Die Seen von Killarney.
Die Abfahrt erfolgte, wie »höchsten Orts« bestimmt war, am Morgen des 3.
August. Kammerdiener und Kammerfrau der Herrschaft bestiegen den Omnibus
des Schlosses, der das Reisegepäck nach dem drei Meilen entfernten
Bahnhof beförderte.
Findling begleitete sie, um speciell die Effecten seines jungen Herrn
zu überwachen. Marion und John ließen auch das Kind »von niemand« sich
dabei helfen, so gut es anging.
Der Groom machte seine Sache ganz vortrefflich, und das Gepäck des
Grafen Ashton wurde unter seiner Aufsicht sorgsamst für den erwarteten
Bahnzug zurechtgestellt.
Gegen Mittag traf -- von der Straße längs des Flusses Allo -- die
Equipage vom Schlosse ein, der nun Lord und Lady Piborne entstiegen.
Da mehrere Personen aus der Vorhalle des Bahnhofs traten, um die hohen
Reisenden -- natürlich aus respectvoller Entfernung -- zu sehen, konnte
der Graf Ashton die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, mit seinem
Groom eine Vorstellung zu geben. Er rief ihn nur »=Boy=« (Junge), wie er
dies gewöhnt war, und als dieser an den Wagen herantrat, bekam er einen
ganzen Packen Reisedecken an die Brust geworfen, so daß er von dem Stoße
fast hinfiel, was die Umstehenden weidlich zu belustigen schien.
Der Marquis und die Marquise begaben sich nach dem für sie reservierten
Coupé eines Waggons erster Classe. John und Marion richteten sich in
zweiter Wagenclasse ein, forderten aber den Groom nicht auf, bei ihnen
Platz zu nehmen. Dieser mußte vielmehr ein andres leerstehendes Coupé
besteigen, was er gerade für den Anfang der Reise nicht im mindesten
bedauerte.
Der Zug setzte sich sofort in Bewegung. Es sah aus, als habe er nur auf
die hochvornehme Schloßherrschaft von Trelingar gewartet.
Schon einmal war Findling, damals in den Armen der Miß Anna Walston, mit
der Eisenbahn gefahren, doch dessen entsann er sich kaum, da er ja meist
geschlafen hatte. Die aneinander gekuppelten, schnell dahinrollenden
Wagen waren ihm ja bei Galway und bei Limerick bekannt geworden. Heute
sollte nun sein heißer Wunsch in Erfüllung gehen, selbst von einer
Locomotive, diesem keuchenden, dampfenden Rosse aus Stahl und Kupfer,
durchs Land gezogen zu werden.
Findling blickte durch das Fenster hinaus, dessen Scheibe herabgelassen
war. Obwohl der Zug sich nur mit mäßiger Schnelligkeit bewegte, erschien
diese ihm doch ganz außerordentlich, wenn er Häuser und Bäume scheinbar
nach rückwärts eilend vorüberfliegen sah, wenn die Telegraphenstangen
an ihm vorbeihuschten, auf deren Drähten die Depeschen noch ungleich
schneller dahinblitzten, oder wenn ein andrer Zug an ihm vorübersauste,
den er nur als eine verschwommene, polternde Masse erkannte. Das
waren für seine Vorstellung ebenso viele neue Eindrücke, die sich
unauslöschlich in ihm festsetzten.
Einige Meilen weit folgte der Zug durch schöne Gegenden dem linken Ufer
des Blackwaterflusses. Gegen zwei Uhr machte er, nach kurzem Verweilen
an mehreren Zwischenstationen, im Bahnhofe von Millstreet für
fünfundzwanzig Minuten Halt.
Die vornehme Familie blieb im Waggon, nach dem Marion zur Bedienung
ihrer Herrin gerufen wurde; auch John hielt sich vor der Coupéthür zu
Befehl seines Herrn. Der Knabe erhielt von dem Grafen Ashton Auftrag,
ihm eine unterhaltende Lectüre für zwei bis drei Stunden zu besorgen.
Er begab sich also zu dem Perronbuchhändler, wo er, durch die großen
Vorräthe von Büchern und Zeitschriften in Verlegenheit gebracht,
schließlich eine Wahl mehr nach eignem Geschmack, als nach dem des
jungen Piborne traf. Dieser empfing ihn auch höchst ungnädig, als er ihm
den »Touristenführer nach den Seen von Killarney« einhändigte. Als ob
es dem Erben von Trelingar-castle einfallen könnte, ein Reisehandbuch
zu studieren! Als ob diesem die Gegend, die er besuchte, überhaupt etwas
anginge! Er begab sich dahin, weil man ihn dahin führte. So mußte
der Groom noch ein Witzblatt mit Carricaturen und fadem Texte
herbeischaffen, das dem Geschmack des jungen Grafen mehr zusagte.
Die Abfahrt von Millstreet erfolgte um zweieinhalb Uhr. Findling hatte
sich wieder ans offne Fenster gesetzt. Der Zug rollte jetzt durch eine
abwechslungsreiche, bergige Gegend hin. Das Wetter war schön, die Sonne
nicht zu dicht verhüllt. Lord Piborne konnte sich beglückwünschen, für
diesen Ausflug eine mehr trockene Periode getroffen zu haben, wo der
Sonnenschirm der Marquise mehr Dienste leistete, als ihr Waterproof.
Immerhin enthielt die Atmosphäre jene leichten Dünste, die den
Berggipfeln, deren scharfe Linien sie abstumpfen, erhöhten Reiz
verleihen. Findling konnte im Süden von der Bahnlinie die hohen Pics
dieses Theiles der Grafschaft, den Caherbarnagh und den Paß, erkennen,
die bis zweitausend Fuß aufsteigen. Gerade in der Umgebung von Killarney
treten die geologischen Umwälzungen in Irland am mächtigsten zu Tage.
Der Zug überschritt bald die Grenze zwischen den Grafschaften Cork und
Kerry. Mit dem von seinem Herren verachteten Reiseführer in der Hand,
verfolgte Findling voller Interesse die Gelände neben der Bahnlinie.
Hier erweckte schon der Name Kerry seine lebhaftesten Erinnerungen.
Zwanzig Meilen weiter nördlich waren ihm die schönsten Jahre der
Kindheit verflossen, dort in der jetzt leer stehenden Farm von Kerwan,
woraus der mitleidlose Middleman die Familie Mac Carthy vertrieben
hatte. Da wandte er die Augen von der Landschaft ab. Er blickte tief in
sein Inneres, und der schmerzliche Eindruck davon hielt noch an, als der
Zug im Bahnhofe von Killarney eintraf.
Für diesen kleinen Ort ist es ein von manchen Städten Europas
empfundener Vorzug, am Ufer eines schönen Binnensees zu liegen, und
Killarney verdankt sein glückliches Gedeihen ohne Zweifel der Kette
von Wasserflächen, die sich von seinem Fuße aus hinzieht. Wegen seines
Palastes, worin der katholische Bischof der Grafschaft residiert, wegen
seiner Kathedrale oder wegen der hier befindlichen Irrenanstalt, auch
wegen seines Franciscanerklosters oder seines Armenhauses strömen die
Touristen in der schönen Jahreszeit hier wahrlich nicht zusammen.
Nur seinen Seen verdankt es das Städtchen, der Sammelpunkt vieler
Lustreisenden zu sein. Verlöre es seine herrliche Umgebung, so hätte
Killarney sozusagen ausgelebt, was sehr zu bedauern wäre, vorzüglich
für die Familie der Kenmare's, da dieses Städtchen einen Theil ihres
neunzigtausend Hektar großen Besitzthums bildet. An Hôtels hier und an
dem eine Viertelstunde entfernten Ufer des Lough-Leane fehlt es nicht.
Lord Piborne hatte eines der bestempfohlenen ausgewählt; unglücklicher
Weise war aber dieses Hôtel gerade jetzt »boycottiert«. Dieses neue
irländische Wort stammt von dem Namen eines Capitäns Boycott her, der
zur Einbringung seiner Ernte polizeiliche Hilfe herbeigerufen hatte,
da die Arbeiter sich weigerten, auf seinen Feldern thätig zu sein. Das
betreffende Hôtel stand also in Acht und Bann, weil sein Besitzer die
gerichtliche Austreibung einiger seiner Pächter veranlaßt hatte. Jetzt
gab es hier deshalb weder Kellner noch Köche, und kein Lieferant hätte
gewagt, etwas dahin zu verkaufen.
Der Marquis und die Marquise Piborne mußten sich wohl oder übel nach
einem andern Hôtel begeben und ihre Abfahrt nach den Seen auf den
nächsten Tag verschieben.
Nach Besorgung des Reisegepäcks seines Herrn erhielt der Groom Befehl,
sich den ganzen Abend zu dessen Verfügung zu halten. So konnte dieser
also das Vorzimmer nicht verlassen, während der junge Piborne inmitten
der im Salon lesenden, plaudernden und spielenden Touristen den großen
Herrn spielte.
Am folgenden Tage wartete ein Wagen vor dem Thore des Hôtels. Es war das
ein großer, bequemer Landauer, zum Niederschlagen des ganzen Verdecks
eingerichtet und hinten mit einem schwebenden Sitze für John und Marion.
Der Groom hatte auf dem Bocke neben dem Kutscher Platz zu nehmen. In
den Koffern führte man außer Kleidungsstücken und Wäsche auch
einen tüchtigen Vorrath an Speisen und Getränken mit, um gegen alle
Zwischenfälle, wie Verzögerungen der Fahrt und Unzulänglichkeit der
Gasthöfe, gerüstet zu sein, denn die regelmäßigen Mahlzeiten der
vornehmen Familie durften auf keinen Fall in Frage gestellt sein. Ihre
Herrlichkeiten verzichteten indeß beim Aufbruch aus Killarney auf die
Benützung des Wagens.
Mit dem praktischen Verstande, dessen sich Lord Piborne -- sogar in
den Sitzungen des Oberhauses -- zu rühmen pflegte, hatte er die
Vergnügungsreise in zwei Abtheilungen zerlegt. Der erste Theil umfaßte
den Besuch der Seen selbst, der zu Wasser abgemacht werden, und der
zweite den der Grafschaft bis zur Küste, der zu Lande erfolgen sollte.
Der Landauer hatte die vornehmen Touristen also erst während des letzten
Theils der Reise aufzunehmen. Trotzdem fuhr er an diesem Morgen ab, um
jene bei Brandons-cottage, am Ende der Seen von Killarney, deren Ostufer
er umfuhr, zu erwarten. Da der Lord Piborne in seiner Weisheit die Fahrt
über die Seen auf drei Tage bemessen hatte, durften Kammerdiener, Zofe
und Groom ihrer Herrschaft natürlich so lange Zeit nicht fern bleiben.
Der Findling wenigstens freute sich auch herzlich, über diese glänzenden
Wasserspiegel fahren zu sollen.
Das Meer war das freilich nicht, das unendliche Meer, das sich von einem
Continente zum andern ausspannt... nur einige beschränkte Seen, die
keine Handelsstraße bilden und nur von Touristenbooten durchschnitten
werden. Doch auch das genügte schon unserm Findling. Gestern hatte er
zum zweitenmale in einem Bahnzuge gesessen, heute sollte er zum ersten
Male in einem Boote fahren.
Während John, Marion und der Groom sich zu Fuß nach dem eine Meile
entfernten Nordende der Seenreihe begaben, führte den Marquis, die
Marquise und deren Sohn eine leichte Kalesche nach derselben Stelle.
An der Ecke eines Platzes erblickte Findling im Vorübergehen auch
die Kathedrale, zu deren Besuch er keine Zeit gefunden hatte. Auf den
Straßen waren nur wenige Leute, und unter diesen mehr Spaziergänger als
Geschäftsleute. In Killarney beschränkt sich der regere Verkehr auf die
wenigen Monate, während der aus dem Vereinigten Königreiche jährlich
gegen zehn- bis zwölftausend Touristen hier eintreffen. Dann scheint
die eingeborne Bevölkerung nur noch aus Kutschern und Bootsleuten zu
bestehen, die sich um die Kundschaft streiten, welche ihre Dienste
gehörig bezahlen muß.
Am Landeplatz erwartete ihre Herrlichkeiten ein Boot mit fünf Mann,
vieren für die Ruder und einem für das Steuer. Polstersitze und ein
abnehmbares Zeltdach gegen den Sonnenbrand oder gegen anhaltenden
Regen sicherten den Fahrgästen die nöthige Behaglichkeit. Lord und
Lady Piborne nahmen auf den weichen Bänken Platz, der Graf Ashton
neben ihnen, die Diener und der Groom setzten sich im Vordertheile des
Fahrzeugs nieder. Nun wurde das Tau losgeworfen, die Ruder tauchten
gleichmäßig ins Wasser und das Boot entfernte sich vom Ufer.
Die Seen von Killarney bedecken eine Fläche von einundzwanzig
Quadratkilometern. Es sind ihrer drei: der Obere See, der aus der
Umgebung die Flüsse Grenshorn und Doogary aufnimmt; der Muckroß-
oder Toresee, in den sich nach einem Verlaufe längs des schmalen
Lough-Range-Canals die Gewässer des Owengariffe ergießen, und der
Untere See, der Lough-Leane, der durch die Lawne und einige kleinere
Wasseradern am Meeresufer in die Bai von Dingle ausmündet. Die Strömung
in den Seen verläuft von Süden nach Norden, so daß der Untere See also
der nördlichste ist.
Das Gesammtbild der drei Wasserbecken ähnelt etwa einem gewaltigen
Schwimmvogel, einem Pelikan oder dergleichen, dessen Füße der
Lough-Range, dessen Beine der Obere See und dessen Rumpf der Muckroß
und der Lough-Leane darstellten. Da die Einschiffung am Nordufer des
Lough-Leane stattgefunden hatte, ging die Fahrt stromaufwärts, erst
durch den unteren, dann durch den Muckroß-See und hierauf mittelst
des Lough-Range-Canals nach dem Oberen See. Nach dem Programm des Lord
Piborne sollte jedem Seebecken ein Tag gewidmet werden.
Im Süden und Westen dieser Gegend erheben sich die höchsten Bergzüge
des Grünen Erin bis zu der prächtigen, in die Küste der Grafschaft Cork
eingeschnittenen Bai von Bantry. Hier befindet sich auch der kleine
Fischerhafen, in dem Hoche mit seinen vierzehntausend Mann ans Land
stieg, als die Republik Frankreich diese 1796 ihren irischen Brüdern zu
Hilfe geschickt hatte.
Lough-Leane, der größte der drei Seen, mißt fünf Meilen in der Länge und
drei Meilen in der größten Breite. Sein von der Bergkette des Carn-Tual
beherrschtes Ostufer ist mit dunkelgrünen Waldmassen eingerahmt, die
zum größten Theil zur Domäne von Muckroß gehören. Er enthält zahlreiche
Inseln, wie Brown, Lamb, Heron, Mouse u. a., unter denen die Insel Roß
die größte und Innishallen die schönste ist.
Nach letzterer steuerte das Boot zuerst bei herrlichem Wetter und in
diesen Gegenden recht seltenem klaren Sonnenscheine. Eine leichte Brise
kräuselte die Oberfläche des Wassers. Findling berauschte sich an dem
erquickenden Lufthauche, während er die reizenden Bilder, die an ihm
vorüberzogen, bewunderte. Er hütete sich aber, seinen Empfindungen
lauten Ausdruck zu geben, denn man hätte ihm doch Stillschweigen
geboten.
Lord und Lady Piborne wären gewiß auch gar zu verwundert gewesen, daß
ein Wesen ohne Geburt und Erziehung für diese Naturschönheiten, die doch
nur für das Vergnügen aristokratischer Augen geschaffen waren, hätte
empfänglich sein können. Uebrigens unternahmen Ihre Herrlichkeiten
diesen Ausflug, wie wir wissen, ja nur, weil es für Leute ihres Ranges
zum guten Ton gehörte, ihn ausgeführt zu haben, während in ihrem
Gedächtniß wahrscheinlich kein dauernder Eindruck davon zurückblieb. Dem
Grafen Ashton war die ganze Sache völlig gleichgiltig. Er hatte einige
Angelschnuren mitgenommen und wollte Fische fangen, während seine
erhabenen Eltern pflichtgemäß die Landsitze und Ruinen der Umgebung
aufsuchen würden.
Das schmerzte vorzüglich Findling. Als Innishallen erreicht war, stiegen
der Marquis und die Marquise aus, auf den an ihren Sohn gerichteten
Vorschlag aber, sie zu begleiten, antwortete der liebenswürdige junge
Mann nur:
»Ich danke; ich will während Ihres Spaziergangs lieber angeln!
-- Und doch, erwiderte Lord Piborne, befinden sich hier die Reste einer
berühmten Abtei, und mein Freund, Lord Kenmare, dem diese Insel gehört,
würde es mir wohl übel deuten...
-- Wenn es der Graf aber vorzieht... warf die Marquise nachlässig ein.
-- Gewiß ziehe ich es vor, erklärte der Graf Ashton, und mein Groom wird
mir die Angelhaken mit Köder versorgen.«
Der Marquis und die Marquise brachen also, mit John und Marion als
Gefolge, auf, und so kam es, daß Findling, der ja den Launen des jungen
Piborne nachgeben mußte, zu seinem großen Leidwesen nichts von den
archäologischen Merkwürdigkeiten von Innishallen kennen lernte. Der
Marquis und die Marquise brachten davon übrigens auch keine dauernde
Erinnerung mit heim. Wie konnten auf ihren indifferenten, blasierten
Geist die Schönheiten dieses Klosters Eindruck machen, dessen Gründung
bis ins 6. Jahrhundert zurückreicht, die Anordnung der vier dasselbe
bildenden Gebäude, die romanische Kapelle mit ihren herrlichen
Steinarbeiten am Bogengewölbe, das Ganze verloren in üppigem Grün,
inmitten dichter Gruppen von Stechginster, Taxusbäumen, Eschen und
Erdbeerbäumen, deren vorzüglichste Arten dieser Insel -- der »Insel der
Heiligen«, wie Fräulein de Bouret so treffend das Juwel von Killarney
genannt hat -- anzugehören scheinen?
Hatte der Graf Ashton es auch abgeschlagen, Ihre Herrlichkeiten während
der Stunde, die sie der Besichtigung von Innishallen widmeten, zu
begleiten, so darf man nicht glauben, daß er deshalb seine Zeit
verloren hätte. Freilich war ihm eine schöne Forelle durch eigne Schuld
wiederholt entschlüpft, und sein Mißvergnügen darüber machte sich in
ebenso unverdienten, wie maßlosen Vorwürfen gegen seinen Groom Luft.
Einige Aale, die an seinem Haken zappelten, galten ihm in der That
mehr als jene erbärmlichen Ruinen, um die er sich keinen Pfifferling
kümmerte.
Das erschien ihm als eine so würdige Ausfüllung seiner Muße, daß er
nicht einmal die Insel Roß mit durchstreifen wollte, wo das Boot
eine Stunde später anlegte. Auch hier vertändelte er die Zeit mit der
Angelschnur, und Findling mußte bei ihm bleiben, während Lord und Lady
Piborne mit majestätischer Gleichgiltigkeit im Schatten der Wälder des
Lord Kenmare lustwandelten.
Die vierundzwanzig Hektar große Insel gehört nämlich zu dem Besitzthum
des Genannten, der sie am Ostufer des Sees durch eine gute Straße mit
seinem Schlosse, einer alten Feudalveste aus dem 14. Jahrhundert, in
bequeme Verbindung gesetzt hat. Dem Marquis und der Marquise fiel
es allerdings auf, daß sowohl die Insel Roß als auch der Schloßpark
jedermann offen stehen, dem es beliebt, das grüne, mit Minzen und
Goldwurz zwischen Gruppen herrlicher Azaleen und Rhododendrons
geschmückte Gelände zu durchstreifen.
Nach zweistündigem, durch wiederholte Ruhepausen unterbrochenem Besuche
kehrten Ihre Herrlichkeiten wieder nach dem kleinen Bootshafen zurück.
Der Graf Ashton war gerade dabei, seinen Groom tüchtig abzukanzeln, und
der Marquis nebst der Marquise fand das ganz in Ordnung, ohne zu wissen,
was dazu Veranlassung gegeben hätte. Das war aber nichts andres, als daß
die Fische sich gehütet hatten, an die Angelhaken des jungen Edelmannes
anzubeißen, worüber dieser unwillig wurde und es auch bis zum Abend
blieb.
Die Gesellschaft bestieg wieder das Boot. Jetzt steuerte dieses mehr
nach der Mitte des Sees, um dann am Westufer noch die murmelnde Cascade
von O'Sullivan zu besuchen, ehe man in die Mündung des Lough-Range
einfuhr. Nahe derselben liegt die Dinish-Cottage, wo Lord Piborne zu
übernachten beabsichtigte.
Mit trauerndem Herzen über die erlittene Ungerechtigkeit hatte Findling
seinen Platz im Vordertheile wieder eingenommen. Bald aber vergaß er
seinen Kummer und ließ seine Phantasie unter das schlummernde Wasser
schweifen. Im Reiseführer hatte er eine wunderbare Sage über die Seen
von Killarney gelesen. Hier lag danach vor Zeiten ein glückliches
Thal, das durch ein Schutzwehr gegen Ueberfluthung aus der Umgebung
abgeschlossen wurde. Eines Tags hatte das mit dessen Bedienung betraute
junge Mädchen aus Unbedachtsamkeit die Schützen dieses Wehres gezogen
und sofort stürzte das Wasser in gurgelndem Strome hindurch. Dörfer und
Menschen sammt ihrem Vorsteher, dem »Thanist«, gingen dabei zu Grunde.
Seitdem sollen jene unten im See fortleben, von woher ein scharfes Ohr
sie unter den Fluthen des Lough-Leane ihre Festtage im Reiche der Aale
und Forellen feiern hören kann.
Es war um vier Uhr, als Ihre Herrlichkeiten bei der Dinish-Cottage, nahe
der Mündung des Lough-Range und am rechten Ufer der sogenannten Bai von
Glenoo, ans Land gingen. Hier fanden sie ziemlich bequeme Unterkunft.
Als Findling jedoch um neun Uhr entlassen wurde, erhielt er die
bestimmte Anweisung, auf sein Zimmer zu gehen, so daß er also auch jetzt
nicht einige Stunden der Freiheit genießen konnte.
Der nächste Tag galt dem Besuche des Muckroßsees. Dieser zweieinhalb
Meilen lange und kaum halb so breite See von regelmäßiger Gestalt bildet
eigentlich nur einen großen Teich inmitten eines von den Eigenthümern
nicht mehr bewohnten Besitzthums, dessen prächtiger Wald dadurch, daß er
in den Naturzustand zurückverfiel, mehr gewonnen als verloren hat.
Diesmal ließ sich der Graf Ashton herbei, seine hohen Eltern zu
begleiten. Auch der Groom, der Flinte und Jagdtasche trug, mußte sich
anschließen. Früher hausten hier im Walde zahlreiche Wildschweine. Jetzt
trifft man statt derselben noch auf rothes Damwild, das im Vereinigten
Königreich sonst dem Aussterben nahe zu sein scheint.
Der Graf Ashton hätte gewiß eine cygenetische Heldenthat vollbracht,
wenn ihm eines der sehr scheuen Thiere vors Rohr gekommen wäre. Daraus
wurde aber nichts, obwohl zwei der Ruderer als Treiber und Findling
als -- Jagdhund dienten. Dieser bekam auch den malerischen Wasserfall
von Tore nicht zu sehen, ebenso wie eine alte Franciscanerabtei mit
Kirche und Kloster aus dem 13. Jahrhundert, von deren Aufsuchung den
vornehmen Reisenden besser abgerathen worden wäre.
In diesem Kloster befindet sich noch ein ungeheurer Eibenbaum, dessen
Stamm fünfzehn Fuß Umfang hat. Einem plötzlichen Einfalle nachgebend,
vielleicht um ein Andenken an ihren Besuch der Abtei von Muckroß
mitzunehmen, wollte die Marquise ein Blatt von dem uralten Baume
abreißen. Schon hatte sie die Hand danach ausgestreckt, als ein Anruf
des Führers sie aufhielt.
»Hüten sich Ihre Herrlichkeit...
-- Sich hüten?... Warum? fragte Lord Piborne.
-- Gewiß, Mylord! Hätte die Frau Marquise ein solches Blatt
abgepflückt...
-- Nun, ist das etwa vom Besitzer von Muckroß verboten? unterbrach ihn
der Lord hochfahrenden Tones.
-- Das nicht, Herr Marquis, antwortete der Führer, doch wer hier ein
Blatt abpflückt, stirbt noch in demselben Jahre...
-- Auch eine Marquise?
-- Gewiß, auch eine Marquise!«
Lady Piborne wurde hierdurch so betroffen, daß sie sich fast unwohl
fühlte. Noch einen Augenblick und sie hätte das Blatt abgerissen
gehabt. An jene alten Sagen glaubt man auf der Smaragdnen Insel wie ans
Evangelium, und überhaupt zeichnet sich Paddy in der Stadt und auf dem
Lande durch einen fast lächerlichen Aberglauben aus.
Lady Piborne kam, eingedenk der Gefahr, die ihr so nahe gedroht hatte,
ganz verstört nach Dinish-Cottage zurück. Lord Piborne mußte, obwohl es
erst um zwei Uhr war, aus Rücksicht auf sie den Besuch des Oberen Sees
bis zum nächsten Tage verschieben.
Der junge Ashton war höchst verstimmt darüber, ohne Jagdbeute
zurückgekehrt zu sein. War er von der Anstrengung erschöpft, wie viel
mehr mußte es sein kleiner Groom sein, dem er keine Minute Rast gegönnt
hatte. Findlings Stolz verbot es ihm aber, eine Klage laut werden zu
lassen.
Am nächsten Tage nahmen Ihre Herrlichkeiten gleich nach dem Frühstück
wieder im Boote Platz. Die Ruderer mußten »fest anziehen«, wie Pat
Mac Carthy gesagt haben würde, um gegen die Strömung im Lough-Range
aufzukommen. Die Enge der Mündung erzeugt hier heftige Wirbel und die
Passagiere wurden davon tüchtig geschüttelt. War das auch ein Vergnügen
für unsern jungen Helden, so theilten es Lord und Lady Piborne doch
keineswegs. Der Marquis wollte im Hinblick auf die Angst seiner Gemahlin
schon wieder umkehren lassen, und auch der Graf Ashton befand sich in
ganz traurigem Zustande. Einige Ruderschläge genügten jedoch, das Boot
durch die schlimmsten Stellen zu treiben, und danach schwamm es
wieder in verhältnißmäßig ruhigem Wasser zwischen den mit Seelilien
geschmückten Ufern. Anderthalb Meilen von hier erhob sich ein
achtzehnhundert Fuß hoher Berg, Eagle's-Nest genannt von den Adlern, die
ihn zahlreich umschwärmen.
Die Ruderer machten ihre vornehmen Gäste aufmerksam, daß dieser Berg,
wenn sie geruhen wollten, ihn anzurufen, ihnen antworten würde. Alle
Touristen bewundern das in der That überraschende Echo. Der Marquis und
die Marquise erachteten es aber jedenfalls unter ihrer Würde, dieses
Echo, »das ihnen nicht vorgestellt war«, zu wecken. Der Graf Ashton
dagegen konnte die Gelegenheit nicht vorüberlassen, einige recht
läppische Worte laut auszurufen, zuletzt auch die Frage, wer er sei.
»Ein Einfaltspinsel!« antwortete Eagle's-Nest durch den Mund eines
Spaziergängers, der hinter dichtem Wachholdergebüsch auf halber
Bergeshöhe verborgen war.
Wie von der Tarantel gestochen, erklärten Ihre Herrlichkeiten,
daß dieses unverschämte Echo bestraft worden wäre, wenn jetzt die
Schloßherren die höhere und niedere Gerichtsbarkeit noch selbst ausgeübt
hätten. Die Ruderer trieben das Boot möglichst schnell von der Stelle,
und gegen vier Uhr wurde der Obere See erreicht.
Dessen Aussehen gleicht im allgemeinen dem des Muckroßsees, doch zeigt
er eine unregelmäßigere Gestalt, was ihm erhöhten Reiz verleiht. Im
Süden erheben sich die steilen Abhänge der Cromaglans, im Norden die
Grate des Tomie und des Purpurberges, der mit lebhaft rothem Strauchwerk
bedeckt ist. Das südliche Ufer trägt einen dichten Kranz der herrlichen
Baumarten, die das Thal von Killarney beschatten. So bezaubernd der
Anblick dieses Sees auch war, schenkten Ihre Herrlichkeiten ihm doch nur
eine sehr geringe Beachtung, und außer Findling hatte wohl niemand einen
besondern Genuß von diesem Ausfluge. Lord Piborne ließ wenigstens sofort
nach der Mündung des Geanhmeen zu steuern, um nach Brandons-Cottage zu
gelangen, wo vor dem Besuche des Ufergeländes ordentlich Rast gehalten
werden sollte.
Nach so ungewohnten Anstrengungen bedurften Ihre Herrlichkeiten
natürlich der Ruhe. Für sie war diese Spazierfahrt auf den Seen gleich
einer Reise über das Weltmeer gewesen. Die beiden Diener mußten mit
dem Groom im Hôtel bleiben, und wenn letzterer nicht zwanzig sich
widersprechende Befehle erhielt, kam das nur daher, daß der Graf Ashton
beim neunzehnten fest eingeschlafen war.
Am nächsten Tage mußte frühzeitig aufgestanden werden, denn es galt
jetzt, eine ziemlich lange Wegstrecke zurückzulegen. Die Marquise ließ
sich sehr bitten. Marion fand sie ziemlich blaß und angegriffen, so daß
man unschlüssig wurde, ob man die Fahrt fortsetzen oder unmittelbar
nach Trelingar-castle zurückkehren sollte. Lady Piborne stimmte für das
letztere; Lord Piborne aber erinnerte daran, daß ihre intimsten Freunde,
der Herzog von Francastar und die Herzogin von Wersgalber, ihren Ausflug
bis nach Valentia ausgedehnt hätten, und daraufhin wurde beschlossen,
es diesen nachzuthun -- zur großen Freude Findlings, der vor allem
fürchtete, nach dem Schlosse heimkehren zu müssen, ohne das Meer gesehen
zu haben.
Um neun Uhr des Morgens stand der Landauer bereit. Der Marquis und die
Marquise nahmen den hinteren Sitz, der Graf Ashton den vorderen ein.
John und Marion saßen nebeneinander hinter dem Wagen und der Groom auf
dem Bocke neben dem Kutscher. Der Landauer, der ja im Nothfalle leicht
zu schließen war, blieb vorläufig offen. Endlich brachen die vornehmen
Reisenden auf, nachdem sich das Personal der Brandons-Cottage
ehrerbietig von ihnen verabschiedet hatte.
Eine Viertelmeile weit folgten die beiden muthigen Pferde dem linken
Ufer des Doogary, einem der Zuflüsse des Oberen Sees, dann bogen sie
nach den oft steilen Wegen der Kette der Gillyenddy-Reeks ein, wo der
Wagen nur im Schritt vorwärts kam. Jede Straßenbiegung entrollte hier
ein neues Bild. Findling war aber wohl der einzige, der es bewunderte.
Hier befand man sich im bergigsten Theile der Grafschaft Kerry und damit
von ganz Irland. Neun Meilen im Südosten, jenseits der Gillyenddy-Reeks,
tauchte die in den Wolken halb verlorne Spitze des Carrantuohill empor.
Unten an den Bergen lagen zerstreute Moränen, ein Chaos erratischer
Blöcke, die das langsame, aber unausgesetzte Fortschreiten der Gletscher
hier abgelagert hatte.
Gegen Mittag gelangte der Landauer, den Tomie und den Purpurberg
zur Rechten lassend, nach einer schmalen, in die Gillyenddy-Reeks
eingeschnittenen Rampe. Dieser Durchbruch von Dunloe ist weit und breit
berühmt, und der kraftvolle Roland hat die Pyrenäenkette wohl kaum mit
einem mächtigeren Hiebe gespalten. Da und dort glitzern kleine Seen
in der wilden Landschaft, und Findling hätte, so wenig das Ihre
Herrlichkeiten interessierte, hier manche Sage erzählen können, denn
er befleißigte sich stets, vor dem Aufbruch seinen Reiseführer zu
studieren. Es hätte ihm aber doch keiner zugehört.
Jenseits dieses Durchbruchs rollte der Landauer schneller die Abhänge
nach Nordwesten hinunter. Binnen drei Stunden erreichte er das Ufer der
Lawne, deren Bett das überschüssige Wasser der Seen von Killarney nach
der Bai Dingle abführt. Diesem Flusse folgte man vier Meilen weit, und
es war sechs Uhr geworden, als die Reisenden, ermüdet von einer Fahrt
über neun Meilen, in dem kleinen Flecken Kilgobinet Halt machten.
Im dortigen Gasthaus, wo man die mangelnde Bequemlichkeit durch
unterwürfige Höflichkeit vergessen zu machen suchte, verbrachte man eine
ungestörte Nacht. Zur großen Beunruhigung Findlings entstand aber am
nächsten Morgen wieder eine Verhandlung darüber, ob der Wagen nach
rechts abschwenken und unmittelbar nach Killarney zurückkehren, oder
sich nach links wenden sollte, um nach Valentia zu gelangen. Da der
Hôtelwirth aber versicherte, daß vor zwei bis drei Monaten der Fürst
und die Fürstin von Kardigan denselben Weg genommen hätten, gab der Lord
Piborne der Lady Piborne zu verstehen, daß sie doch nicht wohl anders
könnten, als dem Beispiele dieser hochedeln Vorgänger zu folgen.
Die Abfahrt von Kilgobinet erfolgte um neun Uhr Morgens. Heute war
regnerisches Wetter, so daß der Landauer geschlossen werden mußte.
Die Herrschaften meinten sogar, der Groom neben dem Kutscher werde den
stürmischen Wind kaum aushalten können. Bah! Der hatte schon ganz anderm
Wetter getrotzt!
Der Knabe verlor also keines von den schönen Landschaftsbildern und
bewunderte ebenso die nebelumfangenen Bergzüge des Ostens, wie die
tiefen Abhänge des Westens, die zur Küste hinabfallen. In seiner Seele
sproßte die Empfindung für Naturschönheiten immer mehr auf, und immer
schärfer prägten sich diese seinem Gedächtniß ein.
Am Nachmittage zeigten sich, je weiter die vom Carrantuohill überragten
Berge im Osten verschwanden, die Iveraghberge am entgegengesetzten
Horizonte. Weiter hinaus sollte, dem Reisehandbuche nach, eine bequeme
Straße nach dem kleinen Hafen von Cahersiveen hinabführen.
Gegen Abend erreichten Ihre Herrlichkeiten nach einer Fahrt von zehn
Meilen die Ortschaft Carramore. Entsprechend dem hier sehr lebhaften
Touristenverkehr giebt es daselbst auch zahlreiche, gut ausgestattete
Hôtels, so daß die im Landauer mitgeführten Vorräthe nicht angegriffen
zu werden brauchten.
Am folgenden Tage ging es bei Regenwetter weiter. Am Himmel jagten, bei
steifem Winde vom Meere her, die Wolken schnell dahin. Nur von Zeit zu
Zeit stahl sich ein Sonnenstrahl dazwischen hindurch. In vollen Zügen
athmete Findling aber die mit den salzigen Dünsten des Meeres beladne
Luft ein.
Kurz vor Mittag lenkte der Wagen nach einer scharfen Straßenbiegung
gerade nach Westen hin ein. Nachdem er nicht ohne einige tüchtige
Stöße einen Engpaß der Iveraghkette passiert hatte, rollte er, von dem
Schleifzeug im Laufe gemäßigt, allein nach der Ausmündung der Valentia
hinab, und gegen fünf Uhr hielt er am Ziele der Reise vor einem Hôtel in
Cahersiveen.
»Wie viel mögen Ihre Herrlichkeiten wohl unterwegs von allen Schönheiten
der Natur gesehen haben?« fragte sich Findling mit einem gewissen
Bedauern für die Gleichgiltigkeit der vornehmen Herrschaft.
Er wußte ja noch nicht, daß so viele von den »Oberen Zehntausend« nur
reisen, um sagen zu können, daß sie gereist seien.
Der Flecken Cahersiveen liegt am linken Ufer der Valentia, die sich hier
zu einem Nothhafen erweitert, der den Namen Valentia-Harbour erhalten
hat. Vor ihm erhebt sich die gleichnamige Insel mit ihrem Brag-Head, als
einem der am weitesten nach Westen hinausragenden Punkte Irlands. Was
den Flecken selbst betrifft, so wird kein Ire vergessen, daß er der
Geburtsort O'Connell's ist.
Am folgenden Tage mußten Ihre Herrlichkeiten, die nun darauf bestanden,
ihr Reiseprogramm bis zur letzten Nummer zu erledigen, dem Besuche
der Insel Valentia noch einige Stunden widmen. Das Verlangen, Möven zu
schießen, hatte den Grafen Ashton erfaßt, und deshalb bekam Findling zu
seinem größten Vergnügen Befehl, ihn zu begleiten.
Ein Fährdampfer unterhielt den Verkehr zwischen Cahersiveen und der eine
Meile vor der Mündung aufragenden Insel. Lord Piborne, Lady Piborne und
ihr Gefolge schifften sich nach dem Frühstück ein und das Ferry-Boat
setzte sie in dem kleinen Hafen ab, wo die Fischerboote bei plötzlichen
Stürmen Schutz finden.
Sehr wild und rauh von außen, entbehrt diese Insel doch nicht gewisser
mineralischer Schätze, denn es finden sich auf ihr mehrere ergiebige
Schieferbrüche. In einem Dorfe kann man verschiedene Häuser sehen, deren
Mauern und Dach aus je einem einzigen großen Stück Schiefer bestehen. In
diesem Dorfe ist auch für Unterkommen für Touristen gesorgt, obwohl kaum
einer, trotz des vortrefflichen Gasthofs, davon Gebrauch macht. Wozu
auch? Wenn sie, wie es auch Ihre Herrlichkeiten thaten, das alte
verfallene Fort, das Cromwell einst erbaute, besucht und den
Leuchtthurm, den Wegweiser für die Seeschiffe, bestiegen, und wenn
sie die Skellings, das sind zwei hohe Bergkuppen in der Entfernung
von fünfzehn Meilen, bewundert haben, deren Feuer die Nähe dieser
gefährlichen Küstenstrecke weit hinaus anzeigt, dann bietet Valentia
nichts besondres mehr. Es ist nur eine jener Inseln, die man an der
Westküste Irlands zu Hunderten findet.
Immerhin genießt Valentia eine dreifache specielle Berühmtheit.
Es diente als Ausgangspunkt der Triangulierung, mittelst der ein
Bogenstück der Erde gemessen wurde, das quer durch Europa bis zum
Uralgebirge reicht.
Es ist thatsächlich die am weitesten nach Westen vorgeschobene
meteorologische Station, an der die Sturmwellen von Amerika her zuerst
anprallen.
Endlich besitzt es ein isoliert stehendes Gebäude, wohin Lord und Lady
Piborne sich führen ließen. Hier beginnt das erste Transatlantische
Kabel, das zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgespannt wurde.
Im Jahre 1858 ließ es Kapitän Anderson von dem einst berühmten
Riesendampfer, dem »Great-Eastern«, abrollen, während es 1866 zuerst
fungierte -- damals allein, bis später vier weitere Kupferfäden Amerika
und Europa verbanden.
Hier traf das erste zwischen einem Continent und dem andern gewechselte
Telegramm ein, das vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, Buchanan,
abgesendet, als Text die Worte hatte:
»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.«
Armes Irland! Du hast es nicht unterlassen, dem Höchsten die Ehre zu
geben, doch werden die Menschen Dir jemals den socialen Frieden sichern,
indem sie Dir die Unabhängigkeit zurückgeben?