Und warum nicht?
Entschieden verfolgte das Glück geradezu Findling, seit er
Trelingar-castle den Rücken gekehrt hatte, das Glück, Bob gerettet und
zu sich genommen, Grip und Sissy wiedergefunden und sie miteinander
vermählt zu haben, ohne von den erfolgreichen Geschäften zu reden, die
der junge Chef des »Kleinen Geldbeutels« machte. Er ging mit Sicherheit
in Folge seiner Intelligenz, sagen wir auch, seines Muthes, der
Gewinnung eines beträchtlichen Vermögens entgegen. Sein Verhalten auf
der »Doris« legte von seinem Muthe gewiß ein rühmliches Zeugniß ab.
Nur eines fehlte ihm, ohne das er nicht vollkommen glücklich sein
konnte: der Familie Mac Carthy die Wohlthaten, die er von ihr genossen
hatte, nicht haben vergelten zu können.
Jetzt erwartete er die Ankunft des »Queensland« mit größter Ungeduld,
wenn er sich auch sagte, daß von Wind und Wetter abhängige Segler
ja sehr häufig Verspätungen in ihrer Fahrt erleiden. Uebrigens hatte
Findling nicht versäumt, nach Queenstown zu schreiben, damit die Rheder
des »Queensland« ihn sofort benachrichtigten, wenn ein Schiff gemeldet
wurde.
Inzwischen legte man im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« die Hände nicht
in den Schoß. Durch sein Abenteuer und sein muthiges Aushalten auf
der »Doris« war Findling zu einem Helden geworden -- einem Helden von
fünfzehn Jahren, was ihm das Interesse der ganzen Stadt nur noch mehr
sicherte. Die mit eigner Lebensgefahr vertheidigte Waarenladung brachte
ihm über die maßen Glück. Der Zulauf im Laden wurde immer größer, denn
jedermann wollte Thee aus der »Doris«, Zucker aus der »Doris«,
Gewürze und Wein... immer aus der »Doris« haben. Jetzt trat das
Spielwaarengeschäft etwas zurück. Bob mußte deshalb Findling, Grip und
noch zwei eingestellten Verkäufern helfen, während Sissy kaum mit dem
Schreiben der Rechnungen fertig wurde. Nach O'Brien's Ansicht mußte
sich das in jene Speculation gewagte Capital binnen wenigen Monaten
vervierfacht, wenn nicht verfünffacht haben. Aus den dreitausend Pfund
wurden voraussichtlich fünfzehntausend Pfund Sterling. Der Exkaufmann
gab Findling bezüglich dieses Unternehmens gern allein die Ehre. Dabei
zugeredet hatte er ihm wohl, den ersten Gedanken daran hatte aber
Findling gehabt, als er die Anzeige in der »Shipping-Gazette« las, und
der Leser weiß, mit welcher Energie er sein Vorhaben durchgeführt hatte.
So erscheint es als kein Wunder, daß der Bazar von Little Boy nicht
allein der reichlichst ausgestattete, sondern auch der schönste in
der Bedford-Street, ja im ganzen Stadtviertel wurde. Daß hier eine
Frauenhand eingriff, erkannte man an tausend Kleinigkeiten. Grip, der
redlich half, fing auch allmählich an zu glauben, daß er deren Ehemann
sei, vorzüglich als ihm die Ahnung kam, daß die Reihe seiner Vorfahren
nicht mit ihm abschließen würde.
Alle fühlten sich glücklich und dankbar verpflichtet dem Knaben, der
ihnen ein so schönes Los zu bereiten verstanden hatte -- das heißt alle,
die sich jetzt im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« um Findling vereinigt
fanden.
Was aus den andern, die in seinem Leben eine mehr vorübergehende Rolle
spielten, geworden wäre oder werden würde, darüber wollte sich Findling
nicht den Kopf zerbrechen. Thornpipe zog wahrscheinlich noch im Lande
umher und stellte seine etwas alt gewordenen Königspuppen zur Schau;
O'Bodkins wurmte gewiß noch die freche Zerstörung seiner musterhaften
Bücher; der Marquis und die Marquise Piborne lebten in der hochvornehmen
Geistesbeschränktheit weiter, die ihr Sohn unverändert geerbt hatte;
Scarlett verwaltete ohne Zweifel Trelingar-castle und was dazu gehörte
zu seinem Vortheil weiter und Miß Anna Walston.... starb jedenfalls
fast Abend für Abend im fünften Acte. Von keinem der genannten war je
etwas zu hören gewesen, außer daß sich -- nach der Times -- Lord Piborne
doch einmal entschlossen hatte, im Oberhause eine Rede zu halten, welch
löbliche Absicht nur deshalb nicht zur Ausführung kam, weil, als er das
Wort ergreifen wollte, das künstliche Gebiß des hochedlen Herrn nicht
nach Wunsch fungierte. Carker war zum Erstaunen Grips noch immer nicht
gehenkt worden; er näherte sich dem Galgen aber jedenfalls mehr und
mehr, nachdem er unlängst in London bei einer polizeilichen Razzia mit
einer ganzen Rotte seines Schlags hinter Schloß und Riegel gebracht
worden war.
Nun blieben nur die Mac Carthy's übrig, an die Findling unausgesetzt
dachte und deren Heimkehr er ungeduldig erwartete. In den Seenachrichten
fand sich noch nichts vom »Queensland«. Erschien er binnen einigen
Wochen noch nicht, so mußte man für ihn fürchten, denn in der letzten
Zeit war der Atlantische Ocean von sehr heftigen Stürmen heimgesucht
worden. Und noch immer traf keine Depesche von den Rhedern in Queenstown
ein!
Am 5. April brachte diese endlich ein Telegraphenbote. Bob hatte sie in
Empfang genommen und sofort ertönte seine Stimme:
»Eine Depesche aus Queenstown!... Ein Telegramm aus Queenstown!«
Endlich eine Nachricht über die Adoptiveltern Findlings, die also
jedenfalls in Irland zurück waren... die erste, einzigste Nachricht
über sie!
Alle liefen erwartungsvoll zusammen.
Die Depesche hatte folgenden Inhalt:
»Queenstown, 5. April 9, 25, 20.
»Findling, Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin.
»Queensland« diesen Morgen eingelaufen. Familie
Mac Carthy an Bord. Erwarten Ihre Ordres.
Benett«.
Findling war es, als ob er ersticken sollte. Sein Herz hatte
einen Augenblick still gestanden. Reichliche Thränen brachten ihm
Erleichterung und er begnügte sich, als er die Depesche in die Tasche
steckte, zu sagen:
»Es ist gut.«
Weiterhin sprach er gar nicht mehr von den Mac Carthy's, was Herrn und
Frau Grip, Bob, die Kat und O'Brien nicht wenig verwunderte. Er widmete
sich vielmehr seiner Thätigkeit wie gewöhnlich. Balfour erhielt nur
Auftrag, ihm einen Check von hundert Pfund auszufertigen, über dessen
Verwendung der junge Chef sich nicht äußerte.
Vier Tage verstrichen, die letzten vier Tage der Charwoche, denn jenes
Jahr fiel Ostern auf den 10. April.
Am Sonnabend Morgen rief Findling sein gesammtes Personal zusammen und
verkündete:
»Der Bazar bleibt bis nächsten Dienstag Abend geschlossen.«
Damit erhielten Balfour und die beiden Verkäufer Urlaub. Bob, Grip und
Sissy beabsichtigten, die freie Zeit nach eignem Belieben auszunützen,
als sie Findling fragte, ob sie nicht geneigt wären, während der drei
Tage eine Reise zu machen.
»Eine Reise? rief Bob. Ich bin dabei. Wohin soll's denn gehen?
-- Nach der Grafschaft Kerry, die ich einmal wiedersehen möchte,«
erklärte Findling.
Sissy sah ihn fragend an.
»Und wir sollen Dich dahin begleiten?
-- Es würde mir ein großes Vergnügen machen.
-- Ich soll also auch dabei sein? fragte Grip.
-- Selbstverständlich.
-- Und Birk? setzte Bob hinzu.
-- Birk ebenfalls.«
Das war also abgemacht. Der Bazar sollte unter Obhut der Kat bleiben
und man beschäftigte sich mit den Vorbereitungen, die eine dreitägige
Abwesenheit erheischt. Nachmittag um vier Uhr wollte man den Expreßzug
benutzen, um elf Uhr würde die Gesellschaft in Tralee eintreffen,
dort übernachten, und am nächsten Tage... nun, am nächsten Tage würde
Findling das weitere Programm kund geben.
Um vier Uhr befanden sich alle auf dem Bahnhofe, Grip und Bob höchst
vergnügt, Sissy aber etwas nachsinnend, da ihr Findling gar so
unergründlich vorkam.
»Tralee, sagte sich die junge Frau, das ist doch ganz in der Nähe von
Kerwan... Will er denn etwa in die Farm zurückkehren?«
Birk hätte ihr darauf vielleicht antworten können; dessen bekannte
Discretion hielt sie aber ab, eine bezügliche Frage zu stellen.
Der Hund wurde im Packwagen untergebracht und von Bob der Sorgfalt des
Packmeisters unter Hinzufügung eines vollwichtigen Schillings besonders
empfohlen. Dann nahmen Findling und seine Begleiter ein Coupé erster
Classe ein.
Die siebzig Meilen zwischen Dublin und Tralee wurden in sieben Stunden
zurückgelegt. Von den durch den Zugführer ausgerufenen Stationsnamen
machte besonders einer auf Findling einen eigenthümlichen Eindruck. Das
war der Name Limerick. Er erinnerte ihn an sein Debut auf dem dortigen
Theater in dem Drama »Die Reue einer Mutter« und an die Scene, wo er
sich so krampfhaft an die Herzogin von Kendall in der Person der Miß
Anna Walston anklammerte.... Es war das aber nur eine Erinnerung,
welche wie die flüchtigen Bilder eines Traumes wieder verschwand.
Findling führte seine Freunde in Tralee nach dem ersten Hôtel, wo sie
gut zu Abend aßen und eine ruhige Nacht verbrachten.
Am nächsten Tage, dem Ostersonntage, stand Findling frühzeitig auf.
Während Sissy noch Toilette machte, Grip bei seiner Frau blieb und Bob
sich streckend erst die Augen öffnete, wanderte er durch die Straßen des
Ortes. Leicht fand er den Gasthof wieder, wo Martin und Martine mit ihm
einzukehren pflegten, den Marktplatz, wo er zuerst am Handel Geschmack
gewonnen hatte, und auch die Apotheke, in der er einen Theil von seiner
Guinee für die Großmutter hingegeben hatte, die er nicht wieder sehen
sollte.
Um sieben Uhr hielt vor der Thür des Hôtels ein Jaunting-car mit
tüchtigem Pferde und gutem Kutscher, wofür der Wirth gutsagte. Dann
wurde gewissenhaft der Preis festgestellt: so viel für den Wagen, so
viel für das Zugthier, für den Kutscher, für Trinkgelder u. s. w., wie
das in Irland üblich ist.
Nach frugalem Frühstück wurde die Fahrt um halb acht Uhr angetreten.
Ein Sonntag ohne Regen -- und heute schien die Sonne und wehte ein
angenehmer Wind -- gehört auf der Smaragdnen Insel zu den Ausnahmen.
Dieses Jahr schien der Frühling zeitig einsetzen und die Bäume zum
knospen bringen zu wollen.
Ein Dutzend Meilen trennt Tralee von dem Kirchspiele Silton. Wie oft
hatte Findling diese Strecke im Wagen Mac Carthy's zurückgelegt! Das
letzte Mal war er hier freilich allein gewesen... auf dem Heimwege von
Tralee nach der Farm... er hatte sich hinter einem beschneiten Busch
versteckt, als die Polizei- und Gerichtsdienerabtheilung vorüber kam.
Das trat ihm jetzt lebhaft vor die Augen. Der Weg selbst sah ja noch
ganz so aus wie damals. Da und dort lag ein Gasthof daran und begrenzten
ihn Brachfelder. Paddy ist ein Feind der Veränderung; in Irland bleibt
ja alles im Gleichen, selbst das Elend!...
Um zehn Uhr hielt der Wagen im Dorfe Silton. Es war die Stunde
der Messe. Die Glocke ertönte. Da stand sie noch immer, die alte,
bescheidne, windschiefe, englische Kirche, in der die Doppeltaufe
Findlings und des Töchterchens Murdocks stattgefunden hatte. Er trat mit
den andern hinein. Weder der Geistliche, noch seine Assistenten oder ein
andrer Kirchenbesucher erkannte ihn wieder. Während der Messe fragten
sich die Leute, wer die Familie sei, von der kein Mitglied dem andern
ähnelte.
Und während Findling seine Erinnerungen aus glücklicher und
unglücklicher Zeit auffrischte, beteten Sissy, Grip und Bob dankbaren
Herzens für den, dem sie so viel Lebensglück verdankten.
Nach einem Frühstück im besten Gasthofe von Silton rollte der
Jaunting-car nach der drei Meilen entfernten Farm von Kerwan weiter.
Findling wurden die Augen feucht auf diesem Wege, den er des Sonntags
so oft mit Martine und Kitty und auch mit der Großmutter, wenn diese es
konnte, gegangen war. Welch traurigen Anblick bot das verlassene Land!
Ueberall Ruinen... mit Gewalt hergestellte Ruinen, die den vertriebenen
Insassen das letzte Obdach vereiteln sollten. Da und dort fanden sie
Maueranschläge mit der Bekanntmachung, daß diese Farm, jene Hütte oder
ein Feld zu verpachten oder zu verkaufen sei. Doch wer hätte hier kaufen
oder pachten sollen, wo er sich nur das Unglück einhandeln konnte!
Endlich, gegen eineinhalb Uhr, wurde die Farm von Kerwan sichtbar.
Findlings Brust entrang sich ein Seufzer.
»Hier stand sie!« murmelte er.
Doch welch' entsetzlicher Anblick bot sich hier jetzt! Die Hecken
niedergerissen, die Thür eingerammt, die Wirthschaftsgebäude in
Trümmern, der Hof furchtbar verwildert -- kurz, ein Bild trostlosester
Zerstörung. Seit fünf Jahren hatten Regen, Schnee, Wind und Sonne ihr
Werk gethan. Wie traurig sahen die kahlen Wände der Zimmer aus, und erst
das, wo Findling in der Nähe der Großmutter geschlafen hatte.
»Ja, das ist Kerwan!« wiederholte er öfter, doch es sah aus, als wagte
er gar nicht einzutreten.
Bob, Grip und Sissy hielten sich schweigend hinter ihm. Nur Birk lief
unruhig hin und her und schnüffelte am Boden hin... in ihm erwachten
gewiß auch Erinnerungen von vergangenen Zeiten....
Plötzlich bleibt der Hund stehen und erhebt den Kopf, seine Augen
leuchten und er wedelt mit dem Schweife.
Vor dem Thore steht eine Gruppe von Menschen -- vier Männer, zwei Frauen
und ein kleines Mädchen, alle in ärmlicher Kleidung. Der älteste tritt
heraus und nähert sich Grip, der seinem Alter nach die Hauptperson der
Fremden zu sein scheint.
»Wir sind hierher, beginnt er, zu einem Zusammentreffen bestellt worden.
Ohne Zweifel... waren Sie es...
-- Ich? fällt Grip ein, der den Mann gar nicht kennt und ihn verwundert
anstarrt.
-- Ja. Als wir in Queenstown ans Land kamen, wurde uns eine Summe von
hundert Pfund von der Rhederei ausgehändigt, die den Auftrag hatte, uns
nach Tralee zu befördern....«
In diesem Augenblick schlug Birk mit lautem Freudengebell an und stürmte
unter tausend Freundschaftsbezeugungen auf die ältere der Frauen zu.
»Ach, ruft diese, das ist ja Birk... unser Hund Birk! Ich erkenne ihn
wieder...«
-- Und mich erkennen Sie nicht, meine liebste Mutter Martine, sagt
Findling, mich erkennen Sie nicht mehr?
-- Er!... Ach, unser Kind!«
Die Feder vermag die Scene nicht zu schildern, die sich nun abspielte.
Martin, Murdock, Pat und Sim pressen Findling in ihre Arme und er
bedeckt Martine und Kitty mit heißen Küssen. Dann hebt er das kleine
Mädchen in die Höhe... er verzehrt sie fast mit seinen Küssen und
stellt sie Bob, Sissy und Grip vor mit den Worten:
»Meine Jenny!... Mein Töchterchen!«
Nachher setzen sich alle auf die umherliegenden Trümmer. Die Mac
Carthy's mußten ihre beklagenswerthe Geschichte erzählen. Nach der
Austreibung hatte man sie nach Limerick gebracht, wo Murdock zu einigen
Monaten Gefängniß verurtheilt wurde.
Nach Ablauf seiner Strafzeit hatte sich Martin mit den seinigen nach
Belfast begeben, von wo sie ein Auswandrerschiff nach Australien
beförderte. Pat, der seinen Beruf aufgab, war ihnen bald nachgekommen.
Doch was hatten sie dann zu leiden gehabt, um schließlich... nichts zu
erreichen! Nur zuweilen fanden sie, vereint oder auch einzeln, auf einer
Farm, doch unter den schlechtesten Bedingungen, etwas Arbeit. Endlich,
nach fünf Jahren, hatten sie jenes Land verlassen können, das gegen sie
ebenso grausam gewesen war, wie der heimatliche Boden.
Findling betrachtete die armen Leute mit tiefstem Seelenschmerz. Martin
war stark gealtert, Murdock noch ebenso düster wie vorher, Pat und
Sim herabgekommen von Anstrengungen und Entbehrungen, Martine kaum
ein Schattenbild der lebensfrischen Hausfrau vor wenigen Jahren, Kitty
geschwächt durch ein Fieber, das sie nicht verließ, und Jenny verkümmert
durch die Leiden, die sie schon in so jungen Jahren erduldet hatte. Es
war zum Herz zerbrechen!
Sissy weinte mit den Frauen und Mägdlein und suchte sie zu trösten.
»Ihr Unglück hat nun ein Ende, Frau Martine, wie das unsrige schon
lange... und Dank Ihrem Adoptivkinde...
-- Er? rief Martine verwundert. Was vermöchte er...?
-- Du, mein Junge?« fragte auch Martin.
Findling war außer Stande zu antworten; ihm raubte die Erregung den
Athem.
»Warum hast Du uns nach dieser Stelle verlangt, die uns an die
traurigste Vergangenheit mahnt? fragte Murdock. Was sollen wir hier, wo
wir so lange und so schwer gelitten haben? Findling, warum erwecktest Du
uns diese traurigen Erinnerungen?«
Dieselbe Frage lag wohl auf aller Lippen, auch auf denen Sissys, Grips
und Bobs.
»Warum? antwortete er, sich mühsam beherrschend. Kommt alle, mein Vater,
meine Mutter, meine Brüder, kommt mit mir!«
Sie folgten ihm nach der Mitte des Hofes.
Hier erhob sich inmitten von wildem Gebüsch und Brombeergesträuch eine
kleine grünende Tanne.
»Jenny, redete er das kleine Mädchen an, siehst Du diesen Baum?... Ihn
hab' ich am Tage Deiner Geburt gepflanzt. Er ist jetzt, wie Du, acht
Jahre alt.«
Kitty, die dabei an die Zeit dachte, wo sie so glücklich gewesen war und
auf die Andauer dieses Glücks bauen zu können glaubte, schluchzte vor
Schmerz.
»Jenny... mein liebes Kind, fuhr Findling fort, Du siehst auch dieses
Messer...«
Er hatte dabei ein Messer aus seinem Gürtel gezogen.
»Das war das erste Geschenk, das mir Großmutter machte... Deine
Urgroßmutter, die Du kaum gekannt hast....«
Bei Erwähnung dieses Namens hier inmitten der Trümmer wollte Martin,
seiner Gattin und seinen Kindern fast das Herz zerspringen.
»Jenny, fuhr Findling fort, nun nimm dieses Messer und grabe damit die
Erde am Fuße der Tanne auf.«
Ohne ihn ganz zu verstehen, kniete das Kind nieder, entfernte das
Strauchwerk und höhlte ein Loch an der bezeichneten Stelle aus. Bald
stieß das Messer auf einen harten Gegenstand.
Hier befand sich die Steinkruke, die unter der Erdschicht ganz gut
erhalten war.
»Hebe das Gefäß heraus, Jenny, und öffne es!«
Das Mägdlein that, wie ihr geheißen, und alle sahen ihr in
erwartungsvollem Schweigen zu.
Als die Kruke geöffnet war, bemerkte man darin eine Anzahl Kieselsteine,
wie sie zahlreich im Bette des benachbarten Cashen lagen.
»Herr Martin, begann nun Findling, erinnern Sie sich wohl?... Jeden
Abend, wenn Sie mit mir zufrieden gewesen waren, gaben Sie mir einen
solchen Stein....
-- Ja, mein Sohn; es kam aber kein Tag, an dem Du keinen davon erhalten
hättest.
-- Sie geben die Zeit an, die ich in der Farm von Kerwan zugebracht
habe. Jetzt zähle sie, Jenny. Du kannst doch zählen, nicht wahr?
-- O, gewiß!« versicherte das kleine Mädchen.
Nach längerer Arbeit rief sie laut:
»Fünfzehnhundertundvierzig.
-- Richtig, bestätigte Findling. Das ergiebt über vier Jahre, Jenny,
die ich in Deiner Familie, die auch die meinige geworden war, zugebracht
habe.
-- Und diese Kieselsteine, ließ sich Martin, die Augen niederschlagend,
vernehmen, sind der einzige Lohn, den Du je von mir erhalten hast...
diese Steine, die ich einst in Schillinge umzuwechseln hoffte....
-- Und die sich für Sie, mein guter Vater, in Guineen verwandeln
sollen!«
Weder Martin noch einer der Seinigen konnten glauben, konnten begreifen,
was sie eben hörten. Ein solches Vermögen! War Findling denn bei Sinnen?
Sissy erkannte diesen Gedanken ganz und sagte sogleich:
»Nein, liebe Freunde, sein Herz ist ebenso gesund wie sein Geist, und
hier hat sein Herz gesprochen.
-- Ach, mein Vater Martin, meine Mutter Martine, meine Brüder Murdock,
Pat und Sim, und Du, Kitty, und Dein Töchterchen, ja, ich fühle mich
hochbeglückt, Euch einen Theil des Guten, das Ihr mir erwiesen habt,
zurückerstatten zu können. Dieser Grund und Boden ist zu verkaufen.
Ihr werdet ihn erwerben und erbaut die Farm von neuem. An den nöthigen
Mitteln soll es nicht fehlen. Später braucht Ihr keinen herzlosen
Harbert mehr zu fürchten. Ihr wohnt dann auf eigner Scholle... seid
Eure eignen Herren!«
Findling berichtete nun über sich selbst, seit dem Tage, wo er von der
Farm von Kerwan weinend weggeschlichen war, und in welchen Verhältnissen
er sich jetzt befände. Die Summe, die er der Familie Mac Carthy zur
Verfügung stellte, diese Summe in Guineen -- so viele wie Kieselsteine
gezählt waren -- belief sich auf fünfzehnhundertundvierzig Pfund
Sterling -- für arme Irländer ein großes Vermögen.
Vielleicht war es zum ersten Male, daß auf diesen so oft von
Schmerzensthränen begossenen Erdboden warme Thränen der Freude und
Dankbarkeit niederrieselten.
* * * * *
Die Familie Mac Carthy verweilte die drei Osterfeiertage mit Findling,
Bob, Sissy und Grip in Silton und nach rührendem Abschied kehrten die
letzteren nach Dublin zurück, wo sich am Morgen des 11. April der Bazar
wieder aufthat.
Ein Jahr verstrich, das Jahr 1887, das als eines der glücklichsten im
Leben dieser kleinen Welt gelten konnte. Der junge Kaufmann war nun
sechzehn Jahre alt. Sein Glück war gemacht. Der Erfolg der Speculation
mit der »Doris« hatte selbst O'Brien's Erwartungen weit übertroffen, und
das Capital von Little Boy and Co. belief sich jetzt auf zwanzigtausend
Pfund Ein Theil dieses Vermögens gehörte zwar dem Ehepaar Grip und ein
Theil Bob, den Gesellschaftern der Firma »Zum kleinen Geldbeutel«, alle
bildeten am Ende aber nur eine einzige Familie.
Die Mac Carthy's hatten, nach vortheilhafter Erwerbung von zweihundert
Acres Land, die Farm wieder aufgebaut und eingerichtet, auch den
Viehbestand aufs neue angeschafft. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung,
daß sie mit der Behaglichkeit und dem unerwarteten Glück auch Kräfte und
Gesundheit wieder erlangt hatten. Bei Irländern, die so lange unter der
Geißel des Landlordismus geseufzt hatten und die jetzt nur für sich,
nicht mehr für einen unerbittlichen Herrn schafften und wirkten, ist das
ja kein Wunder zu nennen.
Findling aber vergißt nicht und wird es nicht vergessen, daß er ihr
Adoptivkind ist, und es könnte sich eines Tages wohl ereignen, daß er
sich mit ihnen noch durch engere, zartere Bande verknüpfte. Jenny
geht in ihr zehntes Jahr, sie verspricht ein sehr hübsches Mädchen
zu werden.... Doch sie ist ja so gut wie seine Tochter, wird der
freundliche Leser einwerfen. Nun, doch nicht im strengen Sinne des
Wortes; warum also nicht?...
_Ende._