In Trelingar-castle.
Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter
Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle
des Schloßherrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton,
die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen
wüthend an zu bellen.
Da Findling fürchtete, daß sich hier eine Katzbalgerei entwickeln
könnte, bei der Birk doch eine zu große Uebermacht gegen sich gehabt
hätte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame
Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte.
Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er
ihn heran.
»Was willst Du hier?« fragte er mit barscher Stimme.
Wenn der Verwalter sich nämlich kriechend unterwürfig gegen alle
Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und
vorzüglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur.
Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht
schrecken. Er hatte noch weit härtere Anreden bei der Hard, von
Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen müssen. Wie es sich
schickte, entblößte er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er
übrigens gleich nicht für Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den
Schloßherrn von Trelingar, ansah.
»Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch
einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' daß Du fortkommst.
Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen
Copper!«
Das waren recht unnütze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort
kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des
Verwalters in Acht nehmen mußte. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend
und bellend im Hofe umher. Das machte einen Lärm, der jede Verständigung
erschwerte.
Scarlett mußte auch noch lauter sprechen, als er hinzufügte:
»Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in
der Nähe des Schlosses erwische, dann führ' ich Dich an den Ohren nach
Kanturk, wo im Arbeitshause für einen solchen Burschen schon noch Platz
ist!«
Findling ließ sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in
dem sie ausgestoßen wurden, einschüchtern. Als es aber einmal ruhiger
war, antwortete er:
»Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt!
-- Und Du würdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch.
-- Nein... von niemand.
-- Was willst Du denn sonst hier?
-- Ich wünsche den Lord Piborne zu sprechen.
-- Seine Herrlichkeit selbst?
-- Ja, Seine Herrlichkeit persönlich.
-- Und Du bildest Dir ein, daß er Dich vorlassen wird?...
-- Gewiß, denn es handelt sich um eine für den Lord Piborne sehr
wichtige Sache.
-- Eine sehr wichtige Sache?...
-- Ja wohl, mein Herr.
-- Und was beträfe denn diese?
-- Das möchte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen.
-- Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse.
-- O, so werde ich warten.
-- Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle.
-- Gut, so komm' ich noch einmal wieder.«
Jeder andre als der häßliche Scarlett wäre von der auffallenden
Zähigkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen
gewesen. Jeder hätte sich gesagt, daß den Kleinen gewiß ein ganz
besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und hätte ihn
aufmerksam angehört. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr »in
die Wolle« und knurrte:
»So ohne Umstände spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord
Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat
sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich
herführte....
-- Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie,
mich ihm zu melden!
-- Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend,
jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine
fahren!... Nimm Dich in Acht!«
Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Gekläff.
Findling fürchtete immer nur, daß Birk aus dem Gebüsch vorbrechen und
ihm zu Hilfe kommen könnte, was der Sachlage eine noch üblere Wendung
gegeben hätte.
Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton
auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu.
»Was giebt's denn hier? fragte er.
-- O, einen Jungen, der betteln will....
-- Ich bin kein Bettler! wiederholte Findling.
-- Aber ein frecher kleiner Landstreicher...
-- Pack' Dich fort, Schlingel, oder ich stehe nicht mehr für meine Hunde
ein!« rief der Graf Ashton.
Die Thiere, die der junge Piborne jetzt noch zu bändigen versuchte,
wurden in der That immer wüthender und bedrohlicher.
Da zeigte sich auf der Freitreppe vor dem Mittelportale des Schlosses
der Lord Piborne selbst in all seiner Majestät, und als er sah, daß
Scarlett noch immer nicht nach Kanturk weggeritten war, stieg er
gemessenen Schrittes die Stufen hinab, ging steif über den Ehrenhof
und erkundigte sich nach der Ursache der Verzögerung und des jetzigen
Lärmens.
»Wollen Eure Herrlichkeit entschuldigen, stammelte der Verwalter, es ist
der Bursche hier, ein Bettelbube....
-- Ich erkläre Ihnen nun zum dritten Male, daß ich kein Bettler bin,
fiel ihm Findling ins Wort.
-- Was will dieser Knabe also? fragte der Marquis.
-- Er will nur mit Euer Herrlichkeit sprechen.«
Lord Piborne trat einen Schritt zurück, nahm eine möglichst vornehme
Haltung an und richtete sich dabei in seiner ganzen Länge auf.
»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er.
Er duzte ihn nicht, obwohl er noch ein Kind vor sich hatte. Als Ausfluß
höchster Vornehmthuerei redete der Marquis überhaupt niemand mit »Du«
an, weder die Marquise, noch den Grafen Ashton -- wahrscheinlich vor
fünfzig Jahren nicht einmal seine eigene Amme.
»Sprechen Sie! setzte er hinzu.
-- Der Herr Marquis hatte sich gestern nach Newmarket begeben, nicht
wahr?...
-- Ja.
-Gestern Nachmittag?...
-- Ja wohl.«
Scarlett wußte nicht, wie ihm geschah. Hier fragte der Gassenjunge, und
Seine Herrlichkeit geruhte zu antworten!
»Herr Marquis, fuhr das Kind fort, haben Sie da nicht ein Portefeuille
verloren?
-- Ganz recht; und dieses Portefeuille...
-- Hab' ich auf der Landstraße nach Newmarket gefunden und komme, es
Ihnen abzuliefern.«
Damit hielt er dem Lord Piborne das Portefeuille hin, dessen
Verschwinden so viele Unruhe verursacht, so vielfachen Verdacht erweckt
und in Trelingar-castle so viele Unschuldige compromittiert hatte. Die
Schuld daran lag also, mochte sich seine Eigenliebe dadurch auch schwer
verletzt fühlen, an Seiner Herrlichkeit selbst, jede Anklage gegen die
Dienerschaft wurde zwecklos und es erschien jetzt -- zu seinem lebhaften
Bedauern -- unnöthig, daß der Verwalter von Kanturk polizeiliche Hilfe
herholte.
Lord Piborne ergriff das Portefeuille, das im Innern seinen Namen und
seine Adresse trug, und überzeugte sich, daß es die Schriftstücke und
die Banknoten noch enthielt.
»Sie also haben dieses Portefeuille gefunden? fragte er Findling.
-- Gewiß, Herr Marquis.
-- Und haben es natürlich geöffnet?
-- Das mußt ich wohl, um zu erfahren, wem es gehörte.
-- Sie haben darin eine Banknote gefunden... deren Werth war Ihnen aber
wohl unbekannt?
-- Das nicht; es war eine Banknote von hundert Pfund, erklärte Findling
ohne Zögern.
-- Hundert Pfund... das ist so viel wie?...
-- Zweitausend Schillinge.
-- Ah, das wissen Sie also, und trotzdem fiel es Ihnen nicht ein, sich
das Geld anzueignen?
-- Ich bin kein Dieb, Herr Marquis, erwiderte Findling stolz, so wenig
wie ein Bettler!«
Lord Piborne hatte das Portefeuille wieder geschlossen, die Banknoten
daraus aber in seine Tasche gesteckt. Der Knabe verneigte sich grüßend
und that schon einige Schritte rückwärts, als Seine Herrlichkeit ihn --
doch ohne ein Zeichen, daß die ehrliche Handlungsweise seine Anerkennung
fand -- noch einmal ansprach.
»Welche Belohnung verlangen Sie für die Wiederbeschaffung dieses
Portefeuilles?
-- Ah, was da... ein paar Schillinge... meinte Graf Ashton.
-- Oder einige Pence, das ist für den Jungen übrig genug!« beeilte sich
Scarlett hinzuzufügen.
Findling empörte es, daß man hier mit ihm handelte, wo er doch gar
nichts verlangt hatte, und er erklärte deshalb:
»Mir kommen dafür weder Pence noch Schillinge zu.«
Dabei wandte er sich nach der Landstraße.
»Warten Sie, rief Lord Piborne. Wie alt sind Sie?
-- Bald zehnundeinhalb Jahre.
-- Und Ihr Vater... Ihre Mutter?...
-- Ich habe keinen Vater und keine Mutter.
-- Ihre sonstigen Angehörigen?
-- Ich habe auch keine solchen.
-- Woher kommen Sie überhaupt?
-- Von der Farm von Kerwan, wo ich vier Jahre gewesen bin und die ich
vor vier Monaten verlassen mußte.
-- Weshalb denn?
-- Weil der Farmer, der mich aufgenommen hatte, von den Gerichten
vertrieben wurde.
-- Kerwan... Kerwan... murmelte Lord Piborne. Ich glaube, das gehört
ja zu dem Grundbesitze von Rockingham?
-- Eure Herrlichkeit täuschen sich nicht, sagte der Verwalter.
-- Und was denken Sie nun zu beginnen? wendete sich der Marquis wieder
an Findling.
-- Nun, ich kehre nach Newmarket zurück, wo ich mir bis jetzt mein Brod
verdiente.
-- Wollen Sie hier im Schlosse bleiben, so können Sie wohl in einer oder
der andern Weise Beschäftigung finden.«
Das war gewiß ein verlockendes Angebot. Vom Herzen war es dem
hochmüthigen, gefühllosen Lord Piborne aber keineswegs eingegeben, und
von einem Lächeln oder einer Freundlichkeit war es auch nicht begleitet.
Findling empfand das ganz gut, und statt schnell zu antworten, begann er
erst zu überlegen. Was er bisher vom Schlosse Trelingar gesehen hatte,
gab ihm zu denken.
Er fühlte sich nicht angezogen von Seiner Herrlichkeit und von dessen
Sohne Ashton, der recht spöttische, widerwärtige Züge besaß, und noch
viel weniger von dem Verwalter Scarlett, dessen brutaler Empfang ihn
empört hatte. Dabei gedachte er auch noch Birks. Wenn man ihm Aufnahme
bot, so würde man Birk diese doch verweigern, und zu einer Trennung von
seinem Genossen in guten und bösen Tagen könnte er sich doch niemals
entschließen.
Immerhin mußte der Knabe, dessen Lebensunterhalt bis heute doch
keineswegs gesichert war, dieses Anerbieten als einen Wink der Vorsehung
betrachten. Die Vernunft rieth ihm, darauf einzugehen, da er es
vielleicht zu bereuen gehabt hätte, wenn er nach Newmarket zurückkehrte.
Nur der Hund bildete ein Hinderniß, doch davon zu reden, würde es ja
eine Gelegenheit geben. Vielleicht nahm man ihn, und wäre es nur als
Wachthund, schließlich dennoch mit auf. Von einer Stellung im Schlosse
mußte er ja Vortheil haben, und bei der nöthigen Sparsamkeit...
»Na... bist Du mit Dir im Reinen? brummte der Verwalter, der ihn lieber
hätte zum Teufel gehen sehen.
-- Was werd ich verdienen? fragte Findling, den sein praktischer Sinn
nie verließ, ohne alle Schüchternheit.
-- Zwei Pfund Sterling monatlich,« erklärte Lord Piborne.
Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der
That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten.
»Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und
werde mich bemühen, Sie nach Kräften zufriedenzustellen.«
Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die
Schloßbediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche später
schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der
Piborne's erhoben.
Den armen Birk hatte sein Herr während der sieben Tage noch nicht am
Hofe -- natürlich des Schlosses -- vorgestellt, denn er fürchtete für
ihn einen ungnädigen Empfang.
Der Graf Ashton besaß nämlich drei Hunde, die er fast so sehr wie
sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaft zu leben, entsprach seinem
Geschmacke und genügte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere,
deren Stammbaum -- wenigstens -- bis zur normännischen Eroberung
zurückreichte, drei schöne, aber sehr bissige schottische Pointer
(Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mußte
er sich schnell davon machen, um nicht von den wüthenden Thieren
zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rüdenmeister) zu solchen
Großthaten aufzuhetzen liebte. Birk begnügte sich auch, in der Nähe
der Wirthschaftsgebäude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue
Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling
sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, daß beide
magrer wurden. Ei was, es würden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo
sie sich auf Vorrath mästen konnten.
Jetzt begann für den Findling, dessen traurige Geschichte wir erzählen,
ein Leben, das sich von dem bisher geführten wesentlich unterschied.
Ohne von den bei der Hard und in der =Ragged-School= verbrachten Jahren
zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von
Kerwan, doch eine große Veränderung.
Bei der Familie Mac Carthy zählte er zum Hause, unbelastet von dem
Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er für nichts. Der Marquis
betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund
Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhündchen, und
der Graf sah ihn für ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die
Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich
hatte sich gelobt, ihm durch fortwährende Chicanen seine Abneigung
fühlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit. Selbst die
Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schloß
Trelingar aufgenommen hatte, für tief unter ihnen stehend. Leute von
gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange
eingenommenen Stellung, und es paßt ihnen nicht, mit solchen Gestalten
von der Landstraße her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den
gemeinschaftlichen Mahlzeiten ließen sie das Findling auch fühlen, wo
es nur anging. Dieser ließ darum keine Klage laut werden; er antwortete
nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausführung
der letzten Befehle seines Herren mit großer Erleichterung nach seinem
besondern Kämmerchen hinaufging.
Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner
annahm. Es war das nur eine Wäscherin, namens Kat, die, jetzt im Alter
von fünfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Domäne gelebt hatte
und hier voraussichtlich ihr Leben beschloß, wenn sie der Verwalter
Scarlett nicht fortjagte -- was er übrigens schon versucht hatte, da
sie ihm etwas verhaßt war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney,
offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, daß die Kat schon zur
Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau ließ
sich jedoch durch nichts beirren. Sie besaß ein vortreffliches Herz, und
Findling schätzte sich glücklich, bei ihr Trost für manches Ungemach zu
finden.
Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause
weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener
angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben:
»Nur Geduld, mein Sohn! Kümmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste
unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wüßte wenigstens keinen, der
das Portefeuille zurückgegeben hätte!«
Vielleicht hatte die Wäscherin damit Recht, denn die gewissenlosen
Leute erklärten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur für einen
Einfaltspinsel.
Der Groom war dem Grafen Ashton also gewissermaßen als Spielzeug
geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amüsierte
sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose
Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde
klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung
zu bringen. Er hieß ihn die große oder die kleine Livrée anlegen,
mit hunderten von Knöpfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im
Frühsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu
lassen, wobei die Hände auf der Naht der Beinkleider liegen mußten, und
nicht nur in den Straßen der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des
Parks, das war für den eitlen Grafen das allergrößte Vergnügen. Findling
unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem
Führer. Man hätte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen
vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg,
oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an
das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit
über Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umriß,
wofür das Gefährt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war.
Abgesehen davon, daß er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn
zu fügen hatte, war Findling nicht eigentlich unglücklich. Das ging
voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem
unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung
möglich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schließlich zum Ueberdruß und
werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich
fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden.
Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und
lebte der Hoffnung, daß sich ihm schon noch eine bessere bieten
werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte höher hinauf, als nach den
Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenüber
diesem Erben der Piborne's, dem er sich überlegen fühlte, erniedrigte
ihn. Ja... überlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht
in Latein, Geschichte u. s. w. genoß und seine Lehrer sich redlich
bemühten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein
blieb aber doch »Hundelatein« (die englische Bezeichnung für unser
»Küchenlatein«) und seine Geschichtskunde beschränkte sich auf das, was
er im »goldenen Buche« der Pferdegeschlechter gelesen hatte.
Kannte Findling nun auch diese schönen Dinge nicht, so verstand er es
doch mit zehn Jahren, zu denken, zu überlegen. Er schätzte jenen Sohn
der Familie nach seinem richtigen Werthe und erröthete manchmal über die
Dienste, die er ihm leisten mußte. Wie bedauernd erinnerte er sich dann
der stärkenden, heilsamen Beschäftigung auf der Farm, seines Lebens
inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten
hatte. Die Wäscherin im Schlosse war und blieb das einzige Wesen, dem er
sich anschließen konnte.
Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu
erproben.
Hier sei noch angeführt, daß der Proceß mit dem Kirchspiele von Kanturk
zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die
von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen
vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum
also hätte ihm dafür ein besondrer Dank gebührt?
Mai, Juni und Juli waren vorüber. Birk hatte, so gut es anging, sein
Futter erhalten. Das Thier schien zu verstehen, daß es sich vorsichtig
verhalten mußte, um in der Umgebung des Schloßparks unentdeckt zu
bleiben. Findling hatte schon dreimal seine zwei Pfund Sterling
eingeheimst, die in seiner Agende auf der Einnahmeseite gebucht standen,
während die Ausgabenseite noch leer geblieben war.
Im Laufe dieser drei Monate hatten Lord und Lady Piborne nichts
anderes zu thun, als Besuche zu empfangen und zu erwidern, und allerlei
Höflichkeiten mit den Schloßbesitzern der Nachbarschaft auszutauschen.
Hierbei drehte sich die Unterhaltung natürlich meist um die Lage der
irischen Landlords. Da fielen recht grimmige Worte über die Ansprüche
der Pächter und der Landliga, über den dreiundsiebzigjährigen Gladstone
und über Parnell, den man an den höchsten Galgen wünschte. So verlief
ein Theil des Sommers. Dann pflegten Lord und Lady Piborne nebst ihrem
Sohne gewöhnlich eine mehrwöchige Reise, meist nach den schottischen
Besitzthümern der Marquise, zu unternehmen. Dieses Jahr sollte sich
der Ausflug nach einer andern Seite lenken, die von der großen Welt
bevorzugt und von den Trelingarer Herrschaften noch nicht besucht worden
war. Es handelte sich nämlich um die herrliche Gegend der Seen von
Killarney, wohin am 3. August aufgebrochen werden sollte.
Findlings Hoffnung, infolge dessen eine Zeit lang dienstfrei zu werden,
ging nicht in Erfüllung. Da Lady Piborne ihre Kammerfrau Marion und der
Marquis seinen Leibdiener John mitnahm, mußte der Graf Ashton doch auch
seinen Groom bei sich haben.
Dieser kam dadurch in nicht geringe Verlegenheit wegen Birks, da er
nicht wußte, wer inzwischen für den Hund sorgen sollte.
Findling beschloß deshalb, Kat ins Vertrauen zu ziehen, die es gern
übernahm, den Liebling des Knaben zu pflegen, ohne daß jemand davon
etwas erführe.
»Beruhige Dich, mein Sohn, erklärte die gute Frau. Ich liebe Deinen
Hund schon ebenso wie Dich, und er wird in Deiner Abwesenheit keine Noth
leiden!«
Findling umarmte die freundliche Kat für diese Zusage, und nachdem er
sie am Abend vor der Abreise noch mit Birk bekannt gemacht hatte, nahm
er von dem treuen Thiere Abschied.