Zur Lebensgeschichte Dostojewskis.
Kindheit und Jugend.
Fjodor Michailowitschs Geburtstag war der 30. Oktober, doch sein
Geburtsjahr war nicht, wie er selbst irrtümlicherweise glaubte und
angab, das Jahr 1822, sondern, wie wir aus dem Kirchenbuch ersehen, das
Jahr 1821. Am 4. November wurde er getauft und erhielt den Namen seines
Großvaters mütterlicherseits, des Moskauer Kaufmanns Fjodor
Timofejewitsch Netschajeff.
Eine der ersten Kindheitserinnerungen Fjodor Michailowitschs war: wie
eines Abends die Kinderfrau ihn als ungefähr Dreijährigen ins
Besuchszimmer zu den Gästen geführt, vor den Heiligenbildern hatte
hinknien und sein Abendgebet hatte hersagen lassen: „Alle Zuversicht,
Herr, lege ich auf dich. Mutter Gottes, behalte mich unter deinem
Schutz.“ Den Gästen gefiel das sehr, und sie sagten, indem sie ihn
streichelten: „Was für ein kluger Junge!“ Dieses Erlebnis hatte sich für
immer seinem Gedächtnis eingeprägt und jenes Gebet hat er später seine
eigenen Kinder als Abendgebet sprechen gelehrt. Auch behielt er immer in
der Erinnerung, wie streng er und seine Geschwister von klein auf
erzogen worden waren und wie früh schon das Lernen begonnen hatte.
Bereits als Vierjährigen setzte man ihn vor ein Buch und dann hieß es:
„Lerne!“ – während es draußen so schön war, so warm, und der große
schattige Garten des Hospitals so lockte! Doch wenn der Vater seine
Kranken in der Stadt besuchte, dann pflegte es wohl zu geschehen, daß
die Mutter die Kinder befreite und wieder spielen ließ.
Die anschaulichste Vorstellung von der Kindheit Fjodor Michailowitschs
geben uns die Aufzeichnungen seines jüngeren Bruders Andrei
Michailowitsch, die deshalb im Wortlaut hier eingeschaltet seien.
„Mein Bruder Fjodor Michailowitsch war drei Jahre und viereinhalb
Monate älter als ich, da er aber – zusammen mit meinem ältesten
Bruder – erst im Mai 1837 von meinem Vater nach Petersburg gebracht
wurde, so habe ich seine Kindheit ungefähr von meinem 5. bis 12.
oder von seinem 8. bis 15. Lebensjahr miterlebt und kann mich ihrer
noch sehr gut erinnern.
„Unser Vater, der Stabsarzt Michail Andrejewitsch Dostojewski, war
nach Absolvierung der damals in Moskau bestehenden Medizinischen
Akademie im Jahre 1812 als Arzt in den Militärdienst getreten und
hatte nach dem Kriege eine Anstellung am Moskauer Militärhospital
erhalten.
„Im Jahre 1819 heiratete er die Tochter des Moskauer Kaufmanns
Fjodor Timofejewitsch Netschajeff, Marja Fjodorowna. Im Jahre 1820
wurde unser ältester Bruder Michail geboren. Ende desselben Jahres
trat unser Vater aus dem Militärdienst in den Zivildienst über und
kam als Arzt, mit dem Titel eines Stabsarztes, an das Moskauer
Marienhospital. Dort ist dann unser Bruder Fjodor und sind nach ihm
alle übrigen Geschwister, mit Ausnahme der jüngsten Schwester, zur
Welt gekommen.
„Die Wohnung, die unser Vater daselbst erhielt, lag im Erdgeschosse.
Wenn man die heutigen Dienstwohnungen beamteter Personen von
gleichem Range mit den damals gewährten Räumlichkeiten vergleicht,
so fällt es einem unwillkürlich auf, wieviel sparsamer man in der
Beziehung früher war. Unsere Wohnung bestand eigentlich nur aus zwei
Zimmern, außer dem Vorzimmer und der Küche. Das dem Eingange
zunächst liegende, wie gewöhnlich einfenstrige Vorzimmer wurde durch
eine vom Tischler hergestellte Scheidewand in zwei Räume geteilt; in
dem auf diese Weise gewonnenen zweiten halbdunklen Zimmerchen
schliefen die beiden ältesten Brüder, Michail und Fjodor. Aus dem
Vorzimmer trat man in den sogenannten Saal: ein ziemlich großes
Zimmer mit zwei Fenstern zur Straße und drei Fenstern auf den
Vorhof. Das folgende zweite Zimmer hatte zwei Fenster zur Straße und
war gleichfalls durch eine Scheidewand in zwei Hälften geteilt, von
denen die halbdunkle den Eltern als Schlafraum diente. Späterhin,
als unsere Familie größer wurde, erhielten wir noch ein Zimmer. Die
Einrichtung der Wohnung war sehr bescheiden. Das Vorzimmer mit dem
abgeteilten Schlafraum der Brüder war mit dunkelgrauer, der Saal mit
hellgelber und das elterliche Schlafzimmer mit blauer Leimfarbe
angestrichen. An Möbeln standen im Saal zwei Lhombre-Tische
(obgleich in unserer Familie nie Karten gespielt wurde), an denen
die älteren Brüder lernten, ein Eßtisch und ein Dutzend Stühle aus
Birkenholz mit weichem Sitz (aber natürlich ohne Sprungfedern), der
mit grünem Saffian bezogen war. Dieser Saal war unser Wohnzimmer, wo
wir lernten und spielten, zu Mittag speisten und Tee tranken. Das
andere Zimmer dagegen war unser Erholungsraum. Hatten wir unsere
Aufgaben beendet, so saßen wir dort bei den Eltern.“
Nach den Aussagen anderer Verwandter versammelte die Familie sich dort
um einen runden Tisch, die Mutter arbeitete und die Kinder lasen vor.
Fjodor Michailowitsch hat mehrfach davon gesprochen, daß sie, die
Kinder, jedesmal fortgeschickt wurden, wenn an diesem Tisch geschneidert
oder Stoff zugeschnitten werden sollte, weshalb ihm Schneiderei im Hause
sein Leben lang unangenehm war.
Andrei Michailowitsch erzählt weiter: „Meine Brüder Michail und Fjodor,
meine Schwester Warwara und ich, wir vier bildeten sozusagen die erste
Serie der Geschwister.“ Nach Fjodor Michailowitschs eigenen Worten hat
er in der Kindheit „Schwester Warjä“ besonders geliebt. „Die übrigen
Geschwister, Wera, Nikolai und Alexandra, waren noch zu klein, um an
unseren Beschäftigungen oder Spielen teilnehmen zu können. Wir vier
dagegen waren fast immer zusammen. So geschah alles, was meine Brüder
taten oder sprachen, vor meinen Augen und Ohren, und nur in den
seltensten Fällen schickten sie mich fort; dann nannten sie mich ihr
‚Schwänzchen‘. Michail und Fjodor standen ja fast im gleichen Alter, sie
wuchsen zusammen auf und waren große Freunde. Diese Freundschaft dauerte
bis zum Tode des älteren Bruders. Und doch waren sie zwei ganz
verschiedene Charaktere. Michail war auch in der Kindheit weniger
mutwillig, weniger unternehmend, weniger lebhaft im Gespräch, kurz, er
war nicht so heiß wie Fjodor, der in allem, was er tat, ‚das wahre
Feuer‘ war, wie unsere Eltern zu sagen pflegten.
„Da ich nun einmal von unserer Familie spreche, möchte ich hier auch
eine Person erwähnen, die mit ihrem ganzen Leben und Denken in unserer
Familie aufging. Das war unsere Kinderfrau Aljona Frolowna. Ich erwähne
sie nicht deshalb, weil sie etwa, wie die Kinderfrau Puschkins, auf die
Entwicklung Fjodors einen großen Einfluß gehabt hätte; – nein, sie war
nur ein gütiger Mensch, der uns liebte. Als Moskauer Kleinbürgerin hatte
sie das Recht, sich eine ‚Städterin‘ zu nennen, was sie denn auch immer
mit einer gewissen Wichtigkeit tat. (Übrigens war sie noch nicht alt,
aber ziemlich dick.) Doch ich erwähne sie hauptsächlich deshalb, weil
ich darauf hinweisen möchte, wie teuer meinem Bruder später die
Erinnerung selbst an unsere Dienstboten war. So habe ich auch in seinen
Werken sehr oft Namen unserer ehemaligen Dienstboten in der Stadt und
auf dem Lande wiedergefunden.“[1]
Nach der Behauptung Andrei Michailowitschs habe Aljona Frolowna nicht
gut zu erzählen verstanden, was den Aussagen anderer und auch Fjodor
Michailowitschs zum Teil widerspricht. Vielleicht hat sie nur nicht so
schöne Märchen erzählt, wie die Ammen aus dem Dorf.
„Von allen ihren Kindern hat unsere Mutter nur ihren ältesten Sohn
selbst gestillt,“ (den sie nach Fjodor Michailowitschs Äußerung am
meisten geliebt haben soll), „– wir anderen hatten Ammen. Diese Ammen
pflegten uns alljährlich (gewöhnlich im Winter) zu besuchen. Ihr Besuch
war für uns Kinder immer ein richtiges Fest. Sie kamen aus den nächsten
Dörfern und blieben meist zwei bis drei Tage bei uns. Unter meinen
Erinnerungen hat sich eine Bilderreihe noch so deutlich erhalten, als
sähe ich sie leibhaftig: Es ist ein Wintermorgen; Aljona Frolowna tritt
aus der Küche ins Wohnzimmer und meldet der Mutter: ‚Die Amme Lukerja
ist gekommen‘. Kaum haben wir Jungen das vernommen, da stürmen wir auch
schon aus dem Saal ins Wohnzimmer, und es fehlt nicht viel, daß wir vor
Freude in die Hände klatschen. ‚Führe sie herein,‘ sagt die Mutter. Und
Lukerja erscheint, eine Bäuerin in Bastschuhen. Zuerst betet sie vor dem
Heiligenbilde, dann begrüßt sie die Mutter, dann küßt sie alle Kinder
der Reihe nach und dann verteilt sie unter uns die als Gastgeschenk
mitgebrachten, mit Buttermilch gebackenen Pfannkuchen; darauf aber
begibt sie sich wieder in die Küche, – wir Kinder haben jetzt keine
Zeit, am Vormittag müssen wir lernen. Doch dann ist die Dämmerung da. Es
dunkelt. Die Mutter ist im Wohnzimmer beschäftigt, der Vater gleichfalls
– er trägt die Rezepte in die Krankenbücher ein, die ihm täglich
stoßweise gebracht werden –, und nun warten wir Kinder in dem
abendlichen unbeleuchteten Saal auf die Amme. Sie kommt, wir setzen uns
alle in der Dunkelheit auf Stühlen zurecht, und nun beginnt das
Märchenerzählen. Dieses Vergnügen dauerte manchmal drei, manchmal vier
Stunden. Erzählt wurde möglichst leise, fast flüsternd, um die Eltern
nicht zu stören; es ist so still, daß man das Kratzen des Gänsekiels
hört, mit dem der Vater im Nebenzimmer schreibt. Und was für Geschichten
wurden da erzählt – ich kann mich nicht einmal all der Namen entsinnen.
Außer den russischen Sagen und Märchen hörten wir auch die Geschichte
vom Blaubart und noch viele andere. Ich weiß nur, daß manche dieser
Geschichten uns sehr gruselig erschienen.“ (Vielleicht ist es auf diese
im Dunkeln erzählten gruseligen Geschichten zurückzuführen, daß Fjodor
Michailowitsch nach seiner eigenen Aussage in der Kindheit die
Dunkelheit gefürchtet hat?)
„Im übrigen aber verhielten wir uns zu diesen Märchenerzählerinnen doch
auch kritisch und stellten z. B. fest, daß ‚Warwaras Amme zwar mehr
Märchen kenne, dafür aber nicht so gut zu erzählen verstehe wie
Andrjuschas Amme‘ – oder etwas ähnliches.
„Die Tage verliefen in unserer Familie immer gleichmäßig nach der einmal
eingeführten Ordnung. Man stand früh auf, ungefähr gegen sechs Uhr. Nach
sieben Uhr begab sich der Vater ins Hospital, von wo er um neun Uhr
zurückkehrte, um dann sofort in die Stadt zu seinen übrigen Kranken zu
fahren. Während seiner Abwesenheit mußten wir lernen. Um 12 Uhr kehrte
er gewöhnlich zurück und dann wurde sogleich zu Mittag gespeist. Um 4
Uhr tranken wir Tee, worauf der Vater sich wieder zu den Kranken ins
Hospital begab. Die Abende wurden im Wohnzimmer am runden Tisch
verbracht, und wenn der Vater nicht mit den Krankheitsberichten
beschäftigt war, so wurde vorgelesen. An den Feiertagen spielten wir
Kinder in demselben Zimmer zuweilen harmlose Kartenspiele, an denen die
Eltern sich gleichfalls beteiligten. Bei diesen Spielen versuchte Fjodor
infolge seiner Gewandtheit immer irgend einen kleinen Betrug zu machen,
wobei er aber mehr als einmal ertappt wurde. Zwischen 8 und 9 Uhr aßen
wir zu Abend, und nachdem wir Knaben vor den Heiligenbildern das Gebet
gesprochen und den Eltern Gute Nacht gewünscht hatten, gingen wir zu
Bett.
„Fremde oder Gäste kamen sehr selten zu uns. Der ganze Verkehr unserer
Eltern beschränkte sich fast ausschließlich auf kurze Besuche im Laufe
des Tages. Kam es aber einmal vor, daß die Eltern gegen Abend zu einem
Besuche fuhren, so wurden unsere Spiele sogleich bedeutend
geräuschvoller und abwechslungsreicher. Übrigens blieben die Eltern
niemals sehr lange fort; schon gegen neun oder zehn Uhr kehrten sie
unfehlbar zurück.
„Unter den Familienfesten war der Geburtstag des Vaters das wichtigste.
Dann mußten die älteren Brüder unbedingt irgend etwas auswendig lernen,
natürlich in französischer Sprache. Das Gelernte wurde hübsch sauber auf
Postpapier geschrieben, dieses zu einem Röllchen zusammengerollt und dem
Vater am Morgen überreicht: dann ward das auswendig Gelernte aufgesagt.
Einmal war es irgend etwas aus der Henriade – Gott weiß was. Das rührte
den Vater sehr und er küßte die beiden Knaben mit aufwallender
Herzlichkeit. An diesem Tage waren immer viele Gäste bei uns, besonders
zum Mittagessen. Später, als wir Kinder schon heranwuchsen, wurde etwa
zweimal auch ein Tanzabend veranstaltet, doch so viel ich mich erinnere,
hat kein einziger von uns Knaben gern getanzt, vielmehr sahen wir uns
zum Tanz wie zu einer notwendigen und schweren Arbeit gezwungen.
„Im Sommer wurde fast regelmäßig gegen 7 Uhr ein Abendspaziergang zum
nahegelegenen Marienhain gemacht. Außer uns Kindern und unseren Eltern
beteiligten sich gewöhnlich noch andere Einwohner des Marienhospitals an
diesen Spaziergängen, die sehr ruhig verliefen. Man benahm sich äußerst
wohlerzogen und selbst im Hain, also schon außerhalb der Stadt, wagten
wir Kinder nicht, etwa zu laufen oder gar Mutwillen zu treiben. Während
dieser Spaziergänge unterhielt sich der Vater mit uns immer über
Gegenstände, die uns belehren konnten. So entsinne ich mich noch seiner
wiederholten anschaulichen Erklärungen geometrischer Begriffe, z. B. was
spitze, stumpfe und rechte Winkel sind, oder krumme und gebrochene
Linien, wie man sie in den Moskauer Straßen fast auf Schritt und Tritt
sieht.
„In jedem Sommer wurde auch eine Fahrt zu dem 60 Werst entfernten
Troitzki-Kloster unternommen. Diese Fahrten brachten eine gewisse
Abwechslung in unser Sommerleben; sie dauerten fünf bis sechs Tage,
weshalb der Vater sich nicht an ihnen beteiligen konnte und wir nur mit
der Mutter und irgend jemandem von unseren Bekannten hinfuhren. Das
Theater besuchten unsere Eltern fast nie. Nur ein- oder zweimal während
meiner ganzen Kindheit wurde zur Feier eines großen Festtages für die
ganze Familie eine Loge genommen. Bei der Wahl des Stückes war man sehr
vorsichtig. Einmal sahen wir die Aufführung eines Stückes, das ‚_Jacko_,
oder _Der brasilianische Affe_‘ hieß. Den Inhalt des Stückes habe ich
vergessen, ich erinnere mich aber, daß der Schauspieler, der den Affen
spielte, sich als ein erstaunlicher Equilibrist erwies, so daß Fjodor
hernach wie besessen von ihm war und lange Zeit sich mühte, die
Kunststücke nachzumachen.“
Von dem ungeheuren Eindruck einer Theateraufführung allerdings ganz
anderer Art, die Dostojewski als zehnjähriger Knabe gesehen hat, weiß
Anna Grigorjewna, Dostojewskis Witwe, nach seinen eigenen Worten zu
berichten: Das war die Aufführung von Schillers „Räubern“, mit dem
berühmten Schauspieler Motschaloff in der Hauptrolle.
„Aber wenn wir auch selten ins Theater gingen,“ erzählt Andrei
Michailowitsch weiter, „so besuchten wir doch regelmäßig die Schaubuden
der Moskauer Festmärkte, besonders in der Butterwoche, und zwar
besuchten wir diese immer mit einem leiblichen Onkel unserer Mutter,
Wassili Michailowitsch Kotelnitzki. Der Vater dieses W. M., also der
Großvater meiner Mutter, Michail Fjodorowitsch Kotelnitzki, war Ende des
achtzehnten Jahrhunderts Korrektor an der Moskauer Geistlichen Druckerei
und soll, wie unsere Mutter erzählte, ein sehr kluger Mensch gewesen
sein. Sein Sohn (unser Großonkel Wassili Michailowitsch) war Professor
an der Moskauer Universität (an der medizinischen Fakultät), war
kinderlos und liebte uns sehr. Unseren Eltern, die ihn überaus achteten,
hatte er vermutlich ein für allemal das Versprechen abgenommen, daß wir
Kinder in der Butterwoche alle auf einen ganzen Tag zu ihm kommen
durften, und dann besuchte er mit uns, die wir ihm ohne weiteres
anvertraut wurden, jedesmal verschiedene Aufführungen, deren Wahl er
selbst traf.
„Unsere Eltern waren beide sehr religiös, besonders die Mutter. An jedem
Sonn- und Feiertage mußten wir pflichtgetreu zum Frühgottesdienste gehen
und am Abend vorher zur Abendmesse.
„Zum Marienhospital gehörte ein großer schöner Garten mit zahlreichen
Lindenalleen und sehr sauber gehaltenen Wegen. Im Sommer hielten wir uns
fast nur in diesem Garten auf. Dort spazierten wir artig mit unserer
Kinderfrau Aljona Frolowna oder saßen auf einer Bank, und so verbrachten
wir Stunden um Stunden. Dort fanden auch unsere Kinderspiele statt.
Übrigens durften wir nur Pferdchen spielen; Ballspiele und ähnliche,
besonders solche mit Stöcken oder Schlägeln, waren uns als gefährlich
und unschicklich aufs strengste verboten.
„Im Krankenhause wohnten außer uns noch viele Familien, verheiratete
Ärzte und andere Angestellte; doch soweit ich mich erinnere, befanden
sich unter deren Kindern keine Altersgenossen und so hatten wir gar
keine anderen Spielgefährten, weshalb unsere Spiele denn auch recht
eintönig waren. Einmal sahen wir auf einem Volksfest einen Schnelläufer,
der für Geld sein Können zeigte; während des Laufens hielt er den Zipfel
eines Tuches im Munde, das wohl mit einer kräftigenden Flüssigkeit
getränkt war. Nachdem Fjodor diesen Läufer gesehen hatte, lief er lange
Zeit täglich mit unermüdlichem Eifer in den Gartenalleen hin und her,
wobei er gleichfalls einen Zipfel seines Taschentuches im Munde hielt.“
– Eine Erklärung hierfür dürften wir in Dostojewskis eigenen Äußerungen
finden, nach welchen er sich in seiner Kindheit gerne durch Körperkraft,
Gewandtheit u. ä. hervorgetan habe.
„In diesem Garten ergingen sich auch die Genesenden, je nach dem Wetter
in elefantenbraunen Tuchmänteln oder in Zwillichanzügen, jedoch immer in
schneeweißen Zipfelmützen und in Schuhen oder Pantoffeln ohne Absätze.
Fjodor liebte es sehr, mit diesen Kranken heimlich, d. h. wenn es sich
irgendwie unbemerkt machen ließ, Gespräche anzuknüpfen, besonders wenn
Knaben unter ihnen waren; das aber war uns ein für allemal streng
verboten, und der Vater war äußerst ungehalten, wenn ihm etwas von einem
derartigen Ungehorsam zu Ohren kam.“
Nach den Aussagen anderer Verwandten ist der Vater Dostojewskis
überhaupt sehr streng gewesen, und die Wärterin Aljona Frolowna hat oft
genug die Vergehen der Kinder verheimlichen oder diese vor der
väterlichen Strafe schützen müssen.
„Im Jahre 1831 kauften unsere Eltern im Gouvernement Tula, 150 Werst von
Moskau, ein kleines Landgut, wohin von nun an in jedem Frühjahr unsere
Mutter mit uns Kindern übersiedelte. Den Vater hielt der Dienst in
Moskau zurück. Nur im Hochsommer kam er auf ein paar Tage hinaus. In den
ersten Jahren, als meine älteren Brüder noch nicht im Pensionat waren,
nahm die Mutter sogleich alle Kinder mit und wir verbrachten den ganzen
Sommer auf dem Lande. Die Fahrt hinaus aufs Gut war für uns Kinder ein
Ereignis, das wir mit heißer Ungeduld herbeisehnten. Wir fuhren mit
unseren eigenen Gutspferden und dem Kutscher Ssemjon Schiroki, der im
Rufe stand, der beste Pferdekenner und Kutscher zu sein.“ (Auch diesen
Namen hat Dostojewski später benutzt.)
„Die Fahrt dauerte zwei Tage, am dritten langten wir an. Während der
Fahrt war Fjodor immer in einem geradezu fieberhaften Zustande. Er
wählte sich auch immer den Platz auf dem Bock, neben dem Kutscher, und
so oft der Wagen hielt, und war’s auch nur auf eine Minute, sprang er
ab, um sich alles, was in der Nähe war, anzusehen, oder er guckte
gleichfalls an den Pferden herum, wenn der Kutscher Ssemjon, der Breite
genannt, an ihnen etwas zu schaffen hatte.
„Die Gegend, in der unser Landgut lag, war sehr anheimelnd und
malerisch. Das kleine mit Lehm bestrichene Häuschen, das aus drei
Zimmern bestand, lag in einem Lindenhain, der ziemlich groß und schattig
war. Ihn trennte nur ein schmales Feld von einem dichten Birkenwalde, in
dem es eine recht unheimliche, wilde, von kleinen Schluchten oder
Erdklüften durchzogene Stelle gab. Dieser Wald hieß Brykowo (den Namen
finden wir gleichfalls, und zwar in den ‚Dämonen‘) und wurde von meinem
Bruder sehr geliebt, weshalb wir ihn unter uns bald nur noch ‚Fedjäs[2]
Wald‘ nannten. Doch die Mutter erlaubte uns nur ungern, in diesen Wald
zu gehen, da es hieß, dort seien Schlangen, und sogar Wölfe kämen
dorthin.“
Hier hätten wir vielleicht eine Erklärung des Schreies „Ein Wolf kommt!“
den Fjodor Michailowitsch dort einmal als Kind zu hören geglaubt hat und
von dem er in seiner Erzählung vom Bauern Marei spricht.
„Fjodor, der damals bereits lesen konnte, hatte offenbar schon
Indianergeschichten in die Hand bekommen, und so war denn seine
Lieblingsbetätigung Indianer zu spielen. Das Spiel bestand darin, daß
wir uns im Lindenhain eine Stelle mit dichterem Buschwerk aussuchten,
dort ein Zelt herstellten und dieses dann für das Hauptzelt einer
Niederlassung wilder Völker erklärten. Wir kleideten uns aus und
bemalten unsere Körper mit Farben: was wir dann tätowieren nannten. Wir
machten uns aus Blättern einen Lendenschurz und aus gefärbten
Gänsefedern einen Kopfschmuck, und nachdem wir uns dann noch mit
selbstgefertigten Pfeilen und Bögen bewaffnet hatten, schritten wir zum
Überfall auf Brykowo (den Birkenwald). Natürlich war Fjodor, als der
Erfinder dieses Spieles, auch der Häuptling und Anführer des wilden
Stammes. Michail dagegen beteiligte sich nur selten unmittelbar an
diesem Spiele: es paßte nicht zu seinem Charakter. Dafür war er, da er
schon zu zeichnen begann und Farben besaß, derjenige, der uns anmalte
und kostümierte. Doch die Hauptsache bei diesem Spiele bestand darin,
daß wir als ‚Wilde‘ nicht von irgend jemandem, der älter als wir war,
beaufsichtigt wurden und von allem Gewohnten, von allem Nichtwilden,
vollkommen abgesondert waren. Einmal, an einem heißen, trockenen Tage,
ließ uns die Mutter nicht zum Essen rufen, sondern schickte das Essen zu
uns hinaus und ließ es unter einem Busch am Zelt hinstellen. Das machte
uns einen Riesenspaß und wir verzehrten natürlich alles ohne Messer und
Gabel, einfach mit den Händen, wie es sich für richtige Wilde schickt.
Doch als wir auch die Nacht als Wilde im Freien verbringen wollten,
wurde uns das nicht erlaubt. Ein anderes Spiel, das nur wir zwei
spielten, war ‚Robinson und Freitag‘, bei dem ich den Freitag spielen
mußte, da Fjodor selbstredend Robinson war. Dann mühten wir uns
schrecklich, in unserem Lindenhain alle die Entbehrungen zu erdulden,
die jene beiden auf der unbewohnten Insel zu ertragen gehabt hatten.
„Auf dem Lande waren wir fast den ganzen Tag im Freien, und wenn wir
nicht spielten, verbrachten wir Stunden um Stunden auf den Feldern, wo
wir der schweren Feldarbeit der Bauern zusahen. Die Bauern liebten uns
alle, aber Fjodor liebten sie doch ganz besonders. In seiner
Lebhaftigkeit wollte er alles selbst mitmachen. Bald bat er, das Pferd
mit der Egge führen zu dürfen, bald ging er neben dem Pflug einher und
trieb das Pferd an, u. a. m. Auch liebte er, mit den Bauern Gespräche
anzuknüpfen, und sie unterhielten sich gern mit ihm. Doch das größte
Vergnügen war für ihn, irgend einen Auftrag ausführen oder irgend eine
Gefälligkeit erweisen oder sich sonstwie nützlich machen zu können.
Einmal hatte eine Bäuerin in der Erntezeit aus Versehen den Wasserkrug
umgeworfen, den sie für ihr kleines Kind mitgenommen hatte. Da nahm mein
Bruder sofort den Krug und lief ins Dorf (etwa 1½ Werst weit) und
brachte zur Freude der Mutter den Krug mit frischem Wasser zurück. Er
wußte es auch selbst, daß man ihn liebte.
„Unser Landgut bestand aus zwei kleinen Dörfern, die 1½ Werst
voneinander lagen. In dem einen, in Darowoje, wohnten wir, das andere
hieß Tschermaschnjä[3], und dorthin gingen wir oft zu Fuß. Fjodor ritt
manchmal hinüber, und erbot sich immer als erster dazu, wenn die Mutter
einen Auftrag zu erteilen hatte.
„Zum Schluß dieser Erinnerungen an unser Landleben möchte ich noch die
Agrafena erwähnen, die das ‚Dummchen‘ genannt wurde. Sie gehörte zu
keiner der Bauernfamilien und trieb sich immer im Freien umher; nur im
Winter, und auch dann nur bei sehr großer Kälte, konnte man sie mit
Gewalt in einer Hütte zurückhalten. Sie war damals 20–25 Jahre alt;
sprach sehr wenig, nur ungern und unverständlich; aus ihrem
zusammenhanglosen Gerede konnte man nur so viel entnehmen, daß sie
beständig mit dem Gedanken an ein kleines Kind umherging, das auf dem
Friedhofe begraben sei. Als ich in den ‚Brüdern Karamasoff‘ die
Geschichte der ‚stinkenden Lisaweta‘ las, fiel mir sofort dieses
Dummchen Agrafena ein.
„Den ersten Unterricht erteilte uns unsere Mutter, und wir alle hatten
ein und dasselbe erste Lesebuch. Es hieß: ‚Hundert und vier heilige
Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament‘. Wenn ich mich nicht
irre, war es eine Übersetzung nach einem deutschen, von Hübner
zusammengestellten Schulbuche. – Dieses Buch war mit einigen schlechten
Steindrucken versehen –, die die Erschaffung der Welt, Adam und Eva im
Paradiese, die Sintflut und andere biblische Geschehnisse darstellten.
Als ich vor nicht langer Zeit, Ende der siebziger Jahre, mit meinem
Bruder Fjodor auf unsere Kindheit zu sprechen kam und u. a. auch dieses
Buch erwähnte, erzählte er mir geradezu begeistert, daß es ihm gelungen
sei, dieses alte Buch, aus dem wir gelernt hatten, wiederzufinden, und
daß er es nun wie ein Heiligtum aufbewahre.
„In jenem ersten Jahre, dessen ich mich gerade noch erinnern kann,
konnten meine Brüder bereits lesen und schreiben und bereiteten sich zum
Eintritt in das Pensionat vor. Damals kamen zwei Lehrer zu uns ins Haus.
Der erste war ein Diakon, der auch am Katharineninstitut unterrichtete.
Bevor er kam, wurde jedesmal der Lhombretisch aufgeklappt, an den wir
vier Kinder uns dann zusammen mit dem Lehrer setzten. Die Mutter saß
immer weiter ab und war mit einer Handarbeit beschäftigt. Ich habe
später viele Religionslehrer gehabt, aber nie wieder einen solchen wie
diesen. Der hatte wirklich, was man so nennt, die Gabe des Wortes, und
während der ganzen Stunde (die noch nach alter Sitte etwa zwei Stunden
dauerte) tat er nichts anderes als erzählen oder, wie bei uns gesagt
wurde, die Heilige Schrift auslegen. Nur wenige Minuten zu Anfang der
Stunde gebrauchte er zum Abfragen der Aufgaben, dann begann er selbst
... von der Sintflut, von Joseph, von der Geburt Christi erzählte er
ganz besonders schön – so daß die Mutter oft die Arbeit aus der Hand
legte, ihm zuhörte und die Augen von dem begeisterten Erzähler nicht
abwenden konnte. Ich darf wohl ohne weiteres behaupten, daß er mit
seinen Erzählungen wie kein anderer unsere Kinderherzen ergriff. Doch
ungeachtet alles dessen verlangte er von uns, daß wir die Aufgaben
buchstäblich auswendig lernten und nicht eine Silbe ausließen. Es tut
mir sehr leid, daß ich mich auf den Namen dieses verehrten Lehrers nicht
mehr besinnen kann.
„Der andere Lehrer, der in dieser Zeit zu uns ins Haus kam, war der
Lehrer der französischen Sprache Suchard, der sich nach der Erfüllung
seiner Bitte an Kaiser Nikolai I., seinen Namen umdrehen und ihm die
Endung off anhängen zu dürfen, Draschussoff nannte, da es sein
glühendster Wunsch war, ein echter Russe zu sein. Zu diesem Draschussoff
fuhren nun meine beiden älteren Brüder, als der Unterricht im Lesen und
Schreiben, in der Religion und der französischen Sprache nicht mehr
genügte, ein ganzes Jahr lang oder noch länger, jeden Morgen als
sogenannte Halbpensionäre und kehrten zum Mittagessen zurück.
Draschussoff hatte eine kleine Vorschule oder ein Pensionat für
auswärtige Schüler, er selbst unterrichtete in der französischen
Sprache, seine zwei erwachsenen Söhne in der Mathematik und in anderen
Fächern. Dagegen gab es an dieser bescheidenen Schule keinen Lehrer der
lateinischen Sprache, und so übernahm denn unser Vater selbst den
Unterricht in diesem Fach. Ich erinnere mich noch des Morgens, an dem er
von der Fahrt zu seinen Patienten in der Stadt eine lateinische
Grammatik mitbrachte und sie den Brüdern übergab. Seit diesem Tage
wurden sie jeden Abend in dieser Sprache unterrichtet. Der Unterschied
zwischen dem Unterricht beim Vater und dem bei den anderen Lehrern
bestand vor allem darin, daß sie bei letzteren die ganze Stunde saßen,
beim Vater dagegen, dessen Unterricht oft über eine Stunde dauerte,
durften sie nicht nur nicht sitzen, sondern nicht einmal sich an den
Tisch stützen. So standen sie denn wie kleine Götzenbilder da, wenn sie,
der eine nach dem anderen, ‚_mensa_, _mensae_‘ usw. deklinierten oder
‚_amo_, _amas_, _amat_‘ konjugierten. Die Brüder fürchteten sich denn
auch sehr vor diesen Stunden. Der Vater war bei all seiner Güte äußerst
anspruchsvoll und sehr ungeduldig, und dazu noch überaus jähzornig.“
(Nach den Aussagen anderer soll der Vater ein finsterer, nervöser,
mißtrauischer Mensch gewesen sein.) „Kaum machte einer von den Brüdern
einen Fehler – da schrie er ihn schon an. Hier muß ich aber bemerken,
daß unsere Eltern, ungeachtet der Heftigkeit des Vaters, uns Kinder sehr
human behandelten; nie sind wir körperlich bestraft worden, und ich kann
mich auch nicht erinnern, daß einer von den älteren Brüdern einmal auf
die Knie befohlen oder in den Winkel gestellt worden wäre. Die größte
Strafe bedeutete für uns eben dieses Aufbrausen des Vaters. So war es
auch in den Lateinstunden: bei dem geringsten Fehler der Brüder ärgerte
er sich, nannte sie Faulpelze, Dummköpfe, und im äußersten Falle warf er
sogar das Buch hin, ohne die Stunde zu beenden, und das war für uns
immer die schlimmste Strafe.
„Diese Humanität unserer Eltern war offenbar auch der Grund, weshalb sie
sich zu ihren Lebzeiten nicht entschließen konnten, uns in ein Gymnasium
zu geben, obgleich das bedeutend weniger gekostet hätte. Die Gymnasien
standen damals in keinem guten Rufe und die Schüler wurden in ihnen für
jedes geringste Vergehen körperlich bestraft. Deshalb zogen die Eltern
eine Privatschule vor, und als die Vorbereitung der Brüder beendet war,
kamen sie zu Anfang des Lehrjahres 1834 in das Pensionat von L. I.
Tschermak, das zu den ältesten Privatlehranstalten Moskaus gehörte und
damals schon seit mindestens zwanzig Jahren bestand. Das Haus lag in der
Neuen Basmannajastraße, neben dem Polizeiamt dieses Reviers. Ich kam
zwar erst später in dieses Pensionat, als meine Brüder es bereits
verlassen hatten, aber da es dort zu ihrer Zeit nicht viel anders
gewesen sein dürfte, will ich kurz die Verhältnisse schildern.
„Die Privatschule von L. I. Tschermak kam dem Ideal einer geschlossenen
Lehranstalt recht nahe. Ihr fehlte nicht der Charakter des Heims, der
Familie. Die Lehrer waren durchweg gute Kräfte, die ausnahmslos von den
staatlichen Schulinspektoren empfohlen waren, und in der letzten Klasse
unterrichteten späterhin sogar Universitätsprofessoren. Der Unterricht
begann täglich um 8 Uhr: die erste Stunde war von 8 bis 10, die zweite
von 10 bis 12; dann kam das Mittagessen. Von 2 bis 4 und von 4 bis 6 gab
es wieder Unterricht. Nach dem Tee hatte man die Aufgaben zu lernen und
um 9 Uhr aß man zu Abend; und dann gingen alle ins Schlafzimmer.
Tschermak war ein schon bejahrter Mann und eigentlich wenig oder gar
nicht gebildet, aber er besaß jenen Takt, der oft den gebildetsten
Schuldirektoren abgeht. Zu Anfang jeder Stunde ging er durch alle
Klassen, und wenn er in einer Klasse den Lehrer noch nicht antraf, blieb
er dort so lange, bis der Lehrer kam, dem er dann mit dem gütigsten
Lächeln die Hand reichte, während er mit der Linken seine Taschenuhr
hervorzog, gleichsam um für sich selbst festzustellen, welche Zeit es
denn sei. Bei solchen Gepflogenheiten tat natürlich ein jeder sein
möglichstes, um nicht zu spät zu kommen. Doch vor allen Dingen war unser
Alter ein Gemütsmensch. Er ging auf alle, auch auf die geringsten
Bedürfnisse der ihm anvertrauten Kinder ein. Wenn ein Schüler sich
ausgezeichnet und eine Vier erhalten hatte (damals war Vier die beste
Note), so rief er ihn ganz ernst zu sich ins Kabinett und händigte ihm
dort ein kleines Bonbon ein. Es kam vor, daß er mit dieser Belohnung
auch Schüler der höheren Klassen auszeichnete, doch niemals machte sich
auch nur einer von ihnen darüber lustig. Wenn jemand von den Pensionären
erkrankte, schickte Tschermak ihn sofort zu seiner Frau: ‚Geh zu Awgusta
Franzowna‘. Die steckte den Erkrankten sogleich ins Bett und sandte
unverzüglich nach dem Hausarzt – damals Doktor W. W. Treiter.“
Andrei Michailowitsch führt auch die Namen einzelner bedeutender Männer
an, die Tschermaks Pensionäre gewesen sind; und auch Fjodor
Michailowitsch hat darauf hingewiesen, daß mehrere namhafte
Persönlichkeiten, u. a. auch Mühlhausen, der nachmalige Rektor der
Moskauer Universität, mit ihm zusammen bei Tschermak Unterricht genommen
haben.
„Also in dieses Pensionat,“ fährt Andrei Michailowitsch fort, „traten
meine Brüder im Jahre 1834 ein. Auch meine älteste Schwester war damals
in einem Mädchenpensionat. An den freien Tagen, die sie zu Hause
verbrachten, mußten sie mich auf Wunsch der Eltern unterrichten: Michail
in Arithmetik und Geographie, Fjodor in Geschichte und Russisch, und
Warwara in der französischen und deutschen Sprache. Schon am Morgen des
letzten Wochentages begann man die Rückkehr der Kinder ins Elternhaus zu
empfinden. Auch die Eltern wurden ein wenig heiterer und zum Mittagessen
wurde noch irgend etwas Besonderes hinzugefügt, kurz, es lag etwas
Feiertägliches in der Luft. Ja, an diesem Tage wurde sogar die ewig
feststehende Tischzeit (12 Uhr) verschoben, denn bis der Wagen hinfuhr,
die Brüder sich zurechtmachten usw. vergingen gute 1½–2 Stunden. (Die
Schwester wurde erst gegen Abend abgeholt.) Doch kaum waren die Brüder
angelangt, da kam schon, noch bevor man sich richtig begrüßt hatte, das
Essen auf den Tisch, und noch bevor sie ihren ersten Hunger gestillt
hatten, begann das Erzählen. Zuerst wurden wahrheitsgetreu alle Noten
gemeldet, die sie im Laufe der Woche erhalten hatten, dann wurde von den
Lehrern erzählt, von den anderen Schülern, von verschiedenen, manchmal
nicht ganz harmlosen Streichen der Kameraden. Darüber verging die Zeit
und die Mahlzeit dauerte bedeutend länger als sonst. Die Eltern hörten
befriedigt zu und schwiegen, indem sie die Kinder sich aussprechen
ließen. Ich kann wohl versichern, daß die Brüder alles mit
vollkommenster Aufrichtigkeit den Eltern erzählten. Aber es kam nie vor,
daß der Vater bei der Gelegenheit den Söhnen Moral gepredigt hätte. Wenn
sie von den Streichen der Kameraden erzählten, sagte er nur hin und
wieder: ‚so ein Schlingel‘, oder ‚so ein Raufbold‘, oder ‚so ein
Taugenichts‘ und ähnliches, doch niemals fügte er hinzu, etwa: ‚Hört!
daß ihr mir nicht dasselbe tut!‘ Ich glaube, mit diesem Verhalten wurde
zu verstehen gegeben, daß der Vater sogar die Möglichkeit für
ausgeschlossen hielt, auch seine Söhne könnten ähnliche Streiche
verüben. Nach Tisch wurde noch ein wenig geplaudert, und dann setzten
sich die Brüder an die Lhombretische und gaben sich ganz der Lektüre der
Bücher hin, die sie regelmäßig aus dem Pensionat mitbrachten. Selten
habe ich gesehen, daß sie sich am Sonnabend oder Sonntag mit dem Lernen
ihrer Aufgaben beschäftigten oder überhaupt ihre Schulbücher mitgenommen
hatten. Später, etwa im Jahre 1836, sprachen sie mit besonderer
Begeisterung von ihrem Lehrer der Literatur und russischen Sprache, der
förmlich ihr Abgott zu sein schien, da sein Name beständig in ihrem
Munde war. Leider kann ich mich auch auf diesen Namen nicht mehr
besinnen.
„Ich habe schon erwähnt, daß bei uns abends, wenn wir uns im Wohnzimmer
versammelten, immer vorgelesen wurde. Die Eltern lasen abwechselnd vor,
und später taten es auch die Brüder, wenn die Eltern müde waren. Es
wurden hauptsächlich Geschichtswerke vorgelesen, wie die ‚Geschichte des
russischen Reiches‘ von Karamsin, desgleichen seine ‚Briefe eines
russischen Reisenden‘; ferner Gedichte von Derschawin, Übersetzungen von
Shukowski, von Puschkin vornehmlich die Erzählungen und noch vieles
andere.“
Nach Fjodor Michailowitschs eigenen Aussagen hat er mit Vorliebe
Reisebeschreibungen gelesen, und unter dem Eindruck solcher Lektüre ist
es alsbald sein Traum, sein glühendster Wunsch gewesen, einmal nach
Venedig zu reisen (wie Iwan Karamasoff), und nach Konstantinopel und
überhaupt nach dem Orient, der sein Vorstellungsvermögen gewaltig
beschäftigte.
„Die älteren Brüder lasen beständig, ja jeden Augenblick ihrer freien
Zeit verbrachten sie mit Lektüre. In Fjodors Händen sah ich am
häufigsten die Romane von Walter Scott, ‚Quentin Durward‘ und
‚Waverley‘, die er trotz der altmodischen und schwerfälligen Übersetzung
immer wieder las. Dasselbe tat er auch mit allen Werken von Puschkin. Ob
er damals auch Gogol schon kannte, vermag ich nicht zu sagen. Aber
Karamsins ‚Geschichte Rußlands‘ lag bei ihm ständig auf dem Tisch: die
konnte er immer wieder lesen, wenn er gerade nichts Neues hatte.
Außerdem brachten die Brüder die bunten kleinen Monatserscheinungen der
‚Lesebibliothek‘ mit nach Hause, die damals zu erscheinen begann. Die
Eltern lasen übrigens diese Bücher nie. Fjodor bevorzugte im allgemeinen
ernste Prosalektüre, im Gegensatz zu Michail, der Poesie liebte und
damals bereits selbst dichtete (womit Fjodor sich nicht abgab). Aber für
Puschkin schwärmten sie beide, und wenn ich nicht irre, konnten sie alle
seine Gedichte auswendig. Puschkin lebte damals noch. Sein Name wurde in
der Literaturgeschichte kaum erwähnt und seine Werke wurden in den
Schulen noch nicht durchgenommen, geschweige denn auswendig gelernt, wie
dies jetzt geschieht. Puschkins Ansehen als Dichter war eben damals viel
geringer als das Ansehen Shukowskis, sogar bei den Literaturhistorikern,
und ebenso natürlich bei unseren Eltern, was von seiten der Brüder,
besonders von Fjodor, mehrfach den lebhaftesten Widerspruch hervorrief.
Ich erinnere mich noch, wie sie damals gleichzeitig jeder ein Gedicht
auswendig lernten: Michail die Shukowskische Übersetzung des ‚Grafen von
Habsburg‘ und Fjodor – gleichsam als Gegenstück – Puschkins Ballade
‚Oleggs Tod‘. Als sie die Gedichte den Eltern vorgetragen hatten, gaben
diese dem ersteren den Vorzug, gewiß nur deshalb, weil es von Shukowski
war. Unsere Mutter hatte übrigens seitdem eine besondere Vorliebe für
diese beiden Gedichte, und oft bat sie die Brüder, sie vorzutragen;
sogar während ihrer letzten Krankheit, als sie schon ganz zu Bett lag
(sie starb an der Schwindsucht) hörte sie ihnen immer noch mit Genuß zu.
„Die Brüder pflegten überhaupt keinen Verkehr, auch nicht mit ihren
Schulkameraden. Nur einmal besuchte ein Klassenkamerad, ein gewisser
Kudrjäwzoff, meinen Bruder Michail, worauf diesem erlaubt ward, den
Besuch zu erwidern, doch damit war auch dieser Verkehr abgetan. Nur
Wanitschka Umnoff, der Sohn einer Bekannten unserer Eltern, kam hin und
wieder zu uns, aber der war Gymnasiast und etwas älter als meine Brüder.
Von ihm hörten sie einmal eine Satire von Wojeikoff[4] auf die
literarischen Größen der Zeit, ‚Das Irrenhaus‘, ein Spottgedicht, das
damals nur in Abschriften verbreitet war und das Wanitschka Umnoff
auswendig gelernt hatte. Doch als die Brüder es gleichfalls auswendig
konnten und dem Vater vortrugen, mißfiel es diesem sehr: zunächst hielt
er es für einen Gymnasiastenstreich, doch selbst als man ihn überzeugte,
daß der Dichter Wojeikoff es verfaßt habe, erklärte er dennoch, daß es
unanständig sei, weil es beleidigende Ausdrücke gegen anerkannte
literarische Größen enthielt, besonders gegen Shukowski.“
Der Grund, weshalb sie mit keinem ihrer Mitschüler verkehrten, ist wohl
allem Anscheine nach in dem anspruchsvollen Mißtrauen der Eltern,
namentlich des Vaters, zu suchen, der in einer so wichtigen Sache, wie
es die Wahl von Freunden ist, offenbar nicht wählerisch genug sein
konnte. Fjodor Michailowitsch aber hat selbst mehrfach erzählt, daß er
beständig das Verlangen nach Freunden gehabt habe, doch infolge seiner
überaus großen Empfindlichkeit sei es ihm nicht gegeben gewesen,
Freundschaft zu pflegen. Es ist anzunehmen, daß seine Feinfühligkeit die
unter Jungen üblichen derben Späße nicht ertrug. Dafür hat er, wie einer
seiner Mitschüler sich erinnert, immer andere, besonders Neulinge, gegen
die gleichfalls in allen Schulen üblichen Anrempelungen oder rüden
Ausfälle der älteren Schüler verteidigt.
„Unser Vater,“ berichtet Andrei Michailowitsch weiter, „war von größter
Achtsamkeit in der Aufsicht über die Sittlichkeit seiner Kinder,
besonders als die älteren Brüder zu Jünglingen heranzuwachsen begannen.
Ich erinnere mich nicht, daß meine Brüder auch nur einmal allein
irgendwohin ausgegangen wären; der Vater hielt das für unpassend,
obgleich Michail schon fast 17, Fjodor fast 16 Jahre alt war. Aus dem
Pensionat wurden sie immer mit dem Wagen abgeholt und ebenso wieder
dorthin gebracht. Unsere Eltern waren keineswegs geizig – eher sogar
freigebig –, aber es galt offenbar nach damaligen Begriffen für
unpassend, daß Jünglinge ihr eigenes Taschengeld hatten, und wenn es
auch noch so wenig gewesen wäre. Ich erinnere mich nicht, daß meine
Brüder auch nur etwas Kleingeld zu ihrer Verfügung gehabt hätten;
wahrscheinlich lernten sie erst in Petersburg den Wert des Geldes
kennen, als der Vater sie dort allein zurückließ. Ich habe bereits
erwähnt, daß der Vater es nicht liebte, uns Moral zu predigen, aber wie
mir jetzt scheint, hatte er in der Beziehung doch eine kleine Schwäche:
er wiederholte nämlich ziemlich oft, daß er arm sei, daß seine Kinder,
besonders die Söhne, sich darauf vorbereiten müßten, sich selbst ihren
Weg zu bahnen, daß sie nach seinem Tode mittellos dastehen würden, und
dergleichen mehr. All das zeichnete ein düsteres Bild! – Ich erinnere
mich auch noch anderer Worte meines Vaters, die gleichfalls keine
Predigt, sondern eher eine Warnung waren. Wie ich schon gesagt habe, war
Fjodor überaus hitzig; seine Überzeugungen verteidigte er stets mit
großer Heftigkeit, und überhaupt war er in seinen Äußerungen sehr
scharf. In solchen Fällen hörte ich den Vater oft sagen: ‚Ei, Fedjä,
zügele dich, nimm dich in Acht, so kannst du noch übel anlaufen ...
wirst noch unter die rote Mütze kommen!‘“ (d. h. zum gemeinen Soldaten
degradiert werden).
„Unser Priester am Krankenhause hatte zwei schon erwachsene Söhne, die
nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande auch unseren Eltern ihren Besuch
machten. Sie hatten sich als Studenten besonders ausgezeichnet und die
Reise ins Ausland auf Staatskosten gemacht; sie sind später bekannte
Professoren der Rechtswissenschaft geworden. Damals sagte unser Vater
oft genug: ‚Wenn doch auch ich es noch erleben würde, daß meine Söhne
sich so auszeichneten!‘
„Zum Schluß möchte ich noch wiedergeben, welcher Meinung mein Bruder
Fjodor Michailowitsch von unseren Eltern war. Er äußerte sie vor nicht
langer Zeit – Ende der siebziger Jahre. Ich kam auf unsere Kindheit zu
sprechen und erwähnte den Vater. Da ergriff mein Bruder plötzlich
lebhaft meinen Arm oberhalb des Ellenbogens (das war so seine
Angewohnheit, wenn er beim Sprechen seine Seele zu öffnen begann) und
sagte mit Inbrunst: ‚Ja, weißt du auch, Bruder, das waren doch die
vorbildlichsten Menschen, die Fortgeschrittensten, ja, selbst heute noch
wären sie die Fortgeschrittensten! ... Und solche Mustereltern, solche
Väter könnten wir, Bruder, nie sein!‘
„Im Herbst des Jahres 1836 erkrankte unsere Mutter. Die Zeit ihrer
Krankheit war die traurigste unserer Kindheit. Sie wurde von vielen und
sogar berühmten Ärzten behandelt, die alle ihrem Kollegen bereitwilligst
beistanden, aber der Ausgang der Krankheit war unvermeidlich, und so
verloren wir denn unsere Mutter am 27. Februar 1837.
„Nach ihrem Tode begann der Vater ernsthaft daran zu denken, seine
beiden ältesten Söhne nach Petersburg zu bringen (wo er selbst noch nie
gewesen war), um sie dort in die Ingenieurschule zu geben. Übrigens
hatte er schon viel früher durch den Chefarzt des Marienhospitals, Dr.
A. Richter, das Gesuch um Aufnahme seiner Söhne auf Staatskosten in
dieses Institut eingereicht, und die Antwort, die sehr günstig lautete,
war noch zu Lebzeiten der Mutter eingetroffen, so daß schon damals die
Reise nach Petersburg beschlossen worden war.“
Inzwischen war Puschkin gestorben, der Dichter, den die Jünglinge so
leidenschaftlich liebten – und selbständig liebten, nicht nach dem
Beispiel älterer Leute.
„Ich weiß nicht,“ erzählt Andrei Michailowitsch, „infolge welcher
Umstände wir erst nach der Beerdigung der Mutter von seinem Tode
erfuhren. Vielleicht weil wir unser eigenes Leid hatten und die ganze
Familie beständig zu Hause war. Als meine Brüder von seinem Tode
erfuhren und noch alle schrecklichen Einzelheiten[5] hörten, glaubten
sie, den Verstand zu verlieren. Fjodor sagte mehrmals in seinen
Gesprächen mit Michail, daß er, wenn wir nicht schon Familientrauer
hätten, den Vater bitten würde, um Puschkin Trauer tragen zu dürfen.
Damals kannten wir Lermontoffs Gedicht auf Puschkins Tod noch nicht,
aber es gab ein anderes von einem unbekannten Verfasser – das
deklamierten meine Brüder in ihrem Schmerz so oft, daß ich es noch
heute, nach 45 Jahren, lückenlos auswendig kann.
„Die geplante Reise nach Petersburg hätte beinahe eine Verzögerung
erfahren, da Fjodor Michailowitsch plötzlich erkrankte.“ – Wie man
seiner Witwe in Moskau erzählt hat, sei die Schwester der verstorbenen
Mutter, Frau A. Kumanina (F. M. hing mit besonderer Liebe an dieser
Tante und ihrem Mann), mit beiden Jünglingen zur Sergiuskirche gefahren,
um dort vor der Reise noch zu beten, unterwegs aber hätten ihr die
beiden Neffen die ganze Zeit Gedichte vorgetragen – vielleicht haben wir
hier einen Hinweis auf die Ursache der Heiserkeit, von der der Bruder
spricht und die vielleicht nur eine Erkältung war?
„Es stellte sich bei Fjodor nämlich ganz plötzlich und ohne jede
erklärliche Ursache eine Halskrankheit ein: er verlor fast ganz die
Stimme und konnte nur mit Mühe flüsternd sprechen, so daß er schwer zu
verstehen war. Man versuchte es mit allen Mitteln, doch keines half – es
wurde bald besser, bald wieder schlechter – bis schließlich andere Ärzte
dem Vater rieten, die Reise dennoch anzutreten, da die Luftveränderung
in der schönen Jahreszeit nur gut wirken könne. Und so geschah es auch.
Trotzdem scheint es mir, daß mein Bruder sein Leben lang die Folgen
dieser Erkrankung nicht ganz losgeworden ist. Wer sich seiner Art zu
sprechen erinnert, wird zugeben, daß seine Stimme nicht ganz natürlich
klang, – sie kam sozusagen mehr aus der Brust, als dies bei anderen
Menschen der Fall ist.
„Der Vater hatte die Absicht, nach seiner Rückkehr aus Petersburg auf
sein Landgut überzusiedeln (er hatte bereits sein Abschiedsgesuch
eingereicht). Endlich kam der Tag der Abreise. Der Geistliche des
Marienhospitals, Vater Joann Barscheff, las das Gebet, dann setzten sich
der Vater und die Brüder in die Postkutsche (sie fuhren mit Postpferden
und wechselnden Fuhrleuten) und traten die Reise nach Petersburg an. Von
einem Erlebnis während dieser Reise hat mein Bruder Fjodor 40 Jahre
später in seinem ‚Tagebuch eines Schriftstellers‘[6] erzählt (die
Begegnung mit einem Feldjäger), und bei der Gelegenheit, wenn auch nur
kurz, so doch sehr dichterisch, seine und seines Bruders Stimmung
während der Reise geschildert.“
Soweit die Erinnerungen Andrei Michailowitsch Dostojewskis.
* * * * *
In Petersburg kamen die beiden Brüder zunächst in das Pensionat
von K. F. Kostomaroff, der sie zum Eintritt in die höhere
Militär-Ingenieurschule vorbereiten sollte. Aus diesem
Vorbereitungspensionat schrieben Fjodor und Michail am 23. Juli 1837 an
den Vater, daß Kostomaroff von ihnen mehr erwarte, als von den übrigen
acht Schülern, die er mit ihnen zusammen vorbereitete, und daß sie nun
bald anfangen würden, Frontübungen zu machen – die seien sehr wichtig.
Aber wie beschäftigt sie mit den eigenen Vorbereitungen auch waren, sie
vergaßen nicht, „Schwesterchen Warjä“ daran zu erinnern, daß sie
Karamsins „Russische Geschichte“ lesen solle und „Bruder Andrjuscha“ das
wiederholen müsse, was er manchmal schlecht gelernt hatte. Zum Schluß
erwähnten sie noch, daß sie mit Schidlowski (ihrem Mitschüler aus dem
Pensionat Tschermak, den der Vater kannte) soeben eine Stunde in der
Kasanschen Kirche verbracht hätten – „das wollten wir schon lange,
besonders vor dem Examen“.
Nach den Aussagen Dr. Riesenkampfs hatte der Vater, als er beschloß,
seine Söhne in diese Ingenieurschule zu geben, u. a. auch auf seinen
Verwandten, den Generalleutnant Kriwopischin gerechnet, der im
Armee-Inspektorat eine wichtige Stellung einnahm. Doch die Pläne des
Vaters zerstörte zum Teil das ärztliche Gutachten, das der Chefarzt der
Ingenieurschule, Dr. Wolkenau, ausstellte: er erklärte nämlich den
völlig gesunden älteren Bruder für schwindsüchtig und den kränklichen
jüngeren für gesund. Infolgedessen wurde Michail Michailowitsch nicht
aufgenommen. Er begab sich im Juni 1838 nach Reval, um dort als
Konduktor[7] in die Sappeur-Kompagnie einzutreten. So wurden denn die
Brüder ganz unerwartet getrennt. Nun konnte Fjodor Michailowitsch sich
über seine eigene Aufnahme in die höhere Militär-Ingenieurschule wohl
nur insofern freuen, als durch sie der Wunsch des Vaters wenigstens zur
Hälfte in Erfüllung ging; denn an sich dürfte dieses Institut – mit dem
vielen Mathematikunterricht, dem Zeichnen und dem Frontdienst – ihm, der
von Dichtungen träumte, keineswegs verlockend erschienen sein. Der Vater
hatte sich für diese Laufbahn entschieden, weil sie so günstige
Aussichten für weiteres Fortkommen bot, was für ihn, der nur über
beschränkte Mittel verfügte, begreiflicherweise sehr ins Gewicht fallen
mußte. Allein man darf hierbei doch nicht außer acht lassen, daß dieses
Petersburger Ingenieurinstitut sich hinsichtlich seines
wissenschaftlichen Wertes sehr vorteilhaft von allen ähnlichen
Militärinstituten unterschied. Vor allem stand die Wissenschaft dort in
einem ganz anderen Ansehen und auch die Aufnahme der Schüler hing nicht
nur von ihrer Herkunft ab, sondern davon, ob sie das Examen bestanden.
Dennoch ist es verständlich, daß für eine Veranlagung, wie sie F. M.
Dostojewski mitbrachte, die dort gebotene geistige Weiterbildung nicht
genügte, während der andere größere Teil des Unterrichts ihm geradezu
eine Plage war – so auch der Frontdienst und das Lagerleben.
* * * * *
Ein Bild von seinem Leben in den nun folgenden Jahren geben uns außer
seinen Briefen an den Vater und den Bruder und seinen in späteren Jahren
gelegentlich niedergeschriebenen Erinnerungen an einzelne Erlebnisse vor
allem die Aufzeichnungen ihm damals nahestehender Menschen[8].
* * * * *
Ein Brief an seinen Vater vom 10. Mai – er dürfte im Jahre 1838
geschrieben worden sein, nachdem der Vater die beiden Brüder im Frühjahr
1837 nach Petersburg gebracht hatte und Fjodor Michailowitsch am 16.
Januar 1838 in die Ingenieurschule eingetreten war – zeichnet uns seine
materielle Lage, die ihn zwingt, den Vater um eine kleine Beihilfe zu
bitten.
„Mein lieber, guter Vater,“ schreibt er, „können Sie denn wirklich
denken, daß Ihr Sohn zu viel verlangt, wenn er Sie um eine Unterstützung
angeht? ... Wäre ich frei und selbständig, so hätte ich auch nicht eine
Kopeke verlangt; ich hätte mich selbst an die bitterste Not gewöhnt ...
Jetzt bitte ich Sie, lieber Papa, zu berücksichtigen, daß ich im wahren
Sinne des Wortes _diene_ ...“ Offenbar hatte der Vater angenommen, sein
Sohn werde als Zögling der Krone von dieser auch mit allem versorgt; das
war aber nicht der Fall. Das Notwendigste, fügt der Sohn hinzu, das
jeder Zögling in ihrem Lager brauche, würde ihm alles in allem 40 Rubel
kosten, – „ich will aber Ihre Notlage,“ schreibt er dem Vater zum
Schluß, „berücksichtigen und gänzlich auf Tee verzichten.“ ... Am 9.
August desselben Jahres schreibt er an den Bruder nach Reval: „... Nun,
Bruder, Du klagst über Deine Armut. Auch ich bin nicht reich. Du wirst
mir wohl gar nicht glauben wollen, daß ich beim Auszug aus dem Lager
nicht eine Kopeke hatte; unterwegs habe ich mich erkältet (es regnete
den ganzen Tag und wir waren ohne Obdach), bin auch vor Hunger erkrankt,
und hatte dabei kein Geld, um mir die Kehle mit einem Schluck Tee
anzufeuchten. Ich habe mich später erholt, litt aber im Lager die
bitterste Not, bis endlich das Geld von Papa kam“ (am 20. Juli – sein
Brief vom 10. Mai hatte den Vater erst auf Umwegen erreicht). „Ich
zahlte meine Schulden und verbrauchte den Rest. Doch die Schilderung
Deiner Lage übersteigt alles. Kann man denn wirklich nicht einmal 5
Kopeken besitzen, sich von Gott weiß was ernähren und nur mit lüsternen
Augen die ganze Süße der herrlichen Beeren kosten, die du doch so gern
ißt! Wie leid Du mir tust!“ Dieser Brief zeugt auch sonst von einer
trüben Stimmung. „Ich weiß nicht, ob meine traurigen Ideen je verstummen
werden ... Unsere Erde erscheint mir als ein Fegefeuer für himmlische
Geister, die vom sündigen Gedanken umnebelt sind ... Mir scheint, unsere
Welt hat einen negativen Sinn bekommen und aus einer hohen, vornehmen,
Geistigkeit ward eine Satire.“ Ja, in demselben Brief schimmert aus
einer mystischen Unklarheit sogar der Gedanke an Selbstmord hervor, der
natürlich auf literarischem Wege entstanden sein wird: „... nur die
rauhe Hülle zu sehen, unter der das Weltall sich quält, zu wissen, daß
eine einzige Explosion des Willens genügt, um diese Hülle zu sprengen
und sich in die Ewigkeit zu ergießen, eins mit ihr zu werden, dies alles
zu wissen und dabei wie die letzte der Kreaturen zu sein ...
Schrecklich! Wie kleinmütig ist der Mensch! Hamlet! Hamlet!“ Nach
Shakespeare erwähnt er Pascal: „Pascal hat einmal gesagt: ‚Wer gegen die
Philosophie protestiert, der ist selbst ein Philosoph.‘ Arme
Philosophie!“ ruft Dostojewski aus – den übrigens in dieser Zeit auch
der Glaube nicht vollkommen befriedigt. Der Brief schließt mit einer
Aufzählung der Bücher, die er im Lager gelesen hat: „... den ganzen
Hoffmann russisch und deutsch (d. h. den noch nicht übersetzten Kater
Murr) und fast den ganzen Balzac. (Balzac ist groß! Seine Charaktere
sind Schöpfungen des Weltgehirns! Nicht der Zeitgeist, sondern ganze
Jahrtausende haben mit ihrem Ringen eine solche Lösung in der Seele des
Menschen vorbereitet.) Ferner Goethes Faust, seine kleineren Gedichte.
Polevojs Geschichte, Ugolino und Undine ... schließlich Victor Hugo
(außer Cromwell ...).“ Und am Rande hat dieser Brief noch eine
Nachschrift, die mit dem Ton des ganzen übereinstimmt: „Ich habe ein
Projekt: mich verrückt zu stellen ... Mögen die Leute sich nur ärgern,
mögen sie versuchen, mich wieder vernünftig zu machen. Wenn Du den
ganzen Hoffmann gelesen hast, so kannst Du Dich gewiß an Alban erinnern,
wie gefällt er Dir? Es ist schrecklich, einen Menschen zu sehen, der das
Unfaßbare in seiner Macht hat, der nicht weiß, was tun, und mit einem
Spielzeug spielt, welches – Gott ist!“
Doch eine solche Hingabe an literarische Lektüre hatte zunächst zur
Folge, daß Dostojewski nicht versetzt wurde und noch ein ganzes Jahr in
derselben Klasse bleiben mußte. Das tat ihm, wie er dem Bruder schreibt,
besonders des Vaters wegen bitter leid.[9] In eben diesem Brief vom 31.
Oktober 1838, in dem er, nach dem Ausbruch seines Ärgers über dieses
Unglück, auf die Philosophie des Bruders ausführlich eingeht, schreibt
er am Rande die kennzeichnende Bemerkung über den Vater: „... Aber weißt
Du auch? Papachen kennt ja die Welt überhaupt nicht. Hat 50 Jahre in ihr
gelebt und ist bei derselben Meinung von den Menschen geblieben, die er
vor dreißig Jahren hatte. Glückliche Ahnungslosigkeit. Aber er ist doch
sehr enttäuscht, von ihr. Das ist, glaube ich, unser gemeinsames Los.“
Im November dieses Jahres (1838) kam A. E. Riesenkampf, der in Reval
Michail Michailowitsch kennen gelernt hatte, nach Petersburg, um hier in
die Medizinisch-Chirurgische Akademie einzutreten. Michail
Michailowitsch hatte ihn gebeten, seinem Bruder einen Brief zu
überbringen. Bei dieser Gelegenheit lernte Riesenkampf Fjodor
Michailowitsch kennen. Das Folgende entnehmen wir seinen Aufzeichnungen
über seine Bekanntschaft mit F. M. Dostojewski.
„Im Empfangssaal des Ingenieur-Palais verbrachten wir damals (bei der
ersten Begegnung) einige unvergeßliche Stunden. Dostojewski trug mir mit
dem ihm eigenen hinreißenden Temperament Puschkins ‚Ägyptische Nächte‘
vor, Shukowskis ‚Baron von Smalholm‘ u. a., erzählte mir von seinen
eigenen literarischen Versuchen, und bedauerte nur, daß die im Institut
eingeführte strenge Zucht ihm nicht erlaubte, auszugehen. Doch mich
hinderte nichts, ihn an den Sonntagvormittagen zu besuchen. Außerdem
trafen wir uns an den Freitagen in der Turnanstalt des Schweden de Ron,
die sich in einem der Pavillons des Ingenieurpalais befand.“
Das Äußere Fjodor Michailowitschs schildert Dr. Riesenkampf
folgendermaßen:
„... ziemlich rundlich, blond, mit einem rundlichen Gesicht und einer
etwas aufgestülpten Nase ... Seine hellkastanienfarbenen Haare waren
kurz geschoren; unter der hohen Stirn und den undichten Augenbrauen
verbargen sich nicht große, ziemlich tiefliegende graue Augen[10]; die
Wangen waren blaß und hatten Sommersprossen; die Gesichtsfarbe war
krankhaft, erdfarben, die Lippen etwas wulstig. Er war bedeutend
lebhafter, beweglicher, hitziger als sein gemessener Bruder ... Er
liebte die Poesie leidenschaftlich, aber er selbst schrieb nur in Prosa,
da er zur Durchbildung der Form keine Geduld hatte ... Die Gedanken
entstanden in seinem Kopf gleich den Spritzern in einem Wasserstrudel
... Sein angeborener wundervoller Vortrag überschritt oft die Grenzen
der künstlerischen Selbstbeherrschung.“
Über die Zeit, die Fjodor Michailowitsch in der Ingenieurschule
verbrachte (1838–1841), hat uns A. I. Ssaweljeff, der in diesen Jahren
als Offizier vom Dienst die Zöglinge des Instituts täglich zu beobachten
Gelegenheit hatte, seine ausführlichen Aufzeichnungen zur Verfügung
gestellt.
„Im Jahre 1838,“ so berichtet A. I. Ssaweljeff, „bildete die sogenannte
Konduktorenkompagnie der Ingenieurschule ihrer inneren Einrichtung nach
durchaus eine Welt für sich. Es war das eine Korporation junger Leute
von 14 bis 18 Jahren und darüber, die ihre eigenen Überlieferungen,
Regeln und Sitten hatte. Die jungen Leute galten als im Militärdienst
stehend und hatten bei ihrem Eintritt den Treueid zu leisten. Die
Mehrzahl von ihnen hatte im Elternhause eine gute Erziehung erhalten,
einzelne besaßen sogar schon Hochschulbildung. Jedenfalls beobachteten
sie durchaus die Formen der guten Gesellschaft, liebten das Institut und
waren stolz auf den Titel Konduktor – manche bisweilen allerdings in
einem Grade, der die Grenze der Schicklichkeit wie die der Vernunft
überstieg.
„In dieser kleinen Welt für sich hielt man ganz besonders auf Anstand,
Ehre, Uneigennützigkeit, Achtung der Persönlichkeit und andere
Eigenschaften eines Menschen, der sich seiner moralischen Rechte und
Pflichten bewußt ist ...“
Die Schilderung des Verhältnisses zwischen den höheren und niedrigeren
Klassen – die Jüngeren waren den Älteren unbedingten Gehorsam schuldig –
schließt A. I. Ssaweljeff mit der Bemerkung, daß Dostojewski im ersten
Jahre wohl gleichfalls die unangenehme Seite dieses Verhältnisses kennen
gelernt habe, da mit keinem Neuling eine Ausnahme gemacht wurde.
„... Ich hatte oft Gelegenheit,“ berichtet er, „F. M. Dostojewski zu
beobachten. Wenn er nicht allein war, so war er mit keinem anderen
zusammen als mit dem Konduktor der höheren Klasse Iwan Bereshetzki. Ich
habe nie gesehen, daß diese beiden jungen Leute an den Lieblingsspielen
der Kameraden teilnahmen, oder gar an deren Streichen. In die Tanzstunde
gingen sie nie ... Häufig blieben sie unter dem Vorwande, sich nicht
wohl zu fühlen, entweder beim Tischchen am Bett sitzen und lasen, oder
sie spazierten zusammen durch die Schlafräume. Dabei gehörte
Bereshetzki, der ein Jahr früher eingetreten war, schon zu den ‚Alten‘.
Überdies war sowohl zwischen ihren Charakteren wie zwischen ihrer
häuslichen Erziehung ein großer Unterschied: Bereshetzki galt für
wohlhabend, verfügte über reiche Mittel, hatte ein gesellschaftlich
geschultes Auftreten, gab viel auf gewählte Kleidung, und besonders
auffallend war seine Liebenswürdigkeit im Verkehr mit anderen. F. M.
Dostojewski dagegen war der Sohn eines armen Stabsmedicus, ein Jüngling
mit guter wissenschaftlicher Bildung, mit einem festen Charakter und dem
Gefühl der eigenen Würde. Er hielt sich sehr fern von den Vorgesetzten
und den älteren Kameraden, scheute jedoch keineswegs jene, die ihn,
obschon sie seine Vorgesetzten waren, nicht ihre Macht über ihn und
seinesgleichen fühlen ließen, und besonders freundlich war er zu jenen,
die ihrer Stellung gemäß im Institut weder etwas zu sagen hatten, noch
unter jemandes Schutz standen. Nach den Äußerungen einzelner seiner
Kameraden erschien ihnen Fjodor Michailowitsch als Mystiker oder
Idealist. Er fügte sich ohne zu murren allen Anforderungen des
militärischen Dienstes, obwohl er gar keine Neigung dazu hatte. Von
Natur eigenartig, doch nicht eigenwillig, gehörte er zu jenen seltenen
Menschen, die sich mit den Gedanken und Handlungen der Gesellschaft,
falls diese ihren eigenen Überzeugungen widersprechen, nicht leicht
aussöhnen. Menschen dieses Schlages sind durch nichts unterzukriegen,
selbst wenn ihnen ihre Hartnäckigkeit noch so teuer zu stehen kommt.“
Im Anschluß an diese Ausführungen A. I. Ssaweljeffs sei hier ein Auszug
aus einem Brief Fjodor Michailowitschs an seinen Bruder angeführt.
In diesem Brief (vom 1. Januar 1840) schreibt er außer von seinem
Freunde Schidlowski[11] noch von einem anderen Freunde: „Ich hatte
damals an meiner Seite einen Freund, einen Menschen, den ich so liebte.“
Mit diesem Freunde dürfte jener Bereshetzki gemeint sein, den Ssaweljeff
in seinen Aufzeichnungen erwähnt. „Du schriebst mir, Bruder,“ fährt
Fjodor Michailowitsch in seinem Briefe fort, „ich hätte Schiller nicht
gelesen. Du irrst! Ich habe ihn auswendig gelernt, habe in seiner
Sprache gesprochen und in seinen Bildern geträumt; ich glaube, es war
wohl ein besonders gütiges Geschick, das mir die Bekanntschaft mit
diesem großen Dichter gerade zu jenem Zeitpunkt meines Lebens
verschaffte; nie hätte ich Schiller besser kennen lernen können, als
gerade in jenen Tagen. Während ich mit _ihm_“ – gemeint ist offenbar
Bereshetzki – „Schiller las, prüfte ich an ihm den edlen, feurigen Don
Carlos nach, den Marquis Posa und Mortimer. Diese Freundschaft hat mir
viel sowohl Leid wie Genuß gebracht! Jetzt will ich ewig davon
schweigen; doch der Name Schiller ist mir seitdem etwas Verwandtes, ist
nun gleichsam ein Zauberton, der so viele Träume wachruft; sie sind
bitter, Bruder. Nur aus diesem Grunde habe ich in meinen Briefen von
Schiller, von den Eindrücken, die er auf mich gemacht hat, nie
gesprochen; ich fühle Schmerz, wenn ich nur den Namen Schiller höre.“ In
demselben Briefe ist auch ihr Vormund erwähnt. Inzwischen, 1839, war
nämlich ihr Vater, Michail Andrejewitsch Dostojewski, gestorben, und zum
Vormund der Kinder war der Mann der ältesten Tochter, Herr Karepin,
gewählt worden. Der Tod des Vaters wird natürlich einen besonderen
Briefwechsel zwischen den Brüdern veranlaßt haben, doch leider ist von
ihren Briefen zwischen dem 31. Oktober 1838 und 1. Januar 1840 kein
einziger erhalten ... Was jedoch die vorliegenden Briefe betrifft, so
wird wohl niemand bestreiten können, daß sie von einer großen
literarischen Belesenheit und einer _Bildung_ zeugen, wie sie nicht
jeder besitzt, der ein Universitätsstudium beendet hat.
Es ist nicht anzunehmen, daß in dem Freundschaftsverhältnis zwischen
Bereshetzki und Dostojewski ersterer den „Beschützer“ gespielt hat, da
er zu den „Alten“ gehörte. Bereshetzki hatte gar keinen Einfluß auf die
übrigen Kameraden, und Dostojewski wurde als „Sonderling“ bald von allen
in Ruhe gelassen. Ja, wie A. I. Ssaweljeff berichtet, hat Bereshetzki
selbst unter dem Einfluß Dostojewskis gestanden, hat sich nach ihm
gerichtet und ihm gehorcht, wie ein ergebener Schüler seinem Lehrer.
„Im Jahre 1840 wurde Bereshetzki zum Leutnant befördert und kam in die
untere Offiziersklasse (jetzt Ingenieurakademie), Dostojewski aber
verblieb in der Konduktorenkompagnie und wurde in die höhere Klasse
versetzt. Auch da schloß er sich keiner der Parteien an und blieb nach
wie vor der unerschütterliche und schweigsame Jüngling, der von den
Kameraden nie zu einer Beteiligung an gleichviel welch einer
‚gemeinsamen Sache‘ zu bewegen war. Vielleicht hatte er unter den
Kameraden auch Feinde, denen gerade das an ihm nicht gefallen mochte,
daß er sich so ferne von ihnen hielt und sich immer nur seiner Phantasie
hingab. Auch während dieses Jahres in der höheren Klasse sah man ihn
gewöhnlich allein – entweder an seinem Tischchen sitzend, lesend oder
sonstwie beschäftigt, oder man sah ihn durch die Räume schlendern, immer
mit gesenktem Kopfe, die Hände auf dem Rücken.“
Ende des Jahres 1840 sahen sich die Brüder in Petersburg, wohin der
ältere gekommen war, um sein Examen abzulegen, worauf er im Januar 1841
zum Fähnrich der Feldingenieure befördert wurde. Am Abend vor seiner
Rückreise nach Reval (am 17. Februar) lud Michail Michailowitsch, wie
Dr. Riesenkampf berichtet, seine Freunde zu einem Abschiedsfest ein.
Natürlich war auch Fjodor Michailowitsch zugegen, und er las Abschnitte
aus seinen zwei dramatischen Entwürfen vor (zu denen ihn offenbar die
Lektüre von Schiller und Puschkin inspiriert hatte). Die Dramen hießen
„Maria Stuart“ und „Boris Godunoff“. Mit dem ersteren Stoffe hat sich
Fjodor Michailowitsch, wie Dr. Riesenkampf bezeugt, auch noch im Jahre
1842 eifrig befaßt, als die deutsche Tragödin Lilly Loewe in der Rolle
der Maria Stuart einen starken Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er wollte
dieses tragische Thema, zu dem er eine neue Anregung durch die
Schauspielerin empfangen haben mag, nach seiner Auffassung bearbeiten,
weshalb er sich zunächst an ein sorgfältiges Lesen der historischen
Quellen machte. Wo diese Entwürfe schließlich geblieben sind, ist
unbekannt.
In einem Briefe vom 27. Februar 1841 kommt Fjodor Michailowitsch auf die
Absicht des Bruders zu sprechen, nach seiner Beförderung zum Offizier
die Revalenserin Fräulein Emilie Dietmar zu heiraten. Diese Wahl sagte
jedoch dem Vormunde der Brüder, dem Generalleutnant Kriwopischin (jener
Verwandte, auf den der alte Dostojewski so sehr gehofft hatte),
keineswegs zu, und er weigerte sich wegen dieses Ungehorsams, dem
älteren Bruder die jedem von ihnen nach der Beförderung zum Offizier
jährlich zustehenden 4000 Papierrubel auszuzahlen. In diesem Brief klagt
Fjodor Michailowitsch über das viele Lernen: „Ich sitze auch an den
Feiertagen über den Büchern, und dabei ist es schon bald März, – draußen
Frühling, es taut, die Sonne ist wärmer, heller, es weht von Süden –
eine wahre Wonne! Doch was hilft’s! Es ist auch nicht mehr viel zu
lernen.“ Der Schluß des Briefes zeugt von glühender Ungeduld: „schneller
zum Ziel, schneller in die Freiheit! Freiheit und Beruf sind eine große
Sache. Mir träumt davon, und ich träume davon wieder wie früher, ich
weiß nicht wann. Es weitet einem gleichsam die Seele und läßt uns die
ganze Größe des Lebens erfassen.“
* * * * *
Kehren wir jetzt zu den Erinnerungen A. I. Ssaweljeffs an diese Zeit
zurück.
„Im Jahre 1841 stand Fjodor Michailowitsch bereits im letzten Semester.
Wie früher war er nachdenklich, ja, fast kann man sagen, griesgrämig,
verschlossen – so schloß er sich selten einem seiner Kameraden an, wenn
er sie auch nicht gerade mied, ja ihnen sogar oft seine Nachschriften
lieh, die er während der Vorlesungen machte; auch kam es häufig vor, daß
er ihnen die russischen Aufsätze schrieb. Doch nie sah man ihn müßig
oder lustig. Der von ihm bevorzugte Arbeitsplatz war die Fensternische
des runden Schlafzimmers, der sogenannten Rotunde: es war das ein
Eckzimmer, dessen Fenster auf den Fontankakanal hinausgingen. Auf diesem
von den anderen Tischen abgesonderten Platze konnte man F. M.
Dostojewski beständig sitzen und mit irgend etwas beschäftigt sehen;
manchmal nahm er offenbar nichts von alledem wahr, was um ihn herum
geschah. Zu gewissen Stunden stellten sich seine Kameraden in Reih’ und
Glied auf, z. B. wenn sie sich zum Essen begaben, und gingen durch das
runde Eckzimmer in den Speisesaal, um dann mit Lärm in den Erholungsraum
zurückzuströmen, oder zum Gebet in den Saal, oder um sich in die
Schlafsäle zu verteilen. Dostojewski räumte immer erst dann seine Bücher
und Hefte in das Schubfach des Tischchens, wenn der Trommler, der die
Abendtrommel schlug, ihn bei seinem Gang durch die Räume zur Beendigung
seiner Beschäftigung nötigte. Es kam aber auch vor, daß man Dostojewski
in tiefer Nacht an demselben Tischchen bei der Arbeit antraf. Er saß
dann im Hemd, die Bettdecke umgenommen, und spürte offenbar gar nicht,
daß es dort am Fenster entsetzlich zog. Auf meine Bemerkung, daß es doch
wohl gesünder sei, früher aufzustehen und sich angekleidet mit seiner
Arbeit zu beschäftigen, gab er mir freundlich recht, räumte seine Hefte
weg und ging anscheinend zu Bett; doch nach einer Weile konnte man ihn
schon wieder, und wieder in demselben Aufzuge, an seinem Tischchen bei
der Arbeit sehen. Der Angewohnheit, in der Nacht zu arbeiten, ist
Dostojewski sein Leben lang treu geblieben ... Vierzig Jahre später, als
wir bei einem Wiedersehen auf seine nächtlichen schriftlichen Arbeiten
zu sprechen kamen – und im besonderen darauf, daß ich ihn so manches Mal
dabei gestört hatte –, sagte er mir, er habe damals tatsächlich an
seinem ersten Roman ‚Arme Leute‘ geschrieben, der bereits vor seinem
Eintritt in die Anstalt angefangen worden sei.
„Wenn ich die Wache hatte, unterhielt ich mich gern mit denjenigen unter
den jungen Leuten, deren Zuneigung ich besaß. Aber ich muß gestehen,
keine einzige dieser Plaudereien hat einen so tiefen Eindruck auf mich
gemacht, wie meine Unterhaltungen mit Dostojewski. Er sprach immer
leise, langsam, mit Pausen, und zwar tat er das aus anscheinend
physischen Gründen – vielleicht infolge einer organischen Eigenart
seines Brustbaues oder seiner Atmungsorgane,“ (es sei hier an die
plötzliche Heiserkeit erinnert, von der sein Bruder Andrei berichtet)
„und keineswegs etwa deshalb, weil er sich rhetorisch schön, gewählt und
überzeugend ausdrücken wollte. Auch die einfachste Erinnerung aus seiner
Kindheit, wie irgend eine unwichtige geschichtliche Begebenheit wurden
von ihm langsam, doch vorzüglich wiedergegeben, eben mit dieser
besonderen ihm eigenen Beseelung. Ich glaube, er war sich auch selbst
bewußt, welch einen Eindruck seine Erzählungen auf den Zuhörer machten,
und sprach deshalb gerne von allem mit dem gleichen gefangennehmenden
Zauber, – obschon nicht selten in seinen Worten eine gewisse Galle zu
bemerken war, aber dafür lag in Dostojewskis Erzählungen ebensoviel
Wärme wie Wahrheit.
„Der Ort unserer Unterhaltungen war größtenteils das sogenannte
Dujour-Zimmer, dessen Fenster auf den kleinen Hof gingen: Der Dienstraum
des wachthabenden Offiziers. Ich muß bemerken, daß sich damals über die
Vorgeschichte des Ingenieur-Palais (des ehemaligen Michail-Palais) noch
manches Interessante als mündliche Überlieferung erhalten hatte. Dieses
Palais war denn auch oft der Gegenstand meiner Unterhaltung mit
Dostojewski, in dessen Erinnerung sich die historische Topographie des
Gebäudes, dessen Architektur ihm sehr gefiel, mit aller Deutlichkeit
erhielt[12]: so daß er wußte, wo früher der Thronsaal gewesen war, wo
sich eine geheime Wendeltreppe befand, oder ein längst vermauerter Gang
zu einer Tür unten am Kanal, auf dem einst an dieser Stelle ein Boot
befestigt war ...
„Doch am häufigsten unterhielten wir uns über das Gegenwärtige, über das
Leben in der Schule, den sogenannten Geist der Anstalt, das
Erziehungssystem und Ähnliches. War doch dieses ausschließlich
militärische System, dieses rauhe Verhalten der älteren Schüler zu den
jüngeren, die Strenge der Vorgesetzten – bei völliger Ausschaltung eines
zusammenfassenden Verfahrens in der Beurteilung der allgemeinen Werte
eines Schülers – der Hauptgrund jenes geheimen Mißtrauens, ja Hasses der
Schüler gegen ihre Lehrer, der jede Beziehung zwischen ihnen zerstörte.
Bei Dostojewski konnten es schließlich noch andere, mir unbekannte
Umstände oder Lebenserfahrungen gewesen sein, die jedes Zutrauen zu den
Menschen in ihm vernichteten – all das lastete wohl schwer auf der Seele
des äußerst feinfühligen Jünglings, der in den Menschen vor allem
Barmherzigkeit und Rechtlichkeit suchte ... Nichtsdestoweniger erinnerte
er sich gerne jener Zeit in der Anstalt und jener ehemaligen Lehrer,
deren Namen von allen mit Dankbarkeit genannt werden, – tat es selbst
dann noch, als in seiner Stimme schon der Ton des scheidenden Menschen
mitklang: in seinen Augen erschien dann plötzlich der frühere Glanz,
wenn auch nur auf eine kurze Zeit.“
Jedenfalls dürfte man nach richtiger Abschätzung alles Guten und alles
Bösen, das Dostojewski in der Ingenieurschule erlebte, wohl kaum jener
Auffassung zustimmen können, nach der die Worte des Helden der
„Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt“ („Fluch dieser Schule,
diesen schrecklichen Sträflingsjahren!“ usw.) sich unmittelbar auf
Dostojewskis persönliche Erinnerung an seine in der Ingenieurschule
verbrachten Jahre beziehen sollen. Und dasselbe ließe sich wohl auch von
den Äußerungen dieses Helden über seine Mitschüler sagen; – ausgenommen
vielleicht die eine Schilderung des lebensklugen Strebens der Mitschüler
nach Erfolg und „Laufbahn“, – und im Gegensatz dazu die eigene
schweigsame Einsamkeit mitten unter ihnen ... Im übrigen ist der Held
des „Dunkel“ doch in nur sehr geringem Grade Dostojewski selbst ähnlich.
Am 5. August 1841 wurde er zum Fähnrich ernannt, mit Belassung in der
Anstalt, um den Offizierskursus zu vollenden. In einem Briefe vom 22.
Dezember 1841 schreibt er an den Bruder, der trotz seiner schwierigen
Vermögenslage im Begriff steht, zu heiraten: „Lieber, mein Lieber! Wenn
du wüßtest, wie glücklich es mich macht, Dir wenigstens ein wenig helfen
zu können. Mit welcher Wonne schicke ich Dir diese Kleinigkeit[13], die
Dir vielleicht etwas Ruhe geben kann. Es ist wenig, ich weiß. Aber was
soll ich tun, wenn ich mehr, bei Gott, Bruder, wirklich nicht schicken
kann ... Ich habe ja noch Andrjuscha bei mir und habe für ihn zu sorgen;
nach Moskau zu schreiben geht aber so bald nicht an – die denken sonst
Gott weiß was[14] ...“ Weiter spricht er von angestrengtem Lernen – „man
will doch nicht seine Reputation verlieren und so paukt man denn, zwar
mit Ekel, aber man paukt ... Andrjuscha ist krank, ich selbst bin
äußerst zerrüttet ... Daß ich ihn zum Examen vorbereiten muß, daß er
überhaupt bei mir lebt[15], bei mir, der ich frei sein, allein sein,
unabhängig sein will, ist für mich unerträglich. Mit nichts kann man
sich beschäftigen, mit nichts zerstreuen“ ...
Aus diesem Briefe geht hervor, daß Fjodor Michailowitsch damals bereits
in einer eigenen Wohnung lebte und von dort aus die Vorlesungen der
Offiziersklassen besuchte, mit denen das erwähnte Lernenmüssen in
Zusammenhang steht. Seine wirtschaftliche Lage hätte gut sein können,
denn sein Vormund schickte ihm, in auffallendem Gegensatz zu seinem
Verhalten dem älteren Bruder gegenüber, seit seiner Beförderung zum
Offizier stets pünktlich die ihm zukommende Summe.
Nach den Aussagen Dr. Riesenkampfs erhielt Dostojewski damals, sein
Gehalt mitgerechnet, gegen 5000 Rubel im Jahre. Doch da er fürs
Praktische äußerst wenig Sinn hatte, war er meist ohne Geld. Er begann
seine eigene Wirtschaft damit, daß er sich in der Wladimirstraße im
Hause des Postdirektors Prjänischnikoff eine große Wohnung für 1200
Rubel mietete, bloß weil der Besitzer ihm gefiel. In dieser großen
Wohnung aber gab es dafür an Möbeln nur einen alten Diwan, einen
Schreibtisch und ein paar Stühle. Übrigens gefiel ihm auch der gutmütige
Gesichtsausdruck seines Burschen Ssemjon so sehr, daß er trotz aller
Warnungen vor dessen langen Fingern seelenruhig immer nur antwortete:
„Mag er doch stehlen; davon werde ich schon nicht bankrott werden.“ Aber
schließlich war dies doch der Fall und Dostojewski geriet buchstäblich
in Schulden. Infolgedessen sah er sich gezwungen, seine Neigung zur
Literatur zu verwerten, und das tat er denn auch, mit prosaischer
Berechnung des Verdienstes, zum Teil in gemeinsamer Arbeit mit seinem
Bruder.
Nachdem Dostojewski am 11. August 1842 nach bestandener Prüfung zum
Unterleutnant befördert worden war, wurde er im folgenden Jahre, am 12.
August 1843, nach Beendung des ganzen wissenschaftlichen Lehrplanes in
der oberen Offiziersklasse, zum aktiven Dienst im Ingenieurkorps des
Petersburger Ingenieurkommandos abkommandiert und der Abteilung für
Zeichner im Ingenieur-Departement zugeteilt.
Aber der Widerspruch zwischen der Pflicht, zeichnen zu müssen, und dem
Drang, schriftstellerisch tätig zu sein, begann sich alsbald geltend zu
machen.
Der Anfang seiner literarischen Tätigkeit.
Von dem Briefwechsel zwischen Fjodor Michailowitsch und seinem älteren
Bruder sind leider gerade die Briefe aus den ersten Jahren seines freien
Lebens außerhalb der Anstalt verloren gegangen. Doch diese Lücke wird
zum Teil durch die um so wertvolleren Aufzeichnungen des Arztes Dr. A.
E. Riesenkampf ausgefüllt.
Nachdem Dr. Riesenkampf im Juli 1842 mit dem älteren Dostojewski in
Reval wieder zusammengewesen war, begann er im Herbst, nach seiner
Rückkehr nach Petersburg, den jüngeren Bruder, über dessen wenig
günstige wirtschaftliche Lage er von Michail Michailowitsch schon zur
Genüge gehört hatte, häufiger zu besuchen. Er stellte fest, daß von der
ganzen großen Wohnung, die F. M. Dostojewski gemietet hatte, tatsächlich
nur das Arbeitszimmer geheizt wurde. Auf Vergnügungen hatte Fjodor
Michailowitsch bereits vollkommen verzichtet, nachdem er 1841 und zu
Anfang des Jahres 1842 nicht wenig für das zu der Zeit glänzende
Alexandertheater ausgegeben hatte, zum Teil auch für das Ballett, das er
damals aus irgend einem Grunde liebte, und für teure Konzerte solcher
Berühmtheiten, wie Ole Bull und Franz Liszt u. a. Jetzt jedoch (im
Herbst 1842) saß er tagaus tagein, nach dem Besuch der Offiziersklassen
am Vormittage, eingeschlossen in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte
sich nur mit Literatur. Seine Gesichtsfarbe war fahl; ein trockener
Husten quälte ihn beständig, besonders am Morgen; an seiner Stimme fiel
die ständige starke Heiserkeit auf; zu diesen Krankheitszeichen
gesellten sich dann noch geschwollene Halsdrüsen. Doch all dies wurde
von Dostojewski hartnäckig verheimlicht oder abgeleugnet, und selbst dem
Arzt und Freunde Riesenkampf gelang es nur mit Mühe, ihm wenigstens
einige Mittel gegen den Husten aufzudrängen und ihn dazu zu bewegen,
doch ein wenig mäßiger zu rauchen. Von seinen Freunden besuchte ihn
damals des öfteren nur D. W. Grigorowitsch[16], der in vieler Beziehung
sein größter Gegensatz war.
„Jung, gewandt, eine schöne Erscheinung,“ so schildert ihn Dr.
Riesenkampf, „elegant, hübsch und geistreich, der Sohn eines reichen
Husarenobersten, dessen Frau eine französische Aristokratin war, Freund
des Leutnants Todleben, der schon damals die Anlagen zu seinen späteren
Leistungen verriet, Freund berühmter Künstler, Liebling und Verehrer des
schönen Geschlechts, der sich nur in den besten Kreisen der Petersburger
Gesellschaft bewegte – dieser Grigorowitsch also hatte sich aus
Leidenschaft zur Literatur dem menschenscheuen Dostojewski
angeschlossen, der wie ein Einsiedler lebte.“ Nach Dr. Riesenkampf hat
Grigorowitsch damals ein französisches Drama, das in China spielte,
übersetzt, Dostojewski aber hat sich, nachdem er die Fortsetzung seiner
„Maria Stuart“ aufgegeben, mit Eifer an seinen „Boris Godunoff“ gemacht,
der freilich gleichfalls nie beendet worden ist. Außerdem beschäftigten
ihn schon damals verschiedene Novellen und Erzählungen, Pläne, die sich
in seiner fruchtbaren Phantasie nur so drängten und einander ablösten.
Diese Fruchtbarkeit der Phantasie wurde bei Dostojewski durch
unausgesetzte Lektüre natürlich noch mehr angeregt und aufs äußerste
gesteigert. (Dr. Riesenkampf hat übrigens nie etwas davon gehört, daß
Dostojewski angeblich schon in der Ingenieurschule an seinen „Armen
Leuten“ gearbeitet habe.) Von russischen Schriftstellern las Dostojewski
damals mit besonderer Vorliebe Gogol, aus dessen „Toten Seelen“ er gern
ganze Seiten auswendig vortrug. Von französischen Schriftstellern las
er, außer Balzac, George Sand und Victor Hugo, die er schon früher
besonders gern gelesen hatte, nach Dr. Riesenkampf: Lamartine, Frédéric
Soulié (dessen „_Mémoires du diable_“{[1]} er besonders liebte), ferner
Emile Souvestre und hin und wieder sogar Paul de Kock. So ist es wohl zu
verstehen, daß Dostojewski, bei seiner stetig wachsenden Neigung zur
Literatur, den Besuch der Offiziersklassen als Last empfinden mußte. Er
hätte sich von dieser Fessel wohl schon viel früher befreit, wenn sein
Vormund nicht gedroht hätte, ihm in dem Falle die Rente nicht mehr
auszuzahlen – Dostojewski aber befand sich fortwährend in Geldnot.
Zur Zeit der großen Fasten im Jahre 1842 war, wie Dr. Riesenkampf noch
zu berichten weiß, wieder ein Geldzufluß bei Dostojewski bemerkbar, und
er gönnte sich Erholung von der Arbeit durch den Besuch von Konzerten
(Liszt, Rubini u. a.). Nach Ostern traf ihn Dr. Riesenkampf in einer
Aufführung von Puschkins „Ruslan und Ludmila“. Doch schon im Mai
versagte er sich wieder alle Vergnügungen, um sich nun zur letzten
Prüfung – vom 20. Mai bis zum 20. Juni – vorzubereiten. In derselben
Zeit hatte auch Dr. Riesenkampf sein Schlußexamen zu bestehen, erkrankte
aber, infolge von Überanstrengung, und mußte noch am 30. Juni das Bett
hüten. An diesem Tage erscheint nun plötzlich Dostojewski bei ihm, in
einer Weise verändert, daß er kaum wiederzuerkennen ist. Heiter, gesund
aussehend, zufrieden mit dem Schicksal, – so teilt er ihm mit, daß er
das Examen bestanden hat und aus dem Institut mit dem Range eines
Leutnants entlassen worden ist (als Feldingenieur), ferner daß er vom
Vormund eine Summe erhalten habe, die es ihm möglich gemacht, alle seine
Schulden zu bezahlen, und schließlich, daß er einen Urlaub auf 28 Tage
in der Tasche trage, den er bei seinem Bruder in Reval verbringen werde,
wohin er am nächsten Tage reisen wolle. Dann zog er den Freund mit
Gewalt aus dem Bett, setzte ihn in eine Droschke und fuhr mit ihm ins
Restaurant Lerch am Newski-Prospekt. Dort verlangte er ein Zimmer mit
einem Klavier, bestellte ein großartiges Mittagessen mit Weinen und
zwang den Kranken zum Mitessen und Mittrinken. Wie unmöglich das diesem
zu Anfang auch erschien: das Beispiel Dostojewskis wirkte so ansteckend,
daß er schließlich mit Vergnügen aß, sich dann an den Flügel setzte und
– gesund war.
Am folgenden Tage begleitete er ihn zum Dampfschiff, und drei Wochen
später fuhr er selbst nach Reval, wo er ihn, in der Familie seines
Bruders seine Freiheit genießend, antraf. Inzwischen war Dostojewski
auch mit der Revalenser Gesellschaft in Berührung gekommen und die
hatte, wie Dr. Riesenkampf berichtet, „mit ihrem überlieferten
Kastengeist, ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Nepotismus und Pietismus, der
noch durch die fanatischen Predigten des damaligen Modepastors, des
Herrnhuters Hunn, geschürt wurde, sowie durch ihre Unduldsamkeit
besonders dem russischen Militär gegenüber“ auf Dostojewski einen
überaus schlechten Eindruck gemacht. Dieser Eindruck ist ihm für sein
ganzes späteres Leben geblieben. Damals fühlte er sich hierdurch um so
mehr enttäuscht, als er mit der Erwartung hingekommen war, in dieser so
gepflegten Gesellschaft gesunde Anzeichen von Kultur zu finden. „Nur mit
Mühe konnte ich ihm klar machen,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „daß all dies
ein rein örtliches Kolorit war und eben nur die Revalenser kennzeichnete
... Doch bei seiner Neigung zur Verallgemeinerung blieb in ihm seitdem
ein gewisses Vorurteil gegen alles Deutsche.“
Michail Michailowitsch hatte inzwischen mit Hilfe seiner Frau den Bruder
mit Wäsche und Kleidern, die in Reval so billig waren, vollkommen
ausgestattet. Doch da er wußte, daß sein Bruder niemals auch nur ahnte,
was und wieviel er eigentlich besaß, bat er den Freund Riesenkampf, in
Petersburg doch mit Fjodor Michailowitsch zusammen zu wohnen und dann
nach Möglichkeit mit seinem Beispiel deutscher Ordnungsliebe auf den
Bruder einzuwirken. Das versuchte Riesenkampf denn auch, nachdem er im
September 1843 nach Petersburg zurückgekehrt war. Dostojewski saß, als
Riesenkampf ihn dort aufsuchte, ohne eine Kopeke zu Hause und lebte nur
von Milch und Brot, die er auf Borg aus dem nächsten kleinen Laden
bekam. „Fjodor Michailowitsch,“ bemerkt Dr. Riesenkampf, „gehörte zu
jenen Menschen, mit denen zu leben für alle angenehm ist, die aber
selbst beständig in Not sind. Er wurde jämmerlich bestohlen, doch bei
seiner Vertrauensseligkeit und Güte wollte er sich das nicht eingestehen
oder gar die Dienstboten und deren Krippenreiter, die seine Arglosigkeit
mißbrauchten, des Diebstahls überführen“. So kam es, daß selbst das
Zusammenleben mit dem Doktor für Dostojewski dauernd Veranlassung zu
neuen Ausgaben wurde, denn er war bereit, jeden Armen, der um ärztlichen
Rat zum Doktor kam, wie einen teuren Gast zu empfangen. „Da ich mich
daran mache, das Leben der armen Menschen zu schildern,“ pflegte er
dann, gleichsam zu seiner Rechtfertigung, zu sagen, „so freue ich mich
der Gelegenheit, das Proletariat der Großstadt näher kennen zu lernen“.
Doch die riesigen Rechnungen, die am Ende des Monats selbst ein
einzelner Bäcker schickte, standen, wie sich bei einer Untersuchung
herausstellte, weniger mit der erwähnten Gastfreundschaft Fjodor
Michailowitschs in Zusammenhang, als mit seinem Bedienten Ssemjon, der
innige Beziehungen zur Wäscherin unterhielt und nicht nur diese, sondern
auch deren ganze Familie und sogar ihren Freundeskreis auf Rechnung
seines Herrn versorgte. Auf ähnliche Weise erklärte sich bald auch die
schnelle Abnahme des Wäschebestandes, der übrigens alle drei Monate von
Dostojewski ergänzt wurde, nämlich jedesmal, wenn er das Geld aus Moskau
erhielt. Und sein Ssemjon war nicht der einzige, der sein Vertrauen so
mißbrauchte. Dasselbe taten auch der Schneider, der Schuster, der
Barbier usw.; und ebenso mußte man ihn zu der ernüchternden Erkenntnis
bringen, daß durchaus nicht alle von ihm bewirteten Patienten Dr.
Riesenkampfs eine solche Teilnahme verdienten.
Seine völlige Geldlosigkeit dauerte damals gegen zwei Monate. Da, eines
Tages, begann er plötzlich ganz anders in seinem Saal umherzugehen:
laut, selbstbewußt, beinahe stolz. Er hatte aus Moskau 1000 Rubel
erhalten. „Doch schon am nächsten Morgen,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „kam
er wieder in seiner leisen, schüchternen Art in mein Schlafzimmer und
bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.“ Der größte Teil der erhaltenen 1000
Rubel war zur Tilgung der Schulden draufgegangen, das übrige hatte er
zum Teil verspielt, und die letzten 50 Rubel waren ihm dann noch
gestohlen worden: von einem unbekannten Spielpartner, den er – als
bemerkenswertes Subjekt für seine Beobachtungen – am Abend zu sich
eingeladen und einen Augenblick im Zimmer allein gelassen hatte.
Ein besonderes Interesse hatte er, aus dem gleichen Grunde, namentlich
für einen der Patienten des Doktors: für den Bruder des Klavierlehrers
Keller. Es war das ein kleiner, unruhiger, schmeichlerischer, ziemlich
heruntergekommener Deutscher, von Beruf Agent, doch in Wirklichkeit
eigentlich nur ein Schmarotzer. Nachdem dieser Keller nun die arglose
Gastfreundschaft Dostojewskis sozusagen entdeckt hatte, wurde er für
eine Zeitlang sein täglicher Gast: er kam zum Tee, blieb zum
Mittagessen, blieb zum Abend, und Dostojewski hörte geduldig seine
Erzählungen von dem Petersburger Großstadtproletariat an. Oft schrieb er
sich das Gehörte auf, und wie Dr. Riesenkampf später feststellen konnte,
spiegelte sich manches aus diesem ursprünglich von Keller stammenden
Material in den Romanen „Arme Leute“, „Der Doppelgänger“, „Njetotschka
Neswanowa“ u. a. wieder.
Im Dezember 1843 war Dostojewski abermals ganz mittellos. Am 1. Februar
1844 erhielt er aus Moskau wieder 1000 Rubel, doch schon am Abend
desselben Tages besaß er nur noch 100 Rubel und dieses Hundert wanderte
noch vor der Nacht in die Tasche eines gewandten Spielers, der ihm ein
angeblich „ganz unschuldiges, ehrliches Spiel“ (es handelte sich um
Domino) hatte beibringen wollen. Am folgenden Tage begann dann von neuem
das Geldborgen, oft gegen die ungeheuerlichsten Prozente. Im März dieses
Jahres mußte Riesenkampf Petersburg verlassen – ohne daß es ihm gelungen
war, Dostojewski deutsche Genauigkeit und etwas mehr Wirklichkeitssinn
anzugewöhnen.
Vom Jahre 1844 an haben sich wieder Briefe Dostojewskis an den Bruder
erhalten. Sie bestätigen nur, was Dr. Riesenkampf berichtet. In
einem dieser Briefe ist u. a. die Rede davon, daß er in den
Weihnachtsfeiertagen „Eugénie Grandet“ übersetzt habe, und daß die
Übersetzung im Selbstverlage erscheinen solle: sein Freund Potton werde
700 Rubel geben, dessen Mutter werde dem Sohn 2000 Rubel (zu 40%!!)
leihen und er selbst wolle sich aufs äußerste einschränken, um 500 Rubel
beisteuern zu können. Seine Phantasie verheißt ihm einen Gewinn von 4000
Rubel. Doch zum Schluß des Briefes gesteht er, daß er kein Geld – zum
Abschreiben der „Eugénie Grandet“ habe; und er bittet den Bruder „um der
himmlischen Engel willen“, ihm 35 Rubel zu senden. „Ich schwöre dir beim
Olymp,“ so schließt er, „und bei meinem Juden Jankel (im soeben
beendeten Drama)[17] und wobei noch? – es sei denn bei dem Schnurrbart,
der mir irgend einmal, wie ich hoffe, doch wachsen wird, daß die Hälfte
von dem, was ich für die ‚Eugénie‘ bekomme, Dein sein soll“. Doch schon
am 14. Februar 1844 schreibt er, daß aus der Sache wohl nichts werde.
„Wie leid mir das tut, mein Freund, und wie leid du mir tust. Verzeih,
Liebster, auch mir Armen ...“