Das Meer von drei Seiten.
Am 15. März, etwa drei Monate nach der Hochzeit Grips und Sissys,
verließ der Schooner »Doris« den Hafen von Londonderry und stach bei
günstigem Nordostwind ins Meer.
Londonderry ist die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, die
im Norden Irlands an Donegal grenzt. Die Bewohner von London sagen
Londonderry, weil diese Grafschaft fast gänzlich Körperschaften der
Hauptstadt der Britischen Inseln gehört -- freilich nur in Folge
früherer Confiscationen -- und weil Londoner Capital die Stadt wieder
aus ihren Ruinen erstehen ließ. Paddy dagegen sagt, weil er nicht anders
zu protestieren vermag, einfach Derry, und es wird ihn niemand darum
tadeln wollen.
Der am linken Ufer und nahe der Mündung der Foyle gelegne Hauptort der
Grafschaft ist eine bedeutendere Stadt. Ihre breiten, luftigen,
gut unterhaltenen Straßen zeigen, trotz einer Bevölkerung von
fünfzehntausend Seelen, nicht viel Verkehr. Man findet hier Spaziergänge
an der Stelle der alten Wälle, eine bischöfliche Kathedrale auf einem
Hügel und auch einzelne, kaum erkennbare Spuren der Abtei St. Columba
und des Tempal More, eines merkwürdigen Gebäudes aus dem zwölften
Jahrhundert.
Der belebte Hafen führt eine Menge Erzeugnisse aus, Waaren aller Art,
Schiefer, Bier und Vieh, aber auch recht viele Auswandrer. Wie viele
dieser von der Noth vertriebenen unglücklichen Irländer kehren aber
schließlich in die Heimat zurück!
Es ist kein besondres Ereigniß, daß ein Schooner den Hafen von
Londonderry verläßt, wo täglich Hunderte von Fahrzeugen die enge Bai des
Lough-Foyle hinauf- und herabsegeln. Warum sollte also die Abfahrt
der »Doris« auffallen bei einem Schiffsverkehr, der sich jährlich auf
sechsmalhunderttausend Tonnen beläuft?
Das ist ja richtig. Die Goëlette verdient aber unsre besondre
Aufmerksamkeit, weil sie »Cäsar und sein Glück« trug. Cäsar war in
diesem Falle freilich Findling, und sein Glück (oder Vermögen) war die
Ladung, die das Schiff nach Dublin bringen sollte.
Der jugendliche Chef von Little Boy and Co. befand sich an Bord der
»Doris« aber aus folgenden Gründen:
Nach der Verheiratung Sissys und Grips war der »Kleine Geldbeutel«
wegen des neuen Jahres sehr stark beschäftigt gewesen. Da galt es, die
Inventur aufzustellen, die zahlreichen Käufer zu befriedigen, den Bazar
noch mehr zu erweitern u. s. w. Grip war tüchtig ins Zeug gegangen,
obgleich er sein eheherrliches Erstaunen noch nicht überwunden hatte.
Der Gatte der reizenden Sissy zu sein, das erschien ihm immer noch wie
ein Traum, der jeden Augenblick verschwinden könnte.
»Ich versichere Dir aber, daß Du verheiratet bist, sagte ihm Bob
wiederholt.
-- Ja, ja, Bob, es scheint mir auch so, und doch... manchmal kann ich's
gar nicht glauben.«
Das Jahr 1887 begann also unter den günstigsten Verhältnissen. Findling
konnte nur wünschen, daß alles in gleicher Weise fortginge; nur eine
schwere Sorge drückte ihn: das Los der Mac Carthy's sicherzustellen,
wenn die armen Leute den Fuß wieder auf irischen Boden setzen würden.
Ueber den »Queensland«, auf dem sie sich befanden, war bisher nichts zu
hören gewesen, obwohl Findling alle Seeberichte aufmerksam verfolgte.
Erst am 14. März fand er in der »Shipping-Gazette« folgende Zeilen:
»Der Dampfer »Burnside« hat am 3. laufenden Monats den Segler
»Queensland« bei Assuncion getroffen.«
Segelschiffe, die von Süden her kommen, können ihre Fahrt nicht
durch Benützung des Suezcanales abkürzen, denn es ist schwierig, ohne
Maschinenkraft das Rothe Meer hinauf zu fahren. Der »Queensland« mußte
also von Australien nach Europa den Weg ums Cap der Guten Hoffnung
einschlagen und befand sich demnach jetzt noch auf hoher See. Bei
günstigem Winde konnte er nach zwei bis drei Wochen in Queenstown
eintreffen. Bis dahin hieß es also sich zu gedulden.
Die Begegnung der beiden Schiffe gab doch wenigstens einen Fingerzeig.
Jedenfalls hatte Findling gut daran gethan, jene Nummer der
»Shipping-Gazette« zu lesen, schon weil er dabei folgende Anzeige fand:
»Londonderry, den 13. März. -- Uebermorgen, am 15. d., kommt die Ladung
des Schooners »Doris« von Hamburg zur öffentlichen Versteigerung. Diese
beträgt hundertfünfzig Tonnen und umfaßt Alkohol und Wein in Fässern,
Kisten mit Seife, Ballen mit Kaffee, Säcke mit Gewürzen u. s. w. --
Der Verkauf findet statt auf Antrag der Gläubiger, der Herren Gebrüder
Harrington u. s. w.«
Findling kam beim Lesen dieser Annonce der Gedanke, daß hier vielleicht
etwas zu verdienen sei, da die Fracht der »Doris« bei einer Auction
voraussichtlich zu billigem Preise wegging. Die Art der Waaren paßte
ja für sein eignes Geschäft, und so ging ihm die Sache so sehr im Kopfe
herum, daß er O'Brien deshalb um Rath fragte.
Der Ex-Kaufmann durchlas die Anzeige, hörte die Erwägungen des Knaben an
und antwortete nach einiger Ueberlegung:
»Ja, hier wäre wohl ein Geschäft zu machen. Alle diese Waaren ließen
sich, wenn man sie billig ersteht, mit hübschem Nutzen verwerthen...
doch unter zwei Bedingungen: erstens, daß sie tadelloser Qualität
sind, und zweitens, daß man sie fünfzig bis sechzig Procent unter dem
Marktpreise erhält.
-- Das ist auch meine Meinung, Herr O'Brien, antwortete Findling; es
läßt sich etwas bestimmtes über die Sache nicht eher sagen, als bis man
die Ladung der »Doris« selbst besichtigt hat. Ich denke noch heute Abend
nach Londonderry zu fahren.
-- Du hast Recht... ich werde Dich begleiten, mein Sohn. Ich verstehe
mich auf derlei Waaren, mit denen ich mein Leben lang zu thun gehabt
habe.
-- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, nur weiß ich nicht, wie ich Ihnen
meine Erkenntlichkeit beweisen kann....
-- Versuchen wir, aus der Sache ein gutes Geschäft zu machen, mehr
verlange ich nicht.
-- Dann ist aber keine Zeit zu verlieren, erwiderte Findling, die
Versteigerung ist schon für übermorgen angesetzt....
-- Ich bin bereit, mein Sohn; ich brauche nur meine Reisetasche zu
holen. Morgen sehen wir uns die Ladung der »Doris« ganz genau an.
Uebermorgen kaufen wir sie oder kaufen sie nicht, je nach ihrer Güte und
ihrem Preis, und am Abend geht's zurück nach Dublin.«
Findling benachrichtigte Grip und Sissy sofort von seiner Absicht,
ein Geschäft zu wagen, das fast seine gesammten Geldmittel in Anspruch
nehmen würde. Er vertraute ihnen also für achtundvierzig Stunden die
Oberleitung des Bazars »Zum kleinen Geldbeutel« an.
So kurz die Trennung auch war, konnten sich Grip und Bob doch gar nicht
darein finden... vorzüglich der kleine Knabe nicht. Seit viereinhalb
Jahren war es das erste Mal, daß Findling und er nicht bei einander sein
sollten. Auch zwei leibliche Brüder hätte kein innigeres Band verknüpfen
können. Sissy sah »ihr liebes Kind« nicht ohne Beunruhigung fortgehen.
Eine Abwesenheit von wenigen Tagen hatte am Ende aber doch nicht viel
zu bedeuten. Was das Vorgehen Findlings selbst betraf, das auch O'Brien
gebilligt hatte, wußte sie ja, daß jener nichts unternehmen würde, was
seine Lage erschüttern und einer halsbrecherischen Speculation ähnlich
sein könnte. Mit dem Zuge zehn Uhr abends fuhren die beiden Kaufleute,
der alte und der junge, ab. Diesmal kam Findling über Belfast, die
Hauptstadt der Grafschaft Down hinaus... Belfast, wo er seine liebe
Sissy wiedergefunden hatte. Am folgenden Morgen um acht Uhr langten die
beiden Reisenden am Bahnhofe in Londonderry glücklich an.
Wie seltsam doch das Schicksal spielt! In Londonderry, wo er jetzt ein
bedeutendes Handelsgeschäft abschließen wollte, befand sich Findling nur
dreißig Meilen weit von dem Weiler Rindock, im Herzen von Donegal, wo
sein Leben unter so elenden Verhältnissen begonnen hatte. Ein Dutzend
Jahre waren vergangen, er hatte inzwischen ganz Irland durchstreift und
wie viel Glückswechsel erlitten, wie viele Widerwärtigkeiten zu besiegen
gehabt! Mußte er nicht unwillkürlich an die jetzige Veränderung seiner
Lage denken?
O'Brien unterwarf die Ladung der »Doris« einer sehr eingehenden Prüfung.
Der Qualität und der Art nach entsprachen die Waaren vollständig den
Ansprüchen des Hauses zum »Kleinen Geldbeutel«. Konnte er sie billig
erstehen, so erzielte er damit einen großen Gewinn, der sein Capital
mindestens vervierfachte. Der alte Kaufmann hätte auch nicht gezögert,
dieses Geschäft für eigne Rechnung zu unternehmen. Er rieth Findling
sogar, den Gebrüdern Harrington noch vor der Auction einen annehmbaren
Preis zu bieten.
Der Rath erwies sich gut. Findling traf mit den Gläubigern der
»Doris« ein Uebereinkommen und erhielt die ganze Ladung zu einem desto
annehmbareren Preise, als er sofortige Bezahlung dafür leistete. Wenn
schon die Jugend des Käufers die Verwunderung der Herren Harrington
erweckte, so that das der Scharfsinn, womit dieser sein Interesse
wahrnahm, nur noch viel mehr. Da sich auch O'Brien persönlich verbürgte,
wickelte sich die Angelegenheit ganz allein ab und wurde bei der ersten
Verhandlung darüber mittelst eines Checks auf die Bank von Irland
geregelt.
Für dreitausendfünfhundert Pfund -- fast das ganze Vermögen Findlings --
erhielt dieser die ganze Ladung der »Doris«, nach Abschluß des Geschäfts
aber konnte er sich einer gewissen Erregung doch nicht ganz erwehren.
Was den Transport der Fracht nach Dublin betraf, schien es am
einfachsten, gleich die »Doris« dazu zu benützen, um eine Ueberladung
nach einem andern Schiffe zu ersparen. Der Kapitän derselben verlangte
auch gar nicht mehr, als daß ihm seine Schiffsmiethe gesichert wurde,
und bei günstigem Wind konnte die Ueberfahrt kaum mehr als zwei Tage in
Anspruch nehmen.
Nachdem auch das geordnet war, hatten O'Brien und sein junger Begleiter
nur wieder den Abendzug zu besteigen, dann würde ihre Abwesenheit nicht
mehr als sechsunddreißig Stunden gedauert haben.
Da kam es Findling in den Sinn, O'Brien den Vorschlag zu machen, auf der
»Doris« nach Dublin heimzukehren.
»Ich danke Dir, mein Sohn, antwortete der alte Kaufmann, doch das Meer
und ich, wir sind niemals die besten Freunde gewesen. Doch wenn Du Lust
hast...
-- Gewiß, Herr O'Brien. Eine so kurze Ueberfahrt bietet ja keine so
besondre Gefahr und ich würde lieber bei meiner Waarenladung bleiben.«
O'Brien fuhr also allein nach Dublin zurück, wo er mit dem Frühroth des
folgenden Tages eintraf.
Im gleichen Augenblick verließ die »Doris« den Canal der Foyle und
steuerte nach dem engen Fahrwasser, das die Bai mit dem Canal des
Nordens in Verbindung setzt.
Die Nordwestbrise war ihrer Fahrt günstig; bei Fortdauer derselben mußte
die Ueberfahrt ausgezeichnet verlaufen. Der Schooner konnte sich in der
Nähe der Küste halten, wo das Meer unter dem Schutze der hohen Küsten
stets ruhiger ist. Freilich ist man im Monat März bei Annäherung der
Tagundnachtgleiche im irischen Meere niemals vor Ueberraschung sicher.
Die »Doris« wurde von einem Kapitän der Küstenfahrt John Clear
befehligt, der acht Matrosen zu ihrer Bedienung hatte. Alle schienen
mit ihrer Aufgabe bestens vertraut und kannten die Küste von Irland von
vielen Fahrten längs derselben her genau. Von Londonderry nach Dublin
wären sie zur Noth mit geschlossenen Augen gesegelt.
Unter vollen Segeln glitt die »Doris« aus der Bai hinaus. Auf dem Meere
angelangt, konnte Findling den Hafen von Innishafen erkennen, der am
Eingang einer durch die Spitze von Donegal gedeckten Bai liegt, und
weiterhinaus das mit dem Cap Malin auslaufende lange Vorgebirge, das im
Norden Irlands am allerweitesten hinausragt.
Der erste Tag ließ sich ganz glücklich an. Für den jungen Knaben war
es ein wahrer Hochgenuß, unter den Segeln der »Doris« über das leicht
bewegte Meer dahinzuschaukeln. Von der Seekrankheit fühlte er keine
Spur. Ein Schiffsjunge hätte nicht mehr Seemann sein können als er. Nur
ein Gedanke beschäftigte ihn wiederholt, der an die im Raum der Goëlette
verstaute Fracht und daneben an die ungeheure Tiefe, die sich nur zu
öffnen brauchte, um sein ganzes Vermögen zu verschlingen.
Für diese Befürchtung lag jedoch kaum ein Grund vor. Die »Doris« war
ein solides Fahrzeug und ein vortrefflicher Segler, mit dem ihr Kapitän
unter allen Verhältnissen umzugehen verstand.
Wie schade, daß Bob nicht mit an Bord war! Wie hätte sich dieser
gefreut, einmal wirklich zu schwimmen, nicht wie auf dem »Vulcan«, wenn
dieser im Hafen von Cork oder Dublin vor Anker lag. Hätte Findling
eine Ahnung von dieser Rückfahrt zu Wasser gehabt, so würde er Bob
unzweifelhaft mitgenommen haben und dieser wäre am Ziele seiner
sehnlichsten Wünsche gewesen.
Das Ufer, das sich längs der Grafschaft Antrim hinzieht, ist herrlich
anzusehen. Es hat überall weiße Mauern von Kreidefelsen und in diesen
so viele Höhlen, daß das ganze Personal der gaëlischen Mythologie darin
Raum gefunden hätte. Hier ragen die »Kaminschornsteine« empor, deren
Rauch nur aus dem Wasserdunst der Brandung besteht, und erheben sich
trotzige Steilufer, die mehr den Mauern einer Festung gleichen. Dort
wieder dehnt sich die Chaussée der Riesen aus, die aus lothrecht
stehenden Säulen, wunderlichen Basaltpfeilern, gebildet ist, welche von
den anprallenden Wogen einen metallischen Ton geben, und deren es, wenn
man den Touristen glauben darf, über vierzigtausend geben soll. Alles
das bietet einen bezaubernden Anblick.
Die »Doris« hütete sich freilich, dem Riffgürtel nahe zu kommen, und
um vier Uhr nachmittags segelte sie, das schottische Mull von Cantire
nordöstlich liegen lassend, zwischen dem Cap Fair und der Insel Rathlin
ein, um den Nordcanal zu gewinnen.
Die Nordwestbrise hielt sich bis drei Uhr nachmittags und zertheilte die
hoch in der Luft dahinziehenden Wolken.
Während der Schooner so in zwei bis drei Meilen Entfernung vom Ufer
dahinsteuerte, war kaum ein leichtes Rollen, und vorzüglich gar kein
Schlingern des Schiffes wahrzunehmen. Findling hatte das Deck keinen
Augenblick verlassen; hier wollte er bleiben, bis ihn vielleicht
die nächtliche Kälte nach der Cabine des Kapitäns hinuntertrieb.
Voraussichtlich ließ diese erste Seefahrt in ihm die angenehmste
Erinnerung zurück, und er beglückwünschte sich schon, seine Ladung
selbst begleitet zu haben. Er hoffte mit einem gewissen Stolz in den
Hafen von Dublin einzulaufen, wo ihn Grip, Sissy, Bob und Kat, die
ja von O'Brien benachrichtigt sein mußten, gewiß mit Jubel empfangen
würden.
Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags ballten sich im Osten dichte
Dunstmassen zusammen. Der Himmel nahm schnell ein mehr bedrohliches
Aussehen an. Die scharfbegrenzten, vor entgegengesetztem Winde
treibenden Wolken stiegen mit großer Schnelligkeit auf. Keine Lichtung
verrieth, daß diese Windrichtung vor Einbruch der Nacht wieder
umschlagen würde.
»Achtung vor der Böe!« Das schien am äußersten Rande des Meeres
geschrieben zu sein. John Clear verstand es, denn seine Stirn
verdüsterte sich, als er den Horizont aufmerksam musterte.
»Nun, Herr Kapitän, fragte Findling, den die Haltung John Clear's nicht
weniger wie die der Matrosen etwas staunen machte.
-- Ja, die Sache gefällt mir nicht,« antwortete der Kapitän, der sich
nach Westen zu wandte.
In der That flaute die bisherige Brise schon merkbar ab. Die schlaffen
Segel begannen klatschend an die Masten zu schlagen. Nur dann und wann
vermochte sie noch ein leiser Windhauch zu schwellen. Die jetzt weniger
gehaltene »Doris« begann zu rollen. Das Steuerruder versagte, da das
Schiff kaum noch Fahrt machte, fast den Dienst.
Findling litt von diesem Rollen indeß nicht allzuviel, obwohl dasselbe
auf den sonst ruhigen Meeren unangenehmer erscheint, und er ging auch
nicht nach der Kapitänscabine hinunter, wozu ihn John Clear schon
aufgefordert hatte.
Inzwischen wurden die Windstöße von Osten her häufiger und stärker,
so daß sie das Wasser der Oberfläche des Canals zerstäubten. Ueber zwei
Drittel des Horizonts flohen lange Wolken hin, die bei den Strahlen der
sinkenden Sonne noch drohender erschienen, als sie vielleicht wirklich
waren.
Der Kapitän Clear ordnete nun die nöthigen Vorsichtsmaßregeln an; er
ließ die Segel einziehen oder brassen, und behielt nur die Stagsegel
bei, die ein Schiff nicht entbehren kann, wenn es gegen einen Sturm
aufkommen will. Der Schooner war übrigens schon vorher etwas weiter
vom Ufer abgebracht worden, um, wenn er den Wind nicht passend abfangen
konnte, wenigstens nicht bis ans Land getrieben zu werden.
Jeder Seemann weiß, daß die atmosphärischen Strömungen zur Zeit
der Aequinoctien vorzüglich im Norden häufig mit furchtbarer Gewalt
auftreten. Noch war es auch nicht Nacht geworden, als die »Doris« vom
heulenden Sturm gepackt wurde. Niemand, der nicht selbst Zeuge
eines solchen Vorganges gewesen ist, vermag sich davon eine richtige
Vorstellung zu machen.
Nach Sonnenuntergang erschien der Himmel vollkommen schwarz. Die Luft
zerriß ein schrilles Pfeifen, unter dem zahlreiche Möwen nach dem Lande
zu flatterten. In einem Augenblick wurde der Schooner vom Kiel bis zu
den Mastspitzen gewaltig erschüttert. Das Meer kam, wie der Ausdruck
lautet, »von drei Seiten«, das heißt, die von wechselnden Windstößen
gepeitschten Wogen stürzten sich gleichzeitig über den Bug und über die
Seiten der »Doris« herein. Alles, vom Klüverbaum bis zum Steuerruder,
wurde umgerissen und nur mit größter Mühe vermochte man sich auf dem
Verdeck zu erhalten. Der Mann am Steuer mußte festgebunden werden und
die Matrosen suchten sich längs der Bordwand zu schützen.
»Gehen Sie hinunter, sagte John Clear zu Findling.
-- Erlauben Sie mir, Kapitän...
-- Nein, nein, hinunter, sag' ich, oder Sie werden von einer Sturzwelle
mit hinausgespült.«
Findling gehorchte. Sehr beunruhigt kam er nach der Cabine, obwohl er
weit weniger an sich selbst dachte. Nur seine Ladung lag ihm am Herzen.
Sein ganzes Vermögen war jetzt an Bord eines Schiffes in Gefahr...
und wenn er es einbüßte, mußte er auf alles, was er Gutes thun wollte,
verzichten....
Die Lage wurde allmählich sehr ernst. Vergebens hatte der Kapitän
versucht, die »Doris« dem Sturme gerade entgegenzustellen, um sich
von der Küste zu entfernen, oder wenigstens nicht näher an dieselbe
herangetrieben zu werden. Da wurde gegen ein Uhr nachts leider die Fock-
und die Bugsprietstenge weggerissen und eine Stunde später brachen auch
Masten.
Sofort neigte sich die »Doris« auf Steuerbord, und da die Fracht im Raum
sich verschoben hatte, konnte sie sich nicht wieder aufrichten und kam
in Gefahr, über die Reling voll Wasser zu laufen.
Findling, der gegen die Wände der Cabine geschleudert worden war, kam,
im Finstern umhertappend, mit Mühe wieder auf die Füße.
Da drang in einem ruhigeren Augenblicke lautes Geschrei bis zu ihm
herab. Auf dem Verdeck entstand ein unerkennbares Geräusch, so daß man
fast glauben konnte, es sei durch eine einstürzende Welle eingeschlagen
worden.
Doch nein. Außer Stande, die Goëlette wieder emporzurichten und in der
Befürchtung, daß sie untergehen werde, traf John Clear Vorbereitungen,
sie zu verlassen. Trotz der Schwierigkeit, die das Schiefstehen des
Schiffes mit sich brachte, hatte man bereits die Schaluppe ins Wasser
niedergelassen, um sich sofort in diese zu retten. Findling begriff das,
als er sich vom Kapitän durch die geöffnete Treppenkappe rufen hörte.
Ihm konnte es aber gar nicht in den Sinn kommen, die Goëlette und
alles, was sie trug, zu verlassen. Wenn es nur eine einzige Aussicht auf
Rettung gab, wollte er diese wahrnehmen. Er kannte ja die Seegesetze:
wenn das Meer ein verlassenes Schiff nicht verschlingt, gehört es dem
ersten, der an Bord desselben kommt. Das ist gesetzliche Bestimmung und
wird in England buchstäblich so gehalten.
Das Schreien wurde lauter. John Clear rief auch noch immer nach
Findling.
»Wo steckt er denn? wiederholte er.
-- Wir sinken!... Wir sinken! riefen die Matrosen.
-- Aber... der Knabe?...
-- Wir können nicht warten...
-- O, ich werde ihn finden!«
Der Kapitän kam die Treppe herunter.
Findling war nicht mehr in der Cabine.
Ohne darüber nachzudenken, mehr von Instinct geleitet, hatte er sich,
fest entschlossen, auf dem Schiffe auszuhalten, durch eine gebrochene
Luke in den untern Raum geflüchtet.
»Wo ist er? Wo ist er? wiederholte der Kapitän ihn laut rufend.
-- Er wird auf's Verdeck gekommen sein... meinte ein Matrose.
-- Wird ins Meer gestürzt sein, setzte ein andrer hinzu.
-- Wir sinken!... Wir sinken!«
Diese Rufe kreuzten sich unter einem entsetzlichen Wirrwarr. Die »Doris«
hatte sich in der That bei einer furchtbaren Rollbewegung so weit
geneigt, daß man fürchten konnte, sie würde bald mit dem Kiel nach oben
schwimmen.
Ein Zögern war nicht mehr möglich. Da Findling keine Antwort gab, war
er sicherlich, bei der Finsterniß von keinem bemerkt, nach dem Verdeck
hinausgekommen und über Bord geschwemmt worden.
Der Kapitän Clear erschien wieder, als die Goëlette unter zwei
ungeheuern Wellenbergen fast verschwand. Seine Mannschaft und er
sprangen in die Schaluppe, deren Taue sofort losgeworfen wurden. So
wenig man hoffen konnte, daß das Boot dem wüthenden Meere werde Trotz
bieten können, so gab es doch die letzte Aussicht auf Rettung, und unter
kräftigem Ruderschlage entfernte es sich, um nicht in den Strudel des
versinkenden Schooners hineingezogen zu werden.
Die »Doris« war nun ohne Kapitän, ohne Mannschaft; sie war aber kein
verlassnes Fahrzeug, keine Seetrift, da Findling sich noch darauf
befand.
Er war allein... allein... jeden Augenblick bedroht, in die Tiefe
gerissen zu werden. Und doch verzweifelte er nicht; ein wunderbares
Vertrauen hielt ihn aufrecht. Nach dem Deck emporgestiegen, glitt er
bis zur Schanzkleidung unter dem Winde nach einer Stelle, wo das Wasser
nicht durch Speigatten eindringen konnte. Doch wie drängten sich da die
Gedanken in seinem Kopfe! Vielleicht war es zum letzten Male, daß er
derer gedachte, die er liebte, der Mac Carthy's, der Familie, die
er sich mit Grip, Sissy, Bob, Kat und O'Brien geschaffen hatte, und
inbrünstig flehte er zu Gott, daß er ihn retten möchte um ihret-, wie um
seiner selbst willen....
Die »Doris« beugte sich nicht weiter zur Seite, so daß eine unmittelbare
Gefahr ausgeschlossen schien. Zum Glück hatte der feste Rumpf des
Schiffes gut zusammengehalten und noch konnte kein Wasser in dessen
Inneres dringen. Lag die Goëlette im Course eines andern Schiffes
und machten deren Retter ein Eigenthumsrecht daran geltend, so würde
Findling bei der Hand sein, seine unversehrt gebliebene Fracht zu
beanspruchen, die von dem aufgeregten Meere ja nicht erreicht worden
war.
Die Nacht verging. Mit dem ersten Morgenrothe verlor der Sturm an
Stärke. Freilich dauerte der hohe Seegang noch immer fort.
Findling lugte ins Weite hinaus und in der Richtung nach dem Lande zu.
Im Westen war nichts zu erkennen, keine Umrisse einer Küste in Sicht.
Jedenfalls hatte der nächtliche Sturm die »Doris« aus dem Nordcanal
verschlagen und schwankte sie jetzt auf dem freien irischen Meere,
vielleicht Dundalk oder Drogheda gegenüber... doch in welcher
Entfernung von da?...
Draußen auf hoher See zeigte sich auch weder ein Schiff noch ein
Fischerboot, und von einem solchen aus hätte man den schiefliegenden
Rumpf, der immer und immer wieder von den Wellenbergen verdeckt wurde,
kaum bemerken können.
Die einzige Hoffnung lag aber doch darin, bald aufgefunden zu werden.
Wenn die »Doris« etwa wieder weiter nach Westen hintrieb, mußte sie noch
auf den Klippen, die die Küste umgürten, elend zu Grunde gehen.
Leider erwies sich jeder Versuch, ihr eine bestimmte Richtung zu geben,
ganz vergeblich, und vergeblich spannte Findling einen Fetzen Leinen
zwischen zwei Tauen auf. Auf eigne Hilfe konnte er also nicht mehr
rechnen -- er war nur noch in der Hand Gottes.
Der Tag verstrich ohne Verschlimmerung der Lage. Findling fürchtete
jetzt nicht mehr, daß die »Doris« untergehen könne, vorzüglich, da auch
ihre Neigung nach Steuerbord nicht weiter zugenommen hatte. Nun blieb
ihm nur noch eins übrig: Ausschau zu halten, ob sich nicht ein Schiff in
der Ferne zeige.
Inzwischen verzehrte der Knabe einen Imbiß, um wieder etwas zu Kräften
zu kommen, und keinen Augenblick bemächtigte sich seiner, der die volle
Herrschaft über seine geistigen Fähigkeiten behielt, die Verzweiflung.
Er hatte nur das Eine im Auge: er vertheidigte hier sein ganzes Hab und
Gut.
Um drei Uhr nachmittags wirbelte im Osten eine Rauchsäule in die Luft.
Eine halbe Stunde später wurde ein großer Dampfer sichtbar, der in der
Entfernung von fünf bis sechs Meilen von der »Doris« nach Norden zu
steuerte.
Findling gab mit einer Flagge Nothzeichen... sie wurden nicht bemerkt.
Die außergewöhnliche Energie des Knaben ließ ihn auch jetzt den Muth
noch nicht verlieren, wo er mit herangekommenem Abend auf eine weitere
Begegnung nicht mehr zählen durfte. Nichts deutete darauf hin, daß er
sich nahe dem Lande befand. Die bewölkte, mondlose Nacht mußte ganz
dunkel werden. Zum Glück schien wenigstens der Wind nicht wieder
auffrischen zu wollen und das Meer hatte sich wesentlich beruhigt.
Da es ziemlich kalt geworden war, schien es ihm am rathsamsten, in die
Cabine hinunter zu gehen, denn vom Deck aus hätte er schon auf eine
halbe Kabellänge hinaus doch nichts zu erkennen vermocht. Erschöpft
von den langen Stunden der Angst und außer Stande, dem Schlafe zu
widerstehen, zog Findling die Decke vom Lager, auf das er sich wegen der
schiefen Haltung des Schiffes nicht hätte legen können und nachdem er
sich eingehüllt und neben der Wand hingestreckt hatte, fiel er bald in
tiefen Schlummer.
Der Tag begann schon zu grauen, als er durch ein lautes Zanken draußen
erweckt wurde. Er richtete sich auf und lauschte. Befand sich die
»Doris« jetzt nahe der Küste?
War sie am frühen Morgen von einem andern Schiffe aufgefunden worden?
»Uns gehört es!... Wir waren zuerst daran! riefen einige Männerstimmen.
-- Nein... uns!« antworteten andre.
Findling begriff sofort, was hier vorging. Irgendwelche
Schiffsmannschaften hatten wettgeeifert, das Wrack anzulaufen, und
stritten sich jetzt, wem es zufallen sollte. Jetzt hatten sie den
Rumpf erklettert, waren auf das Verdeck gekommen und geriethen ins
Handgemenge. Zwischen den Rettungsmannschaften hagelte es Schläge.
Findling hätte sich nur zu zeigen gebraucht, um die Kampfhähne zur Ruhe
zu bringen. Dessen hütete er sich aber weislich. Die Leute hätten sich
einfach gegen ihn gewendet und ihn jedenfalls über Bord geworfen, um
jeder späteren Reclamation zu entgehen. Er mußte sich also ohne Säumen
verstecken und brachte sich zwischen den Waarenballen im Schiffsraume in
Sicherheit.
Einige Minuten später hatte der Tumult aufgehört -- ein Beweis, daß
die Leute Friede geschlossen hatten. Sie waren übereingekommen, das
verlassene Schiff vereint nach dem nächsten Hafen zu bugsieren und dort
ihre Beute zu theilen.
Zwei Fischerboote, die vor Tagesanbruch aus der Bai von Dublin
abgesegelt waren, hatten den treibenden Schooner zwei bis drei Meilen
seewärts entdeckt und sofort aus Leibeskräften darauf zugehalten, denn
nach geltendem Gesetz und Recht gehörte die Trift dem, der zuerst die
Hand daran legte. Die Boote waren jedoch zu gleicher Zeit herangekommen.
Daraus entstand der Streit, das Handgemenge, die Prügelei, und
schließlich der beiderseitige Beschluß, die Beute zu theilen. Da hätten
die saubern Küstenfischer freilich »einen schönen Fang« gemacht.
Kaum hatte Findling sich in den Frachtraum geflüchtet, als die
Kerle auch schon die Treppe herabgepoltert kamen, um die Cabine zu
untersuchen. Findling konnte sich wahrlich Glück wünschen, ein sichres
Versteck aufgesucht zu haben, als er die Worte hörte:
»Es ist ein wahrer Segen, daß sich kein Mensch an Bord befindet!
-- O, wenn's nur einer war, den hätten wir ja bald abgethan!«
Die rohen Patrone würden auch vor einem Verbrechen nicht
zurückgeschreckt sein, um sich das Eigenthum an der Seetrift zu sichern.
Eine halbe Stunde später wurde der Rumpf der »Doris« von zwei Booten ins
Schlepptau genommen, die mit Hilfe der Segel und der Ruder der Bai von
Dublin zustrebten.
Um neuneinhalb Uhr befanden sie sich an deren Eingange. Da sie bei der
herrschenden Ebbe die »Doris« aber nur schwierig hätten hineinlootsen
können, wendeten sie sich nach Kingstown, wo sie am Bollwerke anlegten.
Hier warteten viele Leute. Da die Ankunft der »Doris« signalisirt worden
war, hatten O'Brien, Grip und Sissy, Bob und Kat, die von deren Rettung
erfuhren, sofort einen Zug nach Kingstown benutzt und befanden sich
jetzt am Bollwerk.
Ihren Schmerz, als sie hörten, daß die Fischer nur ein verlassenes Wrack
hereingeschleppt hätten, kann man sich wohl vorstellen. Findling war
nicht mehr an Bord... er war also umgekommen. Grip und Sissy, Bob und
Kat weinten heiße Zähren.
Da erschien der Hafenkapitän, dem die Untersuchung der Bergung oblag und
der zu entscheiden hatte, wem Schiff und Ladung rechtlich zukam. Hier
schienen die Bergungsmannschaften außergewöhnliches Glück gehabt zu
haben.
Plötzlich tauchte durch die Treppenkappe ein Knabe auf. Da jubelten die
Seinigen hoch auf vor Freude und murrten und schimpften die Fischer als
Antwort.
Im nächsten Augenblick befand sich Findling auf dem Quai, wo ihn alle
herzlich umarmten. Dann trat er auf den Hafenkapitän zu.
»Die »Doris« ist niemals verlassen gewesen, erklärte er mit fester
Stimme, und die Fracht, die sie trägt, gehört mir!«
In der That hatte er die reiche Ladung nur durch sein Verbleiben an Bord
gerettet.
Jede Verhandlung erschien überflüssig. Findlings Anrecht war
unbestreitbar, das Eigenthum an der Fracht wurde ihm zugesprochen, wie
das an der »Doris« dem Kapitän Clear und seinen Leuten, die sich am
Tage vorher zu retten vermocht hatten. Die Fischer mußten sich mit dem
gesetzlich bestimmten Bergelohn begnügen.
Das war nun eine Freude, als alle eine Stunde später im Bazar »Zum
kleinen Geldbeutel« wieder vereinigt waren. Die erste Seefahrt Findlings
hatte sich leider gar zu gefährlich gestaltet. Und doch rief Bob immer:
»Ach, ich möchte mit Dir auf dem Schiffe gewesen sein!
-- Auch unter diesen Verhältnissen, Bob?
-- Ja, erst recht!«