Fußnoten

[1] Den Namen dieser Kinderfrau finden wir im Roman „Die Dämonen“, und

in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ kommt Dostojewski einmal

ausführlich auf sie zu sprechen (s. Bd. 23 der deutschen Ausgabe), wie

auch auf den leibeigenen Bauer Marei (Bd. 13 und 18 der deutschen

Ausgabe). E. K. R.

[2] Familiäre Abkürzung von Fjodor. E. K. R.

[3] Den Namen finden wir in D.s letztem Roman „Die Brüder Karamasoff“.

E. K. R.

[4] Alexander Wojeikoff, Satiriker, lebte von 1778 bis 1839. E. K. R.

[5] Puschkin ist am 10. Febr. 1837 qualvoll gestorben – an einer

Verwundung, die er im Duell mit einem Gardeoffizier davongetragen, der

seiner schönen Frau den Hof gemacht hatte. E. K. R.

[6] S. Band 24 der Ausgabe. E. K. R.

[7] Zögling einer Militär-Ingenieurschule. Eine Art Kadett. E. K. R.

[8] Siehe die „Vorbemerkung“ zu diesem Bande. E. K. R.

[9] Sein Klassenkamerad D. W. Grigorowitsch schreibt in seinen

Erinnerungen an Dostojewski (s. Vorbemerkung) nach der Erwähnung ihres

durch die Lektüre angeregten Gedankenaustausches, der ihm jede Lust zum

Lernen nahm: „Auch Dostojewski gehörte nicht zu den besten Schülern. Vor

den Prüfungen machte er immer die größten Anstrengungen, um versetzt zu

werden. Das gelang ihm nicht immer: bei einer Prüfung fiel er einmal

durch und blieb sitzen. Dieser Mißerfolg erschütterte ihn so sehr, daß

er erkrankte und einige Zeit im Lazarett liegen mußte.“ E. K. R.

[10] Nach der Angabe von Dostojewski’s Tochter habe er braune Augen

gehabt.

[11] Ein Mitschüler Dostojewskis aus dem Pensionat Tschermak; er war

damals Beamter im Finanzministerium, schrieb Gedichte, nahm sich eine

unglückliche Liebe sehr zu Herzen und verkam später infolge von

Trunksucht. E. K. R.

[12] Dies bestätigen auch die Notizbuchaufzeichnungen seiner Frau. O. M.

[13] Hundertundfünfzig Rubel. O. M.

[14] Gemeint ist der Vormund und dessen Familie. O. M.

[15] Der jüngere Bruder blieb bis zum Dezember 1842 bei ihm. E. K. R.

[16] Dmitri Wassiljewitsch Grigorowitsch (1822–99), Romanschriftsteller.

Entdecker der russischen Bauern für die russische Literatur. Urteil

Ssaltykoffs über seine beiden ersten (1847) Erzählungen „Das Dorf“ und

„Anton Goremyka“: „Durch Grigorowitsch blieb der Gedanke, daß es den

Bauern gibt und daß auch er ein Mensch ist, fest in der russischen

Dichtung und russischen Gesellschaft verwurzelt“. Siehe im übrigen die

deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis und die ihnen beigegebenen

Berichte der Zeitgenossen. E. K. R.

[17] Welches Drama er hiermit meint, läßt sich nicht feststellen,

ebensowenig wo dieses Manuskript, wie das der unbeendeten Dramen „Maria

Stuart“ und „Boris Godunoff“, geblieben ist. O. M.

[18] In Gogols Komödie „Der Revisor“ ist Chlestakoff – ein Petersburger

Dandy, der in einer Provinzstadt aus Geldmangel seine Reise aufs Land

nicht fortsetzen kann – schließlich darauf gefaßt, daß man ihn wegen

seiner Schulden ins Gefängnis bringen werde. Dem entgeht er auch nur,

weil man plötzlich in ihm den erwarteten Revisor vermutet. E. K. R.

[19] Nikolai Alexejewitsch Njekrassoff (1821–1877), lyrischer Dichter,

von 1846–66 Herausgeber der literarischen Monatsschrift „Der

Zeitgenosse“. Zwischen ihm und Dostojewski trat schon Ende 1846 eine

Entfremdung ein – man sagte ihm gar zu großen Geschäftssinn nach. Die

liberale Richtung des „Zeitgenossen“ führte später (1863) zur

Gegnerschaft der Monatsschrift „Die Zeit“, die von den Brüdern

Dostojewski herausgegeben wurde. E. K. R.

[20] Wissarion Grigorjewitsch Bjelinski (1810–1848), der bedeutendste

und einflußreichste Kritiker, Westler extrem-liberaler Richtung. E. K.

R.

[21] Im vorliegenden Bande. E. K. R.

[22] Alexander Herzen (1812–1870) stand damals, in den Jahren zwischen

seiner Verbannung nach Wjätka und seiner Emigration nach Europa, in

seiner „russischen Periode“ und veröffentlichte u. a. den Roman „Wer ist

schuld?“ E. K. R.

[23] Iwan Gontscharoff (1812–1890) schrieb damals seinen ersten großen

Roman „Eine gewöhnliche Geschichte“. E. K. R.

[24] Von anderer Seite (N. Hoffmann, „Dostojewski“) wird hierzu bemerkt,

daß der Umzug in diese billigeren Zimmer unterblieben ist. E. K. R.

[25] Der jung, im Jahre 1847, gestorbene Ästhetiker, Sohn des Malers und

Bruder des Lyrikers. E. K. R.

[26] Klassizistischer Lyriker, dessen erste Gedichtsammlung 1841

erschienen war. E. K. R.

[27] Von Dostojewski im Jahre 1848 vollendet, also in der Zeit, als er

die hier erwähnten Petersburger Kreise besuchte, deren einer der

Petraschewskikreis war. E. K. R.

[28] Siehe „Menschen von damals“ im vorliegenden Bande. Siehe ferner

Dostojewskis Äußerungen und Ausbrüche der Empörung über Bjelinski in den

„Literarischen Schriften“. Sehr scharf äußert sich Dostojewski über den

antichristlich gesinnten Kritiker u. a. in einem leider spurlos

verschwundenen Artikel „Meine Bekanntschaft mit Bjelinski,“ dessen N. N.

Strachoff sich erinnert, sowie in einem Briefe vom 18. Mai 1870 an

Strachoff (siehe die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis), und

gelegentlich in seinen Romanen, besonders in den „Dämonen“. Dostojewski

brach den persönlichen Verkehr mit Bjelinski schon im letzten Jahre vor

dem Tode des Kritikers (1848) ab. E. K. R.

[29] Lorenz von Steins „Der Sozialismus und Communismus des heutigen

Frankreich“ erschien 1848. O. M.

[30] Von Haxthausens Studien über die inneren Zustände des Völkerlebens

und die ländlichen Einrichtungen Rußlands, die zum ersten Male mit dem

Mir bekannt machten, erschienen von 1847 bis 1852. E. K. R.

[31] Louis Blancs „_Histoire de dix ans_“{[4]} erschien 1840. E. K. R.

[32] Fouriers Idee der Phalanstère war in den dreißiger Jahren

propagiert worden, Fourier selbst bereits 1837 gestorben. E. K. R.

[33] Proudhons „Was ist Eigentum?“ erschien 1840. E. K. R.

[34] Literaturkritiker und Kulturhistoriker. Verfasser von „Erinnerungen

an Dostojewski“ (siehe die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis). E.

K. R.

[35] Siehe die „Dämonen“, die in vieler Beziehung autobiographisch sind.

Die Verpflichtung, die in dem Roman ein Jeder der politischen

Verschwörer vor seiner Aufnahme in den „Kreis“ einer „Fünf“ eingehen

muß, stimmt inhaltlich mit einem Entwurf für eine zu gründende

Geheimgesellschaft überein, den der Petraschewze N. Speschnjoff verfaßt

hatte. Nach der Aussage, die N. Speschnjoff später beim Verhör machte,

war die Skizze von ihm im Auslande entworfen worden, als er, da er sich

studienhalber mit den geschichtlichen Geheimbünden überhaupt befaßt

habe, auf den Gedanken gekommen sei, einen ähnlichen Bund in Rußland zu

gründen. Die „Geschichte der Geheimbünde“, die er begonnen habe, sei von

ihm später vernichtet worden. Nur dieses einzelne Blatt habe sich, von

ihm selbst ganz vergessen, unter seinen sonstigen Papieren erhalten. Es

sei in Rußland niemandem gezeigt worden. O. M.

[36] Moskauer Gelehrter aus dem Kreise der eng-nationalen slawophilen

Romantiker und Orthodoxen. E. K. R.

[37] Hier sei erwähnt, daß auch heute (1882) L. Beaulieu ... eine

Übereinstimmung unserer „Sozialisten“ und „Slawophilen“ in ihrem

„gemeinsamen Abscheu vor der europäischen Gesellschaft“ erblickt. O. M.

[38] Sergej Duroff, Petraschewze, Mittelpunkt eines besonderen

„Kreises.“ E. K. R.

[39] Alexander Palm, gleichfalls Petraschewze, wie die Träger der

weiterhin genannten Namen. E. K. R.

[40] In den Anklageakten wird von dem „Petraschewzen“ Ippolit Desbut

gesagt, er habe die Absicht gehabt, Fourier zu übersetzen. Desbut

bestreitet das: an eine regelrechte Übersetzung wäre gar nicht zu denken

gewesen, da Fourier für das lesende Publikum viel zu schwer sei. O. M.

[41] Alexander Chanykoff, gleichfalls „Petraschewze“, gehörte dem Kreise

an, der sich innerhalb der Studentenschaft gebildet hatte. Die

Zugehörigen dieses Kreises wurden „die Fourieristen“ genannt. E. K. R.

[42] Wassili Golowinski, Petraschewze. E. K. R.

[43] Diesen feudalen Standpunkt eines Teiles der Großgrundbesitzer läßt

Dostojewski später in den „Dämonen“ in der Stellungnahme des Adels zu

dem Manifest vom 19. Februar 1861, mit dem Alexander II. die

Leibeigenschaft endlich aufhob, durchblicken. E. K. R.

[44] Schriftsteller, gleichfalls Petraschewze. E. K. R.

[45] Allerdings gab es unter den Dekabristen auch einzelne, die weiter

sahen – z. B. Rylejeff (es geht das Gerücht, auch Pestel habe an

Zuteilung von Land gedacht). Aber sie alle wollten als erstes die

_Konstitution_, bei einer solchen aber wäre natürlich die Minderheit,

die in die Zuteilung von Land eingewilligt hätte, der Mehrheit gegenüber

machtlos gewesen. O. M.

[46] Radischtscheff, Verfasser der „Reise von Petersburg nach Moskau“,

die zum ersten Male auf die furchtbaren Leiden der leibeigenen Bauern

hinwies, ein ganz unpolitisches, ein rein sentimentales Buch, für das

der Verfasser zum Tode verurteilt und dann zur Verbannung nach Sibirien

begnadigt wurde. E. K. R.

[47] Vgl. „Eine der zeitgemäßen Fälschungen“ in dem vorliegenden Bande.

E. K. R.

[48] Felix Toll, Petraschewze. E. K. R.

[49] Alexander Pleschtschejeff, Petraschewze. E. K. R.

[50] Iwan Jastrshemski, Petraschewze. E. K. R.

[51] Nikolaus Speschnjoff, Petraschewze. E. K. R.

[52] Petraschewzen. E. K. R.

[53] Eine Redensart, seit im Jahr 1597 Zar Boris Godunoff den Befehl

erließ, daß vom nächsten Georgian die Freizügigkeit der Bauern

aufzuhören habe, wodurch der Grund zur Leibeigenschaft gelegt wurde.

Diese Redensart besagt soviel wie: „Da haben wir die Bescherung.“ E. K.

R.

[54] Die berüchtigte politische Abteilung der Geheimpolizei, unter Paul

I. „für immer“ abgeschafft, zu Anfang der Regierung Nikolaus I., im

Jahre 1826, wiederhergestellt, unter Alexander II. im Jahre 1880

scheinbar aufgehoben – eine Maßregel, die als eine der wesentlichsten

Reformen des Zarbefreiers begrüßt wurde, aber in Wirklichkeit lediglich

eine Unterstellung dieser Abteilung unter das Ministerium des Innern

bedeutete, dessen Machtbefugnis sich bis dahin nur auf die kriminellen

und administrativen Polizeibehörden erstreckte. Offiziere und Beamte der

Dritten Abteilung waren durch ihre hellblauen Uniformen kenntlich. E. K.

R.

[55] Messer und Gabeln wurden ihnen vorsichtshalber nicht gegeben. Das

Essen war recht nahrhaft und gut (was auch von den anderen bestätigt

wird). Es wurde gestattet, die Mahlzeiten auf eigene Kosten zu

vervollständigen und Wein zu kaufen. O. M.

[56] Siehe Band 23 der Ausgabe. E. K. R.

[57] Vergl. den Aufsatz „Eine der zeitgemäßen Fälschungen“ in dem

vorliegenden Bande. E. K. R.

[58] Vergl. die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis, S. 46. E. K.

R.

[59] Siehe in der deutschen Ausgabe der Briefe Dostojewskis die

„Berichte der Zeitgenossen“. E. K. R.

[60] Auch Strachoff erwähnt in seinen Aufzeichnungen (s. Bd. XII, S. 6

der Ausgabe) die große Weichheit im jungen Dostojewski, im Gegensatz zu

seiner Art in den letzten Lebensjahren. E. K. R.

[61] Ein Brief vom 22. Februar 1854, den Dostojewski unmittelbar nach

seiner Entlassung aus dem Zuchthause an seinen Bruder geschrieben hat

und der Michail Michailowitsch nicht auf dem offiziell erlaubten Wege –

durch das Korps-Kommando in Sibirien und den Chef der III. Abteilung –,

sondern durch andere Personen heimlich zugestellt worden ist, schildert

er die Wirklichkeit seines Zuchthauslebens ohne jeden Gedanken an die

Zensur. Diese aber mußte in der Zeit, als Dostojewskis Aufzeichnungen

erschienen, selbst von Schriftstellern, gegen die nichts vorlag, trotz

aller liberalen Neuerungen immer noch sehr im Auge behalten werden.

Dieser Brief vom 22. II. 1854, wie auch andere Briefe, haben O. Miller

bei der Zusammenstellung des biographischen Materials noch nicht

vorgelegen. Ein paar nebensächliche Angaben in dem erwähnten Brief

stimmen mit einzelnen Daten in den Aufzeichnungen Miljukoffs und

Jastrshemskis nicht ganz überein. Vgl. „D.s Briefe und Berichte der

Zeitgenossen“ S. 46–60. E. K. R.

[62] Mit der Niederschrift seiner Erlebnisse im Zuchthaus hat

Dostojewski bereits 1855 in Sibirien, im ersten Jahr nach der Abbüßung

seiner Strafzeit, begonnen, doch in der Hauptsache hat er die

Aufzeichnungen erst nach seiner Rückkehr ins europäische Rußland (1859)

fertiggestellt. Beendet und veröffentlicht wurden sie 1861–62, das

erwähnte (in der Gesamtausgabe vorvorletzte) Kapitel im Dezember 1862.

Es heißt dort u. a.: „Welch eine Beschuldigung wäre aber _damals_ ... in

jener _kaum vergangenen alten Zeit_ ...“ (d. h. in der Regierungszeit

Nikolais I.) für die Vorgesetzten „furchtbarer gewesen, als daß man mit

_gewissen_ Sträflingen Nachsicht habe! So kam es denn, daß jeder

Vorgesetzte uns gegenüber Nachsicht zu zeigen sich fürchtete und wir

ebenso gehalten wurden, wie alle anderen ...“ Somit überläßt er es dem

Leser, zu erraten, daß mit den „_gewissen_ Sträflingen“ die politischen

Verbrecher gemeint sind. E. K. R.

[63] Alle näheren Mitteilungen über die Teilnahme Dostojewskis und

seiner Freunde an dieser Sache, wie über das ihnen zugefallene Los, sind

erst seit dem Tode Dostojewskis nach und nach veröffentlicht worden. In

den dazwischen liegenden 22 Jahren waren die S. 119, 120 im Auszug

wiedergegebenen flüchtigen Andeutungen des vom Kriegsministerium

herausgegebenen „Russischen Invaliden“ alles, was man über die

Petraschewskische „Verschwörung“ überhaupt bekanntgegeben hatte. Zu

Lebzeiten Dostojewskis wußte man nur, wie J. Eckardt als Zeitgenosse

berichtet, daß die Verschwörer von 1848 in das am Krönungstage von

Kaiser Alexander II. (26. Aug. 1856) erlassene Gnadenmanifest _nicht_

einbegriffen worden waren, daß der Gardeoffizier Lwoff noch 1859 in

Irkutsk Polizeischreiber war, Speschnjoff in Sibirien die Zeitung „Amur“

herausgab, daß Petraschewski 1866 als Sträfling gestorben war – er hatte

ein späteres Gnadenangebot abgelehnt und die Revision seines Prozesses

verlangt – und daß die Begnadigung des Schriftstellers Dostojewski 1859

auf die Fürsprache eines älteren Studiengefährten hin, des berühmten

General Todleben (berühmt wegen seiner Verteidigungsanlagen in der Krim

während des Orientkrieges 1853–56) erfolgt war. Die Erinnerung an die

übrigen Verurteilten wäre, nach Eckardts Bericht, im Gedächtnis ihrer

Landsleute völlig erloschen, wenn nicht der einflußreiche Alexander

Herzen, das Haupt der russischen Emigration, in seiner Zeitschrift „Der

Polarstern“ wiederholt daran erinnert hätte, daß man diese Männer nicht

wegen dessen, was sie _getan_, sondern wegen dessen, was sie _gedacht_

und untereinander geredet, verurteilt hatte.

Eine Bestätigung dieser Aussage ist eine gelegentliche Bemerkung

Dostojewskis, nach der viele seiner Leser, besonders in der Provinz, von

ihm glaubten, er sei wegen Ermordung seiner Frau Sträfling gewesen, wie

der angebliche Verfasser der „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“. E.

K. R.

[64] Es gibt über die Krankheit Fjodor Michailowitschs allerdings noch

eine besondere Aussage, die sich auf seine früheste Jugend bezieht und

die Krankheit mit einem tragischen Fall in dem Familienleben der Eltern

Dostojewskis in Verbindung bringt. Doch obgleich mir diese Aussage von

einem Menschen, der F. M. sehr nahe stand, mündlich mitgeteilt worden

ist, kann ich mich nicht entschließen, da ich von keiner Seite eine

Bestätigung dieses Gerüchts erhalten habe, die erwähnte Angabe hier

ausführlich und genau wiederzugeben. O. M.

[65] Die Dokumente in den Archiven der III. Abteilung geben als Tag der

Enthaftung den 23. Jan. 1854 an. Nach der Entlassung aus dem Zuchthause

haben Dostojewski und Duroff, dessen Gesundheit vom Zuchthausleben

vollkommen zerrüttet worden war, wie aus einem späteren Brief des

ersteren hervorgeht, „fast einen ganzen Monat“ in Omsk im Hause von Frau

O. I. Iwanowa, der Tochter des Dekabristen Annenkoff, verbracht und sich

gesundheitlich ein wenig erholt. Am 2. März ist Dostojewski dann als

Gemeiner in das 7. Bataillon des Sibirischen Linienregiments in

Semipalatinsk eingereiht worden. E. K. R.

[66] Vergl. Anm. S. 134. E. K. R.

[67] In den Briefen vom 22. Februar und vom 27. März 1854 bittet er den

Bruder um den Koran, Kants „_Critique de raison pure_“,{[9]} „und wenn

du die Möglichkeit haben wirst, mir etwas nicht offiziell zu schicken,

dann noch unbedingt Hegel; besonders aber Hegels ‚Geschichte der

Philosophie‘. Davon hängt meine ganze Zukunft ab. Um Gottes willen

verwende dich für mich, daß man mich nach dem Kaukasus versetzt; suche

... zu erfahren, ob man mir gestatten wird, meine Werke zu drucken ...

Ich bitte dich, mich so lange auszuhalten. Ohne Geld werde ich vom

Soldatenleben erdrückt werden ... Vielleicht werden mich im Anfang auch

die anderen Verwandten irgendwie unterstützen? ... (Vergl. „D.s Briefe

und Berichte der Zeitgen.“). Im März bittet er, ihm keine Zeitschriften

zu schicken, sondern „europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter,

womöglich alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius,

Plutarch und Diodor usw.) ... und ein deutsches Lexikon. Nicht alles auf

einmal ... Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! ...“ E.

K. R.

[68] Unter Nikolai I. war es zum mindesten nicht ratsam, an einen

verbannten Staatsverbrecher Briefe zu schreiben, selbst wenn es sich um

einen Bruder handelte. E. K. R.

[69] Am 19. Februar 1855 kam Alexander II. auf den Thron, nach dem

plötzlichen Ableben Nikolais I., dessen ganzes System im Orientkrieg

(1853–56) gescheitert war. E. K. R.

[70] Baron Wrangel war als Bezirks-Staatsanwalt nach Sibirien gekommen;

seine intime Freundschaft mit dem gewöhnlichen Soldaten hatte für ihn

anfangs verschiedene kleine Unannehmlichkeiten zur Folge. In seinen

„Erinnerungen“ gibt er über Dostojewskis Leben in Semipalatinsk mit

einer Kenntnis des Sachverhalts und einer Ausführlichkeit Auskunft, die

im Jahre 1883 O. Miller, der nur Briefe aus dieser Zeit zur Hand hatte,

gar nicht möglich gewesen wäre. Wrangel ist bisher auch der einzige, der

über Dostojewskis erste Frau näheres berichtet hat, bzw. berichten kann.

(Vgl. „Aus den Erinnerungen des Barons A. Wrangel“ in „D.s Briefe u.

Berichte der Zeitgenossen“). E. K. R.

[71] Marja Dmitrijewnas Mann war als Gymnasiallehrer nach Kusnezk

versetzt worden und hatte mit seiner Frau und seinem neunjährigen Sohn

erst kurz vorher Semipalatinsk verlassen. E. K. R.

[72] Nach den „Erinnerungen“ Wrangels kam Dostojewski im Januar 1860

nach Petersburg. „Dostojewski brauchte damals viel Geld, besaß aber

keinen Heller. Er hatte zahllose Schulden und nur die eine Hoffnung, daß

ihm die vielen Erzählungen und Romane, die in seinem Kopfe ...

entstanden, etwas einbringen würden ... Wir sahen uns sehr oft, doch

immer nur flüchtig, denn wir beide waren in den Strudel des Petersburger

Lebens geraten ...“ Trotzdem sagt Wrangel, daß Dostojewski Tag und Nacht

gearbeitet habe. (Vgl. „D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“.) Da

das Petersburger Klima für den Gesundheitszustand seiner Frau schädlich

gewesen wäre, verbrachte sie die folgenden Jahre in Moskau, wo sie am

16. April 1864 an der Schwindsucht starb. Den Winter 1863–64 bis zu

ihrem Tode weilte Dostojewski deshalb in Moskau. Sein Stiefsohn war auf

Befehl des Kaisers 1860 als Stipendiat in eine Lehranstalt aufgenommen

worden. Dostojewski hatte die Bitte darum mit seinem eigenen

Gnadengesuch verbunden. In einem späteren Brief an Wrangel schreibt

Dostojewski über seine Ehe mit der verstorbenen Frau: „Wir waren beide

durchaus unglücklich, konnten aber nicht aufhören, einander zu lieben;

je unglücklicher wir waren, um so mehr hingen wir aneinander“. (Vgl.

„D.s Briefe und Berichte der Zeitgenossen“). E. K. R.

[73] Die Gegner dieser Form der Bauernbefreiung – tatsächlich ist durch

die gleichzeitige Zuteilung von Land an die Bauern ein überaus großer

Teil der Grundbesitzer ruiniert worden – hatten meist die höchsten Ämter

inne, und so geschah es häufig, daß die vom Kaiser gewünschten

freiheitlichen Reformen ihren entschiedensten Gegnern zur Ausführung

übergeben wurden. Neuerdings mehren sich die Stimmen, die in jener

Bauernbefreiung, die den einzelnen Bauern nicht zum Landbesitzer,

sondern zum Landproletarier oder Genossenschaftler machte – zu einem

Arbeiter auf dem _Gemeindeland_ – die Grundlage jener Ereignisse sehen,

die sich seit 1917 in Rußland abspielen. Die von Stolypin und

Kriwoschein begonnene Agrarreform – Aufhebung des Agrarkommunismus

(„Mir“), das Land sollte Eigenbesitz des Bauern werden – wurde nach den

ersten Versuchen vom Kriege unterbrochen, worin wiederum die äußerste

Linke eine Bestätigung der welthistorischen Aufgabe Rußlands sieht: das

Land der neuen Lebensordnung, der neuen Menschheit zu werden. E. K. R.

[74] Slawophiler Publizist (1819–76), nächst den Begründern des

Slawophilismus – Chomjäkoff, Kirejewski, Akssakoff – der einflußreichste

Vertreter der Partei. E. K. R.

[75] Schriftsteller und Zensor, als Leibeigener geboren. E. K. R.

[76] O. Miller setzt die Vorgeschichte des erwähnten Ereignisses als

noch erinnerlich oder bekannt voraus und begnügt sich daher mit einer

kurzen Beleuchtung einiger Einzelheiten. Da nun diese seine

Voraussetzung bei dem deutschen Leser von heute nicht zutrifft, die

Aufzeichnungen anderer Zeitgenossen aber aus Zensurgründen manche

„Triebfedern“ kaum andeuten dürfen, wird hier zunächst eine Darstellung

der Sachlage von J. Eckardt angeführt aus seinen „St. Petersburger

Beiträgen zur neuesten russischen Geschichte“, die er 1881 anonym und

nicht in Rußland erscheinen ließ (im Verlage von Duncker & Humblot,

Leipzig).

Nach Eckardt ist „der für die gesamte spätere Entwicklung so

außerordentlich verhängnisvoll gewordene Petersburger Studentenkrawall

vom Herbst 1861 ... lediglich dadurch veranlaßt worden, daß der (neue)

Universitätskurator Philipson zu den Freiheiten scheel sah, die der

Kaiser persönlich und der frühere Unterrichtsminister Kowalewski der

akademischen Jugend erteilt hatten, und daß der damalige

Generalgouverneur von Petersburg Ignatjeff Studenten und Professoren

grundsätzlich verabscheute und von Zugeständnissen an ‚Zivilisten‘

überhaupt nichts wissen wollte“. 1861 war u. a. auch die der

militärischen sehr ähnliche Studentenuniform abgeschafft worden, um –

alsbald wieder eingeführt zu werden.

N. N. Strachoff, der Mitherausgeber der „Materialien zur

Lebensbeschreibung Dostojewskis“, der als Anhänger der Hegelschen

Rechten dieselben Vorgänge von einem konservativeren Standpunkt aus

sieht als es O. Miller tut, gibt in seinen „Erinnerungen an Dostojewski“

einen weiteren Überblick über die Vorgeschichte der Studentenunruhen,

der gleichzeitig einen Einblick in die Petersburger Stimmung jener Zeit

gewährt und auch Dostojewskis politische Stellungnahme beleuchtet,

weshalb seine Ausführungen über die „Studentengeschichte“ hier in

folgendem wiedergegeben sind:

„Ich will nun eines der wichtigen Ereignisse jener Zeit erzählen,

die sogenannte _Studentengeschichte_, die sich zu Ende des Jahres

1861 abspielte und die den damaligen Zustand der Gesellschaft am

besten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten wahrscheinlich

verschiedene innere Triebfedern mit; doch diese werde ich nicht

berühren,“ (Als Strachoff 1883 unter Alexander III. dies schrieb,

wären Angaben, wie Eckardt sie gibt, von der Zensur nicht

durchgelassen worden. E. K. R.) „sondern werde nur ihre äußere,

öffentliche Erscheinung schildern, die für die Mehrzahl der

handelnden Personen, wie für die Mehrzahl der Zuschauer die größere

Bedeutung hatte.

„Die Universität, an der infolge des Zustroms von Liberalismus ein

reges Leben herrschte, begann von diesem Leben mehr und mehr

überzuschäumen; doch zum Unglück war das ein Leben, das die

Beschäftigung mit der Wissenschaft verdrängte. Die Studenten hielten

Versammlungen ab, gründeten eine Kasse, gründeten eine Bibliothek,

gaben ein Sammelwerk heraus, führten eine Art Gerichtshof ein, in

dem sie über ihre Kameraden das Richteramt ausübten, usw.; aber

alles dieses zerstreute und beschäftigte sie so sehr, daß die

Mehrzahl von ihnen, und sogar viele der Klügsten und Begabtesten,

schließlich aufhörte, sich auch noch mit ihrem eigentlichen Studium

zu befassen. Hinzu kam, daß es auch noch andere Unzulässigkeiten

gab, d. h. Überschreitungen aller möglichen Dispense, und so

entschloß sich die Universitätsbehörde zu guter Letzt, Maßregeln zu

ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um sich eine

unbestreitbare Autorität zu sichern, erwirkte sie einen

allerhöchsten Befehl, durch den Zusammenkünfte, Kassen, Deputationen

und Ähnliches den Studenten verboten wurden. Der Befehl wurde

während der Sommerferien ausgegeben, und als die Studenten im Herbst

sich wieder auf der Universität einfanden, mußte er in Anwendung

gebracht werden. Die Studenten beschlossen, sich zu widersetzen,

einigten sich aber auf die einzige Art von Widerstand, die mit

liberalen Grundsätzen vereinbar ist, d. h. auf den _ausschließlich

passiven_. Sie benutzten nun die verschiedensten Vorwände, um den

Behörden möglichst viel Arbeit und der ganzen Sache möglichst viel

öffentliches Aufsehen zu verschaffen. Und richtig brachten sie sehr

geschickt den größten Skandal zustande, den man auf die Weise

überhaupt in Szene setzen konnte. Die Regierung war zwei- oder

dreimal gezwungen, sie mitten am Tage von der Straße in großen

Scharen fortzuführen. Zur noch größeren Freude der Studenten wurden

sie sogar in die Peter-Pauls-Festung gesetzt. Sie unterwarfen sich

ohne Widerspruch diesem Arrest, dann der Verurteilung und

Verschickung, – die für viele sehr schwer und langwährend ausfiel.

Nachdem sie das getan hatten, glaubten sie, alles getan zu haben,

was nötig war, d. h. sie hatten laut die Verletzung ihrer Rechte

festgestellt, waren selbst nicht über die Grenzen der Gesetzlichkeit

geschritten und hatten eine schwere Strafe auf sich genommen,

gleichsam nur darum, weil sie für ihre Forderungen einstanden.

„Obwohl nun diese juridischen Begriffe auf Studierende eigentlich

nicht anwendbar sind, so muß man doch sagen, daß die Studenten

dieses liberal-juridische Drama zur Belehrung der übrigen Bürger

tadellos und mit echter Begeisterung durchführten. Es war durchaus

kein Aufruhr, nicht einmal einer im kleinsten Maßstabe. Das

Interessanteste und Charakteristischste dabei war aber, daß sich

schon damals sofort Leute fanden, die diese Studentengeschichte gar

zu gern in einen Aufruhr verwandelt hätten; ja, daß diese Leute mit

den Studenten schon in Verbindung zu treten suchten und sich mit

Vorschlägen an sie heranmachten, wie z. B. ein Verbrechen zu

begehen, durch das die Regierung in die Enge getrieben werden würde,

u. a. m. Die revolutionären Elemente in der Gesellschaft waren schon

herangereift; doch diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit,

und so hatte es denn bei der lauten Demonstration sein Bewenden,

also gewissermaßen bei einer öffentlichen Anklage vor der

gesellschaftlichen Meinung. Um deswillen hatten viele junge Leute

die Laufbahn ihres Lebens frohen Herzens für immer verdorben.

„Natürlich sprach nun die ganze Stadt von nichts anderem als von den

Studenten. Die Verhafteten durften besucht werden und so kamen

täglich eine Menge Menschen in die Festung, schon um den Studenten

ihre Anteilnahme zu bezeugen. Auch von der Redaktion der ‚Zeit‘

wurde ihnen ein Gastgeschenk gesandt.“ (Strachoff war einer der

Hauptmitarbeiter an dieser literarischen Monatsschrift, die die

Brüder Dostojewski seit 1861 herausgaben, bis die Zeitschrift im Mai

1863 wegen eines von der Zensur mißverstandenen, in Wirklichkeit

sehr national gedachten Artikels von Strachoff über die Polenfrage

sistiert wurde. Vgl. Bd. XII der deutsch. Ausg. E. K. R.) „Bei

Michail Michailowitsch wurde ein riesiges Roastbeef gebraten und mit

einer Flasche Kognak und einer Flasche Rotwein in die Festung

geschickt. Und als man diejenigen Studenten, die man als die

Schuldigsten befunden hatte, schließlich zu verschicken begann, da

wurden sie von Verwandten und Bekannten noch weit über das Weichbild

der Stadt hinaus begleitet. Der Abschied war geräuschvoll und fand

unter vielseitiger Beteiligung statt, und die Verschickten schauten

zum größten Teil wie Helden drein.

„Der weitere Verlauf dieser Geschichte spielte sich in demselben

Geiste ab. Die Universität wurde geschlossen: man wollte sie einer

vollständigen Umgestaltung unterwerfen. Da baten die Professoren um

die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten

diese Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überließ ihnen

ihre Säle und die Universitätskurse fanden von nun an außerhalb der

Universität ihre Fortsetzung. Alle Mühe für das Zustandekommen der

Vorlesungen, sowie alle Sorge für die Aufrechterhaltung der Ordnung

nahmen die Studenten auf sich und waren mit dieser neuen, freien

Universität sehr zufrieden und sehr stolz auf ihre Leistung.

„Aber ihre Gedanken waren doch nicht bei der Wissenschaft, um die

sie sich allem Anscheine nach so mühten, sondern waren mit etwas

anderem beschäftigt, und das verdarb schließlich alles. Den Anlaß

zur Aufhebung dieser Duma-Universität gab im Frühjahr 1862 der

bewußte literarisch-musikalische Abend vom 2. März. Dieser Abend war

im Grunde mit der Absicht veranstaltet worden, gewissermaßen eine

Schau aller führenden fortschrittlich gesinnten literarischen Kräfte

zu bieten. Die Auswahl der Schriftsteller war denn auch in diesem

Sinne mit größter Sorgfalt vorgenommen worden; und in demselben

Sinne war auch das Publikum das sorgsam ausgewählteste. Sogar die

Musikstücke, mit denen die literarischen Vorträge abwechselten,

wurden von den Frauen und Töchtern der Schriftsteller der guten

Richtung ausgeführt. Fjodor Michailowitsch befand sich unter den

Lesenden und seine Nichte unter den Mitwirkenden. Die Hauptsache

jedoch war nicht das, was vorgetragen wurde, sondern waren die

Ovationen, die man den Vertretern der fortschrittlichen Ideen

darbrachte. Der Lärm, der Enthusiasmus war ein ungeheurer. Es hat

mir später immer geschienen, daß die liberale Bewegung in unserer

Gesellschaft an diesem Abend ihren höchsten Punkt erreichte, der

zugleich der Kulminationspunkt unserer in der Luft sich abspielenden

Revolution war. Eine der Episoden dieses Abends bildete den Anfang

des schnellen Verfalls und der Enttäuschung unserer damaligen

Fortschrittsbewegung. Es begann damit, daß Professor P-ff. seinen

Artikel, der wie alles an diesem Abend Vorgetragene von der Zensur

genehmigt worden war, wohl ohne jede Wortänderung, jedoch mit so

ausdrucksvollen Betonungen und Gesten vortrug, daß alles einen ganz

zensurwidrigen Sinn erhielt. Es erhob sich ein wahres Freudengeheul,

ein nicht zu beschreibender Beifallsorkan. Doch siehe da: am

nächsten Tage verbreitet sich überall die Kunde, daß Professor P.

verhaftet und aus Petersburg bereits entfernt worden sei. Was war

nun zu tun? Gegen eine solche Maßregel mußte man protestieren, aber

wie, in welcher Form? Die Studenten folgerten ganz richtig, daß die

Entfernung des einen Professors eine Drohung für die übrigen

Professoren in sich schloß, so daß diese ihre Vorlesungen nicht gut

fortsetzen konnten, wenn sie nicht gerade zu zeigen wünschten, daß

sie ihren Kollegen für schuldig hielten, selbst aber vor der

Regierung schuldlos dastehen wollten. So wurde denn beschlossen, die

Duma-Universität zu schließen und damit gegen solche Eingriffe zu

protestieren. Es war das ein Protest von der Art, wie unter

Umständen die Professoren ihren Abschied zu nehmen pflegen – ein

bekanntlich sich fortwährend wiederholender Vorgang an den

russischen Universitäten, etwas Ähnliches wie der japanische

Selbstmord. Die Studenten setzten bei dieser Beschlußfassung

natürlich voraus, daß die ganze Gesellschaft von Schmerz und Zorn

erschüttert sein werde, wenn die Universität, diese Hauptquelle

ihrer Aufklärung, plötzlich geschlossen wurde. Die Professoren

willigten denn auch ein, ihre Vorlesungen abzusagen, wie es die

Studenten wünschten; nur einer oder zwei von ihnen setzten ihre

Vorlesungen fort, wofür ihnen die Hörer Skandale zu machen begannen.

Da griff schließlich die Regierung ein und machte der Sache ein

Ende, indem sie den Professoren überhaupt verbot, öffentliche

Vorlesungen zu halten.

„Was war nun das Ergebnis der ganzen Affäre? Es wurde sofort

offenbar, daß die schlaue Berechnung, die Gesellschaft zu erregen

und gegen die Regierung aufzubringen, vollkommen fehlgegangen war.

Die Gesellschaft rührte sich nicht, und, statt zu wachsen, erlosch

die Erregung vollständig. Die Anführer in dieser Sache hatten gar zu

naiv geglaubt, daß der Lärm, der in ihren Studentenkreisen

herrschte, der Ausdruck der allgemeinen Stimmung sei, und daß es ein

leichtes wäre, das Publikum zu täuschen. In Wirklichkeit aber konnte

doch niemand ernstlich daran glauben, daß man in der Regierung den

Feind und Bedrücker der Aufklärung zu sehen habe. Die Unterlage der

Sache war denn auch allen nur zu sichtbar, besonders als gleich

darauf Proklamationen aufzutauchen begannen, eine nach der anderen,

Proklamationen, von denen die erste hunderttausend Menschen als dem

allgemeinen Wohl in Rußland im Wege stehend erklärte, während die

letzte schon unverhüllt drohte, ‚die Straßen mit Blut zu

überschwemmen und keinen Stein auf dem anderen zu lassen‘.

Jedenfalls sah sich die Regierung, die in ihren Maßnahmen stets den

liberalen Charakter zu wahren suchte, in eine recht schwierige Lage

versetzt; es zeigte sich, daß jede liberale Maßnahme in der

Gesellschaft eine Bewegung hervorruft, die sich der Maßnahme zu

ihren Zwecken zu bedienen sucht, zu Zwecken, die nicht liberal,

sondern durchaus radikal sind. Diese schwierige Lage der Regierung

wurde erst durch die Petersburger Brände, die augenscheinlich

infolge planmäßiger Brandstiftung entstanden, und den polnischen

Aufstand beseitigt, als es endlich klar wurde, daß man das Böse, das

so erschreckende Dimensionen annahm, nicht dulden und nicht seinem

natürlichen Lauf überlassen darf.“

So weit N. N. Strachoff.

Nach den Aufzeichnungen J. Eckardts folgte „der Krisis vom Herbst 1861

allerdings etwas wie ein Systemwechsel ... Aber das durch die bisherigen

Widersprüche erzeugte und von den bereits damals außerordentlich

zahlreichen Radikalen genährte Mißtrauen gegen die Umgebung des Kaisers

ließ sich nicht mehr völlig beschwichtigen und – die folgenden Maßregeln

waren ebenso widerspruchsvoll wie die vorhergehenden.“ Diese

Widersprüche in den Regierungsmaßnahmen erklärt Eckardt zum Teil

dadurch, daß in den höchsten Ämtern Reaktionäre und Liberale einander

„in regelmäßigem Turnus ablösten“.

Zur Geschichte der Zeit sei hier bemerkt, daß den Studentenunruhen, den

Proklamationen, den Brandstiftungen, den seit der Bauernemanzipation

stetig zunehmenden Agrarunruhen, dem Polnischen Aufstande usw. – am 4.

Sept. 1866 bereits das erste Attentat auf das Leben Alexanders II., den

„Zar-Befreier“ erfolgte, der schließlich dem sechsten Attentat am 1.

März 1881 zum Opfer fiel, vier Wochen nach dem Tode Dostojewskis. E. K.

R.

[77] Bedeutender literarischer Kritiker und radikaler Publizist

(1828–1889, seit 1863 verbannt, starb in der Verbannung). Verehrer

Lessings, Feuerbachs. Seit 1854 als Mitarbeiter, bald als Leiter der von

Njekrassoff herausgegebenen Zeitschrift („Der Zeitgenosse“, gegen den

Dostojewskis „Zeit“ – besonders Strachoff – später heftig polemisierte)

gewissermaßen „Fortsetzer der literarischen Arbeit Bjelinskis“. Dem

großen Einfluß seiner politischen Ideen auf die Jugend werden zum Teil

auch die Studentenunruhen wegen der reaktionären Unterrichtspolitik

zugeschrieben. Der Roman „Was tun?“, den er 1863 während seiner

Untersuchungshaft in der Peter-Pauls-Festung schrieb – eine anschauliche

Vorführung der Menschen und Einrichtungen, die er propagierte – hatte

einen durchschlagenden Erfolg bei der jungen Generation. Die Geheimakten

über seinen Prozeß sind von der „Dritten Abteilung“ bis heute noch nicht

veröffentlicht. Als vermeintlicher Verfasser der Proklamation „An die

junge Generation“ wurde Tschernyschewskis Mitarbeiter, der Dichter M.

Michailoff, verschickt, während in Wirklichkeit ein anderer Mitarbeiter

Tschernyschewskis, Schelgunoff, sie verfaßt hatte. Tschernyschewski

nannte sich noch „Realist“; den „Realisten“ zu Anfang der sechziger

Jahre folgten die „Nihilisten“ zu Ende des Jahrzehnts. In dem

Tschernyschewski nahestehenden Kritiker und Mitarbeiter an derselben

Zeitschrift Dobroljuboff, den man in vielem einen Schüler

Tschernyschewskis nennen kann, glaubt man das Urbild von Turgenjeffs

Basaroff – der erste Typ des Nihilisten im Roman „Väter und Söhne“ – zu

erkennen (vgl. Masaryk: „Zur russischen Geschichts- und

Religionsphilosophie“, Verlag Diederichs, Jena). Auch Dostojewskis Pjotr

Stepanowitsch Werchowenski – im Roman „Die Dämonen“ – erinnert

namentlich in seinem Verhalten zu dem „großen Schriftsteller“

Karmasinoff, in dem Dostojewski Turgenjeff karikiert hat, an den jungen

Dobroljuboff und dessen Umgang mit dem berühmten Turgenjeff. E. K. R.

[78] Anspielung u. a. auch auf Bakunin und den von diesem mitgerissenen

Alexander Herzen, die Führer der russischen Emigration in London, die

mit den polnischen Aufständischen gemeinsame Sache machten. E. K. R.

[79] Siehe die Einleitung zu Bd. XII der deutschen Ausgabe: N. N.

Strachoff über Dostojewski. E. K. R.

[80] Nach Dostojewskis erster Reise ins Ausland, vom 7. Juni bis August

1862, im Winter desselben Jahres geschrieben und im Frühjahr 1863 in

seiner literarischen Monatsschrift „Die Zeit“ veröffentlicht. E. K. R.

[81] Unbedeutender Dichter, versuchte in seinen „Petersburger Höhlen“

Eugène Sue’s „Geheimnisse von Paris“ nachzuahmen. E. K. R.

[82] Karamsins „Briefe eines russischen Reisenden“, in denen der

nachmalige Historiograph des russischen Staates seine europäischen

Eindrücke schildert, sind reichlich gefühlvoll geschrieben und

namentlich in den Naturschilderungen oft überschwänglich im Ausdruck.

Sie wurden 1791 veröffentlicht, hatten einen ungeheuren Erfolg und –

gleich seinen späteren Werken – einen unabschätzbaren Einfluß auf die

russische Sprachbildung. E. K. R.

[83] Denis I. Vonwisin (1745–92), Zeitgenosse Katharinas II., Verfasser

der satirischen Lustspiele „Der Brigadier“ und „Das Muttersöhnchen“, die

epochemachend wirkten, da sie nach den langweiligen Oden Lomonossoffs

und Derschawins und den billigen Nachahmungen europäischer Literatur die

ersten selbständigen Werke in russischer Sprache waren, die der

russischen Wirklichkeit ihr Spiegelbild zeigten. Mit ihnen beginnt die

russische Selbstkritik, die sogen. „Anklageliteratur“, die später in

Gribojedoffs „Kummer durch Verstand“, Tschaadajeffs Briefen, Gogols

Komödien und „Toten Seelen“ ihre Fortsetzung fand. Vonwisins „Briefe aus

Frankreich“, in denen neben manchen Lästerungen zum ersten Mal Kritik an

den Lehrern geübt wird, laufen im wesentlichen auf den Satz hinaus:

„_nous commençons et ils finissent_“.{[14]} E. K. R.

[84] Dandy und Geschichtsphilosoph (1794–1856), Westler mit katholischen

Sympathien, erhob in seinen „_Lettres sur la philosophie de

l’histoire_“,{[15]} die an eine Dame gerichtet waren, die wuchtigsten

Anklagen gegen Rußland, dem er geistige Schöpfungsmöglichkeiten

absprach. Der erste Brief wurde 1836 in russischer Übersetzung

veröffentlicht und erregte ungeheures Aufsehen: er wirkte, wie im 18.

Jahrhundert Vonwisins satirischer Zeitspiegel kaum gewirkt hatte, und

erreichte fast den Einfluß, der von Gribojedoffs Satire „Kummer durch

Verstand“ seit 1825 ausgegangen war. E. K. R.

[85] Villenort bei Petersburg in einer hügeligen Landschaft. E. K. R.

[86] Vonwisin zeichnet die russischen Menschen alten Schlages als

unglaublich unwissende, rohe, geistig und seelisch beschränkte Leute;

doch auch die Söhne sind nicht besser: Hohlköpfe mit französischem

Schliff oder Flegel, die nichts lernen, nichts wissen, sich von der

Affenliebe der Mutter päppeln lassen. Die positiven Typen der

Gebildeten, Aufgeklärten (Ssofja) bleiben bei ihm im Raisonneurhaften

stecken. E. K. R.

[87] Turgenjeffs Roman „Väter und Söhne“ hatte bei seinem Erscheinen

1862 einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Daraufhin brachte

Dostojewskis Freund N. N. Strachoff in der „Zeit“ einen Artikel, der als

einzige Kritik dem Werk gerecht wurde und die Richtigkeit der

aufgestellten Typen, die man als Verleumdungen verschrieen hatte, (den

Nihilisten in Basaroff, die intellektuelle Frau in der Kukschina usw.)

nachwies. E. K. R.

[88] Der Held in der epochemachenden Komödie „Kummer durch Verstand“, in

der Gribojedoff (1794–1829) die moskauer Gesellschaft geißelte.

Tschatzki kehrt nach dreijähriger Reise durch Europa nach Moskau zurück,

erkennt die ganze Parodie, zu der die Europäisierung in den russischen

Menschen geworden ist und reißt – zum Teil auch mit dem gerechten

Fremdenhaß des Patrioten – den Vertretern der Gesellschaft die Masken

ab. Tschatzki ist noch kein Mann der Tat: enttäuscht begibt er sich

wieder ins Ausland. Als Tat aber ist die Komödie selbst zu betrachten,

da sie in einer Zeit erschien, als nach der Hinrichtung der Dekabristen

(1826), denen Gribojedoff nahe stand, niemand eine Kritik wagte.

Tschatzkis (Gribojedoffs) Anklagen und Aphorismen wurden zu

Bestandteilen der Umgangssprache und machten eine Propaganda, wie sie in

anderer Form damals nicht denkbar gewesen wäre. Die Komödie war bis 1833

nur handschriftlich verbreitet, jedoch in Zehntausenden von Abschriften.

Gribojedoff hat nur dieses eine Meisterwerk geschrieben: er wurde als

bevollmächtigter Minister in Teheran vom Pöbel ermordet. E. K. R.

[89] Gribojedoffs Komödie spielt im Hause des höheren Staatsbeamten

Famussoff: sie beginnt mit dem Morgen, an dem Tschatzki aus dem Auslande

eintrifft, und endet mit dem späten Abend desselben Tages, nach dem

Ball, im Vestibül. In Famussoff hat Gribojedoff seinen eigenen Onkel

gezeichnet, dessen Festlichkeiten berühmt waren. E. K. R.

[90] Die Namen sind noch nach alter französischer Art Kennzeichnungen

ihrer Träger. Repetiloff heißt etwa „Schwätzer“. Oberst Skalosub

(„Grinser“) ist ein beschränkter Gamaschenknopf. Natalja Dmitrijewnas

ewig besorgte Liebe will aus ihrem früher frischfröhlichen Mann einen

zugempfindlichen Stubenhocker machen. Die alte bissige Hlestowa

(_hlestatj_ – mit der Gerte schlagen) ist als Typ auch von Tolstoj in

„Krieg und Frieden“ gebracht. Moltschalin („Schweiger“) ist Famussoffs

Sekretär, der sich durch zwei „Tugenden“ auszeichnet: durch „Mäßigkeit

und Akkuratesse,“ – ein gehorsamster Diener und Streber, der aus

Berechnung sogar dem Hofhunde schmeichelt. E. K. R.

[91] Den meisten Russen ist die große Vorliebe des Bourgeois für

zahlreiche Möbelstücke, Teppiche, Bilder, Bibelots, Nippes usw. etwas

Unbegreifliches. E. K. R.

[92] Erster Beitrag Dostojewskis in Nr. 1 der Wochenschrift „Der

Bürger“, Januar 1873. Siehe Einführung S. IX. E. K. R.

[93] Fürst W. Meschtscherski (geb. 1845), der Gründer und Herausgeber

der Petersburger konservativen Wochenschrift „Der Bürger“, hatte Ende

des Jahres 1872 Dostojewski zur Mitarbeiterschaft aufgefordert und

dessen Bestätigung als Schriftleiter am 20. Dezember ohne

Schwierigkeiten erlangt, da man Dostojewskis politische Richtung nun

anders beurteilte, als in den vierziger Jahren und nach seiner Rückkehr

aus Sibirien. – Von Dostojewskis ersten Werken waren „Arme Leute“ im

„Petersburger Almanach“ erschienen, den Njekrassoff, der linksstehende

Dichter des Proletariats, 1846 herausgab; die übrigen Werke Dostojewskis

bis zu seiner Verhaftung 1849 erschienen in Krajewskis liberalen

„Vaterländischen Annalen“, deren Kritiker und Zugstück der „gefährliche“

Bjelinski war. Auch 1859, nach seiner Rückkehr aus Sibirien,

veröffentlichte Dostojewski die kleineren Romane „Der kleine Held“ und

„Das Gut Stepantschikowo“ in den „Vaterländischen Annalen“. Von 1861–63

erschien alles, was er schrieb, in seiner Zeitschrift „Die Zeit“, so

auch die „Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke“, die, geschrieben

nach seinem Besuch bei Herzen in London, deutlich Herzens Einfluß

verraten. Die Herausgeber und Mitarbeiter der „Zeit“ (der amtlich allein

bestätigte Herausgeber war Dostojewskis Bruder, gegen den politisch

nichts vorlag), Dostojewski, Apollon Grigorjeff und Strachoff, nannten

sich „die Bodenständigen“ („Potschwenniki“), und namentlich der

konservative Hegelianer Strachoff polemisierte in der „Zeit“ aufs

schärfste gegen Njekrassoffs „Zeitgenossen“, das Organ der Radikalen

(der später sog. „Nihilisten“), doch gleichzeitig wurde von Grigorjeff –

der neben Strachoff von entscheidendem Einfluß auf Dostojewskis

politisches Denken war – trotz seiner Beziehung zu den Slawophilen und

seiner Mitarbeiterschaft an Pogodins „Moskowiter“, der ultranationale

Katkoff verspottet (die Literatur sei für Katkoff Hekuba, er habe nur

ihre politische Macht erkannt und suche diese auszunutzen). Jedenfalls

waren die Zensoren sich noch nicht darüber klar, ob sie die „Zeit“ bezw.

die „Bodenständigen“ als linksstehend oder rechtsstehend betrachten

sollten, und auf Katkoffs Denunziation hin wurde die Zeitschrift 1863

sistiert (vgl. S. 160 Anm.). Der Aufstand der Polen, der Erbfeinde,

bewirkte einen allgemeinen Umschwung der Geister in Rußland. Herzens

Aufruf für die Polen (vgl. S. 175 Anm.) entzog ihm mit einem Schlage die

ganze große Liebe der plötzlich national gesinnten russischen

Intelligenz und trieb diese seinem Gegner Katkoff zu, der nun in den

„Moskauer Nachrichten“ (1863 von neuem von ihm übernommen) einen

leidenschaftlichen Feldzug gegen Herzen begann. Herzens in London

erscheinendes Blatt „Die Glocke“ (mit dem Motto „_vivos voco_“), das bis

dahin die führende Stimme der nicht reaktionären Mehrheit der

Intelligenz gewesen war, verlor in kürzester Zeit vier Fünftel seiner

Abonnenten. Im Jahre 1864–65 arbeitete Dostojewski nach dem frühen Tode

Grigorjeffs (1864) mit Strachoff in konservativ-nationalem Sinne an der

Herausgabe der „Epoche“ (die Fortsetzung der sistierten „Zeit“), die aus

finanziellen Gründen im Frühjahr 1865 einging. 1866 erschien sein erster

großer Roman „Rodion Raskolnikoff“ in Katkoffs konservativem „Russischen

Boten“, 1868 „Der Idiot“ und 1871–72 „Die Dämonen“ in demselben Blatt,

das inzwischen zum Organ der geistigen Elite geworden war. Auf

Grund dieser Romane und der Verschiebung seiner offiziellen

Parteizugehörigkeit nach rechts, wurde er dann 1872 ohne Bedenken von

seiten der Polizei als Redakteur bestätigt. E. K. R.

[94] Gemeint ist einer der zahlreichen Romane des Fürsten Meschtscherski

„Einer von unseren Bismarcks“, der damals im „Bürger“ erschien und die

Petersburger höhere Gesellschaft nicht ohne satirischen Beigeschmack

schildert. E. K. R.

[95] Gemeint sind die Artikel des reaktionären Publizisten Katkoff

(1820–87), der seit 1863 eine so führende Rolle spielte, daß Herzen von

ihm sagen konnte, er habe dem Zarismus den Journalismus aufgezwungen.

1877 setzte er gegen den ursprünglichen Willen der Regierung den Krieg

für die Balkanslawen durch, für den auch Dostojewski mit aller

Überzeugung eintrat. Seit 1881 unter Alexander III. war Katkoff bei Hofe

_persona grata_. E. K. R.

[96] „Die Stimme“ wurde in Petersburg von Krajewski, dem Gründer der

„Vaterländischen Annalen“, herausgegeben und vertrat die liberale

Richtung. E. K. R.

[97] Im Sommer 1862 in London. Das erwähnte Buch ist eine erste

Abrechnung Herzens mit seinen revolutionären Illusionen. E. K. R.

[98] Historiker (1800–75), reaktionärer Chauvinist, gab die slawophile

Zeitschrift „Der Moskowiter“ heraus, zu deren Mitarbeitern früher auch

Apollon Grigorjeff gehört hatte. Pogodin war ein Kollege und Freund von

Schewyreff (vgl. S. 84). 1835 wurde er vom Grafen Uwaroff

(Unterrichtsminister von 1833–49) zum Professor der Geschichte an der

Moskauer Universität ernannt, damit er die Orthodoxie im

imperialistischen Sinne verteidige. Uwaroff hatte das offizielle

Programm der Reaktion folgendermaßen formuliert: „Unsere gemeinsame

Aufgabe besteht darin, dahin zu wirken, daß die Bildung der Nation in

dem vereinten Geiste der Orthodoxie, Autokratie und Nationalität vor

sich gehe ...“ und „... Inmitten des schnellen Verfalls der religiösen

und bürgerlichen Institutionen in Europa, bei der Verbreitung der

revolutionären Ideen allerorts, ist es Pflicht, das Vaterland auf einem

unerschütterlichen Boden zu befestigen ...“ Auf diesem Boden der Formel

Uwaroffs „Orthodoxie, Autokratie, Nationalität“ stand dann auch das

Zarenwort an den Unterrichtsminister: „Schränke die Bildung ein“, und

gegen diesen „Prometheus (Uwaroff), der das Feuer nicht Jupiter, sondern

den Menschen stahl“, richtete Herzen seine geistreichsten Angriffe. E.

K. R.

[99] Veröffentlicht im Januar 1873 in Nr. 2 des „Bürgers“ als zweiter

Beitrag unter dem fortlaufenden Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“.

E. K. R.

[100] Im Jahre 1845. Siehe „Alte Erinnerungen“ im vorliegenden Bande. E.

K. R.

[101] Näheres über die Ursache dieser Einstellung Dostojewski’s zu den

Revolutionären in der Einführung zum Roman „Die Dämonen“, neue Auflage,

1921. E. K. R.

[102] Bjelinski hat 1843 geheiratet. Es ist charakteristisch für die

Radikalen und Revolutionäre Bjelinski, Herzen, Tschernyschewski, wie

auch für Dobroljuboff und Pissareff, sowie für die späteren Lawroff und

Michailowski –, daß sie eine überaus hohe und reine Auffassung von der

Ehe hatten und auch sonst makellose Charaktere waren. E. K. R.

[103] Gattin des deutschen, 1848 nach der Schweiz geflohenen

revolutionären Politikers, Gründers der internationalen Freiheits- und

Friedensliga. E. K. R.

[104] Veröffentlicht im Dezember 1873 in Nr. 50 des „Bürgers“ als

sechzehnter und letzter Beitrag Dostojewskis unter dem fortlaufenden

Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“. E. K. R.

[105] Der Bakuninist Netschajeff hatte 1869 in Moskau unter der

studierenden Jugend einen Geheimbund gegründet, der unter seiner Leitung

alsbald den eigenen Genossen Iwanoff ermordete, weil dieser sie alle

angeblich zu verraten beabsichtigte. Netschajeff wollte durch dieses

Verbrechen die übrigen Mitglieder ganz in seine Macht bekommen und dann

seinen „Katechismus der Revolution“ verwirklichen. Seine Ideen –

„radikale und allgemeine Pandestruktion“ unter Verpönung aller Pläne für

den zukünftigen Aufbau (vgl. S. 155 seinen Ausspruch vom „Werk der

Zerstörung“) – veröffentlichte er in Genf in einem Blatt, das er

„Volksgericht“ nannte und von dem 1869 und 70 je eine Nummer erschien.

Der Prozeß wegen der Ermordung Iwanoffs („Der Prozeß der

Siebenundachtzig“) begann 1871. Im folgenden Jahr wurde Netschajeff von

der Schweiz als gemeiner Verbrecher ausgeliefert und 73 zu zwanzig

Jahren Zuchthaus verurteilt. Er starb 1882 in der Peter-Pauls-Festung. –

Inwieweit Dostojewski in seinem Roman „Die Dämonen“, der 1870 begonnen,

71–72 veröffentlicht worden ist, den Fall Netschajeff als Vorlage

benutzt hat, geht annähernd aus diesem Artikel hervor. Ob Dostojewski

schon in den vierziger Jahren von Speschnjoffs „Entwurf“ (vgl. S. 82)

gehört hat, muß dahingestellt bleiben; jedenfalls lagen diese Ideen

schon in der Luft. Dostojewskis Freund, W. Ssolowjoff, nennt ihn

gelegentlich einen „Propheten“, der nicht nur die Idee Raskolnikoffs,

sondern auch den Prozeß Netschajeff „in den ‚Dämonen‘ bereits

vorweggenommen hat“. Der Roman „Raskolnikoff“ war im Druck, jedoch noch

nicht erschienen, als in Moskau gleichfalls von einem Studenten und in

Paris aus denselben Gründen ein Mord verübt wurde. E. K. R.

[106] Unbedeutende liberale Zeitschrift. E. K. R.

[107] Bei der Berührung des Fußbodens mit der Stirn während des Gebets,

– dem Sinne nach eine Redensart wie „blinder Eifer schadet nur“. E. K.

R.

[108] Dieser Satz ist ausschließlich für die Zensoren geschrieben. Vgl.

S. 135 Anm. E. K. R.

[109] Es war für alle vom Emigrationsfieber ergriffenen Russen jener

Zeit zur unverbrüchlichen Gewohnheit geworden, sich mit der Bitte um

Beschäftigung oder Unterstützung an Herzen zu wenden. Auch Kelssijeff –

ein zum Radikalismus übergegangener Exseminarist, der die

Priesterlaufbahn aufgegeben hatte, ein wertloser Mensch und sehr

unerfreulicher Charakter – war 1860 mit seiner Frau und zwei kranken

Kindern zu Schiff nach London gereist, um sich dort an Herzen zu wenden,

der ihn als Korrektor in einer englischen Druckerei, die u. a. russische

Bibeln druckte, unterbrachte und ihm aus Mitleid immer wieder half. E.

K. R.

[110] Über die Geschichte dieser Stiftung „für revolutionäre

Propaganda“, die nicht nur den einen jungen Russen von damals

charakterisiert, geben die 1881 erschienenen „St. Petersburger Beiträge

zur neuesten russischen Geschichte“ (vgl. S. 156 Anm.) folgenden

Überblick:

„Im Jahre 1858 war ein blutjunger, durch radikale Zeitungslektüre

europamüde gewordener Russe nach London gekommen, um von hier nach den

(ihm kaum dem Namen nach bekannten) Marquesas-Inseln auszuwandern.

Dieser Jüngling ... hatte seinen berühmten Landsmann gebeten, von den in

seinem Besitz befindlichen 50000 Franken die Hälfte anzunehmen und für

_propagandistische_ Zwecke zu verwenden. Trotz aller Einwendungen

Herzens, der wiederholt geltend machte, daß es ihm an Geld nicht fehle

und daß er um die Verwendung der ihm angebotenen Summe verlegen sei,

hatte der künftige Bürger der Marquesas-Inseln auf seinem Wunsche so

nachdrücklich bestanden, daß Herzen schließlich nachgeben mußte. Er

begleitete also seinen neuen Bekannten zu Rothschild, dessen

Geschäftsleute sich vor Verwunderung nicht zu lassen wußten, als der

junge Schwärmer sie fragte, welche Geldsorten auf den Marquesas-Inseln

Kurs hätten und ob es nicht möglich wäre, ihm auf diesen Inseln einen

Kredit zu eröffnen ... Nach langem Verhandeln kam man überein, daß der

junge Auswanderer 30000 Franken in Gold auf die Reise mitnahm (allen

Warnungen zum Trotz tat er diese Summe in einen kleinen schlecht

verschlossenen Reisekoffer) und daß der Rest Herzen und Ogarew zur

Verfügung gestellt werden sollte: beide Männer waren übereingekommen,

diese Summe zinstragend anzulegen und unangetastet zu lassen, bis der

Marquesas-Bürger dieselbe zurückfordere. Dabei behielt es sein Bewenden,

obgleich der wunderliche Spender wider Erwarten nie wieder etwas von

sich hören ließ und obgleich Bakunin sein möglichstes tat, um diese

Summe in die Hände zu bekommen und mit Hilfe derselben an der Wolga oder

in Odessa oder sonst irgendwo eine Revolution in Szene zu setzen.

Gleichen Widerstand setzte Herzen den Werbungen der jungen ‚Nihilisten‘

entgegen, die einige Jahre später auf diesen ‚Allgemeinen

Revolutions-Fonds‘ Anspruch erhoben und deren Verleumdungen er (eigener

Angabe nach) ebenso gründlich verachtete, wie ihre albernen

Unternehmungen. Der bezügliche Abschnitt seines Buches (‚Nachgelassene

Schriften‘) gehört zum Schärfsten und zum Lehrreichsten, was über den

Nihilismus überhaupt geschrieben worden ist und verdiente es, in Rußland

öffentlich bekannt gemacht zu werden“.

Herzens Schriften durften in Rußland erst nach 1905 – in einer vielfach

gekürzten Ausgabe – erscheinen. E. K. R.

[111] Veröffentlicht 1876 in der Juni-Nummer der Monatshefte, die

Dostojewski seit dem Januar 1876 als „Tagebuch eines Schriftstellers“

allein schrieb und im Selbstverlage herausgab. E. K. R.

[112] Russischer Dichter (1783–1852), Romantiker, dessen Übersetzungen

besonders der Balladen von Schiller, Goethe, Bürger, Byron, den

Originalen fast gleichkommen. E. K. R.

[113] D. h. in den letzten Jahren der Regierungszeit Nikolais I., etwa

von 1848–55. E. K. R.

[114] Unbedeutender Dichter, liberaler Aristokrat. E. K. R.

[115] Magnitzki – berüchtigter Zensor, bereits unter Alexander I. im

streng reaktionären Sinne tätig. Staatsrat Liprandi zeichnete sich als

Beamter des Polizeidepartements durch rücksichtslose Härte aus und

erfreute sich der besonderen Gunst seines Gönners Dubbelt. Vgl. S. 100.

E. K. R.

[116] Überpatriotische Schriftsteller und Herausgeber von Zeitschriften.

Bulgarin, ein Expole, dessen Romane zu Anfang der dreißiger Jahre viel

gelesen wurden, ist von Puschkin als Polizeispitzel charakterisiert

worden. E. K. R.

[117] Veröffentlicht 1877 in der Januar-Nummer der Monatshefte „Tagebuch

eines Schriftstellers“. E. K. R.

[118] Siehe S. 62 Anm. E. K. R.

Sämtliche Werke 11 · 第 15 / 17 题