Das dritte

und vollkommen überflüssige Kapitel.

Übrigens waren das weniger Überlegungen, als gewisse Betrachtungen,

wahllose Vorstellungen, sogar Träume „von dem sowohl als wie von jenem,

zumeist jedoch von Null und Nichts“. Zunächst kehrte ich auf dieser

Gedankenreise in der Vergangenheit ein und begann damit, daß ich über

diesen Menschen, der obenerwähnten Aphorismus über die französische

Überlegungskraft in die Welt gesetzt, ins Nachdenken geriet. Dieser

Mensch war zu seiner Zeit ein großer Liberaler. Aber wenn er auch sein

Lebelang aus unbekannten Gründen einen französischen Rock auf seinem

Körper und Puder auf dem Kopfe trug und hinten einen Degen baumeln ließ,

zum Zeichen seiner ritterlichen Herkunft (die es bei uns überhaupt nicht

gegeben hat), sowie zur Verteidigung seiner persönlichen Ehre im

Wartezimmer Potjomkins, begann er sich doch, kaum daß er die Nase ins

Ausland gesteckt hatte, im Nu mittels aller biblischen Texte von Paris

loszubeten und loszusagen und fällte auch schon sein Urteil über den

Franzosen, dem er die Gabe der Überlegungskraft ohne weiteres absprach,

ja, der nach diesem Urteil ihren Besitz sogar als ein Verderben für sich

ansehen würde. – Doch um mich zu vergewissern: am Ende denken Sie jetzt

gar, ich hätte den baumelnden Degen und den französischen Samtrock

Vonwisins in tadelndem Sinne erwähnt? Keineswegs! Er hätte doch nicht

einen Bauernkittel tragen sollen, und das noch damals, wenn sogar heute

manche Herren, um _Russen zu sein_ und sich mit dem Volk verbunden zu

fühlen, keinen Bauernkittel angezogen, sondern eine Art Ballettkostüm

für sich erfunden haben, an welchem nicht viel fehlt, um dasselbe Kostüm

zu sein, in dem die Helden unserer historischen Opern auf der Bühne

erscheinen, _à la_ Ruslan, dessen Ludmila denn auch dementsprechend als

Kopfschmuck den Kokoschnick trägt. Nein, der französische Rock war dem

Volk doch verständlicher. „Da sieht man gleich den Herrn,“ hieß es dann,

„ein Herr kann doch nicht wie unsereiner im Kittel gehen“. Vor kurzem

wurde mir von einem Gutsbesitzer erzählt, einem Zeitgenossen, der, um

mit dem Volke eins zu werden, gleichfalls ein sogenanntes _russisches

Kostüm_ zu tragen anfing und sich verlocken ließ, in dieser Tracht auch

auf den Versammlungen der Bauernschaft zu erscheinen; aber siehe, da

geschah es, daß die Bauern, als sie ihn erblickten, unter sich zu

einander sagten: „Was schleppt sich denn dieser Verkleidete zu uns?“

Also ist’s dem Gutsbesitzer auf diesem Wege doch nicht gelungen, mit dem

Volke eins zu werden.

„Nein, ich für meine Person,“ sagte mir ein anderer Herr, „ich werde

nichts abtreten. Ich werde mir absichtlich den Bart scheeren und, wenn

es nötig ist, auch im Frack gehen. Die Sache selbst werde ich machen,

aber mir niemals anmerken lassen, daß ich ihm, dem Volk, nähertreten

will. Ich werde der Herr sein, werde geizig und berechnend sein, ja

werde sogar bedrücken und erpressen, wenn es mir ratsam erscheint. Dann

achten sie einen mehr. Und das ist doch alles, worauf es ankommt, daß

man zuerst eine richtige Achtung durchsetzt.“

„Pfui, Teufel!“ dachte ich. „Das ist ja, als rüsteten sie sich gegen

Fremdstämmige. Ein militärischer Rat und nichts weiter.“

„Ja,“ sagte ein dritter zu mir – nebenbei bemerkt: ein überaus lieber

Mensch –, „nun gut, sagen wir, ich lasse mich in eine Dorfgemeinde

eintragen, plötzlich aber werde ich für irgend etwas von der

Gemeindeversammlung zur Rutenstrafe verurteilt. Was dann?“

„Na, und selbst wenn?“ wollte ich schon sagen, aber ich sagte es nicht,

denn ich wagte es nicht so recht. – Was ist das doch, woher kommt es,

daß wir uns noch immer fürchten, manche Gedanken auszusprechen? – „Und

selbst wenn?“ dachte ich bei mir, „selbst wenn du mal Ruten bekämest,

was wäre denn dabei? Solche Wendungen der Dinge heißen bei den

Professoren der Ästhetik das Tragische im Leben, und damit ist’s

erledigt. Soll man denn wirklich nur deshalb gleich von allen

abgesondert leben? Nein, wenn man schon mit dem Volke eins sein will,

dann sei man es auch ganz und mit allen, wenn man aber ein Mensch für

sich sein will, dann sei man aber auch wirklich und vollkommen

abgesondert. Anderswo ist noch ganz anderes ertragen worden und noch

dazu von schwachen Frauen und Kindern.“

„Aber ich bitte Sie, was hat das mit Frauen und Kindern zu tun!“ hätte

mein Gegner hierauf ausgerufen, „die Dorfgemeinde würde mich, mir nichts

dir nichts, vielleicht wegen irgend einer Kuh, die in einen fremden

Gemüsegarten eingebrochen ist, einfach versohlen, bei Ihnen aber wird

daraus schon eine allgemeine Sache!“

Nun ja, das ist natürlich lachhaft, und überhaupt ist’s eine lächerliche

Geschichte, dazu so eine schmutzige, wissen Sie, die man lieber nicht

anrührt, denn man will sich doch nicht die Hände besudeln. Ist doch

schon das bloße Sprechen davon eigentlich unanständig. Hole sie allesamt

der Henker, mögen sie da gedroschen werden so viel ihrer sind, ich bin’s

ja nicht. – Nun, ich bin aber meinerseits zu jeder Bürgschaft bereit:

daß das Urteil der Dorfgemeinde meinem lieben Widerstreiter auch nicht

ein einziges Rutenhiebchen zudiktieren würde, selbst wenn sie mit ihm

wie mit einem Gleichstehenden verfahren könnte ...

„Welch eine Rückständigkeit!“ ruft jemand aus, wenn er dieses liest,

„heute noch für die Rutenstrafe einzutreten!“ (Bei Gott, irgend jemand

wird doch bestimmt daraus folgern, daß ich für die Rutenstrafe sei.)

„Aber ums Himmels willen, wovon reden Sie denn jetzt,“ bemerkt ein

anderer, „Sie wollten von Paris berichten und statt dessen ...“

Ja, das ist allerdings ... Aber ich erinnere mich, daß ich gerade

damals, als wir uns Eydtkuhnen näherten, ganz besonders über alles

Vaterländische ins Nachdenken geriet, über unser Eigenes, das ich nun um

Europas willen verließ. Ich sann unter anderem auch über die Frage nach:

wie hatte in den verschiedenen Zeiten Europa sich in uns

widergespiegelt, wie hatte es sich mit seiner Zivilisation beständig bei

uns als Gast eingedrängt und inwieweit waren wir denn zivilisiert worden

und wieviel Zivilisierte gab es jetzt wohl bei uns, einfach als Zahl?

Doch ich sehe jetzt selbst, daß alles dies hier wirklich überflüssig

ist. Aber ich habe Sie ja gewarnt und selbst im voraus gesagt, daß

dieses ganze Kapitel ein überflüssiges sein werde. Übrigens, wo blieb

ich denn stehen? Ja, richtig! bei dem französischen Rock. Mit dem begann

es ja überhaupt!

Also sehen Sie mal, einer dieser französischen Röcke schrieb damals den

„Brigadier“. Der „Brigadier“ war für jene Zeit etwas Erstaunliches und

machte denn auch einen ungeheuren Eindruck. „Stirb, Denis, Besseres

kannst du nicht mehr schreiben,“ sagte selbst Potjomkin zu ihm. Alles

begann gleichsam aus dem Halbschlaf zu erwachen, sich zu regen. Wie,

dachte ich in meinen willkürlichen Betrachtungen weiter, sollte es den

Menschen wirklich schon damals langweilig geworden sein, nichts zu tun

und mit fremder Hilfe zu gehen? Ich spreche nicht nur von der damaligen

französischen Hilfe, ja, ich möchte sogar gleich vorausschicken, daß wir

eine überaus leichtgläubige Nation sind und alles bei uns von unserer

Gutmütigkeit kommt. Wir sitzen alle ohne Arbeit da und wenn es uns dann

plötzlich scheint, daß irgend jemand irgend etwas gesagt oder getan hat,

daß sich ein Geruch von eigenem Geiste kundtut, daß sich eine

Betätigungsmöglichkeit gefunden, dann stürzen wir alle darüber her und

sind unbedingt überzeugt, daß „es“ nun sofort beginnen werde. Eine

Fliege fliegt durch die Luft, wir aber glauben schon, ein Elefant sei

vorübergeführt worden. Es liegt darin die ganze Unerfahrenheit der

Jugend, nun und zudem noch der Hunger nach so etwas. Ja, fast begann das

alles bei uns schon vor dem Erscheinen des „Brigadier“ – natürlich

zuerst nur in mikroskopischem Maßstabe – und noch heute ist es

unverändert dasselbe: glauben wir eine Sache gefunden zu haben, so

brüllen wir schon vor Enthusiasmus. Überhaupt ist Schreierei und

Überfluten vor lauter Begeisterung bei uns immer das Erste; schaut man

aber zu: schon in kaum zwei Jahren gehen wir wieder alle auseinander und

lassen die Nase hängen. Und doch werden wir’s nicht müde, und wenn es

auch noch hundert Mal von neuem anfängt. Was aber die fremde Hilfe

betrifft, so hat doch zu Vonwisins Zeit in der Masse fast niemand daran

gezweifelt, daß es die heiligste, die europäischste Hilfe und die

liebste Vormundschaft war. Freilich, auch jetzt gibt es wenig

Zweifelnde. Unsere ganze extrem-progressive Partei setzt sich ja bis zur

Raserei für fremde Hilfe ein. Damals aber, oh, damals war es die Zeit

eines solchen Glaubens an alle Hilfen, daß man sich eigentlich wundern

kann, warum wir damals nicht Berge versetzt haben und warum alle unsere

Hochplateaus, Gipfel von Pargolowo[85] und die Pics unseres Waldaischen

Hochgebirges noch immer auf denselben Stellen stehen ... Übrigens, meine

Herrschaften, ich spreche jetzt nur von der Literatur, und zwar nur von

der schönen Literatur, an deren Werken ich den fortschreitenden und

wohltätigen Einfluß Europas auf unser Vaterland verfolgen will. Das

heißt, wenn man bedenkt, was für Bücher damals (vor dem Erscheinen des

„Brigadiers“ und noch zu derselben Zeit) verlegt und gelesen wurden, so

können wir nicht umhin, einen gewissen frohen Hochmut unsererseits zu

empfinden! Vor längerer Zeit brachte Kusma Prutkoff einmal im

„Zeitgenossen“ unter anderem „Vermischtem“ auch „Aufzeichnungen meines

Großvaters“. Man sollte meinen, was könnte interessanter sein, als die

Memoiren so eines alten, wohlbeleibten Generals der Katharineischen

Zeit, der sowohl bei Hofe war wie in der Schlacht bei Otschakoff, – was

mußte der Mann nicht alles gesehen und erlebt haben! Statt dessen aber

... besteht das Ganze nur aus Anekdötchen ... Man glaubt schließlich, es

handele sich um einen Betrug, einen solchen Großvater habe es nie

gegeben. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich selbst in meiner Kindheit ein

Buch aus der Zeit Katharinas gelesen, aus dem ich noch folgende Anekdote

behalten habe.

„_Eine geistreiche Antwort des Kavaliers de Rohan._ Wie bekannt, roch

der Kavalier de Rohan sehr schlecht aus dem Munde. Als er einmal beim

Lever des Prinzen Condé zugegen war, sagte selbiger zu ihm: ‚Trete er

zurück, Kavalier de Rohan, es riecht von ihm schlecht‘. Worauf der

Kavalier ohne Verzug wie folgt replizierte: ‚Der Geruch geht nicht von

mir aus, allergnädigster Prinz, sondern von Euch, sintemal Ihr soeben

aus dem Bette steigt.‘“

Man stelle sich nur diesen „Großvater“ und Großgrundbesitzer, den alten

Soldaten, vielleicht sogar einarmigen Krieger mit seinen hundert

Hofleuten vor ... wie er mit der Brille auf der Nase langsam

buchstabierend solche Anekdoten liest und das alles noch für wichtig, ja

womöglich für den Kern des Ganzen hält, mit dem sich zu befassen fast

eine mit dem Dienst verbundene Pflicht für ihn ist. Und was war das doch

damals für ein naiver Glaube an die Bedeutung und Notwendigkeit

ähnlicher europäischer Nachrichten. „Wie bekannt ...“ Wem war es

bekannt, warum, wozu, welchen Bären im Gouvernement Tamboff konnte das

bekannt sein? Und wer will so etwas überhaupt wissen? Doch solche

freidenkerischen Fragen beunruhigen den Großvater nicht. Mit

kindlichster Gläubigkeit denkt er bei sich, daß „selbige Sammlung von

Bonmots“ bei Hofe bekannt ist, und das genügt ihm. Ja, natürlich, damals

war es uns ein Leichtes, Europa uns anzueignen, d. h. physisch, versteht

sich. Moralisch aber ging es selbstredend nicht ohne die Peitsche. Man

zog sich seidene Strümpfe über die Beine bis zum Knie hinauf, man

steckte den Kopf unter eine Perücke, man hängte sich hinten ein Deglein

an und – war nun Europäer. All das störte nicht nur nicht, sondern

gefiel sogar. Im Grunde aber blieb alles beim Alten: nachdem man den de

Rohan aus der Hand gelegt und die Brille von der Nase genommen, verfuhr

man ebenso wie früher mit dem Hofgesinde, beherrschte wie früher

patriarchalisch die Familie, prügelte wie früher im Pferdestall den

benachbarten Kleingrundbesitzer, wenn dieser frech zu werden wagte, und

log und trog genau so vor den Höheren. Bei alledem war man aber dem

Bauer doch verständlicher: man verachtete ihn weniger, ekelte sich

weniger vor seinen Bräuchen, war ihm weniger fremd, war weniger deutsch.

Daß man aber ihm gegenüber den Allmächtigen spielte, ja wie sollte denn

der Herr das nicht, – dafür war er doch der Herr. Und wenn diese Herren

ihre Leibeigenen oft auch zu Tode prügelten, so waren sie dem Volke

dennoch gewissermaßen lieber als die jetzigen, denn sie waren ihm

verwandter, waren von demselben Stamm. Mit einem Wort, alle diese

Herrschaften waren einfaches, stämmiges Volk, forschten nicht nach den

letzten Wurzeln, sie nahmen, prügelten, stahlen, bogen mit Liebe den

Rücken, wo’s not tat, und lebten friedlich und fett „in kindlicher,

gewissensruhiger Verderbnis“. Ja, mich däucht sogar, daß alle diese

Großväter gar nicht so naiv waren, nicht einmal in betreff der de Rohans

und ähnlicher Anekdoten.

Ja, vielleicht waren sie mitunter sogar große Schelme, die unbeschadet

aller damaligen europäischen Einflüsse von oben her durchaus ihren Kopf

für sich behielten. Diese ganze Phantasmagorie, diese ganze Maskerade,

alle diese französischen Röcke, Manschetten, Perücken, Zierdegen, alle

diese dicken, plumpen Beine, die sich in seidene Strümpfe schoben, alle

diese damaligen Soldaten in deutschen Perücken und Gamaschen, – mir

scheint, alle waren sie furchtbare Betrüger und das Ganze ein

lakaienhafter, gehorsamster Betrug von unten, so daß selbst das Volk

dies manchmal merkte und begriff. Natürlich kann man Amtmann und Schelm

und „Brigadier“ sein und zugleich höchst naiv und rührend überzeugt,

eben dieser Kavalier de Rohan sei wirklich das „subtilste Superflue“.

Aber das störte ja nicht im geringsten: Die Gwosdiloffs prügelten wie

ehedem, unsere de Rohans wurden von unserem Potjomkin und von jedem

seinesgleichen womöglich ebenso im Pferdestall gedroschen, unsere

Kavaliere nahmen, was sie nehmen konnten von Lebendigen und von Toten,

und von den Fäusten mit Manschetten und den Füßen in seidenen Strümpfen

wurden dieselben Genickstöße und Fußtritte verabreicht wie ehedem; bei

Hofe aber bogen sich unsere Marquis’, „mutig mit dem Nacken opfernd“.

Kurz, dieses ganze bestellte und befohlene Europa lebte sich damals

erstaunlich bequem bei uns ein, angefangen mit Petersburg – dieser

phantastischsten Stadt mit der phantastischsten Geschichte aller Städte

des Erdballs.

Nun, jetzt aber ist es schon was anderes und Petersburg hat gesiegt.

Jetzt sind wir bereits ganze Europäer, sind herangewachsen. Jetzt

versucht selbst ein Gwosdiloff sich anzupassen, wenn’s zum Prügeln

kommt, sucht den Anstand zu wahren, wird zum französischen Bourgeois,

und warten wir noch ein Weilchen, dann wird er gar wie ein

Nordamerikaner aus den Südstaaten mit Bibeltexten die Notwendigkeit des

Handels mit Negern zu verteidigen anfangen. Nebenbei: diese Art der

Verteidigung greift von dort aus neuerdings stark auch nach Europa

hinüber. Nun, wenn ich erst dort sein werde, kann ich mich ja selbst von

allem überzeugen, dachte ich bei mir. Aus Büchern ist das doch nie zu

erfahren, was man mit eigenen Augen sieht. Übrigens – da ich gerade auf

Gwosdiloff zu sprechen gekommen bin: warum hat Vonwisin einen der

bemerkenswertesten Sätze in seinem „Brigadier“ gerade nicht der Ssofja,

der Vertreterin der vornehmen und human-europäischen Entwicklung in den

Mund gelegt, sondern der dummen Brigadierin? – wo es gilt, die Wahrheit

zu sagen, da wird diese also doch nicht von Ssofja ausgesprochen,

sondern von dieser Frau, die er, abgesehen von ihrer Dummheit, auch noch

als böses Frauenzimmer gezeichnet hat. Es ist geradezu, als habe er sich

nicht getraut oder gar es für künstlerisch unmöglich gehalten, daß ein

solcher Ausspruch der gleichsam in der Orangerie erwachsenen, so

wohlerzogenen Ssofja entschlüpfen könnte, und er hat es doch irgendwie

natürlicher gefunden, daß ein einfaches, dummes Weib ihn ausspricht!

Diese Stelle, die es wert ist, behalten zu werden, ist um so

bemerkenswerter, als sie ohne jede Absicht und ohne alle Hintergedanken,

ganz naiv und vielleicht sogar ganz unbedacht geschrieben worden ist.

Die Gattin des Brigadiers erzählt der Ssofja:

„... In unserem Regiment war ein Hauptmann, Gwosdiloff mit Namen.

Derselbe hatte so eine schmucke-schmucke junge Frau. Wenn es nun vorkam,

daß er sich ärgerte, aber meist geschah es wohl in der Betrunkenheit, da

begann er sie denn, wirst du’s mir glauben, so zu prügeln, was nur die

Seele hergab, und das alles für nichts und wieder nichts. Na, uns ging

das ja nichts an, aber manchmal hätte man doch weinen mögen, wenn man

sie so sah.

_Ssofja_: Ich bitte Euch, hört auf, davon zu erzählen, was die

Menschheit empört.

_Die Brigadierin_: Ja, sieh mal, du willst davon _nicht einmal hören_,

wie aber muß das für die Hauptmannsfrau _zu erdulden_ gewesen sein?“

Damit wird die wohlerzogene Ssofja mit ihrer ganzen

Orangerie-Empfindsamkeit von einer gewöhnlichen, ungebildeten Frau

einfach matt gesetzt. Es ist das eine ganz erstaunliche Antwort bei

einem Vonwisin, und man kann nur sagen, daß von ihm nichts Treffenderes

geschrieben worden ist, auch nichts Menschlicheres und ...

Unbeabsichtigteres![86]

Ja, wie viele solcher Orangerie-Progressisten gibt es bei uns noch heute

und selbst unter unseren wichtigsten Führern, Orangerie-Progressisten,

die mit dieser ihrer Treibhaushaftigkeit sogar außerordentlich zufrieden

sind und gar nichts anderes verlangen. Doch das Merkwürdigste bei

alledem ist zweifellos, daß Gwosdiloff seine Frau nach wie vor prügelt,

und zwar jetzt fast mit noch größerem Genuß als früher. Es ist wirklich

so. Man sagt, früher sei es mehr aus Liebe geschehen! – wie man ja auch

zu sagen pflegt „wen ich liebe, den schlage ich“. Sogar die Frauen,

heißt es, hätten sich beunruhigt gefühlt, wenn sie nicht geschlagen

wurden: er schlägt nicht, folglich liebt er nicht. Aber das war ja alles

noch Urzustand, noch elementar, rassig. Jetzt aber hat sich auch das

schon der Entwicklung unterworfen. Jetzt prügelt Gwosdiloff beinahe

schon aus Prinzip, aber im Grunde doch nur, weil er immer noch ein

Dummkopf ist, d. h. ein Mensch der alten Zeit, der die neuen

Einrichtungen nicht begreift. Nach diesen neuen Einrichtungen aber kann

man ja ohne Selbsthilfe und Faustrecht noch viel mehr erreichen. Wenn

ich mich hier so über Gwosdiloff verbreite, so geschieht das nur, weil

man bei uns noch immer über Gwosdiloff die tiefsinnigsten und humansten

Phrasen schreibt, und zwar so unaufhörlich, daß es sogar dem Publikum

schon zu viel wird. Gwosdiloff ist bei uns so lebenszäh, trotz aller

Artikel gegen ihn, daß er fast unsterblich zu sein scheint. Jawohl, er

lebt und ist gesund, ist satt und betrunken. Jetzt sind ihm zwar ein Arm

und ein Bein gelähmt, und seine Ehehälfte ist schon längst nicht mehr

„so eine schmucke-schmucke junge Frau“, wie sie es früher war. Sie ist

alt geworden, das Gesicht spitz und farblos, Runzeln und Leid haben es

durchfurcht. Doch als ihr Hauptmann krank darnieder lag, da wich sie

nicht von seinem Bett, durchwachte die Nächte bei ihm, tröstete ihn,

vergoß heiße Tränen um ihn, nannte ihn ihren lieben, guten Helden, ihren

lichten Falken, ihren mutigen Soldaten. Mag das einerseits die Seele

empören, mag es, mag es nur! Aber andererseits: es lebe die russische

Frau, und es gibt nichts Besseres in unserer ganzen russischen Welt als

ihre grenzenlos verzeihende Liebe. So ist es doch, nicht wahr? Um so

mehr, als selbst Gwosdiloff jetzt in nüchternem Zustande seine Frau

manchmal auch nicht mehr schlägt, das heißt, seltener schlägt, den

Anstand wahrt, ja mitunter sogar ein freundliches Wort zu ihr sagt.

Fühlt er doch jetzt im Alter, daß er ohne sie nicht auskäme; er versteht

nun schon zu berechnen, er ist nun Bourgeois, und wenn er sie auch jetzt

noch ab und zu schlägt, so geschieht das doch höchstens in der

Betrunkenheit und so aus alter Gewohnheit, wenn es ihm sonst schon zu

langweilig wird und irgend eine Sehnsucht ihn plagt. Nun, das aber ist

doch, sagen Sie, was Sie wollen, immerhin ein Fortschritt, immerhin ein

Trost, eine Beruhigung. Wir aber sind ja solche Liebhaber von

Beruhigungen ...

In der Tat, wir haben uns jetzt vollkommen beruhigt, ganz von selber.

Mag es auch rund um uns herum selbst jetzt noch nicht sehr schön

aussehen, dafür sind wir persönlich doch dermaßen schön, dermaßen

zivilisiert, dermaßen Europäer, daß sogar dem Volk bei unserem Anblick

übel wird. Jetzt hält uns das Volk bereits ganz und gar für Ausländer,

versteht kein Wort von uns, kein Buch von uns, keinen Gedanken von uns,

– das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen, ein Fortschritt. Jetzt

verachten wir das Volk und die volklichen Grundlagen schon so tief, daß

wir uns sogar mit einem gewissen neuen, noch nie dagewesenen Ekel zu ihm

verhalten, mit einem Ekel, wie er nicht einmal zur Zeit unserer de

Rohans vorhanden war, das aber ist doch, sagen Sie, was Sie wollen,

gleichfalls ein Fortschritt. Dafür sind wir – ja, wie sind wir dafür

selbstbewußt, wie überzeugt von unserer zivilisatorischen Berufung, mit

welch einer Herablassung lösen wir die Probleme, und noch dazu was für

Probleme: es fehlt an Land, es fehlt an Volk; Nationalität – das ist nur

ein bestimmtes Steuersystem; die Seele – _tabula rasa_, ein Ding aus

Wachs, aus dem man sogleich einen wirklichen Menschen formen kann, einen

allgemeinen Allgemeinmenschen, einen Homunculus – man braucht nur die

Früchte der europäischen Zivilisation anzuwenden und zwei-drei Bücher zu

lesen. Dafür: wie sind wir jetzt ruhig, wie erhaben ruhig, eben weil wir

an nichts mehr zweifeln und alle Streitfragen schon entschieden und

unterschrieben haben. Mit welch einer ruhigen Selbstzufriedenheit haben

wir zum Beispiel Turgenjeff heruntergerissen[87], weil er es wagte, sich

nicht mit uns zu beruhigen und sich nicht mit unseren erhabenen

Persönlichkeiten zu begnügen, weil er sich weigerte, sie für sein Ideal

anzuerkennen, und etwas Besseres suchte, als was wir jetzt sind. Etwas

Besseres als wir, Herr des Himmels! Was gibt es denn noch Schöneres und

Tadelloseres als wir unter der Sonne? Nun, er hat denn auch genug zu

hören bekommen für seinen Basaroff, diesen unruhigen und sich sehnenden

(das Anzeichen eines großen Herzens), ja, ungeachtet seines ganzen

Nihilismus, sich sehnenden Basaroff. Sogar für die Kukschina wurde er

heruntergerissen, für diese progressive Laus, die Turgenjeff aus der

russischen Wirklichkeit herausgekämmt hat, um sie uns vor die Augen zu

halten, und man fügte sogar hinzu, er spreche gegen die Emanzipation der

Frau. Die Emanzipation der Frau aber ist doch Fortschritt, da sagen Sie,

was Sie wollen. Jetzt stehen wir mit einer solchen korporalhaften

Selbstsicherheit, als solche Feldwebel der Zivilisation hoch über dem

Volke, daß es eine wahre Freude ist, uns anzuschauen: die Hände in die

Seiten gestemmt, herausfordernden Blickes – so sehen wir auf das Volk

hinab und spucken bloß: „Was sollten wir von dir, grobem Bauer, wohl

lernen können, wenn doch die ganze Nationalität, die ganze Volklichkeit

im Grunde nur Rückständigkeit ist, nur ein Steuersystem und nichts

weiter!“ Man wird doch Vorurteile nicht durchgehen lassen, ich bitte

Sie! Ach Gott, Vorurteile – da fällt mir soeben etwas ein ... Meine

Herrschaften, nehmen wir für einen Augenblick an, daß ich meine Reise

schon beendet habe und bereits nach Rußland zurückgekehrt bin, und

erlauben Sie mir, eine Anekdote wiederzugeben: ich las sie in diesem

Herbst in einer unserer fortschrittlichsten Zeitungen. Es war eine

Korrespondenz aus Moskau unter der Überschrift: „Noch Reste der

Barbarei“ (oder etwas Ähnliches, jedenfalls ein sehr starker Ausdruck.

Schade nur, daß ich die Zeitung nicht zur Hand habe.). Und es wird

erzählt, wie man eines Morgens – es war in diesem Herbst – in Moskau ein

Gefährt erblickt hat, auf dem eine betrunkene Brautwerberin saß, noch in

der Hochzeitstracht, mit Bändern aufgeputzt und ein Lied singend. Auch

der Kutscher war mit Bändern geschmückt und gleichfalls betrunken, ja,

auch er brummte sogar ein Lied. Selbst das Pferd war bunt bebändert, nur

weiß ich nicht, ob es auch betrunken war. Sicherlich wird es betrunken

gewesen sein. Die Brautwerberin hielt auf dem Schoß ein Bündelchen mit

Sachen von dem neuvermählten Paar, das augenscheinlich eine glückliche

Nacht verbracht hatte. Dieses Bündelchen enthielt natürlich ein gewisses

leichtes Kleidungsstück, das den Eltern der Neuvermählten am nächsten

Morgen zu zeigen unter dem einfachen Volke ein alter Brauch ist. Das

Volk lachte beim Anblick dieser Ehestifterin; ein spaßiges Objekt. Die

Zeitung berichtete den Vorfall mit Empörung, nannte ihn, spuckend,

schimpfend und mit Entrüstung, eine unerhörte Barbarei, die sich „trotz

aller Fortschritte der Zivilisation sogar bis heute erhalten hat!“ Meine

Herrschaften, ich muß Ihnen gestehen, daß ich darob in lautes Lachen

ausbrach. Oh, bitte, denken Sie nicht, daß ich urweltlichen

Kannibalismus, diese leichten Kleidungsstücke, Decken usw. verteidige.

Das ist abscheulich, das ist unkeusch, das ist wild, ist slawisch, ich

weiß, ich gebe es zu, obschon das natürlich ohne schlechte Absicht

geschah, sondern im Gegenteil, zur Ehre der jungen Frau, aus reiner

Herzenseinfalt, aus Unkenntnis von Besserem, Höherem, Europäischem.

Nein, ich lachte über etwas anderes. Und zwar: mir fielen plötzlich

unsere Damen und unsere Modegeschäfte ein. Selbstverständlich schicken

unsere zivilisierten Damen jetzt keine leichten Sachen mehr zu ihren

Eltern, aber wenn es zum Beispiel gilt, bei der Modistin ein Kleid zu

bestellen, mit welch einem Scharfsinn, mit wie feiner Berechnung und

Sachkenntnis verstehen sie dann, an gewissen Stellen Watte unter ihre

bezaubernden europäischen Toiletten zu legen! Warum, wozu diese Watte?

Natürlich zur Erhöhung der Eleganz, um der Ästhetik willen, _pour

paraître_{[16]} ... Und nicht nur sie, auch ihre Töchter, diese

unschuldigen siebzehnjährigen Geschöpfe, die kaum das Pensionat

verlassen haben, auch die wissen um die Watte schon Bescheid, wissen

alles: wozu diese Watte dient, und wo man sie anbringen muß, und warum

und weshalb, d. h. speziell zu welchem Zweck das alles angebracht wird

... Nun wohl, dachte ich lachend, diese Mühen, diese Sorgen, diese

_bewußten_ Sorgen um wattierte Vergrößerungen, – sind sie nun wirklich

reiner, sittlicher, keuscher als jenes unselige leichte Kleidungsstück,

das in einfältigem Glauben den Eltern geschickt wird, in der

Überzeugung, daß man es tun muß, daß eben dies sittlich sei! ...

Um Gottes willen, meine Freunde, denken Sie nicht, daß ich jetzt eine

erbauliche Predigt darüber halten will, daß Zivilisation nicht

Entwicklung ist, sondern im Gegenteil, in der letzten Zeit in Europa

immer mit der Knute und dem Kerker über jeder Entwicklung stand. Denken

Sie nicht, ich wolle nun nachweisen, daß man bei uns die Zivilisation

und die Gesetze der normalen, wirklichen Entwicklung barbarisch

verwechsele, nachweisen, daß die Zivilisation im Westen selbst schon

verurteilt ist und für sie dort nur noch einzig der Besitzer einsteht

(obschon dort alle Besitzer sind oder Besitzer werden wollen), um sein

Geld zu retten. Denken Sie nicht, es sei nun meine Absicht, zu beweisen,

daß die Menschenseele nicht eine _tabula rasa_ ist, nicht ein Wachsding,

aus dem man den Allgemeinmenschen formen kann; daß ganz zuerst eine

Natur gegeben sein muß, dann die Wissenschaft, dann ein selbständiges

Leben, ein bodenständiges, kein beschränktes, und der Glaube an seine

eigenen nationalen Kräfte. Denken Sie nicht, ich wolle tun, als wüßte

ich nicht, daß unsere Fortschrittler (wenn auch längst nicht alle von

ihnen) durchaus nicht für die Watte einstehen, sie vielmehr ebenso

brandmarken wie jenes leichte Kleidungsstück. Nein, ich will jetzt nur

Eines sagen: in jenem Artikel wurde dieser Volksbrauch nicht einfach

getadelt und verurteilt, man nannte ihn nicht einfach eine Barbarei,

sondern man wollte damit ganz augenscheinlich die allgemeine nationale,

elementare Barbarei unseres einfachen Volkes an den Pranger stellen, als

Gegensatz zu der europäischen Zivilisation unserer höheren, vornehmen

Gesellschaft. Der Artikel tat so wichtig, der Artikel schien überhaupt

nicht wissen zu wollen, daß es bei diesen Sittenrichtern selber

vielleicht tausendmal schlimmer und gemeiner zugeht, daß wir nur die

einen Vorurteile und Schändlichkeiten gegen andere, vielleicht noch

größere Vorurteile und Schändlichkeiten eingetauscht haben. Der Artikel

schien aber unsere eigenen Vorurteile und Schändlichkeiten überhaupt

nicht zu bemerken. Weshalb also, weshalb so wichtig tun und sich hoch

über dem Volke stehend dünken, die Hände in die Seiten gestemmt,

breitspurig und spuckend ... Wie lächerlich, wie unsagbar lächerlich ist

doch dieser Glaube an die eigene Unfehlbarkeit und an das Recht zu

solcher Entrüstung! Gleichviel was es ist: Glaube oder einfach

Überhebung dem Volk gegenüber, oder schließlich gedankenloser,

sklavischer Kniefall speziell vor den europäischen Formen der

Zivilisation; letzteres wäre ja noch lächerlicher.

Doch was! Solcher Tatsachen lassen sich tagtäglich wohl ein Tausend

finden. Verzeihen Sie die Wiedergabe des Vorfalls.

Übrigens, ich versündige mich. Ich tue ja unrecht! Das kommt daher, daß

ich gar zu schnell von den Großvätern auf die Enkel hinübergesprungen

bin. Es gab doch auch Zwischenstücke. Erinnern Sie sich Tschatzkis.[88]

Der war schon kein naiv-durchtriebener Großvater, auch kein

selbstzufriedener Nachfahre, der stolz dasteht und alles schon

abgeurteilt hat. Tschatzki ist ein ganz besonderer Typ unseres

russischen Europa, er ist der Typ eines lieben, begeisterten Menschen,

der wirklich leidet, der bereits Rußland und den Heimatboden anruft und

– und dann doch wieder nach Europa reist, um dort „einen Winkel für ein

gekränktes Empfinden“ zu suchen ... Kurz, ein Typ, der jetzt vollkommen

unnütz ist und der einmal ungeheuer nützlich war. Er ist ein Phraseur,

ein Schwätzer, aber ein herzlicher Phraseur, und einer, der sich wegen

seiner Nutzlosigkeit grämt und schämt. Sein Typ hat jetzt in der neuen

Generation schon eine Wandlung erfahren. Wir glauben an die jungen

Kräfte; wir glauben, daß er bald wieder erscheinen wird, dann aber nicht

in hysterischer Erregung wie ehemals auf dem Ball bei Famussoff, sondern

als Sieger, stolz, mächtig, demütig und liebend. Er wird bis dahin schon

erkannt haben, daß der Winkel für ein gekränktes Empfinden nicht in

Europa, sondern vielleicht dicht vor seiner Nase liegt, und wird hier

etwas zu tun finden und das auch tun. Aber wissen Sie: ich bin ja doch

überzeugt, daß es schon jetzt bei uns nicht nur Feldwebel der

Zivilisation und europäische Narren gibt; ich bin überzeugt, ja ich

verbürge mich dafür, daß der junge Mensch schon geboren ist ... Doch

davon später. Zunächst will ich noch ein paar Worte über Tschatzki

sagen.

Ich verstehe eines nicht: Tschatzki war doch ein sehr kluger Mensch. Wie

konnte es nun geschehen, daß ein kluger Mensch hier nichts zu tun fand?

Sie fanden ja alle nichts zu tun, fanden in der ganzen Zeitspanne von

zwei-drei Generationen nichts. Das ist Tatsache und gegen eine Tatsache

zu reden, lohnt sich nicht, denke ich; doch aus Interesse nach den

Gründen fragen, das kann man. Also wie gesagt, ich verstehe nicht, wie

ein kluger Mensch gleichviel wann und wo, gleichviel unter welchen

Umständen, keine Arbeit für sich finden kann. Man sagt, das sei ein

strittiger Punkt, doch in der Tiefe meines Herzens glaube ich das

durchaus nicht. Dazu hat man doch den Verstand, um das zu erreichen, was

man will. Kannst du nicht gleich eine ganze Werst gehen, so gehe hundert

Schritte, immerhin ist das mehr als nichts, bringt dich immerhin näher

zum Ziel, wenn du überhaupt zu einem Ziele gehst. Unbedingt mit einem

einzigen Schritt zum Ziel gelangen zu wollen, ist meiner Meinung nach

durchaus kein Anzeichen von Verstand. Ja, so etwas heißt sogar

Arbeitsscheu. Mühe lieben wir nicht, Schritt für Schritt zu gehen sind

wir nicht gewohnt, am liebsten würden wir mit einem einzigen Schritt die

ganze Strecke bis zum Ziel überspringen. Nun, und eben dies ist ja

Arbeitsscheu. Ja, Tschatzki hat doch sehr gut getan, daß er damals

wieder ins Ausland entschlüpfte: es lag ihm wohl nicht, hier ein wenig

länger zu verweilen und sich dann nach dem Osten, statt nach dem Westen

zu begeben. Man liebt bei uns nun einmal den Westen, liebt ihn eben, und

im äußersten Fall, d. h. wenn es zur Entscheidung kommt, fahren alle

dorthin. Nun ja, auch ich fahre jetzt hin. „_Mais moi c’est autre

chose_“.{[17]} Ich habe sie dort alle gesehen, d. h. sehr viele, denn

alle sind ja gar nicht abzusehen, doch alle, die ich sah, suchen dort,

glaube ich, einen Winkel für ein gekränktes Empfinden. Wenigstens suchen

sie etwas. Die Generation der Tschatzkis beiderlei Geschlechts hat sich

ja seit dem Ball bei Famussoff[89], und überhaupt nachdem der Ball zu

Ende war, dort so vermehrt wie Sand am Meer; und sogar nicht nur die

Tschatzkis: sind sie doch alle aus Moskau dorthin gefahren. Wie viele

Repetiloffs[90] gibt es jetzt dort, wie viele Skalosubs, die schon

ausgedient haben und wegen Untauglichkeit in die Bäder geschickt worden

sind. Natalja Dmitrijewna mit ihrem Mann gehört dort unbedingt zu ihnen.

Selbst die Gräfin Hlestowa reist in jedem Jahre hin. Sogar Moskau ist

allen diesen Herrschaften langweilig geworden. Einzig Moltschalin fehlt

dort unter ihnen: er hat es sich anders überlegt und ist zu Hause

geblieben, nur er allein ist zu Hause geblieben. Er hat sich dem

Vaterlande gewidmet, der Heimat, sozusagen. Jetzt kommt man an ihn

überhaupt nicht mehr heran; selbst seinen Wohltäter Famussoff würde er

jetzt nicht einmal zu sich ins Vorzimmer lassen: „Ein Nachbar vom

Lande,“ heißt es jetzt, „in der Stadt grüßen wir uns nicht.“ Er ist

beschäftigt, ja, er allein hat etwas zu tun gefunden. Er ist in

Petersburg und ... und hat’s weit gebracht. „Er kennt Rußland und

Rußland kennt ihn“. Jawohl, gerade ihn kennt es zur Genüge und es wird

ihn lange nicht vergessen. Jetzt pflegt er auch nicht einmal mehr zu

schweigen, im Gegenteil, nur er allein redet jetzt ... Doch was rede ich

von ihm! Ich kam doch auf sie alle zu sprechen, die in Europa einen

erquickenden Winkel suchen, und ich muß sagen, ich dachte wirklich, daß

sie es dort besser hätten. Statt dessen ist in ihren Gesichtern ein

solcher Harm ... Die Ärmsten! Und was ist das für eine ewige Unruhe in

ihnen, was für eine krankhafte, sehnsüchtige Geschäftigkeit! Alle haben

sie den „Führer“ bei sich und in jeder Stadt stürzen sie sich gierig auf

die Sehenswürdigkeiten, die sie mit einem Eifer besichtigen, als wären

sie dazu verpflichtet, als setzten sie einen vaterländischen Dienst

fort: nicht ein einziges dreifensteriges Palais wird von ihnen

übergangen, wenn es nur im „Führer“ angegeben ist, ebenso kein einziges

Rathaus, das sich oft von einem ganz gewöhnlichen Moskauer oder

Petersburger Hause kaum unterscheidet; sie gaffen das Rindfleisch eines

Rubens an und glauben artig, das seien die drei Grazien, weil der

„Führer“ so zu glauben befiehlt; sie stürzen zur Sixtinischen Madonna

und stehen vor ihr in stumpfer Erwartung: jetzt-jetzt gleich wird etwas

geschehen, irgend jemand wird unter dem Fußboden hervorkriechen und

ihren gegenstandslosen Harm und ihre Müdigkeit verscheuchen. Und sie

gehen weg, verwundert, daß nichts geschehen ist. Das ist nicht das

selbstzufriedene und vollkommen mechanische Interesse englischer

Touristen und Touristinnen, die mehr in ihren „Führer“ sehen als auf die

Sehenswürdigkeiten, die nichts erwarten, weder Neues, noch

Erstaunliches, und die nur nachprüfen: ist es auch so im „Führer“

angegeben und wieviel Fuß hoch oder Pfund schwer ist der Gegenstand ganz

genau gemessen und gewogen? Nein, unsere russische Wißbegier ist irgend

so eine wilde, nervöse, mächtig lechzende, doch im tiefsten Grunde im

Voraus überzeugte, daß nichts geschehen wird, natürlich bis zur ersten

Fliege: kaum fliegt eine vorüber – so fängt es sofort wieder an ... Ich

spreche jetzt nur von den klugen Leuten. Um die anderen braucht man sich

ja nicht zu sorgen: die werden doch immer von Gott beschützt. Und ich

spreche auch nicht von jenen, die sich endgültig im Auslande angesiedelt

haben, ihre Muttersprache vergessen und katholische Patres anhören.

Übrigens, von der ganzen Masse kann man nur folgendes sagen: kaum haben

wir uns über Eydtkuhnen hinweggewälzt, da gleichen wir schon auffallend

jenen kleinen unglücklichen Hündchen, die ihren Herrn verloren haben und

nun suchend umherlaufen. Aber was glauben Sie, – daß ich dies hier

spottend schreibe, jemanden anklage, weil sozusagen „gerade jetzt, wo

usw., – und Sie sind im Auslande! Hier ist die Bauernfrage im Gange und

Sie sind im Auslande!“ usw., usw. ... Oh, keineswegs und nicht im

geringsten. Und wer bin ich denn, daß ich anklagen könnte? Wen anklagen?

und wessen? „Wir würden ja gern etwas tun, aber es gibt für uns nichts

zu tun, das aber, was es da gibt, das wird auch ohne uns gemacht. Die

Stellen sind besetzt, Vakanzen sind nicht vorauszusehen. Wer hat denn

Lust, seine Nase in Dinge zu stecken, in die sie zu stecken man nicht

gebeten wird.“ Das ist dann die Ausrede und sie ist nicht einmal lang.

Wir kennen sie schon auswendig. Aber was ist das? Wo bin ich hingeraten?

Wann habe ich denn schon Zeit gehabt, Russen im Auslande zu sehen? Wir

nähern uns doch erst der Grenzstation Eydtkuhnen ... Oder sind wir schon

weiter gefahren? In der Tat, auch Berlin, auch Dresden, auch Köln liegt

schon hinter uns. Ich sitze zwar immer noch im Eisenbahnwagen, doch vor

uns liegt nicht mehr Eydtkuhnen, sondern Erquelines, und wir fahren nach

Frankreich hinein. Paris, Paris war’s doch, wovon ich erzählen wollte

und wovon ich ganz abgekommen bin! Ich habe mich schon zu sehr vom

Nachdenken über unser europäisches Rußland umstricken lassen; aber das

ist wohl verzeihlich, wenn man gerade ins übrige Europa zu Besuch fährt.

Übrigens, wozu gar so sehr um Entschuldigung bitten. Mein Kapitel ist ja

ein überflüssiges.

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