Rede ist, die der Bruder begonnen hatte, sowie davon, daß er selbst
George Sand übersetze und 25 Rubel für den Druckbogen erhalte. Eine
Nachschrift am Rande sagt: „Der Dienst ist mir zuwider. Er widersteht
mir schon wie Kartoffeln ... Im September komme ich zu euch, wenn ich
den Abschied genommen habe.“ Am 30. September 1844 schreibt er, daß er
sein Abschiedsgesuch eingereicht habe, „ich nehme den Abschied, weil ich
nicht länger dienen kann ... Warum soll ich meine besten Jahre
verlieren? Die Hauptsache aber ist, daß man mich in die Provinz
abkommandieren wollte; sage doch bitte selbst, was könnte ich ohne
Petersburg anfangen? Wozu würde ich noch taugen? Du wirst mich sicher
begreifen. Ich werde immer meinen Lebensunterhalt verdienen können,“
fügt er hinzu, wie um etwaigen Einwendungen zuvorzukommen. „Ich werde
furchtbar viel arbeiten. Ich bin ja jetzt frei.“ Doch unmittelbar darauf
folgt eine Aufzählung seiner Schulden und die Klage, daß man ihm aus
Moskau immer nur ein Drittel von der Summe sende, um die er bäte. „Noch
weiß niemand,“ schreibt er, „daß ich den Abschied nehme ... Ich habe
nicht einmal Geld, um mir Zivilkleider zu kaufen. Ich quittiere den
Dienst am 14. Oktober ... Wenn ich nicht sofort Geld aus Moskau bekomme,
bin ich verloren. Man wird mich in allem Ernst ins Gefängnis sperren
(das ist klar).“ Und er ist bereit, auf seinen Anteil am väterlichen Gut
zu verzichten, wenn man ihm sofort 500 Rubel als runde Summe auszahlt
und die anderen 500 zu je 100 Rubel im Monat. „Bitte, sage du für mich
gut, Liebster, ... daß ich dann keine Forderungen mehr erheben werde.“
Der Brief hat an den Seiten wieder Nachschriften, die sich auf seine
Geldnot beziehen, und zum Schluß heißt es: „Chlestakoff[18] war
schließlich bereit ins Gefängnis zu gehen, jedoch nur wenn es ‚auf
vornehme Weise geschah.‘ Wenn ich aber nicht einmal _Hosen_ haben werde,
wird es dann auch noch ‚auf vornehme Weise‘ geschehen können?“ Doch aus
seiner beigefügten Anschrift ersehen wir, daß er seine kostspielige
große Wohnung noch nicht aufgegeben hat. Eine Nachschrift am Rande
lautet: „Ich bin mit meinem Roman außerordentlich zufrieden. Ich bin
außer mir vor Freude. Für den Roman werde ich sicher Geld bekommen; was
aber weiter kommt ...“
Es handelt sich hier um seine erste Arbeit, den Roman „Arme Leute“. Von
nun an ist in seinen Briefen immer wieder von diesem Werke die Rede: wie
die Arbeit vorwärts geht, wie er – das schreibt er am 24. März 1845 –,
nachdem der Roman im November fertig geworden, ihn im Dezember wieder
umgearbeitet, im Februar aber wieder vieles gestrichen und anderes
hineingebracht habe ... Doch schon am 4. Mai berichtet er, daß er ihn
von neuem umgearbeitet habe – „er hat dadurch, bei Gott, sehr viel
gewonnen“. Wir ersehen daraus, wieviel Mühe ihm dieses erste Werk
gemacht hat und wie für ihn trotz seiner schwierigen wirtschaftlichen
Lage der künstlerische Wert dieses seines entscheidenden Versuches doch
das wichtigste war. Neben derartigen Mitteilungen wiederholen sich immer
wieder Erörterungen der Frage, wie und wo und wann es am besten und am
vorteilhaftesten wäre, das Erstlingswerk zu veröffentlichen, das ja
zugleich sein finanzieller Rettungsanker sein soll. Und zwischen all
diesen Sorgen stehen Sätze wie: „... soeben las ich ... von den
deutschen Dichtern, die an Hunger, Kälte oder in Irrenhäusern gestorben
sind. Es sind im ganzen an die zwanzig und was für Namen sind darunter!“
oder „Wenn mir der Roman nicht gelingt, werde ich mich vielleicht
erhängen ...“. In einem anderen Briefe: „Wenn ich den Roman nicht
unterbringe, so gehe ich vielleicht in die Newa. Was soll ich denn tun?
Ich habe mir schon alles überlegt. Ich werde den Tod meiner _idée
fixe_{[2]} nicht überleben.“
Über das weitere Schicksal seines Erstlingswerkes – wie er das
Manuskript zum erstenmal aus der Hand gab, welchen Eindruck es auf die
ersten Leser (den Freund Grigorowitsch und den Dichter Njekrassoff[19])
machte, und wie er seinen ersten Erfolg und die begeisterte Anerkennung
des großen Kritikers Bjelinski[20] damals (Mai 1845) erlebte, erzählt
Dostojewski selbst 32 Jahre später in den „Erinnerungen“, die er dem
Dichter Njekrassoff widmet[21]. Aber auch in dem Roman „Erniedrigte und
Beleidigte“ (geschrieben 1860) finden wir im I. Teil (Kap. V, VI, X) und
im III. Teil (Kap. V) mehrere autobiographische Stellen. Doch sowohl
hier wie dort hat Dostojewski, wo er von der begeisterten Aufnahme
seines ersten Werkes spricht, den Leser nicht darauf hingewiesen, daß
wenigstens Bjelinski längst nicht das in dem Roman gesehen hat, was der
Autor selbst in ihm sah. Und im Grunde hat die ganze damalige Kritik,
bei aller Begeisterung, die „Armen Leute“ überhaupt nicht in der ganzen
Tiefe ihrer Bedeutung gewertet. Aber Dostojewski hat das damals, wie es
scheint, gar nicht bemerkt – oder nicht bemerken wollen –, vielleicht
weil er noch zu sehr unter dem lebendigen Eindruck eines Lobes stand,
das seinem Ehrgeiz schmeichelte. Sein Ehrgeiz aber meldete sich bereits
stark. Natürlich brauchte Dostojewski nach einem so schmeichelhaften
Urteil des berühmten Kritikers Bjelinski sich das Geschimpfe, mit dem
viele andere über ihn herfielen, nicht weiter zu Herzen zu nehmen,
vielmehr konnte er sogar stolz darauf sein. Und das war er denn auch
tatsächlich in nicht zu geringem Maße, wie aus seinen weiteren Briefen
an den Bruder hervorgeht.
In einem Brief ohne Datum, doch ersichtlich aus dieser Zeit, schreibt er
– offenbar nach der Rückkehr von einem Sommeraufenthalt beim Bruder –:
„Wie traurig war mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr ...
Wenn mein Leben in diesem Augenblick aufgehört hätte, so wäre ich,
scheint mir, mit Freuden gestorben.“ Sein Roman, der als Manuskript so
viel Aufsehen erregt hatte, ist noch nicht gedruckt, doch schon schreibt
er an seinem „Doppelgänger“, denn seine finanziellen Verhältnisse sind
noch äußerst traurig. „Wie schade,“ schreibt er, „daß man arbeiten muß,
um leben zu können. Meine Arbeit duldet keinen Zwang.“ Auch am 16.
November 1845 ist sein Roman noch immer nicht erschienen, aber seine
Stimmung ist nun nicht mehr düster, denn auch ungedruckt hat der Roman
seinen Ruhm schon so verbreitet, daß er, wie er schreibt, „ganz
berauscht“ ist. „... Man bringt mir überall unglaubliche Achtung und
kolossales Interesse entgegen. Ich habe eine Menge höchst anständiger
Menschen kennen gelernt. Fürst Odojewski bittet mich um die Ehre meines
Besuches und Graf Ssollogub rauft sich vor Verzweiflung die Haare aus:
Panajeff hat ihm erklärt, es gäbe ein neues Talent, das sie alle in den
Staub träte. Als Krajewski (ein Verleger) neulich hörte, daß ich kein
Geld habe, bat er mich ganz ergebenst, von ihm ein Darlehen von 500
Rubel anzunehmen ... Ich habe eine Menge neuer Ideen; aber wenn ich auch
nur etwas irgend jemandem, z. B. Turgenjeff, anvertraue, wird es schon
morgen an allen Ecken und Enden von Petersburg heißen, daß Dostojewski
jetzt dies und das schreibt ... Ich glaube, daß ich bald viel Geld haben
werde ... gestern war ich zum ersten Male bei P. und habe mich, wie mir
scheint, in seine Frau verliebt ...“
Kurz, aus seinen Briefen, besonders aus seiner maßlosen Überschätzung
seiner weiteren Arbeiten, an denen er nun schreibt (den „Doppelgänger“
erklärt er schon für sein „_Chef-d’œuvre_“{[3]}) oder die er in einer
Nacht geschrieben hat („Roman in 9 Briefen“), ist zu ersehen, daß das
große Lob dem jungen Schriftsteller entschieden zu Kopf gestiegen war.
Das hat er schließlich wohl auch selbst empfunden, denn derselbe Brief
schließt mit einer Nachschrift, die durch ihre Offenherzigkeit anzieht:
„Ich habe diesen Brief durchgelesen und festgestellt, daß ich erstens
ungrammatisch schreibe und zweitens ein Prahlhans bin.“
In einer weiteren Randbemerkung dieses Briefes spielt, wie man annehmen
darf, die Phantasie gleichfalls eine größere Rolle. Es steht da:
„Alle die Mienchen, Clärchen, Mariannen u. dgl. sind so schön geworden
wie nur denkbar, kosten aber fürchterliches Geld. Turgenjeff und
Bjelinski haben mich neulich wegen meines unordentlichen Lebens
ausgescholten ...“
Hier dürfte zur Richtigstellung eine Bemerkung Dr. Riesenkampfs am
Platze sein, der ja, wie wir wissen, mehrfach über Dostojewskis
Unordentlichkeit berichtet hat, über sein Unvermögen, einen Haushalt zu
führen und mit dem Gelde sparsamer umzugehen. An einer anderen Stelle
seiner Aufzeichnungen sagt nun Dr. Riesenkampf: „Junge Leute pflegen in
ihren zwanziger Jahren gewöhnlich hinter weiblichen Idealen her zu sein
und an hübschen Frauenzimmerchen zu hängen. Merkwürdigerweise war aber
bei Fjodor Michailowitsch nichts Ähnliches zu bemerken. Zu weiblicher
Gesellschaft schien er sich immer gleichgültig zu verhalten und fast
hatte er sogar eine gewisse Abneigung gegen sie.“ Übrigens fügt er
gleich einen Vorbehalt hinzu und sagt: „Aber vielleicht hat er auch in
der Beziehung manches verheimlicht; wenigstens wunderte es mich, daß er
sich so sehr für die Gedichte des verliebten P. Ssuschkoff einsetzte,
die bekanntlich an die Schauspielerin Assenkowa gerichtet waren, und daß
er besonders die eine Romanze liebte: ‚Vergib mir, wunderbares Wesen‘,
die er fortwährend vor sich hinsummte.“
Am 1. Februar 1846 schreibt Dostojewski selbst:
„Für den Goljädkin habe ich genau 600 Rubel bekommen. Ich habe auch
sonst noch eine Menge Geld verdient, so daß ich nach unserer letzten
Begegnung mehr als 3000 Rubel verlebt habe. Ich lebe eben sehr
unordentlich, das ist die Sache! Meine Wohnung habe ich aufgegeben und
lebe jetzt in zwei sehr schön möblierten Zimmern. Ich lebe sehr gut.“
(In demselben Hause ist Dostojewski später gestorben, doch als er
dorthin ein paar Jahre vor seinem Tode umzog, hat er sich
merkwürdigerweise nicht erinnert, daß er schon früher einmal in diesem
Hause gewohnt hat.) „Ich bin so liederlich, daß ich gar nicht mehr
ordentlich leben kann,“ schreibt er, – d. h. natürlich in dem Sinne
liederlich, wie Dr. Riesenkampf ihn schildert, denn nur von einer
solchen Liederlichkeit kann man so offen und so ruhig sprechen ...
Zwei Monate später (am 1. April 1846) schreibt er, daß die schlechte
Kritik, die sein „Doppelgänger“ nunmehr erfahre, ihn inzwischen ganz
mutlos gemacht und so furchtbar gequält habe, daß er erkrankt sei. „Ich
habe ein entsetzliches Laster: ich bin unerlaubt ehrgeizig und eitel.“
... Doch trotz der zeitweiligen „Hölle“, die er wegen seines
„Doppelgängers“ durchgemacht, ist das Selbstvertrauen des jungen
Schriftstellers nach dem glänzenden Erfolge der „Armen Leute“ immer noch
sehr groß – zumal es von jenen gestützt wird, die er in seinen Briefen
an den Bruder „die Unseren“ nennt – und erreicht bisweilen allerdings
einen gefährlichen Grad. Das gab natürlich seinen verschiedenen Neidern
– wie hätten die ausbleiben sollen? – Anlaß, sich alle möglichen
Übertreibungen auszudenken und als Ansprüche Dostojewskis in Umlauf zu
bringen. Zu diesen Geschichten gehört auch die angebliche Forderung
einer besonderen Schmuckleiste, ohne die er den Roman „Arme Leute“ in
Njekrassoffs „Petersburger Almanach“ (er erschien am 15. Januar 1846)
nicht habe veröffentlichen lassen wollen ...
Am 1. Februar desselben Jahres erschien dann „Der Doppelgänger“ in den
„Vaterländischen Annalen“, die der Verleger Krajewski herausgab. Die
anderen Arbeiten, von denen er in seinen Briefen während dieser Zeit
spricht, der nicht beendete „Rasierte Backenbart“ und „Die Geschichte
von den abgeschafften Kanzleien“ sind nicht erhalten geblieben, – wenn
er die letztere nicht etwa in seinem „Herrn Prochartschin“ verarbeitet
hat?
In demselben Brief vom 1. April 1846 berichtet Dostojewski dem Bruder,
daß viele neue Schriftsteller aufgetaucht seien, und nennt als die
bedeutendsten, in denen er seine Nebenbuhler sieht, Alexander Herzen[22]
und Gontscharoff[23] – „beide werden über alle Maßen gelobt“ –, doch
sagt er selbstbewußt, trotz aller nunmehr sehr absprechenden Kritiken
über ihn: „Ich habe aber vorläufig den Vorrang und hoffe, ihn für immer
zu behalten. Im literarischen Leben war noch nie so viel los wie jetzt.
Das ist ein gutes Zeichen ...“
Einen Monat später – am 16. Mai – schreibt er aber schon recht bedrückt
in einem Briefe, der an viele seiner früheren melancholischen Briefe
erinnert: „Mich quält Langeweile, Trauer, Niedergeschlagenheit und eine
fieberhafte, krampfhafte Erwartung von etwas Besserem.“
Im Sommer reist er wieder zum Bruder. Nach seiner Rückkehr teilt er ihm
(am 17. September 1846) mit, daß er für 14 Silberrubel zwei kleine
möblierte Zimmer gegenüber der Kasanschen Kathedrale gemietet habe,
jedoch noch nicht umgezogen sei[24]. Auch aus anderen Bemerkungen geht
hervor, daß er sich nun nach Möglichkeit einschränkt: „Krajewski gab mir
50 Rubel, ich konnte aber schon von seinem Gesicht ablesen, daß er mir
nichts mehr geben wird; ich werde es ziemlich schwer haben.“
Aus den gleichzeitigen Klagen über die Zensoren, die ihm die an sich
ganz unschuldige Novelle „Herr Prochartschin“ so zusammengestrichen
haben, daß er sich von diesem Werk lossagt, ist zu ersehen, daß die
_Richtung_ Dostojewskis bereits die Aufmerksamkeit der Zensoren auf sich
gelenkt hatte. Man wird bei der Beurteilung der erwähnten Novelle die
zerstörende Arbeit der Zensoren natürlich nicht vergessen dürfen ... Der
Schluß dieses Briefes (vom 17. September 1846) verrät wieder
Unzufriedenheit: „Bei uns herrscht entsetzliche Langeweile. Die Arbeit
geht daher schlecht vorwärts. Ich habe bei euch wie im Paradiese gelebt;
wenn es mir gut geht, muß ich immer alles mit meinem verdammten
Charakter verderben ...“
In den folgenden Briefen spricht er wieder von Plänen und Berechnungen,
wie er seine Arbeiten im Selbstverlage herausgeben könnte, von den
Unannehmlichkeiten mit den Verlegern Njekrassoff und Krajewski ... Er
denkt an eine Buchausgabe der „Armen Leute“ und des „Doppelgängers“, die
ihm die Mittel zum Leben verschaffen soll ... Am 26. November schreibt
er jedoch, daß aus allen seinen Absichten nichts geworden sei und er
auch die Arbeit an dem „Rasierten Backenbart“ aufgegeben habe, da er
eingesehen, daß „alles nur eine Wiederholung des Alten und längst von
mir Ausgesprochenen ist.“
Inzwischen scheint er in einem nicht mehr vorhandenen Briefe die Absicht
geäußert zu haben, ins Ausland zu reisen – am 7. Oktober schreibt er
gleichsam zu seiner Rechtfertigung: „Ich reise nicht zum Vergnügen,
sondern zur Kur. Petersburg ist eine Hölle für mich,“ – dasselbe
Petersburg, ohne das er vor noch nicht langer Zeit glaubte, nicht leben
zu können und „verloren“ zu sein!
In einem Brief vom 26. November 1846 teilt er seinen Bruch mit
Njekrassoff mit und daß sich Krajewski darüber so sehr gefreut hat, „daß
er mir Geld gab und außerdem alle meine Schulden zum 15. Dezember zu
bezahlen versprach. Dafür muß ich bis zum Frühjahr für ihn arbeiten.“
Trotz aller Sorgen finden wir Dostojewski nicht mutlos, offenbar weil
eine neue Arbeit („Das junge Weib“) ihm „wieder so leicht und frisch“
gelingt, wie ehedem die „Armen Leute“: „mein Herz bebt jetzt wie noch
nie vor all den neuen Gestalten ... Ich mache jetzt nicht nur eine
moralische, sondern auch eine physische Wandlung durch ... ich verdanke
dies in hohem Grade meinen guten Freunden ... Ich machte ihnen
schließlich den Vorschlag, zusammen zu wohnen. Wir mieteten uns eine
große Wohnung und teilen alle Auslagen, sodaß höchstens 1200 Rubel für
das Jahr auf den Kopf kommen. So groß sind die Segnungen des
Genossenschaftsprinzips! Ich habe ein eigenes Zimmer und arbeite den
ganzen Tag.“
Zu den hier erwähnten guten Freunden – den Brüdern Beketoff, Saljubezki
und anderen –, die einen so günstigen Einfluß auf ihn gehabt hätten,
gehörte auch S. D. Janowski, an den Dostojewski 1872 in einem Brief, in
dem er auf diese Jugendjahre zu sprechen kommt, u. a. schreibt: „Sie
liebten mich und gaben sich mit mir ab – der ich damals _seelisch krank_
war (dessen bin ich mir ja jetzt bewußt), krank, bis zu meiner Reise
nach Sibirien, wo ich dann gesund wurde.“
Von dieser nervösen Krankhaftigkeit spricht Dostojewski auch 1861 in
seinem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ offenbar aus eigener
Erinnerung, wo er den jungen Schriftsteller Iwan Petrowitsch von sich
sagen läßt, daß er jedesmal mit Beginn der Dämmerung einer Stimmung
verfalle, die er ... sein _mystisches Grauen_ nenne. (Im I. Teil,
Kapitel 10 folgt dann eine ausführliche psychiatrische Charakterisierung
dieses Zustandes.)
Die Bemerkung „so groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips“
verrät schon seine wohl auf den Verkehr mit Bjelinski zurückzuführende
Beschäftigung mit dem Sozialismus und seine damalige Begeisterung für
ihn.
In seinen weiteren Briefen an den Bruder – bis zu seiner „Reise nach
Sibirien“, wie er sich ausdrückt – schreibt er am 17. Dezember 1846, daß
er mit Arbeit überhäuft sei: „Zum 5. Januar habe ich Krajewski
versprochen, ihm den ersten Teil des Romans ‚Njetotschka Neswanowa‘
zuzustellen“. Er schreibt Tag und Nacht, gönnt sich nur hin und wieder
Erholung in der Italienischen Oper, wo er einen Platz auf der Galerie
hat (wohl ein Hinweis auf seine Sparsamkeit). Seine Gesundheit ist gut.
„Es scheint mir immer, daß ich einen Kampf gegen unsere gesamte
Literatur aufgenommen habe ... mit diesem Roman stelle ich auch für
dieses Jahr meinen Vorrang zum Ärger meiner Feinde fest.“
Der Gedanke an eine Reise ins Ausland ist aufgegeben; statt dessen will
er im Sommer wieder zum Bruder. Er lebt dann zusammen mit Beketoffs auf
einer der Newa-Inseln – „nicht langweilig, gut und sparsam“. Er besucht
Bjelinski, „der immer kränkelt“.
„Ich bezahle meine Schulden durch Krajewski,“ schreibt er weiter. „...
Wann werde ich jemals aus den Schulden herauskommen: es ist ein Elend,
als Tagelöhner zu arbeiten! Damit verdirbt man alles – Begabung, Jugend,
Hoffnung, die Arbeit wird leblos und man selbst wird schließlich zum
Schmierer und nicht zum Schriftsteller.“
Diese materielle Seite seines damaligen Zustandes hat Dostojewski später
gleichfalls in seinen „Erniedrigten und Beleidigten“ geschildert: wenn
er auch den Fürsten in der Schilderung der Lage des armen Iwan
Petrowitsch das Selbsterlebte ein wenig übertreiben läßt, so stimmt doch
die Hoffnung des letzteren, für die beendete Novelle vom Verleger, trotz
seiner Verschuldung bei ihm, „_wenigstens fünfzig Rubel_“ zu bekommen,
buchstäblich: auf 50 Rubel hofft F. M. auch in seinen Briefen. Auf die
Bemerkung der Heldin des Romans, daß bei anderen Schriftstellern alles
so sorgsam durchgearbeitet sei, erwidert Iwan Petrowitsch, daß jene eben
materiell sichergestellt seien und nicht zu einem bestimmten Termin
fertig werden müßten, er aber müsse wie ein Postgaul arbeiten. (III.
Teil, 10. Kap. und im Schlußkapitel „Letzte Erinnerungen“.)
Im nächstfolgenden Briefe, zu Anfang des Jahres 1847, bedauert er den
Bruder, daß er, zwar in einer geliebten Familie, doch „ohne Menschen in
der Umgebung“ lebe. „Verliere aber nicht den Mut, Bruder!“ ermuntert er
ihn. „Es werden noch bessere Tage kommen ... Natürlich, schrecklich ist
die Dissonanz, schrecklich die Ungleichheit des Gewichts zwischen uns
und der Gesellschaft ... Mein Gott! Es gibt so viele widerliche, gemeine
und beschränkte graubärtige Weltweise, Kenner und Pharisäer des Lebens,
die auf ihre Erfahrenheit, das heißt auf ihre Unpersönlichkeit (denn sie
sind alle nach einer Schablone gearbeitet) _stolz_ sind, nichtswürdig,
die ewig Zufriedenheit mit dem Schicksal, einen Glauben an irgend etwas,
Beschränkung im Leben und Zufriedenheit mit dem eigenen Platz predigen –
eine Zufriedenheit, die der klösterlichen Selbstkasteiung und
Beschränkung gleichkommt, und die mit unerschöpflicher, kleinlichster
Gehässigkeit jede starke, glühende Seele verurteilen, die ihr triviales
Tagesprogramm und ihren Lebenskalender nicht erträgt. Schurken sind sie
mit ihrem vaudevillehaften irdischen Glück! Schurken sind sie! ...“
Diese Zeilen enthalten zweifellos jenen Protest in verneinendem Sinne,
den Bjelinski aus dem Roman „Arme Leute“ vor allem herauslesen wollte.
Hier wird die klösterliche Selbstbeschränkung bereits verurteilt,
während Dostojewski dort noch zweifellos einen _positiven_ Zug darin
sah, daß der arme Beamte Makar Djewuschkin sich schämte, Tabak zu
rauchen, während Warenjka nicht einmal das Notwendigste besaß. Nach den
angeführten Zeilen dieses Briefes ist anzunehmen, daß Bjelinski einen
entscheidenden Einfluß auf Dostojewski erlangt hatte.
Es folgt wieder ein Hinweis auf seine Geldlosigkeit. „Wenn es nicht gute
Menschen gäbe, wäre ich verloren. Die Zerfetzung meines Ruhmes in den
Zeitschriften gereicht mir mehr zum Vorteil als zum Nachteil. Um so
schneller werden meine Verehrer, die, wie ich glaube, sehr zahlreich
sind, nach dem Neuen greifen und mich verteidigen. Ich lebe in großer
Armut: habe, seit ich Euch verließ, 250 Rubel verbraucht und 300 Rubel
Schulden“ (welch ein Unterschied zu dem, was er früher ausgab). „Am
schlimmsten hat mich Njekrassoff hineingelegt, dem ich seine 150 Rubel
zurückgab. Zum Frühjahr hin nehme ich einen großen Vorschuß von
Krajewski und schicke Dir dann bestimmt 400 Rubel.“ Ferner spricht er
von einer Wasserkur im Sommer bei Prießnitz, mit dem Vorbehalt, das sei
erst nur so „in der Phantasie“. Mit Reue denkt er daran zurück, wie
schwerfällig und eckig er sich beim Bruder in Reval benommen habe, „ich
war damals krank ... ich habe ja wirklich einen so schlechten,
abstoßenden Charakter. Ich habe Dich aber immer über mich gestellt ...
Ich kann mich nur dann als ein Mensch von Herz und Gemüt zeigen, wenn
die äußeren Umstände mich gewaltsam aus dem ewigen Alltag herausreißen
... Der Roman ‚Njetotschka Neswanowa‘ wird wie der ‚Goljädkin‘ meine
Beichte sein, wenn auch anders im Ton. Über ‚Goljädkin‘ bekomme ich oft
solche Äußerungen zu hören, daß mir ganz bange wird ... Manche sagen,
dieses Werk sei ein wirkliches, doch unverstandenes Wunder ... Nun fange
ich schon wieder an, mich zu loben. Wie angenehm ist es aber, Bruder,
richtig verstanden zu werden! ... Wünsche mir Erfolg. Ich arbeite jetzt
an dem ‚Jungen Weibe‘.“
In seiner Beurteilung dieses Werkes sehen wir wieder eine Überschätzung,
wie seinerzeit in der seines „Romans in neun Briefen“. „Eine Quelle von
Begeisterung, die meiner Seele entspringt, leitet meine Feder. Es ist
ganz anders als beim ‚Prochartschin‘, an dem ich den ganzen Sommer
gelitten habe ...“
Nach einem solchen Entzücken mußte das vollkommen absprechende Urteil
Bjelinskis begreiflicherweise einen sehr schweren Eindruck auf ihn
machen. Doch aus seinen Briefen erfahren wir nichts davon.
In einem Briefe ohne Datum – vermutlich im Frühjahr 1847 geschrieben –
schreibt er an den Rand: „Es ist nun schon das dritte Jahr meiner
literarischen Tätigkeit, und ich bin wie im Rausche. Ich sehe das Leben
um mich herum gar nicht, habe keine Zeit, zur Besinnung zu kommen; ich
habe auch keine Zeit, um etwas zu lernen ... Sie haben mir einen
zweifelhaften Ruhm geschaffen, und ich weiß nicht, wie lange noch diese
Hölle, diese Armut und die vielen eiligen Arbeiten dauern werden; o
könnte ich einmal Ruhe haben!!“
Eine Schuld, die er Maikoffs nicht wiedergeben kann, quält ihn,
„obgleich sie mich nicht daran erinnern“. Im Herbst hofft er nach dem
beendeten Roman „Njetotschka Neswanowa“ von Krajewski 1000 Rubel als
unbefristeten Vorschuß zu erhalten. Njekrassoff und die anderen vom
„Zeitgenossen“ wollten ihn schon endgültig begraben – um so mehr werde
sie dieser Roman verblüffen. In diesem Briefe denkt er auch wieder an
Übersetzungen, doch – „in zehn Jahren wird man nicht mehr an sie zu
denken brauchen“.
In dem Briefe erwähnt er zum erstenmal die Familie Maikoff. Nach den
Aufzeichnungen S. D. Janowskis versammelten sich im Hause des bekannten
Malers Nikolai Apollonowitsch Maikoff an jedem Sonntagabend „jene jungen
Leute, die von Gott mit einer gewissen Dosis Begabung ausgestattet
waren, deren Herz von Geburt an in Liebe zum Nächsten, zum Guten und zur
Wahrheit brannte und deren Verstand in allem und überall Licht und nur
Licht suchte. Neben dem Hausherrn und seiner Gattin Jewgenia Petrowna
nahm den ersten Platz in diesem Kreise der an Jahren bereits etwas
ältere I. A. Gontscharoff ein. Außer ihm erschienen gewöhnlich S. S.
Dudyschkin (der Kritiker der ‚Vaterländischen Annalen‘ nach Bjelinskis
Tode) und Walerian Maikoff[25], die Brüder Drushinin, der Dichter M. A.
Jasykoff u. a.“
In diesem Kreise geschah es nun nicht selten, daß Fjodor Michailowitsch
„mit der ihm eigenen bis ins Kleinste eindringenden Analyse die
Charaktere der Werke Gogols und Turgenjeffs auseinandersetzte und dann
auch seinen ‚Herrn Prochartschin‘ erklärte, der damals den meisten
Lesern unverständlich blieb, bis schließlich alle Zuhörer nicht nur die
an und für sich vollendeten Charaktere begriffen, sondern auch die
Beziehung jeder kleinsten Einzelheit zu diesem oder jenem Charakter
erkennen lernten“.
Mit dem Sohn des Hausherrn, dem bekannten Dichter A. Maikoff[26], hat
Dostojewski in späteren Jahren einen umfangreichen Briefwechsel geführt.
Doch außer diesen Sonntagabenden bei Maikoffs gab es in jener Zeit noch
andere Kreise, die sich gleichfalls an bestimmten Tagen versammelten,
und die von Fjodor Michailowitsch mit nicht minderem Eifer besucht
wurden.
Über seinen Verkehr in diesen Kreisen geben uns seine Briefe an den
Bruder gar keinen Aufschluß. Der Briefwechsel weist hier eine große
Lücke auf. Der letzte aus dieser Zeit noch vorhandene Brief Fjodor
Michailowitschs an den Bruder nimmt Bezug auf Michail Michailowitschs
Absicht, den Dienst zu quittieren. Er rät dem Bruder, nicht auf
diejenigen zu hören, die ihm davon abraten, und sich nicht dadurch
abschrecken zu lassen, daß ihm, Fjodor Michailowitsch, „der erste
Pfannkuchen mißriet“ ... „Warte nur, Bruder, wir werden uns schon
durchschlagen ... es ist doch unmöglich, daß wir beide nicht auf den Weg
kämen ...“. Er erwähnt auch sein jüngstes Werk, das er soeben beende,
sagt, daß er keine Zeit habe, den Roman „Arme Leute“ in Buchform
herauszugeben, obgleich er es durch eine Druckerei auf Kredit würde
machen können. „Wie schade, daß du Schillers Dramen nicht zu Ende
übersetzt hast.“ Eine Randbemerkung lautet: „Erkennst du nun, was
Zusammenschluß bedeutet? Wenn wir jeder für sich arbeiteten – würden wir
fallen ... Aber beide zusammen und für ein gemeinsames Ziel – das ist
etwas ganz anderes.“
Inzwischen bereiteten sich im Leben Fjodor Michailowitschs mehr und mehr
die Ereignisse vor, denen bestimmt war, in diesem Leben eine
entscheidende Erschütterung hervorzurufen.
Die Katastrophe.
In den „Hellen Nächten“[27] finden wir die folgende Schilderung:
„... Es gibt hier in Petersburg recht merkwürdige Winkel ... Es ist, als
schiene in diese Winkel niemals dieselbe Sonne, die sonst für
Petersburger Menschen leuchtet, sondern als komme dorthin das Licht
einer anderen, einer neuen Sonne, die gleichsam nur für diese Winkel
bestellt ist, und ... als schiene sie auf alles mit einem ganz anderen,
einem besonderen Lichte. In diesen Winkeln ... wird gleichsam ein ganz
anderes Leben gelebt, eines, das gar nicht jenem Leben gleicht, das uns
sonst umgibt, sondern eines, das es in einem tausend Meilen fernen
unbekannten Staate geben könnte, nicht aber bei uns, in unserer so
ernsten, so überernsten Zeit ... In diesen Winkeln leben seltsame
Menschen ... Wesen, die man Träumer nennt.“
In unserer Presse ist die Ansicht vertreten worden, daß Dostojewski
selbst ein solcher „Träumer“ gewesen sei. Ich erlaube mir dagegen die
Annahme, daß in den angeführten Zeilen eine Anspielung auf jene
_besondere_ Art von „Träumerei“ enthalten ist, die Dostojewski
schließlich nach „Sibirien“ gebracht hat.
Aber schon hier verhält Dostojewski sich einigermaßen kritisch zu der
rätselhaften Bevölkerung in den von ihm erwähnten Winkeln. Er sieht in
ihrem Leben „eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend
Idealem und zugleich trüb Prosaischem und Gewöhnlichem, um nicht zu
sagen: bis zur Unglaublichkeit Gemeinem“.
„Eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit,“ nennt Dostojewski später
jene Jahre, die am Ende seines ersten Lebensabschnittes stehen, als auch
er sich infolge von Einflüssen, denen er seit seinem ersten
literarischen Hervortreten ausgesetzt war, an gewissen Zusammenkünften
beteiligte ... Diese Beeinflussung geht zunächst von der bezaubernden
Persönlichkeit des „großen Kritikers“ aus (Bjelinski), der Dostojewski
das zu erklären suchte, was dieser, wie Bjelinski meinte, von sich aus
nicht begriff. „Ich nahm damals mit Leidenschaft seine Lehre an,“
erzählt Dostojewski später, und wohl deshalb nennt er jene Zeit „eine
traurige, für mich verhängnisvolle Zeit“[28]. Nach dieser klaren Aussage
sind die Zweifel, ob wirklich Bjelinski es war, der Dostojewski mit den
sozialistischen Lehren bekannt gemacht hat, wohl nicht mehr berechtigt.
Andererseits geht aus Bjelinskis im Jahre 1847 veröffentlichtem
„Überblick über die russische Literatur“ ebenso unzweifelhaft hervor,
daß die Beeinflussung eine gegenseitige war: daß die Unterhaltungen mit
Dostojewski ihn dazu gebracht haben, die von ihm so leidenschaftlich
übernommenen antichristlichen Theorien einer Prüfung zu unterziehen und
sich mit Begeisterung wenigstens über den sittlichen Einfluß des
Christentums im sozialen Sinne zu äußern.
In den vierziger Jahren hatten sich in Petersburg, unabhängig
voneinander, gewisse Kreise gebildet. So war einer an der Universität
entstanden, und zwar war er ursprünglich als Gegengewicht zu den damals
an ihr bestehenden Korporationen gedacht, die ihr Vorbild in Dorpat
hatten. Das überlieferte flotte Burschenleben mit den üblichen Mensuren
erschien manchen unserer jungen Leute schließlich als gar zu
abgeschmackt. Man wollte lieber Lesekreise einführen, plante die
Gründung einer besonderen Studentenbibliothek u. a. m. Man besuchte die
Vorlesungen Poroschins, deren Gegenstand man heute „Soziologie“ nennen
würde, und so kam es, daß die Studenten – allerdings nicht besonders
viele – sich überhaupt für ökonomische Fragen zu interessieren begannen.
Allmählich machten sie sich auf eigene Faust mit den Werken von L. v.
Stein[29] und Haxthausen[30] einerseits, wie andererseits mit denen von
Louis Blanc[31], Fourier[32] und Proudhon[33] bekannt. Alsbald bildeten
sich solche Kreise auch außerhalb der Universität. Ihre Mitgliederschaft
war nach Bestand und Zusammensetzung eine äußerst bunte. Wie es
zuging, daß diese verschiedenen Kreise nach und nach einen
politisch-oppositionellen Charakter annahmen, erklärt uns A. P.
Miljukoff[34] folgendermaßen:
„... Für unsere damalige gebildete Jugend war es eine schwere Zeit ...
In ganz Europa schien neues Leben zu keimen ... Doch in Rußland
herrschte in der gleichen Zeit die schwerste Reaktion; Wissenschaft und
Presse konnten unter dem harten Drucke der Regierung kaum atmen und jede
Äußerung des geistigen Lebens wurde unterdrückt. Aus dem Auslande wurden
eine Menge freiheitlicher Schriften eingeschmuggelt.“
Eben diese verbotene Frucht wurde schließlich zur Hauptnahrung in jenen
wissenschaftlich-literarischen Kreisen. Es war nun Petraschewski, der
diese Kreise, über deren Vorhandensein er unterrichtet war, für
seine Pläne zu benutzen gedachte. Der Titularrat Michail
Butaschewitsch-Petraschewski hatte zunächst ein Lyzeum besucht, dann
(1841) sein Studium an der Universität beendet, und war schließlich im
Ministerium des Äußern angestellt worden, trug aber gleichwohl – was
eine für jene Zeit erstaunliche Nachsicht seiner Vorgesetzten einer
solchen „Schrulle“ gegenüber bezeugt – einen Bart und einen Hut mit
einer riesigen Krempe. Diesem Petraschewski nun erschien es
wünschenswert, daß sich möglichst viele Kreise von der bezeichneten Art
bildeten, damit sie dann von verschiedenen Seiten her ihre Propaganda
machen konnten – wobei es nicht nur unnötig, sondern nicht einmal
erwünscht war, daß diese einzelnen Kreise sich persönlich kannten oder
auch nur um einander Bescheid wußten: es genügte vielmehr, daß er,
Petraschewski, allein mit den einzelnen Kreisen in Fühlung stand und sie
alle kontrollierte[35].
„Unsere Sozialisten sind aus den Petraschewzen hervorgegangen. Die
Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“ – hat Dostojewski selbst
einmal in seinen letzten Lebensjahren gesagt. Wie aber der Boden zur
Aufnahme dieses Samens vorbereitet wurde, darauf weist Dostojewskis
Frage hin: „Kann denn der russische Jüngling dem Einfluß – des
fortschrittlichen europäischen Gedankens – und besonders der russischen
Seite ihrer Lehren gegenüber gleichgültig bleiben? ... Eine solche
russische Seite dieser Lehren gibt es tatsächlich. Sie besteht aus
Schlußfolgerungen in Gestalt unerschütterlicher Axiome, wie sie nur in
Rußland gezogen werden.“ Diese _russischen_ Schlußfolgerungen aus den
europäischen Lehren waren immer deren äußerste Konsequenz, waren
Folgerungen, die schließlich, wie Dostojewski 1876 schreibt, „zur
Verneinung Europas und seiner Kultur führten, dieser Kultur, die in
vielem, in gar zu vielem der russischen Seele fremd ist.“
In der neuesten europäischen Lehre – dem Sozialismus – erfordert nach L.
von Stein unsere größte Aufmerksamkeit „die Kritik der gegenwärtigen
Zivilisation“ ... – „Aber diese gegenwärtige Zivilisation ist ja ...
eine _europäische_ Zivilisation,“ folgerten alsbald einzelne bei uns,
„sie wurzelt ja in der europäischen Vergangenheit, in den Grundlagen der
europäischen Geschichte. Bei uns aber“ – so entschlossen sich einige,
weiterzudenken – „bei uns sind die Grundlagen der geschichtlichen
Vergangenheit ganz andere; um so weniger Wert hat für uns diese
Zivilisation, und um so mehr Wert hat für uns das, was sich gegen sie
erhebt.“
So sah Dostojewski in der Geschichte unserer sozialistischen Bewegung –
als einer, der zu Anfang an derselben unmittelbar beteiligt gewesen war
und als tiefer Psychologe – einerseits eine rückhaltlose Hingabe an
Europa, und andererseits die geheime Gegenwehr unserer russischen Natur
gegen dieses Europa, das uns überwältigen wollte. In dieser
Doppelseitigkeit der Beziehung liegt vielleicht die Erklärung dafür, daß
die Bewegung, wie Dostojewski sagt, „sich bis heute fortsetzt und
keineswegs die Absicht zu haben scheint, stehen zu bleiben ...“
Und nun – nach so viel verehrten europäischen Namen und von uns
aufgenommenen Ideen – vernimmt man plötzlich von einem Manne wie Louis
Blanc diesen Ausbruch des Unwillens gegen eine solche europäische
Koryphäe wie Voltaire: „_Non, Voltaire n’aimait pas assez le
peuple_“,{[5]} usw. Als Bjelinski das las, entfuhr ihm unwillkürlich der
Ausruf: „Alle Heiligen! Das ist ja Schewyreff!“[36] Denn Bjelinski war
und blieb bei all seinem _Sozialismus_ bis an sein Lebensende ein
glühender Verehrer der europäischen _Kultur_, weshalb ihn ein solches
Urteil abstoßen mußte. Andere dagegen konnte dieser Umstand, daß Louis
Blanc an „Schewyreff“ gemahnte, nur um so mehr anziehen – den einen
bewußt und offen, den anderen unbewußt und in Unklarheit über sich
selbst[37].
A. P. Miljukoff, der im Winter 1848 gleichfalls zu dem kleinen Kreise
gehörte, der bei dem Kollegienassessor a. D. und Schriftsteller
Duroff[38] zusammenkam, erzählt, daß man aus Dostojewskis Urteilen immer
den Verfasser der „Armen Leute“ erkennen konnte, und daß er sich stets
gegen alle Maßnahmen, die geeignet waren, irgendwie das Volk zu
bedrücken, ausgesprochen habe. Als man einmal die Frage erörterte, ob
die Befreiung der Bauern „von unten oder von oben kommen werde, und
jemand die Ansicht äußerte, die Aufhebung der Leibeigenschaft auf
gesetzlichem Wege sei höchst zweifelhaft, äußerte Fjodor Michailowitsch
schroff, daß er an keinen anderen Weg glaube“. An diese Erinnerung
schließt sich die Aussage des Leutnants der Leibjäger A. Palm[39] an,
nach der Dostojewski, als die Debatte sich zu der Frage zugespitzt
hatte: „Nun, wenn es sich aber zeigt, daß man die Bauern nicht anders
als durch einen Aufstand befreien kann?“ mit der ihm eigenen
Empfänglichkeit für jeden Eindruck ausgerufen habe: „Dann, meinetwegen,
auch durch einen Aufstand!“
Überhaupt scheint der Kreis um Duroff aus recht hitzköpfigen jungen
Leuten bestanden zu haben. Diese Tollköpfigkeit verleitete sie u. a. zu
der unvorsichtigen Absicht, eine geheime Druckerei zwecks
Vervielfältigung und Verbreitung von Reden und Schriften anzulegen, –
eine Unvorsichtigkeit, mit der Petraschewski sehr unzufrieden war, da
sie bei den damaligen Zensur- und Polizeiverhältnissen durchaus nicht
als ein unschuldiges Unterfangen angesehen werden konnte. Im übrigen
schildert der erwähnte Leutnant A. Palm in seinem Roman „Alexei
Sslobodin“ nicht nur eben diesen Kreis, sondern er hat auch, wie er mir
selbst sagte, der Gestalt des Sslobodin einzelne Züge des jungen F. M.
Dostojewski verliehen. So finden wir in der Wiedergabe der Debatten die
folgende Stelle:
„Die einen traten mutig für die Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen
ein; die anderen sahen das ganze Heil in der Freiheit der Presse; die
dritten proklamierten das Wahlrecht“ usw. „... Da sagte Sslobodin leise
und langsam: ‚Die Befreiung der Bauern wird zweifellos der erste Schritt
in unsere große Zukunft sein‘. Diese Worte, die in dem ruhigen Tone
einer schon längst gewonnenen und abgeklärten Überzeugung gesagt wurden,
wirkten stark auf die erhitzten Streiter und versöhnten alle Meinungen.“
Und an einer anderen Stelle des Romans, wo der Streit den politischen
Umschwung in Frankreich berührt, äußert Sslobodin:
„... politische Fragen interessieren mich wenig ... es ist mir, offen
gestanden, ganz gleichgültig, wen sie dort bekommen – Louis Philippe
oder irgend einen Bourbonen, oder meinethalben auch die Republik ... Wem
ist damit geholfen? Das Volk gewinnt ein paar wohltönende Phrasen, wird
auf der Liste seiner Märtyrer ein paar neue Namen hinzufügen können, und
am Ende wieder dieselbe Arbeit aufnehmen, die nur dem Bourgeois einen
Gewinn einbringt, – folglich wird das Leben nicht um ein Haar dadurch
besser werden ... Nein, ich glaube nicht, daß dieses Spiel mit alten
politischen Formen irgendwelchen Nutzen bringen kann.“
Es entspricht dies übrigens der Lehre Fouriers und stimmt mit dem
überein, was Miljukoff in seinen Erinnerungen an Dostojewski berichtet.
Nur seiner Bemerkung, daß Dostojewski die sozialistischen Schriftsteller
zwar gelesen, sich aber kritisch zu ihnen verhalten habe, muß die
Aussage von I. Desbut[40] gegenübergestellt werden, nach der Dostojewski
jene Schriften gar nicht selbst studiert hat, vielmehr nur mit ihrem
Inhalt durch Chanykoff[41] bekannt geworden ist.
Aus manchem geht hervor, daß Dostojewski eine Gefahr für das russische
Volk nicht nur in den offiziellen Regierungskreisen sah. Wie von anderer
Seite verlautet, soll er sogar zu einer unmittelbaren Annäherung an die
Unzufriedenen im Volk bereit gewesen sein. „Sslobodin“ knüpft in dem
erwähnten Roman von Palm Beziehungen zu der Sekte der Raskolniki an.
Auch nach der Aussage eines „Petraschewzen“ (d. h. eines der in dem Fall
Petraschewski Mitverhafteten) hat Dostojewski tatsächlich an eine
Annäherung an die Raskolniki gedacht. Aus den Untersuchungsakten geht
nur hervor, daß Dostojewski „eingesteht, sich an Gesprächen über die
Möglichkeit einzelner Veränderungen und Verbesserungen beteiligt zu
haben, jedoch aussagt, daß sein Vorsatz gewesen sei, die Einführung
dieser Veränderungen und Verbesserungen von der gesetzmäßigen Regierung
abzuwarten“. Welche Veränderungen und Verbesserungen er eigentlich
anstrebte, ist nicht gesagt, aber daß sie für die meisten hauptsächlich
auf die Befreiung der Bauern hinausliefen, ist aus dem Verhör
Golowinskis[42] zu ersehen, der „zwar einmal in der Hitze gesagt hat,
daß zu diesem Zweck jedes Mittel recht sei, im allgemeinen sich aber
über die Bauernbefreiung in dem Sinne geäußert haben will, daß die
Regierung diese ja kraft ihres autokratischen Rechts einfach verfügen
könne“.
Nun war aber in den Augen mancher Mitglieder der Untersuchungskommission
schon der Wunsch, die Bauern befreit zu sehen, ein Verbrechen, selbst
wenn man die Tat von der gesetzmäßigen Regierung erwartete; und überdies
mögen manche Aristokraten unter ihnen wie auch unter den Richtern sich
von gewissen Gefühlen des Adels zu besonderer Strenge haben verleiten
lassen, von Gefühlen, denen gerade die hierbei der Autokratie als
solcher zugewiesene Machtvollkommenheit in der Frage der Bauernbefreiung
unerwünscht war[43].
Dagegen hätte man an Petraschewski selbst einzelne Züge entdecken
können, die geeignet waren, den Landadel zu bestechen (und vielleicht
hatte es Petraschewski gerade darauf abgesehen). Eine 1848 von ihm
verfaßte und bei Gelegenheit der Adelswahlen unter vielen Adligen
verteilte Denkschrift war offiziell als schädlich anzusehen, da sie
immerhin die Absicht verfolgte, den Adel aufzuwiegeln. Aber dieselbe
Denkschrift fand bei vielen der Petraschewzen selbst nicht den
geringsten Anklang – besonders bei den Offenen und Unverfälschten nicht,
die unfähig zu einer Handlung waren, die man heute _Opportunismus_
nennt.
Einer von ihnen, Kaidanoff, äußerte sich denn auch sogleich über diese
Denkschrift in einem Briefe: „... ich kann mit Petraschewskis Plan nicht
sympathisieren, ebensowenig mit allem, was zu Merkantilfeudalismus und
zur Finanzaristokratie führt ... mich interessiert die Preissteigerung
der Adelsgüter nicht im geringsten“ (davon handelte nämlich die
Denkschrift), „vielmehr sollten die Preise mehr und mehr zurückgehen,
damit der Staat auf diese Weise die Möglichkeit erhält, die Güter von
den Gutsbesitzern zu erwerben“. Und Chanykoff rief ohne weiteres aus:
„Das ist ja Verrat!“ Petraschewskis Erklärungen, er habe durch die
Verquickung des agrarischen Problems mit den finanziellen Interessen des
Adels zunächst nur erreichen wollen, daß auch Personen der anderen
Stände das Recht zum Erwerb von Gütern mit Leibeigenen erhielten, was
dann, nach seiner Meinung, die Lösung des Bauernproblems nur erleichtern
konnte, – diese Erklärungen befriedigten die „Fourieristen“ ganz und gar
nicht. Jedenfalls weist Petraschewski darauf hin, daß „dieses Problem
(die Bauernemanzipation) nicht gelöst werden kann ohne vorhergehende
Umgestaltung der Gerichtsverfassung und des Gerichtsverfahrens“.
Achscharumoff[44] dagegen war der Ansicht – und soll, wie verlautet,
auch Petraschewski zu ihr bekehrt haben –, daß alle diese Probleme an
ein und demselben Tage gelöst werden müßten.
Auch die früheren Verschwörer hatten ein „Vorstadium“ im Auge gehabt –
zunächst eine vollkommene Änderung der Regierungsform. Nicht grundlos
hat Dostojewski gesagt: „Die Idee der Dekabristen war, die Autokratie zu
beschränken: Lords zu werden. Sie wollten“ – das erkennt er an – „die
Bauern befreien, aber ohne Zuteilung von Land“. Und natürlich wäre es
auch so gekommen, wenn sie ihr „Vorstadium“ erreicht hätten.[45]
Zur Kennzeichnung des Unterschiedes der Stellungnahme Petraschewskis sei
hier angeführt, wie in dem von ihm (unter dem Pseudonym Kirilloff)
herausgegebenen Fremdwörterbuch das Wort „Konstitution“ erklärt ist, –
wobei dahingestellt bleiben muß, ob die Erklärung von ihm selbst oder
von seinem Mitarbeiter, dem verstorbenen Walerian Maikoff, verfaßt
wurde:
„_Konstitution_: diese Regierungsform war in den westlichen Staaten die
Folge einer starken Ständeentwicklung ... Ihre Anhänger behaupten, sie
gründe sich auf das Recht jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft,
an der Verwaltung jenes Ganzen, wovon er ein Teil ist, mitbeteiligt zu
sein; doch in der Praxis ist dieser Grundsatz in großen Staaten nicht zu
verwirklichen. Überall zwingt die Notwendigkeit, die Zahl der Personen
zu begrenzen, die das Recht haben, einen Abgeordneten einer Provinz oder
eines Standes zu wählen. Da aber das einzige Maß, an das man sich
überall hält, die Größe des Besitzes des Staatsbürgers ist, so ist diese
gepriesene Regierungsform in der Praxis nichts anderes als eine
Aristokratie des Reichtums ... Die Anhänger der Konstitution vergessen,
daß der Charakter des Menschen nicht im _Besitz_, sondern in der
_Persönlichkeit_ enthalten ist, und daß sie, indem sie die politische
Macht der Reichen über die Armen anerkennen, damit die größte Despotie
verteidigen. 200000 Reiche, die 33 Millionen Unbemittelte und Arme
regieren, ist dasselbe wie die Kaste der atheniensischen oder römischen
Bürger, die in Luxus und Wohlleben schwelgten, indem sie die
Persönlichkeit von Millionen von Menschen niedertraten.“
Merkwürdigerweise findet sich eine Art „Vorstadium“ auch bei dem Gegner
der Dekabristen, Karamsin: für ihn lag es in der Volksbildung und ging
zurück auf Rousseaus „Zuerst muß man die Seelen befreien, dann die
Leiber“. So haben denn bei uns die Anhänger verschiedener Richtungen die
Notwendigkeit eines sogenannten „Vorstadiums“ anerkannt.
Doch daran dachten die „Durowzy“, zu denen auch Dostojewski
gehörte, ganz und gar nicht, wie es auch die Folgerichtigen der
„Fourieristen“ nicht taten, und wie daran im XVIII. Jahrhundert auch
Radischtscheff[46] nicht gedacht hat (deshalb hat sich wohl auch unsere
junkerlich-bürokratische Opposition an ihm, dem schon längst
Verstorbenen, gerächt, indem sie in einer Zeit, als die Bauern bereits
befreit waren, seine Werke offiziell verbrannte).
Ich erwähne das alles, weil ich es für notwendig halte, den Standpunkt
Dostojewskis sowie vieler anderer unter den „Petraschewzen“ von dem
Standpunkt desjenigen Mannes abzusondern, der dem ganzen Prozeß den
Namen gegeben hat: Petraschewskis selbst. Dostojewski hatte alle Ursache
zu sagen, der Inhalt des in Leipzig erschienenen kleinen Buches „Über
die Propagandagesellschaft“ sei zwar „richtig, aber nicht vollständig.
Ich sehe da nicht meine Rolle ...“ „Viele Umstände,“ fügt er hinzu,
„sind der Darstellung vollständig entglitten; die ganze Verschwörung ist
in dieser Darstellung verschwunden.“
In der Tat, wenn es in dem Bericht der Geheimpolizei heißt, daß es sich
„hierbei weniger um eine kleine, abgesonderte Verschwörung handle, als
um den allumfassenden Plan einer allgemeinen Bewegung des Umsturzes und
der Zerstörung“, so geht doch aus der Sache selbst hervor, daß eine
Verschwörung eigentlich gar nicht vorhanden war, und zwar „infolge der
Verschiedenheit der Anschauungen der Beteiligten“. Petraschewski leitete
sie gewissermaßen an. Gleichwohl war er vielen von ihnen recht
unsympathisch. In der Erinnerung Dostojewskis hat sich aber
augenscheinlich die Empfindung erhalten, daß _in der Absicht_ eine
Verschwörung bereits bestand – will sagen bevorstand, d. h. in der
Zukunft sicher war. Sie ging allem Anscheine nach aus der allgemeinen
Unzufriedenheit hervor, und diese Unzufriedenheit war schließlich
das Hauptbindemittel zwischen den einzelnen Vertretern der
„Propagandagesellschaft“, wie die ganze Bewegung in dem Leipziger
Büchlein sehr richtig benannt worden ist. Man beabsichtigte,
Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung der Dinge überall zu
propagandieren, zunächst in den Lehranstalten, sodann Beziehungen
anzuknüpfen überall dort, wo schon Unzufriedenheit herrschte – also
Beziehungen zu den Raskolniki und zu den leibeigenen Bauern.
Und nun berichtet uns Ippolit Desbut, daß den Mitgliedern der
verschiedenen Kreise die leidenschaftliche Natur Dostojewskis als für
die Propaganda besonders geeignet erschien, da er auf die Zuhörer einen
hinreißenden Eindruck machte.
„Ich sehe Fjodor Michailowitsch noch vor mir,“ berichtet Desbut, „und
glaube noch jetzt zu hören, wie er bei Petraschewski von einem Feldwebel
erzählt, der sich an seinem Kommandeur für seine und seiner Kameraden
barbarische Behandlung gerächt hatte und dafür Spießruten laufen mußte;
oder wenn er schilderte, wie Gutsbesitzer mit ihren Leibeigenen umgehen
... Nicht minder lebendig habe ich in der Erinnerung, wie er seine
Geschichte von der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erzählte – viel
ausführlicher, als sie im Druck erschienen ist; und ich weiß noch, mit
wie lebendig empfundener Menschlichkeit er sich auch damals zu jenem
öffentlichen ‚Prozentsatz‘ verhielt, als dessen Verkörperung später
seine Ssonetschka Marmeladowa erschien“ (natürlich nicht ohne Einfluß
der Lehre Fouriers). „Begreiflicherweise wurde Dostojewski deshalb auch
von den ‚Fourieristen‘ besonders geschätzt, und gerne hätten sie ihn
unter den Ihrigen gesehen. Die Möglichkeit, ihn zu sich hinüberzuziehen,
war nicht ausgeschlossen bei seiner Empfänglichkeit für Eindrücke und
seiner noch unfesten Stellungnahme.“
Nach der Aussage Speschnjoffs hat Petraschewski auf Fjodor
Michailowitsch dadurch einen abstoßenden Eindruck gemacht, daß er
gottlos war und sich über den Glauben lustig machte. Er sei auch nicht
oft zu Petraschewski gekommen.
Wie wir schon sahen, hätte Petraschewski es nicht verschmäht, als Mittel
zum Zweck auch „merkantile und feudale Instinkte“ auszunutzen, und
einzelne der Propagandisten waren bereit, zwecks Erhöhung der
Unzufriedenheit den Pauperismus zu verbreiten (wenn man dem Bericht der
Geheimpolizei trauen darf) – oder sie haben in den Verhören über die
eigenen Gefährten falsche, belastende Aussagen gemacht: vermutlich um
das Ganze als weit gefährlicher darzustellen, als es war, und um die
Regierung zu erschrecken oder einzuschüchtern. Diesen Elementen aber
standen andere gegenüber, die bezüglich der Mittel und Wege sittlich
wählerischer waren, und zu diesen gehörte zweifellos Dostojewski.
Ganz abgesehen von seiner persönlichen Antipathie gegen Petraschewski,
hat er schon damals darauf hingewiesen, daß alle diese sozialistischen
Theorien für Rußland gar keinen Wert hätten, daß bei uns in der
Dorfgemeinde (Mir), der Einrichtung der Genossenschaft (Artel) und der
gegenseitigen Bürgschaft schon längst Grundlagen geschaffen seien, die
sicherer und natürlicher waren als alle Träume Saint-Simons und seiner
Schule. Später hat er seine eigene Richtung einen „Christlichen
Sozialismus“ genannt, – aber schon damals haben sich an ihm, wie uns
Miljukoff berichtet, die ersten Anzeichen von Slawophilentum bemerkbar
gemacht. Nur vollzog sich die weitere Entwicklung dieser ersten Ansätze
sowie ihr schließlicher Sieg über die aufgepfropften Theorien, wie
Dostojewski 1873 selbst sagt, „nicht so schnell, sondern allmählich und
erst nach längerer Zeit.“[47]
Doch diese ganze Besonderheit der Richtung Dostojewskis ist in den
Untersuchungsakten mit keinem Worte erwähnt. Nur von A. Palm heißt es,
daß aus seinen Schriften „eine große Liebe zu Rußland“ zu ersehen sei.
Von den Petraschewzen selbst verhielten sich einzelne sogar feindlich zu
den Slawophilen. Toll[48] meinte: „... ihre Gesellschaft baut sich auf
den dümmsten Grundsätzen auf, denn sie verneint die Verdienste Peters
des Großen ... Die Regierung verfolgt sie, weil sie daran denken, einen
Staat von der Art, wie er im mittelalterlichen Nowgorod bestand,
einzuführen, mit einem Wjetsche“ (beratende Volksversammlung) „und mit
Statthaltern“. Und A. Pleschtschejeff[49] schreibt aus Moskau von den
Führern der Slawophilen: Chomjäkoff sei „ein Mensch ohne ernste
Überzeugungen“, und Akssakoff „ein Fanatiker, der einen Bart bis zu den
Knieen trägt, wie in der Sage Zar Berendei, dazu altrussischen Kittel,
die Hosen in die Stulpstiefel gesteckt, fast täglich in die Kirche geht
und alles für Sünde hält, auch das Theater, auch die Literatur (!!).“
Ja, es ist möglich, daß Pleschtschejeff gerade deshalb, weil er um das
Vorhandensein gewisser slawophiler Keime in Dostojewski wußte, sich
beeilte, ihm aus Moskau eine Abschrift des berühmten Briefes von
Bjelinski an Gogol zu senden. In diesem Brief Bjelinskis an den religiös
gewordenen Gogol sah man damals geradezu ein Manifest des siegenden
Westlertums.
Dostojewski, der mit sehr vielem in Gogols Briefen ebensowenig zufrieden
war, wie die bekannten Slawophilen, und der ihre Unzufriedenheit mit den
Anschauungen Gogols über die Leibeigenschaft vollkommen teilte, las
diesen Brief Bjelinskis bei Petraschewski mit ganzer Sympathie vor: und
eben dies wurde nun zu einem der Hauptpunkte der Anklage gegen ihn (in
den Akten wird dieser Brief bezeichnet, als „ein Schreiben voll von
frechen Ausdrücken gegen die rechtgläubige Kirche und die oberste
Macht“).
An dem betreffenden Abende war auch I. L. Jastrshemski[50] anwesend und
hörte Dostojewski zum ersten Male vorlesen. Er erinnert sich lebhaft des
starken Eindrucks, den die angenehme Stimme Dostojewskis auf ihn machte.
„Er war ein Meister im Vorlesen“ bezeugt er. „Doch diese Vorlesung war
der Grund, weshalb Dostojewski verurteilt wurde, und auch ich, weil ich
zu den in dem Briefe ausgesprochenen Gedanken Beifall und Zustimmung
geäußert und _sogar mit dem Kopfe genickt_ hatte.“
Dostojewski hat selbst noch auf eine andere gegen ihn erhobene
Anklage hingewiesen, auf die aber in dem Material, das von der
Untersuchungskommission veröffentlicht worden ist, keine Hinweise zu
finden sind.
„Ich bin unter anderem auch dafür verurteilt worden, daß ich gesagt
hatte, Rußland diene der Politik Metternichs.“ Dieser Ausspruch wird
zweifellos gleichfalls mit seinen frühen slawophilen Neigungen in
Verbindung gestanden haben.
Wenn aus den Akten überhaupt nicht zu ersehen ist, daß die in ihnen
erwähnte Verschiedenheit in den Anschauungen der Petraschewzen zum Teil
auf den Unterschied zwischen zwei Typen hinauslief – auf die Westler
einerseits und die Selbständigen oder Slawophilen andererseits –, auf
Typen, die sich damals schon in ihren Anfängen zu unterscheiden
begannen, so ist man sich über ihre religiösen Anschauungen noch weniger
klar gewesen: in der Beziehung sind alle übereinstimmend als nicht
religiös oder sogar als antireligiös dargestellt. In Wirklichkeit war
nur Petraschewski ein Atheist. Wenn man den Akten folgen will, so hätten
Toll, Achscharumoff u. a. sich „feuerbachisch“ zur Religion verhalten.
Dagegen wissen wir, daß z. B. Duroff und Dostojewski unbedingt religiös
waren, ersterer nach Dostojewskis Worten sogar „bis zur Lächerlichkeit“.
Derselbe Duroff soll, nach Dostojewski, „klug, doch nach einer Seite hin
auch gutmütig“ gewesen sein, nach Jastrshemski: „von großer Zartheit,
sowohl seelisch wie physisch, dabei in Pflege und Verzärtelung
aufgewachsen“. Das alles erinnert natürlich wenig an einen Verschwörer.
Dagegen bemerkt ein Bekannter Speschnjoffs[51], daß nach dem Äußeren der
echte Typ des Verschwörers in Dostojewski zu sehen gewesen sei: er war
schweigsam, sprach mit Vorliebe unter vier Augen und war eher
verschlossen als aufrichtig. Zudem wirkte er – nach Speschnjoff –
niemals eigentlich jung, da er krank aussah (dabei war er damals erst 27
Jahre alt). Ähnlich schildert ihn auch Jastrshemski: „er war still,
bescheiden, anscheinend ein sehr angenehmer und liebenswerter junger
Mann. Seinem Gesicht sah man Kränklichkeit an. Er sprach wenig und immer
leise.“ Wir alle sahen in ihm einen weichen, nervösen Menschen, fähig
der zartesten Empfindungen. In vertraulichem Gespräch konnte man in ihm
stets den Verfasser der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erkennen. Doch dieser
selbe stille und bescheidene Mensch war imstande, wie Desbut sagt,
seinen Reden ein erschütterndes Pathos zu geben.
Seit wann waren denn nun diese „Verschwörer“ bei uns aufgekommen, oder
wie Dostojewski sie in seinen „Hellen Nächten“ nennt, diese „Träumer“?
Wenn man den Angaben der Geheimpolizei folgen will, so hat es die
„Propagandagesellschaft“ bereits im Jahre 1842 gegeben. Doch die
Aussagen im Prozeß bezeugen übereinstimmend, daß man erst Ende des
Jahres 1845 bei Petraschewski zusammenkam. Dostojewski hat diese Abende
drei Jahre lang, also seit dem Winter 1846 besucht, wenn auch nur
ziemlich selten. Somit gehörte er zu den älteren Besuchern, da die
meisten erst seit 1848 kamen. Im Winter 1846–47 hatte auch Leutnant N.
Mombelli[52] solche Zusammenkünfte eingeführt, Kaschkin[52] seit Ende
1848, Duroff aber erst seit dem März 1849. Briefe von Dostojewski aus
dieser wichtigsten Zeit, von 1846–49, haben sich nicht erhalten, d. h.
es ist sehr möglich, daß sie mit Absicht vernichtet worden sind. Wie mir
N. Mombelli mündlich mitteilte, hatte man bei Petraschewski nach und
nach das Verfahren eingeführt, daß die Debatten über die Referate (u. a.
über den Atheismus, über die Bauernreform und ähnliche) von einem
Präsidenten geleitet wurden.
Nun sollte man meinen, daß all dies schon längst die Aufmerksamkeit der
Polizei auf sich hätte lenken müssen – besonders in jener Zeit. Die
Verzögerung lag aber zum Teil daran, daß die Polizei ein ganzes Jahr
lang vergeblich einen passenden Spion suchte, d. h. einen, der, wie der
Chef der Geheimpolizei Liprandi schreibt, „nicht nur auf der
Bildungsstufe der versammelten Gesellschaft stand, sondern auch über das
Vorurteil erhaben war, das in dem Ruf eines Angebers so ungerechterweise
... einen Schandfleck sieht. Solche Agenten findet man nicht für Geld“.
Schließlich aber fand man doch so einen „über das Vorurteil Erhabenen“
in dem Sohn eines Künstlers, Antonelli, der die Petersburger Universität
besucht hatte und, gleich Petraschewski, eine Anstellung im Auswärtigen
Amt hatte. Dieser Antonelli erschien nun vom 11. März bis 15. April
jeden Freitag bei Petraschewski. Wie Dostojewski später erzählte, hätten
sie alle, als Antonelli zum ersten Male auftauchte, sofort gewußt, daß
es ein Spion sei, und dies auch Petraschewski gesagt; und als Antonelli
sie zu sich einlud, habe niemand der Einladung Folge geleistet.
Allem Anscheine nach hat ein am 7. April zu Ehren Fouriers
veranstaltetes Diner den letzten Anlaß zur Verhaftung der Petraschewzen
gegeben. Dostojewski hat an diesem Diner nicht teilgenommen.
Wie er verhaftet wurde, erzählt er später – 1860, bereits nach seiner
Rückkehr aus Sibirien – nicht ohne einen gewissen Humor. Er hat diesen
Bericht der Tochter seines Freundes A. P. Miljukoff ins Album
geschrieben:
„Am 22., oder richtiger gesagt, am 23. April (1849) kam ich gegen halb
vier Uhr morgens von Grigorjeff nach Hause, legte mich zu Bett und
schlief sofort ein. Nicht später als nach ungefähr einer Stunde merkte
ich, noch im Schlaf, daß in mein Zimmer irgendwelche verdächtige und
jedenfalls ungewöhnliche Besucher eingedrungen waren. Es klirrte
plötzlich ein Säbel, der an irgend etwas anstieß. Sonderbar! Was hatte
das zu bedeuten? Mit Anstrengung schlage ich die Augen auf und höre eine
weiche, freundliche Stimme: ‚Stehen Sie auf!‘ – Ich sehe: ein
Polizeioffizier? ein Pristaw – jedenfalls ein Polizeimensch mit einem
hübschen Backenbart. Doch nicht er hatte gesprochen: gesprochen hatte
ein Herr in hellblauer Uniform mit Oberstleutnants-Epauletten.
„‚Was ist geschehen?‘ fragte ich, mich aufrichtend.
„‚Auf Befehl.‘ ... – Ich sehe: Tatsächlich ‚auf Befehl‘. In der Tür
stand ein Soldat, gleichfalls in Hellblau. Sein Säbel war es, der
geklirrt hatte.
„‚Aha! also das ist es,‘ dachte ich ...
„‚Ja erlauben Sie mir ...‘ begann ich.
„‚Macht nichts, macht nichts! kleiden Sie sich nur an. Wir warten so
lange,‘ fügte der Oberstleutnant mit noch freundlicherer Stimme hinzu. –
Während ich mich also ankleidete, verlangten sie von mir meine Bücher
und begannen zu suchen; – sie fanden nicht viel, aber sie durchwühlten
alles. Die Papiere und Briefe banden sie sorgfältig mit einem Schnürchen
zusammen. Der Pristaw legte hierbei viel Umsicht an den Tag; er steckte
die Nase in meinen Ofen und scharrte mit meinem Pfeifenrohr in der alten
Asche herum. Der Gendarmerieunteroffizier stieg auf seinen Wunsch auf
einen Stuhl und versuchte, auf den Ofen zu klettern, glitt aber vom
Gesimse ab, fiel mit einem Krach auf den Stuhl und dann mit dem Stuhl
auf den Fußboden. Da waren denn die scharfsinnigen Herren überzeugt, daß
sich auf dem Ofen nichts befand. Aber auf dem Tisch lag ein
Fünfkopekenstück, ein altes, verbogenes. Der Pristaw betrachtete es
aufmerksam und gab dem Oberstleutnant mit einer Kopfbewegung einen Wink.
„‚Ist’s am Ende eine falsche Münze?‘ fragte ich.
„‚Hm ... Das muß man noch untersuchen‘ ... brummte der Pristaw und
erledigte die Frage zunächst damit, daß er auch die Münze den anderen
beschlagnahmten Sachen hinzufügte.
„Wir traten hinaus. Uns begleiteten die erschreckte Hausfrau und ihr
Diener Iwan, der zwar auch sehr erschrocken zu sein schien, aber mit
einer gewissen stumpfen Feierlichkeit, wie sie dem Ereignis angemessen
war, dreinschaute; übrigens – einer nicht gerade festtäglichen
Feierlichkeit. Vor dem Hause hielt eine Kutsche, in die stieg zuerst der
Soldat ein, dann ich, dann der Pristaw und der Oberstleutnant. Wir
fuhren zur Fontanka, zur Kettenbrücke am Sommergarten. Dort gab es ein
großes Kommen und Gehen von vielen Menschen. Ich sah eine Reihe von
Bekannten. Alle waren verschlafen und schweigsam. Irgend ein Herr, ein
Zivilbeamter, doch von hohem Rang, besorgte den Empfang ...
ununterbrochen kamen hellblaue Herren mit neuen Opfern herein. – ‚Da
hast du nun, Mütterchen, den Georgstag!‘[53] sagte mir jemand ins Ohr.
Der 23. April war ja richtig Georgi! Nach und nach umringten wir den
hochgestellten Herrn, der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste
war vor den Namen Antonelli mit einem Bleistift geschrieben: ‚Agent in
der aufgedeckten Sache‘.
„‚Also Antonelli,‘ dachten wir.
„Man verteilte uns in den Räumen, um uns auseinander zu halten, und
wartete auf den endgültigen Bescheid, wo man einen jeden unterbringen
sollte. In dem sogenannten weißen Saal befanden sich siebzehn von
uns. Da kam Leonti Wassiljewitsch herein.“ (Dubbelt, der
Untersuchungsrichter.) „Doch hier breche ich lieber ab. Das ist zu lang
zum Erzählen. Ich versichere nur noch, daß Leonti Wassiljewitsch ein
überaus angenehmer Mensch war.“
Irrtümlicherweise hatte man statt Michail Michailowitsch, der nach
Quittierung seines Dienstes nach Petersburg übergesiedelt war, den
jüngeren Bruder Andrei, der in Petersburg Architektur studierte, mit
verhaftet.
Auch ihn hatten Gendarmen und Polizeileute geweckt und in die Dritte
Abteilung Seiner Majestät Privatkanzlei (d. h. auf die Geheimpolizei)
gebracht.
Dort fand er im Saal schon ungefähr zwanzig andere vor, – erzählt Andrei
Michailowitsch in seinen Aufzeichnungen von diesem Erlebnis und der Haft
in der Peter-Paulsfestung. – Sie unterhielten sich laut wie Bekannte
unter einander; die einen verlangten Tee, die anderen Kaffee. „Plötzlich
sehe ich meinen Bruder Fjodor, der eilig auf mich zukommt:
„‚Warum bist du hier, Bruder?‘ fragte er mich, aber da kamen schon zwei
Gendarmen: und wir wurden in verschiedene Säle geführt.
„Den ganzen 23. April verbrachten wir fast bis zur Nacht in der Dritten
Abteilung[54]. Das war ein Tag quälender Ungewißheit. Man verteilte uns
zu 8 oder 10 in den verschiedenen Sälen. Gegen Mittag erschien der Chef
der Gendarmerie, Fürst Orloff, und hielt eine kurze Ansprache an die
Verhafteten, des Inhalts, daß wir durch unser Verhalten die Regierung
gezwungen hätten, uns der Freiheit zu berauben; nach sorgfältiger
Prüfung der Angelegenheit werde das Gericht das Urteil über uns fällen,
doch die letzte Entscheidung hinge von der Gnade Seiner Kaiserlichen
Majestät ab.
„Man gab uns Tee, ein Frühstück, Kaffee, ein Mittagessen, kurz, wir
wurden glänzend versorgt.“ Das bestätigen auch die Aussagen der anderen,
denen sogar Zigarren angeboten worden sein sollen. „Gegen 11 Uhr abends
begann man, uns einzeln aufzurufen. Keiner, der hinausgegangen war,
erschien wieder. Schließlich wurde auch ich hinausgerufen und in das
Kabinett zu Dubbelt geführt. Der frug mich nach meinem Namen und befahl
mir, dem Herrn Leutnant zu folgen, der sich mit einem Gendarmen und mir
in die Kutsche setzte ... Sonderbarerweise kam es mir gar nicht in den
Sinn, daß man mich nach der Festung bringen könnte.“ Erst als sie dort
anlangten, wurde ihm klar, um was es sich handeln mochte. Das Zimmer, in
das man ihn führte, war kaum-kaum erhellt: von einer kleinen Tranlampe,
die auf einem hohen Vorsprung über dem Fenster stand. Dieses Zimmer
erwies sich als sehr feucht, so daß der Festungskommandant am nächsten
Morgen bei seinem Rundgange sagte: „Ja, hier ist es nicht schön, ganz
und gar nicht schön, – man muß sich beeilen.“ Mit diesen letzten Worten
hatte er wohl nur sagen wollen, daß man sich mit der Instandsetzung der
neuen Kasematten beeilen müsse – was Andrei Michailowitsch sich damals
freilich nicht so zu deuten verstand. Auf seine Frage: ‚Weshalb bin ich
verhaftet worden?‘ antwortete ihm der Kommandant: „Das wird man Ihnen
beim Verhör erklären.“
„Und von nun an,“ erzählt Andrei Michailowitsch weiter, „verlief mein
Leben von einem Tag zum anderen in vollkommenem Nichtstun. Weder Bücher,
noch Schreibpapier! Die einzige Zerstreuung bestand darin, daß die Tür
meiner Kasematte sich fünfmal am Tage öffnete: um 7 Uhr morgens, wenn
man das Waschwasser brachte und aufräumte; um 10 Uhr, wenn die
Vorgesetzten ihren Rundgang machten – fast immer der Kommandant in
eigener Person; um 12, wenn man das Essen brachte (Kohl- oder eine
andere Suppe mit bereits kleingeschnittenem Rindfleisch[55] und einen
Brei; Brot so viel man wollte); um 7 Uhr abends, wenn man das Abendbrot
brachte (eine warme Speise); und schließlich, wenn es dunkel wurde, um
das Tranlämpchen aufs Fenster zu stellen.“
So vergingen zehn Tage. Erst am 2. Mai kam der jüngere Dostojewski vor
die Untersuchungskommission, und es stellte sich heraus, daß er von der
ganzen Angelegenheit in der Tat nichts wußte. Ihm half besonders, daß er
auf die Frage nach Butaschewitsch-Petraschewski, im Glauben, es handele
sich um zwei Personen, ganz naiv antwortete: „Nein, Petraschewski kenne
ich nicht, aber wie nannten Ew. Exzellenz den anderen?“
Daraufhin ließ ihn der Kommandant aus der feuchten Kasematte in einen
neuen Raum führen und schließlich nahm er ihn bis zur Erledigung aller
Formalitäten sogar in seine Privatwohnung. Der Irrtum hatte sich
aufgeklärt, und in der Nacht vom 5. zum 6. Mai wurde Michail
Michailowitsch verhaftet, worauf man dann erst, am 6. Mai, Andrei
Michailowitsch entließ.
Über die Haltung seines älteren Bruders während der Haft schreibt Fjodor
Michailowitsch im Jahre 1876 gelegentlich der Zurückweisung einzelner
versteckter Vorwürfe in einer privaten Angelegenheit des Verstorbenen:
„Mein Bruder war weder an der organisierten Geheimgesellschaft
Petraschewskis, noch an der Duroffs beteiligt. Aber er hatte die Abende
bei Petraschewski besucht und aus der gemeinsamen geheimen Bibliothek,
die sich im Hause Petraschewskis befand, Bücher entliehen. Er war damals
Fourierist und studierte mit Leidenschaft dessen Lehre. Das war bekannt
geworden. So konnte er sich während dieser zwei Monate seiner Haft
durchaus nicht für ungefährdet halten oder damit rechnen, daß man ihn
entlassen werde. Ja, er konnte sogar, wenn nicht Sibirien, so doch die
Verbannung nach einer fernen Gegend Rußlands erwarten ... dabei hatte er
eine Frau und drei kleine Kinder, die er zärtlich liebte und die
gänzlich mittellos zurückgeblieben waren. Ich kann mir denken, was er in
diesen zwei Monaten durchgemacht hat. Indessen hat er sich nicht zu den
geringsten Angaben, die andere hätten bloßstellen können, verleiten
lassen, um dadurch sein eigenes Los zu erleichtern, obgleich er manches
hätte aussagen können; denn wenn er auch selbst nicht beteiligt war, so
war _er doch von manchem unterrichtet_. Ich frage nun: hätten viele an
seiner Stelle so gehandelt? Ich stelle kühnlich diese Frage, denn ich
weiß, was ich sage. Ich weiß und habe gesehen, als was sich Menschen in
solchen Unglücksfällen erweisen, und urteile darüber nicht etwa
abstrakt.“
Außer Andrei und Michail Michailowitsch wurden von den im ganzen 34
Verhafteten noch andere entlassen. Es blieben 23: der Titularrat Michail
Butaschewitsch-Petraschewski (27 Jahre alt); der Gutsbesitzer aus dem
Gouvernement Kursk Nikolai Speschnjoff (28 Jahre alt); der Leutnant des
Moskauer Leibgarderegiments N. Mombelli (27 Jahre alt); der Leutnant des
Gardegrenadierregiments N. Grigorjeff (27 Jahre alt); der Stabskapitän
des Gardejägerregiments F. Lwoff (28 Jahre alt); der Student der
Petersburger Universität P. Filippoff (24 Jahre alt); der im Asiatischen
Departement angestellte Kandidat d. Petersb. Universität D.
Achscharumoff (26 Jahre alt); der Student A. Chanykoff (24 Jahre alt);
die im Asiatischen Departement angestellten Brüder Konstantin Desbut (38
Jahre alt) und Ippolit Desbut (25 Jahre alt); der gleichfalls dortselbst
angestellte N. Kaschkin (20 Jahre alt); der Kollegien-Assessor a. D. und
Schriftsteller S. Duroff (33 Jahre alt); der Ingenieur-Leutnant a. D.
und Schriftsteller F. M. Dostojewski (27 Jahre alt); der unbeamtete
Adlige und Schriftsteller A. Pleschtschejeff (23 Jahre alt); der im
Justizministerium beamtete Titularrat W. Golowinski (20 Jahre alt); der
Lehrer an der Hauptingenieurschule F. Toll (26 Jahre alt); der Gehilfe
des Inspektors an dem Technologischen Institut I. Jastrshemski (34 Jahre
alt); der Leutnant des Garde-Jäger-Regiments A. Palm (27 Jahre alt); der
im Ministerium des Inneren angestellte Titularrat K. Timkowski (35 Jahre
alt); der Kollegiensekretär A. Jewropéus (22 Jahre alt); der Kleinbürger
P. Schaposchnikoff (28 Jahre alt); der Sohn eines Ehrenbürgers W.
Kateneff (19 Jahre alt); der Leutnant a. D. R. Tschernosswitoff (39
Jahre alt).
Ein so gemischter Bestand der Gesellschaft gab der Polizei den Anlaß zu
folgenden Erwägungen: „Die gewöhnlichen Verschwörungen pflegen aus
gleichartigen oder gleichgestellten Mitgliedern zu bestehen – z. B.
waren an der Dezemberverschwörung 1825 ausschließlich Adlige, und zwar
vornehmlich Offiziere beteiligt. Hier dagegen, bei dieser Verschwörung,
gab es neben Gardeoffizieren und Beamten des Ministeriums des
Auswärtigen, Seite an Seite mit ihnen, Studenten, die die Universität
nicht beendet hatten, gab es kleine Künstler, Kaufleute, Kleinbürger,
sogar Händler, die sonst Tabak verkauften. Augenscheinlich begann man
hier an einem Netz zu spinnen, das die ganze Bevölkerung umfassen und
demgemäß nicht nur an einer Stelle, sondern überall ausgelegt werden
sollte.“
Die Petraschewzen selbst zogen die Parallele mit den Dezembermännern in
einem anderen Sinne: „Deren Vergehen waren wichtiger,“ sagten sie sich
während ihrer Einzelhaft in der Festung, „da sie ins Heer eindrangen und
über Kanonen und Gewehre verfügten.“ So hat Dostojewski gedacht.
Speschnjoff aber hatte sich gesagt: „Die Dekabristen kämpften auf der
Straße und auf den Plätzen, wir aber haben nur in einem Zimmer
miteinander gesprochen.“ Dennoch sagt Dostojewski später aus, daß eine
ganze Verschwörung vorgelegen habe, mit allem, was auch zu den späteren
Verschwörungen gehörte, außer den Attentaten.
Von den Vorsitzenden der Untersuchungskommission wird mancherlei
berichtet. Sie bestand, unter dem Vorsitz des Festungskommandanten
General Nabokoff, aus dem Fürsten Dolgorukoff, Generalleutnant Dubbelt,
Fürsten Gagarin und General Rostowzeff. Dubbelt soll den politischen
Verbrechern alle möglichen Erleichterungen verschafft haben. Fürst
Gagarin soll sich bei den Verhören ganz ungezwungen und wohlwollend
verhalten und gesagt haben, auch er habe sich mit den Lehren Fouriers
beschäftigt, er müsse aber darauf bestehen, daß nach dem Jahre 1848 ein
solcher Schriftsteller nicht mehr für unschädlich gehalten werden könne.
Im übrigen habe er den Angeklagten geraten, zu bereuen und alles
freimütig einzugestehen. Doch Desbut beispielsweise hat nicht das
geringste eingestanden und nicht einmal die Tatsache zugegeben, daß
Dostojewski jenen Brief Bjelinskis vorgelesen hatte.
Wie Dostojewski sich erinnert, hat General Rostowzeff ihn aufgefordert,
den ganzen Sachverhalt zu erzählen. Dostojewski gab statt dessen auf
alle Fragen der Kommission nur ausweichende Antworten. Da soll sich nun
Rostowzeff mit folgenden Worten an ihn gewandt haben: „Ich kann es nicht
glauben, daß derselbe Mensch, der das Buch ‚Arme Leute‘ geschrieben hat,
mit diesen lasterhaften Menschen eines Sinnes gewesen ist. Das ist
unmöglich. Sie sind in die Sache nicht allzu verwickelt, und ich bin
ermächtigt, Sie im Namen des Kaisers der Begnadigung zu versichern, wenn
Sie sich bereit finden, den ganzen Hergang zu erzählen.“
„Ich schwieg,“ erzählte Dostojewski.
Da wandte sich Generalleutnant Dubbelt mit einem Lächeln zu Rostowzeff:
„Ich habe es Ihnen ja gesagt.“
Und Rostowzeff sprang auf – „Ich kann Dostojewski nicht mehr sehen!“ –
damit stürzte er aus dem Zimmer und schloß die Tür mit dem Schlüssel
hinter sich zu. „Ist Dostojewski noch da?“ fragte er dann von dort aus
eine Weile später. „Sagen Sie mir, wenn er hinausgegangen ist, – ich
kann ihn nicht sehen.“ Dieses Gebaren machte auf Dostojewski den
Eindruck des Unechten.
Speschnjoff hat von seiten des Vorsitzenden der Untersuchungskommission
die Bemerkung hervorgerufen: „Ich höre hier nur Phrasen und Phrasen,
aber ich sehe keine Tat.“ Derselbe Speschnjoff hat dem jungen Kaschkin
zugeflüstert: „Sagen Sie, daß Sie mich nicht kennen,“ – offenbar, um
diesen ohnehin nur wenig in die Sache verwickelten Angeklagten noch mehr
von ihr abzusondern. Speschnjoff wußte, daß man in ihm selbst einen der
Hauptbeteiligten sah. Dagegen hat er über zwei andere, die er für
bereits stark bloßgestellt hielt, doch einiges ausgesagt, und dasselbe
hat, wenn man den Akten trauen darf, auch Petraschewski getan. Ich nehme
an, daß beide damit die Sache als gefährlicher hinstellen wollten, um
die Vertreter der Regierung zu verblüffen. Speschnjoff schließt mit den
Worten: „Jetzt habe ich meine Pflicht erfüllt. Das war meine ganze
Beichte. Ich bin schuldig und man muß mich strafen.“ Jedenfalls klingt
aus diesen Worten schon etwas wie eine Erkenntnis der eigenen Schuld.
Dasselbe ist auch bei manchen anderen der Fall. Einer von ihnen nennt
sich sogar einen „verabscheuenswerten Liberalen“. Ein anderer bittet den
Kaiser um Gnade, er sei verirrt gewesen, ein dritter glaubt, die
Verzeihung nicht verdient zu haben, und ein vierter bittet nur um die
Möglichkeit, unserem gemeinsamen Vater auf Erden beweisen zu können, daß
er in ihm noch einen treuen Sohn finden werde. Ob sie wirklich ehrlich
bereuten oder nur, weil sie sahen, daß sie sich zwecklos ins Unglück
gebracht hatten, mag dahingestellt bleiben.
Anders verhält es sich mit Dostojewski, wenn er in seiner
Rechtfertigungsschrift[56] von sich sagt, er sei weder ein Freidenker,
noch ein Gegner der Selbstherrschaft gewesen und bekenne sich zu keinem
der sozialistischen Systeme, da er überzeugt sei, daß ihre Anwendung
nicht nur in Rußland, sondern selbst in Frankreich die Menschen
unfehlbar ins Verderben führen werde.
Auch wenn Jastrshemski sich einen „überzeugten Monarchisten“ und
gleichzeitig einen „überzeugten Anhänger der Lehre Fouriers“ nennt, so
ist das nicht so unvereinbar, wie es scheinen mag und zweifellos auch
den Mitgliedern der Untersuchungskommission erschienen ist. Sie wußten
natürlich nicht, daß Fourier sich mit einem Schreiben einmal tatsächlich
an Kaiser Alexander I. gewandt hatte, in dem er auf die Selbstherrschaft
als auf das zuverlässigste Mittel zur Durchführung einer radikalen
sozialen Reform hinwies. Erinnern wir uns auch jenes absprechenden
Urteils über Konstitution in dem von Petraschewski herausgegebenen
Fremdwörterbuch.
Ich komme auf Dostojewski zurück und bemerke, daß in seiner
Rechtfertigungsschrift in manchen Äußerungen doch schon der Ton einer
erzwungenen Konzession der quälenden Lage gegenüber durchklingt; so z.
B. wenn er sagt, er sei fest überzeugt gewesen, daß dieser von ihm
vorgelesene Brief Bjelinskis niemanden überzeugen könnte, aber er sähe
jetzt ein, daß er einen Fehler begangen habe, als er ihn vorlas, usw.
Wir wissen auch, daß Dostojewski auf die mündlichen Fragen ausweichend
geantwortet hat, da er nicht die verheißene Gnade benutzen wollte, so
daß der über diese Verstocktheit aufgebrachte Rostowzeff sogar das
Zimmer verließ. Also hat Dostojewski keinen seiner Mitangeklagten
verraten. Später wurde von ihm wie auch von den anderen eine
schriftliche Aussage verlangt. In dieser Aussage nun hat er – wie
übrigens auch die anderen Angeklagten – ermüdet, bei zerquälten Nerven,
(bei seiner besonderen Nervosität von jeher!) sich schließlich – doch
wieder ohne jemanden hinein zu ziehen – in etwas übertriebenem Maße
selbst beschuldigt: vielleicht einfach damit man sich endlich zufrieden
gab und ihn in Ruhe ließ. Wenigstens sagt er in seinem Tagebuch von 1873
ganz offen, daß in dem Augenblick, als ihnen ihr Todesurteil vorgelesen
wurde, in keinem von ihnen so etwas wie Reue gewesen sei. In demselben
Bericht sagt er weiter, daß sein eigenes Urteil über diese ganze
Angelegenheit sich erst später geändert habe.
Seine Untersuchungshaft in der Peter-Paulsfestung dauerte acht Monate.
In den zwei ersten Monaten tat er nichts, dann aber erhielten die
Angeklagten Bücher religiösen Inhalts und durften schreiben. Man ließ
sie eine Viertelstunde lang auf dem kleinen Hof spazieren, jeden
einzeln, und unter militärischer Bewachung. Mit seinem Zellennachbarn,
dem Studenten Filippoff, konnte Dostojewski sich ein wenig durch Klopfen
an die Wand verständigen. Nach der Aussage Jastrshemskis, der die Haft
in demselben sogenannten Alexejewschen Außenwerke verbrachte, sind die
Lebensbedingungen in hygienischer Hinsicht zufriedenstellend gewesen:
„gute Luft, Sauberkeit, gesunde Kost“. Tatsächlich ist von den
Petraschewzen niemand an der Cholera, die in jenem Sommer äußerst heftig
in Petersburg auftrat, erkrankt; doch die gute Luft hinderte nicht, daß
Jastrshemskis Filzhut in der Feuchtigkeit der Zelle verschimmelte. Am
schwersten war wohl die Einsamkeit zu ertragen. Nach Desbut hat diese
Einsamkeit das Mitleid ihres Korridorwächters (eines älteren
Garnisonsoldaten) erweckt. Dann und wann öffnete er vom Korridor aus das
kleine Fenster in der Kasemattentür und sagte zu dem einsamen
Gefangenen: „Ihr habt wohl Langeweile? Haltet aus! Auch Christus hat
gelitten. Wofür man euch nur eingekerkert haben mag? Alle seid ihr so
still, und sonst ist hier doch lauter so stürmisches Volk.“
Aus dieser Zeit haben sich ein paar Briefe Fjodor Michailowitschs an
seinen älteren Bruder, der inzwischen aus der Haft entlassen worden war,
erhalten. Am 18. Juli schreibt er auf den Zuspruch hin, nicht zu
verzagen: „... aber ich verzage ja gar nicht ... Manchmal hat man sogar
das Empfinden, als habe man sich an ein solches Leben schon gewöhnt und
als sei einem alles eins ... aber ... manch anderes Mal kommt das
frühere Leben wieder mit all seinen Eindrücken und flutet nur so in die
Seele hinein ... Ich habe drei Erzählungen und zwei Romane ausgedacht,
an dem einen schreibe ich jetzt ...“ Es war das die Erzählung „Der
kleine Held“. Damals nannte er sie eine Kindergeschichte; in späteren
Jahren sagt er einmal zur Erklärung: „man konnte dort nur das
Unschuldigste schreiben“. Am 27. August teilt er dem Bruder mit: „...
man hat mir wieder erlaubt, im Garten zu spazieren, in dem es fast
siebzehn Bäume gibt. Das ist für mich ein großes Glück. Außerdem bekomme
ich jetzt abends eine Kerze: Dies ist mein zweites Glück. Das dritte
Glück werde ich erleben, wenn du mir möglichst bald antwortest und das
nächste Heft der ‚Vaterländischen Annalen‘ schickst ...“ Am 14.
September dankt er dem Bruder für die zugesandten zehn Rubel und die
Bücher: „Die geben mir doch wenigstens Zerstreuung. Jetzt sind es schon
bald fünf Monate, daß ich nur von eigenen Mitteln lebe, d. h. nur von
meinem Kopf ... Das ewige Denken und immer nur Denken ist schwer! Ich
befinde mich gleichsam unter einer hermetisch abschließenden Glocke, aus
der die Luft herausgepumpt wird ...“
Die mutige Ruhe, die Fjodor Michailowitsch in seiner Lage bewahrte,
seine Geduld und Ausdauer sind um so bemerkenswerter, als er, nach
seinen eigenen Worten, vor dieser Katastrophe „bis zur Krankhaftigkeit
hypochondrisch“ war, alle möglichen Leiden in sich vermutete, vor lauter
Argwohn tatsächlich kränkelte und sich mit Senfpflastern zu kurieren
suchte. Aus Andrei Michailowitschs Aufzeichnungen wissen wir, daß Fjodor
Michailowitsch oft vor dem Einschlafen einen Zettel hinlegte, auf dem
etwa geschrieben stand: „Heute kann ich in lethargischen Schlaf
verfallen, darum – mich nicht vor so und so viel Tagen beerdigen“. Und
zu seiner Frau hat er später gesagt, daß er wohl wahnsinnig geworden
wäre, wenn diese Katastrophe nicht in sein Leben eingegriffen hätte. Von
den übrigen Verhafteten dagegen erging es dreien umgekehrt: Der
Gardegrenadieroffizier Grigorjeff wurde bereits in der Festung halb
irrsinnig; der neunzehnjährige Kateneff kam von dort aus in die
Irrenanstalt und somit überhaupt nicht vor das Militärgericht; und bei
dem älteren Desbut stellte sich vorübergehend eine gewisse geistige
Umnachtung ein.
Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit Petraschewski auf
Allerhöchsten Befehl an eine Gerichtskommission unter dem Vorsitz des
Generals Perowski über. Diese Gerichtskommission beschloß, infolge
ungenügender Beweise alle Verhafteten wieder in Freiheit zu setzen. Doch
nun wurde die Sache am 16. November dem General-Auditoriat übergeben und
kriegsrechtlich behandelt. Zu dieser Übergabe lag juridisch gar keine
Veranlassung vor, da jene auf Allerhöchsten Befehl eingesetzte
Gerichtskommission nach der hierarchischen Stufenleiter höher stand, und
so ist es wohl verständlich, daß, wie I. Desbut mitteilt, selbst der
Festungskommandant mit größtem Befremden davon Kenntnis nahm und den
Verhafteten in sichtlich höchster Erregung davon Mitteilung machte.
Natürlich konnte auch das General-Auditoriat die Tatsache nicht
übersehen, daß von den Angeklagten keineswegs alle in gleichem Maße
beteiligt oder schuldig waren – zumal einzelne in ihren Aussagen die
weniger Bloßgestellten noch besonders zu entlasten versucht hatten; da
aber die in dem vorliegenden Falle anzuwendenden Gesetze betreffs
Staatsverbrechen zwischen den Hauptschuldigen oder Anstiftern und den
Mitbeteiligten keinen Unterschied machen, so wurden sämtliche
Angeklagten mit Ausnahme eines einzigen (Tschernosswitoffs, den man nur
nach Wjätka verbannte) „zum Tode durch Füsilieren verurteilt“. Indes
wurden vom General-Auditoriat selbst die mildernden Umstände
hervorgehoben (die aufrichtige Reue vieler, die freiwilligen
Geständnisse weiterer Vergehen, die sonst unbekannt geblieben wären,
ferner die große Jugend einzelner, sowie schließlich, daß ihre
verbrecherischen Absichten, dank dem rechtzeitigen Eingreifen der
Regierung, ohne schädliche Folgen geblieben waren), und auf Grund dieser
mildernden Umstände nahm sich das General-Auditoriat „die Freiheit, die
Anwendung der kaiserlichen Gnade hinsichtlich der Entscheidung über das
Los der Angeklagten und die Umwandlung der Todesstrafe in Strafen nach
Maßgabe ihrer Schuld alleruntertänigst zu befürworten.“ Die im Anschluß
hieran vom General-Auditoriat unterbreiteten Urteilssprüche wurden vom
Kaiser durch handschriftliche Bemerkungen an den Rand der Aktenblätter
teils bestätigt, wie z. B. das Urteil über Petraschewski (er wurde zum
Verlust aller Rechte und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den
sibirischen Bergwerken verurteilt), teils verschärft, wie u. a. die
Jastrshemski zudiktierten vier Jahre Zwangsarbeit in sechs Jahre
verwandelt wurden, größtenteils aber gemildert, so u. a. auch die
Strafen für Duroff und F. M. Dostojewski, die beide zu achtjähriger
Zwangsarbeit verurteilt waren, letzterer wegen „Teilnahme an
verbrecherischen Absichten, Verbreitung eines vom Schriftsteller
Bjelinski geschriebenen Briefes, der voll ist von frechen Ausdrücken
gegen die rechtgläubige Kirche und die oberste Gewalt, sowie wegen des
Planes, in Übereinstimmung mit Anderen, Schriften gegen die Regierung
mittels einer geheimen Druckerei zu verbreiten“. Dieses Urteil wurde –
ebenso wie das gleichlautende für Duroff: „zur Zwangsarbeit auf acht
Jahre“ – vom Kaiser durch eigenhändige Randbemerkung geändert in
Zwangsarbeit „_auf vier Jahre und dann als Gemeiner_“.
Dostojewski hat später diese Art seiner Verurteilung als einen
Präzedenzfall bezeichnet, da bislang jeder in Rußland zur Zwangsarbeit
Verurteilte (gleichviel auf wieviel Jahre) damit seine bürgerlichen
Rechte für immer verlor. „Dostojewski aber sollte“ – so diktierte er von
sich in der dritten Person, als er einmal um biographische Daten für
ausländische Leser gebeten wurde – „nach Ablauf der Frist der
Zwangsarbeit als Soldat eingereiht werden, d. h. es wurden ihm die
Bürgerrechte wieder zuerkannt. Später sind ähnliche Vergünstigungen des
öfteren vorgekommen, damals aber geschah es zum ersten Male nach dem
Willen des verstorbenen Kaisers Nikolai I., ‚dem es um Dostojewskis
Jugend und Talent leid tat.‘“ Wie wir wissen, geschah das aber nicht nur
mit Dostojewski, sondern auch mit Duroff. An sich ist diese Tatsache
umso beachtenswerter, als weder von Dostojewski noch von Duroff irgend
welche „freiwilligen Geständnisse“ erfolgt sind, wie wir aus den Akten
ersehen.
Eine noch größere Milderung des Urteils ließ der Kaiser dem Dichter
Pleschtschejeff zuteil werden: Dieser sollte nur in das Orenburger
Linienregiment als Gemeiner eingereiht werden. Zieht man nun in
Erwägung, daß Pleschtschejeff, ganz wie Dostojewski und Duroff,
besonders für die Befreiung der Bauern eintrat und diese Befreiung von
der Regierung erwartete, so fragt es sich, ob nicht die Milderung ihrer
Strafe zum Teil auf eine alte Absicht des Kaisers Nikolai I., die Bauern
zu befreien, zurückzuführen war, eine Absicht, die sich infolge der
Entgegenwirkung des Adels nicht verwirklichte? ...
Im übrigen sollte einzig der Leutnant des Leibgardejäger-Regiments
Alexander Palm, „aus dessen Schriften,“ wie es in dem Bericht des
General-Auditoriats heißt, „eine große Liebe zu Rußland spricht,“ ohne
Degradation mit dem gleichen Rang als Leutnant aus der Garde in die
Linie versetzt werden: und dieses Urteil ward vom Kaiser bestätigt.
Am 22. Dezember 1849 wurde im „Russischen Invaliden,“ dem
Regierungsorgan, das Urteil über die Petraschewzen veröffentlicht und
der ganze Fall wie folgt gekennzeichnet:
„Die verderblichen Lehren, die im ganzen westlichen Europa Unruhen und
Aufstände erzeugt haben, und die mit dem Sturz und der Zertrümmerung
jeglicher Ordnung und jedes Wohlstandes der Völker drohen, haben
bedauerlicherweise auch in unserem Vaterlande einen gewissen Widerhall
gefunden ... Eine Anzahl unbedeutender, meist junger und sittenloser
Menschen träumte von der Möglichkeit, die heiligsten Rechte der
Religion, der Gesetzlichkeit und des Eigentums niederzutreten ... Der
Titularrat Butaschewitsch-Petraschewski versammelte an bestimmten Tagen
in seiner Wohnung einen Kreis jüngerer Leute aus den verschiedensten
Gesellschaftsschichten. Gotteslästerungen, dreiste Worte gegen die
geheiligte Person Seiner Majestät des Kaisers, Auslegung der
Regierungsmaßnahmen in tendenziös entstellender Weise und Schmähung der
Staatsvertreter – das waren die Waffen und Mittel, die Petraschewski zur
Aufwiegelung seiner Versammlung benutzte ... Ende des Jahres 1848
schritt er zur Bildung einer geheimen Gesellschaft ... Darauf wurde der
Plan zur Hervorrufung eines allgemeinen Aufstandes im Reich
niedergeschrieben.“
Von den Angeklagten wußte indes niemand, wann das Urteil in ihrem Prozeß
verkündet werden, geschweige denn, wie es lauten würde. Am frühen Morgen
des 22. Dezember fiel ihnen nur ein ungewohnter Lärm, ein Kommen und
Gehen im Korridor auf, und sie begannen zu vermuten, daß etwas
Besonderes vorgehe. Das erzählte mir der verstorbene Speschnjoff; er
sagte, es sei um 6 Uhr gewesen. Um 7 aber setzte man sie in die Wagen
und führte sie fort. Nach Fjodor Michailowitschs Worten hatte man sie
vorher veranlaßt, ihre eigenen Kleider anzuziehen ... Speschnjoff, der
sich nicht zu erklären vermochte, wohin die Fahrt ging, nahm schließlich
an, man wolle ihnen den Urteilsspruch verlesen, und da man
kriegsrechtlich über sie abgeurteilt hatte, mußte das wohl im
Ordonnanzhause geschehen. Aber die Fahrt dauerte lange. Da fragte
Speschnjoff den Soldaten: „Wohin führt man uns?“ Dieser antwortete: „Es
ist nicht befohlen, das zu sagen.“