und für Reisende nicht überflüssige Kapitel.
(Die endgültige Entscheidung der Frage, ob der Franzose wirklich
„keine Überlegung hat“.)
Doch nein, wieso, warum soll denn der Franzose keine Überlegung haben?
fragte ich mich, während ich die neuen Mitreisenden betrachtete, vier
Franzosen, die soeben in unser Abteil eingestiegen waren. Es waren das
die ersten Franzosen, die ich auf ihrem Heimatboden sah, wenn ich die
Zollbeamten in Erquelines, das wir gerade verlassen hatten, nicht
mitrechnete. Diese Zollbeamten waren überaus höfliche Leute, machten
ihre Sache schnell ab, und als ich einstieg, war ich mit meinem ersten
Schritt in Frankreich sehr zufrieden. Bis Erquelines waren in unserem
Abteil von den acht Plätzen nur zwei besetzt gewesen: von mir und einem
Schweizer, einem schlichten und bescheidenen Menschen in mittleren
Jahren, einem sehr angenehmen Gesellschafter, und wir hatten uns an die
zwei Stunden aufs beste unterhalten. Jetzt waren wir zu sechs im Abteil
und mein Schweizer ward zu meiner Verwunderung in Gegenwart der vier
anderen plötzlich ungemein wortkarg. Ich wollte natürlich unser
unterbrochenes Gespräch fortsetzen, doch er beeilte sich geradezu
auffallend, es abzubrechen, antwortete ausweichend, trocken, fast
geärgert, wandte sich zum Fenster und begann hinauszuschauen, und
schließlich zog er seinen deutschen Reiseführer hervor und versenkte
sich voll und ganz in dessen Inhalt. Ich ließ ihn selbstredend sofort in
Ruhe und begann mich stumm mit unseren neuen Mitreisenden zu
beschäftigen. Das waren eigentlich seltsame Leute. Sie reisten so wie
sie gingen und standen, hatten weder ein Bündel, noch einen Koffer bei
sich, ja sie trugen nicht einmal Kleider, die an Reisende erinnert
hätten. Alle vier hatten nur leichte Röcke an, die bereits schrecklich
abgetragen waren, kaum bessere als die, die bei uns Offiziersburschen zu
tragen pflegen oder die Hofleute auf den Gütern mittlerer Gutsbesitzer.
Ihre Wäsche sah schmutzig aus, die Halstücher waren sämtlich äußerst
grellfarben und gleichfalls sehr schmutzig; der eine hatte sich um den
Hals eines jener Seidentücher gewickelt, die ewig getragen werden und
schließlich, – nach fünfzehnjähriger Berührung mit dem Halse des
Trägers, mit einem ganzen Pfund Fett durchtränkt sind. Derselbe
Mitreisende hatte zudem Hemdknöpfe mit falschen Brillanten von der Größe
einer Nuß. Übrigens hielten sie sich alle mit einem gewissen Chic, ja
sogar verwegen. Alle vier schienen im gleichen Alter zu stehen –
fünfunddreißig oder so – und ohne in den Gesichtszügen einander ähnlich
zu sein, sah doch der eine wie der andere aus. Es waren zerknitterte
Gesichter mit französischen Beamtenbärtchen, die gleichfalls eins wie
das andere aussahen. Jedenfalls merkte man es den Leuten an, daß sie
bereits mit allen Wassern gewaschen waren und sich schon für immer den –
etwas sauren – Gesichtsausdruck gedanklich überaus beschäftigter Leute
angewöhnt hatten. Es schien mir auch, daß sie einander kannten, doch ich
erinnere mich nicht, ob sie während der ganzen Fahrt auch nur ein Wort
miteinander wechselten. Uns, d. h. mich und den Schweizer, schienen sie
irgendwie seltsam-merklich überhaupt nicht sehen zu wollen. Ungeniert
pfeifend, saßen sie nachlässig auf ihren Plätzen und sahen die ganze
Zeit zum Fenster hinaus. Ich zündete mir eine Zigarette an und da ich
nichts zu tun hatte, betrachtete ich sie. Mir kam, ich muß gestehen,
flüchtig der Gedanke: was sind das nun eigentlich für Leute? Arbeiter –
und doch keine Arbeiter; Bourgeois – und doch keine Bourgeois. Sollten
es am Ende verabschiedete Militärs sein – irgend so etwas _à la
demi-solde_{[18]} oder ähnliches? Übrigens zerbrach ich mir ihretwegen
nicht allzu sehr den Kopf. Nach etwa zehn Minuten, als wir die nächste
Haltestelle erreichten, sprangen sie alle vier einer nach dem anderen
aus dem Wagen, schlugen die Tür zu und wir sausten weiter. Auf dieser
Strecke hält der Zug kaum zwei Minuten an den Stationen, höchstens drei,
und schon fährt man wieder. Man fährt vorzüglich, das heißt
außergewöhnlich schnell.
Kaum waren wir allein geblieben, da klappte der Schweizer seinen Führer
zu, legte ihn beiseite und sah mich sehr zufrieden an, sichtlich mit dem
Wunsch, unser Gespräch fortzusetzen.
„Die sind nicht lange bei uns geblieben,“ bemerkte ich, indem ich ihn
einigermaßen verwundert betrachtete.
„Ja, die stiegen doch nur für die Fahrt bis zur ersten Haltestelle ein.“
„Sie kennen sie?“
„Diese? ... Das waren doch Polizeileute ...“
„Wieso? Was für Polizeileute?“ fragte ich verwundert.
„Ja-ja ... ich merkte vorhin schon gleich, daß Sie es nicht errieten.“
„Wie ... waren das wirklich Spione?“ (ich wollte es noch immer nicht
glauben.)
„Nu, versteht sich, unseretwegen stiegen sie doch überhaupt ein.“
„Sind Sie dessen gewiß?“
„O natürlich, daran ist nicht zu zweifeln! Ich bin schon mehrmals auf
dieser Strecke gefahren. Wir wurden ihnen im Zollamt heimlich
zugewiesen, als man unsere Pässe las; sie erhielten alle Angaben, unsere
Namen usw. Nu, und da setzten sie sich denn zu uns, um uns zu
begleiten.“
„Aber wozu denn das noch, wenn sie uns bereits gesehen hatten? Sie
sagten soeben, man hätte uns schon auf der Grenzstation ihnen gezeigt?“
„Nu ja, und man konnte ihnen dort unsere Namen mitteilen. Doch das ist
nicht viel. Jetzt aber haben sie uns bis in alle Einzelheiten studiert:
das Gesicht, den Anzug, die Reisetasche, überhaupt alles, was an einem
zu sehen ist. Auch Ihre Manschettenknöpfe haben sie sich gemerkt. Sie
steckten sich, zum Beispiel, eine Zigarette an, da haben sie sich auch
Ihr Zigarettenetui eingeprägt; – wissen Sie, so alle möglichen
Kleinigkeiten, Besonderheiten ... wie gesagt, möglichst viele
Besonderheiten. Sie könnten in Paris verloren gehen, Ihren Namen ändern
(das heißt, wenn Sie verdächtig sind). Nun und dann würden alle diese
Kleinigkeiten das Auffinden erleichtern. Die Angaben werden von jener
Station aus sofort nach Paris telegraphiert und dort werden sie
zuständigen Ortes für alle Fälle aufgehoben. Außerdem müssen die
Hotelbesitzer gleichfalls alle Angaben über ihre Ausländer einsenden,
und diese Angaben müssen wiederum bis in alle Einzelheiten ausführlich
sein.“
„Aber wozu waren ihrer denn so viele, es waren ja ganze vier,“ fuhr ich,
immer noch ein wenig befremdet, fort zu fragen.
„Oh, deren gibt es hier sehr viele. Wahrscheinlich sind diesmal nur
wenige Ausländer im Zuge; wären es mehr, so hätten sie sich in den
Waggons verteilt.“
„Aber ich bitte Sie, die haben uns ja überhaupt nicht angesehen; sie
sahen doch die ganze Zeit zum Fenster hinaus.“
„Oh, seien Sie unbesorgt, die haben alles gesehn ... Ich versichere Sie:
nur unseretwegen stiegen sie hier ein.“
„Schau-schau,“ dachte ich bei mir, „da haben wir’s nun: ‚Überlegung hat
der Franzose nicht‘!“ – und ich sah ein bißchen schräg, so mit einem
gewissen Mißtrauen (ich schäme mich, das gestehen zu müssen), zu meinem
Schweizer hinüber. „Und du, Bruder, gehörst nicht auch du zu derselben
Sorte und stellst dich nur so?“ blitzte es in meinem Kopf auf, aber nur
einen Augenblick, ich versichere Sie. Es war unsinnig, aber was kann man
dagegen tun; man denkt es eben unwillkürlich ...
Der Schweizer hatte mich nicht beschwindelt. In dem Hotel, in dem ich
abstieg, schrieb man sogleich mein ganzes Signalement auf und schickte
es an die entsprechende Stelle. Nach der Genauigkeit und Kleinlichkeit
zu urteilen, mit der die Leute einen besichtigten und beschrieben, kann
man annehmen, daß auch Ihr ganzes weiteres Tun und Treiben skrupulös
beobachtet wird und sozusagen alle Ihre Schritte gezählt werden.
Übrigens im ersten Hotel geschah das alles heimlich; doch im zweiten, im
_Hôtel des Empereurs_, wo ich nach meiner Rückkehr aus London abstieg,
da im ersten, im Hotel Coquillière, alle Zimmer besetzt waren, ging man
weit offener mit mir um. Man war dort überhaupt und in allem viel
patriarchalischer. Die Besitzer, ein schon älteres Ehepaar, waren nette
Leute und verhielten sich sehr rücksichtsvoll und aufmerksam gegen ihre
Hotelgäste. An demselben Tage, an dem ich bei ihnen einzog, bat mich die
Besitzerin, als sie mich am Abend im Flur erblickte, auf einen
Augenblick in das Zimmer, das ihr Geschäftsraum war. Ihr Mann war
zugegen, doch augenscheinlich war sie diejenige, die alles leitete.
„Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten,“ begann sie sehr höflich,
„aber ich brauche Ihre Angaben ...“
„Aber ich habe Ihnen doch schon alles angegeben ... meinen Paß haben Sie
auch.“
„Das ja, aber _votre état_?“{[19]}
Dieses: _votre état_? – ist eine überaus verfängliche Sache und hat mir
nirgendwo gefallen. In der Tat, was soll man da sagen? Reisender – das
ist gar zu abstrakt. _Homme de lettres_{[20]} – da achtet einen keiner.
„Schreiben wir _propriétaire_,{[21]} was meinen Sie?“ schlug mir die
Besitzerin vor. „Das wird am besten sein.“
„O ja, das wird am besten sein,“ pflichtete ihr der Mann bei.
Es wurde also geschrieben.
„Nun und jetzt: der Grund Ihres Aufenthaltes in Paris?“
„Als Reisender ... auf der Durchreise.“
„Hm ... ja, _pour voir Paris_.{[22]} Erlauben Sie, _mßjö_: Ihre Größe?“
„Meine Größe? – wieso?“
„Ich meine, wie groß sind Sie?“
„Wie Sie sehen – von mittlerem Wuchs“.
„Das schon, _mßjö_ ... Aber man muß es genauer angeben ... Ich denke,
ich denke ...“ fuhr sie ein bißchen unschlüssig fort und fragte mit den
Augen ihren Mann um Rat.
„Ich denke, soundsoviel,“ meinte der Mann, nach dem Augenmaß meine Größe
in Zentimetern abschätzend.
„Ja, wozu brauchen Sie das alles?“ fragte ich.
„Oh, das ist so not–wen–dig,“ versetzte die Dame, liebenswürdig das Wort
in die Länge ziehend, und sie trug tatsächlich auch das Zentimetermaß
ein. „Jetzt, _mßjö_, Ihre Haarfarbe? Blond, hm! ... ziemlich hell ...
glattes Haar ...“
Sie schrieb auch das alles auf.
„Erlauben Sie, _mßjö_,“ – sie legte die Feder hin, stand vom Stuhl auf
und trat mit dem liebenswürdigsten Ausdruck nah an mich heran – „bitte
hierher, ein paar Schritte zum Fenster. Um die Farbe Ihrer Augen
festzustellen. Hm! ... hell ...“
Und sie fragte wieder mit den Augen ihren Mann um Rat. Sie liebten sich
augenscheinlich sehr.
„Mehr von grauer Farbe,“ bemerkte der Mann mit einem besonders
geschäftlichen, sogar besorgten Ausdruck im Gesicht.
„_Voilà_,“ fügte er mit einem Wink hinzu und wies auf eine Stelle der
Stirn über der Augenbraue, und ich begriff sehr gut, auf was er
aufmerksam machen wollte. Ich habe eine kleine Narbe auf der Stirn und
er wollte, daß die Frau auch dieses besondere Merkmal angebe.
„Gestatten Sie mir jetzt die Frage,“ wandte ich mich an Madame, als
dieses ganze Examen zu Ende war, „wird von Ihnen wirklich eine solche
Ausführlichkeit in den Angaben verlangt?“
„Oh, _mßjö_, das ist unbedingt not–wen–dig! ...“
„_Mßjö!_“ bekräftigte auch der Mann mit einem gewissen besonders
eindringlichen Ausdruck.
„Aber im Hotel Coquillière hat man mich nicht danach gefragt ...“
„Das ist nicht möglich,“ fiel mir die Besitzerin lebhaft ins Wort, „das
könnte den Eigentümern sehr teuer zu stehen kommen. Wahrscheinlich hat
man stillschweigend Ihr Signalement aufgenommen, doch getan hat man es
jedenfalls, oh, unbedingt, unbedingt. Wir aber gehen mit unseren Gästen
viel harmloser und offenherziger um, wir leben mit ihnen wie mit
Verwandten. Sie werden zufrieden mit uns sein. Sie werden sehen ...“
„Oh, _mßjö_!“ ... bekräftigte der Mann mit Feierlichkeit und aus seinem
Gesicht sprach sogar eine Art Gerührtsein.
Und es waren wirklich höchst ehrliche, höchst liebenswürdige Eheleute,
wenigstens so weit ich sie hernach kennen lernte. Aber das Wort
„not–wen–dig“ ward durchaus nicht in einem Tone gesagt, der wegen der
Vorschrift um Entschuldigung bat oder sie als ein notwendiges Übel
betrachtete, das man nun einmal über sich ergehen lassen mußte, sondern
gerade im ernstesten Sinne der unbedingten Notwendigkeit, die womöglich
restlos mit ihren eigenen persönlichen Überzeugungen übereinstimmte.
Und so war ich denn in Paris.
Fünftes Kapitel.
Baal.
Und so war ich denn in Paris ... Doch erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen
jetzt viel von der Stadt selbst erzählen werde. Ich denke, Sie haben
über Paris als Stadt bereits so viel in russischer Sprache gelesen, daß
es Ihnen schließlich schon zum Überdruß geworden ist. Außerdem sind Sie
ja selber dort gewesen und haben sich gewiß alles viel besser gemerkt
als ich. Ich konnte es im Auslande nun einmal nicht ausstehen, alles
nach dem Führer zu besichtigen, nach dem Gesetz, aus Pflicht als
Reisender, und so habe ich denn an manchen Orten so berühmte
Sehenswürdigkeiten nicht gesehen, daß ich mich sogar schäme, sie zu
nennen. Auch in Paris habe ich vieles nicht gesehen. Ich werde deshalb
auch nicht sagen, was ich dort nicht gesehen habe, aber dafür sage ich
folgendes: ich habe für Paris eine Bezeichnung gefunden, ein Epitheton,
und bestehe darauf, daß es richtig ist. Nämlich: es ist die sittlichste
und tugendhafteste Stadt auf dem ganzen Erdenrund. Welch eine Ordnung!
Welch eine Vernünftigkeit! Was für genau bestimmte und dauerhaft
eingebürgerte Verhältnisse; wie ist alles sichergestellt und vorliniert;
wie sind alle zufrieden und vollkommen glücklich, und wie haben sie sich
alle mit Fleiß und Mühe schließlich selbst so schön zu der Überzeugung
gebracht: sie seien nun wirklich zufrieden und vollkommen glücklich und
... und ... und auf diesem Punkt sind sie nun stehen geblieben. Darüber
hinaus führt ja auch kein Weg. Sie, meine Freunde, werden es mir nicht
glauben wollen, daß sie darauf stehen geblieben sind; Sie rufen mir zu,
das sei eine häßliche Verleumdung von mir, eine Verleumdung aus
Patriotismus; es sei doch unmöglich, daß dort alles wirklich habe stehen
bleiben können. Aber meine Freunde: ich habe Sie doch schon im ersten
Kapitel dieser Aufzeichnungen darauf vorbereitet, daß ich vielleicht
schrecklich viel Unwahres sagen werde. Also bitte stören Sie mich nun
nicht. Zudem wissen Sie doch sehr gut, daß ich, selbst wenn ich was
zusammenlüge, es in der Überzeugung tue, nicht zu lügen. Das aber ist
meiner Ansicht nach schon mehr als genug. Also lassen Sie mir nun meine
Freiheit.
Ja, Paris ist eine bewundernswerte Stadt. Und was für ein Komfort, was
für alle möglichen Bequemlichkeiten für jene, die das Recht auf
Bequemlichkeiten haben, und wiederum: welch eine Ordnung, welch eine ...
man möchte sagen, _Windstille in der Ordnung_. Ich komme immer wieder
auf diese Ordnung zurück. In der Tat, noch ein Weilchen und das
eineinhalbmillionenköpfige Paris wird sich in irgend so ein in
Windstille und Ordnung versteintes deutsches Professorenstädtchen
verwandeln, von der Art zum Beispiel irgend eines Heidelberg. Dahin geht
nun mal seine ganze Neigung. Und als ob es ein Heidelberg nicht auch in
großem Maßstabe geben könnte? Und welch ein Reglement in allem!
Verstehen Sie mich nicht falsch: ich meine hiermit weniger ein äußeres
Reglement, das belanglos wäre (im Verhältnis, natürlich), sondern die
kolossale innere, geistige, aus der Seele hervorgehende
Vorschriftsmäßigkeit. Paris engt sich ein, Paris verkleinert sich gern
und mit Liebe, es kauert sich gerührt zusammen. Wie anders ist in der
Beziehung zum Beispiel London! Ich war im ganzen nur acht Tage in
London, aber wenigstens äußerlich – mit wie breiten Bildern, wie
scharfen Linien, wie eigenartigen, nicht nach einem Leisten regulierten
Plänen hat es sich in meiner Erinnerung eingezeichnet. Alles ist so
riesenhaft und kraß in seiner Eigenart. Sogar täuschen lassen kann man
sich von dieser Eigenart. Jede Kraßheit, jeder Widerspruch steht hier
Seite an Seite mit der eigenen Antithese und sie gehen eigensinnig Arm
in Arm einher, sich gegenseitig widersprechend und doch anscheinend
keineswegs einander ausschließend. All das steht, wie’s scheint,
starrsinnig für sich ein und lebt nach seiner Art und stört sich
gegenseitig anscheinend nicht im geringsten. Indessen aber geht auch
hier derselbe hartnäckige, dumpfe und schon veraltete Kampf vor sich,
der Kampf, auf Tod oder Leben, des allgemein westlichen persönlichen
Prinzips mit der Notwendigkeit, sich doch irgendwie miteinander
einzuleben; irgendwie eine Gemeinschaft zu bilden und sich in einem
einzigen Ameisenhaufen einzurichten; ja, meinetwegen sich in einen
Ameisenhaufen zu verwandeln, aber sich einzurichten ohne einander
aufzufressen, denn sonst – ist die Verwandlung in Menschenfresser da! In
dieser Beziehung ist dort, wenn auch in einer anderen Richtung, dasselbe
zu bemerken wie in Paris: dasselbe verzweifelte Bestreben, auf dem
_status quo_ stehen zu bleiben – aus Verzweiflung wenigstens stehen zu
bleiben –, alle Wünsche und Hoffnungen mit dem Fleisch aus sich
herauszureißen, die eigene Zukunft zu verfluchen, an die zu glauben es
selbst den Führern des Fortschritts vielleicht schon an Glauben
gebricht, und Baal anzubeten. Doch lassen Sie sich bitte nicht vom
Pathos irgend welcher Worte bestechen: all das ist als Bewußtheit erst
in der Seele der fortgeschrittensten Erkennenden zu bemerken, unbewußt
jedoch, instinktiv – in den Lebensverrichtungen der ganzen Masse. Aber
der Bourgeois zum Beispiel in Paris ist bewußt, d. h. in seiner
Bewußtheit sehr zufrieden und er ist überzeugt, daß alles auch so sein
müsse; und er würde Sie sogar verprügeln, wenn Sie zu bezweifeln wagten,
daß es so sein muß, würde Sie verhauen, weil er im Grunde doch noch
irgend etwas fürchtet, ungeachtet seines ganzen Selbstgefühls. In London
ist es eigentlich dasselbe, – und doch: was für breite, erdrückende
Bilder! Sogar äußerlich: was für ein Unterschied gegen Paris. Diese Tag
und Nacht hastende und wie ein Meer unumfaßbare Stadt, dieses Gepfeif
und Geheul der Maschinen, diese über den Häusern (und bald auch
unter ihnen) hinjagenden Eisenbahnen, diese Dreistigkeit des
Unternehmungsgeistes, diese scheinbare Unordnung, die im Grunde die
bourgeoise Ordnung in höchster Entwicklung ist, diese vergiftete Themse,
diese mit Kohlenstaub durchsetzte Luft, diese großartigen Squares und
Parks, diese unheimlichen Stadtwinkel wie Whitechapel mit seiner
halbnackten, wilden und hungrigen Bevölkerung, die City mit ihren
Millionen und dem Welthandel, der Kristallpalast, die Weltausstellung
... Ja die Ausstellung kann einen stutzig machen. Man spürt die
furchtbare Kraft, die hier alle diese unzähligen Menschen aus der ganzen
Welt zu einer einzigen Herde zusammengetrieben hat; man erkennt einen
Riesengedanken; man fühlt, daß hier bereits etwas erreicht ist: ein
Sieg, ein Triumph. Und eine Angst vor irgend etwas beginnt sich in einem
zu erheben. Wie frei und unabhängig man auch sein mag, um irgend etwas
überkommt einen doch eine Angst.
„Sollte am Ende dies das erreichte Ideal sein?“ denkt man bei sich, „ist
hier nicht das Ende? Ist das nicht doch schon die verwirklichte ‚_eine_
Herde‘ der Weissagung? Wird man die nicht wirklich als die volle
Wahrheit annehmen und endgültig verstummen müssen?“ All das ist so
herrschend, so siegbewußt und stolz, daß es Ihnen den Atem zu beengen
anfängt. Sie sehen diese Hunderttausende, diese Millionen von Menschen,
die gehorsam aus der ganzen Welt hierher zusammenströmen, – Menschen,
die alle mit einem einzigen Gedanken gekommen sind, die still,
unablässig und stumm sich in diesem riesenhaften Palast umherdrängen,
und Sie fühlen, daß sich hier endgültig etwas vollendet, vollendet und
vollbracht hat. Das ist irgend ein biblisches Bild, irgend was von
Babylon, ist eine Prophezeiung aus der Apokalypse, die sich leibhaftig
verwirklicht hat. Sie fühlen, daß es viel ewiger geistiger Gegenwehr und
Verneinung bedarf, um standzuhalten und dem Eindruck nicht zu erliegen,
sich nicht vor der Tatsache zu beugen und Baal nicht für Gott zu halten,
das heißt, das Verwirklichte, Bestehende nicht hinzunehmen als unser
Ideal ...
Nun, das ist Unsinn, werden Sie sagen, krankhafter Unsinn, Nerven,
Übertreibung. Dabei wird doch niemand stehen bleiben und ebenso wird
niemand das für sein verwirklichtes Ideal halten. Zudem sind doch Hunger
und Sklaverei nicht jedermanns Sache und werden am besten Verneinung
einflüstern und Skepsis zeugen. Satte Dilettanten aber, die zu ihrem
Vergnügen umherspazieren, die können natürlich Bilder aus der Apokalypse
zu sehen sich einbilden und ihre Nerven hätscheln, indem sie, um sich
selbst anzuregen, aus jeder Erscheinung durch Übertreibung starke
Empfindungen zu erpressen suchen ...
Schön, antworte ich, nehmen wir an, daß ich mich von der Dekoration habe
hinreißen lassen, mag es so sein. Doch wenn Sie gesehen hätten, wie
stolz jener mächtige Geist ist, der diese kolossale Dekoration
geschaffen hat, und wie stolz dieser Geist von seinem Sieg und seinem
Triumph überzeugt ist, Sie wären erschauert ob seines Stolzes, seines
Starrsinns und seiner Blindheit, und Sie wären erschauert auch für jene,
über denen dieser stolze Geist schwebt und die er regiert. Angesichts
dieser Kolossalheit, dieses riesenhaften Stolzes des alle beherrschenden
Geistes, angesichts dieser feierlichen Vollendung der Schöpfungen dieses
Geistes verstummt nicht selten auch die hungrige Seele, ergibt sich,
unterwirft sich, sucht Rettung im Gin und in der Ausschweifung, und
beginnt zu glauben, daß alles gerade so sein müsse. Die Tatsache drückt,
die Masse verholzt und eignet sich alsbald Chinesentum an, oder wenn
sich auch Skepsis einstellt, so sucht sie schließlich doch finster und
mit einem Fluch Rettung in irgend so etwas von der Art des Mormonentums.
Und in London kann man die Masse in einem Maßstabe und in einer Umgebung
sehen, wie sie sonst nirgendwo in der Welt leibhaftig zu sehen ist. Man
erzählte mir z. B., daß jeden Samstagabend eine halbe Million Arbeiter
und Arbeiterinnen mit ihren Kindern sich wie ein Meer in die Straßen der
Stadt ergießt, sich besonders in gewisse Stadtteile drängend, um dann
die ganze Nacht bis fünf Uhr morgens Feiertag zu feiern, das heißt, sich
viehisch satt zu essen und voll zu trinken nach der ganzen
durchhungerten Woche. Diese Millionenmasse trägt ihren gesamten
Wochenlohn bei sich, alles, was sie mit schwerer Arbeit fluchend
verdient hat. In den Fleisch- und Eßwarenläden brennt das Gas in
dicksten Flammenbüscheln, die grell die Straßen erhellen. Es ist
geradezu, als werde für diese weißen Neger ein Ball veranstaltet. In den
offenen Tavernen und in den Straßen überall ein Volksgedränge. Hier wird
auch gegessen und getrunken. Die Trinkstuben sind aufgeputzt wie
Paläste. Alles ist betrunken, doch ohne Fröhlichkeit, ist vielmehr
finster, schwer, und alles ist irgendwie eigentümlich stumm. Nur hin und
wieder wird diese verdächtige und auf Sie traurig wirkende
Schweigsamkeit von Schimpfwörtern und blutigen Prügeleien gestört. Alles
das beeilt sich, zu trinken, sich bis zur Bewußtlosigkeit zu betrinken
... Die Frauen stehen den Männern nicht nach und betrinken sich gleich
diesen; die Kinder laufen und kriechen zwischen ihnen umher. In einer
solchen Nacht, es war gegen zwei Uhr, verirrte ich mich einmal und trieb
mich lange in den Straßen umher inmitten der unzählbaren Menge dieses
finsteren Volkes, fast nur mit Zeichen den Weg erfragend, da ich kein
Wort Englisch kann. Ich fand schließlich den Weg, aber der Eindruck
dessen, was ich gesehen, quälte mich nachher noch drei Tage. Volk ist
überall Volk, hier aber war alles so kolossal, so grell, daß man
gleichsam körperlich fühlte, was man sich bislang nur geistig
vorgestellt hatte. Ja, hier sieht man nicht einmal mehr Volk, sondern
Verlust des Bewußtseins, systematischen, gehorsamen, geförderten. Und
man fühlt, wenn man alle diese Parias der Gesellschaft sieht, daß für
sie die Prophezeiung noch lange nicht in Erfüllung gehen wird, daß sie
noch lange keine Palmenzweige und weißen Gewänder erhalten werden und
immer noch vergeblich zum Throne des Höchsten emporseufzen müssen: „Wie
lange noch, Herr?“ Und sie wissen das selbst und inzwischen nehmen sie
für sich Rache an der Gesellschaft mit irgend welchen unterirdischen
Mormonen, Sekten, Wanderpredigern ... Wir wundern uns über die Dummheit,
sich solchen Sekten anzuschließen, und erraten nicht, daß es – eine
Absonderung von unserer gesellschaftlichen Formel ist, eine hartnäckige,
unbewußte Absonderung; eine instinktive Absonderung um jeden Preis, da
man seine Seele retten will, eine Absonderung mit Ekel vor uns und
Entsetzen. Diese Millionen von Menschen, die von dem Feste der
Menschheit ausgeschlossen und verjagt worden sind, die nun in
unterirdischer Finsternis einander stoßen und drücken, in dieser
Finsternis, in die sie von ihren älteren Brüdern geworfen wurden und in
der sie nun tastend nach einem Ausgang suchen und an jede erste beste
Tür pochen, um in dem dunklen Kellergewölbe nicht zu verrecken. Es ist
das der letzte verzweifelte Versuch, sich zu einem eigenen Haufen
zusammenzuschließen, zu einer eigenen Masse, und sich von allem
abzusondern, sei es selbst vom Menschenbilde, um nur ja von eigener Art
zu sein, nur ja nichts mit uns gemein zu haben ...
Ich sah in London auch noch eine andere ähnliche Menschenmenge von einer
Größe, wie man sie gleichfalls nirgendwo, außer in London, sehen kann.
Gleichfalls eine Dekoration in ihrer Art. Wer in London gewesen ist, hat
gewiß wenigstens einmal Hay-Market in der Nacht besucht. Das ist ein
Stadtteil, in dem nachts die öffentlichen Frauen zu Tausenden sich
umherdrängen, besonders in gewissen Straßen. Die Straßen sind von
Gasflammen erhellt, von einem Licht, von dem man bei uns in Rußland noch
gar keine Vorstellung hat. Hier reiht sich ein prunkvolles Café ans
andere, Cafés mit Riesenspiegeln und goldstrotzenden Verzierungen. Hier
gibt es Festsäle, hier gibt es Absteigequartiere. Es schaudert einen
geradezu, wenn man sich unter diese Menge begibt. Und wie sonderbar ist
sie zusammengesetzt. Da gibt es Greisinnen und junge Schönheiten, vor
deren Schönheit man betroffen stehen bleibt. In der ganzen Welt gibt es
keinen so schönen Frauentyp wie die Engländerin. Alles das drängt sich
mit Mühe durch die Straßen, geengt, gedrängt. Die Fußsteige reichen
natürlich nicht aus, der ganze Fahrweg ist von der Menge überflutet.
Alles das giert nach Beute und wirft sich mit schamlosem Zynismus auf
den ersten Besten. In dieser Menge gibt es glänzende kostbare Gewänder
und neben ihnen sieht man fast Lumpen. Man sieht hier auch alle
Lebensalter in schrillstem Gegensatz nebeneinander, alles in einer
einzigen Masse. In diesem schrecklichen Menschenhaufen stößt sich der
betrunkene Strolch umher und hierher kommt auch der reiche Herr mit
hohen Titeln. Man hört Schimpfworte, Streit, laute Aufforderungen, hier
oder dort einzutreten, und dazwischen das versuchende Geflüster einer
noch schüchternen jungen Schönheit. Und was sind das mitunter für
Schönheiten! Gesichter wie von einem Keepsake. Ich weiß noch, einmal
trat ich in ein „Kasino“. Dort spielte Musik, es wurde getanzt, es
wimmelte von Menschen. Die Aufmachung war voll Prunk und Pracht. Aber
der finstere Charakter verläßt die Engländer auch im Vergnügen nicht:
selbst beim Tanzen sind sie ernst, ja sogar verdrossen, und machen die
Tanzschritte, als müßten sie einer Pflicht nachkommen. Dort erblickte
ich oben auf der Galerie ein Mädchen, vor dem ich einfach stehen blieb
vor Verwunderung: eine so ideale Schönheit war mir noch nie begegnet.
Sie saß an einem der Tischchen mit einem jungen Mann, anscheinend einem
reichen Gentleman, der, wie aus allem zu ersehen war, nicht zu den
ständigen Gästen dieses Kasinos gehörte. Vielleicht hatte er sie überall
vergeblich gesucht und schließlich hier gefunden. Oder vielleicht hatten
sie verabredet, sich hier zu treffen. Er sprach wenig mit ihr, dabei
alles seltsam stoßweise und gleichsam gar nicht davon, wovon sie
eigentlich sprechen wollten. Ihr Gespräch wurde oft von langem Schweigen
unterbrochen. Sie schien sehr traurig zu sein. Ihre Züge waren zart,
fein, etwas Verschwiegenes und Trauriges lag in ihrem schönen, ein wenig
stolzen Blick, etwas Denkendes und Schwermütiges. Ich glaube, sie war
schwindsüchtig. Sie stand in ihrer Entwicklung höher, sie mußte einfach
höher stehen als alle diese unglücklichen Frauen – denn was hätte sonst
ein Menschenantlitz zu bedeuten? Und dabei saß sie doch hier unter den
anderen und trank gleichfalls diesen Gin, den der junge Mann für sie
bezahlte. Schließlich stand er auf, drückte ihr die Hand und sie
trennten sich. Er verließ das Kasino, sie aber ging, vom Branntweingenuß
feuerrote Flecken auf ihren blassen Wangen, und mischte sich unter die
Schar der sich feilbietenden Frauen. Dort in Hay-Market habe ich Mütter
gesehen, die ihre eigenen kleinen Töchter zu diesem Gewerbe anleiteten.
Und diese kleinen, vielleicht zwölfjährigen Mädchen fassen einen an der
Hand und bitten einen, doch mit ihnen zu gehen. Einmal erblickte ich in
dem Gewimmel der Straße ein Kind, ein Mädchen von höchstens sechs
Jahren, bestimmt nicht älter, in Lumpen gekleidet, schmutzig, barfuß,
ausgemergelt und blaugeschlagen – ihr Körper, den man durch die
zerrissenen Lumpen sah, war mit blauen Flecken bedeckt. Das Kind ging
ohne zu wissen wohin, ja ohne zu wissen, daß es überhaupt ging, ohne
sich zu beeilen – Gott weiß weshalb es sich in dem Gewimmel umhertrieb.
Vielleicht war es hungrig. Es wurde von Niemand beachtet. Doch was mich
am meisten betroffen machte: dieses Kind ging mit dem Ausdruck eines
solchen Kummers, einer so hoffnungslosen Verzweiflung im Gesicht, daß
der Anblick dieses kleinen Geschöpfes, das schon so viel Fluch und
Jammer trug, irgendwie geradezu widernatürlich war und entsetzlich
schmerzte. Die Kleine wiegte beim Gehen ihren zerzausten Kopf immer hin
und her, von einer Seite auf die andere, ganz als erwäge sie etwas, dazu
gestikulierte sie in einem fort, hob ihre kleinen Ärmchen oder schlug
plötzlich die Händchen zusammen und preßte sie an ihre nackte, kleine
Brust. Ich kehrte um, ging ihr nach und gab ihr einen halben Schilling.
Sie nahm die Silbermünze, sah mir dann scheu mit ängstlicher
Verwunderung in die Augen und plötzlich begann sie zu laufen, so schnell
es ihr im Gedränge nur möglich war, ganz als fürchtete sie, daß ich ihr
das Geld wieder wegnehmen könnte. – Ja, es gibt schon eigene Dinge ...
In einer Nacht aber geschah es, daß in diesem Gedränge verlorener Frauen
und Lüstlinge ein weibliches Wesen, das sich eilig durch die Menge
drängte, mich anredete. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug einen
Hut, der ihr Gesicht fast vollständig verbarg; ich kam eigentlich kaum
dazu, sie richtig zu sehen; ich erinnere mich nur ihres forschend
aufmerksamen Blickes. Sie sagte irgend etwas, das ich nicht verstand, in
gebrochenem Französisch, drückte mir ein Blatt Papier in die Hand und
ging schnell weiter. Vor dem hellen Fenster eines Cafés besah ich das
Papier: es war ein kleines Blatt in Quadratform; auf der einen Seite des
Blättchens stand gedruckt: „_Crois-tu cela?_“{[23]} Auf der anderen
Seite, gleichfalls auf französisch: „Ich bin die Auferstehung und das
Leben ...“ usw. Die bekannten Worte. Sie werden zugeben, daß auch das
ziemlich originell ist. Später sagte man mir, das sei die katholische
Propaganda, die überall herumschnüffelt, unablässig, unermüdlich. Bald
sind es solche Blättchen, die auf den Straßen verteilt werden, bald sind
es kleine Bücher, die Auszüge aus dem Neuen und Alten Testament
enthalten. Sie werden umsonst verteilt, aufgedrängt, in die Hand
gedrückt. Der Propagandisten gibt es eine Unmenge, sowohl Männer wie
Frauen. Es ist das eine Propaganda von feinster und berechnendster Art.
Der katholische Geistliche spürt persönlich die arme Familie irgend
eines Arbeiters auf, in die er sich dann unmerklich eindrängt. Er findet
z. B. einen Kranken, der in Lumpen auf dem feuchten Fußboden liegt,
umgeben von Kindern, die von Hunger und Kälte verkommen sind, dazu eine
hungrige, nicht selten betrunkene Frau. Er gibt ihnen allen zu essen,
gibt ihnen Kleider, sorgt für Heizung, behandelt den Kranken, kauft
Arznei, wird zum Freunde der ganzen Familie und schließlich bekehrt er
sie alle zum Katholizismus. Manchmal freilich kommt es auch vor, daß man
ihn – natürlich erst nach der Heilung und aller Hilfe –, statt sich nun
bekehren zu lassen, mit Geschimpfe und Schlägen hinausjagt. Aber er
ermüdet nicht; er geht zu anderen. Auch dort wird er hinausgejagt; er
erträgt alles, aber den einen oder anderen fängt er schließlich doch.
Der anglikanische Geistliche dagegen wird doch nicht zu einem Armen
gehen. Arme werden ja nicht einmal in die Kirche gelassen, weil sie
nichts haben, womit sie den Platz auf der Bank bezahlen könnten. Die
Ehen unter den Arbeitern und überhaupt unter den Armen sind oft
illegitim, denn sich trauen zu lassen kostet viel Geld. Übrigens pflegen
viele dieser Ehemänner ihre Frauen fürchterlich zu prügeln, ja, sie zu
Krüppeln oder halbtot zu schlagen, und zwar geschieht das, wie es
scheint, gewöhnlich mit der Feuerzange, mit der man im Kamin die Kohlen
schürt. Wenigstens wird in den Zeitungsberichten, die von solchen
Familientragödien, schweren Körperverletzungen oder Totschlägen handeln,
immer die Feuerzange erwähnt. Die Kinder aus diesen Ehen beginnen oft
schon im frühesten Alter ein Straßenleben, mischen sich unter die Menge
und kehren schließlich überhaupt nicht mehr zu ihren Eltern zurück. –
Die anglikanischen Pfarrer und Bischöfe sind stolz und reich, leben in
reichen Pfarreien und werden dick in vollkommenster Gewissensruhe. Sie
sind große Pedanten, sind sehr gebildet und glauben selber wichtig und
in allem Ernst an ihre stumpfsinnig-moralische Würde, an ihr Recht,
ruhige und selbstgerechte Moral zu predigen, fett zu werden und nur für
die Reichen da zu sein. Das ist die Religion der Reichen und zwar schon
ohne jede Maske. Nun, wenigstens ist’s so – rationell und es wird nichts
vorgetäuscht. Aber diese selben bis zur Stumpfheit überzeugten
Professoren der Religion haben eine Liebhaberei von eigener Art: das ist
die Mission. Sie durchziehen als Missionare die ganze Welt, sie dringen
ins innerste Afrika, um einen Wilden zu bekehren, und vergessen darüber
eine Million Wilder in London, weil diese nichts besitzen, womit sie
zahlen könnten. Doch die reichen Engländer und überhaupt alle dortigen
goldenen Ochsen sind überaus religiös, sind es auf eine finstere,
mißmutige und eigentümliche Art. Die englischen Dichter aber besingen
von jeher mit Vorliebe die Schönheit der Pfarrhäuser in der Provinz, die
im Schatten hundertjähriger Eichen und Weiden stehen, besingen ihre
tugendhaften Frauen und idealschönen blonden, blauäugigen Töchter.
Doch wenn die Nacht vergeht und der Tag beginnt, erhebt sich jener
stolze finstere Geist von neuem herrscherhaft über der Riesenstadt. Der
regt sich nicht darüber auf, was in der Nacht war, ihn stört auch das
nicht, was er am Tage ringsum sieht. Baal herrscht und verlangt nicht
einmal Unterwerfung, denn er ist ihrer auch so schon sicher. Sein Glaube
an sich selbst ist grenzenlos; ruhig und mit Verachtung gibt er, nur um
sich’s vom Halse zu schaffen, organisierte Almosen und danach ist sein
Selbstgefühl nicht mehr zu erschüttern. Baal versteckt auch nicht vor
sich selbst, wie man das z. B. in Paris tut, gewisse ungezähmte,
verdächtige und erregende Lebenserscheinungen. Armut, Leid, Murren und
die Abstumpfung der Masse regen ihn nicht im geringsten auf. Voll
Verachtung erlaubt er allen diesen verdächtigen, unheilkündenden
Erscheinungen Seite an Seite neben seinem Leben als Wirklichkeit
sichtbar zu bestehen. Er gibt sich keine Mühe, sich ängstlich, wie der
Pariser, und krampfhaft zu beruhigen, zu ermutigen und sich selbst die
Meldung zu erstatten, daß alles ruhig und in Ordnung sei. Er versteckt
nicht, wie man das in Paris tut, die Armen irgendwohin, wo man sie nicht
sieht, damit sie nicht unnütz seinen Schlaf beunruhigen. Der Pariser
liebt es, wie der Vogel Strauß, seinen Kopf in den Sand zu stecken, um
die Jäger, die ihm schon auf den Fersen sind, einfach nicht zu sehen. In
Paris ... Aber was ist denn das? Ich bin schon wieder nicht in Paris!
... Herrgott, wann werde ich mich denn endlich an Ordnung gewöhnen ...
Sechstes Kapitel.
Ein Versuch über den Bourgeois.
Warum kauert sich hier alles das so zusammen, warum will sich hier alles
in Scheidemünze einwechseln, sich einengen, sich drücken: „Ich bin gar
nicht da, ich bin überhaupt nicht auf der Welt, ich habe mich versteckt,
gehen Sie, bitte, vorüber und bemerken Sie mich nicht, tun Sie, als
sähen Sie mich nicht, gehen Sie, ach gehen Sie doch vorüber!“
„Ja von wem reden Sie eigentlich? Wer kauert sich zusammen?“
„Na, der Bourgeois doch.“
„Ums Himmels willen, der ist doch König, ist überhaupt alles, _le tiers
état c’est tout_,{[24]} und Sie reden von – sich verstecken!“
„Ja, aber warum versteckt er sich denn so hinter dem Kaiser Napoleon?
Warum hat er denn in seiner Abgeordnetenkammer die hohen Phrasen
vergessen, die er früher so liebte? Warum will er sich an nichts
erinnern und warum winkt er mit beiden Händen ab, wenn man ihn an irgend
etwas, das in alten Zeiten war, erinnert? Warum ist bei ihm im Sinn und
Blick und auf der Zunge sogleich Alarm, wenn andere in seiner Gegenwart
noch irgend einen Zukunftswunsch zu äußern wagen? Und wenn er selber
einmal aus reiner Einfalt übermütig wird und plötzlich auch in sich noch
einen Wunsch verspürt, warum erschrickt er dann gleich und bekreuzigt
sich, um den Einfluß des Bösen zu bannen: „Herrgott, was hab ich da ...
was fällt mir überhaupt ein!“ und warum bemüht er sich darnach noch
lange, sein törichtes Benehmen durch Fleiß und Artigkeit gewissenhaft
wieder gut zu machen? Warum sieht er immer so aus, als sage er fast
wortwörtlich: „Heute mache ich wieder ein paar Geschäftchen in meinem
Laden und, so Gott will, morgen auch und vielleicht auch noch
übermorgen, wenn Gott mir gnädig ist ... Nun und dann, dann aber ...
wenn man nur schneller ein Sümmchen in Sicherheit hätte, und“ ... und
weiter denkt er nicht; – _après moi le déluge_.{[25]} Warum hat er alle
Armen irgendwohin weggeschafft und warum beteuert er, es gäbe sie in
Frankreich überhaupt nicht? Warum begnügt er sich so stillschweigend mit
einer Regierungspresse und mit vorschriftsmäßiger Literatur? Warum will
er sich so furchtbar gern einreden, seine Zeitungen seien nicht
käuflich? Warum willigt er ein, so viel Geld für Spione auszugeben?
Warum wagt er gegen die Mexikanische Expedition auch nicht mit einer
Silbe zu mucksen? Warum werden auf den Bühnen seiner Theater die
Ehemänner immer als so edle und mit Geld und Gütern wohlversehene Herren
dargestellt, die Liebhaber dagegen immer als irgend solche armselige,
verlumpte Habenichtse ohne Stellung und ohne Protektion, als irgend
solche Kommis oder Künstler, jedenfalls als im höchsten Grade lumpige
Leutchen? Warum gaukelt er sich vor, daß die Epousen alle ohne Ausnahme
bis zum Äußersten ihren Gatten treu seien, daß sein Heim in Wohlbehagen
still gedeihe, der _pot-au-feu_{[26]} in tugendvollster Hitze brodele
und die Kopfzier seines eigenen Hauptes in einer so tadellosen
Verfassung sei, wie man sie sich besser gar nicht denken könnte? Gerade
bezüglich der Kopfzier ist seine Überzeugung von ganz besonderer
Festigkeit: so ist es nun einmal vereinbart, ohne alles Gerede, so hat
es sich von selbst eingeführt und festgesetzt; und wenn auch auf den
Boulevards jeden Augenblick geschlossene Mietskutschen mit
herabgezogenen Rollvorhängen vorüberfahren, wenn es auch überall
Zufluchtsstätten für alle möglichen interessanten Erfordernisse gibt und
wenn auch die Toiletten der Epousen nur allzuoft teurer sind, als nach
dem Beutel des Gemahls anzunehmen wäre, so bleibt es doch dabei, denn so
ist es nun einmal vereinbart und unterschrieben – also was wollen Sie
nun noch? Und warum ist es so vereinbart und unterschrieben? Ja aber:
wenn es das nicht wäre, dann könnte man ja womöglich denken, das Ideal
sei noch nicht erreicht, Paris sei noch nicht das vollendete irdische
Paradies, könnte denken, daß man schließlich doch noch was wünschen
dürfe, daß folglich der Bourgeois auch selber noch nicht ganz zufrieden
sei mit dieser Ordnung, für die er einsteht und die er allen aufbinden
will. Man könnte glauben, daß es in dieser Gesellschaft doch irgend
welche Sprünge und Risse gibt, die man ausbessern müßte. Sehen Sie,
deshalb schwärzt der Bourgeois die Risse in seinen Stiefeln mit Tinte,
damit man nur ja nicht, Gott behüte, etwas bemerke! Die Epousen aber
naschen derweil Süßigkeiten, sind behandschuht, daß die russischen Damen
im fernen Petersburg sie bis zur Hysterie beneiden, zeigen ihre Füßchen
und raffen auf den Boulevards überaus graziös die Röcke. Was will man
denn noch zum vollkommenen Glück? Eben deshalb sind auch Romantitel wie
z. B. „Die Frau, der Mann und der Liebhaber“ unter den gegenwärtigen
Verhältnissen bereits unmöglich, da es Liebhaber doch nicht mehr gibt,
gar nicht geben kann. Und selbst wenn es ihrer in Paris so viele geben
sollte wie Sand am Meer (und es gibt ihrer dort vielleicht sogar noch
mehr), so sind sie dennoch nicht vorhanden und können gar nicht
vorhanden sein, sintemal es ein für allemal so festgestellt und
unterschrieben ist und nun alles in Tugend glänzt. Das aber ist
unbedingt erforderlich, daß alles in Tugenden glänzt.
Betrachtet man abends im Palais-Royal das Bild, das sich dort im großen
Hof bis elf Uhr nachts dem Auge bietet, so ist man unfehlbar versucht,
eine Träne der Rührung zu vergießen. Um die Zeit ergehen sich nämlich
dortselbst unzählige Ehemänner mit ihren unzähligen Epousen am Arm in
der milden Abendluft, indes ihre reizenden, wohlerzogenen Kinderchen
ringsum spielen. Dazu plätschert das Springbrünnlein und das eintönige
Rauschen seines Wassers erinnert einen an etwas Ruhiges, Stilles,
Tagtägliches, Beständiges, Heidelbergisches. Und so plätschert ja nicht
nur ein einzelnes Springbrünnlein in Paris: der Springbrünnlein gibt es
dort viele und überall ist es dasselbe, so daß wahrlich das Herz sich
freuen kann.
Das Bedürfnis nach Tugend ist in Paris nicht zu löschen. Der Franzose
von heute ist ernst, solide und im Herzen oft sogar gerührt, so daß ich
eigentlich nicht verstehe, warum ihm noch immer so furchtbar bange ist
vor irgend etwas, bange sogar trotz der ganzen _gloire militaire_,{[27]}
die in Frankreich ja so floriert und für die _Jacques Bonhomme_{[28]} so
teuer zahlt. Der Pariser liebt es unendlich, Geschäfte zu machen, doch
ich glaube, selbst wenn er seine Geschäftchen abwickelt oder Sie in
seinem Laden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr haut, tut er das
nicht einfach um des Gewinnes willen, wie es früher geschah, sondern aus
reiner Tugend, aus einem gewissen heiligsten Pflichtgefühl. Ein Vermögen
aufzuspeichern und möglichst viel Sachen zu besitzen, das ist zum
Hauptgesetz der Sittlichkeit, ja zum Katechismus des Parisers geworden.
Das war allerdings auch früher schon so, jetzt aber, jetzt hat das ein
gewisses, sozusagen heiliges Ansehen bekommen. Früher hatte außer dem
Gelde immerhin auch noch manches andere Geltung, so daß auch ein Mensch
ohne Geld, wenn er statt des Geldes andere Eigenschaften besaß, noch auf
eine gewisse Achtung rechnen konnte; jetzt aber ist das einfach
ausgeschlossen. Jetzt muß man sich zunächst Geld verschaffen und sich
obendrein möglichst viel Sachen anlegen, dann erst kann man auf eine
gewisse Achtung rechnen. Und nicht bloß Achtung von seiten anderer,
nein, auch Selbstachtung ist nur noch auf diesem Wege zu erlangen. Der
Pariser hält sich selbst nicht für einen Sou wert, wenn er fühlt, daß
seine Taschen leer sind, und das tut er nicht etwa unbewußt, nein,
bewußt tut er es, tut es auf Ehre und Gewissen, tut es aus größter
Überzeugung. Es werden Ihnen ganz erstaunliche Dinge erlaubt, wenn Sie
nur Geld haben. Ein armer Sokrates ist nur ein dummer und schädlicher
Phraseur und wird höchstens im Theater geachtet, dieweil nämlich der
Bourgeois im Theater die Tugend immer noch zu achten liebt.
Fürwahr, ein sonderbarer Mensch ist dieser Bourgeois: da erklärt er
unumwunden, daß Geldbesitz die höchste Tugend und Menschenpflicht sei,
und dabei liebt er es ungeheuer, sich zugleich als den edelsten der
Menschen aufzuspielen. Die Franzosen haben alle ein bewundernswert edles
Gehaben. Selbst das erbärmlichste Französchen, das für einen
Viertelrubel seinen leiblichen Vater an Sie zu verkaufen bereit ist und
Ihnen dann obendrein und sogar ungebeten noch irgend etwas auf den Kauf
gibt, hat gleichzeitig, ja buchstäblich in derselben Minute, in der er
seinen leiblichen Vater verkauft, eine so sichere, selbstverständliche
Haltung, daß Sie in Zweifeln befangen dastehen und sich bloß wundern
können. Sie treten in einen Laden, um irgend etwas zu kaufen, und selbst
der letzte Kommis erdrückt, jawohl, erdrückt Sie einfach mit seinem
unsagbaren Edelmut. Das sind dieselben Kommis, die unserem
Michailoff-Theater als Musterbeispiel des allerfeinsten Süperflü dienen.
Sie fühlen sich, kaum daß Sie in den Laden eingetreten sind, sofort
bedrückt, fühlen sich geradezu schuldig vor diesem Kommis. Sie haben den
Laden betreten, um, sagen wir, zehn Franken auszugeben, und man empfängt
Sie, als wären Sie Lord Devonshire in eigener Person. Sie empfinden aus
einem unbestimmten Grunde sogleich die schrecklichsten Gewissensbisse,
Sie möchten so schnell wie möglich den Irrtum aufheben, möchten
versichern, daß Sie keineswegs Lord Devonshire, sondern nur so ... eben
nur ein bescheidener Reisender sind, und daß Sie hier bloß für zehn
Franken zu kaufen beabsichtigen. Doch der junge Mann von glücklichstem
Äußeren und unaussprechlichstem Edelmut in der Seele, bei dessen Anblick
Sie sich selbst womöglich für einen Schurken zu halten geneigt sind
(dermaßen edel sieht er aus!), beginnt bereits Ware für Zehntausende von
Franken vor Ihnen auszubreiten. In einem Augenblick hat er für Sie schon
den ganzen Ladentisch mit Bergen von Sachen bedeckt, und da bedenke man
bloß, wieviel er, der Arme, nachher wieder einwickeln, einpacken,
wegräumen muß, er, dieser Grandison, Alcibiades, Montmorency, und das
noch um wessentwillen? Um Ihretwillen, der Sie die Frechheit gehabt
haben – Sie mit Ihrem keineswegs beneidenswerten Äußeren, Sie mit allen
Ihren Untugenden und Mängeln und Ihren ekelhaften zehn Franken –, einen
solchen Marquis zu belästigen! Wenn man alles das bedenkt, beginnt man
ganz unwillkürlich und auf der Stelle sich selbst zu verachten. Sie
bereuen und verwünschen das Schicksal, welches es so fügt, daß in Ihrer
Tasche sich gerade nur hundert Franken befinden, und Sie werfen eiligst
die hundert hin, indes Ihr Blick um Verzeihung bittet. Doch großmütig
wird Ihnen das für Ihre lumpigen hundert Franken Gekaufte eingewickelt,
man verzeiht Ihnen auch die ganze Mühe und Ruhestörung, die Sie
verursacht haben, und Sie beeilen sich, so schnell wie möglich sich aus
dem Laden hinaus zu drücken. In Ihrem Hotelzimmer wundern Sie sich dann
nicht wenig über die Tatsache, daß Sie, der Sie doch nur zehn Franken
hatten ausgeben wollen, dabei hundert Franken losgeworden sind. Wie oft
habe ich auf den Boulevards oder in der Rue Vivienne, wo sich so viele
Läden mit Modegegenständen befinden, bei mir gedacht: wenn man unsere
russischen Damen hierher führte und ... Doch von den Folgen werden Ihnen
am besten die Bevollmächtigten und Dorfältesten der Güter in den
Gouvernements von Orloff, Tamboff usw. berichten können. Russen haben
überhaupt die Sucht, bei Einkäufen in Läden so zu tun, als hätten sie
unermeßlich viel Geld. Dafür aber gibt es auch eine Unverschämtheit in
der Welt, wie z. B. bei den Engländerinnen, die sich dadurch, daß ein
solcher Adonis oder Wilhelm Tell den ganzen Ladentisch für sie allein
mit Haufen von Sachen bedeckt und in allen Fächern das Unterste zu
oberst gekehrt hat, nicht nur nicht verwirren lassen, sondern noch – es
ist nicht zu glauben! – noch wegen irgend welcher zehn Franken zu
handeln anfangen. Aber der Wilhelm Tell ist kein Stümper in seinem Fach:
er versteht es schon, sich zu rächen und für einen Schal im Werte von
tausendfünfhundert Franken der Mylady zwölftausend abzuknöpfen, und dies
noch auf eine Weise, daß sie mit ihrem Einkauf vollkommen zufrieden
bleibt. Doch davon abgesehen, liebt der Bourgeois bis zur Leidenschaft
unaussprechlichen Edelmut. Auf der Bühne zeige ihm unbedingt nur
Uneigennützigkeit. Gustave, der Held, muß nur so strahlen vor lauter
edlen Eigenschaften und der Bourgeois weint vor Rührung. Ohne
unaussprechlichen Edelmut kann er nun einmal nicht ruhig schlafen. Daß
er aber zwölftausend statt tausendfünfhundert Franken genommen hat, das
war ja einfach seine Pflicht: er hat sie doch nur aus Tugend genommen.
Stehlen ist schändlich, ist gemein, – dafür kommt man auf die Galeeren;
der Bourgeois ist bereit, vieles zu verzeihen, doch nie und nimmer
Diebstahl, und sollten Sie auch mitsamt Ihren Kindern Hungers sterben.
Doch wenn Sie aus besagtem Pflichtgefühl, also aus Tugendhaftigkeit
stehlen, oh, dann wird Ihnen alles und ohne weiteres verziehen. Dann
wollen Sie eben _faire fortune_{[29]} und sich viele Sachen anschaffen,
also die Natur- und Menschheitspflicht erfüllen. Deshalb sind denn auch
in seinem Kodex ganz genau die Punkte angegeben, die Diebstahl aus
niedrigen Gründen, also etwa um ein Stück Brot, von Diebstahl aus hoher
Tugendhaftigkeit unterscheiden. Letzterer wird sogar sehr gefördert, ist
im höchsten Maße sicher gestellt und ungemein zweckmäßig organisiert.
Warum also, frage ich – ich komme immer wieder darauf zurück – warum ist
denn dem Bourgeois bei alledem auch heute noch so bänglich zumute, ganz
als säße er nicht auf seinem eigenen Stuhl? Weswegen fühlt er sich denn
noch beunruhigt? Wegen der Parleure und Phraseure etwa? Aber die kann er
doch jetzt mit einem einzigen Fußtritt zum Teufel jagen. Oder ist er es
wegen der Beweise der reinen Vernunft? Aber die Vernunft hat sich doch
vor der Wirklichkeit als bankrott erwiesen und überdies fangen ja die
Vernünftler, die Gelehrten, jetzt selber an zu erklären, es gäbe
überhaupt keine Beweise der reinen Vernunft, die reine Vernunft sei in
der Welt überhaupt nicht vorhanden, die abstrakte Logik sei auf die
Menschheit nicht anwendbar, es gebe eine Vernunft von Iwan, von Peter,
von _Gustave_, doch eine reine Vernunft habe es noch nie gegeben; das
sei nur eine unbegründete Erdichtung des achtzehnten Jahrhunderts. – Wen
also hat er zu fürchten? Die Arbeiter? Aber die Arbeiter sind doch alle
in der Seele gleichfalls Besitzer: ihr ganzes Ideal besteht doch nur
darin, Besitzer zu sein und sich möglichst viel Sachen anzuschaffen; so
ist nun einmal ihre Natur. Die Natur wird keinem umsonst gegeben. Alles
das ist von Jahrhunderten groß gezogen, von Jahrhunderten gezüchtet.
Nationalität läßt sich nicht mit Leichtigkeit umwandeln, es ist nicht
leicht, von Gewohnheiten abzulassen, die schon Jahrhunderte alt und in
Fleisch und Blut übergegangen sind. Oder fürchtet er die
Landbevölkerung? Aber die französischen Landleute sind ja der Erztypus
der Besitzer, sind die stumpfesten Besitzer, also das beste, das
vollkommenste Ideal des Besitzers, das man sich nur vorstellen kann.
Oder fürchtet er die Kommunisten? Oder schließlich die Sozialisten? Aber
diese Leutchen haben ja ihre Sache seinerzeit gewaltig verspielt und im
Grunde seiner Seele verachtet der Bourgeois sie tief, – verachtet sie
und dabei fürchtet er sie doch. Ja, eben diese Leute fürchtet er. Und
doch sollte man meinen: warum denn, weshalb? Hat denn der Abbé Sieyès in
seinem berühmten Pamphlet nicht prophezeit, daß der Bourgeois _alles_
sein werde? „Was ist der _tiers état_? Nichts. Was müßte er sein?
Alles.“ Nun, es ist so gekommen, wie er gesagt hat. Von allen Worten,
die damals gesagt worden sind, sind nur diese in Erfüllung gegangen; nur
sie allein sind geblieben. Der Bourgeois aber scheint es immer noch
nicht so recht glauben zu wollen, ungeachtet dessen, daß alles andere,
was nach diesen Worten des Abbé gesagt worden ist, vergangen und
verschwunden ist wie eine geplatzte Seifenblase. In der Tat: bald nach
ihm verkündete man ja: _liberté, égalité, fraternité_.{[30]} Wunderbar.
Aber was bedeutet nun eigentlich _liberté_? – Freiheit. Was für eine
Freiheit? – Die gleiche Freiheit aller, alles zu tun, was man will,
sofern das Wollen innerhalb der Grenzen der Gesetze bleibt. Wann aber
kann man alles tun, was man will? – Wenn man eine Million hat. Gibt die
Freiheit jedem Menschen diese Million? – – Nein. Was ist ein Mensch ohne
eine Million? – Ein Mensch ohne eine Million ist nicht jemand, der alles
macht, was er will, sondern jemand, mit dem man macht, was man will. Was
folgt daraus? – Daraus folgt, daß es außer der Freiheit noch Gleichheit
gibt und zwar Gleichheit vor dem Gesetz. Von dieser Gleichheit vor dem
Gesetz läßt sich freilich nur das eine sagen, nämlich: daß in der Form,
wie sie jetzt angewandt wird, jeder Franzose sie nur für eine
persönliche Beleidigung halten kann und muß. Was verbleibt nun noch von
der Formel? – Brüderlichkeit. Nun, dieses Kapitel ist das
Allerkurioseste; und man muß schon zugeben, daß es im Westen noch bis
zum heutigen Tage der größte Stein des Anstoßes ist. Der Westeuropäer
redet von Brüderlichkeit wie von einer großen, die Menschheit bewegenden
Kraft und verfällt überhaupt nicht darauf, daß Brüderlichkeit sich von
nirgendwoher nehmen läßt, wenn sie nicht als Wirklichkeit einfach
vorhanden ist. Also was tun? – Ja, da muß man Brüderlichkeit eben
irgendwie machen, herstellen, denn zur Stelle schaffen muß man sie
unbedingt. Aber da zeigt es sich, daß Brüderlichkeit überhaupt nicht zu
machen ist, weil sie sich nämlich von selbst macht, weil sie gegeben
sein, in der Natur liegen muß. In der französischen Natur aber, ja, in
der westeuropäischen überhaupt, hat sich das Vorhandensein der
Brüderlichkeit nicht gezeigt, sondern statt ihrer das Vorhandensein des
Prinzips der Einzelperson, der Persönlichkeit, der verstärkten
Selbsterhaltung, Selbstbehauptung, des Selbstbetriebs, der
Selbstbestimmung innerhalb des eigenen _Ich_, das Prinzip, dieses _Ich_
der ganzen Natur und allen übrigen Menschen entgegenzustellen als ein
befugtes Element für sich, das der Gesamtheit alles anderen, das außer
ihm in der Welt vorhanden ist, als vollkommen gleichberechtigt und
gleichwertig gegenübersteht. Nun, und aus einer solchen
Selbsteinschätzung hat Brüderlichkeit eben nicht hervorgehen können.
Warum nicht? – Weil in der Brüderlichkeit, in der wirklichen
Brüderlichkeit nicht der einzelne Mensch, nicht das _Ich_ für das Recht
seiner Gleichwertigkeit und Gleichwichtigkeit gegenüber allem _Übrigen_
sorgen soll, sondern dieses _Übrige_ von _selbst_ zu der ihr Recht
fordernden Persönlichkeit, zu diesem einzelnen _Ich_ kommen und von
selbst, ohne von ihm darum gebeten zu sein, dieses einzelne Ich als
sich, d. h. allem übrigen auf der Welt Vorhandenen, gleichwertig und
gleichberechtigt anerkennen müßte. Und das ist noch nicht alles: dieser
selbe rebellische und fordernde Einzelmensch müßte als Erstes sein
ganzes Ich, sich selbst restlos der Gesamtheit opfern und nicht nur sein
Recht als einzelner Mensch nicht fordern, sondern, im Gegenteil,
dasselbe der Gesamtheit ohne Vorbehalt und ohne alle Bedingungen
hingeben. Aber die westeuropäische Persönlichkeit ist einen solchen Lauf
der Dinge nicht gewohnt: kämpfend stellt sie ihre Forderungen, verlangt
sie ihr Recht, will sie, daß _geteilt_ werde – nun, und so ist es denn
nichts mit der Brüderlichkeit. Allerdings: man kann sich ja umwandeln!
Aber eine solche Umwandlung vollzieht sich erst in Jahrtausenden, denn
Ideen von dieser Art müssen erst in Fleisch und Blut übergehen, um
Wirklichkeit werden zu können.
„Ja, wie,“ fragen Sie mich, „muß man denn unpersönlich sein, um
glücklich zu sein? Liegt denn in der Unpersönlichkeit das Heil?“
Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, antworte ich, man muß nicht nur nicht
unpersönlich sein, sondern muß gerade erst zu einer _Persönlichkeit
werden_, und das sogar in einem weit höheren Grade als es jener Grad
ist, der sich in Westeuropa jetzt festgesetzt hat. Verstehen Sie mich
richtig: ein freiwilliges, vollkommen bewußtes, durch niemand und nichts
erzwungenes Opfer seiner selbst zugunsten aller ist meiner Ansicht nach
das Anzeichen der höchsten Entwicklung der Persönlichkeit, ihrer
höchsten Macht, ihrer größten Selbstbeherrschung, ist das Anzeichen der
größten Freiheit des persönlichen Willens. Freiwillig sein Leben für
alle hingeben, für alle den Kreuzestod sterben oder den Scheiterhaufen
besteigen, das kann man nur bei der stärksten Entwicklung der eigenen
Persönlichkeit.
Eine stark entwickelte Persönlichkeit, die von ihrem Recht,
Persönlichkeit zu sein, vollkommen überzeugt ist, die für sich selbst
nichts mehr zu fürchten braucht, kann ja aus dieser ihrer Persönlichkeit
auch nichts anderes mehr machen, d. h. kann sie ja zu nichts anderem
verwerten, als sie restlos allen hingeben, auf daß auch alle anderen
ebensolche selbstberechtigte und glückliche Persönlichkeiten werden. Das
ist ein Naturgesetz; und naturgemäß zieht es den Menschen zu dem hin.
Aber hierbei gibt es ein Härchen, ein allerfeinstes Härchen, das, so
fein es auch ist, doch alles zerstört und über den Haufen wirft, sobald
es in die Maschine gerät. Nämlich: wehe, wenn der Mensch bei der
Gelegenheit auch nur die geringste Berechnung zugunsten des eigenen
Vorteils anstellt! Zum Beispiel: ich bringe mich selbst dar und opfere
mich restlos für alle; nun und eben da ist es nötig, daß ich mich ganz
und gar und unwiderruflich opfere, ohne einen Gedanken an meinen
Vorteil, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, daß ich mich
nun zwar restlos der Gesellschaft opfere, dafür aber die Gesellschaft
selbst mich restlos mir wiedergeben werde. Man muß sich _so_ opfern, daß
man alles hingibt und sogar wünscht, daß einem dafür nichts
wiedergegeben werde, – damit niemand durch dich auch nur irgendwelche
Unkosten habe.
Wie ist das nun zu machen? Das ist doch dasselbe, wie sich vornehmen,
nicht an einen weißen Bären zu denken. Versuchen Sie das einmal: stellen
Sie sich die Aufgabe, nicht an einen weißen Bären zu denken, und Sie
werden sehen, der Verwünschte wird Ihnen in einemfort einfallen. Also
wie soll man es machen? Ja, zu machen ist es überhaupt nicht, sondern es
ist nötig, _daß es sich von selbst so mache, daß es in der Natur sei_,
daß es unbewußt in der Natur der ganzen Rasse liege, mit einem Wort:
damit es Brüderlichkeit gäbe, das Liebesprinzip, muß man – lieben. Es
muß einen instinktiv zur Brüderlichkeit hinziehen, zu Gemeinsamkeit und
Eintracht, und es muß einen hinziehen, trotz aller vielhundertjährigen
Leiden des Volkes, trotz barbarischer Rohheit und Unwissenheit, die sich
in der Nation verwurzelt haben, trotz jahrhundertelanger Knechtschaft,
trotz aller Einbrüche fremder Völkerschaften ins Land und der
Fremdherrschaft, kurz, das Bedürfnis nach brüderlicher Gemeinschaft muß
in der Natur des Menschen liegen, er muß damit geboren werden oder ein
solches Bedürfnis schon seit uralten Zeiten sich angeeignet haben. Worin
bestünde nun diese Brüderlichkeit, wenn man sie vernunftgemäß, bewußt
ausdrücken wollte? – Sie bestünde darin, daß jede einzelne
Persönlichkeit von selbst, ohne jeden Zwang, ohne einen Vorteil für sich
im Auge zu haben, zu der Gesellschaft der Menschen sagte: „Wir sind nur
dann stark, wenn wir alle zusammenhalten, so nehmt mich denn ganz, wenn
ihr meiner bedürft, denkt nicht an mich, wenn ihr eure Gesetze verfaßt,
sorgt euch nicht um mich, ich gebe alle meine Rechte Euch und bitte
Euch, verfügt über mich. Das ist mein höchstes Glück, Euch alles zu
opfern, und so zu opfern, daß Euch dadurch keine Unkosten erwachsen. Ich
vernichte mein Ich und will nicht mehr zu unterscheiden sein, damit nur
Eure Brüderlichkeit gedeihe und verbleibe“ ... Die Brüderlichkeit aber
müßte hierauf sagen: „Du gibst uns zu viel. Wir haben kein Recht, von
dir das nicht anzunehmen, was du uns gibst, denn du sagst doch, daß
dieses Gebenkönnen dein ganzes Glück sei; aber was sollen wir tun, wenn
unser Herz unaufhörlich auch um dein Glück schmerzt. So nimm denn auch
von uns alles. Wir werden uns unaufhörlich und aus allen Kräften
bemühen, es so zu machen, daß du soviel wie nur möglich persönliche
Freiheit habest, soviel wie nur möglich Selbstbestimmungsrecht. Fürchte
dich jetzt nicht mehr vor Feinden, weder vor Menschen noch vor der
Natur. Wir stehen alle für dich, wir alle sichern dich vor Gefahr, wir
werden uns unermüdlich für dich mühen, weil wir Brüder sind; wir sind
doch alle deine Brüder, und unserer sind viele und wir sind stark, also
sei ganz unbesorgt und guten Muts, fürchte nichts mehr und verlaß dich
auf uns.“
Nach solchen Worten wäre freilich nichts mehr zu teilen, es würde sich
alles von selbst verteilen. Liebet einander und alles dieses wird Euch
zuteil.
Aber was ist das doch für eine Utopie, meine Herrschaften! Alles beruht
auf dem Gefühl, auf der Natur und nicht auf der Vernunft. Das ist doch
sogar fast wie eine Erniedrigung für die Vernunft. Also was meinen Sie?
Ist das nun eine Utopie oder nicht?
Aber wiederum: was soll denn der Sozialist anfangen, wenn im
westeuropäischen Menschen die Grundlage, das Prinzip der Brüderlichkeit,
nun einmal nicht liegt, sondern statt dessen, im Gegenteil, das Prinzip
der Einzelheit, der Persönlichkeit, die sich unausgesetzt absondert, die
mit dem Schwert in der Hand ihre Rechte fordert? Der Sozialist, der nur
sieht, daß Brüderlichkeit nicht vorhanden ist, beginnt also zur
Brüderlichkeit zuzureden. Da die Brüderlichkeit ihnen nicht von Natur
gegeben ist, will er sie künstlich herstellen. Doch um ein Hasenragout
machen zu können, muß man zuvor einen Hasen haben. Den Hasen aber gibt
es dort nicht, d. h. man hat nun einmal nicht die Natur, die der
Brüderlichkeit fähig ist, eine Natur, die an Brüderlichkeit glaubt, die
es von selbst nach Brüderlichkeit verlangt! In der Verzweiflung beginnt
der Sozialist die zukünftige Brüderlichkeit zu konstruieren, zu
definieren, nach Gewicht und Maß zu berechnen, mit Vorteilen zu locken;
er erklärt, er lehrt, er erzählt, wieviel Vorteile den Menschen durch
diese Brüderlichkeit erwüchsen und was ein jeder durch sie alles
gewönne; er setzt auch fest, was jeder einzelne vorzustellen, was er zu
tragen habe, und bestimmt auch im voraus die Zuteilung der irdischen
Güter: wieviel einem jeden davon zukomme, d. h. wieviel jeder davon
verdiene und wieviel ein jeder dafür freiwillig auf Kosten seiner
Persönlichkeit der Genossenschaft abzutreten habe. Was aber ist denn das
noch für eine Brüderlichkeit, wenn schon im voraus geteilt und
festgesetzt wird, wieviel ein jeder zu bekommen verdient und was ein
jeder tun muß? Übrigens – es ward ja die Formel verkündet: „Einer für
Alle und Alle für Einen.“ Etwas Besseres als dieses hätte man sich
allerdings nicht ausdenken können, um so weniger, als diese ganze Formel
unverändert einem Buch entnommen ist, das alle kennen. Doch siehe, man
begann diese Formel praktisch anzuwenden und da geschah es, daß schon
nach sechs Monaten der Begründer dieser Brüderlichkeit, Cabet, vors
Gericht gezogen wurde. Die Fourieristen haben, wie man hört, schon die
letzten neunhunderttausend Franken ihres Kapitals abgehoben und
versuchen immer noch, die Brüderlichkeit irgendwie zu verwirklichen. Es
kommt aber nichts dabei heraus. Natürlich hat es etwas sehr
Verlockendes, wenn auch nicht auf brüderlicher, so doch auf rein
vernunftgemäßer Grundlage zu leben, d. h. es ist schön und gut, wenn
alle dich sicherstellen und von dir nur Arbeit und Übereinstimmung
verlangen. Aber hier stellt sich nun wieder ein Rätsel ein: man sollte
meinen, der Mensch werde doch vollkommen sichergestellt, man verspricht
ihm Essen und Trinken, verspricht ihm Arbeit, und dafür verlangt man von
ihm nur ein winziges Körnchen seiner persönlichen Freiheit zum Wohle der
Allgemeinheit, nur ein ganz, ganz kleines Körnchen. Doch nein, das paßt
dem Menschen nicht, selbst dieses winzige Körnchen abzutreten fällt ihm
schon zu schwer. Infolge seiner Dummheit scheint es ihm immer, daß ein
solches Leben ja so gut wie ein Gefängnisleben sei und allein für sich
sei es besser, denn – da bliebe ihm der ganze freie Wille. Und wenn er
in dieser seiner Freiheit auch geschunden wird, keine Arbeit erhält,
dabei Hungers stirbt und seinen freien Willen überhaupt nicht
hervorholen kann, – es scheint dem wunderlichen Kauz dennoch, daß es mit
eigenem Willen besser sei. Natürlich bleibt dem Sozialisten somit nichts
anderes übrig, als auszuspeien und ihm zu sagen, daß er ein Dummkopf,
geistig zurückgeblieben und minderwertig sei, und nicht einmal seinen
eigenen Vorteil zu begreifen verstehe; daß selbst irgend so eine
armselige Ameise, die nicht einmal der Gabe des Wortes teilhaftig
geworden ist, klüger sei als er, denn in ihrem Ameisenhaufen sei alles
so gut eingerichtet, alles so genau vorliniiert, alle Ameisen seien satt
und glücklich, jeder Ameiserich kenne seine Aufgabe, kurz: der Mensch
habe es noch lange nicht so weit gebracht, wie die Ameisen.
Mit anderen Worten: der Sozialismus mag ja irgendwo verwirklicht werden
können, aber nur nicht in Frankreich.
Und da, in der letzten Verzweiflung, erklärt denn der Sozialist
schließlich: _liberté, égalité, fraternité _ou la mort__.{[31]} Nun,
hierzu ist schon nichts mehr zu sagen und der Bourgeois triumphiert
endgültig.
Aber wenn der Bourgeois triumphiert, so muß doch folgerichtigerweise die
Formel des Abbé Sieyès buchstäblich und bis zum letzten Tüpfelchen wahr
geworden sein. Der Bourgeois ist nun tatsächlich alles, also warum ist
er dabei so unsicher, warum duckt er sich, was fürchtet er denn noch?
Alle haben sich vor ihm aus dem Staube gemacht, sind zurückgewichen,
alle haben sie vor ihm nicht zu bestehen vermocht. Früher, unter Louis
Philippe zum Beispiel, war der Bourgeois durchaus nicht so unsicher und
ängstlich, und doch herrschte er auch damals schon. Ja, damals kämpfte
er noch, damals witterte er, daß man ihm feind war, und auf den
Junibarrikaden rechnete er mit seinen Feinden zum letztenmal mit Gewehr
und Bajonett ab. Aber der Kampf nahm ein Ende und da sah der Bourgeois
plötzlich, daß er allein auf der Erde war, daß es etwas Besseres als ihn
überhaupt nicht gab, daß er das Ideal war, und daß ihm jetzt nicht mehr
wie früher oblag, der ganzen Welt zu versichern, er sei das Ideal,
sondern einfach und ruhig und in großartiger Haltung vor der ganzen Welt
als Fleischwerdung der letzten Schönheit und aller menschlichen
Vollkommenheiten zu posieren. Immerhin: eine etwas verwirrende Lage. Aus
der befreite ihn Napoleon der Dritte. Der fiel ihnen wie ein Geschenk
des Himmels in den Schoß, als der einzige Ausweg aus der Schwierigkeit,
als einzige Möglichkeit. Seit eben der Zeit führt der Bourgeois ein
glücklich-wohlgeruhsames Leben, zahlt für seine Wohlfahrt
ungeheuerliches Geld und fürchtet dabei alles, eben deshalb, weil er
alles erreicht hat. Wenn man alles erreicht hat, wird es schwer, _alles_
zu verlieren. Daraus folgt schnurstracks, meine Freunde, daß, wer sich
am meisten fürchtet, derjenige ist, dem es am besten geht. Lachen Sie
bitte nicht. Ja, was ist denn der Bourgeois jetzt?
Siebentes Kapitel.
Fortsetzung des Vorhergehenden.
Und warum gibt es _unter den Bourgeois so viele Lakaien_, und das noch
dazu bei so edlem Äußeren? Bitte, kommen Sie mir jetzt nicht mit
Vorwürfen, wie etwa, daß ich übertriebe, verleumdete, daß ich aus Haß so
spräche. Wozu sollte ich das? Zu welchem Zweck? Haß auf wen? Es gibt
ganz einfach viele Lakaien unter ihnen und das ist nun einmal so. Das
Lakaientum frißt sich in die Natur des Bourgeois immer mehr hinein und
wird immer mehr für eine Tugend gehalten. So muß es ja auch geschehen
bei der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Es ist nur eine natürliche
Folge. Doch die Hauptsache, die Hauptsache ist – daß die Natur selbst
dazu hilft. Ich rede noch nicht einmal davon, daß dem Bourgeois zum
Beispiel das Spionieren zu einem guten Teil schon angeboren ist. Meine
Meinung ist nun einmal die, daß die außergewöhnliche Verbreitung der
Spionage in Frankreich – und zwar nicht nur einer gewöhnlichen, sondern
einer meisterhaften, aus Neigung betriebenen, förmlich zur Kunst
entwickelten Spionage, die ihre besonderen wissenschaftlichen Methoden
hat – eine Folge dieser angeborenen Lakaienhaftigkeit ist. Welch ein
ideal edler _Gustave_ wird nicht – so lange er noch nicht viel Geld
besitzt – ohne zu zögern für zehntausend Franken die Briefe seiner
Geliebten ausliefern und damit die Frau an ihren Mann verraten?
Vielleicht übertreibe ich hier zum Teil, aber vielleicht urteile ich
doch auf Grund gewisser Tatsachen. Der Franzose liebt es ungeheuer, sich
vor den Augen der Obrigkeit irgendwie auszuzeichnen, vor ihr irgendwie
zu dienern, ihr womöglich ganz uneigennützig einen Dienst zu erweisen,
sogar ohne dafür eine sofortige Belohnung zu erwarten, also auf Pump,
auf Kredit. Erinnern Sie sich all dieser Bewerber um eine Anstellung, z.
B. bei jedem neuen Regierungswechsel, der in Frankreich so oft
stattgefunden hat. Erinnern Sie sich, was für Stückchen sie sich dabei
leisteten und was sie nachher selbst eingestanden. Erinnern Sie sich
eines der Gedichte Barbiers über dieses Thema. Einmal nahm ich in einem
Café eine Zeitung in die Hand, eine Nummer vom dritten Juli. Mein Blick
fiel auf eine Überschrift: „Briefe aus Vichy.“ In Vichy hielt sich
damals gerade der Kaiser auf, nun und natürlich auch der ganze Hof: da
gab es Spazierritte, Vergnügungen usw. Der Berichterstatter schildert
alles getreulich und beginnt wie folgt:
„Man sieht jetzt viele vorzügliche Reiter in Vichy. Aber
selbstverständlich erkennt man sofort den glänzendsten unter ihnen
allen. Seine Majestät reitet jeden Tag in Begleitung seiner Suite usw.
usw.“
Nun gut, mag er sich doch für die glänzenden Eigenschaften seines
Kaisers begeistern. Man kann seinen Verstand, seine Berechnung und noch
andere Vorzüge bewundern, und dem, der das tut, kann man nicht ins
Gesicht sagen, daß er sich verstelle. „Es ist meine Überzeugung und
damit basta!“ würde er Ihnen auf etwaige Vorhaltungen antworten, also
auf ein Haar so, wie neuerdings einige unserer zeitgenössischen
Journalisten zu antworten pflegen. Sie verstehen: er ist sichergestellt,
er hat eine Antwort bereit, mit der er Ihnen den Mund stopfen kann.
Freiheit des Gewissens und der Überzeugungen ist die erste und
wichtigste Freiheit der Welt. Doch hier in diesem Fall, was könnte
dieser Journalist wohl antworten? Hier läßt er doch schon die Gesetze
der Wirklichkeit außer acht, tritt sogar jede Wahrscheinlichkeit mit
Füßen und tut das noch dazu mit Absicht. Warum aber, fragt man sich,
warum sollte das jemand absichtlich tun? Es wird ihm ja doch niemand
glauben. Der Reiter selbst wird diese „Briefe aus Vichy“ ja ganz
bestimmt nicht lesen, und selbst wenn er sie lesen sollte, so – ja, ist
denn jenes Französchen, das diese „Briefe aus Vichy“ geschrieben hat,
die Zeitung, für die sie bestimmt waren, die Redaktion der Zeitung –
sind sie denn wirklich so dumm, daß sie nicht begreifen, wie wenig der
Kaiser dieses Ruhmes bedarf, der beste Reiter in Frankreich zu sein, er,
der in seinem Alter sicherlich nicht mehr auf diesen Ruhm Anspruch
macht: man sagt doch, er sei ein überaus kluger Mann. Nein, hier ist es
eine ganz andere Berechnung, und zwar: mag es auch unwahrscheinlich und
womöglich lächerlich sein, mag der Herrscher selbst mit Widerwillen und
Verachtung das lesen, mag er’s, mag er’s, aber dafür wird er blinde
Ergebenheit, grenzenlose Verehrung sehen, und wenn es auch sklavische,
dumme, unwahrscheinliche Verehrung ist, so ist es doch ein
Verehrungsbeweis, und das ist die Hauptsache. Urteilen Sie jetzt selbst,
meine Freunde: wenn so etwas nicht im Geiste der Nation läge, wenn eine
so fade Schmeichelei nicht für durchaus möglich, üblich, vollkommen in
Ordnung und sogar für anständig gälte – wäre es dann möglich, daß in
einer Pariser Zeitung solche Berichte erschienen? Wo, in welch einer
Presse finden Sie einen ähnlichen Schmeichlergeist, außer in Frankreich?
Ich spreche ja auch nur deshalb von dem Geist der Nation als solchem,
weil nicht nur eine Zeitung so schreibt, sondern fast alle, ausgenommen
zwei oder drei Blätter, die einzigen, die nicht vollkommen abhängig
sind.
Einmal saß ich an einer _table d’hôte_{[32]} – doch das war nicht mehr
in Frankreich, sondern in Italien, aber an der _table d’hôte_ saßen
viele Franzosen. Man sprach von Garibaldi. Damals sprach man überall von
Garibaldi. Es war ungefähr zwei Wochen vor Aspromonte. Die Unterhaltung
hatte natürlich etwas Geheimnisvolles: manche schwiegen und wollten sich
überhaupt nicht äußern; andere schüttelten den Kopf. Der allgemeine Sinn
der Äußerungen war der, daß Garibaldi ein sehr gewagtes, ja sogar ein
unkluges Unternehmen angefangen habe; doch selbstredend wurde diese
Meinung nicht deutlich ausgesprochen, denn Garibaldi reicht als Mensch
doch so weit über das Maß aller anderen hinaus, daß bei ihm vielleicht
selbst das sich als klug erweist, was nach gewöhnlichen Erwägungen gar
zu gewagt wäre. Allmählich ging das Gespräch mehr auf die Persönlichkeit
Garibaldis über. Man zählte seine besonderen Eigenschaften auf – das
Ergebnis war ein recht günstiges für den italienischen Helden.
„Nein, ich wundere mich nur über eines,“ sagte da laut ein Franzose von
angenehmem und eindrucksvollem Äußeren, ein Mann von einigen dreißig
Jahren, dessen Gesicht den Stempel jenes außergewöhnlichen Edelmuts
trug, der Ihnen an allen Franzosen bis zur Frechheit in die Augen
springt. „Nur ein Umstand setzt mich an ihm vornehmlich in Erstaunen!“
Natürlich wandten sich alle neugierig dem Redner zu.
Eine neue Eigenschaft, die an Garibaldi entdeckt worden war, mußte
selbstverständlich alle interessieren.
„Im Jahre 1860,“ begann der Franzose, „hatte Garibaldi in Neapel eine
Zeitlang unbeschränkte Vollmacht und stand überhaupt unter keiner
Kontrolle. Und gerade damals hatte er eine Summe von zwanzig Millionen
Staatsgeldern in Händen! Über dieses Geld brauchte er niemand
Rechenschaft zu geben! Er hätte davon so viel er wollte nehmen und
beiseite schaffen können, niemand hätte ihn danach gefragt! Er aber hat
nichts beiseite geschafft und hat der Regierung die ganze Summe bis auf
den letzten Sou abgeliefert. Das ist doch beinahe nicht zu glauben!!“
Seine Augen glänzten nur so, als er von den zwanzig Millionen sprach.
Von Garibaldi kann man freilich alles erzählen, was einem beliebt. Aber
den Namen Garibaldis auf eine Stufe stellen mit Taschendieben, die den
Staatssäckel erleichtern – das, freilich, das konnte einzig ein Franzose
fertigbringen.
Und wie naiv, wie offenherzig er das vorbrachte! Für Offenherzigkeit
wird natürlich alles verziehen, sogar die Einbuße der Fähigkeit, zu
verstehen, was Ehre ist, oder das Wesen der Ehre zu wittern. Doch als
ich in sein Gesicht sah, das bei dem Gedanken an die zwanzig Millionen
nur so gezuckt hatte, dachte ich ganz unwillkürlich:
„Was, Bruder, wenn statt Garibaldi du damals jenes Amt bekleidet und die
Staatsgelder in Händen gehabt hättest!“
Sie werden einwenden, alles das hätte noch nichts zu sagen, das sei ein
einzelner Fall und auch bei uns sei es genau so, und schließlich dürfe
ich doch nicht nach einem Franzosen über alle Franzosen urteilen. Sie
haben recht, aber ich rede ja gar nicht von ausnahmslos allen Franzosen.
Im übrigen gibt es überall unaussprechlichen Edelmut, und bei uns ist
vielleicht noch viel Schlimmeres geschehen. Aber warum denn das zur
Tugend erheben, ausgerechnet zur Tugend? Wissen Sie was? Man kann sogar
ein Lump sein und doch die Witterung für das, was Ehre ist, nicht
einbüßen; dort aber gibt es doch sehr viele ehrliche Menschen, nur haben
sie die Fähigkeit, Ehre zu wittern, vollkommen verloren und so begehen
sie ihre Gemeinheiten ohne zu ahnen, was sie „aus Tugend“ tun. Ersteres
ist natürlich lasterhafter, letzteres aber – da können Sie sagen, was
Sie wollen – ist verächtlicher. Ein solcher Tugendkatechismus stellt im
Leben einer Nation ein schlimmes Symptom dar. Nun, was aber die privaten
Fälle betrifft, so will ich mit Ihnen nicht streiten. Besteht doch die
ganze Nation nur aus privaten Fällen, nicht wahr!
Ja, ich denke sogar so: vielleicht habe ich mich darin geirrt, daß der
Bourgeois sich duckt, daß er immer noch irgend etwas fürchtet. Das
heißt, er duckt sich ja wirklich – das muß man schon sagen, da er es nun
einmal tut – und ebenso fürchtet er sich auch, aber wenn man die Summe
zieht, so lebt der Bourgeois doch vollkommen glücklich. Wenn er sich
dabei auch selbst betrügt, wenn er sich auch alle Augenblicke selbst
sagt, daß alles in Ordnung sei, aber einstweilen stört das sein äußeres
Selbstvertrauen doch nicht im geringsten. Und nicht bloß dieses: auch in
seinem Inneren ist er unglaublich selbstbewußt, wenn er sich in seine
Rolle eingespielt hat. Wie das alles in ihm zusammenleben kann, – das
ist allerdings ein Rätsel, aber es ist Tatsache, daß es so ist.
Überhaupt ist der Bourgeois sehr wenig dumm, aber sein Verstand ist so
eigentümlich kurz, er besteht gleichsam aus lauter Abschnitten. Er hat
einen riesigen Vorrat von fertigen Begriffen aufgestapelt, ganz wie
Holzscheite für den Winter, und er hat im Ernste die Absicht, mit diesen
Begriffen meinetwegen tausend Jahre lang zu leben. Übrigens nein, was
sage ich, tausend Jahre; auf tausend Jahre kommt der Bourgeois selten zu
sprechen – höchstens wenn er sich in der schönen Redekunst ergeht.
„_Après moi le déluge_“{[24]} ist viel gebräuchlicher und danach wird
auch viel häufiger gehandelt. Und was ist das doch für eine
Gleichgültigkeit gegen alles andere, was sind das für oberflächliche,
leere Interessen! Ich hatte in Paris Gelegenheit, die Gesellschaft in
einem Hause kennen zu lernen, wo sehr viele Menschen verkehrten. Es war
geradezu, als hätten sie sich alle gefürchtet, einmal von etwas nicht
Alltäglichem, von etwas nicht so kleinlich Oberflächlichem zu sprechen,
einmal auch von irgendwelchen allgemeinen Interessen, nun, etwa von
gleichviel welchen Gesellschaftsproblemen. Angst vor Spionen konnte es,
denke ich, nicht sein, was sie davon abhielt; sie hatten nur alle
einfach verlernt, an etwas Ernsteres zu denken und von Ernsterem zu
sprechen. Übrigens fanden sich unter ihnen überraschend viele, die sich
maßlos dafür interessierten, was für einen Eindruck Paris auf mich
gemacht hatte, inwieweit ich Ehrfurcht und Erstaunen empfand und von dem
Eindruck erschüttert, überwältigt, zerschmettert war. Der Franzose
glaubt ja noch heute, daß er moralisch bedrücken und zerschmettern
könne. Das ist gleichfalls ein spaßiges Merkmal. Besonders gut erinnere
ich mich noch eines äußerst netten, liebenswürdigen und gutmütigen alten
kleinen Herrn, den ich aufrichtig in mein Herz schloß. Er sah mir so
unablässig in die Augen, als er mich nach meiner Meinung über Paris
ausforschte, und war so sichtlich betrübt, als ich keine besondere
Begeisterung bekundete. Ja, in seinem gutmütigen Gesicht spiegelte sich
sogar echter Schmerz, – buchstäblich Schmerz, ich übertreibe wirklich
nicht. Oh, mein lieber _Monsieur Le M–re_! Aber es ist nun einmal so,
daß man einen Franzosen, d. h. einen Pariser (denn im Grunde sind doch
alle Franzosen Pariser) niemals davon überzeugen wird, daß er nicht der
erste Mensch auf dem ganzen Erdball ist. Übrigens: von dem ganzen
Erdball außer Paris weiß er nur äußerst wenig. Und will auch nicht
einmal viel davon wissen. Das ist schon eine nationale Eigenschaft und
sogar die charakteristischste. Aber die allercharakteristischste
Eigenschaft des Franzosen ist doch – seine Liebe zur schönen Redekunst.
Diese Liebe zur Redekunst brennt in ihm unerlöschlich und je älter er
wird, um so größer wird ihr Brand. Ich möchte doch ungeheuer gern
erfahren, wann diese Liebe zur schönen Redekunst in Frankreich
eigentlich begonnen hat. Oh, versteht sich: das Wesentliche begann mit
Ludwig XIV. Es ist doch merkwürdig, daß in Frankreich alles mit Ludwig
XIV. angefangen hat, tatsächlich. Aber noch merkwürdiger ist, daß auch
im ganzen übrigen Europa alles mit Ludwig XIV. angefangen hat. Wodurch
gerade dieser König das erreicht hat – begreife ich nicht! Er stand doch
gar nicht so sehr viel höher als alle die anderen früheren Könige. Es
sei denn dadurch, daß er als erster gesagt hat: _l’état – c’est
moi_.{[33]} Das hat allerdings ungeheuer gefallen, das hat damals ganz
Europa durchflogen. Ich glaube, nur durch eben dieses eine Wörtchen
wurde er denn auch berühmt. Sogar bei uns in Rußland ist es erstaunlich
schnell bekannt geworden. Ja, dieser Ludwig XIV. war wirklich ein
überaus nationaler Herrscher, war so ganz im französischen Geiste, daß
ich nicht begreife, wie in diesem Frankreich schließlich alle diese
kleinen Unarten geschehen konnten ... nun, so, die da zu Ende des
vorigen Jahrhunderts. Man war wohl nur ein Weilchen unartig und kehrte
dann zum früheren Geiste zurück; darauf läuft es hinaus; aber die
Redekunst, die schöne Redekunst, oh – die ist der Stein des Anstoßes für
den Pariser. Er ist bereit, vom Früheren alles zu vergessen, alles,
alles, ist bereit, die vernünftigsten Gespräche zu führen und der
artigste und fleißigste Knabe zu sein, nur die Redekunst, einzig die
schöne Redekunst, die kann er bis heute auf keine Weise vergessen. Er
grämt sich und seufzt und sehnt sich nach ihr; denkt an Thiers, Guizot,
Odilon Barrot. „Wie blühte doch damals die Redekunst!“ sagt er sich
mitunter wehmütig und beginnt nachzudenken. Napoleon III. begriff das,
entschied sofort, daß _Jacques Bonhomme_ nicht nachdenken dürfe, und
führte allmählich die Schönrednerei wieder ein. Zu dem Zweck werden nun
in der gesetzgebenden Körperschaft sechs liberale Abgeordnete
unterhalten, sechs beständige, unabänderliche, wirklich liberale
Abgeordnete, d. h. solche, die vielleicht auch nicht zu bestechen sind,
wenn man es mit dem Bestechen bei ihnen versuchen wollte, aber es sind
ihrer doch nur sechs, – sechs waren es, sechs sind es und sechs werden
es im ganzen bleiben. Weitere werden nicht hinzukommen, da seien Sie
unbesorgt, und auch weniger werden es nicht werden. Und das ist auf den
ersten Blick eine überaus verzwickte Einrichtung. Aber in Wirklichkeit
ist die Sache viel einfacher und wird mit Hilfe des _suffrage
universel_{[34]} bewerkstelligt. Natürlich sind entsprechende Maßnahmen
vorgesehen, damit sie im Reden nicht zu weit gehen. Aber zu schwätzen
ist erlaubt. Alljährlich werden also zur gebotenen Zeit die wichtigsten
Staatsfragen erörtert und der Pariser lebt in süßer Erregung. Er weiß,
daß es nun Redekunst geben wird, und Freude erfüllt ihn darob.
Selbstverständlich weiß er nicht minder gut, daß er nur schöne Redekunst
hören wird und nichts weiter, daß es Worte, Worte und Worte geben, aus
diesen Worten jedoch nicht das Geringste hervorgehen wird. Aber er ist
auch damit sehr, sehr zufrieden. Und er selbst ist der erste, der alles
das überaus vernünftig findet. Die Reden einzelner dieser sechs
liberalen Vertreter erfreuen sich einer besonderen Popularität. Und der
Vertreter ist immer gern bereit, zum Vergnügen des Publikums Reden zu
halten. Sonderbar ist nur eines: er weiß es doch selber ganz genau, daß
durch alle seine Reden entschieden nichts erfolgt, daß dieses ganze
Reden nur ein Zeitvertreib ist, ein Zeitvertreib und nichts weiter, ein
harmloses Spiel, eine Maskerade, und trotzdem redet er, redet jahrelang,
redet sogar wunderbar und redet mit großem Vergnügen. Und allen anderen
Mitgliedern, die ihn reden hören, fließt vor Vergnügen das Wasser im
Munde zusammen. „Schön spricht der Mann!“ – und selbst dem Präsidenten
und ganz Frankreich läuft das Wasser im Munde zusammen. Doch schließlich
hat der Vertreter seine Rede beendet und nun erhebt sich der Präsident
oder vielmehr der Erzieher dieser lieben, artigen Kinder. Er erklärt
feierlich, daß die Rede über das gestellte Thema, sagen wir, „Der
Sonnenaufgang“, von dem geehrten Herrn Volksvertreter vorzüglich
entwickelt und ausgearbeitet gewesen sei. „Wir bewunderten das Talent
des geehrten Herrn Redners,“ fährt er fort, „seine Gedanken und seine
tadellose Erziehung, die in diesen Gedanken ihren Ausdruck fand; es war
uns allen, allen ein Vergnügen, seinen Worten zu lauschen ... Jedoch –
zu meinem Leidwesen muß ich sagen, obgleich das verehrte Mitglied zur
Belohnung durchaus eine Prämie in Gestalt eines Buches mit der Inschrift
‚Für gute Aufführung und Fortschritte in den Wissenschaften‘ verdient
hat, ja, wie gesagt, ungeachtet dessen, meine Herren, ist die Rede des
verehrten Herrn Redners aus gewissen höheren Erwägungen zu nichts nütze.
Ich hoffe, meine Herren, daß Sie mir ohne weiteres zustimmen werden?“
Hier wendet er sich gewissermaßen an alle Anwesenden und sein Blick
beginnt vor Strenge zu blitzen. Die Herren Vertreter, denen während der
Rede das Wasser im Munde zusammenlief, klatschen dem Herrn Erzieher
sogleich mit unbändiger Begeisterung ihren Beifall zu, doch das hindert
sie nicht, gleich darauf dem liberalen Volksvertreter gerührt die Hände
zu drücken, für das genossene Vergnügen zu danken und dabei die Bitte
auszusprechen, ihnen dieses liberale Vergnügen mit Erlaubnis des Herrn
Erziehers das nächste Mal wieder zu bereiten. Wohlwollend erlaubt dies
der Herr Erzieher und der Verfasser der Rede über den „Sonnenaufgang“
entfernt sich, stolz auf seinen Erfolg. Die übrigen Vertreter entfernen
sich gleichfalls, kehren in den Schoß ihrer Familie zurück und lecken
sich noch die Lippen in der Erinnerung an das genossene Vergnügen, und
wenn der Abend kommt, gehen sie Arm in Arm mit ihren Epousen im Garten
des Palais-Royal spazieren und lauschen dem wohltuenden Geplätscher der
tugendsamen Springbrünnlein; ihr Herr Erzieher aber erklärt, nachdem er
an zuständiger Stelle Bericht erstattet hat, dem ganzen Frankreich, daß
alles in schönster Ordnung sei.
Manchmal übrigens, wenn man sich an wichtigere Dinge heranmacht, wird
das Spiel auch ein wenig wichtiger gestaltet. In eine der
Kammersitzungen führt man sogar den Prinzen Napoleon ein. Der Prinz
Napoleon beginnt plötzlich zum größten Schrecken aller dieser lernenden
Jünglinge Opposition zu machen. In der Kammer herrscht wie in einer
Klasse von lauter Musterschülern feierliche Stille. Prinz Napoleon
spielt den Liberalen, Prinz Napoleon ist mit der Regierung nicht
einverstanden, seiner Meinung nach müsse dies und jenes geschehen. Der
Prinz verurteilt die Regierung, – kurz, es wird dasselbe gesagt, was
(vermutlich) auch alle diese artigen Kinder sagen könnten, wenn ihr
Hofmeister nur auf einen Augenblick die Klasse verließe. Selbstredend
würde auch dann alles nur mit Maß geschehen; und eigentlich ist auch das
schon eine ganz unsinnige Vermutung, denn alle diese lieben Kinder sind
ja so lieb erzogen, daß sie, selbst wenn ihr Hofmeister sie eine ganze
Woche allein ließe, sich doch nicht einmal rühren würden. Und siehe,
nachdem der Prinz Napoleon zu Ende gesprochen hat, erhebt sich der Herr
Hofmeister und erklärt feierlichst, der Aufsatz über das Thema „Der
Sonnenaufgang“ sei von dem verehrten Herrn Redner vorzüglich entwickelt
und ausgearbeitet worden. „Wir bewunderten das Talent, die beredten
Gedanken und die Sittsamkeit des Allergnädigsten Prinzen ... Wir sind
bereit, ihm für Fleiß und Fortschritte in den Wissenschaften ein Buch zu
überreichen, aber ... usw., usw.,“ kurz alles, was schon gesagt wurde.
Selbstverständlich klatscht die ganze Klasse Beifall, und zwar mit einer
Begeisterung, die an Raserei grenzt, der Prinz wird nach Hause geleitet,
die sittsamen Schüler verlassen den Klassenraum, ganz wie es artigen
Musterkindern geziemt, und abends spazieren sie mit ihren Epousen im
Garten des Palais-Royal, lauschen dem wohltuenden Geplätscher der
Springbrünnlein usw., usw. usw., kurz, die Ordnung, die sie eingeführt
haben, ist fabelhaft.
Bei einem Besuch des Justizpalais versahen wir uns in der _Salle des pas
perdus_{[35]} und gelangten, statt in die Abteilung für Kriminalsachen,
in die der Zivilprozesse. Ein Rechtsanwalt mit lockigem Haar, in langer
Robe, das Barett auf dem Kopf, hielt eine Rede, in der er mit wahren
Perlen der Redekunst nur so um sich streute. Der Vorsitzende, die
Richter, die Zuhörer schwammen in Wonne und Entzücken. Andächtige Stille
herrschte im Raum: wir schlichen auf den Fußspitzen hinein. Es handelte
sich um eine Erbschaftsgeschichte, in die eine Ordensbruderschaft
verwickelt war. Ordensbrüder sind jetzt oft in Rechtsstreite verwickelt,
namentlich in solche, wo es sich um Erbschaften handelt. Die
skandalösesten, die schmutzigsten Begebenheiten werden aufgedeckt; doch
das Publikum schweigt und ist sehr wenig schockiert, da die Patres
gegenwärtig eine beträchtliche Macht haben und der Bourgeois ja so
ungemein folgsam ist. Die geistlichen Väter stellen sich immer mehr auf
den Boden der Ansicht, daß Geld doch das Beste sei, besser als alle
diese Schwärmereien und dergleichen, und daß man, wenn man erst Geld
beisammen hat, dann auch Macht haben kann, Redekunst dagegen sei doch
nur Redekunst! Mit der allein mache man’s jetzt nicht mehr. Aber darin
irren sie sich ein wenig, wie mir scheint. Freilich ist so ein
Kapitalchen eine lobesame Sache, aber auch mit der Redekunst kann man
beim Franzosen viel erreichen. Besonders die Epousen sind’s, die sich
dem Einfluß der Ordensväter ergeben, jetzt sogar noch mehr, als es
früher zu bemerken war. Und es steht zu hoffen, daß auch der Bourgeois
einlenken wird. In jenem Prozeß stellte sich nun heraus, wie die Väter
durch langjährige, schlaue, ja sogar wissenschaftliche Quälerei (sie
haben zu dem Zweck eine ganze Wissenschaft entwickelt) eine gute und
sehr reiche Dame veranlaßt hatten, ins Kloster überzusiedeln, wie diese
Dame dort von ihnen so lange geängstigt worden war, bis sie krank wurde,
wie man sie bis zur Hysterie mit allen Schrecknissen geschreckt hatte,
und alles das mit feiner Berechnung, in wissenschaftlich abgewogener
Steigerung. Und schließlich, als man das Opfer richtig krank und fast
idiotisch gemacht hatte, begann man ihr noch vorzuhalten, daß es vor
Gott dem Herrn doch eine große Sünde sei, an irdischen Verwandten zu
hängen und sich mit ihnen abzugeben, und so hatten die Väter schließlich
jedes Wiedersehen mit ihren Verwandten zu hintertreiben und diese von
ihr vollkommen fernzuhalten gewußt. „Selbst ihre Nichte, diese
jungfräuliche, kindliche Seele, dieser fünfzehnjährige Engel der
Reinheit und Keuschheit, – selbst dieser Engel durfte sich nicht mehr
unterfangen, die Zelle der vergötterten Tante zu betreten, dieser Tante,
die ihre Nichte über alles auf der Welt liebte und nun infolge jener
ränkevollen Hinterlist der Möglichkeit beraubt ward, _le front
virginal_{[36]} dieses Mädchens zu küssen, diese Stirn, auf der noch der
weiße Engel der Unschuld thront ...“ Kurz, alles war in dieser Art; es
war erstaunlich schön. Der redende Rechtsanwalt schmolz sichtlich selber
vor Freude darüber, daß er so schön zu reden verstand, desgleichen
schmolz der Vorsitzende, schmolz der Gerichtshof, schmolz das Publikum.
Die Ordensväter verloren die Schlacht einzig dank der Redekunst.
Natürlich werden sie deshalb den Kopf nicht hängen lassen ... Einmal
haben sie verloren, fünfzehnmal werden sie gewinnen.
„Wer ist dieser Rechtsanwalt?“ fragte ich einen jungen Studenten, der
dort unter den andächtigen Zuhörern mir am nächsten stand. Studenten gab
es da eine Menge und alle benahmen sie sich so artig. Der Student sah
mich verwundert an.
„Jules Favre!“ sagte er schließlich, sagte es aber mit so verachtendem
Mitleid, daß ich mich natürlich ganz verwirrt fühlte. So hatte ich denn
Gelegenheit gehabt, die Blüten der französischen Redekunst und ihren
Geist sozusagen aus der ersten Quelle kennen zu lernen.
Doch solcher Quellen gibt es eine Menge. Der Bourgeois ist bis in die
Fingerspitzen mit Redekunst durchtränkt. Einmal gingen wir ins Pantheon,
um die Ruhestätte der großen Männer Frankreichs zu sehen. Es war aber
nicht die vorschriftsmäßige Besuchszeit und man verlangte von uns zwei
Franken. Darauf nahm der vor Alter zitterige Invalide die Schlüssel und
führte uns in die Grabgewölbe. Unterwegs sprach er noch wie ein Mensch,
wenn auch aus Mangel an Zähnen ein wenig undeutlich. Doch kaum waren wir
unten beim ersten Sarge angelangt, da begann er auch schon zu singen.
„_Ci-gît Voltaire_,{[37]} – _Voltaire_, dieses große Genie des schönen
Frankreich – _de la belle France_!{[38]} Er rottete die Vorurteile aus,
vernichtete die Unwissenheit, kämpfte mit dem Engel der Finsternis und
hielt die Leuchte der Aufklärung hoch. In seinen Tragödien hat er Großes
erreicht, obschon Frankreich bereits Corneille besaß.“
Er sprach offenbar auswendig Gelerntes. Irgend jemand wird ihm wohl
einmal diese Litanei auf ein Blatt Papier geschrieben haben und die
hatte er dann für sein ganzes Leben auswendig gelernt. Sein altes,
gutmütiges Gesicht verklärte sich förmlich vor Wonne, als er seinen
hohen Stil vor uns ausbreiten konnte.
„_Ci-gît Jean Jacques Rousseau_,“{[39]} fuhr er fort, an einen anderen
Sarg tretend. „_Jean Jacques, l’homme de la nature et de la
vérité!_“{[40]}
Mich wandelte plötzlich Lachlust an. Durch hochtrabende Rede kann man
tatsächlich alles lächerlich machen. Und zudem sah man doch, daß der
arme Alte, als er von der _nature_ und der _vérité_{[41]} sprach, selber
entschieden keine Ahnung hatte, um was es sich handelte.
„Sonderbar!“ sagte ich. „Von diesen beiden großen Männern hat der eine
den andern sein Lebelang einen Lügner und üblen Menschen genannt, und
dieser den ersteren wiederum einfach einen Dummkopf. Und nun liegen sie
hier fast Seite an Seite.“
„Mßjö, mßjö!“ entfuhr es dem Invaliden – offenbar wollte er mir
widersprechen, aber dann tat er es doch nicht, sondern führte uns
schneller zu einem anderen Sarkophag.
„_Ci-gît Lannes_,{[42]} der Marschall Lannes,“ begann er von neuem zu
singen, „einer der größten Helden Frankreichs, das so überreich mit
Helden gesegnet ist. Das war nicht nur ein großer Marschall, der
geschickteste Heerführer, ausgenommen den großen Kaiser, sondern ihm
ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund ...“
„Nun ja, er war der Freund Napoleons,“ sagte ich, um die Rede
abzukürzen.
„Mßjö! Erlauben Sie, daß ich rede,“ unterbrach mich der Invalide mit
gleichsam ein wenig gekränkter Stimme.
„Reden Sie, reden Sie nur, ich höre.“
„Ihm ward auch noch das höchste Glück zuteil. Er war der Freund des
großen Kaisers. Kein anderer von allen seinen Marschällen hatte das
Glück, dem großen Manne Freund zu werden. Einzig der Marschall Lannes
ward dieser großen Ehre gewürdigt. Als er auf dem Schlachtfelde für sein
Vaterland fiel ...“
„Nun ja, ein Geschoß zerschmetterte ihm beide Beine.“
„Mßjö, mßjö! Gestatten Sie doch, daß ich es selber sage,“ rief der
Invalide mit fast klagender Stimme. „Sie wissen das vielleicht schon ...
Aber so lassen Sie es doch auch mich erzählen!“ – Der wunderliche Alte
wollte sich schon gar zu gern reden hören, auch wenn wir alles bereits
wußten.
„Als nun der Marschall im Sterben lag,“ fuhr er also von neuem fort,
„für sein Vaterland, auf dem Felde der Schlacht, da kam der Kaiser, aufs
Tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den großen Verlust ...“
„Um Abschied von ihm zu nehmen,“ plagte es mich wieder, ihm ins Wort zu
fallen, aber ich fühlte sogleich, daß es häßlich von mir war; ich
schämte mich sogar.
„Mßjö, mßjö!“ sagte der Alte, sah mir mit traurigem Vorwurf in die Augen
und schüttelte langsam sein greises Haupt. „Mßjö! Ich weiß, ich bin
überzeugt, daß Sie alles das wissen, vielleicht besser wissen als ich.
Aber Sie haben doch selber die Führung mir überlassen; also erlauben
Sie, daß ich jetzt rede. Es ist auch nicht mehr viel zu sagen ... Da kam
der Kaiser, aufs tiefste erschüttert und schmerzlich beklagend den
großen Verlust, den er, die Armee und ganz Frankreich erlitten, an das
Sterbelager des Marschalls und linderte durch diesen letzten Abschied
die grausamen Qualen des vor seinen Augen hinscheidenden Heerführers. –
_C’est fini, monsieur_,“{[43]} fügte er mit einem vorwurfsvollen Blick
auf mich hinzu und ging weiter.
„Und hier sind dann noch ein paar Särge: das sind so ... _quelques
sénateurs_,“{[44]} bemerkte er gleichmütig, mit einer nachlässigen
Kopfbewegung auf die übrigen Sarkophage deutend, die in der Nähe
standen. Seine ganze Redekunst hatte sich für Voltaire, Jean Jacques und
den Marschall Lannes verschwendet. Das war nun schon ein unmittelbares,
ein sozusagen volkliches Beispiel der Liebe des Franzosen zur schönen
Redekunst. Sollten wirklich alle die Reden der Redner ihrer
Nationalversammlung, des Konvents und der Klubs, an denen das Volk doch
fast unmittelbaren Anteil hatte und wo es doch förmlich umerzogen wurde,
nur eine einzige Spur in ihm hinterlassen haben – die Liebe zur
Redekunst um der Redekunst willen?
Achtes Kapitel.
Bribri und Mabisch.
Und nun die Epousen. Die Epousen führen ein glückseliges Leben, wie
gesagt. Übrigens: Sie werden mich gewiß fragen wollen, weshalb ich
anstatt „Frauen“ hier immer „Epousen“ sage? Aus Gründen des Stils, meine
Herrschaften, nur aus Gründen des Stils. Der Bourgeois pflegt nämlich,
wenn er sich vornehm ausdrücken will, stets „_mon épouse_“{[45]} zu
sagen. Und wenn auch die anderen Klassen, ganz wie überall in der Welt,
einfach „_ma femme_“{[46]} – meine Frau – sagen, so erscheint es mir
doch richtiger, dem nationalen Geist der Mehrheit und der höheren
Ausdrucksform zu folgen. Es ist charakteristischer. Im übrigen aber gibt
es auch noch andere Benennungen. Zum Beispiel, wenn der Bourgeois
gefühlvoll wird oder seine Frau betrügen will, so nennt er sie stets
„_ma biche_“.{[47]} Und die liebende Frau wiederum nennt in Augenblicken
graziöser Tändelei ihren lieben Bourgeois: „_bribri_“ – womit der
Bourgeois seinerseits sehr zufrieden ist. Bribri und Mabisch stehen zwar
immer in Blüte, gerade jetzt aber blühen sie üppiger denn je. Ganz
abgesehen davon, was nun einmal nach allseitiger (und nahezu
stillschweigender) Übereinkunft festgestellt ist, nämlich: daß Mabisch
und Bribri in unserer vielgestaltigen Zeit das Musterbeispiel der
Tugend, Eintracht und des paradiesischen Zustandes der gegenwärtigen
Gesellschaft sind, letzteres besonders zur Widerlegung aller
schändlichen Faseleien der unsinnigen Kommunistenvagabunden, – also ganz
abgesehen davon, und überdies wird Bribri jetzt noch mit jedem Jahre
nachgiebiger in Fragen des Ehestandes. Er begreift bereits, daß, mag man
auch noch so viel reden oder noch so viele Vorkehrungen treffen, Mabisch
doch nicht zu halten ist, daß die Pariserin nun einmal für den Liebhaber
geschaffen ward, daß es für einen Ehemann eben ganz unmöglich ist, der
Kopfzier zu entgehen, und so schweigt er denn wohlweislich, allerdings
nur so lange wie er erst wenig Geld erspart hat und noch nicht viele
Sachen und Sächelchen[91] besitzt. Sobald aber sein Besitzstand sich in
der einen wie in der anderen Richtung abzurunden beginnt, wird Bribri
sogleich bedeutend anspruchsvoller, sintemal er sich dann selber
ungemein zu achten anfängt. Nun und dann beginnt er auch den _Gustave_
anders zu beurteilen, namentlich wenn dieser zum Überfluß noch irgendso
ein armer Schlucker ist, der nichts weniger als viele Sachen und
Sächelchen besitzt. Überhaupt wird ein Pariser, der heiraten will und
selber Geld hat, sei es auch noch so wenig, unbedingt eine Braut mit
Geld heiraten. Ja, die Mitgift ist für ihn sogar unbedingt die erste
Frage und nur wenn es sich herausstellt, daß die Franken und Sachen auf
beiden Seiten in gleicher Zahl vorhanden sind, dann erst, aber auch nur
dann wird geheiratet. Das pflegt zwar überall vorzukommen, hier aber ist
es schon zu einem Gesetz von der Gleichheit der Geldbeutel, ist es zu
allgemein anerkannter Sitte geworden. Hat z. B. die Braut nur ein wenig
mehr Geld, so wird sie dem Bewerber, der weniger hat, nicht mehr
gegeben, sondern es wird für sie ein besserer Bribri gesucht.
Liebesheiraten werden immer unmöglicher und gelten fast schon für
unanständig. Diese vernünftige Sitte der unbedingten Gleichheit der
Geldbeutel oder der Verheiratung des einen Kapitals mit dem anderen
Kapital wird nur äußerst selten nicht befolgt, ja, ich glaube, in
Frankreich viel, viel seltener als gleichviel wo in der übrigen Welt.
Und das Verfügungsrecht über das Vermögen der Frau hat der Bourgeois
ganz vortrefflich zu seinen Gunsten festzusetzen verstanden. Das ist
denn auch der Grund, weshalb er in vielen Fällen sich dazu versteht, bei
Abenteuern seiner Bisch ein Auge zuzudrücken, durch die Finger zu sehen
und manche ärgerlichen Dinge nicht zu bemerken, da bei einem Zerwürfnis
die Frage der Auszahlung ihrer Mitgift doch recht unangenehm wäre. So
kommt es denn, daß, wenn Mabisch sich manchmal eleganter kleidet, als
ihre Mittel es gestatteten, Bribri sich innerlich damit zufrieden gibt,
selbst wenn er alles bemerkt hat: verlangt sie doch in dem Falle von ihm
weniger Toilettengeld. Auch ist Mabisch dann bedeutend verträglicher.
Und schließlich, da die Ehe doch größtenteils nur eine Verbindung seines
und ihres Geldes ist und man sich um die gegenseitige Zuneigung recht
wenig kümmert, so ist auch Bribri nicht abgeneigt, trotz seiner Bisch
sich nach anderen Seiten hin umzusehen. Und somit tut man am besten,
wenn man sich gegenseitig nicht stört. So gibt es auch mehr Eintracht im
Hause und das zärtliche Geflüster der lieblichen Namen Bribri und
Mabisch kommt dann zwischen den Gatten viel häufiger vor. Und
schließlich, wenn man schon alles sagen soll: auch in dieser Richtung
hat Bribri wunderbar für sich vorgesorgt. Der Polizeikommissar steht
jeden Augenblick zu seiner Verfügung. So bestimmen es die Gesetze, die
er selbst für sich zurecht gemacht hat. Im äußersten Fall, d. h. wenn er
die Liebenden _en flagrant délit_{[48]} ertappt, kann er sie beide sogar
totschlagen, ohne sich dadurch auch nur der geringsten Strafe
auszusetzen. Mabisch weiß das und ist damit durchaus einverstanden.
Durch lange Vormundschaft hat man Mabisch soweit gebracht, daß sie nicht
einmal murrt oder unzufrieden ist, geschweige denn davon träumt, wie es
in manchen barbarischen und komischen Ländern geschieht, z. B. irgend
etwas zu lernen, an Hochschulen zu studieren, an Sitzungen teilzunehmen,
einem Klub anzugehören und in Ausschüssen zu sitzen, oder gar
Abgeordnete zu werden. Nein, Mabisch zieht es vor, in ihrem
gegenwärtigen luftigen und sozusagen kanarienvogelmäßigen Stande zu
verbleiben. Sie wird geputzt, sie wird behandschuht, sie wird auf die
Promenade geführt und spazieren gefahren, sie tanzt, sie nascht
Zuckerwerk, äußerlich wird sie wie eine Königin empfangen und äußerlich
liegen die Männer vor ihr einfach im Staube. Die Form dieses
Verhältnisses ist bewundernswert geschickt und anstandsgemäß
durchgebildet. Mit einem Wort, die ritterlichen Formen werden gewahrt,
also was will man mehr? _Gustave_ wird ihr ja nicht genommen!
Irgendwelche sittlichen, höheren Lebensziele usw. usw. braucht sie
nicht: im Grunde ist sie genau so eine Kapitalistenseele und genau so
geldgierig wie ihr Mann. Wenn die Kanarienvogeljahre vorüber sind, d. h.
wenn sie sich schon auf gar keine Weise noch irgend etwas vortäuschen,
wenn sie sich also wirklich nicht mehr für einen Kanarienvogel halten
kann und wenn der Gedanke an einen neuen _Gustave_ selbst bei üppigster
Einbildungskraft und höchster Eigenliebe schon völlig aussichtslos wird,
– dann pflegt Mabisch sich plötzlich, in kürzester Zeit und ganz
greulich zu verwandeln. Koketterie, Putzsucht, Munterkeit verschwinden
spurlos. Sie wird meistenteils so böse! wird zu einer solchen
Wirtschafterin! Sie geht in die Kirchen, spart mit dem Manne Geld und
ein eigentümlicher Zynismus schaut auf einmal von allen Seiten hervor:
plötzlich stellen sich eine gewisse Müdigkeit, Verdrossenheit, rohe
Instinkte ein, hinzu kommt eine Zwecklosigkeit des Daseins, kommen
zynische Reden. Sogar in ihrer Kleidung werden manche von ihnen
nachlässig und schlampig. Selbstverständlich ist das nicht immer und bei
allen der Fall, es gibt natürlich auch andere, lichtere Erscheinungen,
o, und selbstredend gibt es auch anderswo, gibt es überall ebensolche
gesellschaftlichen Verhältnisse, aber ... aber bei den Franzosen ist das
alles bodenständiger, ist es gewissermaßen das Original selber, ist
ursprünglicher, ausgeprägter, kurz, alles das ist in Frankreich
nationaler. Hier ist die Quelle, ist der Keim jener bourgeoisen
gesellschaftlichen Form, die jetzt in der ganzen Welt herrscht – in
Gestalt ewiger Nachahmung der großen Nation.
Ja, äußerlich ist Mabisch – eine Königin. Es ist schwer, sich auch nur
vorzustellen, von was für einer verfeinerten Höflichkeit, was für einer
zudringlichen Aufmerksamkeit sie überall, in der Gesellschaft und auf
der Straße, umgeben ist. Doch die wirklich erstaunliche Zweideutigkeit
dieser Aufmerksamkeit wird mitunter zu einer so fühlbaren Gemeinheit,
daß manch eine ehrliche Seele so etwas einfach nicht ertragen könnte.
Die so offensichtliche Falschheit der vorgetäuschten Ehrerbietung würde
sie aufs tiefste verletzen. Aber Mabisch ist ja selber eine große
Spitzbübin und ... mehr als den Schein verlangt sie doch gar nicht ...
Auf ihre Rechnung aber kommt sie dabei doch, und immer wird sie es
vorziehen, mit so einem kleinen Betrug auf ihre Rechnung zu kommen, als
ehrlich den geraden Weg zu gehen: denn so ist es ihrer Meinung nach für
sie sicherer, und es ist auch mehr Spiel dabei. Spiel aber, Intrige –
das ist doch das wichtigste für Mabisch; das ist ja die Hauptsache.
Dafür – wie kleiden sie sich, wie verstehen sie auf der Straße zu gehen!
Mabisch ist manieriert, geziert, in allem unnatürlich, aber gerade das
ist es ja, was bestrickt, besonders gewisse blasierte und mehr oder
weniger verdorbene Männer, die den Geschmack an frischer, unmittelbarer
Schönheit verloren haben. Geistig ist Mabisch äußerst wenig entwickelt;
Verstand und Herz sind bei ihr nicht größer als bei einem Vogel, aber
dafür ist sie graziös, dafür kennt sie die Geheimnisse so unzähliger
Kniffe und Mittelchen, daß man sich besiegen läßt und ihr wie einer
pikanten Neuheit folgt. Sie ist sogar nur selten schön an sich. Sie hat
sogar etwas Böses im Gesicht. Aber das hat nichts zu sagen; dafür ist
dieses Gesicht beweglich, lebhaft und beherrscht in vollendeter Weise
die geheimnisvolle Kunst, Gefühl und Natürlichkeit vorzutäuschen.
Vielleicht gefällt einem an ihr gar nicht einmal der Umstand, daß ihre
Nachahmung der Natur gleichkommt, sondern eben dieser Vorgang, wie sie
die Natur durch Nachahmung erreicht, bezaubert einen: die Kunst selbst
übt den Zauber aus. Für den Pariser ist es meistenteils vollkommen
gleich, ob es echte Liebe ist oder eine gute Nachahmung der Liebe. Ja,
vielleicht gefällt ihm die Nachahmung sogar von vornherein besser. Eine
gewissermaßen orientalische Auffassung von der Frau tritt in Paris immer
deutlicher hervor. Die Kamelie wird immer mehr Mode. „Nimm Geld und
betrüge gründlich, d. h. täusche Liebe vor“ – das ist es, was von der
Kamelie verlangt wird. Und von der Epouse wird kaum mehr verlangt,
wenigstens ist man auch damit zufrieden, und deshalb wird ihr denn auch
schweigend und nachsichtig _Gustave_ zugestanden. Außerdem weiß der
Bourgeois, daß Mabisch im Alter ganz in seinen Interessen aufgehen und
im Geldzusammenscharren seine eifrigste Gehilfin sein wird. Sogar in der
Jugend hilft sie ihm bereits außerordentlich. Manchmal führt sie das
ganze Geschäft, lockt die Käufer herein, kurz, sie ist seine rechte
Hand, sein erster Kommis. Wie sollte man ihr da nicht so eine kleine
Schwäche für irgendeinen _Gustave_ verzeihen! Auf der Straße ist die
Frau unantastbar. Niemand beleidigt sie, alle machen ihr Platz, und es
ist dort nicht so, wie bei uns, wo eine Frau, wenn sie nicht gerade ganz
alt ist, keine zwei Schritt auf der Straße gehen kann, ohne daß ihr
irgendeine kriegerische oder müßig-kecke Physiognomie unter das Hütchen
blickte und vorschlüge, Bekanntschaft zu machen.
Übrigens ist, ungeachtet der Möglichkeit eines _Gustave_, die
alltägliche zeremonielle Umgangsform zwischen Bribri und Mabisch recht
nett und oft sogar naiv. Überhaupt sind die Menschen im Auslande – das
ist mir sofort in die Augen gesprungen – fast alle unvergleichlich
naiver als wir Russen. Es ist schwer, das näher zu erklären: man muß das
selbst erleben. „_Le Russe est sceptique et moqueur_,“{[49]} sagen die
Franzosen von uns und das stimmt. Wir sind mehr Zyniker, schätzen das
Eigene weniger, ja, wir lieben es nicht einmal, wenigstens achten wir es
nicht im geringsten, ohne dabei zu begreifen, um was es sich handelt;
wir drängen uns in europäische, allmenschliche Interessen, ohne
überhaupt zu einer Nation zu gehören, und so verhalten wir uns natürlich
zu allem viel kühler, gleichsam nur so pflichtschuldigst und jedenfalls
abstrakter. Übrigens bin ich von meinem Thema abgekommen.
Ja, Bribri ist mitunter wirklich ungeheuer naiv. Wenn er z. B. um die
Springbrünnlein herumspaziert, beginnt er gar, seiner Bisch zu erklären,
warum das Wasser der Springbrünnlein nach oben steigt; er erklärt ihr
die Gesetze der Natur, brüstet sich vor ihr chauvinistisch mit der
Schönheit des Boulogner Wäldchens, mit der Illumination, dem Spiel der
Versailler _grandes eaux_,{[50]} mit den Erfolgen des Kaisers Napoleon
und mit der _gloire militaire_,{[26]} genießt ihre Neugier und ihr
vergnügtes Staunen und ist mit allem überaus zufrieden. Und was Mabisch
betrifft, so verhält sich selbst die durchtriebenste Französin
gleichfalls recht zärtlich zu ihrem Gemahl, d. h. nicht etwa indem sie
sich verstellt, sondern wirklich aufrichtig zärtlich, ohne eigennützige
Hintergedanken und das ungeachtet der Kopfzier dieses ihres Gemahls.
Selbstredend stehe ich nicht für das Ergebnis einer sehr genauen
Untersuchung ein, ich will da nicht weiter die Dächer von den Häusern
abheben. Ich erzähle bloß, was mir aufgefallen ist, was ich so als
allgemeinen Eindruck davongetragen habe. „_Mon mari n’a pas encore vu la
mer_,“{[51]} sagt Ihnen da so manch eine Mabisch und ihre Stimme drückt
den aufrichtigsten, naivsten Mitschmerz aus. Das bedeutet, daß ihr Mann
noch niemals irgendwohin nach Brest oder Boulogne gefahren ist, um dort
das Meer zu sehen. Nun muß man wissen, daß der Bourgeois einige überaus
naive und doch äußerst ernste Bedürfnisse hat, die fast zu einer
allgemeinen bourgeoisen Angewohnheit geworden sind. Der Bourgeois hat
nämlich außer dem Bedürfnis, Geld zu sparen und dem Bedürfnis nach
schönem Redefluß, noch zwei andere Bedürfnisse, zwei durchaus
gesetzmäßige Bedürfnisse, die durch die allgemeine Gewohnheit geheiligt
sind und zu denen er sich selber ungeheuer ernst, ja nahezu pathetisch
verhält. Das erste dieser Bedürfnisse ist: _voir la mer_{[52]} – das
Meer zu sehen. Der Pariser lebt und handelt manchmal sein ganzes Leben
lang nur in Paris und sieht niemals das Meer. Wozu er es nötig hat, das
Meer zu sehen? – Das weiß er wohl selber nicht, nichtsdestoweniger
wünscht er krampfhaft und gefühlvoll, das Meer zu sehen, wenn er auch
vorläufig die Reise von Jahr zu Jahr aufschiebt, da ihn gewöhnlich
Geschäfte festhalten; aber er trauert darob und seine Frau teilt
aufrichtig seinen Schmerz. Überhaupt spricht da viel Gefühl mit und ich
achte das. Einmal aber kommt es dann doch dazu, daß er sich freimachen
kann und seine Mittel ihm die Reise erlauben, so macht er sich denn auf
und reist auf ein paar Tage hinaus, „um das Meer zu sehen“. Nach seiner
Rückkehr schildert er seiner Frau, seiner ganzen Sippe, allen Freunden
und Bekannten hochtrabend und mit Begeisterung seine Eindrücke und
hernach schwelgt er noch sein Leben lang süß in dem Gedanken, daß er das
Meer gesehen hat.
Das zweite, ebenso gesetzmäßige und nicht minder starke Bedürfnis des
Bourgeois ist – _se rouler dans l’herbe_.{[53]} Der Pariser, der aus
Paris hinaus in die Umgebung fährt, liebt es nämlich über alles und hält
es sogar für seine Pflicht, sich im Grase zu wälzen, was er denn auch
unfehlbar und sogar mit Würde tut, durchdrungen von dem Bewußtsein, daß
er sich nun _avec la nature_{[54]} vereinigt; und besonders angenehm ist
es ihm dann, wenn ihm jemand dabei zusieht. Überhaupt hält es der
Pariser außerhalb der Stadt sogleich für seine Pflicht, liebenswürdiger,
heiterer, ja sogar kühner zu werden, kurz, sich als ein natürlicherer,
der _nature_ näherstehender Mensch zu geben. _L’homme de la nature et de
la vérité!_{[38]} – Sollte es nicht gar bis in die Tage ihres _Jean
Jacques_ zurückreichen, daß im Bourgeois diese übertriebene Verehrung
der _nature_ zutage tritt? Übrigens erlaubt sich der Pariser, diese
beiden Bedürfnisse – _voir la mer_ und _se rouler dans l’herbe_ –
meistenteils erst dann zu haben, wenn er bereits ein Vermögen
zusammengespart hat, oder mit anderen Worten: wenn er sich selbst zu
achten, stolz zu sein und sich für einen Menschen zu halten anfängt. _Se
rouler dans l’herbe_ ist aber für ihn noch dreimal, oder womöglich
zehnmal süßer, wenn es auf eigenem Grund und Boden, den er mit mühsam
erarbeitetem Gelde erkauft hat, geschehen kann. Deshalb kauft der
Bourgeois, wenn er sich vom Geschäftsleben zurückzieht, mit Vorliebe
irgendwo ein Stückchen Land, baut sich ein eigenes Haus, legt sich einen
eigenen Garten an, mit einem Zaun herum, dazu eigene Hühner, eine eigene
Kuh. Und wenn auch alles nur im winzigsten Maßstabe vorhanden ist,
gleichviel – der Bourgeois schwelgt in kindlichstem, in rührendstem
Entzücken: „_mon arbre, mon mur_,“{[55]} sagt er jeden Augenblick zu
sich selber wie zu allen, die er zu sich einlädt, und so geht das fort
bis zu seinem seligen Ende. Ja, auf eigenem Grund und Boden ist _se
rouler dans l’herbe_ am süßesten für ihn. Um diese Lebenspflicht
erfüllen zu können, legt er sich vor seinem Hause unbedingt einen
kleinen Rasenplatz an. Irgend jemand hat einmal von einem Bourgeois
erzählt, der das Unglück hatte, daß auf der Stelle seines Gartens, die
für den Rasenplatz bestimmt war, das Gras nicht wachsen wollte. Er tat
sein möglichstes, begoß regelmäßig, belegte den Platz mit anderswo
gewachsenem Rasen, – es half alles nichts. Die Stelle vor dem Hause war
nun einmal so sandig, daß nichts darauf wachsen wollte. Da soll er sich
denn einen künstlichen Rasen gekauft haben, ist einzig zu diesem Zweck
nach Paris gefahren, hat sich dort einen runden Grasteppich von zwei
Meter Größe im Durchmesser bestellt und diesen imitierten _gazon_{[56]}
dann jeden Nachmittag vor seinem Hause ausgebreitet, um sein recht- und
gesetzmäßiges Bedürfnis befriedigen und im Grase liegen zu können. Einem
Bourgeois, der sich im Zustande des ersten Entzückens über seinen
wohlerworbenen Besitz befindet, ist das allerdings zuzutrauen, so daß
dieser Fall in moralischer Hinsicht nichts Unwahrscheinliches an sich
hat.