VI.

Zwei zusammen achtzehn Jahre alt.

Findling athmete auf, wie vielleicht noch nie in seinem Leben...

tief, erleichtert, als er den Grafen Ashton, den Piqueur und die Hunde

verschwinden sah, und, fügen wir hinzu, Birk wohl auch, als Findling die

Hände von seiner Schnauze losließ, indem er sagte:

»Belle jetzt nicht... belle nicht, Birk!«

Und Birk bellte nicht.

Ein Glück war es, daß Findling an diesem Morgen, einmal entschlossen

fortzugehen, seine alten Sachen angezogen, sein Bündelchen geschnürt und

die Börse eingesteckt hatte. Das ersparte ihm die Unannehmlichkeit, ins

Schloß zurückzukehren, wo der Graf Ashton nun gewiß erfahren hatte,

wem der Mörder des Wachtelhundes gehörte, und das hätte für den

Groom natürlich eine schreckliche Scene heraufbeschworen. Mit seinem

Fernbleiben verlor er freilich den Lohn für einen halben Monat, den er

hatte beanspruchen wollen, doch ertrug er lieber diesen Verlust. Jetzt

einmal aus dem Trelingar-castle heraus, fern von dem jungen Piborne und

dem Verwalter Scarlett, dafür aber in Gesellschaft seines Hundes, dachte

er nur daran, sich schnellstens aufzumachen.

Sein kleines Vermögen belief sich genau auf vier Pfund siebzehn

Schillinge und sechs Pence -- die größte Summe, die er je sein eigen

genannt hatte. Er überschätzte diese jedoch keineswegs, denn er gehörte

nicht zu den Kindern, die sich mit so wohlgefüllter Tasche schon für

reich gehalten hätten; nein, er wußte, daß seine Ersparnisse schnell

genug zu Ende gehen würden, wenn er sich nicht streng einschränkte,

bis er Gelegenheit fände, sich irgendwo -- natürlich mit Birk -- ein

Unterkommen zu sichern.

Die Verwundung des braven Thieres war zum Glück nicht schwer -- eine

einfache Hautverletzung, die voraussichtlich bald heilte. Als er auf

Birk zielte, hatte sich der Piqueur als ebenso ungeschickt wie sein Herr

bewiesen.

Die beiden Freunde wanderten nach Erreichung der Landstraße jenseits

des Waldes schnellen Schrittes dahin, Birk vor Freude umherspringend,

Findling etwas besorgt wegen der Zukunft.

Dieser ging jetzt aber keineswegs sozusagen ins Blaue hinein. Erst

war ihm der Gedanke gekommen, sich nach Newmarket oder nach Kanturk

zu begeben, welche beide Ortschaften er, die eine von seinem längeren

Aufenthalte daselbst, die andere daher, daß er den jungen Piborne oft

genug dahin begleitet hatte, genau kannte. Damit hätte er sich jedoch

Begegnungen ausgesetzt, die besser vermieden wurden. So wußte er

also recht gut, was er that, als er eine südliche Richtung einschlug.

Einerseits entfernte er sich damit von Trelingar-castle nach einer

Gegend zu, wo ihn keiner suchen würde, und andrerseits näherte er sich

dem Hauptorte der Grafschaft Cork an der verkehrsreichen Bai gleichen

Namens. Von da gingen die Schiffe aus... Handelsschiffe... große,

wirkliche Seeschiffe... nach allen Punkten der Erde, und nicht nur

Küstenfahrer und Fischerbarken, wie in Westport oder Galway. Sein

unwiderstehliches Interesse für alles, was mit dem Handel zusammenhing,

übte auch jetzt auf ihn den gewohnten Reiz.

Sein Hauptziel, Cork, zu erreichen, erforderte freilich einige Zeit.

Findling hatte an besseres zu denken, als sein Geld für Wagen oder

Eisenbahn wegzugeben, denn es war ja nicht ausgeschlossen, daß er

unterwegs, wie früher zwischen Limerick und Newmarket, einige Schillinge

verdienen konnte. Dreißig Meilen sind für ein Kind von elf Jahren

schon eine tüchtige Strecke, wozu er, etwaigen Aufenthalt in Farmen

eingerechnet, wohl acht Tage gebrauchen würde.

Das Wetter war schön, für die Jahreszeit etwas kalt, und kein Schmutz

oder Staub auf den Straßen, also lauter günstige Verhältnisse für eine

Fußreise. Mit dem Filzhute auf dem Kopfe, Weste, Jacke und Beinkleider

aus warmem Tuche, mit guten Schuhen mit Lederriemen, sein Packet unter

dem Arme, sein Messer -- das Geschenk von der Großmutter -- in

der Tasche und in der Hand einen Stock, den er sich an einer Hecke

abgeschnitten hatte, machte Findling nicht den Eindruck eines Armen. Er

mußte sich vielmehr vor unangenehmen Begegnungen hüten. Doch es genügte

wahrscheinlich, daß Birk seine Zähne zeigte, um verdächtiges Gelichter

von ihm fernzuhalten.

Am ersten Tage legte er, bei zweistündiger Rast, fünf Meilen zurück und

hatte dabei einen halben Schilling ausgegeben. Für zwei, ein Kind und

einen Hund, war das ja nicht viel und dafür gab es nur knappe Portionen

von Speck und Kartoffeln. Deshalb dachte Findling aber keineswegs mit

Bedauern an die Küche in Trelingar-castle zurück. Am Abend schlief er

etwas jenseits des Fleckens Baunteer mit Erlaubniß des Farmers in einer

Scheune und wanderte, nach einem frugalen Frühstück, das ihm wenige

Pence kostete, am nächsten Tage rüstig weiter.

Das Wetter hielt sich noch ziemlich im gleichen, doch der Weg, der mehr

aufwärts führte, wurde schon mühsamer. Dieser Theil der Grafschaft Cork

hat eine sehr wechselnde Oberfläche. Die von Kanturk nach dem

Hauptorte führende Straße durchschneidet das verwickelte Gelände der

Boggeraghberge mit steilen Pfaden und vielfachen Windungen. Findling

brauchte nur dem Wege nachzugehen, so konnte er sich nicht verirren.

Uebrigens besaß er ein Orientierungsvermögen wie ein Chinese oder ein

Fuchs, und außerdem begegnete er wiederholt von den Feldern und Wiesen

kommenden Landleuten oder auch Wagen, die von dem einen Dorfe nach

dem andern fuhren. Wenn nöthig, hätte er sich also stets nach der

einzuschlagenden Richtung erkundigen können, er zog es aber vor, nicht

erst die Aufmerksamkeit andrer zu erwecken.

Nach einem halben Dutzend schnellen Schrittes zurückgelegter Meilen

kam er nach Derry-Gounva, einem kleinen Orte, wo die Landstraße die

Bergmasse der Boggeraghs schneidet. Hier fragte ihn in einer Schänke ein

Fremder, der eben zu Abend essen wollte, woher er käme, wohin er ginge

und wann er wieder aufbrechen wolle. Offenbar befriedigt durch die

Antworten des Knaben, bot er diesem an, seine Mahlzeit mit ihm zu

theilen, und zwar mit solcher Herzlichkeit, daß Findling es ohne

Zögern annahm. Er stärkte sich dabei ordentlich und Birk wurde von dem

freundlichen Amphytrio auch nicht vergessen. Es war schade, daß der

Fremde nicht in Cork zu thun hatte, denn er hätte dem Knaben gewiß einen

Platz in seinem Wagen angeboten; er begab sich aber nach dem Norden der

Grafschaft.

Nach ruhig verbrachter Nacht verließ Findling Derry-Gounva mit

Tagesanbruch wieder und betrat nun die Engpässe der Boggeraghs.

Dieser Tag wurde anstrengend. Ein steifer Wind heulte durch die

bewaldeten Bergeshänge. Zwar aus Südwest kommend, strich er durch die

Windungen der Pässe doch je nach deren Richtung hin. Findling hatte

ihn immer gerade im Gesicht, ohne, wie ein Schiff, in der Lage zu sein,

dagegen aufzukreuzen. Zuweilen mußte er sich gar an Büschen neben dem

Wege festhalten, um über eine scharfe Ecke wegzukommen -- kurz, hier

ging es unter großer Anstrengung langsam vorwärts. Jetzt hätte ihm ein

Wagen, ein Jaunting-car, gute Dienste geleistet; leider traf er keinen

solchen an. Diese Gegend der Boggeraghs hat wenig Verkehr. Nach den

Dörfern im Lande kann man gelangen, ohne sich in diese Irrgänge zu

wagen. Auch Fußgänger sah Findling kaum, und diese hielten dann die

entgegengesetzte Richtung ein.

Der Knabe nebst seinem Hunde mußte sich wiederholt einmal niederlegen,

um auszuruhen. Im Laufe des Nachmittags überschritt er, etwas schneller

gehend, den höchsten Punkt des Bergrückens, hatte im ganzen aber doch

nur vier bis fünf Meilen hinter sich gebracht. Das war ein anstrengender

Wandertag. Jetzt, nach Ueberwindung des schlimmsten, hoffte er binnen

zwei Stunden die Ostseite des Gebirgsrückens zu erreichen.

Es wäre vielleicht unklug gewesen, nach Sonnenuntergang weiter zu

marschieren. Auf diesen hohen Abhängen wird es schnell Nacht und schon

von sechs Uhr ab herrscht daselbst tiefe Dunkelheit. So war es wohl

besser, auf der Stelle Halt zu machen, da sich keine Farm und kein

Gasthaus zeigte. Es war hier sehr öde, eine Art Einschnitt der

Landstraße, und Findling fühlte sich nicht besonders sicher. Zum Glück

hatte er in Birk einen scharfen und treuen Wächter, auf den er sich wohl

verlassen konnte.

In dieser Nacht diente ihm als Obdach nur eine enge Aushöhlung in der

Felsenwand des Abhanges, die ein Vorhang von Mauerkraut fast abschloß.

Da schlüpfte er hinein und streckte sich auf dem weichen, trocknen

Erdboden aus. Birk legte sich zu seinen Füßen nieder, und beide

schlummerten unter der Obhut Gottes ein.

Am folgenden Tag ging es frühzeitig wieder vorwärts. Das Wetter war

unsicher, feucht und kalt geworden. Noch eine Strecke von fünfzehn

Meilen, und Cork mußte am Horizonte auftauchen. Um acht Uhr waren die

Engpässe der Boggeraghs überwunden und nun fiel der Weg merkbarer. Die

beiden gingen schnell, sie hatten aber Hunger. Der Vorrathsbeutel wurde

allmählich leer. Birk trottete herüber und hinüber auf der Straße und

suchte mit der Nase an der Erde nach Nahrung. Dann kam er zu seinem

Herrn zurück, den er ansah, als wollte er sagen:

»Nun, giebt's denn heute gar nichts?

-- Bald, warte nur noch ein wenig,« antwortete Findling.

Gegen zehn Uhr machten beide in einem Weiler, Zehn-Meilen-Haus genannt,

Halt.

Hier wurde der Geldbeutel des jungen Wandrers in dem bescheidenen

Gasthofe um einen Schilling erleichtert, wofür er das gewöhnliche

irische Essen erhielt, nämlich Kartoffeln, Speck und ein großes Stück

von dem rothen »Cheddarkäse«. Birk bekam ein gutes Futter, sogar mit

etwas Fleischbrühe dran. Nachher ruhten beide ein wenig aus und machten

sich dann mit frischen Kräften auf den Weg. Die Gegend war noch immer

hügelig, doch da und dort angebaut, und die Bauern fuhren die in diesem

Klima sich verspätigende Gersten- und Roggenernte ein.

Findling befand sich also nicht allein auf der Straße; er bot den

vorüberkommenden Landleuten einen Guten Morgen, und diese erwiderten

treuherzig seinen Gruß. Kinder waren kaum zu sehen -- wenigstens nicht

solche, die um einen Copper bettelnd jedem Wagen nachliefen. Freilich

kamen auch nur selten Touristen in diese Gegend, das Geschäft wäre also

nicht lohnend gewesen, obwohl es Findling nicht übers Herz gebracht

hätte, einem armen Kinde das erbetene Almosen zu verweigern.

Um drei Uhr nachmittag erreichten sie den Punkt, von wo aus die

Landstraße sieben bis acht Meilen weit neben einem Flusse oder größeren

Bache hin verläuft. Es war das die Dripsey, ein Zufluß der Lee, die sich

in einer der südwestlichsten Baien verliert.

Wollte er die Nacht nicht wieder unter freiem Himmel zubringen, so

mußte Findling noch bis zu dem, von Cork nur noch drei bis vier Meilen

entfernten Flecken Woodside zu gelangen suchen. Das war von hier noch

eine große Strecke, die er jedoch noch zurücklegen zu können glaubte.

»Also vorwärts, sagte er für sich, tüchtig ausschreitend. Da unten werd'

ich ja Zeit haben, um ausruhen zu können.«

Zeit... ja, daran würde es ihm wohl nicht fehlen, wenn nur sein Geld

ausreichte. Doch darum beunruhigte er sich nicht. Er besaß ja vier

Pfund in gutem Gelde, ohne die Pence, die noch darüber waren. Mit einem

solchen Schatze konnte er ja wochenlang wandern.

Der Himmel ist bedeckt; der Wind hat sich gelegt. Wenn es anfinge

zu regnen, ohne daß man ein andres Obdach hat als vielleicht einen

Heuhaufen, so ist das kein besondres Vergnügen, wenn man in einem der

Gasthöfe von Woodside ein trocknes Fleckchen finden kann.

Findling und Birk beeilten sich nach Kräften und waren etwas vor sechs

Uhr abends nur noch drei Meilen von ihrem heutigen Ziele entfernt, als

Birk ganz auffällig zu knurren anfing.

Findling blieb stehen und sah nach der Straße hinaus, bemerkte aber

nicht das geringste.

»Was hast Du denn, Birk?«

Birk bellte jetzt schwach und lief dann rechts nach dem Flusse zu,

dessen Ufer nur gegen zwanzig Schritte entfernt war.

»Er hat wahrscheinlich Durst, dachte Findling, und ich möchte in der

That auch einmal trinken.«

Damit wandte auch er sich der Dripsey zu, als der Hund, laut

anschlagend, eben in das Wasser sprang.

Höchst erstaunt sprang der Knabe mit einigen Sätzen an das Ufer und

wollte seinen Hund rufen....

Da gewahrte er den Körper eines Kindes, der von der Strömung

hinweggeführt wurde. Der Hund hatte ihn an den Kleidern oder vielmehr

an seinen Lumpen gepackt. Die Dripsey ist aber voller Wirbel und

deshalb ein recht gefährliches Wasser. Birk bemühte sich, ans Ufer

zurückzuschwimmen, was ihm nur schwer gelingen zu sollen schien, da das

Kind sich krampfhaft an dem Thiere festhielt.

Findling konnte schwimmen; Grip hatte es ihm ja seiner Zeit gelehrt.

Jetzt warf er ohne Zögern die Jacke ab, doch da erreichte Birk mit einer

letzten Anstrengung das Ufer.

Findling brauchte sich nur zu bücken und das Kind an der Kleidung zu

fassen, um es in Sicherheit zu bringen, während der Hund sich freudig

bellend schüttelte.

Das Kind war ein Knabe von höchstens sechs bis sieben Jahren. Die Augen

hatte er geschlossen, der Kopf hing schlaff herab und das Bewußtsein

hatte er verloren....

Wie erstaunte Findling aber, als er dem Kleinen die herabhängenden

nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte....

Das war ja der hübsche Bursche, den der Graf Ashton vor kaum zwei Wochen

so rücksichtslos mit der Peitsche geschlagen hatte, und wobei Findling

für seine mitleidige Intervention von dem jungen Piborne so heftig

ausgescholten wurde.

Seit vierzehn Tagen irrte das arme Kind plan- und ziellos auf der

Landstraße umher. Im Laufe des Nachmittags mochte er an die Dripsey

gekommen sein... hatte wohl seinen Durst löschen wollen, war dabei

ausgeglitten und vom Strome fortgerissen worden, und jetzt wäre er

jedenfalls, wenn Birk ihn nicht in letzter Minute rettete, in einem

Wasserwirbel versunken.

Nun galt es, den Knaben wieder zu sich zu bringen, was Findling so gut

wie möglich versuchte.

Das arme, bedauernswerte Wesen! Sein schmales Gesicht, der hagere,

fleischlose Körper, alles verrieth, was es gelitten haben mochte:

Anstrengung, Kälte und Hunger! Der Leib des Kleinen war eingesunken, wie

ein leerer Sack. Wie sollte er ihn nun wieder zum Bewußtsein bringen?

Jedenfalls mußte er zuerst von dem verschluckten Wasser befreit werden,

dann wollte Findling ihm Mund auf Mund Luft einblasen. -- Wirklich that

das Kind nach kurzer Zeit wieder einen ersten schwachen Athemzug, dann

schlug es die Augen auf und über seine Lippen kamen die klagenden Worte:

»Ich habe Hunger... ach, ich habe solchen Hunger.«

=I am hungry!= Das ist der Ausruf des Irländers, den er während seines

ganzen Lebens und noch, wenn ihm die Augen schon brechen, vernehmen

läßt.

Findling besaß noch einigen Mundvorrath. Aus Brot und Speck machte er

zwei bis drei Bissen und schob sie dem Knäblein in den Mund, der sie

gierig verschlang. Er mußte ihn mäßigen, sonst wäre er erstickt. Die

Speise glitt in ihn hinein, wie die Luft in eine vorher luftleere

Flasche.

Mühsam richtete er sich auf. Sein Blick haftete auf Findling, er schien

sich unklar, dann rief er ihn erkennend:

»Du?... Du? murmelte er.

-- Ja... Du erinnerst Dich also....

-- Ach ja... auf der Straße... ich weiß nicht wann....

-- Ich... weiß es... mein Junge....

-- O, verlasse mich nicht!

-- Nein, nein; ich begleite Dich. Wohin wolltest Du gehen?

-- Weiß nicht... der Straße nach....

-- Wo wohnst Du denn?

-- Wohnen?... Nirgends....

-- Wie bist Du denn in den Fluß gefallen?... Hast wohl trinken wollen?

-- Nein.

-- So bist Du nur ausgeglitten?

-- Nein. Ich bin... mit Willen hineingefallen!

-- Absichtlich?

-- Ja... ja... jetzt thu' ich's aber nicht wieder, wenn Du bei mir

bleibst....

-- Beruhige Dich; ich bleibe bei Dir!«

Findling traten die Thränen in die Augen. Mit sieben Jahren der

entsetzliche Gedanke, sterben zu wollen!... Die Verzweiflung trieb

dieses Kind in den Tod, die Verzweiflung, die aus der Entblößung von

allem, aus dem Verlassensein, aus dem Hunger emporwuchert!

Das Kind hatte die Augen wieder geschlossen. Findling hielt es für

angezeigt, jetzt mit weiteren Fragen zurückzuhalten. Dazu war später

Zeit. Die Geschichte des Kleinen kannte er ja schon, es war doch die

aller dieser armen Geschöpfe... war seine eigne.... Ihm freilich war,

Dank seiner ungewöhnlichen Energie, nie der Gedanke gekommen, seinem

Elend auf diese Weise ein Ende zu machen.

Jetzt galt es eine Entscheidung. Das Kind war nicht imstande, noch

mehrere Meilen bis Woodside zu gehen, und Findling hätte es nicht bis

dahin tragen können. Außerdem brach die Nacht schon an, und da schien es

das nöthigste, einen Schutz zu finden. In der Nähe war kein Gasthaus

zu sehen, auf der Dripsey neben der Straße zeigte sich kein Boot. Zur

linken stand dichter Wald. Hier mußten sie also wohl die Nacht am Fuße

eines Baumes hinbringen, auf einer Streu von Blättern und, wenn nöthig,

neben einem Feuer aus dürrem Holze. Mit Sonnenaufgang und wenn das Kind

wieder mehr bei Kräften war, konnten sie Woodside oder Cork unschwer

erreichen. Für heute Abend war genug zu essen da und es blieb auch noch

ein wenig zum Frühstück für morgen übrig.

Findling nahm den vor Müdigkeit eingeschlafenen Knaben in die Arme. Birk

hinter sich ging er quer über die Straße und zwanzig Schritte in den

Wald hinein, wo es unter den hundertjährigen Buchen, deren es in Irland

unzählige giebt, schon sehr dunkel war.

Wie freute er sich da, einen geneigt stehenden und vom Alter

ausgehöhlten Stamm zu entdecken! Das war eine Art Wiege oder richtiger

ein Nest, in das er seinen kleinen Vogel niederlegen konnte. Die Höhlung

war unten mit gleich Sägespänen weichem Staub bedeckt, und wenn er noch

einen Arm voll dürrer Blätter darüber breitete, war das schönste Bett

fertig. Beide konnten darin Platz und ein warmes Lager finden, so daß

das Kind sogar im Schlafe fühlen würde, daß es nicht mehr allein sei.

Bald darauf war der Knabe in dieser Aushöhlung untergebracht. Die

Augen öffnete er vorläufig nicht wieder, doch athmete er sanft und fiel

schnell in tiefen Schlaf.

Findling trocknete nun die Kleidungsstücke, die sein Schützling -- der

Schützling des Knaben von elf Jahren! -- morgen wieder anziehen sollte.

Nachdem er mit trocknem Holz ein Feuer angezündet hatte, rang er die

Lumpen aus und hing sie dann in der Nähe der Gluth an einem niedrigen

Buchenaste auf.

Jetzt war es Zeit, ans Essen zu denken. Der Hund bekam auch seinen

Antheil an Brod und Kartoffeln -- zwar nicht viel, doch er beklagte

sich deshalb nicht. Sein junger Herr streckte sich nun in dem hohlen

Buchenstamme aus und schlief, den Arm um den Knaben gelegt und vom

treuen Birk bewacht, auch endlich ein.

Am nächsten Tage, dem 18. September, erwachte das Kind zuerst,

höchst verwundert, in einem so guten Bette zu liegen. Birk kläffte es

schweifwedelnd an... er hatte sich doch auch um die Rettung des Kleinen

verdient gemacht.

Findling schlug sofort die Augen auf, und der Knabe warf sich ihm um den

Hals.

»Wie heißest Du? fragte er.

-- Findling. Und Du?...

-- Bob.

-- Nun so komm, Bob, zieh' Dich an.«

Bob ließ sich das nicht zweimal sagen. Er erinnerte sich kaum daran,

gestern ins Wasser gegangen zu sein. Jetzt hatte er ja eine Familie,

einen Vater, der ihn nicht verlassen würde, wenigstens einen großen

Bruder, der ihn einmal auf der Straße nach Trelingar-castle mit einer

Handvoll Coppers erfreut hatte. Er ließ sich mit der seinem Alter eignen

Vertrauensseligkeit gehen, mit jener natürlichen Vertraulichkeit, die

man bei irischen Kindern gewöhnlich trifft. Andrerseits erschien es

Findling, daß das Zusammentreffen mit Bob ihm nun Pflichten, gleichsam

Vaterpflichten, auferlegt habe.

Und wie glücklich war Bob, ein weißes Hemd unter seinen trocknen Sachen

zu fühlen! Wie machte er die Augen -- doch auch den Mund -- weit auf vor

einer Schnitte Brod, einem Stück Käse und einer warmen Kartoffel, die in

der Asche des Feuers geröstet worden war! Dieses Frühstück zu zweien war

vielleicht das beste, das er seit seiner Geburt genossen hatte.

Seit seiner Geburt?... Seinen Vater hatte er zwar nicht, wohl aber --

glücklicher als Findling -- seine Mutter gekannt, die vor zwei bis drei

Jahren, genauer wußte Bob es nicht, aus Mangel und Entbehrung gestorben

war. Nachher hatte man ihn in der Armenanstalt einer nicht zu großen

Stadt, auf deren Namen er sich nicht besann, untergebracht. Später war

jene Anstalt wegen fehlender Geldmittel geschlossen worden, und Bob

sah sich, er wußte nicht warum, auf die Straße geworfen, ebenso wie die

andern Kinder, die meist auch keine Eltern hatten. Von da an lebte er

auf der Landstraße, schlief wo er ging und stand, und aß, wenn... er

konnte, bis zu dem Tage, wo ihm nach achtundvierzigstündigem Fasten der

Gedanke kam, in den Tod zu gehen.

Das war seine Geschichte, die er erzählte, während er die große

Kartoffel verzehrte, und diese Geschichte klang ja nicht neu für einen

früheren Pflegling der Hard, der darauf bei Thornpipe »zur Kurbel«

erniedrigt worden und schließlich als »Zögling« in die =Ragged-School=

gesteckt worden war.

Mitten im Plaudern veränderten sich plötzlich die Gesichtszüge Bobs,

seine sonst so lebhaften Augen erloschen und er wurde ganz bleich.

»Was fehlt Dir? fragte Findling theilnehmend.

-- Du läßt mich nicht wieder allein, nicht wahr?« murmelte er.

Das war seine schlimmste Befürchtung.

»Nein... Bob.

-- Und... wohin führst Du mich denn?

-- Ja... dahin, wohin ich selbst gehe!«

Das Wohin verlangte Bob nicht weiter zu wissen, ihm war's ja genug, daß

Findling ihn mitnahm.

»Doch Deine Mama... Dein Papa?...

-- Ich habe keine....

-- O, rief Bob, da werd' ich Dich desto mehr lieb haben dürfen.

-- Ich Dich auch, mein Junge; wir wollen schon versuchen, zusammen

durchzukommen.

-- Ei, Du sollst einmal sehen, sagte Bob, wie ich den Wagen nachlaufe,

und was ich da an Coppers bekomme, das geb' ich Dir.«

Der Knabe hatte bisher nichts andres zu thun gewußt.

»Nein, Bob; den Wagen muß man nicht nachlaufen.

-- Warum denn nicht?

-- Weil es nicht recht ist, zu betteln.

-- Ach!... stieß Bob nachdenklich werdend hervor.

-- Sag' mir, hast Du ein Paar gute Beine?

-- Ja, aber groß sind sie nicht.

-- Nun, wir haben heute einen tüchtigen Marsch vor uns, wenn wir die

Nacht schon in Cork schlafen wollen.

-- In Cork?...

-- Ja freilich... das ist eine schöne Stadt da unten... mit

Schiffen...

-- Schiffen... ja ich weiß.

-- Und am Meere gelegen. Hast Du das Meer schon gesehen?

-- Nein, noch nicht.

-- Das wirst Du auch zu sehen bekommen... o, das ist groß!... Nun

vorwärts!«

Beide brachen auf und Birk trabte lustig vor ihnen her.

Zwei Meilen weiter hin verläßt die Straße das Ufer der Dripsey und

begleitet dafür das der Lee, die in der Bai von Cork ausmündet. Hier

erschienen einige Wagen mit Touristen, die sich nach den Berggegenden

der Grafschaft begaben.

Aus alter Gewohnheit sprang Bob diesen nach und rief: »Copper...

Copper!«

Findling holte ihn zurück.

»Ich habe Dir gesagt, Du sollst das unterlassen, sagte er.

-- Warum denn?

-- Weil es unrecht ist, um Almosen zu betteln.

-- Auch wenn man's thut, um etwas zu essen zu haben?«

Findling antwortete nicht und Bob fühlte sich sehr beunruhigt wegen

seines Frühstücks, bis er in einem Gasthause der Landstraße am Tische

saß. Hier thaten sich für sechs Pence drei -- der große Bruder, der

kleine Bruder und der Hund -- gütlich.

Bob konnte kaum seinen Augen trauen: Findling besaß ja einen Geldbeutel

mit Schillingen darin, und von diesen blieb noch übrig, als die Rechnung

des Wirthes bezahlt war.

»Woher hast Du denn das schöne Geld?

-- Das hab' ich verdient, Bob, durch ehrliche Arbeit....

-- Durch Arbeit?... O, ich möchte wohl auch arbeiten, ich weiß aber

nicht, wie ich's anfangen soll.

-- Das werd' ich Dir lehren, Bob.

-- Gleich jetzt?

-- Nein; erst wenn wir da unten sind.«

Wollten sie am Abend in Cork eintreffen, so war keine Minute zu

verlieren. Findling und Bob machten sich also wieder auf den Weg und

gingen so schnell, daß sie zwischen vier und fünf Uhr in Woodside waren.

Hier kehrten sie nicht wieder ein, da es gerathener schien, nun gleich

bis zu der nur noch drei Meilen entfernten Hafenstadt zu wandern.

»Du bist doch nicht zu müde, mein Junge? fragte Findling.

-- Ach nein... es geht... es geht an,« versicherte das Kind.

Nachdem sie sich noch einmal durch etwas Nahrung gestärkt hatten,

setzten beide ihre Wanderung fort.

Um sechs Uhr erreichten sie eine der Vorstädte Corks. Hier fanden sie

bei einem Gastwirth Nachtlager und schliefen einer im Arme des andern

hoffnungsfreudig ein.

Der Findling. Zweiter Band. · 第 22 / 34 题