erkennen, durch welche Straßen die Fahrt ging. Speschnjoff glaubte, sie
seien von der Festung aus über die Newa gefahren und befänden sich nun
auf dem Liteinyj Prospekt. Um sich davon zu überzeugen, versuchte er,
mit dem Finger das Eis an der Fensterscheibe zu entfernen, aber der
Soldat sagte: „Tun Sie das nicht, sonst schlägt man mich.“ Da unterließ
Speschnjoff den Versuch und verzichtete auf die Befriedigung seiner so
begreiflichen Neugier. Der Gedanke an ein Todesurteil, an eine sofortige
Hinrichtung kam ihnen, wie gesagt, überhaupt nicht in den Sinn. Und
ebensowenig konnten sie darauf verfallen, daß das Urteil, das auf „Tod
durch Füsilieren“ lautete, vom Kaiser aber schon geändert worden war,
ihnen gleichwohl in seiner ganzen Schärfe verkündet werden würde, einzig
zu dem Zweck, um Eindruck auf sie zu machen, um sie zu erschüttern, zu
entsetzen.
Nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt hielten schließlich die Wagen:
es war auf dem Ssemjonoffschen Platz. Man stellte sie in einer
bestimmten Ordnung auf und führte sie dann auf das Schafott. Nach
Speschnjoffs Aussage wollten sie sich nun begrüßen und miteinander
unterhalten, aber das wurde ihnen nicht erlaubt, und so konnten nur die
Nächststehenden einander ein paar Worte zuraunen. Hier nun muß es wohl
geschehen sein, daß Dostojewski, der neben Mombelli stand, diesem den
Inhalt einer Novelle, die er in der Festung geschrieben hatte, in aller
Kürze erzählte. Diese Tatsache, die mir Mombelli selbst mitgeteilt hat,
bestätigt die Möglichkeit jener gemischten, vielseitigen, ruhig-erregten
Gemütsverfassung in solchen Minuten, die wir aus Schilderungen
Dostojewskis in manchem seiner Werke kennen lernen. Es hat ihn also bei
diesen Schilderungen außer tiefem, psychologischem Scharfsinn auch die
eigene Erfahrung geleitet. (Er selbst hat allerdings niemals davon
gesprochen, daß er damals Mombelli seine Novelle erzählt habe; er hat
also den Vorfall wohl vergessen, aber in seinem Bewußtsein ist offenbar
doch eine Spur des Eindrucks der Stimmung zurückgeblieben.)
Als sie auf dem Schafott zu beiden Seiten aufgestellt waren, auf der
einen Seite 9, auf der anderen 11, trat der Auditor in die Mitte der
Richtstätte und verlas das Todesurteil. Plötzlich brach Sonnenschein
durch die Wolken, und Dostojewski, der neben Duroff stand, sagte zu
diesem: „Das kann doch nicht sein, daß man uns hinrichtet.“ Als Antwort
darauf wies Duroff auf einen Lastwagen, auf dem, wie ihm schien, Särge
aufgeladen und mit einer Bastmatte bedeckt waren (wie es sich später
herausstellte, befanden sich auf diesem Wagen ihre Sträflingskleider mit
den Halbpelzen für die Reise). Nunmehr, so erzählte Dostojewski, war
jeder Zweifel ausgeschlossen, und für sein ganzes Leben prägten sich ihm
die Worte ein, die sich in diesem verhängnisvollen Schriftstück so oft
wiederholten: „zum Tode durch Füsilieren verurteilt.“ Doch bei alledem
prägte sich ihm ebenso deutlich auch etwas so Nebensächliches ein, wie
z. B., daß der Auditor nach der Verlesung des Urteils das Schriftstück
zusammenfaltete, in die Seitentasche seines Mantels schob und dann von
dem erhöhten Schafott hinabstieg. Nach ihm kam der Geistliche auf das
Schafott, das Kreuz in der Hand, und forderte zur Beichte auf. Doch nach
Dostojewskis Aussage hat sich von ihnen keiner zur Beichte gemeldet,
außer Schaposchnikoff (seines Standes Kleinbürger), aber das Kreuz haben
sie alle geküßt. Also auch Petraschewski, von dem wir doch mit
Bestimmtheit wissen, daß er überzeugter Atheist war? Wenn hier nicht ein
Irrtum Dostojewskis vorliegt, so bleibt diese Tatsache gerade so
unerklärt, wie die andere: weshalb nur Schaposchnikoff beichtete,
während doch mehrere von ihnen zweifellos religiös waren (Duroff sogar
„bis zur Lächerlichkeit“)? Im übrigen dürfte alles, was Dostojewski im
„Idiot“ von dem zum Tode Verurteilten erzählt, und somit auch, wie der
Verurteilte das Kreuz küßt, mit jenem eigenen Erlebnis in Verbindung
stehen, ja zum Teil einfach autobiographisch sein.
Das Erscheinen des Geistlichen zur Beichte zwang die Verurteilten,
bestimmt zu glauben, daß die Hinrichtung tatsächlich vollstreckt werden
würde: Denn das Abendmahl, so sagten sie sich, würde man doch nicht zu
einer _dekorativen Zutat_ machen. N. Kaschkin war es, wie er mir
erzählte, allerdings aufgefallen, daß der Geistliche die geweihten Gaben
zum heiligen Abendmahl gar nicht bei sich hatte, und so wagte er denn,
da er am Ende der Reihe und gerade in der Nähe des Ober-Polizeimeisters
stand, diesen leise auf französisch zu fragen: „Wird man uns denn, wenn
wir beichten, nicht das heilige Abendmahl empfangen lassen?“, worauf ihm
General Galachoff gleichfalls auf Französisch zuflüsterte: „Sie werden
alle begnadigt“. So erfuhr denn nur ein einziger von ihnen, daß die
Hinrichtung garnicht stattfinden werde.
Inzwischen aber wurden bereits die ersten drei an die Pfähle gebunden.
Es waren das Petraschewski, Mombelli und Grigorjeff. Vor jedem Pfahl
stand ein Offizier mit einer Anzahl Soldaten und das Kommando zur
Bereitschaft war schon gegeben. Dostojewski erinnerte sich später, daß
ihn die Trennung von den ihm lieben Menschen, die er nun im Leben
zurücklassen mußte, damals gar nicht schmerzte; es war ja auch viel zu
wenig Zeit, darüber nachzudenken. Er empfand nur eine mystische Angst
und stand ganz unter dem Einfluß des Gedankens, daß er in irgend welchen
fünf Minuten in ein anderes, unbekanntes Leben übergehen werde (also war
in ihm der Glaube an die Unsterblichkeit doch nicht im geringsten
erschüttert). Aber wie erschüttert er sonst auch war, er verlor nicht
die Fassung. Wie ein Augenzeuge berichtet, war Dostojewski nicht bleich;
er ging ziemlich schnell aufs Schafott und erschien eher eilfertig als
bedrückt. Ganz anders dagegen wirkte all das auf einige seiner
Gefährten. Der Gardeoffizier Grigorjeff war, wie wir wissen, schon in
der Festung geistig unzurechnungsfähig geworden. Nun gaben ihm das
Angebundenwerden an den Pfahl und das Kommando an die Soldaten, die
Gewehre bereit zu machen, den Rest. Es fehlte nur noch der Befehl
„Feuer!“ und alles wäre zu Ende gewesen. Doch da wurde mit einem Tuch
gewinkt – und die Hinrichtung ward aufgehalten. Als man aber Grigorjeff
vom Pfahl losband, war er bleich wie der Tod. Sein Geist war endgiltig
zerstört.
Nach der Aussage von I. Desbut erschien vielen von ihnen die Mitteilung
der Begnadigung durchaus nicht als etwas Freudiges, sondern nahezu als
etwas Beleidigendes: mit solcher Feindseligkeit hatte dieses ganze gegen
sie angewandte Verfahren sie erfüllt.
In seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ vom Jahre 1873 kommt
Dostojewski ausführlich auf seine und seiner Gefährten allgemeine
Stimmung zu sprechen[57]. Doch was er selbst damals im Innersten
empfunden hat, das finden wir – abgesehen von gelegentlichen kurzen
Vergleichen oder Bemerkungen, so im „Raskolnikoff“ – hauptsächlich in
den zum Teil buchstäblich autobiographischen Schilderungen des Fürsten
Myschkin im Roman „Der Idiot“. Diese enthalten – in Personen vorgeführt
– eine ganze empirische Psychologie in Verbindung mit der
religiös-philosophischen Frage nach der Berechtigung der Todesstrafe
überhaupt ...
Noch an demselben Tage schrieb Dostojewski einen Brief an den Bruder, in
dem er diesem nur kurz die Tatsachen mitteilte[58]. „... Ich hatte noch
Zeit,“ schreibt er, „Pleschtschejeff und Duroff, die neben mir standen,
zu umarmen und Abschied von ihnen zu nehmen. Schließlich wurde
_Retraite_{[6]} getrommelt. Die, welche bereits an die Pfähle gebunden
waren, wurden zurückgeführt und man las uns vor, daß Seine Kaiserliche
Majestät uns das Leben schenkte. Darauf wurden die endgiltigen Urteile
verlesen. Palm allein ist begnadigt worden“ ...
Der Gedanke an die bevorstehende Zuchthausstrafe erschien ihm zunächst
furchtbar. „Lieber fünfzehn Jahre in der Kasematte mit der Feder in der
Hand,“ schreibt er in einem Brief, aus dem bald nach seinem Tode
einzelne Stellen veröffentlicht wurden (das Original ist nachher leider
verloren gegangen), und fügt hinzu: „_Der_ Kopf, der schuf, der das
höhere Leben der Kunst lebte, der sich mit den erhabenen Bedürfnissen
des Geistes eingelebt hatte, _der_ Kopf ist bereits von meinen Schultern
geschlagen!“
In dem Bewußtsein Dostojewskis, des Psychologen, hat sich wohl
hauptsächlich die innerliche Seite des Erlebnisses vom 22. Dezember
erhalten, dagegen scheint er die Kälte von 21 Grad Réaumur, bei der sich
das alles zutrug, spurlos vergessen zu haben. Nach Speschnjoffs Aussage
hatten die Verurteilten ungeachtet dieser Temperatur ihre Oberkleider
ablegen und während der ganzen Zeit der Verlesung des Urteils, des
Anbindens an die Pfähle und dann des zweiten Verlesens der
Urteilssprüche im Hemde stehen müssen. Das dauerte nach seiner
Behauptung über eine halbe Stunde. (Dostojewski gibt im „Idiot“ als
Zeitspanne 20 Minuten an.) „Reiben Sie die Wangen“; „reiben Sie das
Kinn,“ sagten sie zu einander. Nach ihrer Rückkehr in die Festung gingen
der Kommandant Nabokoff und Doktor Okel die Zellen der Reihe nach durch,
um festzustellen, ob sich nicht jemand erkältet hatte. Doch erst in
Tobolsk, (West-Sibirien) erkannte der Arzt der Dekabristen, Dr. Wolf,
bei Speschnjoff das Anfangsstadium der Schwindsucht, von der er sich
aber in der Luft der Nadel- und Laubwälder allmählich erholte.
Nach Sibirien wurden sie nicht alle zugleich verschickt, sondern täglich
je zwei oder auch nur einer. Petraschewski war gleich auf dem Richtplatz
in den Sträflingspelz gesteckt und nach Minussinsk verschickt worden.
Bis Tobolsk hatten sie alle den gleichen Weg zurückzulegen, von dort aus
aber wurden sie dann verteilt. Dostojewski hat gerade am heiligen
Weihnachtsabend die Reise antreten müssen. Das war für ihn, der an der
Familie und allen Kindheitserinnerungen hing, der nie aufhörte, Christ
zu sein, ein Tag ganz anderer Empfindungen. Doch die Obrigkeit sah
natürlich in allen Verurteilten nur geschworene Atheisten.
„Wenn ich mich nicht irre,“ schreibt A. P. Miljukoff in seinen
Erinnerungen[59], „war es am dritten Tage nach der Exekution auf dem
Ssemjonoffschen Platz, daß Michail Michailowitsch Dostojewski zu mir
gefahren kam und mir mitteilte, sein Bruder werde noch am selben Abend
verschickt und er fahre nun zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen“.
Miljukoff schloß sich ihm natürlich an. In einem großen, nur von einer
Lampe erhellten Zimmer im Erdgeschoß des Kommandanturgebäudes mußten sie
ziemlich lange warten ... Zweimal verstrich eine Viertelstunde und
erklang das holländische Glockenspiel mit seinen vielstimmig abgetönten
Klängen vom Turme der Festungskirche. „Endlich ging die Tür auf, draußen
klappten Handgriffe an Gewehren, und geleitet von einem Offizier traten
Dostojewski und Duroff ins Zimmer ... beide schon in den Reisekleidern
der Sträflinge, in Halbpelzen und hohen Filzstiefeln. Der
Festungsoffizier setzte sich taktvoll auf einen Stuhl nicht weit vom
Eingang und behinderte uns nicht im geringsten.“ Miljukoff unterhielt
sich nun mit Duroff, der ihm noch sein letztes Gedicht einhändigte ...
„Beim Anblick des Abschieds der Brüder von einander,“ erzählt Miljukoff,
„hätte wohl ein jeder bemerkt, daß von ihnen derjenige mehr litt, der
hier blieb. In den Augen des älteren Bruders standen Tränen, seine
Lippen bebten, Fjodor Michailowitsch aber war ruhig und tröstete ihn
noch: ... ‚Auch im Zuchthause sind nicht Tiere, sondern Menschen,
vielleicht sogar bessere als ich, vielleicht würdigere als ich‘ ... Es
ist möglich,“ bemerkt Miljukoff zum Schluß, „daß ihn gerade der ihm
gleichsam angeborene und immer in ihm gegenwärtige Gedanke lockte, in
den am tiefsten gesunkenen Verbrechern ... jenen tief unter der Asche
sich versteckenden, aber doch nicht erloschenen Funken des göttlichen
Feuers zu finden, jenen Funken, der, wie er immer glaubte, selbst im
verstocktesten Übeltäter und dem letzten Verstoßenen lebt.“
Sie waren über eine halbe Stunde zusammen, doch die Zeit erschien ihnen
kurz. Man sagte ihnen, daß sie sich nun trennen müßten. Zum letztenmal
umarmten sie sich und drückten sie einander die Hände. Miljukoff und
Michail Michailowitsch hörten aber, daß die Abfahrt in einer Stunde,
nicht später, erfolgen werde, und so blieben sie vor dem Tor der Festung
und warteten ... Die Nacht war nicht kalt und sternhell ... Wieder
erklang das Glockenspiel vom Turme, es war neun Uhr, als zwei Schlitten
herausfuhren, und auf jedem saß ein Sträfling mit einem Gendarmen. „Lebt
wohl!“ riefen die Zurückbleibenden ihnen nach. „Auf Wiedersehen!“ wurde
ihnen geantwortet.
Den einen sollte Miljukoff erst nach zehn Jahren, den anderen überhaupt
nicht wiedersehen.
Das Folgende erzählt Iwan Jastrshemski:
„Man wird sich wohl kaum eine Vorstellung davon machen können, wie
erfreut ich war, daß man mich mit Dostojewski und Duroff zusammen
transportierte. Die Einzelhaft in diesen ganzen acht Monaten hatte mich
so zermürbt und physisch vernichtet, daß Duroff, der auf dem Schafott
neben mir stand, mich nicht erkannte. Nun war die Möglichkeit, in den
kurzen Erholungspausen während der Reise mit ihnen wenigstens sprechen
zu können, schon ein wahres Glück für mich.
„Wir kamen nach Tobolsk ... und wurden im Ostrogg (Zuchthaus) in einen
großen Raum geführt, von wo aus die weitere Verteilung der Gruppen
erfolgte. In diesem Raum waren an die dreihundert Männer, Frauen und
Kinder von jedem Alter und von allen Rassen; die einen wurden in Ketten
geschmiedet, andere an einer eisernen Stange aufgereiht, den dritten
wurde das Haar vom Schädel bis zur Haut abrasiert. Dieses ganze
Schaustück machte auf mich einen erschütternden Eindruck. Wir wurden dem
Aufseher des Gefängnisses übergeben ... Wir waren die ganze Nacht und
einen Teil des Tages bei 40° Kälte gefahren, da war es wohl erklärlich,
daß ich mir unsere Ankunft in Tobolsk in Verbindung mit der Vorstellung
von irgend einer warmen Unterkunft und heißem Tee gedacht hatte. Doch
auf meine Frage, ob wir einen Ssamowar bekommen könnten, antwortete Iwan
Gawrilowitsch (der Aufseher) mit der Gegenfrage: ‚Wie denken Sie denn
die Etappenreise durch Sibirien fortzusetzen? Wir haben keinen
Ssamowar.‘ Diese Worte eröffneten mir die Perspektive der Weiterreise zu
Fuß vielleicht über Tausende von Werst. Und mir fiel das soeben gesehene
Bild der Vorbereitung zum Weitermarsch der Gruppen ein.
„Wir kamen in die Gefängniskanzlei ... einen dunklen, schmutzigen Raum,
wo mir als erstes die ‚_Beamten_‘ auffielen, die hier das schriftliche
erledigten. Diese Individuen staken in kamelhaarenen Sträflingsröcken;
die einen waren als Schwerverbrecher auf Stirn und Wangen mit den
eingebrannten Buchstaben _K. A. T._ gestempelt, andere, denen man zur
Kennzeichnung auch noch die _Nüstern_ herausgeschnitten hatte, mit den
Buchstaben _W. O. R._ Physiognomien _à l’avenant_{[7]} ...
„Iwan Gawrilowitsch kam auf uns zu. ‚In Ketten?‘, fragte er barsch.
‚Jawohl,‘ antworteten wir. ‚Durchsuchen,‘ kommandierte er. Und wir
wurden einer Durchsuchung unterzogen, daß uns vor Scham und Empörung das
Blut zu Kopfe stieg ... Hierauf wurden wir in eine Kammer geführt, in
einen schmalen, dunklen, kalten, schmutzigen Raum ... In diesem Raum war
eine Pritsche, auf der drei schmutzige, mit Heu gefüllte Säcke lagen und
drei ebensolche Kopfkissen, sonst nichts. Vollkommene Finsternis. Hinter
der Tür, im Flur, die schweren Schritte des Postens, der hin und her
schritt – in einer Kälte von vierzig Grad.
„Wir setzten uns und kauerten uns zusammen – Duroff auf der Pritsche,
ich neben Dostojewski auf dem Fußboden. Hinter der dünnen Wand, oder
fast war es nur ein Bretterverschlag, wo, wie wir später erfuhren,
Untersuchungsgefangene untergebracht waren, hörte man das Aufschlagen
der kleinen Krüge und Gefäße, aus denen sie Schnaps tranken, dazu die
Ausrufe der Karten- und Würfelspieler und ein solches Geschimpfe, solche
Flüche ...
„Duroffs Finger und Zehen waren erfroren. Bei Dostojewski hatten sich
schon in der Peter-Pauls-Festung skrophulöse Wunden im Gesicht und im
Munde gebildet. Und mir war die Nasenspitze erfroren.
„Inmitten dieser ... Umgebung fiel mir mein früheres Leben ein, mein
Leben in Petersburg, im Kreise junger, sympathischer, kluger
Universitätskameraden ... Ich dachte, was wohl meine Schwester sagen
würde, wenn sie mich hier sähe? Ich dachte, für mich gäbe es keine
Rettung mehr, und beschloß, meinem Leben ein Ende zu machen, wozu ich
schon in der Peter-Pauls-Festung Vorbereitungen getroffen hatte ... Ich
erwähne dieses Schwere hier nur deshalb, weil es mir die Möglichkeit
gab, die Persönlichkeit Dostojewskis näher kennen zu lernen. Seine
angenehme und liebevolle Unterhaltung heilte mich, erlöste mich von der
Verzweiflung und erweckte wieder Hoffnung in mir.
„Dank einem Zufall erhielten wir ganz unverhofft ein Talglicht,
Streichhölzer und heißen Tee, der uns schöner dünkte als Nektar.“ (Auf
Befehl eines Gendarmerieoffiziers, der, wie es sich herausstellte, mit
Jastrshemski durch andere bekannt war.) „Dostojewski hatte noch
vorzügliche Zigarren, die dem verehrten Iwan Gawrilowitsch bei der
Durchsuchung zum Glück entgangen waren. In freundschaftlicher
Unterhaltung verbrachten wir den größeren Teil der Nacht. Dostojewskis
angenehme, liebe Stimme, die Zartheit und Weichheit seines Empfindens,
ja sogar einzelne seiner – ganz weiblichen-kapriziösen Ausbrüche wirkten
auf mich beruhigend. Ich sagte mich von jedem äußersten Entschluß los.
Dort im Tobolskschen Ostrogg wurde ich von Dostojewski und Duroff
getrennt. Wir umarmten uns unter Tränen und sahen uns nie wieder.
„Dostojewski gehörte zu jener Kategorie von Wesen,“ schließt
Jastrshemski, „von denen Michelet sagt: _que tout en étant le plus fort
mâles, ils ont beaucoup de la nature féminine_.{[8]}[60] Durch diesen
Umstand ist jener Zug in seinen Werken erklärt, in dem man die
Grausamkeit des Talents und die Lust zu quälen sieht ...
„... Ich glaube nicht, etwas Paradoxes zu äußern, wenn ich sage, daß
gerade diese unverdienten Leiden, die ein anscheinend blindes und taubes
Schicksal ihm zudachte, seiner Begabung zum Nutzen gereichten, indem sie
seine psychologische Analyse bis zur Vollendung entwickelten.“
So faßte auch Dostojewski sein Schicksal auf. Indem es sich als
Stiefmutter gebärdete, erzog es ihn in Wirklichkeit wie eine strenge,
doch fürsorgende Mutter.
Verbannung und Befreiung.
Während ihres Aufenthaltes in Tobolsk erwirkten es die Frauen der
Dekabristen – von denen einzelne dort in der Verbannung lebten –, ihnen
ein ausgesuchtes Mittagessen, sogar eines mit Weinen, bereiten zu
dürfen. Es waren dies, nach Jastrshemski, Frau Murawjowa, Frau Annenkowa
mit ihrer Tochter und Frau von Wisin. Zum Abschied schenkten sie jedem
von ihnen ein Neues Testament. Die Petraschewzen waren, im Gegensatz zu
den Dekabristen, fast alle noch unverheiratete, ganz junge Menschen. Es
mag auf sie keinen geringen Eindruck gemacht haben, hier den, wie
Dostojewski sagt, „in nichts schuldigen“ Frauen zu begegnen, „die in
langen 25 Jahren freiwillig alles mitertrugen, was ihre verurteilten
Männer zu ertragen hatten.“
Am 17. Januar traten Dostojewski und Duroff die Weiterreise nach Omsk
an. Das beste Material zu einer Lebensbeschreibung der nun folgenden
vier Jahre, die Dostojewski im Ostrogg zu Omsk verbrachte, geben uns
natürlich seine „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“. Aber zum Teil
könnte man auch auf sie die Worte anwenden, die Goethe zur Kennzeichnung
seiner Autobiographie gewählt hat: „Aus meinem Leben. Wahrheit und
Dichtung“. Dostojewski schildert nämlich sein Leben im Zuchthause im
Namen einer anderen Person. In einem den „Aufzeichnungen“
vorangeschickten Kapitel erzählt er, wie er den angeblichen Verfasser
derselben kennen gelernt habe und nach dessen Tode in den Besitz dieser
Aufzeichnungen gelangt sei. Der Verfasser, den er Alexander Petrowitsch
Goräntschikoff nennt, sei ein Edelmann gewesen, der wegen Ermordung
seiner Frau aus Eifersucht zehn Jahre als Sträfling in dem geschilderten
Zuchthause habe zubringen müssen.
Zur Erklärung dieses vorausgeschickten Kapitels sei hier darauf
hingewiesen, daß schon allein die Drucklegung solcher Aufzeichnungen aus
einem Totenhause vor der Regierung Alexanders II. undenkbar gewesen
wäre. Man kann wohl kühnlich behaupten, daß sie nichts unterschlagen,
nichts beschönigen, vielmehr alles mit oft geradezu vernichtendem
Realismus schildern ...[61] Wenn Dostojewski es auch für nötig fand,
unter der Maske eines gewöhnlichen Verbrechers zu schreiben, so kommt er
in einem besonderen Kapitel doch auch auf die politischen Verbrecher zu
sprechen. (Dieses Kapitel wurde, nachdem es in der „Zeit“ einmal
veröffentlicht worden war, in manchen Buchausgaben weggelassen, doch in
die jetzt vorliegende Gesamtausgabe seiner Werke ist es wieder in der
ursprünglichen Fassung aufgenommen[62].) ... Erst im Jahre 1876, als in
einem neuen enzyklopädischen Nachschlagebuch von ihm unter anderen
vollkommen falschen Angaben gesagt worden war, er sei „in den Prozeß
Petraschewski verwickelt gewesen,“ sah er sich gezwungen – „da niemand
verpflichtet ist, über den Prozeß Petraschewski unterrichtet zu sein“
und man danach ebensogut glauben könne, er sei „wegen Raubes“ verurteilt
worden –, in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ ausdrücklich zu
erklären, und er hat die Worte unterstrichen, daß er „_als politischer
Verbrecher_ verschickt“ war[63].
In der bereits erwähnten biographischen Skizze, die Dostojewski für das
Ausland diktiert hat, sagt er auch noch ausdrücklich, daß die
Gepflogenheiten und Sitten, die er in diesen Aufzeichnungen beschrieben
hat, „in Rußland nun schon lange abgeändert sind“ – damit wollte er
offenbar auf alle die verschiedenen Reformen hinweisen, die wir dem
Kaiser Alexander II. verdanken. Freilich, jene von Spießruten soeben
zerfleischten Rücken, die Dostojewski im Lazarett des Zuchthauses zu
sehen bekam, konnte man mit so vernichtendem Realismus nur unter der
Herrschaft eines Kaisers, der dieses Strafverfahren abgeschafft hatte,
zu schildern wagen. Und doch, obgleich diese alte Zeit erst kaum
vergangen ist, sind diese Gepflogenheiten und Sitten von Dostojewski
schon so geschildert, daß es einen schaudert – vor diesen Ketten, die
niemals von den Füßen kommen; vor diesem Rasieren der Köpfe mit dem
stumpfen Messer; vor diesem Zuber, der die ganze Nacht die Luft im
Schlafraum verpestet; vor dieser Legion von Flöhen, die jeden Schlaf
verscheuchen; und vor dem nach Fäulnis riechenden schmierigen
Krankenkittel, den aber trotzdem auch Gesunde im Lazarett anziehen, bloß
um das tagtägliche Zuchthausleben einmal zu unterbrechen, und wenns auch
nur um diesen Preis möglich ist; und schließlich vor dem rohen
Eigendünkel dieses Majors, der sich für den Zaren, ja, für den Gott der
Sträflinge erklärt, weil er mit ihnen tun kann, was er will – diese
Krönung des Ganzen! Aber trotz alledem fühlt man, wenn man diese
Aufzeichnungen liest, daß in diesem Zuchthause keine Pedanterie
herrscht, eben weil Pedanterie ja so gar nicht in der Natur des
russischen Menschen liegt, jene Pedanterie Vorgesetzter, für die die
Vorschriften um der Vorschriften willen heilig sind. Eben dies ist es
wohl, was einen englischen Kritiker veranlaßte, darauf hinzuweisen, daß
die Behandlung der politischen Verbrecher in Sibirien in vielen Fällen
der Behandlung, die sie in West-Europa erfahren, vorzuziehen sei – ja,
es werde ihnen in vielen Dingen sogar so durch die Finger gesehen, daß
die strengen englischen Gefängniswärter sich darob entsetzen würden.
Dabei waren Dostojewski und Duroff noch in den strengsten Ostrogg
geraten. Von den anderen Petraschewzen trafen es manche viel besser. So
wurde beispielsweise I. Desbut nicht in Ketten, sondern bloß _mit_
Ketten nach K. transportiert, wo sich der Kommandant und die
Ingenieuroffiziere mit der größten Teilnahme seiner annahmen und seine
Lage nach Möglichkeit zu erleichtern suchten.
Natürlich war die erste Zeit im Zuchthause für Dostojewski die
schwerste, und demgemäß haben sich auch, wie er selbst sagt, die
Erlebnisse des ganzen ersten Jahres seinem Gedächtnis mit besonderer
Schärfe eingeprägt. Als das Schrecklichste erschien ihm anfangs, daß er
nie, nie allein sein werde: bei der Arbeit immer unter militärischer
Bewachung, im Zuchthause immer mit zweihundert Gefährten zusammen ...
und was waren das für Gefährten! Zum Schluß aber schreibt er, daß er
sich die ganze Zeit, alle die Jahre im Zuchthause, doch in einer
schrecklichen Einsamkeit befunden habe, ja, daß ihm diese Einsamkeit
schließlich sogar lieb geworden sei. In dieser unfreiwilligen geistigen
Muße begann er, sein ganzes früheres Leben einer Prüfung zu unterziehen,
sich selbst mit unnachsichtigster Strenge zu beurteilen – und da hat er
denn manchmal dem Schicksal dafür gedankt, daß es ihm diese Einsamkeit
und die Möglichkeit einer solchen Überprüfung des Lebens schenkte. Es
ist anzunehmen, daß er, je weiter er in dieser Selbstuntersuchung und
Selbstverurteilung vordrang, gleichzeitig um so fähiger wurde, auch in
die Seelen anderer zu schauen. Aus dieser Menschenkenntnis und diesen
Überzeugungen, die er im Zuchthause in vierjährigem engsten
Zusammenleben mit der niedrigsten Volksschicht gewann, ist es zu
erklären, weshalb er sich später ärgerte, wenn man mitleidvoll davon
sprach, welches Unrecht ihm mit der Verurteilung zugefügt worden sei,
und weshalb er dann entgegnete: „Nein, uns ist recht geschehen, denn das
Volk hätte uns verurteilt.“ Es hätte sie verurteilt, weil es, wie er
sich überzeugt hatte, zu der west-europäisch denkenden Intelligenz kein
_Vertrauen_ haben wollte, haben konnte. In seiner späteren Kennzeichnung
der Stellung Raskolnikoffs unter den übrigen Sträflingen drückt er
wiederum ein eigenes Erlebnis mit den Worten aus, daß er, Raskolnikoff,
den Unterschied zwischen sich und diesen Sträflingen als so groß
empfand, als wären sie Menschen von verschiedener Rasse gewesen ... Er,
Raskolnikoff, habe die allgemeinen Gründe dieses Unterschiedes zwar
schon lange gewußt und begriffen, doch nie hätte er früher zugegeben,
daß diese Gründe in der Tat so tief und so stark waren.
Über die Frage, wie die Erlebnisse im Zuchthause gesundheitlich auf
Dostojewski eingewirkt haben, ist es ja nach seinem Tode in unserer
Presse zu einer richtigen Polemik gekommen. Es wurde die Ansicht
ausgesprochen, daß der Ausbruch seiner Krankheit, die Epilepsie, auf
eine erlittene körperliche Züchtigung (Rutenhiebe) zurückzuführen sei.
Diese Auffassung ist aber vollkommen haltlos, vielmehr wird u. a. auch
von Dr. Janowski ausdrücklich darauf hingewiesen, daß niemand von ihm
auch nur eine Anspielung auf etwas ähnliches gehört hat, obgleich er
sich ihm, dem Arzt, wie seinem Bruder Michail Michailowitsch, und in
Genf dem Priester Petroff gegenüber mit aller Offenheit über seine
Sträflingszeit ausgesprochen habe[64]. Im übrigen aber dürften sich die
über das erste Auftreten und die Entwicklung der Krankheit vielfach
widersprechenden Aussagen dahin zusammenfassen lassen, daß die Anfälle
zwar schon vor der Verbannung auftraten, jedoch von ihm selbst nicht als
Epilepsie erkannt wurden; in Sibirien aber hat sich die Krankheit
endgültig entwickelt, – bis ihm schließlich ein Zweifel an ihrem wahren
Charakter nicht mehr möglich war.
Aber wie einförmig das Leben im Zuchthause auch verlief – schließlich
verging die Zeit. Im tiefsten Winter war er ins Zuchthaus gekommen, also
mußte er es im Winter wieder verlassen, wenn auch nicht gerade im
Dezember, wie es in den „Aufzeichnungen“ heißt[65] ... Nach dieser
Autobiographie zu urteilen, muß Dostojewski bereits vom Zuchthause aus,
noch vor der Befreiung, seinen Briefwechsel wieder aufgenommen haben.
Doch von seinen sibirischen Briefen, die uns vorliegen,[66] ist der
erste, der allerdings ausdrücklich auf frühere Briefe Bezug nimmt, am
30. Juli 1854 aus Semipalatinsk an seinen Bruder geschrieben. In allen
Briefen beschwört er den Bruder, ihm doch zu schreiben, ihn nicht zu
vergessen, ihm Bücher zu schicken[67] und Geld, wenn er kann ... Das
Soldatenleben verschlingt seine Zeit, er hofft, der Bruder werde
verstehen, daß Soldat zu sein „nicht gerade ein leichtes ist für einen
Menschen mit meiner Gesundheit ... Ich murre nicht; dies ist mein Kreuz
und ich habe es verdient.“ Er lebt einsam, verbirgt sich sogar vor den
Menschen, denn nachdem er fünf Jahre lang stets unter Aufsicht gewesen,
ist es ihm „die größte Wonne, manchmal allein zu sein ... Übrigens ...
vermute nicht, daß ich noch ebenso melancholisch und argwöhnisch bin,
wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg war. Das ist vollkommen
vergangen ...“ Weiter heißt es in diesem Brief: „Ich danke Bruder Koljä
für die Nachschrift ... ich habe auch endlich von den Schwestern Warenka
und Wjerotschka Briefe erhalten ... ich glaube, daß sie mich wirklich so
lieben, wie sie sagen“. Am 6. Nov. 1854 schreibt er an den Bruder
Andrei: „... ich habe mein neues Leben angefangen. Jene vier Jahre aber
betrachte ich als eine Zeit, in der ich lebendig begraben und in einem
Sarge eingeschlossen war. In dieser ganzen Zeit habe ich von Euch allen
nicht die kleinste Nachricht erhalten ...“[68]
Ende November lernt Dostojewski den jungen, damals 23jährigen, Baron A.
E. Wrangel kennen, den er in einem späteren Brief als einen Menschen mit
den besten Eigenschaften schildert, als seinen Freund, der ihm in dieser
Zeit unendlich viel Gutes erwiesen habe, doch liebe er ihn nicht nur
deswegen. Er sei unmittelbar aus dem Lyzeum nach Sibirien gekommen, mit
der großzügigen Absicht, das Land kennen zu lernen, nützlich zu sein
usw.
In dieser ersten Zeit der Freundschaft mit Wrangel tritt nun, man kann
wohl sagen, ganz unverhofft der Regierungswechsel ein[69], der auch für
Dostojewskis weiteres Schicksal von größter Bedeutung sein sollte.
Bei seiner „Zweifelsucht“ quält es ihn sehr, daß der Bruder ihm auch
jetzt noch oft monatelang nicht schreibt, und wenn auch die anderen
Geschwister lange schweigen oder „gänzlich aufhören zu schreiben“,
argwöhnt er alles mögliche, wie er dem Bruder im Mai 1855 gesteht.
Im Laufe dieses Jahres hat Dostojewski in Semipalatinsk noch anderen
Verkehr gefunden und Personen kennen gelernt, von denen eine in seinem
späteren Leben eine wesentliche Rolle spielen sollte. Es war das Frau
Marja Dmitrijewna Issajewa. Als Wrangel sich im August 1855
vorübergehend in Barnaul aufhalten mußte,[70] schreibt Dostojewski an
ihn voll großer Sorge um ihre gemeinsame Bekannte: er teilt ihm den Tod
ihres Mannes mit und bittet ihn, der mittellos in Kusnezk
zurückgebliebenen Witwe die verabredete Summe zu schicken, die er ihm
unbedingt, wenn auch nicht sofort, zurückerstatten werde[71].
Am 18. Januar 1856 schreibt er an Maikoff über seinen Gemütszustand in
diesem Jahr: „... Ein Umstand, ein Ereignis, das in meinem Leben lange
auf sich hatte warten lassen und mich nun endlich erfaßte, riß mich hin
und verschlang mich ganz. Ich war glücklich. Ich konnte nicht arbeiten.
Später kamen Trauer und Leid über mich. Ich verlor das, was mein alles
war. Mehrere hundert Werst trennten uns ... Die Ausführung meines
Hauptwerkes habe ich aufgeschoben ...“ – gemeint sind die angefangenen
„Aufzeichnungen aus einem Totenhause,“ – „... ich begann im Scherz eine
Komödie zu schreiben ...“ („Onkelchens Traum“). Doch neben diesen
Arbeiten hat ihn noch eine „größere Novelle“ beschäftigt („Das Gut
Stepantschikowo“), u. a. Mit Interesse spricht er von der neuesten
Literatur und geht er auf Maikoffs Mitteilungen ein. „Ja, ich teile mit
Ihnen die Idee, daß Europa und Europas Bestimmung von Rußland beendet
werden wird. Das war mir schon lange klar.“ Eine Bestätigung dieser
Äußerung finden wir in Miljukoffs „Erinnerungen“.
Von großer Bedeutung für sein weiteres Geschick ist ein Brief vom 23.
März 1856 an den inzwischen nach Petersburg zurückgekehrten Wrangel, mit
der Bitte, das beigefügte Schreiben persönlich dem General Eduard I.
Todleben zu übergeben. Die Fragen, ob Dostojewski aus Gesundheitsgründen
recht bald um seinen Abschied vom Militär bitten könne und ob seine
Werke gedruckt werden dürfen, haben für ihn mittlerweile eine ganz
besondere Bedeutung erhalten: er hat sich bereits endgültig
entschlossen, Marja Dmitrijewna Issajewa zu heiraten, weshalb ihm an
einer Veränderung seiner sozialen Stellung und finanziellen Lage sehr
viel liegt. Nun folgen – in diesem, wie im nächsten Brief vom 13. April
– Pläne und Besprechungen, wie er den Onkel (Kumanin) um 1000 Rubel
bitten werde, ohne seine Heiratsabsichten zu verraten. Er erwähnt ein
Gedicht, das er auf die Thronbesteigung Alexanders II. verfaßt hat, – es
ist verloren gegangen, doch dürfte es, ebenso wie ein erhaltenes Gedicht
auf den Orientkrieg, mit Kunst wenig zu tun gehabt haben, um so mehr
aber, da er in diesem Gedicht den zukünftigen Befreier des Bauernstandes
mit aufrichtiger Vaterlandsliebe begrüßt. Er erwähnt ferner einen
Artikel über Rußland, aber der sei ein rein politisches Pamphlet
geworden; da man ihm aber wohl kaum erlauben werde, seine neue
literarische Tätigkeit mit einem Pamphlet zu beginnen, „wie patriotisch
sein Inhalt auch sein mag,“ so habe er schon in seine „Briefe über
Kunst“ ganze Seiten aus diesem Pamphlet übernommen. Seine Liebe zu Marja
Dmitrijewna, die, nach den Briefen an Wrangel zu urteilen, mehr und mehr
zur Leidenschaft wurde, war für ihn eine Quelle neuen Glücks, aber auch
großer Pein. Sie scheinen sich gegenseitig mit Eifersucht gequält zu
haben. Wenigstens bemerkt Doktor Janowski in einem Brief an Maikoff, in
dem er darauf zu sprechen kommt, daß „unter dem Einfluß gegenseitiger
Eifersucht Fjodor Michailowitschs Krankheit sich weiter entwickelt“
habe. Dazu wird vermutlich noch der Umstand beigetragen haben, daß er
hochherzig gegen dieses Gefühl ankämpfte und es soweit besiegte, daß er
selbstlos für den anderen, einen gewissen W., auf den er eifersüchtig
war, sorgte und ihm zu einer Existenzmöglichkeit zu verhelfen suchte.
Seine Briefe an Wrangel werfen aber auch ein neues Licht auf den ersten
Roman, den er nach seiner Rückkehr aus Sibirien 1860–61 schrieb: Die
„Erniedrigten und Beleidigten“ enthalten demnach nicht nur eine
Schilderung seines eigenen jungen Schriftstellerdaseins in den vierziger
Jahren, sondern sind auch in der Zeichnung seines Verhältnisses zu der
Heldin dieses Romans autobiographisch, – eines Verhältnisses, das von
unseren jetzigen Kritikern mit so schnellfertiger Oberflächlichkeit
aufgefaßt wird.
Im Mai äußert er sich, nachdem er erfahren, wie General Todleben seine
Bitte aufgenommen hat, ganz entzückt über „diese ritterliche, erhabene,
großmütige Seele“. Ebenso freut ihn die Mitteilung, daß alle Welt den
neuen Kaiser glühend liebt. „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch
Liebe hinzu kommt, ist alles getan! Wie soll man es jetzt aushalten,
zurückzubleiben, sich nicht der allgemeinen Bewegung anschließen zu
können, nicht auch sein Scherflein beizusteuern? O, gebe Gott, daß mein
Leben sich schneller ändere!“ Das wünschte er sich nicht bloß für sein
Privatleben, sondern auch, um sich an der allgemeinen Bürgerarbeit
beteiligen zu können, in Gemeinschaft mit einem solchen Kaiser! Von
seinen Privatangelegenheiten aber kann er jetzt und im Juni nichts Gutes
mitteilen. Er schreibt, daß er „fast verzweifelt.“ „... Also – jetzt
kann ich mit Sicherheit hoffen, doch ... nun ist es zu spät.“ Seine
Hoffnungen auf Familienglück sind zunichte geworden. Trotzdem sorgt er
sich nach wie vor um Marja Dmitrijewnas Lebensbedingungen. Sein Bruder
soll sich erkundigen, ob man ihren Sohn im Pawlowsker Kadettenkorps
unterbringen könnte, man solle alles tun, damit ihr eine einmalige
Unterstützung schnell ausgezahlt werde, sie könnte sonst vorher heiraten
und damit den Anspruch auf Unterstützung verlieren. „Er besitzt nichts,
sie auch nicht ... Das bedeutete für sie wieder Armut, wieder Leid ...“
Von sich selbst aber sagt er: „... meinetwegen ins Wasser! oder sich dem
Trunk ergeben!“
Am 1. Oktober 1856 wurde Dostojewski (nachdem er am 15. Januar desselben
Jahres Unteroffizier geworden war) zum Fähnrich befördert. Es geschah
dies auf Befürwortung Todlebens und des Prinzen von Oldenburg hin, doch
glaubte Dostojewski – und zwar mit Recht –, daß er auch sehr viel den
persönlichen Bemühungen Wrangels zu verdanken habe. Am 1. Dezember teilt
er seinem Freunde mit, daß er voraussichtlich noch vor der Fastenzeit im
Frühjahr heiraten werde – „Sie wissen, wen ... Sie hat sich bald von dem
Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt ... O, wenn Sie wüßten, was diese
Frau ist!“ Geld hat er natürlich keine Kopeke. Er will sich an den Onkel
Kumanin wenden, der den Geschwistern schon oft geholfen hat ...
Warum ist „Der kleine Held“ – die Geschichte, die er in der
Peter-Pauls-Festung während der Untersuchungshaft geschrieben hat – noch
nicht gedruckt? Wenn man ihm noch ein ganzes Jahr nichts zu
veröffentlichen erlaubt, ist er verloren – „dann lieber überhaupt nicht
leben! ... Natürlich bin ich bereit, _meinetwegen immer ohne Nennung
meines Namens_ oder unter einem Pseudonym zu schreiben“. Zum Schluß
bittet er Wrangel „kniefällig“, jenem selben W. zu helfen, für den er
sich im Sommer verwandt hatte, „... jetzt ist er mir teurer als ein
leiblicher Bruder ...“
Am 25. Februar 1857 schreibt er an Wrangel, daß er 8 Monate wie ein
Bettler werde leben müssen, wenn ihm der Onkel nicht noch einmal hilft.
Am 9. März aber teilt er dem Freunde in ganz ruhigem Tone mit, daß am 6.
März seine Trauung in Kusnezk stattgefunden hat ... In Barnaul hat er
einen Anfall gehabt und der Arzt hat ihm gesagt, daß es richtige
Epilepsie sei – das beunruhigt ihn. Nach seiner Rückkehr nach
Semipalatinsk erwarten ihn einerseits die Sorgen um die Einrichtung der
Wohnung, andererseits ist eine Besichtigung durch den Brigadekommandeur
angesagt.
Nach diesem für längere Zeit letzten Brief an Wrangel beginnt wieder
eine Reihe von Briefen an den Bruder. Seine materiellen Sorgen sind
dieselben. Im März 1858 schreibt er, seine Lage sei kritisch, „wenn
Pleschtschejeff die 1000 Rubel nicht gibt ...“ Der Bruder hat inzwischen
3000 Rubel verloren, um so schwerer wird es, ihn um neue Hilfe
anzugehen. Außer geliehenem Gelde helfen ihm 500 Rubel als Vorschuß vom
Verleger Katkoff für eine versprochene Novelle („Onkelchens Traum“) und
später 1000 Rubel vom Herausgeber des „Russischen Wortes“ für „Das Gut
Stepantschikowo“, das im Herbst 1859 erscheinen soll. Er erwähnt bereits
den Plan zu einem Roman – offenbar „Raskolnikoff“. „Warum schreiben die
Verwandten kein Wort?“ Außer der Beförderung zum Fähnrich hatte Todleben
für ihn am 18. März 1859 auch das Recht erwirkt, seine Werke – sogar
unter seinem Namen – drucken zu lassen; gleichzeitig wurde er als
Leutnant vom Dienst befreit und erhielt die Erlaubnis, nach dem
europäischen Rußland zurückzukehren und in Twer zu wohnen. Seine Abreise
aus Semipalatinsk verzögert sich bis zum Juli; dann muß er sich noch in
Omsk aufhalten, infolge der Formalitäten, die mit dem Austritt seines
Stiefsohnes aus dem Korps verbunden sind.
Den nächsten Brief – vom 19. September 1859 – schreibt er bereits aus
Twer, wo ihn der Bruder schon besucht hat. Aus dem nun folgenden
Briefwechsel mit dem Bruder ist zu ersehen, wie schwierig es immerhin
noch war, seine ersten Werke nach der sibirischen Verbannung
unterzubringen. Und wie hatte ihn das Schicksal zu Anfang seiner
literarischen Laufbahn mit dem ersten glänzenden Erfolg verwöhnt! Nun
aber galt es, und das noch nach einer so schweren Prüfung, das
Notwendigste zu beschaffen, um mit der Frau und dem Stiefsohn überhaupt
leben zu können. Er arbeitet an den „Aufzeichnungen aus einem
Totenhause“, spricht von dem Plan zu einem großen Roman
(„Raskolnikoff“), trägt sich, nach der Aussage Miljukoffs, mit der
Absicht, ein philosophisches Werk zu schreiben, doch nach reiflicher
Überlegung sagt er sich davon los. Daneben plant er die Gesamtausgabe
seiner bisher erschienenen Werke ... bis er schließlich, da er das
Warten in Twer nicht mehr aushält, (das Warten auf die Beantwortung
seines Gesuchs an Todleben), unmittelbar an den Kaiser ein Gnadengesuch
richtet, in dem er bittet, nach Petersburg übersiedeln zu dürfen, um
dort wegen seiner Krankheit Spezialisten konsultieren zu können ...
Am 2. November schreibt er an seinen Freund Wrangel, daß Marja
Dmitrijewna sich aufreibe in der Sorge um das Schicksal ihres Sohnes, da
sie fürchte, nach seinem, Dostojewskis, Tode mit dem heranwachsenden
Sohne wieder so dazustehen, wie nach dem Tode ihres ersten Mannes. Da er
als Ausgang seiner Krankheit, wie er an den Kaiser schreibt, „Lähmung,
Tod oder Irrsinn“ vor sich sah und darin von der gleichfalls kranken,
alles schwarz sehenden Frau noch bestärkt wurde, kann man sich ungefähr
denken, welcher Art sein Gemütszustand in dieser Zeit war. Ende November
erhält er die Erlaubnis zur Übersiedelung nach Petersburg.
Miljukoff, der ihn mit Michail Michailowitsch vom Bahnhofe abholte,
fand, daß er sich physisch nicht verändert hatte; ja, es schien ihm
sogar, als sähe er, im Vergleich zu früher, rüstiger aus und als habe er
von seiner gewohnten Energie nichts eingebüßt[72].
Petersburg.
„Die Gespräche in unserem neuen, nicht großen Freundeskreise,“ so
erzählt Miljukoff, „glichen nun schon in vielem nicht mehr jenen, die
seinerzeit bei Duroff geführt worden waren. Und hätte es überhaupt
anders sein können? In diesen zehn Jahren hatten Westeuropa und Rußland
gleichsam die Rollen getauscht. Dort waren die humanitären Utopien, die
uns ehemals so hingerissen hatten, wie Rauch verflogen und die Reaktion
triumphierte in allem; bei uns aber begann sich nun vieles von dem,
wovon wir damals geträumt hatten, zu verwirklichen, und es wurden
Reformen eingeführt oder vorbereitet, die das russische Leben erneuerten
oder zu erneuern versprachen. So versteht es sich wohl von selbst, daß
in unseren Gesprächen der frühere Pessimismus nicht mehr vorhanden war,“
schließt Miljukoff.
In der Tat: man wußte 1859 bereits allgemein, daß die Vorarbeiten zur
Aufhebung der Leibeigenschaft nun wirklich im Gange waren, und man wußte
überdies, daß nach Allerhöchstem Willen die Bauern „_mit Land_“ befreit
werden sollten. Nun bestand aber schon von jeher über die Frage, ob die
Bauern _mit_ oder _ohne_ Zuteilung von Land zu befreien seien, ein
Gegensatz zwischen der Minderheit und der „vornehmen“ Mehrheit, deren
Anwalt (der Historiker Karamsin) noch unter Alexander I. die Zuteilung
von Land an die Bauern nicht anders als „die Verletzung der heiligen
Rechte des Eigentums“ genannt hatte. Unter Alexander II. fehlte der
„gekränkten“ Partei ein so hervorragender Vertreter wie Karamsin, und so
kam denn ihre Gegnerschaft nur in inoffiziellem, doch nichts
destoweniger hartnäckigem und folgerichtigem Zuwiderhandeln gegen die
große Reform zum Ausdruck – indem man mit Entstellungen und
Verzögerungen in der unmittelbaren Anwendung der Verordnungen und ihrer
Konsequenzen arbeitete[73]. Und andererseits: wenn der radikale Franzose
Proudhon in seinem Briefe an J. Ssamarin[74] fand, daß, nach der großen
Tat vom 19. Februar, Herzens oppositionelle Zeitschrift („Die Glocke“)
nun verstummen müßte, so waren die russischen liberal-oppositionellen
Menschen keineswegs derselben Ansicht. Als Turgenjeff ein paar Jahre
später (1866–67) seinen Roman „Rauch“ schrieb, da hatte er einerseits
bereits eine ausgesprochene konservative „Fronde“ zu schildern und
anderseits radikale Kreise, in denen schon Lenker auftauchen konnten,
die im Grunde einfach Anhänger des Systems der Leibeigenschaft waren,
doch im Spiel mit revolutionärer Propaganda ihr Herz erleichterten. Man
wollte bei uns nicht einsehen, daß – angesichts des Widerstandes, den
der Kaiser von seiten der interessierten Klasse erfuhr, die auch nach
dem 19. Februar 1861 den Kampf noch längst nicht aufgab – nun alle, die
in unserer Gesellschaft uneigennützig dachten und wirklich die Freiheit
liebten, sich einmütig um den Kaiser hätten scharen müssen, zur
Mitwirkung an der großen _aufbauenden_ Arbeit. Statt dessen wurde bei
uns schon seit 1856 behauptet, nur dann sei eine
„... Sache dauerhaft,
Wenn Blut für sie vergossen wird.“
Allen Andersdenkenden, die sich zu solchen Theorien nicht bekehren
ließen, wurde Mangel an bürgerlichem Mut vorgeworfen. Schon damals
begann man uns eindringlich das Sterben zu lehren, zu einer Zeit, als
man uns zu _leben_ hätte lehren sollen – ehrlich, aufopfernd, standhaft
zu leben. Und als Lebensgesetze prägte man uns schon seit dem Anfang der
sechziger Jahre Sentenzen ein, wie z. B.: „Gut ist der Mensch dann, wenn
er zur Erlangung von Angenehmem für sich, anderen Angenehmes zufügen
muß; schlecht ist der Mensch dann, wenn er gezwungen ist, zur Erlangung
von Angenehmem für sich, anderen Unangenehmes zuzufügen.“ Eine so
unzweideutige Ausschaltung der Menschenseele mit ihrer inneren
sittlichen Tat begann also bei uns in einem Augenblick, als die
_aufbauenden_ Männer der Zeit, gleich J. Ssamarin, der Ansicht waren,
gerade jetzt täte uns inneres Heldentum not. „Die Predigt des
Materialismus _in Rußland_“ erschien Ssamarin gerade vor der Tat der
Bauernbefreiung ganz besonders unangebracht, wie er in einem seiner
Artikel bemerkte, bezugnehmend auf die damalige Kritik, die in einem
1858 erschienenen Buch eine „Erniedrigung der Persönlichkeit“ entdeckte,
weil darin von dem Prinzip der Selbstlosigkeit als von der notwendigen
Begleiterscheinung des Prinzips der persönlichen Selbständigkeit die
Rede war. Ich erinnere mich auch noch, wie mir ein Mann von großem
Verstande und viel Erfahrung, einer, der außerhalb aller Parteien stand
– der verstorbene Professor Nikitenko[75] – jene mir damals ganz
unverständliche Wut gegen dieses Buch erklärte „So brauchen es jene
Leute, deren Aufgabe es ist, alles ins Wanken zu bringen“. Die
Richtigkeit dieser Bemerkung bestätigte mir später eine Gravüre – das
Bild eines talentvollen Jünglings, der in den sechziger Jahren für die
neueste Autorität in unserer Kritik galt: Hielt man das Blatt gegen das
Licht, so konnte man unter dem Namenszug des Jünglings die Worte lesen:
„Das Werk der Zerstörung ist getan, – das Werk des Aufbaues steht bevor
und wird nicht nur eine Generation beschäftigen.“
Das also fand der Mensch bei uns vor, der aus Sibirien an Wrangel
geschrieben hatte: „Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn noch Liebe
hinzukommt, dann ist alles getan!“
Jene Treibereien der Linken kamen aber den Unzufriedenen der
Herrenpartei sehr gelegen. Mit dem revolutionären Radikalismus ging der
Konservatismus, wenn auch vom anderen Ende ausgehend, nun unmittelbar
zusammen, dieser Konservatismus, den J. Ssamarin richtig durchschaute
und als „genau so revolutionär“ bezeichnete. Das französische Sprichwort
„_les extrêmes se touchent_“{[10]} fand bei uns die glänzendste
Bestätigung. Das konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig jenen
denkwürdigen „literarischen Abend“ miterlebte, der im Frühjahr 1862,
gleich vielen anderen Festlichkeiten, zur Feier des tausendjährigen
Bestehens Rußlands veranstaltet wurde[76]. Die große Reform (die
Aufhebung der Leibeigenschaft) war gewissermaßen am Vorabend der
Jahrtausendfeier vollzogen worden, und so hätte man das Fest, sollte man
meinen, mit beruhigtem Gewissen und „furchtlosem Blick nach vorwärts“
begehen können. Doch als der die Festrede vortragende Professor der
Universität auf das Maß von Bitternis zu sprechen kam, die das russische
Volk im Laufe seines tausendjährigen Lebens zu trinken gehabt, und im
Anschluß hieran sagte: „Zur Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich
regierenden Kaisers war der Becher zum Überlaufen gefüllt ...“ – da ließ
man ihn nicht zu Ende sprechen, daß der Kaiser nun jenen Überschuß von
Bitternis, der sich durch die Leibeigenschaft angesammelt, aus dem
Becher weggegossen hatte. Man faßte seine Worte in einem ganz anderen
Sinne auf, als sie gemeint waren, und es brach ein wilder Beifallssturm
und ein Bravogejubel aus. Ich erinnere mich noch genau, mit welch einem
wollüstigen Entzücken damals gerade die Vertreter – _nicht_ des
Nihilismus (das sah man an dem Ordensschmuck, den sie trugen), ihren
Beifall durch Applaus bekundeten, ungeachtet dessen, daß sie sich in
ihren „heiligsten Rechten“ verletzt fühlten. Als aber der Vortragende zu
dem Satze kam: „Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes
...,“ da floß das Entzücken _dieser_ Nihilisten (oder „Revolutionäre“
nach Ssamarin) mit dem Entzücken _jener_ Nihilisten zusammen – obschon
selbstredend die nach dem Sprichwort sich nun berührenden „Extreme“ oder
entgegengesetzten Parteien bei der Bezeichnung „Administratoren“ –
keineswegs an ein und dieselben, sondern an ganz verschiedene
Persönlichkeiten dachten.
Die Mehrzahl von uns erinnert sich natürlich noch der Folgen dieses
Abends, an dem der bewußte Artikel über das Tausendjährige Rußland zum
Vortrag gelangte. Der Redner hatte dafür zu büßen – allerdings nicht
wegen der paar Worte, die er außer dem von der Zensur genehmigten Text
sagte, sondern wegen der ungeheuren Wirkung seines Vortrags – der
mißverstanden worden war. Ein Teil der studierenden Jugend verlangte nun
von den Professoren, daß sie ihre Vorlesungen einstellten, da nach
alledem, was vorgefallen war, eine Fortsetzung der Universitätskurse,
die damals in den Sälen der Duma stattfanden, bereits undenkbar war.
Einer der Professoren fand jedoch, daß man um einer Demonstration willen
nicht die Wissenschaft aufgeben müsse, und verfocht seinen Standpunkt
auch gegen die pfeifende und zischende Mehrheit. Der betreffende
Professor mußte aber – ich glaube ganz gegen seinen Wunsch – den
Abschied nehmen, obgleich seine selbständige Handlungsweise die Jugend
gewiß eher eines Besseren hätte belehren können, als die vorhergegangene
Festungshaft der Haupturheber jener Unruhen, die die Schließung der
Universität veranlaßt hatten. Diese Festungshaft hatte in der Jugend
bekanntlich nur den Eigendünkel erhöht, zumal sie sich zu ihrer
Weigerung, die neuen Vorschriften anzunehmen, von einem durchaus ernsten
und edlen Beweggrund hatten bestimmen lassen: es war das ihr Unvermögen,
sich damit auszusöhnen, daß nach diesen Vorschriften von nun an _alle
für den Besuch der Vorlesungen ein Kollegiengeld zahlen mußten_,
„wodurch alle diejenigen jungen Leute, denen die Mittel dazu fehlten,
den Zutritt zur höheren Bildung verloren“. Wer das nicht wußte, dem
konnte diese Auflehnung wegen irgendwelcher „Matrikel“ gerade jetzt in
der großen Zeit der Bauernbefreiung tragi-komisch erscheinen! Das Volk
wußte natürlich nicht, um was es sich handelte, und urteilte von seinem
Gesichtspunkte aus: „Die jungen Herrlein revoltieren, weil man uns die
Freiheit gegeben hat.“
Alles das zusammen bildete schon eine Reihe verwickelter, bunter
Erscheinungen, die bereits entschieden jene Erscheinungen ankündigten,
die von Dostojewski später in den „Dämonen“ geschildert worden sind. Ich
kann mich jetzt nicht mehr darauf besinnen, ob Dostojewski an jenem
denkwürdigen Abend vor mehr als zwanzig Jahren auch zugegen war, – doch
die wesentlichen Züge der Ereignisse jenes Abends finden wir
wiedergegeben in den fast zehn Jahre später geschriebenen „Dämonen“ (in
der Schilderung des literarischen Vormittags, der zu einem wohltätigen
Zweck veranstaltet wird, an dem es jedoch infolge einer
unvorhergesehenen politischen Rede zu einem ungeheuren Skandal kommt).
Aber ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich zum erstenmal Dostojewski
sah und vorlesen hörte: er las aus dem „Totenhause“ die Sterbeszene des
schwindsüchtigen Sträflings im Gefängnislazarett. Ich weiß nicht, ob er
mit Absicht gerade dieses Kapitel gewählt hatte, das deutlich den ganzen
Unterschied zwischen seinem Verhältnis zum Volk und dem Verhältnis
jener, die ihn zum Lesen aufforderten, hervorhob – jene Besonderheit,
auf Grund welcher er in demselben „Totenhause“ sagt, daß unsere
Intellektuellen dieses Volk nicht viel lehren könnten, – sondern selber
vom Volk lernen müßten. Erst nach seinem Tode erfuhr ich, daß es ihm
unangenehm war, gerade aus dem „Totenhause“ vorzulesen, worum man ihn in
der Regel ausdrücklich bat, – weil es als Anklage aufgefaßt werden
konnte. Er begriff offenbar nur zu gut, daß man ja gerade um der
Demonstration willen etwas aus dem „Totenhause“ zu hören wünschte. Da
ich ihn damals noch nicht persönlich kannte – ich lernte ihn erst in den
siebziger Jahren kennen –, ahnte ich natürlich nicht, was für eine neue
_Folter_ dieser Mensch nun ertragen mußte, indem er sich unter Menschen
fand, die ihn für einen der _Ihrigen_ hielten, während er selbst sich
unter ihnen als _Fremden_ empfand. Dabei war er derselbe geblieben, der
er damals war, als er im Freundeskreise Puschkins Gedicht vortrug, das
man jetzt unter dem von ihm „vergötterten“ Kaiser endlich frei vortragen
durfte. Gerade deshalb „vergötterte“ er ja diesen Kaiser: nicht, weil er
ihn, Dostojewski, befreit hatte, sondern weil Puschkins Worte von dem
„auf einen Wink des Zaren“ befreiten Volk nun nicht mehr verboten waren.
Er begriff, daß die Zeiten sich geändert hatten, – jene aber, die sich
seiner um der Demonstration willen zu bedienen suchten, wollten das
nicht begreifen. Ihre Eigenliebe oder ihre Machtliebe erlaubte ihnen
nicht, einzugestehen, daß das Volk in seiner unerschütterlichen Hoffnung
auf den Zaren recht behalten hatte. So war es denn ein in seiner Art
ganz folgerichtiger Wunsch, dem Volke nun einzureden, daß es sich einer
Selbsttäuschung hingebe, in Wirklichkeit jedoch nur betrogen worden sei.
Die sich aber einmal auf diesen Weg gestellt hatten, mußten nach und
nach dahin kommen, daß sie sich sogar zu der Not des Volkes schadenfroh
verhielten – und auch hierin stimmten sie wieder mit den „revolutionären
Konservativen“ überein.
Es wäre der größte Kleinmut, alles das jetzt nicht einzugestehen, jetzt,
nach jenem furchtbaren Tage vom 1. März 1881, der in unserer Geschichte
als ein ewiger Zeuge einer noch nicht dagewesenen Undankbarkeit
verbleiben wird, unserer schreienden Undankbarkeit gegenüber dem Urheber
eines in der Weltgeschichte so einzig dastehenden Tages wie es der 19.
Februar ist.
Doch aus dem „Tagebuch eines Schriftstellers“ vom Jahre 1873 erfahren
wir auch von Dostojewski selbst, wie er sich zu dem in den sechziger
Jahren sich abspielenden Präludium jener in den „Dämonen“ dargestellten
späteren Erscheinungen verhielt. Er äußert sich hier mit seiner
gewohnten Offenheit. Was ihn dazu veranlaßte, war das Gerücht, seine
1865 erschienene phantastische Satire „Das Krokodil“ sei auf N. G.
Tschernyschewski[77] gemünzt gewesen. Er gibt deshalb seine ganze
Unterredung mit dem Autor des Romans „Was tun?“ über die damalige
Verhetzung der Jugend wieder.
„Mit Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski bin ich gleich im ersten
Jahre nach meiner Rückkehr aus Sibirien, 1859, zusammengetroffen,“
erzählt er. „Ich erinnere mich aber nicht mehr, wo und auf welche
Weise es geschah. Später sind wir einander noch manchmal begegnet,
wenn auch sehr selten, und haben dann stets miteinander gesprochen,
wenn auch nur sehr kurz. Übrigens haben wir uns jedesmal die Hand
gereicht. Herzen sagte mir einmal, Tschernyschewski habe einen
unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht, d. h. durch sein Äußeres,
seine ganze Art. Mir gefiel sein Äußeres wie seine Art.
„Eines Morgens fand ich auf der Klinke meiner Wohnungstür eine
Proklamation, eine der merkwürdigsten von allen, die damals
auftauchten; und es tauchten damals recht viele auf. Diese hatte die
Aufschrift: ‚An die junge Generation‘. Man konnte sich nichts
Abgeschmackteres und Dümmeres vorstellen. Der Inhalt war eine
Aufreizung von so lächerlicher Form, daß eigentlich nur der größte
Feind dieser Leute ihn für sie erfunden haben konnte, um sie ein für
allemal unmöglich zu machen. Diese Proklamation verdroß mich
schrecklich und ich fühlte mich den ganzen Tag bedrückt. Das war
damals alles noch so neu und dermaßen nahe, daß selbst diese
Menschen richtig zu erkennen schon schwer war. Schwer namentlich
deshalb, weil man gewissermaßen nicht glauben wollte, daß sich unter
diesem verwirrenden Getümmel eine solche Nichtigkeit verberge. Ich
spreche jetzt nicht von der damaligen Bewegung als solcher, sondern
nur von den Menschen. Was die Bewegung betrifft, so war sie eine
schwere, krankhafte, aber durch ihre historische Bedingtheit doch
schicksalsvolle Erscheinung, die einmal ihr ernstes Blatt in der
Petersburger Periode unserer Geschichte haben wird. Ja, und dieses
Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende geschrieben.
„Und da ärgerte ich mich nun plötzlich, obgleich ich schon lange mit
meiner Seele und meinem Herzen weder mit diesen Leuten, noch mit dem
Sinne ihrer Bewegung übereinstimmte –, ärgerte mich und schämte mich
fast ihrer Ungeschicktheit: ‚Warum kommt das bei ihnen so dumm und
ungeschickt heraus‘? Und was ging denn das schließlich mich an? Aber
es tat mir ja doch nicht um ihren Mißerfolg leid. Von den
eigentlichen Urhebern und Verbreitern der Proklamationen kannte ich
keinen einzigen und kenne sie auch jetzt nicht; aber das war ja das
Traurige dabei, daß diese Erscheinung sich mir nicht als ein
einzelner Fall darstellte, als ein törichter Streich bestimmter
Personen, auf die es weiter nicht ankam. Hier bedrückte vielmehr
eine Tatsache: das Niveau der Bildung, der Entwicklung und das
Fehlen selbst des geringsten Verstehens der Wirklichkeit, – das war
es, was so entsetzlich niederdrückend wirkte. Obgleich ich schon
seit drei Jahren wieder in Petersburg lebte und bereits manche
Erscheinungen beobachtet hatte, machte diese Proklamation an jenem
Morgen doch einen furchtbaren Eindruck auf mich, sie wirkte
gleichsam wie eine neue, völlig unerwartete Entdeckung: ich hatte
bis dahin noch nie eine solche Nichtigkeit hinter alldem für möglich
gehalten! Es erschreckte einen namentlich der Grad dieser
Nichtigkeit. Kurz vor dem Abend fiel es mir plötzlich ein,
Tschernyschewski aufzusuchen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich
noch nie daran gedacht, zu ihm zu gehen, ganz wie auch er noch nie
bei mir gewesen war ... Ich traf ihn ganz allein zu Hause an, auch
von den Dienstboten war niemand da, und er machte mir selbst die Tür
auf. Er empfing mich überaus bereitwillig und führte mich in sein
Arbeitszimmer.
„‚Nikolai Gawrilowitsch, was bedeutet das hier?‘ Ich zog die
Proklamation hervor.
„Er nahm sie wie etwas ihm vollkommen Unbekanntes und las sie durch.
Es waren im ganzen zehn Zeilen.
„‚Nun, und?‘ fragte er mit einem leichten Lächeln.
„‚Sind diese Leute wirklich so dumm und so lächerlich? Sollte es
nicht doch möglich sein, sie zurückzuhalten und dieser
Schändlichkeit ein Ende zu machen?‘
„Darauf antwortete er sehr gewichtig und eindringlich: ‚Glauben Sie
denn, daß ich mit jenen solidarisch bin, und halten Sie es für
möglich, daß ich an der Abfassung dieses Textes beteiligt gewesen
sein könnte?‘
„‚Das ist’s ja, daß ich das nicht glaube,‘ versetzte ich, ‚und ich
halte es sogar für überflüssig, Sie dessen noch zu versichern.
Jedenfalls aber muß man ihnen Einhalt tun, um jeden Preis. Ihr Wort
ist für sie von Gewicht und natürlich fürchten sie Ihre Meinung.‘
„‚Ich kenne keinen von ihnen‘.
„‚Auch davon bin ich überzeugt. Aber es ist ja gar nicht nötig, sie
zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur
laut, gleichviel wo, zu erklären, daß Sie diese Treibereien tadeln,
und es wird schon zu ihnen gelangen‘.
„‚Vielleicht wird das auch keinen Einfluß haben. Ja und schließlich
sind auch diese Erscheinungen als Begleiterscheinungen
unvermeidlich‘.
„‚Und doch schaden sie allen und allem‘.
„Es klingelte und ein anderer Gast erschien – ich erinnere mich
nicht mehr, wer es war. Da verabschiedete ich mich und fuhr nach
Hause. Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, daß ich mit
Tschernyschewski ganz offenherzig sprach und durchaus daran glaubte,
wie ich auch jetzt daran glaube, daß er mit den Verfassern und
Verbreitern dieser Proklamation nicht ‚solidarisch‘ gewesen ist. Ich
hatte den Eindruck, daß mein Besuch ihm nicht unangenehm war; ein
paar Tage später bestätigte er diesen Eindruck, indem er zu mir
gefahren kam und ungefähr eine Stunde bei mir blieb. Es wurde mir
klar, daß er mit mir bekannt werden wollte, und ich weiß noch, mir
war das angenehm. Dann war ich noch einmal bei ihm und er noch
einmal bei mir. Bald darauf fuhr ich nach Moskau, wo ich ungefähr
neun Monate blieb. Auf die Weise hörte unser Verkehr von selbst auf.
Darauf erfolgte die Verhaftung Tschernyschewskis und seine
Verbannung. Über seinen Prozeß habe ich nie etwas erfahren können;
ich weiß auch heute noch nichts Näheres ...“
Doch wenn eine solche „Begleiterscheinung“ in der großen Zeit der
Bauernbefreiung durch ihre „Nichtigkeit“ in ihrer Art lachhaft sein mag,
so kann man das vom polnischen Aufstande von 1863 natürlich nicht mehr
sagen. Ich schäme mich, wenn ich daran zurückdenke, wie ich damals im
Auslande den deutschen Zeitungen anfangs Glauben schenkte in dem, was
sie von den Grausamkeiten unserer Soldaten in Polen berichteten.
Indessen erhob sich damals in demselben Deutschland eine so
unparteiische, ja, noch mehr als das, eine so begeisterte Stimme über
unsere Bauernreform, wie wir sie bei uns in Rußland entschieden nicht zu
hören bekamen. Es war die Stimme eines Greises mit jungem Geist – Jakob
Grimms. Mit seinem allumfassenden, menschlichen Herzen erkannte er
vollkommen und begrüßte er freudig unsere, wie er sich ausdrückte,
„riesenhafte Vorwärtsbewegung“. Eben diese Vorwärtsbewegung aber sollte
nun aufgehalten, sollte hintertrieben werden, und gerade in dieser
Zeitspanne brach nun – zur Freude und Zufriedenheit jener europäischen
Mehrheit, die nicht den edlen Geist eines Grimm besaß – der polnische
Aufstand aus mit seinem blutigen Terror. Jetzt durfte sich Dostojewski
nicht mehr mit Geringschätzung über die „Nichtigkeit“ der Erscheinung
äußern, jetzt war für ihn nichts anderes möglich, als daß er von
Entrüstung und Entsetzen erfüllt wurde. Bekanntlich wird Dostojewski von
vielen für einen ausgesprochenen Feind Polens gehalten, und die Edelsten
unter den Polen können ihm seine Stellungnahme nicht verzeihen. Wenn wir
indes jenes Kapitel in den „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“ lesen,
in dem er auf die politischen Sträflinge zu sprechen kommt, so finden
wir, daß er von den verbannten Polen nicht nur ohne feindselige
Voreingenommenheit, sondern mit voller Achtung spricht. Ihn kränkte nur
ihr hochmütiges „_je hais ces brigands_“{[11]} in ihrem Verhalten zu den
anderen russischen Sträflingen, in denen er selbst immer dasselbe
russische Volk sah, mit dem er sich eins fühlte. Der polnische Aufstand
aber gerade in dieser segensreichen Zeit mußte ihm einfach als eine
Verhöhnung des ganzen russischen Volkes erscheinen, desselben Volkes,
das jetzt endlich seinen Zar-Befreier erharrt hatte – dieser Aufruhr,
dessen armseliges, doch immerhin trauriges Präludium die
Studentenunruhen mit den damaligen „_dummen_“, aber immerhin
unheilverkündenden Proklamationen waren. Doch während unsere jungen
„Herrlein“ gewissermaßen nur zufällig in den Augen des Volkes zu einer
dem Volke so widerlich gewordenen Rolle kamen („Die jungen Herrlein
revoltieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat“), – war jetzt im
polnischen Aufstande schon deutlich und in allem Ernst der alte, das
verknechtete Bauernvolk stets nur verachtende, „höchst edelgeborene“
Geist zu spüren. Nicht Polen war es, und nicht das polnische Volk, dem
nun von demselben russischen Zaren gleichfalls Land zugeteilt worden
war, was Dostojewski nicht liebte: er haßte jenen traditionellen Geist
Polens, der das eigene Volk bedrückte und der Polen ins Verderben
gebracht hatte. Diesen alten Geist Polens mußte er hassen, ganz wie
Proudhon ihn haßte und wie viele von den Polen selbst es taten – von den
wirklich selbstlos-ehrlichen polnischen Patrioten. Dieser alte Geist
Polens war Dostojewski verhaßt als dem _Sozialisten_, der er war, – denn
ein Sozialist im weiten menschlichen Sinne dieses Wortes hat Dostojewski
nie aufgehört zu sein.
Aber die Sache war die, daß unsere – nicht nur unsere „Liberalen“,
sondern auch unsere „Sozialisten“ bereit gewesen wären, den polnischen
Panen die brüderliche Hand zu reichen, weil sie in ihnen einen reichen
Vorrat an Unzufriedenheit sahen, – bei uns aber hatte sich damals schon
jener Opportunismus entwickelt, der _keinerlei_ unzufriedene Elemente
verschmähte, worauf Ssamarin in seinen Briefen an Herzen so deutlich
hingewiesen hat[78].
Dostojewski war niemals ein „getreuer Untertan der Revolution“ (wie
Ssamarin sich in diesen Briefen an Herzen, bezugnehmend auf andere
Zeitgenossen, ausdrückt), und darum war er auch nie „Opportunist“.
Aus Sibirien mit einem unermeßlichen Vorrat von Glauben und Liebe
zurückgekehrt, und mit dem heißen Verlangen nach Einigkeit bei der
aufbauenden Arbeit zum Wohle des Vaterlandes, mußte er mit wachsendem
Unwillen die ringsum mehr und mehr hervortretenden Anzeichen einer
negativen Tätigkeit zum Zwecke der _Zerstörung_ erkennen. So ist deshalb
wohl ohne weiteres zu verstehen, daß er sich bei seiner Geradheit immer
mehr Feinde machen mußte.
Unter diesen Verhältnissen und in dieser Lage nahm Dostojewski seine
literarische Tätigkeit nun wieder auf. Gerade im Jahre der
Bauernbefreiung begann er in Gemeinschaft mit seinem älteren Bruder die
Monatsschrift „Die Zeit“ herauszugeben.
Doch meine Aufgabe ist nur, seinen Lebenslauf bis zu diesem Augenblick
zu verfolgen. Ich übergebe die Feder seinem nächsten Mitarbeiter an
dieser Zeitschrift – als dem unmittelbaren Teilnehmer und Augenzeugen
der weiteren Lebenszeit Fjodor Michailowitschs[79].
_Orest Miller._
Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke[80].
Erstes Kapitel.
Statt eines Vorworts.
Seit wieviel Monaten, meine Freunde, drängen Sie mich nun schon, Ihnen
doch endlich meine ausländischen Eindrücke zu erzählen, und dabei
scheinen Sie nicht einmal zu ahnen, daß Sie mich mit Ihrer Bitte einfach
in Verlegenheit setzen. Was soll ich Ihnen denn berichten? Was kann ich
Ihnen Neues, noch Unbekanntes, noch nicht Erzähltes erzählen? Wem von
uns Russen (d. h. von den Russen, die wenigstens Zeitschriften lesen)
ist Europa nicht doppelt so gut bekannt wie Rußland? „Doppelt so gut“
habe ich soeben nur aus Bescheidenheit gesagt, in Wirklichkeit aber
dürfte uns Europa sicherlich zehnmal besser bekannt sein. Doch abgesehen
von diesen allgemeinen Bedenken wissen Sie ja ganz genau, daß gerade ich
im besonderen eigentlich gar nicht das Recht habe, etwas zu erzählen,
oder gar noch regelrecht und schriftlich zu berichten, da ich doch
nichts regelrecht betrachtet habe; denn wenn da auch manches an meinem
Auge vorübergezogen ist, so bin ich doch gar nicht dazu gekommen, es mir
genauer anzusehen. Ich war in Berlin, in Dresden, in Wiesbaden, in
Baden-Baden, in Köln, in Paris, in London, in Luzern, in Genf, in Genua,
in Florenz, in Mailand, in Venedig, in Wien, und in noch manchen anderen
Städten, in manchen sogar zweimal, und alles das habe ich in genau
zweieinhalb Monaten bereist! Kann man denn überhaupt etwas richtig
erkennen, wenn man in so kurzer Zeit so vieles sieht? Wie Sie wissen,
hatte ich meinen Reiseplan in Petersburg im voraus festgesetzt. Im
Auslande war ich noch nie gewesen, doch schon seit meiner frühesten
Kindheit hatte ich hingestrebt, schon damals, als ich noch nicht zu
lesen verstand und an den langen Winterabenden mit offenem Munde, fast
vergehend vor Entzücken und Grauen, zuhörte, wie meine Eltern vor dem
Schlafengehen die Romane der Radcliffe lasen, von denen ich dann noch im
Traume fiebernd phantasierte. Erst in meinem vierzigsten Lebensjahre
sollte es mir endlich möglich sein, die Reise ins Ausland zu
verwirklichen, – da wollte ich selbstverständlich nicht nur soviel wie
möglich sehen, sondern wollte einfach alles, unbedingt alles sehen,
trotz der kurzen Zeit, die mir zu Gebote stand. So war ich denn auch
entschieden unfähig, mir die Wahl der Städte kaltblütig zu überlegen.
Herrgott, wieviel ich mir von dieser Reise versprach! „Und wenn ich mir
auch nichts eingehend ansehen kann,“ dachte ich bei mir, „so werde ich
dafür doch alles gesehen haben, werde überall gewesen sein und aus allem
Geschauten wird sich ein Gesamtbild, ein allgemeines Panorama ergeben.
Das ganze ‚Land der heiligen Wunder‘ wird sich mit einem Mal mir
darbieten, gleichsam aus der Vogelschau, wie das Gelobte Land von einem
Berge aus in der Fernsicht. Jedenfalls wird es ein ganz neuer,
wunderbarer, starker Eindruck sein.“ So dachte ich damals. Und was
bedauere ich jetzt am meisten, wenn ich, wieder zu Hause sitzend, an
meine Sommerreise zurückdenke? Nicht das, daß ich mir nichts eingehend
angesehen habe, sondern nur, daß ich, der ich doch so ziemlich überall
gewesen bin, Rom zum Beispiel nicht gesehen habe. Und in Rom hätte ich
vielleicht den Papst zu Gesicht bekommen ... Mit einem Wort, mich hatte
nun einmal ein unstillbarer Durst nach Neuem erfaßt, nach
Ortsveränderung, nach allgemeinen, synthetischen, panoramatischen,
perspektivischen Eindrücken. Nun also – was können Sie jetzt, nach einem
solchen Geständnis, noch von mir erwarten? Was kann ich Ihnen erzählen?
Was schildern? Ein Panorama, eine Perspektive? Irgend etwas aus der
Vogelschau? Aber gerade Sie werden doch vielleicht die ersten sein, die
mir dann zurufen, ich flöge zu hoch. Hinzu kommt, daß ich mich für einen
gewissenhaften Menschen halte und gar keine Lust habe, zu lügen, nicht
einmal in der Eigenschaft als Reisender. Und doch würde ich, auch wenn
ich nur ein Panorama vor Ihnen zu entrollen versuchte, unfehlbar von der
Wahrheit abweichen, und das nicht einmal deshalb, weil ich als Reisender
schildere, sondern ganz unwillkürlich, eben weil es mir in meiner Lage
schlechterdings unmöglich ist, die objektive Wahrheit zu sagen. Urteilen
Sie selbst: Berlin zum Beispiel hat auf mich den sauersten Eindruck
gemacht und ich bin in dieser Stadt im ganzen nur vierundzwanzig Stunden
geblieben. Heute weiß ich, daß ich Berlin unrecht tue, daß ich nicht mit
Bestimmtheit sagen darf, es mache wirklich einen saueren Eindruck – oder
wenn schon, dann doch zum mindesten einen süßsaueren. Und woher kam mein
unheilvoller Irrtum? Entschieden daher, daß ich, der ich als ein
kranker, leberleidender Mensch zweimal vierundzwanzig Stunden lang mit
der Eisenbahn durch Regen und Nebel nach Berlin gefahren war, nun nach
meiner Ankunft, unausgeschlafen, gelb, müde, mit steifen Gliedmaßen,
plötzlich auf den ersten Blick nur dies eine gewahrte: daß Berlin bis
zur Unglaublichkeit an Petersburg erinnert. Dieselben schnurgeraden
Straßen, dieselben Düfte, dieselben ... (doch wozu alles aufzählen!).
„Ach du lieber Gott,“ dachte ich da bei mir, „hat es sich nun gelohnt,
sich zweimal vierundzwanzig Stunden lang rädern zu lassen, um
schließlich genau dasselbe vor sich zu erblicken, wovon man weggefahren
ist?“ Nicht einmal die Linden gefielen mir; und doch würde der Berliner
für ihre Erhaltung alles opfern, was ihm teuer ist, im Notfalle
vielleicht selbst seine preußische Verfassung – was aber ist dem
Berliner noch teurer als diese? Überdies sahen die Berliner alle so
ungeheuer deutsch aus, daß ich, sogar ohne die Fresken Kaulbachs
bewundert zu haben (unerhört!), mich schleunigst nach Dresden
davonmachte, in meiner Brust die tiefste Überzeugung nährend, daß man
sich an den Deutschen erst besonders gewöhnen muß und daß er, wenn man
sich noch nicht an ihn gewöhnt hat, in großen Massen schwer zu ertragen
ist. In Dresden aber versündigte ich mich sogar an den deutschen Frauen:
es schien mir dort plötzlich – ich war kaum auf die Straße getreten –,
daß es nichts Widerlicheres gäbe, als den Typus der Dresdener Frauen, so
daß selbst der berufene Verherrlicher der Liebe, Wssewolod
Krestowski[81], der selbstsicherste und vergnügteste aller russischen
Dichter, hier völlig aus dem Text kommen und vielleicht sogar an seinem
Beruf irre werden würde. Natürlich fühlte ich noch in derselben Minute,
daß ich Unsinn dachte, daß es solche Umstände, die Herrn Krestowski an
seinem Berufe irre zu machen vermöchten, überhaupt nicht geben kann.
Zwei Stunden später fand ich die Erklärung für alles: in mein
Hotelzimmer zurückgekehrt, steckte ich vor dem Spiegel die Zunge heraus
und überzeugte mich, daß mein Urteil über die Dresdener Damen der
schwärzesten Verleumdung gleich kam. Meine Zunge war belegt – ein böses
Zeichen ... „Sollte es denn wirklich, wirklich möglich sein, daß der
Mensch, dieser König der Schöpfung, in einem solchen Maße von seiner
eigenen elenden Leber abhängt? – was für eine Niedertracht!“ Mit diesen
halbwegs tröstenden Gedanken begab ich mich nach Köln. Ich muß gestehen,
ich versprach mir viel vom Kölner Dom; schon in meiner Jugend, als ich
mich mit Architektur befassen mußte, hatte ich ihn mit Ehrfurcht
nachgezeichnet. Auf meiner Rückreise aus Paris, einen Monat später, sah
ich den Kölner Dom zum zweiten Male, und da hätte ich ihn auch „auf den
Knieen um Verzeihung bitten“ mögen, weil ich seine Schönheit das erste
Mal nicht begriffen hatte, genau so, wie einst Karamsin es bei
Schaffhausen vor dem Rheinfall getan[82]. Nichtsdestoweniger aber bleibt
die Tatsache als solche bestehen, daß der Dom mir bei meinem ersten
Aufenthalt in Köln durchaus nicht gefiel. Er kam mir wie ein
Galanteriegegenstand vor, der nur aus Spitzen und Spitzen und nichts als
Spitzen bestand, oder wie irgend so ein Ding, das als Briefbeschwerer
auf den Schreibtisch zu stellen ist, allerdings von guten siebzig Faden
Höhe. „Wenig Imposantes,“ urteilte ich, ganz wie in der alten Zeit
unsere Großväter über Puschkin zu urteilen pflegten: „Er schreibt zu
leicht, hat zu wenig Erhabenes“. Ich vermute, daß mein erstes Urteil
unter dem Einfluß zweier Umstände so ungünstig ausfiel: der erste
Umstand war – das _Eau de Cologne_.{[12]} Johann Maria Farina befindet
sich nämlich in der nächsten Nähe des Domes, und in welch einem Hotel
Sie auch absteigen, in welch einer Stimmung Sie auch sind, wie sehr Sie
sich vor Ihren Feinden im allgemeinen und vor Johann Maria Farina im
besonderen verstecken möchten, seine Vertreter werden Sie doch unfehlbar
auffinden, und dann heißt es einfach: „_Eau de Cologne ou la
vie!_“{[13]} – eins von beidem, eine andere Wahl gibt es nicht. Ich kann
zwar nicht gerade schwören, daß die Leute einem wirklich mit
buchstäblich diesen Worten auf den Leib rücken, aber schließlich – wer
weiß? – vielleicht geschieht es doch mit diesen Worten. Jedenfalls
glaubte ich die ganze Zeit, diese Worte zu hören. Und der zweite
Umstand, der mich erboste und ungerecht machte, war die neue Kölner
Brücke. Die Brücke ist natürlich vorzüglich und die Stadt ist mit Recht
stolz auf sie, aber mir schien doch, daß sie schon gar zu stolz auf ihre
Brücke war. Selbstredend ärgerte mich das sogleich. Und außerdem hätte
der Mann am Brückenkopf die an sich ja durchaus vernünftige
Brückensteuer doch wirklich nicht mit einer solchen Miene von mir zu
erheben brauchen, als fordere er eine Strafzahlung für irgendein von mir
unbewußt begangenes Verbrechen. Ich weiß nicht, ob ich mich täuschte,
aber ich glaube doch, daß dieser Deutsche sich ganz besonders wichtig
dünkte. „Sicher hat er schon erraten, daß ich ein Ausländer bin, und
zwar ein Russe,“ dachte ich. Wenigstens schien mir sein Blick nahezu
wortwörtlich zu sagen: „Nun siehst du unsere Brücke, armseliger Russe!
So wisse denn, daß du ein Wurm bist vor ihr und vor jedem einzelnen
Deutschen, denn eine solche Brücke hast du nicht!“ Sie werden doch
zugeben, daß so etwas kränkend ist. Natürlich sagte der Deutsche das ja
gar nicht und vielleicht dachte er nicht einmal etwas Ähnliches, aber
das ist ja schließlich nebensächlich: jedenfalls war ich damals so fest
überzeugt, in seinen Augen gerade diesen Gedanken zu lesen, daß ich
endgültig wütend wurde. „Zum Teufel,“ dachte ich, „wir haben auch ...
haben die Teemaschine erfunden ... bei uns erscheinen Zeitschriften ...
bei uns werden Offiziersausstattungen angefertigt ... bei uns ...“ Kurz,
ich wurde wütend und nachdem ich mir doch noch eine Flasche _Eau de
Cologne_ gekauft hatte (vor der ich mich schon gar nicht mehr retten
konnte), reiste ich geschwind nach Paris, natürlich in der Hoffnung, daß
die Franzosen bedeutend liebenswürdiger und anziehender sein würden.
Jetzt urteilen Sie selbst: hätte ich mich überwunden und wäre ich in
Berlin nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche geblieben, in
Dresden desgleichen, in Köln etwa drei Tage, oder auch nur zwei, dann
hätte ich dieselben Dinge ein zweites, ein drittes Mal und mit anderen
Augen gesehn und wäre schließlich zu einem gerechteren Urteil über sie
gekommen. Sogar ein Sonnenstrahl, ein ganz gewöhnlicher Sonnenstrahl
macht in solchen Fällen schon viel aus: hätte er bereits während meines
ersten Aufenthaltes in Köln den Dom so beleuchtet, wie er es erst bei
meinem zweiten Aufenthalt dortselbst tat, dann wäre der Dom mir sogleich
in seinem richtigen Lichte erschienen und nicht so wie an jenem trüben
und sogar regnerischen Morgen, der in mir nur eine Aufwallung gekränkter
Vaterlandsliebe zuließ. Womit übrigens nicht gesagt sein soll, daß
Vaterlandsliebe sich nur bei schlechtem Wetter einstellt. Also, Sie
sehen, meine Freunde: in zwei und einem halben Monat kann man nicht
alles sehen und folglich kann ich Ihnen weder genaue Angaben noch
ausführliche Berichte zustellen. Ich müßte manches einfach aus der Luft
greifen, was sich dann als unwahr erweisen würde, und deshalb ...
Doch da fallen Sie mir schon ins Wort und sagen, es sei Ihnen diesmal
gar nicht um genaue Angaben zu tun, die fänden Sie im Notfall auch im
Führer von Reichardt; dagegen wäre es gar nicht übel, wenn überhaupt
jeder Reisende sich in seinem Reisebericht weniger die Feststellung der
unbedingten Richtigkeit (zumal eine solche doch fast immer über sein
Vermögen gehe), als seine eigene volle Aufrichtigkeit angelegen sein
ließe; wenn er sich nicht scheute, manchmal auch gewisse persönliche
Eindrücke und Erlebnisse mitzuteilen, selbst wenn diese ihm nicht gerade
zur Ehre gereichen, und wenn er sein Urteil nicht nach dem Urteile
bekannter Autoritäten richten würde. Kurz, Sie geben mir zu verstehen,
daß Sie von mir nichts anderes als nur meine sozusagen privaten
Beobachtungen mit aller Freimütigkeit hören wollen.
Ach so! rufe ich aus, dann ist es Ihnen also nur um leichte Skizzen,
persönliche, im Vorübergehen festgehaltene Eindrücke zu tun, um eine
ganz gewöhnliche Plauderei? Ja, damit bin ich einverstanden, und ich
werde sogleich in meinem Merkbuch nachschlagen. Auch werde ich mir alle
Mühe geben, mit voller Freimütigkeit zu berichten und ganz offenherzig
zu sein. Nur bitte ich, nicht zu vergessen, daß immerhin in dem, was ich
jetzt schreiben werde, sehr viele Irrtümer vorkommen können.
Selbstverständlich nicht in allem. Bei solchen Tatsachen, wie zum
Beispiel, daß es in Paris eine Notre-Dame und einen Bal-Mabille gibt,
ist ein Irrtum natürlich ausgeschlossen. Besonders die letztere Tatsache
ist ja von allen Russen, die über Paris geschrieben haben, so oft
bezeugt worden, daß man an ihr wirklich nicht mehr zweifeln darf. Also
wird auch mir in der Beziehung ein Irrtum nicht gut möglich sein, – doch
übrigens, streng genommen, stehe ich auch dafür nicht ein. Man sagt ja
auch, in Rom sein und den Petersdom nicht sehen, sei unmöglich. Nun, was
sagen Sie aber dazu: ich war in London und habe doch die St.
Pauls-Kathedrale nicht gesehen. Ich habe sie tatsächlich nicht gesehen.
Freilich ist zwischen Paul und Peter immer noch ein Unterschied, aber
für einen Reisenden ist so etwas doch gewissermaßen bloßstellend. Da
hätten Sie nun mein erstes Erlebnis, das mir nicht zur Ehre gereicht
(das heißt, ich habe die St. Pauls-Kathedrale zwar von weitem gesehen,
so ungefähr aus einer Entfernung von achthundert Schritt, aber da ich
mich gerade auf dem Wege nach der Pentonville Road befand und es eilig
hatte, dachte ich „ach was!“ und fuhr weiter). Doch zur Sache, zur
Sache! Übrigens bin ich nicht nur gereist und habe nicht nur aus der
Vogelschau gesehen (aus der Vogelschau heißt nicht „von oben herab“. Es
ist dies vielmehr ein Fachausdruck der Architekten, wie Sie wissen). So
habe ich z. B. einen ganzen Monat außer acht Tagen, die ich in London
verbrachte, nur in Paris verlebt. Deshalb werde ich Ihnen auch zunächst
von Paris erzählen, denn diese Stadt habe ich mir doch ein wenig besser
angesehen als den Londoner St. Paul oder die Dresdener Damen. Also nun
beginne ich.
Zweites Kapitel.
Im Waggon.
„Überlegung hat der Franzose nicht, ja, ihr Besitz würde ihm sogar als
das größte persönliche Unglück erscheinen.“ Diesen Satz hat noch im
vorigen Jahrhundert Vonwisin[83] geschrieben und, mein Gott, mit welch
einer Lust müssen ihm diese Worte aus der Feder geglitten sein! Ich
könnte wetten, daß es in seinem Herzen, als er diesen Satz verfaßte, nur
so kitzelte vor Vergnügen. Und wer weiß, vielleicht haben wir alle nach
ihm, drei-vier Generationen hintereinander, nicht ohne einen gewissen
Genuß diesen Satz gelesen. Haben doch alle Phrasen dieser Art, die von
uns aus die Ausländer ähnlich abtun, selbst heute noch etwas
unwiderstehlich Angenehmes für uns Russen. Doch selbstverständlich nur
im tiefsten Geheimen, ja mitunter sogar vor uns selber insgeheim. Man
verspürt dabei so etwas wie Rache für etwas Vergangenes und nicht Gutes.
Nun ja, dieses Gefühl ist auch gerade kein gutes, aber ich bin doch
irgendwie überzeugt, daß es fast in jedem von uns vorhanden ist. Wir
würden natürlich sehr ungehalten sein, wenn man uns dessen verdächtigte,
und würden uns dabei durchaus nicht verstellen, indessen glaube ich, daß
selbst Bjelinski in diesem Sinne im geheimen ein Slawophile war. Ich
weiß noch, wie man damals – vor einigen fünfzehn Jahren, als ich mit
Bjelinski bekannt war – ja, mit welch einer schon bis zur Seltsamkeit
getriebenen Ehrfurcht dieser ganze damalige Kreis sich vor dem Westen
beugte, d. h. insonderheit vor Frankreich. Damals war Frankreich Mode, –
im Jahre 1846. Und nicht nur, daß solche Namen vergöttert wurden, wie
George Sand, Proudhon und andere, oder daß solche geachtet wurden, wie
Louis Blanc, Ledru-Rollin usw. Nein, auch alle möglichen Eintagspilze,
die armseligsten Personennämchen, deren Träger sich denn auch sogleich
blamierten, als es später auf sie ankam, – selbst die standen in hohem
Ansehen. Auch von diesen wurde etwas Großes in dem bevorstehenden Dienst
der Menschheit erwartet. Von manchen derselben ward nur mit dem
besonderen Geflüster der Ehrfurcht gesprochen ... Und? Dabei habe ich in
meinem Leben noch keinen so leidenschaftlich russischen Menschen
getroffen, wie es gerade Bjelinski war, obschon vor ihm nur ein
Tschaadajeff[84] so dreist, aber mitunter auch so blind wie er, über
vieles uns Eigentümliche ungehalten gewesen war und anscheinend alles
Russische verachtet hatte. Ich erinnere mich gewisser Momente, die mich
jetzt zu diesen Erwägungen veranlassen. Also wer weiß, vielleicht ist
dieser Ausspruch Vonwisins sogar einem Bjelinski bisweilen nicht allzu
skandalös erschienen. Es gibt doch nun einmal Augenblicke, wo einem
selbst die beste und sogar eine rechtmäßige Vormundschaft nicht gerade
sehr gefällt. Doch – Gott behüte! – denken Sie nun nicht, daß sein
Vaterland lieben die Ausländer schelten heiße, und daß ich es so
verstehe. Nein, so denke ich keineswegs, sogar im Gegenteil ... Schade
nur, daß ich jetzt keine Zeit habe, mich deutlicher zu erklären. Oder
befürchten Sie nicht schon, daß ich, statt mich nach Paris zu begeben,
einen Ausflug in das Gebiet der russischen Literatur vorziehe? einen
literarisch-kritischen Artikel zu schreiben gedenke? Nein, das habe ich
hier nur so ... aus beschaulicher Muße.
Nach meinem Merkbuch sitze ich jetzt im Waggon und bereite mich darauf
vor, morgen in Eydtkuhnen einzutreffen, d. h. ich erwarte den ersten
Eindruck des Auslandes, und bei diesem Gedanken fühle ich sogar mein
Herz erschauern. Wie werde ich denn nun endlich Europa sehen, ich, der
ich von Europa fast vierzig Jahre lang fruchtlos geträumt, ich, der ich
schon als Sechzehnjähriger, und zwar allen Ernstes, wie Njekrassoffs
Bjelopätkin
„Nach der Schweiz zu fliehen gedachte“,
und doch nicht floh, und der ich nun endlich in das „Land der heiligen
Wunder“ fahre, in das Land meiner so langen Sehnsüchte und Erwartungen,
meines so hartnäckigen Glaubens! Herrgott, was sind wir denn für Russen?
fuhr es mir da durch den Kopf, während ich immer noch in demselben
Waggon saß. Sind wir denn überhaupt und wirklich Russen? Warum macht
denn Europa auf uns, wer wir auch sein mögen, einen so starken,
zauberischen Eindruck, als rufe es uns? Das heißt: ich rede jetzt nicht
von jenen Russen, die dort in Europa geblieben sind, und auch nicht von
jenen einfachen Russen, deren Name fünfzig Millionen ist und die wir,
wir hunderttausend Menschen, noch immer höchst ernsthaft für niemand
halten und über die unsere tiefsinnigen satirischen Zeitschriften sich
noch bis heute lustig machen, weil sie sich die Bärte nicht scheren.
Nein, ich rede jetzt lediglich von unserem privilegierten und
patentierten Häuflein. Ist doch alles, entschieden fast alles, was es
bei uns an Entwicklung, Wissenschaft, Kunst, Bürgersinn, Menschlichkeit
gibt, alles von dort hergekommen, alles aus eben diesem Lande der
heiligen Wunder! Hat sich doch unser ganzes Leben schon von unserer
ersten Kindheit an nach dem europäischen ABC aufgebaut. Hätte denn
überhaupt jemand von uns diesem Einfluß, diesem Ruf, diesem Druck
standhalten können? Wie war es nur möglich, daß wir uns nicht endgültig
in Europäer verwandelten? Denn: daß wir uns nicht verwandelt haben – das
werden, denke ich, alle zugeben, die einen mit Freuden, die anderen
natürlich mit Ärger darüber, daß wir eben nicht so weit _herangewachsen_
sind. Doch das ist eine Frage für sich. Ich will hier nur die Tatsache
hervorheben, daß wir uns nicht verwandelt haben, sogar trotz so
unwiderstehlicher Einflüsse, und diese Tatsache kann ich eigentlich
selbst nicht recht verstehen. Es sind doch nicht immer unsere
Kinderwärterinnen und Ammen gewesen, die uns vor der Verwandlung
bewahrten, wie es mit Puschkin geschah ... Sollte es denn wirklich eine
solche chemische Verbindung des Menschengeistes mit der Heimaterde
geben, daß man sich doch nicht endgültig von ihr loszureißen vermag,
oder wenn man es versucht, dann doch immer wieder zu ihr zurückkehren
muß? Der Slawophilismus ist bei uns gewiß nicht vom Himmel herabgefallen
und wenn er auch in der Folge die Gestalt eines Moskauer Einfalls
angenommen hat, so ist die Grundlage dieses Einfalls doch etwas breiter
als die Moskauer Formel und ruht vielleicht in manchen Herzen viel
tiefer, als es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht ist das auch bei
den Moskowitern selber der Fall. Man bedenke nur einmal, wie schwer es
doch ist, sich gleich beim ersten Mal klar auszudrücken, sogar wenn man
es nur für sich selbst zu tun versucht. Manch ein lebenszäher, starker
Gedanke kommt denn auch in drei Menschenaltern nicht klar zum Ausdruck,
sodaß das Finale manchmal dem Anfang völlig unähnlich ausfällt ...
Alle diese müßigen Gedanken belagerten mich nun unwillkürlich im Waggon
auf meiner Fahrt nach Europa, zum Teil übrigens aus Langeweile und
infolge des Nichtstuns. Seien wir doch aufrichtig! Über solche
Gegenstände pflegen bei uns bis jetzt nur diejenigen nachzudenken, die
nichts zu tun haben. Ach, wie ist es langweilig, müßig im Waggon zu
sitzen! – wirklich auf ein Haar so, wie es bei uns in Rußland ohne
eigene Arbeit langweilig zu leben ist. Wenn man auch gefahren wird, wenn
auch für einen gesorgt wird, ja wenn man auch manchmal so eingelullt
wird, daß einem, wie man meinen sollte, nichts mehr zu wünschen übrig
bleibt, die Langeweile, die Langeweile ist dennoch da, und zwar gerade
deshalb, weil du selbst nichts tust, weil andere sich schon gar zu sehr
um dich bekümmern, du aber sitze da und warte, bis man dich endlich
hingeschafft hat. Weiß Gott, manchmal wäre ich wahrhaftig am liebsten
nur so hinausgesprungen aus dem Waggon und seitwärts neben der Maschine
auf meinen eigenen Füßen gelaufen. Mag es so auch schlechter gehen, mag
ich auch aus Ungeübtheit ermüden, mich im Wege versehen, darauf kommt es
nicht an! Dafür gehe ich selbst, mit meinen eigenen Beinen, dafür habe
ich eine Aufgabe für mich gefunden und tue sie selbst, dafür werde ich,
wenn es geschieht, daß die Waggons zusammenstoßen und kopfüber
hinabsausen, nicht mehr mit gefalteten Händen eingeschlossen sitzen und
mit meinen Körperseiten fremde Schuld bezahlen ...
Weiß Gott, was alles einem beim Nichtstun manchmal in den Sinn kommt!
Inzwischen begann es schon zu dunkeln. In den Waggons wurde das Licht
angezündet. Mir gegenüber saß ein Ehepaar, schon bejahrte Leute,
Gutsbesitzer; ich glaube, gute Menschen. Sie reisten nach London, nur
auf ein paar Tage, um sich die Weltausstellung anzusehen, die Kinder
aber hatten sie zu Hause gelassen. Rechts neben mir saß ein Russe, der
aus kommerziellen Gründen seit zehn Jahren in London lebte, jetzt nur
auf zwei Wochen Geschäfte halber nach Petersburg gekommen war und, wie
mir schien, bereits jede Vorstellung von Heimweh vollständig verloren
hatte. Links saß ein echter, ein Vollblut-Engländer, rotblond, mit einem
englischen Scheitel und von betontem Ernst. Während der ganzen Reise
sagte er zu keinem einzigen von uns auch nur das kleinste Wort,
gleichviel in welcher Sprache, am Tage las er unausgesetzt in einem Buch
von jenem kleinsten englischen Druck, den nur Engländer ertragen können,
ja sogar noch wegen der Bequemlichkeit loben, und abends zog er, sobald
es zehn Uhr wurde, sogleich seine Stiefel aus und Schuhe an.
Wahrscheinlich hatte er das in seinem Leben einmal so eingeführt und
seine Gewohnheiten wollte er offenbar auch auf der Reise nicht ändern.
Bald schlummerten alle ein; das Pfeifen und Stampfen des Zuges trieb
einen unwiderstehlich in irgend so einen Schlummerzustand. Ich saß,
dachte, dachte, und ich weiß eigentlich selbst nicht, wie mir plötzlich
jener Satz einfiel: „Überlegung hat der Franzose nicht“, womit ich
dieses Kapitel begann. Aber wissen Sie: es unterspült mich etwas und
treibt mich, Ihnen diese meine Überlegungen im Eisenbahnwagen
mitzuteilen, so lange wir uns noch auf der Reise nach Paris befinden,
einfach so ... oder meinetwegen auch im Namen der Humanität: hatte ich
doch Langeweile im Waggon, also mögen Sie sich nun gleichfalls
langweilen. Doch übrigens, um andere Leser davor zu bewahren, werde ich
alle diese meine Überlegungen absichtlich in ein besonderes Kapitel
einschließen und dieses ein _überflüssiges_ nennen. Sie, meine Freunde,
können sich durch dasselbe durchlangweilen, die anderen aber können es,
als ein überflüssiges, auch überspringen. Mit dem Leser muß man nun
einmal vorsichtig und gewissenhaft umgehen, mit Freunden aber – nun, da
geht’s auch so. Also: