
allen nur möglichen Richtungen als bei uns heute!) Ja, dann würden nach
Ihrer Theorie, nach der es sich nur um „Unreife und Faulenzer“ handeln
könnte, diese neuen „Unglücklichen“ als dreimal schuldiger dastehen,
denn: „ihnen waren die Mittel und die Möglichkeiten gegeben, sich
richtiges Wissen anzueignen, sie haben den Kursus der Wissenschaften
absolviert, sie haben alles von Grund auf durchgearbeitet, – für die
gibt es keine Rechtfertigungen! Sie verdienen dreimal weniger Nachsicht
als die müßige unreife Jugend!“ Das wäre dann die folgerichtige
Konsequenz Ihrer Theorie.
* * * * *
Erlauben Sie, meine Herrschaften (ich spreche jetzt im allgemeinen,
nicht nur zu dem einen Mitarbeiter der „Russischen Welt“), – Sie
behaupten, auf der Basis der „Verneinung der Tatsache“, daß die
„Netschajeffs“ unbedingt Idioten, „idiotische Fanatiker“ sein müssen.
Stimmt das nun wieder? Ist das gerecht? Ich lasse nunmehr Netschajeff
selbst ganz aus dem Spiel und spreche von den „Netschajeffs“, im Plural.
Ja, unter den Netschajeffs kann es überaus finstere, überaus
unerfreuliche und entartete Geschöpfe geben, mit einer – hinsichtlich
des Ursprungs sehr komplizierten, vielfach zusammengesetzten – großen
Lust an Intrigen, mit Machtgier, mit einem leidenschaftlichen und
krankhaft frühen Bedürfnis, sich als Persönlichkeit zu zeigen, aber –
warum sollen sie deshalb „Idioten“ sein? Im Gegenteil, sogar richtige
Monstra unter ihnen können geistig sehr entwickelte, äußerst schlaue und
auch gebildete Menschen sein. Oder glauben Sie, das bestandene Examen,
das Schulwissen, (ja selbst Universitätswissen) forme die Seele des
Jünglings schon so endgültig, daß er mit dem Empfang des Diploms
zugleich und für immer einen unerschütterlichen Talisman erhält, der ihn
die Wahrheit sofort unfehlbar erkennen läßt und vor allen Versuchungen,
Leidenschaften und Lastern schützt? Somit würden ja Ihrer Meinung nach
alle diese Jünglinge mit dem bestandenen Schlußexamen zu einer Art
unzähliger kleiner Päpste werden, die allesamt unfehlbar sind.
Und warum nehmen Sie an, daß die Netschajeffs unbedingt Fanatiker sind?
Sehr oft sind das einfach Spitzbuben. „Ich bin ein Spitzbube, aber kein
Sozialist,“ sagt ein Netschajeff allerdings nur bei mir, in meinem
Roman, aber ich versichere Ihnen, daß er das ebensogut in der
Wirklichkeit sagen könnte. Es sind das Spitzbuben von großer Schlauheit,
die gerade die großmütige Seite der Menschenseele, am häufigsten der
jungen Seele, studiert haben, um dann auf ihr wie auf einem
Musikinstrument zu spielen. Ja glauben Sie denn im Ernste, daß die
Proselyten, die irgendein Netschajeff bei uns machen könnte, unbedingt
ausnahmslos Faulenzer und Nichtstuer sein müssen? Ich glaube das nicht;
nicht alle würden das sein; ich bin selbst ein alter „Netschajewze“, ich
stand gleichfalls auf dem Schafott, zum Tode verurteilt, und ich
versichere Ihnen, daß ich in einem Kreise von gebildeten Menschen dort
stand. Die Angehörigen dieses Kreises hatten fast alle die ersten
Hochschulen beendet. Einige von ihnen haben sich später, _als alles das
schon der Vergangenheit angehörte_, durch besondere Spezialkenntnisse,
durch Werke hervorgetan. Nein, mit Verlaub, die Netschajewzen
rekrutieren sich nicht immer nur aus Faulenzern, die überhaupt nichts
gelernt haben.
Ich weiß, Sie werden mir nun zweifellos entgegenhalten, daß ich ja gar
nicht ein Netschajewze, sondern bloß ein „Petraschewze“ sei. Gut,
meinetwegen ein Petraschewze (obschon diese Bezeichnung meiner Ansicht
nach unrichtig ist, denn eine unverhältnismäßig größere Anzahl von genau
solchen Petraschewzen wie wir, blieb vollkommen unbehelligt und
unberührt. Es ist wahr, sie haben Petraschewski selbst nie gekannt, aber
auf Petraschewski kam es ja in dieser ganzen längstvergangenen
Geschichte gar nicht an – nur das wollte ich hiermit bemerkt haben).
Doch gut, mag ich nur einer von den Petraschewzen gewesen sein. Aber
woher wissen Sie denn, ob die Petraschewzen nicht Netschajewzen hätten
werden können, d. h. ob sie nicht auch auf den „Netschajewschen“ Weg
hätten geraten können, _im Falle die Sache die Wendung genommen hätte_?
Natürlich, damals wäre es ganz unmöglich gewesen, sich auch nur
vorzustellen, wie sich die Sache _so hätte wenden können_? Es waren ja
ganz andere Zeiten. Doch erlauben Sie mir, von mir einzelnem zu sagen:
ein _Netschajeff_ hätte ich wahrscheinlich niemals werden können, aber
ein _Netschajewze_ – dafür verbürge ich mich nicht, vielleicht hätte ich
das auch gekonnt ... in den Tagen meiner Jugend.
Ich habe hier von mir gesprochen, um das Recht zu haben, von anderen zu
sprechen. Trotzdem werde ich von mir allein fortfahren, von den anderen
dagegen werde ich, wenn ich sie einmal erwähne, nur im allgemeinen
sprechen, also ganz unpersönlich und nur im abstrakten Sinne. Der
_Prozeß_ aber der Petraschewzen, – das ist doch eine so längstvergangene
Sache und gehört einer so uralten Zeit an, daß wohl kein Unglück daraus
entstehen kann, wenn ich auf ihn zu sprechen komme, um so weniger, als
ich ihn ja nur streife und ganz abstrakt davon rede[108].
„Ungeheuer“ und „Spitzbuben“ gab es unter uns, den „Petraschewzen“,
nicht einen, weder unter denen, die auf dem Schafott standen, noch unter
den anderen, die unbehelligt blieben. Ich glaube nicht, daß sich jemand
finden wird, der diese meine Erklärung zu widerlegen versuchen wollte.
Daß viele von uns, wie ich schon bemerkte, gebildete Menschen waren, das
wird wohl auch niemand bestreiten. Doch mit dem bekannten Zyklus von
Ideen und Begriffen, die sich damals in der jungen Gesellschaft stark
verwurzelt hatten, den Kampf aufzunehmen, dazu war von uns zweifellos
kaum jemand imstande. Wir waren mit den Ideen des damaligen
theoretischen Sozialismus infiziert. Den politischen Sozialismus gab es
damals noch nicht in Europa und die europäischen Führer der Sozialisten
verwarfen ihn sogar.
Louis Blanc ist von seinen Kollegen in der Nationalversammlung, den
Abgeordneten der Rechten, ganz unrechterweise geohrfeigt und an den
Haaren gezerrt worden (an Haaren, die, wie dazu vorherbestimmt, lang,
schwarz und üppig waren), bis ihn Arago (der Astronom, damals Mitglied
der Regierung, jetzt schon lange tot) aus den Fängen der anderen
herausriß, – an jenem unseligen Vormittage im Mai 1848, als eine Horde
ungeduldiger und hungriger Arbeiter in den Sitzungssaal hereinbrach. Der
arme Louis Blanc, der eine zeitlang Mitglied der zeitweiligen Regierung
war, hatte diese Horde ja gar nicht dazu aufgehetzt: er hatte doch nur
im Luxemburg-Palais diesen bedauernswerten und hungrigen Menschen, die
infolge der Revolution und Ausrufung der Republik plötzlich arbeitslos
geworden waren, einen Vortrag über ihr „Recht auf Arbeit“ gehalten.
Freilich, da er immerhin Mitglied der Regierung war, so waren seine
Vorträge in gewissem Sinne schrecklich unpolitisch und – versteht sich –
auch lächerlich. Die Zeitschrift von Considérant aber, wie die Artikel
und Broschüren von Proudhon hatten sich doch zur Aufgabe gemacht, in
eben diesen hungrigen und überhaupt nichts besitzenden Arbeitern unter
anderem auch einen tiefen Ekel vor dem Erbschaftsrecht zu verbreiten.
Zweifellos ist aus alledem (d. h. aus der Ungeduld der hungrigen
Menschen, die mit den Theorien einer zukünftigen Seligkeit geschürt und
entfacht wurden) in der Folge der politische Sozialismus hervorgegangen,
dessen Wesen, trotz aller verkündeten Ziele, vorläufig nur in dem Wunsch
der besitzlosen Klassen besteht, die Besitzer allerorts zu plündern, und
dann: „mag kommen was kommt“. (Denn in Wirklichkeit ist doch bis heute
noch nicht festgestellt, was nun in der zukünftigen Gesellschaft der
Ersatz sein wird, sondern beschlossen ist einzig dies: daß das
Gegenwärtige einstürzen muß, – und das ist bisher die ganze Formel des
politischen Sozialismus).
Doch damals wurde die Sache noch in rosigstem und paradiesisch
sittlichem Lichte aufgefaßt. Es ist wirklich wahr, daß der keimende
Sozialismus damals sogar von manchen seiner Führer mit dem Christentum
verglichen und nur für eine der Zeit und Zivilisation entsprechende
Verbesserung und Vervollkommnung desselben gehalten wurde. Alle diese
damaligen neuen Ideen gefielen uns in Petersburg ungeheuer, erschienen
uns als im höchsten Grade heilig und sittlich und vor allem
allgemeinmenschlich, erschienen uns als das zukünftige Gesetz der ganzen
Menschheit ohne eine Ausnahme. Wir waren schon lange vor der Pariser
Revolution im Jahre 48 dem berauschenden Einfluß dieser Ideen verfallen.
Schon im Jahre 1846 war ich in die ganze _Wahrheit_ dieser kommenden
„Welterneuerung“ und in die ganze _Heiligkeit_ der zukünftigen
kommunistischen Gesellschaft noch von Bjelinski eingeweiht worden. Alle
diese Überzeugungen von der Unsittlichkeit schon der Grundlagen (der
christlichen Grundlagen) der gegenwärtigen Gesellschaft, von der
Unsittlichkeit der Religion, der Familie; von der Unsittlichkeit des
Besitzrechts; alle diese Ideen von einer Aufhebung der Nationalitäten im
Namen einer allgemeinen Brüderlichkeit der Menschen, von der Verachtung
gegen das Vaterland als den Hemmschuh in der allgemeinen Entwicklung,
usw. usw., alles das waren, wie gesagt, solche Einflüsse, die wir nicht
bewältigen konnten, ja die, im Gegenteil, unsere Herzen und Gehirne im
Namen einer gewissen Großmut erfaßten. Jedenfalls: der Grundgedanke nahm
sich erhaben aus und stand, wie es schien, hoch über dem Niveau der
damals herrschenden Begriffe. Und gerade das war es, was verführte.
Diejenigen von uns, d. h. nicht nur von uns Petraschewzen, sondern von
allen damals _Angesteckten_, die jedoch in der Folge diese ganze
verschwärmte Schädlichkeit radikal ablehnten, diese ganze Finsternis und
dies Entsetzen, das da für die Menschheit als ihre Erneuerung und
Auferstehung vorbereitet wurde, – _die_ von uns kannten damals noch
nicht die Ursachen ihrer Krankheit, und deshalb konnten sie auch noch
nicht mit ihr kämpfen. Also auf was hin glauben Sie denn, daß wir – wenn
auch natürlich nicht alle, so doch wenigstens manche von uns – vor einer
Tat wie meinetwegen selbst einem Mord _à la_ Netschajeff
zurückgeschreckt wären? – in jener glühenden Zeit, inmitten der Lehren,
die die Seele ergriffen, und der erschütternden europäischen Ereignisse,
die wir, während wir das Vaterland ganz vergaßen, mit fieberhafter
Spannung verfolgten?
Die ungeheuerliche und widerliche Ermordung des Studenten Iwanoff ist
von dem Mörder Netschajeff seinen Opfern, den „Netschajewzen“, ganz
zweifellos als politische und für die zukünftige „allgemeine und große
Sache“ notwendige Tat hingestellt worden. Anderenfalls wäre es ja nicht
zu verstehen, wie eine Anzahl Jünglinge (gleichviel wer sie waren), sich
zu einem so finsteren Verbrechen bereitfinden konnten. In meinem Roman
„Die Dämonen“ habe ich unter anderem auch versucht, jene vielfältigen
und verschiedenartigen Beweggründe darzulegen, mit deren Hilfe sogar die
treuherzigsten und lautersten Menschen zur Ausführung eines ebenso
ungeheuerlichen Verbrechens herangezogen werden können. Und gerade darin
liegt ja das Entsetzen, daß man bei uns die schändlichste und
abscheulichste Tat begehen kann, manchmal ohne überhaupt ein
schändlicher Mensch zu sein! Das ist nicht nur bei uns so, sondern ist
in Übergangszeiten in der ganzen Welt so, immer und seit Jahrtausenden,
– in Zeiten der Erschütterungen im Leben der Menschen, in Zeiten der
Zweifel und Verneinungen, der Skepsis und des Schwankens in den
grundlegenden gesellschaftlichen Überzeugungen. Aber bei uns ist das
noch mehr als sonstwo möglich, und zwar gerade heutigestags, und dieser
Zug ist der krankhafteste und traurigste Zug unserer gegenwärtigen Zeit.
In der Möglichkeit, sich selbst nicht für einen schändlichen Menschen zu
halten und manchmal sogar fast wirklich kein schändlicher Mensch zu
sein, während man gleichzeitig eine ganz offenbare, unbestreitbare
Schändlichkeit begeht – sehen Sie, darin besteht unser gegenwärtiges
Unglück!
Wodurch ist denn die Jugend im Vergleich mit den anderen Altersstufen so
besonders geschützt oder gesichert, daß Sie, meine Herren Verteidiger
der Jugend, von ihr, kaum daß sie gearbeitet und fleißig gelernt hat,
schon gleich eine Festigkeit und eine Reife der Überzeugungen verlangen
dürfen, wie sie ja nicht einmal die Väter dieser Jünglinge gehabt haben,
jetzt aber noch weniger haben als je zuvor? Unsere jungen Menschen aus
unseren intelligenten Ständen, die in ihren Familien herangewachsen
sind, in denen man jetzt am häufigsten Unzufriedenheit, Ungeduld und die
gröbste Unwissenheit findet (ungeachtet der Zugehörigkeit dieser Klassen
zur Intelligenz) und wo fast allenthalben die wirkliche Bildung nur
durch nachgeplapperte freche Verneinung aufs Geratewohl ersetzt wird; wo
die materiellen Beweggründe die Oberherrschaft über jede höhere Idee
haben; wo die Kinder ohne Basis außerhalb der natürlichen Wahrheit
erzogen werden, in Nichtachtung oder Gleichgültigkeit zum Vaterlande und
in dieser spottenden Verachtung des Volkes, die sich in der letzten Zeit
so besonders verbreitet hat, – ist das nun der Bronnen, aus dem unsere
jungen Menschen die Wahrheit und Fehlerlosigkeit der Richtung ihrer
ersten Schritte im Leben schöpfen könnten? Sehen Sie, hier liegt der
Anfang des Übels: in der Überlieferung, in der Vererbung der Ideen, in
der Jahrhunderte alten, nationalen Unterdrückung jedes unabhängigen
Gedankens, in der Vorstellung von dem hohen Rang des Europäers unter der
unerläßlichen Bedingung der Nichtachtung für sich selbst als russischen
Menschen!
* * * * *
Doch Sie werden diesen gar zu allgemeinen Hinweisen wahrscheinlich
keinen Glauben schenken. „Bildung“, wiederholen Sie immer wieder,
„Fleiß“; und Sie bleiben bei Ihrer Phrase von den müßigen „Unreifen“.
Beachten Sie wohl, meine Herren, daß diese unsere höheren europäischen
Lehrer, diese unsere Hoffnung und unser Licht, alle diese Mill, Darwin
und Strauß, mitunter eine höchst wunderliche Auffassung von den
sittlichen Pflichten des Menschen unserer Zeit haben. Und dabei sind das
doch schon wirklich keine Faulenzer, die nichts gelernt haben, und keine
ungezogenen Kinder, die mit den Beinen unterm Tisch schlenkern. Sie
werden nun auflachen und mich fragen: warum es mir denn einfällt, gerade
diese Namen anzuführen? Ganz einfach, weil, wenn man von unserer Jugend
spricht, von der intelligenten, glühenden und lernenden Jugend, die
Vorstellung fast undenkbar ist, daß diese Namen ihr nicht schon bei den
ersten Schritten ins Leben begegnet sein könnten. Kann denn der
russische Jüngling dem Einfluß dieser Führer des europäischen
fortschrittlichen Gedankens, sowie dem Einfluß anderer, ihnen ähnlicher
Führer, und besonders der russischen Seite ihrer Lehren gegenüber
gleichgültig bleiben? Diesen komischen Ausdruck von der „russischen
Seite ihrer Lehren“ verzeihe man mir schon deshalb, weil es diese
russische Seite dieser Lehren tatsächlich gibt. Sie besteht aus jenen
Schlußfolgerungen in Gestalt unerschütterlicher Axiome, wie sie nur in
Rußland gezogen werden; in Europa dagegen wird selbst die Möglichkeit
solcher Schlußfolgerungen, wie man hört, nicht einmal für möglich
gehalten. Man wird mir nun vielleicht sagen, daß diese Herrschaften
keineswegs Böses lehren; daß, wenn z. B. Strauß Christus auch haßt und
die Verspottung und Bespeiung des Christentums sich auch zum Lebensziel
gesetzt hat, er doch gleichzeitig die Menschheit im ganzen vergöttert,
und daß seine Lehre so erhaben und edel ist, wie nur denkbar. Es ist
sehr gut möglich, daß alles das sich wirklich so verhält, und daß die
Ziele aller gegenwärtigen Führer des europäischen fortschrittlichen
Gedankens menschenfreundlich und großartig sind. Doch dafür scheint mir
folgendes unzweifelhaft zu sein: daß, wenn man allen diesen
gegenwärtigen höheren Lehrern die volle Möglichkeit gäbe, die alte
Gesellschaft zu zerstören und eine neue aufzubauen, – eine solche
Finsternis entstünde, ein solches Chaos, etwas dermaßen Rohes, Blindes
und Unmenschliches, daß das ganze Gebäude unter den Flüchen der Menschen
zusammenbrechen würde, noch bevor es vollendet wäre. Wenn der
Menschenverstand erst einmal Christus verworfen hat, kann er zu
erstaunlichen Resultaten kommen. Das ist ein Axiom. Europa lehnt, –
wenigstens in den höheren Vertretern seines Gedankens, – Christus ab,
wir aber sind bekanntlich verpflichtet, Europa nachzuahmen.
Es gibt im Leben der Menschen historische Momente, wo ein
unzweifelhaftes, freches, rohestes Verbrechen nur für Seelengröße gelten
kann, nur für edle Mannhaftigkeit der Menschheit, die sich aus den
Ketten reißt. Bedarf es hierzu wirklich noch der Anführung von
Beispielen, gibt es deren nicht Tausende, nicht Zehn-, nicht
Hunderttausende? Das ist natürlich ein verzwicktes und unbegrenzbares
Thema und in einem Feuilletonartikel ist es sehr schwer, darauf
einzugehen, aber immerhin kann man, als Resultat, denke ich, auch meine
Annahme zulassen: daß sogar ein ehrlicher, auch ein treuherziger Junge,
sogar ein gut lernender, sich mitunter in einen Netschajewzen verwandeln
kann ... selbstverständlich: wenn er auf einen Netschajeff stößt; das
ist schon _sine qua non_ ...
Wir, wir Petraschewzen, standen auf dem Schafott und hörten die
Verlesung unserer Verurteilung ohne die geringste Reue an.
Selbstverständlich kann ich mich nicht für alle verbürgen; aber ich
glaube, daß ich mich nicht irre, wenn ich sage, daß damals, in jenen
Minuten, wenn auch nicht alle ohne Ausnahme, so doch mindestens die
übergroße Mehrzahl von uns es für eine Ehrlosigkeit gehalten hätte, sich
von ihren Überzeugungen loszusagen. Dieser ganze Prozeß gehört nun schon
einer alten Vergangenheit an und darum ist es vielleicht schon
gestattet, zu fragen: waren dieser Starrsinn und diese Reuelosigkeit
wirklich nur die Anzeichen schlechter Naturen, waren sie das Kennzeichen
unreifer Raufbolde? Nein, wir waren keine Raufbolde, ja vielleicht waren
wir nicht einmal schlechte junge Menschen. Die Verlesung des Urteils,
das auf Tod durch Erschießen lautete, erfolgte durchaus nicht wie zum
Scherz, sondern in allem Ernst; fast alle Verurteilten waren überzeugt,
daß das Urteil unfehlbar vollstreckt werden würde und ertrugen
mindestens zehn furchtbare, maßlos schreckliche Minuten der Erwartung
des Todes. In diesen letzten Minuten haben manche von uns (ich weiß das
bestimmt), indem sie sich instinktiv in sich selbst versenkten und in
einem Augenblick ihr ganzes noch so junges Leben durchprüften, –
vielleicht auch manch ein schweres Vergehen bereut (eines von jenen, die
jeder Mensch sein ganzes Leben lang im geheimen auf seinem Gewissen
liegen hat); aber die Angelegenheit, für die man uns verurteilte, die
Gedanken, die Begriffe, die unseren Geist beherrschten, – die erschienen
uns nicht nur nicht reueheischend, sondern geradezu als etwas uns
Läuterndes, als ein Märtyrertum, für das uns vieles vergeben werden
würde! Und das blieb so für eine lange Zeit. Weder Jahre der Verbannung,
noch Leiden brachen uns. Im Gegenteil, nichts brach uns, und unsere
Überzeugungen taten nur dies, daß sie unseren Geist durch das Bewußtsein
der erfüllten Pflicht aufrecht erhielten. Nein, es war etwas anderes,
was unseren Blick, unsere Ansichten, Überzeugungen und Herzen änderte
(ich erlaube mir natürlich nur von jenen aus unserer Schar zu sprechen,
von denen die Tatsache, daß sie ihre Überzeugungen geändert haben,
bereits bekannt und in der einen oder anderen Form auch schon von ihnen
selbst bestätigt ist). Dieses andere war: die unmittelbare Berührung mit
dem Volke, die brüderliche Vereinigung mit ihm im gemeinsamen Unglück,
die Einsicht, daß man selbst zu Volk geworden, mit ihm gleichgestellt,
ja sogar auf seine niederste Stufe hinabgedrückt war.
Ich sage nochmals, diese Änderung vollzog sich nicht so schnell, sondern
ganz allmählich und erst nach sehr, sehr langer Zeit. Es war nicht
Stolz, nicht Eigenliebe, was dem Eingeständnis im Wege stand. Und dabei
war ich vielleicht einer von jenen (ich spreche nun wieder von mir
allein), denen die Rückkehr zur Volkswurzel, zum Erkennen der russischen
Seele, zur Anerkennung des Volksgeistes von Hause aus am meisten
erleichtert war. Ich stammte aus einer Familie, die russisch und
gottesfürchtig war. Soweit ich überhaupt zurückdenken kann, erinnere ich
mich der Liebe meiner Eltern zu mir. Mit dem Evangelium waren wir in
unserer Familie bereits seit der frühesten Kindheit vertraut. Schon mit
zehn Jahren kannte ich alle wichtigeren Geschehnisse der russischen
Geschichte nach dem Werk Karamsins, aus dem uns der Vater abends vorlas.
Der Besuch des Kremls und der alten Moskauer Kirchen war für mich stets
etwas Feierliches gewesen. Vielleicht hatten die anderen Petraschewzen
keine Erinnerungen solcher Art, wie ich sie hatte. Ich denke jetzt sehr
oft darüber nach und frage mich: was für Eindrücke mag die heutige
Jugend in der Mehrzahl aus ihrer Kindheit ins Leben mitnehmen? Und nun,
wenn es sogar mir, der ich schon auf ganz natürliche Weise über jene
verhängnisvolle neue Umgebung, in die das Unglück uns hineingeschleudert
hatte, nicht hochmütig hinwegsehen konnte, wenn es sogar mir, der ich
mich zu der Offenbarung des Volksgeistes vor meinen Augen nicht
herablassend verhalten oder sie nur mit einem flüchtigen Blick streifen
konnte, – wenn es also auch mir, sage ich, so schwer war, mich
schließlich von der Lüge und Unwahrheit fast alles dessen, was wir zu
Hause für Licht und Wahrheit gehalten hatten, zu überzeugen, so frage
ich mich: wie schwer muß es dann erst den anderen gefallen sein, allen
denen, die viel tiefer dem Volk entfremdet waren, die aus Familien
stammten, in denen die Entzweiung mit dem Volk ererbt war und schon von
den Vätern und Großvätern übernommen wurde?
Es würde mir sehr schwer fallen, die Geschichte der Wandlung meiner
Überzeugungen zu erzählen, um so mehr, als sie vielleicht auch gar nicht
so interessant ist; und überdies paßt es auch irgendwie nicht zu einem
Feuilletonartikel ...
* * * * *
Meine Herren Verteidiger unserer Jugend, prüfen Sie doch schließlich
auch das Milieu, prüfen Sie die Gesellschaft, in der diese Jugend
aufwächst, und fragen Sie sich dann: gibt es in unserer Zeit überhaupt
etwas, das gegen _gewisse Einflüsse_ noch weniger geschützt ist, als
diese Jugend?
Stellen Sie zunächst die Frage: wenn selbst die Väter dieser Jünglinge
in ihren Überzeugungen nicht besser, nicht fester, nicht gesünder sind;
wenn diese Kinder in ihren Familien schon von kleinauf nur Zynismus und
hochmütige, gleichgültige (meistenteils gleichgültige) Verneinung erlebt
haben; wenn das Wort Vaterland vor ihnen nie anders als mit einem
spöttischen Zug um den Mund ausgesprochen worden ist; wenn alle, die sie
erzogen, sich zu der Sache Rußlands nur mit Verachtung oder
Gleichgültigkeit verhalten haben; wenn die großmütigsten unter ihren
Vätern und Erziehern ihnen immer nur „allgemein-menschliche“ Ideen
gepredigt haben; wenn schon ihre Kinderwärterinnen davongejagt wurden,
weil sie an ihren Wiegen trotz des Verbots das Gebet an die Gottesmutter
sprachen, – so sagen Sie doch: was kann man danach von diesen Kindern
verlangen, und ist es dann noch human, bei einer Verteidigung der
Jugend, wenn sie einer solchen bedarf, das Ganze für sich selbst mit
einfacher Leugnung der Tatsache abzutun?
Vor kurzem fiel mir in unserer Tagespresse folgendes Entrefilet auf:
„Die ‚Kama- und Wolga-Zeitung‘ berichtet, daß in diesen Tagen drei
_Gymnasiasten_ des zweiten Gymnasiums in Kasan, _Quintaner, zur
Verantwortung gezogen worden sind wegen eines Vergehens, das mit
ihrer geplanten Flucht nach Amerika_ in Verbindung stand“ ... (St.
Petersburger Nachrichten vom 13. November.)
Vor zwanzig Jahren wäre mir die Nachricht, ein paar Gymnasiasten,
Quintaner, hätten nach Amerika zu fliehen beschlossen, als unsinniges
Geschwätz erschienen. Doch schon in dem einen Umstande, daß eine solche
Nachricht mir _jetzt_ nicht mehr als Unsinn erscheint, sondern als eine
Sache, die ich, im Gegenteil, _verstehe_, – ja, schon in diesem einen
Umstande sehe ich bereits ihre Rechtfertigung!
_Ihre Rechtfertigung!_ Mein Gott, kann man denn das so sagen!
Ich weiß, das sind nicht die ersten Gymnasiasten, auch andere sind schon
vor ihnen geflohen, und zwar, weil wiederum ihre älteren Brüder oder
ihre Väter geflohen waren. Erinnern Sie sich der Erzählung Kelssijeffs
von dem armen kleinen Offizier, der _zu Fuß_ über Torneo und Stockholm
zu Herzen nach London floh, wo dieser ihn in seiner Druckerei als Setzer
anstellte?[109] Und erinnern Sie sich der Erzählung Herzens von dem
jungen _Kadetten_, der, wenn ich mich nicht irre, nach den Philippinen
auswanderte, um dort die Kommune einzuführen, und Herzen 20000 Franken
für die zukünftigen Emigranten übergab?[110] Und solche Fälle gab es
schon in einer Zeit, die heute für uns doch bereits längst historisch
ist! Und wer ist seitdem nicht schon ausgewandert, um in Amerika „freie
Arbeit“ in einem „freien Staate“ zu erproben: Greise, Väter, Brüder,
Jungfrauen, Gardeoffiziere ... höchstens Seminaristen hat es unter ihnen
vielleicht noch nicht gegeben. Sind nun diese kleinen Kinder anzuklagen,
diese drei Gymnasiasten aus der Quinta, wenn die _großen Ideen_ von der
„freien Arbeit im freien Staate“ und von der Kommune und vom
allgemein-europäischen Menschen auch ihre schwachen Köpfchen überwältigt
haben? Sind sie anzuklagen, weil dieses ganze Gewäsch ihnen als Religion
und der Absenteismus und der Verrat am Vaterlande als lobsame Tat
erschienen? Wenn man sie aber anklagt, dann stelle man doch fest,
inwieweit das ihre Schuld war? – das ist doch noch die Frage.
Der Verfasser des kleinen Artikels in der „Russischen Welt“ führt zur
Bekräftigung seiner Auffassung, daß an „ähnlichen Verrücktheiten“ _nur_
müßige, unreife Faulenzer beteiligt seien, die schon bekannten und so
erfreulichen Worte des Ministers der Volksaufklärung an, die der
Minister in Kiew nach der Besichtigung der Unterrichtsanstalten in
sieben Kreisen geäußert hat: daß „_in den letzten Jahren die Jugend sich
unvergleichlich ernster zur Wissenschaft verhalte, viel mehr und
unvergleichlich gründlicher arbeite, als früher_“.
Ja, das sind natürlich erfreuliche Worte, Worte, die vielleicht unsere
_einzige_ Hoffnung enthalten. In der Unterrichtsreform der gegenwärtigen
Regierung liegt fast unsere _ganze_ Zukunft und wir wissen das. Aber
derselbe Minister hat in derselben Rede, wie ich mich erinnere, auch
erklärt, daß man auf die definitiven Früchte der Reform noch lange wird
warten müssen. Wir haben immer daran geglaubt, daß unsere Jugend mehr
als nur befähigt ist, sich ernster zur Wissenschaft zu verhalten. Doch
vorläufig ist rings um uns noch ein solcher Nebel von falschen Ideen,
umgeben so viele Vorspiegelungen und Vorurteile sowohl uns wie auch
unsere Jugend, und nimmt unser ganzes gesellschaftliches Leben, das
Leben der Väter und Mütter dieser Jugend, immer mehr eine so sonderbare
Gestalt an, daß man manchmal unwillkürlich nach allen nur möglichen
Mitteln sucht, um aus den Zweifeln herauszukommen. Eines von solchen
Mitteln ist: selbst etwas weniger herzlos zu sein, sich wenigstens
manchmal nicht dessen zu schämen, daß irgend jemand einen deshalb einen
Bürger nennt, und ... wenigstens manchmal die Wahrheit zu sagen, –
selbst wenn diese nach Ihrer Meinung, meine Herren, nicht genügend
liberal ist.
„Tagebuch eines Schriftstellers“
aus dem Jahre 1876.
George Sands Tod[111].
Das vorige Heft des Tagebuches – die Mai-Nummer – war schon gesetzt und
wurde bereits gedruckt, als ich in den Zeitungen die Nachricht vom Tode
George Sands las (am 27. Mai oder 8. Juni neuen Stils). So war es mir
nicht mehr möglich, ein Wort über diesen Tod zu sagen. Aber es war mir,
als ich die Nachricht las, im Augenblick ganz klar geworden, was dieser
Name in meinem Leben bedeutet hatte, wieviel gerade dieser Dichter
seinerzeit Entzücken und Verehrung in mir erweckt und auf seinen Namen
vereint hat, und wieviel Freuden, ja Glück er mir einst gegeben! Ich
schreibe dreist jedes dieser Worte hin, denn alles das war buchstäblich
so. Das war eine unserer (d. h. _unserer_) Zeitgenossinnen im vollen
Sinn des Wortes – diese Idealistin der dreißiger und vierziger Jahre. Es
ist das einer jener Namen unseres mächtigen, selbstgewissen und
gleichzeitig kranken Jahrhunderts, das voll ist von noch ungeklärtesten
Idealen und unstatthaftesten Wünschen – einer jener Namen, die, nachdem
sie dort bei sich im „Lande der heiligen Wunder“ auftauchten, von uns,
aus unserem ewig sich erschaffenden Rußland gar zu viel Denken, Liebe,
heilige und edle Aufschwungskraft, lebendiges Leben und teure
Überzeugungen zu sich hinüberzogen. Doch nicht steht es mir an, darüber
zu klagen: indem hier solche Namen erhöht und verehrt wurden, erfüllten
und erfüllen die Russen nur ihre unmittelbare Bestimmung. Möge man sich
nicht über diese meine Worte wundern, im besonderen über ihre Verbindung
mit George Sand, über deren Wert als Schriftstellerin man ja immer noch
geteilter Ansicht sein kann und die man bei uns heute zur Hälfte, wenn
nicht gar zu neun Zehnteln schon vergessen hat. Aber ihre Tat hat sie
bei uns zu ihrer Zeit immerhin vollbracht und darum: wer sollte sich nun
an ihrem Grabe versammeln und ihrer gedenken, wenn nicht wir, ihre
Zeitgenossen aus der ganzen Welt? Wir Russen haben doch zwei
Vaterländer: unser Rußland und Europa, und das selbst in dem Fall, wenn
wir uns Slawophile nennen (mögen diese sich deshalb nicht über mich
ärgern). Dagegen zu streiten ist nicht nötig. Die größte von den
großartigen zukünftigen Bestimmungen, die von den Russen vorausschauend
bereits erkannt sind, ist die allgemein-menschliche Bestimmung, ist das
der _Menschheit_ Dienen, – nicht Rußland allein, nicht dem Panslawismus
allein, sondern der Allmenschheit. Denken Sie nach und Sie werden
zugeben, daß die Slawophilen dasselbe bekannt haben, und eben deshalb
aber rief man uns auf, strenge, feste und verantwortungsbewußte Russen
zu sein: indem man dies so versteht, daß Allmenschlichkeit die
wichtigste persönliche Note und Bestimmung des Russen ist. Übrigens
bedarf alles das noch vielfacher Erläuterung: so schon dies allein, daß
jenes Dienen der allgemein-menschlichen Idee und das leichtsinnige
Herumtreiben in Europa, nachdem man freiwillig und launisch dem
Vaterlande den Rücken gekehrt hat, zwei ganz verschiedene und
entgegengesetzte Dinge sind, die aber bisher immer noch miteinander
verwechselt werden, als handle es sich dabei im wesentlichen um
dasselbe. Im Gegenteil, vieles, sehr vieles von dem, was von uns aus
Europa genommen und zu uns verpflanzt worden ist, haben wir nicht
einfach kopiert wie Sklaven nach Herren, und wie das von gewissen Leuten
unbedingt gefordert wird, sondern wir haben es unserem Organismus,
unserem Fleisch und Blut eingeimpft; manches aber haben wir ganz
_selbständig_ erlebt und sogar durchlitten, ganz wie jene dort, im
Westen, für die alles das ihr blutlich Eigenes war. Die Europäer werden
uns das zwar um keinen Preis glauben wollen; sie kennen uns nicht, und
vorläufig ist es auch besser so. Um so unmerklicher und ruhiger wird
sich der notwendige Prozeß vollziehen, der in der Folge die ganze Welt
in Erstaunen setzen wird. Gerade diesen Prozeß aber kann man am klarsten
und greifbarsten auch an unserem Verhältnis zu den Literaturen der
anderen Völker verfolgen. Ihre Dichter stehen uns, wenigstens der
Mehrzahl unserer entwickelten Menschen, genau so nah, wie ihnen dort in
ihrer Heimat, im Westen. Ich behaupte und wiederhole, daß jeder
europäische Dichter, Denker, Philantrop außerhalb seines Landes am
meisten und allernächsten auf der ganzen übrigen Welt immer in Rußland
verstanden und aufgenommen wird. Shakespeare, Byron, Walter Scott,
Dickens sind den Russen verwandter und verständlicher, als zum Beispiel
den Deutschen, obschon natürlich von den Übersetzungen dieser
Schriftsteller bei uns nicht einmal ein Zehntel der Exemplare verkauft
werden, wie in dem bücherreichen Deutschland. Der französische Konvent,
der im Jahre 1793 ein Patent auf das Bürgerrecht _au poète allemand
Schiller, l’ami de l’humanité_{[61]} schickte, vollbrachte damit zwar
eine sehr schöne, großartige und prophetische Tat, nur ahnte er nicht
einmal, daß am anderen Ende Europas, im barbarischen Rußland, derselbe
Schiller viel nationaler war, den russischen Barbaren viel näher stand,
als viel verwandter, eigener empfunden wurde, als dies in Frankreich von
seiten der Franzosen geschah, und das war nicht nur damals so, sondern
auch später, in unserem ganzen Jahrhundert, in dem diesen Schiller, den
französischen Bürger und _ami de l’humanité_,{[62]} in Frankreich nur
die Professoren der Literatur kannten, und selbst von diesen nicht alle
und auch die nur kaum-kaum. Bei uns aber hat er sich, zugleich mit
Shukowski[112], in die russische Seele hineingesogen, einen Stempel in
ihr hinterlassen, hat in der Geschichte unserer Entwicklung fast eine
ganze Epoche bedeutet. Dieses russische Verhältnis zur Weltliteratur ist
eine Erscheinung, die sich in der ganzen Weltgeschichte bei den anderen
Völkern in einem solchen Grade fast nicht wiederholt hat, und wenn diese
Eigenschaft nun wirklich unsere nationale russische Besonderheit ist, –
welcher empfindliche Patriotismus, welcher Chauvinismus hätte dann noch
das Recht, gleichviel was gegen diese Erscheinung zu sagen, und würde
nicht, im Gegenteil, gerade darin vor allen Dingen die meist
versprechende und prophetischste Tatsache in den Mutmaßungen über unsere
Zukunft sehen. Oh, natürlich, viele werden vielleicht lächeln, wenn sie
in dem oben Geschriebenen lesen, was für eine Bedeutung ich George Sand
beilege; aber die Lachenden werden unrecht haben. Es ist über all diesen
vergangenen Dingen jetzt schon mehr als genug Zeit vergangen und auch
George Sand selbst ist nun als siebzigjährige Greisin gestorben, nachdem
sie vielleicht schon längst ihren Ruhm überlebt. Doch alles das, was in
der Erscheinung dieses Dichters das „neue Wort“ ausmachte, alles, was in
ihm „Allmenschliches“ war, alles das fand seinerzeit bei uns, in unserem
Rußland, einen mächtigen Widerhall, hinterließ einen starken und tiefen
Eindruck, verfehlte uns nicht und bewies damit, daß jeder Dichter, jeder
Novator Europas, jeder, der dort mit einem neuen Gedanken und einer
neuen Kraft vorübergegangen ist, sofort auch zu einem russischen Dichter
wird, dem russischen Denken nicht zu entgehen vermag, ja, nicht umhin
kann, fast zu einer russischen Kraft zu werden. Doch übrigens will ich
keineswegs eine literarische Kritik über George Sand schreiben, sondern
ich wollte bloß der Toten, die uns verlassen hat, ein paar Geleitworte
an ihrem frischen Grabe sagen.
Ein paar Worte über George Sand.
Das Auftreten George Sands in der Literatur fällt zeitlich mit den
Jahren meiner ersten Jugend zusammen, und es freut mich sehr, gerade
jetzt, daß dies schon so lange her ist, denn nun darf man doch wohl,
nach guten dreißig Jahren, nahezu ganz offen darüber sprechen. Es sei
hier vorausgeschickt, daß damals nur so etwas erlaubt war, – d. h. nur
Romane, alles übrige, fast jeder Gedanke, besonders wenn er aus
Frankreich kam, war strengstens verboten. Oh, versteht sich, sehr oft
verstand man nicht zu sehen, aber von wem hätten sie denn das auch
lernen sollen: verstand doch selbst Metternich nicht zu sehen, wie
sollten es da unsere Nachahmer verstehen. Und deshalb schlüpften denn
auch „schreckliche Sachen“ durch (zum Beispiel der ganze Bjelinski).
Dafür wurde dann, gleichsam um das wettzumachen, besonders zum Ende hin
und um Versehen auszuschließen, so gut wie alles verboten, so daß es zu
guter Letzt, wie man weiß, bei den Transparenten endete. Aber Romane
waren erlaubt, sowohl zu Anfang, wie in der Mitte und sogar ganz
zuletzt[113], und gerade auf diesem Gebiet, und zwar speziell
hinsichtlich George Sand’s, schossen die Beschützer damals einen großen
Bock. Erinnern Sie sich des Gedichts:
„Die Werke von Thiers und Rabeau
kennt auswendig unser Mann,
Und wie der feurige Mirabeau
preist er die Freiheit an.“
Dieses Gedicht ist ungemein talentvoll, sogar selten talentvoll, und es
ist natürlich unvergänglich, denn es ist historisch; doch gerade das
erhöht ja seinen Wert, sintemal es von Denis Dawydoff[114] stammt, somit
von einem Dichter, Schriftsteller und ehrlichsten Russen. Doch wenn
selbst Denis Dawydoff, und zwar wen – Thiers (wegen seiner „Geschichte
der Revolution“, selbstredend) damals für gefährlich hielt und in diesem
Gedicht erwähnte, nebst irgendeinem Rabeau (also hat es auch so einen
gegeben, ich weiß es übrigens nicht), so muß damals doch wohl gar zu
wenig offiziell erlaubt gewesen sein. Und was dabei herauskam, war: daß
das, was damals in der Form von Romanen bei uns eindrang, nicht nur
genau so der Sache zustatten kam, sondern vielleicht noch in der
„gefährlichsten“ Form erschien, wenigstens zu der Zeit, denn für einen
Rabeau hätten sich dazumal wohl schwerlich so viele Liebhaber gefunden,
für George Sand dagegen fanden sie sich zu Tausenden. Hier muß bemerkt
werden, daß bei uns ungeachtet aller Magnitzkis und Liprandis[115] schon
seit dem vorigen Jahrhundert jede intellektuelle Bewegung in Europa
immer sofort bekannt wurde und die Kunde davon aus den höheren Schichten
unserer Intelligenz sofort in die Masse aller auch nur ein wenig sich
dafür interessierenden und denkenden Menschen drang. Genau so geschah es
mit der europäischen Bewegung in den dreißiger Jahren. Von dieser
riesigen Bewegung der europäischen Literaturen bereits ganz zu Anfang
der dreißiger Jahre bekam man bei uns schon sehr bald einen Begriff. Man
kannte auch schon die Namen von vielen neuen Rednern, Historikern,
Tribunen, Professoren. Es wurde sogar, wenn auch nur teilweise, wenn
auch nur annähernd, sogar das bekannt, in welcher Richtung diese ganze
Bewegung sich bewegte. Besonders deutlich aber kam diese Bewegung in der
Kunst zum Ausdruck, in Romanen, hauptsächlich aber bei – George Sand.
Allerdings wurde das Publikum bei uns schon vor dem Erscheinen ihrer
Romane in russischer Sprache von Ssenkowski und Bulgarin[116] gewarnt.
Vornehmlich schreckte man die russischen Damen damit, daß sie in Hosen
gehe: man wollte mit ihrem ausschweifenden Leben die Leser
einschüchtern, man wollte sie lächerlich machen. Ssenkowski, der sich ja
selbst daranmachte, George Sand zu übersetzen und in seiner Zeitschrift
„Bibliothek für Lektüre“ zu veröffentlichen, begann sie „Frau Jegor
Sand“ zu nennen und blieb, wie’s scheint, sehr zufrieden mit seinem
Witz. Später, im Jahre 1848, schrieb Bulgarin in seiner „Nordischen
Biene“, daß sie sich mit Pierre Leroux tagtäglich an der Barrière
betrinke und an den Athenischen Abenden teilnehme, im Ministerium des
Innern, bei diesem Räuber und Minister des Inneren Ledru-Rollin. Ich
habe das selbst gelesen und erinnere mich dessen noch sehr gut. Doch
damals, im Jahre 1848, war George Sand bei uns bereits so gut wie dem
ganzen lesenden Publikum bekannt und niemand glaubte den Berichten
Bulgarins. Zum erstenmal aber erschienen ihre Werke in russischer
Sprache ungefähr um die Mitte der dreißiger Jahre; schade, daß ich mich
nicht mehr entsinnen kann, welches ihrer Werke zuerst übersetzt wurde
und wann es erschien; doch um so wunderbarer wird wohl der Eindruck
gewesen sein. Ich denke, alle Leser wird, ganz wie mich, der ich damals
noch ein Jüngling war, diese keusche, hohe Reinheit der Typen und Ideale
und die schlichte Schönheit des strengen, zurückhaltenden Tons ihrer
Erzählung betroffen gemacht haben, – und eine solche Frau ging in Hosen
und führte ein ausschweifendes Leben! Ich war, wenn ich nicht
irre, sechzehn Jahre alt, als ich zum erstenmal ihre Novelle
„_L’Uscoque_“{[63]} las – eines ihrer schönsten ersten Werke. Ich weiß
noch, ich fieberte nachher die ganze Nacht. Ich glaube, mich nicht zu
täuschen, wenn ich sage, daß George Sand, wenigstens nach meinen
Erinnerungen, bei uns alsbald fast den ersten Platz einnahm in der Reihe
jener ganzen Plejade neuer Schriftsteller, die damals plötzlich berühmt
wurden und deren Ruhm ganz Europa durchflog. Selbst Dickens, der bei uns
ungefähr um dieselbe Zeit erschien, stand ihr in der Aufmerksamkeit
unseres Publikums vielleicht nach. Ich rede schon gar nicht von Balzac,
der schon vor ihr erschienen war, aber in den dreißiger Jahren doch
solche Werke gab, wie „_Eugénie Grandet_“ und „_Père Goriot_“{[64]} (und
den Bjelinski so ungerecht beurteilte, da er seine Bedeutung in der
französischen Literatur ganz übersah). Übrigens sage ich das alles nicht
vom Standpunkte irgendeiner kritischen Abschätzung, nein, ich spreche
nur aus der Erinnerung von dem Geschmack der damaligen Masse der
russischen Leser, von dem unmittelbar auf sie ausgeübten Eindruck. Die
Hauptsache war, daß der Leser alles das, wovor er damals so behütet und
beschützt wurde, aus diesen Romanen herauszulesen verstand. Wenigstens
war bei uns Mitte der vierziger Jahre selbst der Masse der Leser schon
bekannt, wenn auch nur so im allgemeinen, daß George Sand eine der
hellsten, strengsten und folgerichtigsten Vertreterinnen jener Kategorie
der damaligen neuen Menschen des Westens war, die mit der einfachen
Verneinung jener „positiven“ Errungenschaften auftraten und begannen –
der Errungenschaften, mit denen die blutige französische (oder richtiger
europäische) Revolution vom Ende des vorigen Jahrhunderts ihre Tätigkeit
abschloß. Nach der Beendung der Revolution (nach Napoleon I.) zeigten
sich neue Versuche, die neuen Wünsche und neuen Ideale auszudrücken. Die
fortgeschrittensten Geister begriffen nur zu gut, daß sich nur der
Despotismus erneuert, daß sich nur „_ôtes-toi de là que je m’y
mette_“{[65]} vollzogen hatte, daß die neuen Besieger der Welt (die
Bourgeois) vielleicht schlimmer denn die früheren Despoten (die Adligen)
waren, und daß „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ sich nur als laute
Phrasen und nichts weiter erwiesen hatten. Damit aber noch nicht genug:
es kamen Lehren auf, nach denen sie aus lauten Phrasen schon zu auch
unmöglichen Phrasen wurden. Die Sieger sprachen von diesen drei
sakramentalen Worten oder richtiger erwähnten sie bereits nur noch
spöttisch; sogar die Wissenschaft (die Volkswirtschaftler) erschien in
ihren glänzenden Vertretern, die damals auch gleichsam mit einem neuen
Wort kamen, als Hilfstruppe zu dieser Verspottung, sowie zu der
Verurteilung der utopistischen Bedeutung dieser drei Worte, für die
soviel Blut vergossen worden war. So kam es, daß neben den
triumphierenden Siegern bereits trostlose und traurige Gesichter, die
die Triumphierenden schreckten, zu erscheinen begannen. Und siehe,
gerade in diesem Zeitraum tauchte plötzlich wirklich ein neues Wort auf
und begannen sich neue Hoffnungen zu verbreiten: es erschienen Menschen,
die geradeheraus erklärten, daß die Sache unrechterweise und an der
falschen Stelle zum Stehen gekommen sei, daß mit einem politischen
Wechsel der Sieger nichts erreicht sei, daß man die Sache fortsetzen
müsse, daß die Erneuerung der Menschheit eine radikale, soziale sein
müsse. Oh, natürlich, neben diesen Ausrufen ließen sich auch eine Menge
der verderblichsten und ungeheuerlichsten Folgerungen vernehmen, aber
das wichtigste war dabei, daß wieder Hoffnung zu leuchten und
erstorbener Glaube aufzuleben begann. Die Geschichte dieser Bewegung ist
bekannt, – sie setzt sich bis heute fort und hat, wie es scheint,
durchaus nicht die Absicht, stehen zu bleiben. Ich will hier weder für
noch gegen diese Bewegung sprechen, ich wollte nur George Sands
eigentlichen Platz innerhalb dieser Bewegung bezeichnen. Diesen Platz
muß man ganz im Anfang der Bewegung suchen. Damals, als man sie in
Europa begrüßte, hieß es, sie predige eine neue Stellung der Frauen und
weissage von „Rechten der freien Frau“ (so drückte sich Ssenkowski über
sie aus); aber das stimmte nicht ganz, denn sie predigte keineswegs nur
von der Frau allein und erfand überhaupt keine „freie Frau“. George Sand
gehörte der ganzen Bewegung an, nicht bloß einer Bewegung für
Frauenrechte. Allerdings, da sie selbst Frau war, stellte sie
natürlicherweise lieber _Heldinnen_ auf, als _Helden_, und
selbstverständlich müßten jetzt die Frauen der ganzen Welt Trauer um sie
tragen, denn mit ihr ist nicht nur eine der höchsten und schönsten
Vertreterinnen ihres Geschlechts gestorben, sondern außerdem eine Frau
von fast noch nie dagewesener Verstandeskraft und Begabung – ein Name,
der historisch geworden ist, ein Name, dem es nicht bestimmt ist,
vergessen zu werden und innerhalb der europäischen Menschheit zu
verschwinden.
Was nun ihre Heldinnen anbelangt, so war ich, ich wiederhole, schon beim
erstenmal, als ich sie las, noch als Sechzehnjähriger, erstaunt über die
Seltsamkeit des Widerspruchs zwischen dem, was man über sie schrieb und
sprach, und dem, was ich nun selbst in ihren Büchern fand. In dieser
Wirklichkeit waren viele oder zum mindesten manche ihrer Heldinnen Typen
einer so hohen sittlichen Reinheit, wie sie überhaupt nicht denkbar
wäre, ohne eine ungeheure sittliche Anforderung in der Seele des
Dichters selbst, ohne das Bekenntnis zum vollsten Pflichtbegriff, ohne
Erkenntnis und ohne Anerkennung der höchsten Schönheit im Erbarmen, in
der Geduld und Gerechtigkeit. Allerdings, zwischen dem Erbarmen, der
Geduld und der Anerkennung der Pflichtschuldigkeit trat auch ein ganz
außergewöhnlicher Stolz der Anforderung und des Protestes hervor, aber
dieser Stolz war ja gerade deshalb kostbar, weil er aus jener höheren
Wahrheit hervorging, ohne die die Menschheit sich niemals auf ihrer
ganzen sittlichen Höhe hätte erhalten können. Dieser Stolz ist nicht
Feindschaft _quand même_{[66]} auf Grund dessen, daß ich sozusagen
besser bin als du, und du schlechter bist als ich, sondern ist einzig
und allein das Gefühl der keuschesten Unfähigkeit, sich mit Unwahrheit
und Laster auszusöhnen, obschon dieses Gefühl, ich sage das nochmals,
weder Allverzeihen noch Erbarmen ausschließt; ja, nicht nur das, sondern
diesem Stolz entsprechend wurde freiwillig auch eine ungeheure Pflicht
sich selbst auferlegt. Diese ihre Heldinnen sehnten sich nach
Selbstopfer, nach einer großen Tat. Besonders gefielen mir damals in
ihren ersten Werken ein paar Typen junger Mädchen, zum Beispiel in ihren
damals sogenannten venezianischen Novellen (zu denen auch „_L’Uscoque_“
und „_La dernière Aldini_“{[67]} gehören), Typen, die später in dem
Roman „_Jeanne_“ ihre Vollendung fanden, in diesem bereits genialen
Werk, das eine hellklare und vielleicht unbestreitbare Lösung der
historischen Frage der _Jeanne d’Arc_ gibt. In einem Bauernmädchen
unserer Zeit läßt sie plötzlich die Gestalt der historischen _Jeanne
d’Arc_ vor uns erstehen und rechtfertigt anschaulich die wirkliche
Möglichkeit dieser großartigen und wunderbaren historischen Erscheinung,
– eine durchaus George Sand’sche Aufgabe, denn außer ihr hat von allen
anderen Dichtern ihrer Zeit wohl niemand ein so reines Ideal des
unschuldigen Mädchens in seiner Seele getragen, – ein so reines und
durch seine Unschuld so machtvolles Ideal. Alle diese Typen junger
Mädchen, von denen ich oben sprach, erfüllen in einer Reihe
aufeinanderfolgender Werke eine ganz bestimmte Aufgabe; sie haben
dasselbe Thema (übrigens haben das nicht die Mädchen allein: dasselbe
Thema wiederholt sich später in ihrer prachtvollen Novelle „_La
Marquise_“, die gleichfalls noch zu ihren früheren Werken gehört). Es
ist der gerade, ehrliche, doch unerfahrene Charakter eines jungen
weiblichen Wesens von jener stolzen Keuschheit, die sich nicht fürchtet,
beschmutzt zu werden, und die gar nicht beschmutzt werden kann, auch
nicht von der Berührung mit dem Laster, ja selbst dann nicht, wenn
dieses Wesen durch einen Zufall plötzlich unmittelbar in eine Höhle des
Lasters gerät. Das Bedürfnis, sich hochherzig zu opfern (im Glauben, daß
dieses Opfer gerade von ihr erwartet wird), erschüttert das Herz des
jungen Mädchens, und ohne zu zögern, ohne mit sich zu geizen, tut sie
plötzlich uneigennützig, ohne an sich zu denken und furchtlos den
gefährlichsten und verhängnisvollsten Schritt. Das, was sie sieht und
was ihr begegnet, verwirrt und ängstigt sie nachher nicht im geringsten,
– im Gegenteil, es erhöht sofort nur den Mut im jungen Herzen, das sich
jetzt erst zum erstenmal aller seiner Kräfte bewußt wird – der Kräfte
der Unschuld, der Ehrlichkeit, der Reinheit –; es verdoppelt nur ihre
Energie und weist ihrem bis dahin sich selbst noch nicht kennenden, doch
mutigen und frischen Verstande, der sich mit Konzessionen an das Leben
noch nicht beschmutzt hat, neue Wege und neue Horizonte. Dazu alles in
der fehlerlosesten und reizendsten Form eines Poems: George Sand ließ
ihre Dichtungen damals mit Vorliebe _glücklich_ enden, mit dem Triumph
der Unschuld, Aufrichtigkeit und des jungen, furchtlosen Vertrauens. Und
solche Gestalten hätten die Gesellschaft empören, Zweifel und
Befürchtungen erwecken können? Ganz gewiß nicht; vielmehr geschah das
Gegenteil und selbst die strengsten Väter und Mütter begannen in ihren
Familien die Lektüre der Werke George Sands zu erlauben und wunderten
sich: „Was reden die Menschen nur so von ihr?“ Und erst auf diese
Verwunderung hin wurden dann warnende Stimmen laut, die darauf
hinwiesen, daß „in eben diesem Stolz der weiblichen Anforderung, in eben
dieser Unversöhnlichkeit der Keuschheit mit dem Laster, in eben dieser
Weigerung, dem Laster auch nur irgendwelche Konzessionen zu machen, in
eben dieser Furchtlosigkeit, mit der die Unschuld sich zum Kampf erhebt
und dem Unrecht klar in die Augen sieht, das Gift liege, das zukünftige
Gift des weiblichen Protestes, der weiblichen Emanzipation“. Nun wohl!
vielleicht hatte das, was man da vom Gift sagte, seine Richtigkeit. Es
entstand tatsächlich ein Gift, doch was dieses Gift vertilgen wollte,
was durch dieses Gift umkommen und was sich durch dasselbe retten
sollte, – das war nun sofort die neue Frage und die wurde lange nicht
beantwortet.
* * * * *
Jetzt sind diese Fragen schon lange beantwortet (dem Anscheine nach).
Hier muß bemerkt werden, daß in der Mitte der vierziger Jahre der Ruhm
George Sands und der Glaube an die Kraft ihres Genies so hoch standen,
daß wir, ihre Zeitgenossen, alle noch etwas unvergleichlich Größeres in
der Zukunft von ihr erwarteten, irgendein unerhörtes neues Wort, sogar
etwas Entscheidendes und bereits Endgültiges. Diese Hoffnungen erfüllten
sich nicht: es zeigte sich, daß sie zu der Zeit, d. h. gegen Ende der
vierziger Jahre, bereits alles gesagt hatte, was auszusprechen ihr oblag
und vorherbestimmt war. Jetzt aber an ihrem frischen Grabe kann man über
sie schon durchaus das letzte Wort sagen.
George Sand ist kein Denker, aber sie ist eine der hellsehendsten
Vorausfühlerinnen (wenn es nur erlaubt ist, sich in einer so krausen
Form auszudrücken) einer glücklicheren Zukunft, die die Menschheit
erwartet, an deren Erreichung der Ideale sie mutig und großherzig ihr
ganzes Leben lang glaubte, und zwar gerade deshalb glaubte, weil sie
selbst in ihrer Seele fähig war, das Ideal aufzurichten. Die Bewahrung
dieses Glaubens bis zum Ende ist gewöhnlich das Los aller hohen Seelen,
aller, die die Menschen wirklich lieben. George Sand starb als Deïstin,
in festem Glauben an Gott und an ihr unsterbliches Leben. Doch von ihr
nur das zu sagen, ist zu wenig: sie war überdies vielleicht auch die
größte Christin unter allen ihren Genossen – den französischen
Schriftstellern, obgleich sie sich formell (als Katholikin) nicht zu
Christum bekannte. Natürlich, als Französin – der Anschauung ihrer
Landsleute gemäß – konnte George Sand sich nicht wissentlich zu der Idee
bekennen, daß es „in der ganzen Welt keinen Namen außer dem Seinen gibt,
durch den man selig werden kann“ – die Hauptidee der Orthodoxie. Doch
ungeachtet des scheinbaren und formalen Widerspruchs war George Sand,
ich sage das nochmals, vielleicht eine der größten Bekennerinnen
Christi, ohne daß sie es selbst wußte. Sie baute ihren Sozialismus, ihre
Überzeugungen, Hoffnungen und Ideale auf dem sittlichen Gefühl des
Menschen auf, auf dem geistigen Durst der Menschheit, auf dem Streben
dieser Menschheit zur Vollkommenheit und zur Reinheit, nicht aber auf
ameisenhafter Notwendigkeit. Sie glaubte an die menschliche
Persönlichkeit ohne Vorbehalt (sogar bis zur Unsterblichkeit des
einzelnen), sie erhöhte und erweiterte die Vorstellung von der
Persönlichkeit ihr Leben lang, in jedem ihrer Werke, und eben dadurch
stimmte sie sowohl gedanklich wie gefühlsmäßig mit einer der ersten
Grundideen des Christentums, d. h. mit der Anerkennung der menschlichen
Persönlichkeit und ihrer Freiheit (also folglich auch ihrer
Verantwortlichkeit) überein. Hieraus ergab sich dann auch die
Anerkennung der Pflicht wie das strenge sittliche Verlangen danach, wie
die vollkommene Anerkennung der menschlichen Verantwortlichkeit. Und
vielleicht gab es zu ihrer Zeit nicht einen Denker, nicht einen
Schriftsteller, der in einem solchen Maße begriff, daß „der Mensch nicht
lebt von Brot allein“. Was aber den Stolz ihrer Forderungen und ihres
Protestes anbelangt, so schloß, ich wiederhole es nochmals, dieser Stolz
niemals Barmherzigkeit aus oder Verzeihen eines Unrechts, ja nicht
einmal unbegrenzte Geduld einfach aus Mitleid mit dem Beleidiger; im
Gegenteil, George Sand hat sich in ihren Werken nicht nur einmal von der
Schönheit dieser Wahrheiten einnehmen lassen und hat nicht nur einmal
Typen der aufrichtigsten Vergebung und Liebe geschaffen. Man berichtet
von ihr, daß sie eine prachtvolle Mutter gewesen sei, daß sie sich bis
zu ihrem Lebensende gemüht und gearbeitet habe; gestorben sei sie als
Freund aller Bauern in der Umgebung, grenzenlos geliebt von ihren
Freunden. Es scheint, daß sie zum Teil geneigt war, die Vornehmheit
ihrer Abstammung zu schätzen (sie stammte mütterlicherseits vom
sächsischen Königshause ab), doch immerhin kann man mit Sicherheit
sagen, daß, wenn sie auch den Aristokratismus in den Menschen schätzte,
er für sie doch nur auf der Vollkommenheit der Menschenseele beruhte:
sie konnte nicht anders als Größe lieben, sie konnte sich nicht mit
Niedrigem aussöhnen, konnte nicht die Idee abtreten – ja, in diesem
Sinne war sie vielleicht auch ein wenig gar zu stolz. Es ist wahr, sie
liebte auch nicht in ihren Romanen erniedrigte Menschen darzustellen,
gerechte, doch nachgiebige, entartete und eingeschüchterte, wie sie in
fast jedem Roman des großen Christen Dickens zu finden sind; im
Gegenteil, sie zeichnete ihre Heldinnen stolz, stellte geradezu
Königinnen hin. Das liebte sie und diese Besonderheit muß bemerkt
werden; sie ist ziemlich charakteristisch.
„Tagebuch eines Schriftstellers“
aus dem Jahre 1877.
Alte Erinnerungen[117].
Im Januar-Heft der „Vaterländischen Annalen“ habe ich „Die letzten
Lieder“ von Njekrassoff[118] gelesen. Leidenschaftliche Lieder und nicht
zu Ende gesprochene Worte, wie immer bei Njekrassoff, aber dazwischen
was für ein qualvolles Aufstöhnen eines Kranken! – Unser Dichter ist
augenblicklich sehr krank und weiß, wie er mir selbst sagte, über seinen
Zustand ganz genau Bescheid. Aber ich will’s nicht glauben ... Es ist
ein starker, widerstandsfähiger Organismus. Er leidet furchtbar (er hat
irgendein Geschwür in den Eingeweiden, eine Krankheit, die sich schwer
auch nur feststellen läßt), doch ich glaube nicht, daß er nicht bis zum
Frühling durchhalten kann, dann aber – so schnell wie möglich in ein
Heilbad ins Ausland, in ein anderes Klima, und er wird wieder gesund
werden, davon bin ich überzeugt.
Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; wir haben einander
nicht oft im Leben gesehen, es hat zwischen uns auch Mißverständnisse
gegeben, doch einmal hat sich mit uns etwas ereignet, und dieses
Erlebnis habe ich ihm nie vergessen können. Das war unsere erste
Begegnung im Leben. Und als ich ihn nun kürzlich besuchte, begann er,
der Kranke, Erschöpfte, gleich nach dem ersten Wort davon zu sprechen,
daß er sich jener Tage erinnere. Damals (das war vor dreißig Jahren!),
geschah etwas so Jugendliches, Frisches, Gutes, – es war eines jener
Ereignisse, die im Herzen der Beteiligten ewig unvergeßlich fortleben.
Wir waren damals zwanzig und einige Jahre alt. Ich lebte in Petersburg,
nachdem ich schon ein Jahr vorher meinen Abschied als Ingenieur genommen
hatte, ohne selbst zu wissen warum, mit den unklarsten und
unbestimmtesten Zielen vor mir. Es war im Maimonat, im Jahre
fünfundvierzig. Zu Anfang des Winters hatte ich plötzlich meine
Erzählung „Arme Leute“ zu schreiben begonnen, meine erste Arbeit, denn
bis dahin hatte ich noch nichts geschrieben. Als die Arbeit beendet war,
wußte ich nicht, was ich nun tun und wem ich sie geben sollte.
Literarische Bekanntschaften hatte ich überhaupt nicht, außer allenfalls
D. W. Grigorowitsch, aber der hatte damals selbst noch nichts
geschrieben, nur eine kleine Skizze „Petersburger Leiermänner“, die in
einem Almanach erschienen war. Ich glaube, er war damals im Begriff, für
den Sommer zu den Seinen aufs Land zu fahren und wohnte noch einige Zeit
bei Njekrassoff. Als er einmal bei mir war, sagte er: „Bringen Sie doch
Ihr Manuskript mit“ (er hatte es selbst noch nicht gelesen):
„Njekrassoff will zum nächsten Jahr einen Sammelband herausgeben, ich
werde es ihm zeigen“. Ich brachte ihm das Manuskript, sah Njekrassoff
einen Augenblick, wir reichten einander die Hand. Ich wurde verlegen bei
dem Gedanken, daß ich mit meiner Dichtung gekommen war, und ging so
schnell wie möglich fort, fast ohne mit Njekrassoff ein Wort gesprochen
zu haben. Ich dachte kaum an einen Erfolg, vor dieser „Partei der
Vaterländischen Annalen“ aber – so nannte man sie damals – fürchtete ich
mich. Bjelinski las ich zwar schon seit ein paar Jahren mit Entzücken,
doch er erschien mir drohend und furchtbar und – „verspotten wird er
meine ‚Armen Leute‘!“ hatte ich hin und wieder bei mir gedacht. Jedoch
nur hin und wieder: denn geschrieben hatte ich sie mit Leidenschaft, ja
fast unter Tränen. „Sollte nun wirklich alles das, sollten alle diese
Stunden, die ich mit der Feder in der Hand über dieser Erzählung
durchlebt habe, – sollte das wirklich alles Lüge, Einbildung, unwahres
Gefühl gewesen sein?“ Aber so dachte ich natürlich nur in kurzen
Augenblicken, denn das Mißtrauen und die Zweifel waren stets gleich
wieder da. Am Abend desselben Tages, an dem ich das Manuskript abgegeben
hatte, ging ich zu einem weitab wohnenden ehemaligen Kameraden; wir
sprachen die ganze Nacht über die „Toten Seelen“ und lasen sie, ich weiß
nicht zum wievielten Mal. Damals war das so gang und gäbe unter den
jungen Leuten: kamen zwei oder drei zusammen, hieß es bald: „Wollen wir
nicht etwas im Gogol lesen, meine Herrschaften?“ – und man setzte sich
und las, und zwar meist gleich die ganze Nacht durch. Damals gab es
unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die gleichsam von irgend etwas
durchdrungen waren, und es war, als erwarteten sie alle irgend etwas.
Erst gegen vier Uhr kehrte ich nach Hause zurück, in einer weißen, fast
taghellen Petersburger Nacht. Es war wunderbar warmes Wetter, und als
ich in meine Wohnung kam, legte ich mich nicht schlafen, sondern öffnete
das Fenster und setzte mich dort am offenen Fenster hin. Plötzlich
klingelt es – ich wunderte mich nicht wenig. Doch da stürzen schon
Grigorowitsch und Njekrassoff herein, fallen über mich her, umarmen mich
mit wahrer Begeisterung und es fehlt nicht viel, daß sie beide in Tränen
ausbrechen. Sie waren am Abend zeitig heimgekehrt, hatten mein
Manuskript in die Hand genommen und zu lesen angefangen, nur so zur
Probe: „nach zehn Seiten wird man schon sehen“. Doch nachdem sie zehn
Seiten gelesen hatten, beschlossen sie, weitere zehn zu lesen, dann aber
lasen sie schon ohne Unterbrechung die ganze Nacht durch bis zum Morgen,
laut und sich gegenseitig ablösend, wenn der eine ermüdete. „Er liest da
vom Tode des Studenten,“ erzählte mir Grigorowitsch später, als wir
allein waren, „und da, an der Stelle, wo der Vater dem Sarge nachläuft,
merke ich, Njekrassoffs Stimme schwankt, einmal, das zweitemal, und
plötzlich hält er’s nicht aus und schlägt mit der flachen Hand aufs
Manuskript: ‚Ach, daß ihn doch!‘ – damit meinte er Sie, und so ging’s
die ganze Nacht!“ Als sie zu Ende gelesen hatten (sieben Druckbogen!),
beschlossen sie einstimmig, sofort mich aufzusuchen: „Was tut’s, daß er
schläft, wir wecken ihn auf, _das_ ist höher als Schlaf!“ – Später, als
ich den Charakter Njekrassoffs schon kannte, habe ich mich oft über jene
Stunde gewundert: er ist doch von Natur ein verschlossener, fast
mißtrauischer Mensch, vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er
mir immer erschienen, und danach zu urteilen, muß jener Augenblick
unserer ersten Begegnung in Wahrheit der Durchbruch eines tiefsten
Gefühls gewesen sein. Sie blieben damals ungefähr eine halbe Stunde bei
mir, und in dieser halben Stunde sprachen wir Gott weiß was alles durch,
verstanden einander schon nach halben Worten, uns überstürzend, sprachen
mehr in Ausrufen als in Sätzen, hastend: sprachen auch von der
Dichtkunst, auch von der Wahrheit, auch von der „damaligen Lage“,
natürlich auch von Gogol, zitierten aus seinem „Revisor“ und aus den
„Toten Seelen“, aber das wichtigste war Bjelinski. „Ich bringe ihm noch
heute Ihr Manuskript und Sie werden sehen – das ist ein _Mensch_, wenn
Sie wüßten, was das für ein Mensch ist! Sie werden ihn ja kennen lernen,
dann werden Sie selbst sehen, was das für eine Seele ist!“ sagte
Njekrassoff, der mich mit beiden Händen an den Schultern hielt und
schüttelte, einfach mit Begeisterung. „Na, aber jetzt schlafen Sie,
schlafen Sie, wir gehen schon, morgen aber sofort zu uns!“ – Als ob ich
danach hätte schlafen können! Welch ein Entzücken das war, – solch ein
Erfolg! Doch vor allem – das Gefühl war mir teuer, ich weiß noch genau:
„Ein anderer hat Erfolg, nun, man lobt ihn, begegnet ihm, man
beglückwünscht; aber die hier kamen doch mit Tränen in den Augen
hergelaufen, um vier Uhr morgens, um mich aufzuwecken, denn ‚das ist
höher als Schlaf‘! ... Ach, – wie ist das schön!“ Das war es, was ich
damals dachte, wie hätte ich da schlafen können!
Njekrassoff brachte das Manuskript noch am selben Tage zu Bjelinski. Er
verehrte Bjelinski über alle Maßen und ich glaube, er hat ihn sein Leben
lang von allen am meisten geliebt. Damals hatte Njekrassoff noch nichts
von solcher Bedeutung geschrieben, wie es ihm erst bald darauf, im
folgenden Jahre, gelang. Soviel ich weiß, war Njekrassoff als
Sechzehnjähriger nach Petersburg gekommen, ganz allein. Und geschrieben
hatte er auch schon fast seit seinem sechzehnten Lebensjahre. Über seine
Bekanntschaft mit Bjelinski weiß ich nicht viel, aber Bjelinski hat ihn
sofort, schon beim ersten Anfang richtig eingeschätzt und die Stimmung
seiner ganzen Kunst vielleicht stark beeinflußt. Sicherlich hatte es
zwischen ihnen bereits damals, trotz der Jugend Njekrassoffs und ihres
Altersunterschiedes, schon Augenblicke gegeben und waren schon Worte
gefallen, die fürs ganze Leben beeinflussen und untrennbar verbinden.
„Ein neuer Gogol ist erschienen!“ rief Njekrassoff laut, als er mit
meinen „Armen Leuten“ bei Bjelinski eintrat. „Bei Euch wachsen ja die
Gogols wie die Pilze,“ bemerkte Bjelinski in strengem Ton, aber er nahm
doch das Manuskript. Als Njekrassoff am Abend wieder zu ihm kam, empfing
Bjelinski ihn „einfach in Aufregung“: „Bringen Sie ihn mir, bringen Sie
ihn so schnell wie möglich her!“
Und da brachten sie mich denn (das war also schon am dritten Tage) zu
ihm. Ich weiß noch, daß mich auf den ersten Blick sein Äußeres sehr
frappierte, seine Nase, seine Stirn; ich hatte ihn mir, ich weiß nicht
warum, ganz anders vorgestellt, „diesen furchtbaren, diesen
schrecklichen Kritiker.“ Er empfing mich ungeheuer ernst und
zurückhaltend. „Nun was, vielleicht ist das gerade das Richtige,“ dachte
ich, aber es verging, ich glaube, noch nicht einmal eine Minute und
schon verwandelte sich alles: der Ernst war nicht die vorbedachte
Haltung einer berühmten Persönlichkeit, eines großen Kritikers, der
einen zweiundzwanzigjährigen Neuling empfing, sondern dieser Ernst
entsprang sozusagen seiner Achtung vor jenen Gefühlen, die er so schnell
wie möglich in mich ergießen wollte, vor jenen schweren Worten, die mir
zu sagen er sich selbst hetzte. Er begann flammend zu sprechen, sah mich
mit glühenden Augen an: „Ja, begreifen Sie denn überhaupt selbst,“
wiederholte er mehrere Male, nach seiner Gewohnheit stoßweise schreiend,
„was Sie da geschrieben haben!“ Er schrie immer so, wenn er mit starkem
Gefühl sprach. „Sie haben nur mit unmittelbarem Instinkt, nur als
Künstler das schreiben können, aber haben Sie das alles auch mit dem
Verstande erfaßt, diese ganze furchtbare Wahrheit, auf die Sie uns
hinweisen? Es ist nicht möglich, daß Sie mit Ihren zwanzig Jahren das
schon begriffen hätten. Ja dieser unglückliche Beamte, den Sie da
gezeichnet haben, – der ist doch durch das ewige Dienen schon dahin
gekommen –, hat sich ja selber schon dahin gebracht, daß er sich vor
lauter Unterwerfung nicht einmal mehr für unglücklich zu halten wagt und
auch die geringste Klage fast schon für Freidenkerei ansieht, ja, der
sich sogar das Recht, sich unglücklich zu fühlen, nicht einmal mehr
zuzusprechen wagt, und als ihm ein guter Mensch, sein General, jene 100
Rubel gibt – da ist er zermalmt, vernichtet vor Verwunderung, daß einen
solchen Menschen wie er ‚Ihre Exzellenz‘ haben bemitleiden können, nicht
‚Seine Exzellenz‘, sondern ‚Ihre Exzellenz‘, wie er sich bei Ihnen
ausdrückt! Und dieser abgerissene Knopf, dieser Augenblick, wo er dem
General die Hand küßt, – ja da ist doch nicht mehr Mitleid mit diesem
Unglücklichen, sondern Grauen, Grauen! Gerade in dieser seiner
Dankbarkeit liegt das Grauen! Das ist eine Tragödie! Sie haben hier das
Wesen der Sache, den Kern selbst berührt, das Allerwichtigste mit einem
Blick gezeigt. Wir Publizisten und Kritiker, wir deuteln bloß, wir
bemühen uns, mit Worten das klar zu machen, Sie aber, der Künstler, Sie
stellen mit einem einzigen Zug sofort bildlich greifbar das Wesen selbst
der Sache hin, daß man es mit der Hand befühlen kann, daß auch einem
Leser, der überhaupt nicht zu denken gewohnt ist, alles sofort
verständlich ist! Das ist das Geheimnis des Künstlertums, das ist die
Wahrheit in der Kunst! Da steht der Künstler im Dienst der
Wahrhaftigkeit! Ihnen ist die Wahrheit offenbar und kund, als einem
Künstler, Sie haben das als eine Gabe mitbekommen, schätzen Sie nun Ihre
Gabe, bleiben Sie _treu_, und Sie werden ein großer Künstler sein!“
Alles das sagte er damals zu mir. Alles das sagte er später über mich
auch vielen anderen, die heute noch leben und es bezeugen können. Ich
verließ ihn wie in einem Rausch. Ich blieb an der Ecke seines Hauses
stehen, sah den Himmel über mir, sah den hellen Tag, sah die
vorübergehenden Menschen an und fühlte voll und ganz, empfand mit meinem
ganzen Wesen, daß in meinem Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten
war, eine Scheidung für immer, daß etwas ganz Neues begann, jedoch
etwas, das ich auch in meinen leidenschaftlichsten Träumen nicht gedacht
hatte. (Und ich war damals ein schrecklicher Träumer.) „Sollte es wahr
sein, bin ich denn wirklich so groß?“ dachte ich schamhaft in einer Art
schüchterner Entzückung. Oh, lachen Sie nicht, nachher habe ich niemals
mehr gedacht, daß ich groß sei, doch damals – konnte man denn das so
ertragen! „Oh, ich will dieses Lobes würdig werden! Und was für Menschen
das sind, was für Menschen! Ja, das sind Menschen! Ich werde mir dieses
Lob verdienen, ich werde mir Mühe geben, auch ein so wunderbarer Mensch
zu werden wie sie, ich werde ‚_treu_ bleiben‘! Oh, wie bin ich noch
leichtsinnig, und wenn Bjelinski nur erführe, was für nichtsnutzige,
schändliche Dinge in mir sind! Und dabei reden die Leute immer davon,
daß diese Literaten stolz seien, eigenliebig und ehrgeizig. Übrigens, es
gibt ja überhaupt nur diese Menschen in Rußland, nur sie allein zählen.
– Sie stehen zwar allein, doch nur bei ihnen ist Wahrhaftigkeit, diese
aber und das Gute und Wahre siegen und triumphieren immer über das
Laster und das Böse, also werden wir siegen! – Oh, zu ihnen, mit ihnen!“
Alles das dachte ich damals, ich erinnere mich jenes Augenblicks noch
mit der größten Klarheit. Und ich habe ihn später niemals vergessen
können. Es war das der berauschendste Augenblick meines ganzen Lebens.
Wenn er mir in der sibirischen Katorga einfiel, richtete er mich geistig
wieder auf. Noch jetzt denke ich jedesmal mit Entzücken daran zurück.
Und nun kürzlich, nachdem dreißig Jahre darüber vergangen sind, hat sich
mir dieser ganze Augenblick gleichsam wieder vergegenwärtigt, als ich am
Bette des kranken Njekrassoff saß: es war mir, als erlebte ich alles das
von neuem. Ich erinnerte ihn nicht ausführlich an das Gewesene, ich
erwähnte nur, daß wir einmal etwas gemeinsam erlebt hatten, und da sah
ich, wie er sich dessen auch ohne meine Erwähnung erinnerte. Eigentlich
wußte ich das schon. Als ich aus der Katorga zurückgekehrt war, hatte er
auf eines seiner Gedichte hingewiesen, in einem Bande: „Das habe ich
damals auf Sie gedichtet.“ Und doch haben wir das ganze Leben getrennt
verbracht. Auf seinem Schmerzenslager gedenkt er jetzt in seinen
„letzten Liedern“ der schon toten Freunde:
„Unvollendet blieben ihre Lieder.
Starben sie doch durch Verrat
in der Blüte der Jahre.
Bosheit zerbrach sie.
_Vorwurfsvoll_ sehen die Bilder der Toten
von stummen Wänden mich an.“
Ein schweres Wort ist hier dieses „_vorwurfsvoll_“. Sind wir denn „treu“
geblieben, sind wir es geblieben? Möge das ein jeder nach eigenem Wissen
und Gewissen selbst entscheiden ...