V.

Schäferhund und Jagdhund.

Von Cahersiveen am Morgen des 11. August abgefahren, machte der

Landauer, der der an den ersten Verzweigungen der Iveraghberge

verlaufenden Küstenstraße folgte, nach kurzer Rast in Kells, einem

Flecken an der Dingle-Bai, am Abend und für die Nacht in Killorglin

Halt. Den ganzen Tag über hatte das windige, regnerische Wetter

angehalten; am nächsten Tage aber wurde es geradezu abscheulich. Nur

Schloßen und Sturm, unter denen Ihre Herrlichkeiten die dreißig Meilen

zwischen Valentia und Killarney zurücklegen mußten, wo sie in einer

ebenso abscheulichen Stimmung eintrafen, um hier die letzte Nacht auf

der Reise zuzubringen.

Am folgenden Tage bestieg die Gesellschaft die Eisenbahn und kam gegen

drei Uhr, nach zehntägiger Abwesenheit, wieder in Schloß Trelingar an.

Der Marquis und die Marquise hatten den traditionellen Ausflug nach den

Seen von Killarney und durch die Berggegend von Kerry... überstanden.

»Und das wär' es werth gewesen, so viele Beschwerden auf sich zu nehmen!

sagte die Marquise.

-- Und so entsetzliche Langweile!« setzte der Marquis hinzu.

Findling freilich brachte eine Menge schöner Erinnerungen mit heim.

Seine erste Sorge war es, sich bei der Kat nach Birk zu erkundigen.

Der Hund befand sich wohl. Kat hatte ihn nicht vergessen. Jeden Abend

war er nach der Stelle gekommen, wo ihn die Wäscherin nach besten

Kräften fütterte.

Noch am nämlichen Abend und ehe er auf sein Stübchen ging, begab sich

Findling nach der Außenseite der Wirthschaftsgebäude, wo Birk

ihn erwartete. Die Freude des Wiedersehens und die gegenseitigen

Liebkosungen dabei kann man sich wohl denken. Birk erschien zwar etwas

abgemagert, denn ganz satt mochte er nicht jeden Abend geworden sein,

es war damit aber nicht zu schlimm bestellt und noch zeigten seine

intelligenten Augen den früheren Glanz. Sein Herr versprach ihm, wenn

irgend möglich, jeden Abend zu kommen, und sagte dem Thiere gute

Nacht. Birk verstand, daß er sich fügen mußte und machte keine weiteren

Ansprüche. Uebrigens galt es, klug zu sein. Die Anwesenheit Birks in der

Nähe von Trelingar-castle war mindestens gespürt worden, denn die Hunde

hier hatten wiederholt verdächtig angeschlagen.

Im Schlosse begann nun das frühere Leben wieder -- das Vegetieren, wie

es den Insassen von hoher Geburt so vorzüglich zusagte. Der Aufenthalt

hier sollte bis zur letzten Septemberwoche dauern, bis zu dem

Zeitpunkte, wo die Piborne's ihr Winterquartier in Edinburg zu beziehen

pflegten, von wo sie nur zur Zeit der Parlamentssitzungen nach London

übersiedelten. Inzwischen puppten sich der Marquis und die Marquise

in langweiliger Vornehmheit völlig ein. Nur die Besuche in der

Nachbarschaft begannen wieder mit tödtlicher Regelmäßigkeit. Dabei

konnte man von dem Ausfluge nach Killarney sprechen. Lord und Lady

Piborne mischten da ihre Reiseeindrücke zu denen einiger Freunde, die

jene Fahrt bereits gemacht hatten. Sie mußten sich übrigens beeilen,

denn schon verblichen der Marquise alle Erinnerungen, ja sie konnte

sich schon nicht mehr des Namens der Insel entsinnen, von der das

»elektrische Tau« abging, an dem Europa zog, um Amerika anzuklingeln, so

wie sie nach John oder Marion klingelte.

Dieses einsilbige Leben wurde Findling allgemach höchst peinlich. Er sah

sich immer der schlimmen Behandlung durch Scarlett ausgesetzt, der

ihn als Sündenbock betrachtete. Andrerseits ließen ihm die Grillen

des Grafen Ashton keine Stunde Muße. Jeden Augenblick war ein Befehl

auszuführen, ein Gang zu machen, und dann kam wieder Gegenbefehl, so daß

der junge Groom niemals zur Besinnung kam. Er fühlte gleichsam an Händen

und Füßen einen tyrannischen Faden, der ihn unaufhörlich in Bewegung

setzte. Im Vorzimmer wie in den Dienerstuben lachten die Leute, ihn so

gerufen, weggeschickt und doch eigentlich zum Narrn gehalten zu sehen,

was ihn tief genug kränkte.

Des Abends, wenn er endlich nach seinem Stübchen gekommen war, begann er

dann über die Lage nachzugrübeln, in die ihn das Elend gedrängt hatte.

Immer der Groom des Grafen Ashton zu bleiben, das führte ja zu nichts.

Er war zu etwas besserem geschaffen. Nur ein Diener, gleichsam eine

Maschine zum Gehorchen zu sein, verletzte seinen Sinn für Unabhängigkeit

und den Ehrgeiz, der in ihm wohnte. Auf der Farm... ja, da stand er mit

den übrigen Bewohnern wenigstens auf gleicher Stufe und man sah ihn als

Kind des Hauses an. Wohin waren jetzt die Zärtlichkeiten der Großmutter,

die Liebkosungen Martines und Kittys, wohin die Aufmunterungen durch

Martin und dessen Söhne? Wahrlich, höher schätzte er die damaligen

Kieselsteine, die er in der nun unter Ruinen begrabenen Kruke sammelte,

als die Guineen, womit diese Piborne's monatlich seine Sclaverei

bezahlten. In Kerwan unterrichtete er sich, arbeitete er und lernte,

dereinst auf eignen Füßen stehen zu können. Hier -- nichts als

diese widerwärtige, keinerlei Aussichten bietende Beschäftigung, die

Unterwerfung gegenüber einem verzogenen, eitlen und unwissenden halben

Kinde! Er war fast stets mit Ordnen beschäftigt, doch nicht etwa mit

dem von nützlichen Büchern -- denn davon gab es hier kein einziges --

sondern mit dem Wiederordnen dessen, was der junge Graf nachlässig

umhergeworfen hatte.

Weiter trieb ihn das Cabriolet des jungen Edelmannes fast zur

Verzweiflung. Findling konnte das leichte Gefährt nur mit hellem

Schrecken ansehen. Auf die Gefahr hin, in einen Graben gestürzt zu

werden, schien es dem Grafen Ashton ein besonderes Vergnügen, die

schlechtesten Wege auszuwählen, wie um seinen, sich an die Riemen des

Verdecks klammernden Groom nur um so schlimmer durchgeschüttelt zu

sehen. Gestattete es die Witterung, mit dem Tilbury oder dem Dog-cart --

das waren die andern Wagen des jungen Piborne -- auszufahren, so

konnte der Groom wenigstens sichrer sitzen. Leider öffnen sich über der

Smaragdnen-Insel die Schleusen des Himmels aber gar zu oft, und nicht

selten gar zu unerwartet.

Selten verging ein Tag ohne die Qual mit dem Cabriolet. Einmal wollte er

zur Parade nach Kanturk, und dann wieder wurden lange Spazierfahrten in

der Umgebung von Trelingar-castle unternommen. Längs der Wege liefen

und purzelten dann, mit nackten, von den Kieseln verletzten Füßen ganze

Haufen zerlumpter Buben nebenher und riefen athmenlos: »Coppers!... Ein

paar Coppers!« Findling gab es einen Stich ins Herz. Er kannte ja das

Elend aus eigner Erfahrung und bemitleidete die Jungen. Der Graf Ashton

wies sie dagegen barsch ab und bedrohte sie mit der Peitsche, wenn

sie näher herankamen. Gern hätte der Knabe den Gassenbuben einige

Kupfermünzen zugeworfen, er wagte es aber nicht aus Furcht vor seinem

Herrn.

Einmal trat die Versuchung jedoch gar zu stark an ihn heran. Ein

hübsches, blondlockiges Kind von etwa vier Jahren schaute ihn mit den

großen blauen Augen an und bat um einen Copper. -- Die fast werthlose

Münze flog der Kleinen zu, die sie mit einem Jubelschrei aufhob....

Der Graf wurde dadurch aufmerksam. Er ertappte seinen Groom auf frischer

That bei einem Acte der Barmherzigkeit.

»Wer hat Dir das erlaubt, Boy? fragte er ihn streng.

-- Herr Graf... das kleine Mädchen... es macht einem ja so viel

Vergnügen... nur einen Copper...

-- Ah, so wie man ihn Dir zuwarf, nicht wahr, als Du noch im Lande

herumstrichst....

-- Nein... niemals! rief Findling, den es immer empörte, wenn jemand

von ihm sagte oder andeutete, daß er früher gebettelt habe.

-- Warum gabst Du dem Kinde ein Almosen?

-- Es sah mich so bittend an... ich sah es auch an...

-- Und ich verbiete Dir, Kinder, die sich auf der Straße herumtreiben,

anzusehen. Merk' Dir das!«

Findling mußte wohl gehorchen, so weh es ihm auch that.

Sah er sich also darauf beschränkt, das Mitleid, das er für arme Kinder

fühlte, in sich zu verschließen, ohne die kleine Gabe eines Coppers

wagen zu dürfen, so kam doch einmal die Gelegenheit, wo er die Bewegung

seines Innern nicht mehr bemeistern konnte.

Es war am 3. September. Der Graf Ashton hatte zu seiner Fahrt nach

Kanturk den Dog-cart bestellt. Findling begleitete ihn wie gewöhnlich,

Rücken an Rücken mit dem Herrn sitzend, der ihm befahl, sich mit

gekreuzten Armen ganz bewegungslos zu halten.

Der Wagen erreichte die Ortschaft ohne Zwischenfall. Hier lobten die

Müßiggänger auf den Straßen die stolze Haltung des schäumenden Rosses,

während der junge Piborne die besten Läden des Ortes besuchte. Sein

Groom hielt einstweilen, am Kopfe des Thieres stehend, das

muthige Pferd, das er zum Jubel der Gassenjungen, die den kleinen,

reichaufgeputzten Diener beneideten, kaum zu bändigen vermochte.

Gegen drei Uhr und nachdem er sich überall umgesehen, schlug Lord Ashton

den Weg nach Trelingar-castle wieder ein, fuhr aber recht langsam dahin.

Auf der Straße schwärmte die gewöhnliche Rotte kleiner Bettler umher.

Ermuthigt durch die langsame Bewegung des Dog-cart, wollte sie sich

näher an diesen herandrängen; das Schwirren der Peitsche hielt sie

jedoch in gemessener Entfernung und sie blieben endlich zurück.

Nur ein einziger hielt weiter aus. Es war das ein geweckter Knabe von

sieben Jahren, dem die irische Fröhlichkeit aus dem Gesicht lachte.

Trotz der gemäßigten Gangart des Pferdes mußte er rennen, um sich an

der Seite des Wagens zu halten. Schon waren seine kleinen Füße an den

Steinen des Wegs wund geworden; trotzdem trabte er, ohne Furcht vor der

Peitsche, weiter mit. Dabei hielt er einen Heidelbeerzweig in der Hand,

den er gegen ein Almosen anbot.

Ein Unglück fürchtend, bemühte sich Findling -- freilich vergebens --

ihn durch Zeichen abzuweisen. Das Kind folgte dem Dog-cart dennoch

weiter.

Natürlich hatte auch Graf Ashton diesem schon wiederholt zugerufen, sich

wegzuscheeren. Ohne das zu beachten, hielt sich der kleine Bursche, auf

die Gefahr hin, zermalmt zu werden, immer dicht bei den Rädern.

Es hätte nur einer Andeutung bedurft, um das Pferd in Trab zu setzen.

Das fiel dem jungen Piborne indeß gar nicht ein. Er wollte einmal

langsam fahren, und so blieb es dabei. Belästigt von der Gegenwart des

Kindes, schlug er schließlich mit der Peitsche nach ihm.

Die pfeifende Schnur schlang sich dabei um den Hals des Kleinen,

der halb erwürgt einige Schritte weit geschleppt wurde und endlich

loskommend zur Erde fiel.

Findling sprang vom Dog-cart herab und eilte auf das Kind zu. Dieses

hatte einen rothen Streifen um den Hals und weinte vor Schmerz laut auf.

Dem jungen Knaben schwoll der Zorn und er hatte große Lust, über den

Grafen Ashton herzufallen, wobei dieser, wenn auch älter als sein Groom,

gewiß den Kürzeren gezogen hätte.

»Hierher, Boy! rief er, indem er das Pferd parierte.

-- Aber das arme Kind?...

-- Hierher, sag' ich Dir! wiederholte der junge Piborne, die Peitsche

schwingend, komm sofort, oder es geht Dir nicht besser als dem da!«

Zu seinem Glücke ließ er es bei der Drohung bewenden, denn es läßt sich

nicht sagen, was sonst geschehen wäre. Jedenfalls gelang es Findling,

sich zu beherrschen, und nachdem er dem Jungen einige Pence in die

Tasche gesteckt hatte, eilte er nach dem Dog-cart zurück.

»Wenn Du Dir noch einmal erlaubst, ohne Befehl abzuspringen, fuhr ihn

der Graf Ashton an, dann bekommst Du eine tüchtige Tracht Prügel und

wirst auf der Stelle davongejagt!«

Findling antwortete nicht, obgleich ein Blitz in seinen Augen

aufflammte. Dann entfernte sich der Dog-cart schnell und ließ das Kind

auf der Straße zurück, das sich beim Klimpern der erhaltenen Geldstücke

schon etwas getröstet zu haben schien.

Von diesem Tage ab machte der boshafte Graf Ashton seinem Groom das

Leben womöglich noch schwerer; er chicanierte und erniedrigte ihn auf

jede Weise. Was er früher körperlich gelitten hatte, das litt er jetzt

geistig, ja er fühlte sich vielleicht nicht weniger unglücklich, als

früher in der Hütte der Hard oder unter der Fuchtel Thornpipe's. Oft

kam ihm der Gedanke, Trelingar-castle zu verlassen. Doch wohin sollte

er sich wenden? Die Familie Mac Carthy aufsuchen, dazu fehlte ihm jeder

Fingerzeig, und diese hätte jetzt ja auch nichts für ihn thun können.

Jedenfalls stand sein Entschluß aber fest, im Dienste des Erben der

Piborne's nicht zu bleiben.

Nun kam etwas hinzu, was ihn ernstlich beunruhigte.

Mit Ende des Septembers pflegten der Marquis, die Marquise und deren

Sohn das Besitzthum von Trelingar zu verlassen. Mußte er ihnen nach

England oder Schottland folgen, so schwand ihm jede Hoffnung, die

Familie Mac Carthy wieder aufzufinden.

Außerdem lag ihm auch Birk am Herzen, den er auf keinen Fall verlassen

wollte.

»Ich werde ihn behalten, versicherte eines Tages die freundliche Kat,

ich werde schon für ihn sorgen.

-- Ach ja, Sie haben ein gutes Herz, antwortete Findling, Ihnen könnte

ich ihn anvertrauen, und wenn ich bezahle, was sein Futter kostet...

-- Warum nicht gar! fiel ihm Kat ins Wort, so war es nicht gemeint!...

Ich habe das arme Thier einmal gern...

-- Und doch, er darf Ihnen nicht zur Last fallen. Wenn ich aber von

hier mit weggehe, sehe ich ihn den ganzen Winter, ja vielleicht niemals

wieder...

-- Warum, mein Kind?... Wenn Du zurückkommst...

-- Zurückkommen, Kat?... Bin ich denn so sicher, nach dem Schlosse

zurückzukehren, wenn ich einmal daraus weg bin? Da unten... wohin sie

gehen... da können sie mich ja fortschicken, oder... oder ich laufe

vielleicht selbst davon...

-- Was sagst Du da?

-- Jawohl, ich gehe der Straße nach, wohin es Gott gefällt... wie ich

es früher gethan habe.

-- Armes Kind!... Armer Junge! seufzte die gute Frau.

-- Ich frage mich auch, Kat, ob es nicht das beste wäre, sofort zu

brechen... das Schloß mit Birk zu verlassen... mir irgendwo bei einem

Farmer, nicht zu weit von hier und nahe der Küste, Arbeit zu suchen...

-- Du bist ja noch nicht elf Jahre alt!

-- Nein, Kat, noch nicht!... O, wenn ich zwölf oder dreizehn wäre...

dann wär' ich groß... hätte ein Paar starke Arme und fände wohl

Beschäftigung. Wie langsam schleichen die Jahre doch hin, wenn man

unglücklich ist...

-- Und wie lange dauern sie!« hätte die gute Kat antworten können.

Da ereignete sich ein Zufall, der dieser Ungewißheit ein plötzliches

Ende machte.

Am 15. September war es, wo Lord und Lady Piborne also nur noch vierzehn

Tage in Trelingar-castle verweilen sollten, und hier begann man bereits

mit dem Einpacken. Im Gedanken an den Vorschlag der Kat bezüglich Birks,

mußte sich Findling fragen, ob Scarlett wohl auch den Winter über auf

dem Schlosse bleiben würde. Ja, er blieb hier als oberster Verwalter des

Besitzthums. Der in der nächsten Umgebung umherschweifende Hund konnte

von ihm gar nicht unbemerkt bleiben, und niemals würde er der Wäscherin

gestatten, jenen bei sich zu behalten. Die Kat mußte Birk sein Futter

also heimlich zustellen, wie sie es schon einmal kurze Zeit gethan

hatte. Erfuhr Scarlett aber gar, daß der Hund dem jungen Groom gehörte,

dann hätte er sich gewiß beeilt, das dem Grafen Ashton zu hinterbringen,

und dieser wieder hätte kein größeres Vergnügen haben können, als dem

Thiere, wenn es ihm in den Weg kam, eine Kugel zwischen die Rippen zu

jagen.

Am genannten Tage trollte Birk, entgegen seiner Gewohnheit, schon des

Nachmittags in der Nähe der Wirthschaftsgebäude einher. Der Zufall --

der unglückliche Zufall wollte es, daß einer der Hunde des Grafen

Ashton, ein bissiger Wachtelhund, auf der Landstraße umherlief.

Sobald sie sich witterten, gaben die beiden Thiere durch dumpfes Knurren

ihrer gegenseitigen feindlichen Stimmung Ausdruck. Schon ihrer Rasse

wegen hätten sie sich schwerlich vertragen. Der Lords-Hund konnte

für den Bauern-Hund nur tiefe Verachtung hegen, seine bissige Natur

veranlaßte ihn aber zum Angriffe vorzugehen. Sobald er den ruhig am

Waldessaume stehenden Birk erblickte, lief er, die Zähne fletschend, auf

diesen zu.

Birk ließ ihn auf halbe Leibeslänge herankommen und behielt ihn scharf

im Auge, um nicht überrascht zu werden, während er sich mit eingezogenem

Schwanze selbst sprungfertig hielt.

Plötzlich, nach kurzem, wüthendem Gebell, stürzte sich der Wachtelhund

auf Birk und biß ihn in die Seite. Was nun kommen mußte, kam. Mit einem

Satze war Birk dem Feinde an der Kehle, die er ihm aufriß.

Das ging nicht ohne ein schreckliches Geheul ab. Die beiden andern, noch

im Hofe befindlichen Hunde, schlugen ebenfalls an. Das machte Aufsehen,

und sogleich kam der Graf Ashton mit dem Verwalter herzugelaufen.

Kaum aus dem Gitterthore, bemerkte er den Wachtelhund, der unter den

Zähnen Birks röchelte.

Da schrie er laut auf, wagte aber, aus Angst, dasselbe Los zu theilen,

nicht, seinem Hunde zu Hilfe zu kommen. Sobald Birk den jungen Mann

bemerkte, machte er dem Wachtelhunde mit noch einem Bisse vollends

den Garaus und ging dann, ohne sich zu beeilen, in den Wald hinter das

Unterholz zurück.

Jetzt trat der junge Piborne mit Scarlett näher heran, und als sie auf

dem Kampfplatze waren, fanden sie nur noch einen Cadaver.

»Scarlett!... Scarlett! rief der junge Graf. Mein Hund ist erwürgt!...

Er hat ihn erwürgt... jene Bestie!... Wo ist er denn?... Kommen

Sie... den finden wir wieder. Ich werde ihn tödten!«

Der Verwalter spürte sehr wenig Lust, die Verfolgung des

Wachtelhundmörders aufzunehmen. Er hatte übrigens keine Mühe, den jungen

Piborne etwa zurückzuhalten, denn dieser fürchtete sich ebenso vor einem

Wiederauftauchen des schrecklichen Birk.

»Seien Sie vorsichtig, Herr Graf, sagte er, bringen Sie sich dieser

wilden Bestie gegenüber nicht in Gefahr!... Die Jäger werden ihn schon

gelegentlich abthun....

-- Ja, wem gehört er denn eigentlich?

-- Niemand!... Das ist einer der herrenlosen Hunde, wie sie die

Landstraßen unsicher machen.

-- Dann wird er uns entwischen....

-- Das ist kaum anzunehmen, denn schon seit Wochen schleicht er in der

Nähe des Schlosses umher.

-- Seit mehreren Wochen, Scarlett?... Und mir hat das keiner gemeldet?

Keiner hat uns von der Bestie befreit? Von diesem Thiere, das mir meinen

besten Wachtelhund getödtet hat!«

Der so selbstsüchtige, fühllose junge Mann hegte doch für seine

Hunde eine Zuneigung, die ihm kein Mensch hätte einflößen können. Der

Wachtelhund war sein besondrer Liebling und steter Begleiter auf der

Jagd gewesen -- jedenfalls zu dem Lose bestimmt, einmal durch einen

ungeschickten Schuß seines Herrn getödtet zu werden -- und der Zahn

Birks hatte ja sein Schicksal nur beschleunigt.

Wie dem auch sei, jedenfalls schlich der Graf Ashton, trostlos, aber

wüthend und auf furchtbare Rache sinnend, nach dem Hofe zurück, wo er

Befehl gab, daß der Körper des Wachtelhundes hereingeholt würde.

Zum Glück war Findling nicht Zeuge dieser Scene gewesen. Vielleicht

hätte er dabei das Geheimniß seiner Zusammengehörigkeit mit dem Mörder

verrathen, vielleicht wäre Birk auch auf ihn zugesprungen und hätte

damit dasselbe gethan. Der Knabe hörte jedoch bald genug von dem

Vorfalle. Ganz Trelingar-castle hallte wider von den Klagen des

unglücklichen Grafen Ashton. Der Marquis und die Marquise bemühten sich

vergeblich, den einstigen Erben ihrer Besitzthümer zu beruhigen. Der

wollte aber auf nichts hören. Ehe das Opfer nicht gerächt war, gab es

für ihn keinen Trost. Auch das auf Anordnung des Lords veranstaltete

»ehrenvolle« Begräbniß des Hundes vermochte seinen Schmerz nicht zu

lindern, und als jener nach einer Ecke des Parkes getragen und dort die

letzte Scholle Erde auf seine sterblichen Ueberreste hinabgerollt war,

zog sich der Graf Ashton traurig und stumm nach seinem Zimmer zurück,

das er den ganzen Abend nicht wieder verlassen wollte.

Die Unruhe, die unsern Findling quälte, kann man sich recht wohl leicht

vorstellen. Vor dem Niederlegen hatte er noch eine geheime Unterredung

mit der Kat, die sich wegen Birks nicht weniger geängstigt zeigte.

»Wir müssen auf der Hut sein, mein Junge, sagte die Frau, und vorzüglich

nicht an den Tag kommen lassen, daß der Hund Dir gehört, das fiele auf

Dich zurück... und ich weiß nicht, was daraus werden könnte.«

Findling dachte eigentlich kaum, daß er für den Tod des Wachtelhundes

verantwortlich gemacht werden könnte, sondern nur daran, daß es für ihn

nun sehr schwierig, wenn nicht unmöglich würde, für Birk zu sorgen.

Da der Hund sich den jetzt überwachten Wirthschaftsgebäuden ungestraft

nicht mehr nähern konnte, würde auch die Kat ihn des Abends schwerlich

finden und heimlich Futter bringen können.

Der Knabe verbrachte eine schlechte Nacht -- eine schlaflose Nacht,

während er sich weit mehr um Birk als um sich selbst absorgte. Er

überlegte auch, ob es für ihn nicht gerathen sei, den Dienst bei dem

Grafen Ashton gleich morgen aufzugeben, und entschied sich nach Erwägung

des Für und Wider, nun auszuführen, was ihn schon seit Wochen bewegte.

Erst gegen drei Uhr früh schlief er ein. Bei hellem Tag wieder

erwachend, sprang er aus dem Bett, verwundert, heute von der Klingel

seines Herrn nicht wie gewöhnlich gerufen worden zu sein.

Bei dem Entschlusse von der Nacht her sollte es jedenfalls bleiben. Am

nämlichen Tage wollte er fortgehen unter der Angabe, daß er sich zu

dem Dienste als Groom untauglich fühle. Niemand hatte ein Recht, ihn

zurückzuhalten, und wenn er wegen seines Verlangens gescholten werden

sollte, so fand er sich damit schon im Voraus ab. In der Erwartung,

Knall und Fall weggejagt zu werden, zog er die Kleidung von der Farm

her an, die zwar etwas abgenutzt, aber reinlich war, da er sie immer

sorgfältig aufbewahrt hatte, und steckte die Börse mit seinem seit drei

Monaten gesparten Lohn zu sich. Wenn er dann dem Lord Piborne seine

Absicht, das Schloß zu verlassen, in höflichster Form mitgetheilt hätte,

wollte er diesen auch noch um seinen halbmonatlichen Gehalt -- bis zum

15. September -- bitten, und endlich versuchen, der Kat Lebewohl zu

sagen, ohne sie bloßzustellen. Hatte er dann Birk in der Nachbarschaft

aufgefunden, so würden beide -- gleichmäßig befriedigt, von

Trelingar-castle wegzukommen -- auf und davon gehen.

Erst gegen neun Uhr kam Findling nach dem Hofe hinunter, wo er mit

Verwunderung hörte, daß der Graf schon seit Sonnenaufgang ausgegangen

sei. Sonst brauchte dieser stets seinen Groom, um ihm beim Ankleiden

behilflich zu sein, was niemals ohne Nörgeleien und grobe Vorwürfe

abging.

Zu dieser Verwunderung kam aber bald noch eine sehr gerechtfertigte

Beunruhigung, als er bemerkte, daß weder Bill, der Piqueur, noch die

Hunde da waren.

Kat stand eben an der Thür des Waschhauses und winkte ihn zu sich heran.

»Der Graf ist mit Bill und den beiden Hunden aufgebrochen, flüsterte sie

ihm zu, sie wollen auf Birk Jagd machen.«

Vor Erregung und Ingrimm konnte Findling zuerst gar nicht antworten.

»Nimm Dich in Acht, mein Junge, setzte die Wäscherin hinzu. Der

Verwalter beobachtet uns; es darf nicht sein....

-- Es darf nicht sein, daß Birk getödtet wird, rief er endlich, da hab'

ich auch ein Wort mit dreinzureden....

-- Was sagst Du da, Groom, und was machst Du überhaupt hier?« fragte

Scarlett, der einige Brocken des Gesprächs aufgefangen hatte.

Der Groom wollte sich in keine Verhandlung mit dem Schloßverwalter

einlassen und erwiderte darauf ruhig:

»Ich wünsche nur mit dem Herrn Grafen zu sprechen.

-- Das kannst Du, wenn er zurückkommt, erwiderte Scarlett, wenn er dem

verwünschten Köter draußen eins aufs Fell gebrannt hat....

-- Das wird er nicht thun, fiel Findling ein, der sich zwingen mußte,

ruhig zu bleiben.

-- Wirklich?...

-- Nein, Herr Scarlett; und wenn er ihn aufjagt, sag' ich Ihnen, daß er

das Thier nicht tödten wird.

-- Und warum nicht?...

-- Weil ich ihn daran hindern werde!

-- Du?...

-- Ich, Herr Scarlett! Jener Hund gehört mir und ich lasse ihn nicht

tödten!«

Während der Verwalter von dieser Erklärung noch ganz verblüfft dastand,

stürmte Findling schon aus dem Hof und hatte bald den Saum des Waldes

erreicht.

Hier zwängte er sich wohl eine halbe Stunde lang durch das Buschwerk,

wobei er zuweilen innehielt, um zu hören, ob ihn ein Geräusch auf die

Spur des Grafen Ashton führen könnte. Der Wald war todtenstill, und ein

Gebell hätte von sehr weit her vernehmlich sein müssen. Nichts wies aber

darauf hin, daß Birk von den Wachtelhunden des jungen Piborne etwa wie

ein Fuchs gehetzt würde; ebensowenig konnte er sich klar werden, welche

Richtung er wohl einzuschlagen hätte.

Das war eine Ungewißheit zum verzweifeln! Möglicherweise befand

sich Birk, wenn die Hunde ihn verfolgten, schon sehr fern von hier.

Wiederholt rief er dessen Namen in der Hoffnung, daß das treue Thier

seine Stimme hören würde. Er fragte gar nicht, was er thun würde, um

den Grafen Ashton und dessen Rüdenmeister an der Tödtung Birks zu

verhindern, wenn ihnen dieser zum Schusse kam -- er wußte nur, daß er

ihn vertheidigen würde, und daß ihm die Kraft nicht fehlen würde, das zu

thun.

So auf gut Glück weiter gehend, hatte sich Findling schon gegen zwei

Meilen vom Schlosse entfernt, als er aus der Entfernung von einigen

Hundert Schritten und hinter einer Gruppe großer Bäume, die neben einem

Teiche aufragte, lautes Bellen hörte.

Findling blieb stehen: er hatte die Stimme der Wachtelhunde erkannt.

Ohne Zweifel war Birk jetzt aufgestöbert worden und vielleicht schon mit

den vom Piqueur aufgehetzten Hunden in Kampf gerathen.

Bald ließen sich auch deutlich folgende Worte vernehmen:

»Achtung, Herr Graf!... Wir haben ihn!

-- Ja, Bill... hierher... hierher!...

-- Nun drauf, packt ihn!« rief Bill den Hunden zu.

Findling eilte nach der Stelle zu, woher der Lärm erschallte. Kaum hatte

er zwanzig Schritte gemacht, als ein Knall die Luft erschütterte.

»Gefehlt!... Gefehlt! rief der Graf Ashton. Nun, Bill, schieße Du, nimm

ihn gut aufs Korn!«

Ein zweiter Flintenschuß krachte und so in der Nähe, daß Findling den

Blitz davon durch die Blätter aufleuchten sah.

»Der saß!« rief Bill, während die Wachtelhunde wüthend bellten.

Als hätte die Kugel des Piqueurs ihn selbst getroffen, fühlte Findling

seine Knie schwanken, und er wäre vielleicht zusammengesunken, als noch

etwa sechs Schritte vor ihm ein Geräusch entstand und durch das Gebüsch

ein Hund mit triefendem Fell und schäumendem Maule hervorbrach.

Das war Birk mit einer Wunde in der Seite, der sich nach dem Schusse des

Rüdenmeisters in den Teich gestürzt hatte.

Birk erkannte seinen Herrn, der ihm die Schnauze zuhielt, um jeden

Klagelaut zu ersticken, und ihn nach einem noch dichteren Gebüsche zog,

da er fürchtete, daß die Wachtelhunde ihm nachkämen.

Doch nein. Erschöpft von der Hetzjagd und von einigen Bissen, die Birk

ihnen zum Andenken mitgegeben hatte, folgten die Hunde jetzt Bill nach.

Die Fährte des Grooms und Birks entging ihnen, obwohl sie so nahe an

deren Versteck vorüberkamen, daß Findling deutlich hören konnte, was der

Graf Ashton zu dem Piqueur sagte.

»Du bist überzeugt, ihn getödtet zu haben, Bill?

-- Gewiß, Herr Graf... durch eine Kugel in den Kopf, als er ins Wasser

sprang. Das wurde ja an der Stelle ganz roth, und jetzt liegt er tief

unten, bis er wieder heraufkommt....

-- Ich hätte ihn gern lebend gehabt!« rief der junge Piborne.

Freilich, das wäre so nach dem rohen Geschmacke des Erben von Trelingar

gewesen und hätte seinen Rachedurst befriedigt, wenn er selbst Birk

hätte abthun oder von seinen Hunden zerfleischen lassen können, die ja

an Grausamkeit ihrem Herrn nicht nachstanden.

Der Findling. Zweiter Band. · 第 21 / 34 题