nachher von vielen Seiten bestätigt wurde: trotzdem überlasse ich die
Verantwortung dieser Erzählung den europäischen Bewohnern Damiette's;
sie hat Aehnlichkeit mit der von Bismarck, wenn er in seiner Eigenschaft
als Bundeskanzler, Ministerpräsident, Minister der auswärtigen
Angelegenheiten, Präsident von Lauenburg etc. etc. mit sich selbst
correspondirt. "Herr Surur ist der älteste Consul auf der ganzen Erde,
sehr geizig, aber wenn es darauf ankommt seine respectiven Souveräne zu
repräsentiren, dann geht es bei ihm im Hause so hoch her wie nur
irgendwo. Nur von England bezahlt, hat er für dieses die grösste
Vorliebe, obgleich er alle Abend für die Königin Isabella dreimal zu
Gott betet, während Wilhelm und Victoria nur einmal in seinem Gebete
genannt werden, denn Herr Surur ist eifriger Katholik und muss deshalb
doch der katholischen Fürstin einen kleinen Vorzug geben. Officiell
empfangt er dreimal des Jahres, an welchen Tagen dann auch grosse
Gala-Diners bei ihm stattfinden. An einem solchen Tage macht er sich
aber zuerst selbst die förmlichsten Besuche; wenn z. B. der Königin
Victoria Geburtstag ist, wirft er sich in preussische Consulatsuniform
und stattet dem englischen Empfangssalon, wo inmitten auf einem Divan
die grossbrittanische Consulatsuniform prangt, einen Besuch ab, sodann
eine steife Referenz machend, puppt er sich in einen spanischen Consul
um und wiederholt die Visite. Aber damit nicht zufrieden, macht er
Nachmittags als englischer Consul seinen beiden Collegen Gegenbesuch,
das heisst, er betritt feierlichst in grande tenue anglaise den
norddeutschen und spanischen Salon.
Sein stärkstes Stück soll indess das Danksagungsschreiben gewesen sein,
welches er an König Wilhelm für Ernennung zum norddeutschen Bundesconsul
geschickt hat, und was in so schwülstigen Formen abgefasst war, dass das
Generalconsulat in Alexandria, wie man sagt, es nicht hat passiren
lassen. "Schade", erwiederte ich, "unser König ist dadurch um einen
heitern Augenblick gekommen. Und wissen Sie denn auch, was er von
Bismarck denkt?" "O ja; er hat gleich erklärt, da Bismarck nur auf die
Vergrösserung Deutschlands sänne, er auch täglich ein Extragebet halte
für Vergrösserung Deutschlands, denn als norddeutscher Consul müsse er
officiell mit den Wünschen des Ministeriums des Auswärtigen
übereinstimmen".
Doch es würde zu weit führen, hier alle Anekdoten und Sonderbarkeiten,
die man sich nicht nur in Damiette, sondern in ganz Aegypten über Consul
Surur erzählt, wiederzugeben. Nur so viel noch, dass man andererseits
auch sagt, dass er vollkommen energisch ist, und vorkommenden Falles
den Türken schon oft gezeigt hat, dass man keinen seiner Schützlinge
ungestraft beleidigen darf. Sein Sohn ist amerikanischer Consul, und ein
Schwiegersohn vertritt andere Länder, so dass fast die ganze Welt von
dieser Familie repräsentirt wird.
Es gibt in Damiette eine grosse Anzahl von Moscheen, mehr als 20 hohe
Minarets zählte ich, die meisten Djemma,[23] so nennen die Araber ihre
Bethäuser, sind aber ohne Minarets. Eine von ihnen ist sehr berühmt und
noch heutzutage ein besuchter Wallfahrtsort; es geschehen dort Wunder.
Gegen ein hohes Bakschisch (Trinkgeld) konnte ich Einlass bekommen,
nachdem meine Stiefeln vorher mit ein paar Strohschuhen waren umhüllt
worden, damit mein ungläubiger Fuss nicht die heiligen Räume beflecke.
Die Moschee ist gross und ehemals eine christliche Kirche gewesen,
vielleicht in noch älterer Zeit ein römischer oder griechischer Tempel,
denn die Säulen sind zusammengesucht, von der verschiedensten Ordnung
und von verschiedenstem Gestein. Hier sieht man eine korinthische,
kannelirte aus Sandstein, dort dorische aus Marmor, auch Granitarbeiten
fehlen nicht. Das wunderbarste ist aber eine Säule, welche von Blut ganz
roth angelaufen ist; diese Säule, die von Mekka gekommen sein soll, wird
von sterilen Frauenzimmern so lange geleckt mit der Zunge bis aus
dieser Blut tritt, und dann soll dies Schwangerschaft hervorrufen
(wahrscheinlich haben die mohammedanischen Pfaffen oder Thalba (pl. von
Thaleb) aber noch andere Mittel zu Gebote, denn wenn die Frauen sich die
Zunge wundgeleckt haben, müssen sie zu einem Thaleb ins Zimmer treten,
und erhalten dort Mittel zur Heilung der Zunge.) Ich fand zwei junge
Frauenzimmer mit dem widerlichen Acte der Säulenleckung beschäftigt,
die, wie gesagt, ganz roth war, und unverschleiert, erhoben sie ein
entsetzliches Geschrei, als die Blicke eines Ungläubigen sie trafen. Der
mich herumführende Thaleb beruhigte sie indess, indem er ihnen etwas
zuflüsterte, wahrscheinlich theilte er ihnen mit durch andere Mittel die
Macht des bösen Auges von ihnen abwenden zu wollen.
Aber noch zwei andere merkwürdigere Säulen zeigte man mir, reiche dicht
neben einander stehen und direct vom Himmel gekommen sein sollen. Diese
haben die wunderthätige Kraft, dass sie schwangere Frauen, die nicht
niederkommen können, entbinden machen; zu dem Ende müssen sich die
Frauen zwischen beiden hindurchquetschen, und nachdem ich den geringen
Abstand der beiden Säulen von einander sah, konnte ich mir recht gut
denken, dass, wenn die Damen von Damiette hochschwanger den Pass passirt
haben, sie sicher weiter keinen Geburtshelfer nöthig haben würden.
Für die Christen in Damiette giebt es ausser den koptischen Kirchen eine
katholische Kirche, welche von Vätern des heiligen Grabes bedient wird,
dann eine griechische, der ein Erzbischof, ein Diaconus und vier
Priester vorstehen. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von Süden,
nahe vom Gebäude der Compagnie des Canals von Suez aus. Dieses Gebäude,
welches die Compagnie, man weiss nicht weshalb, hier hat bauen lassen,
steht jetzt ganz leer, einige Räume ausgenommen, die vermiethet sind.
Vom Nil aus kann man auch die ganze Stadt in einem Halbkreis vor sich
liegen sehen, und von Westen betrachtet, gleicht sie eher einer
italienischen als einer ägyptischen Stadt. Hohe mehrstöckige Häuser, mit
Fenstern und Balcons, alle den reichen Damietter Kaufleuten zugehörend,
unmittelbar an's Wasser stossend, deuten nichts weniger an, als dass
hier die Harem der Reichen münden. Und doch ist es so, die Jalousien
sind so eingerichtet, dass die Frauen und jungen Mädchen das rege
Treiben auf dem Nil sehen können, ohne gesehen zu werden. Besonders
schön ist das Gebäude des persischen Consuls, den die Damietter Consul
el Agam ([Arabic: el-Agam] heissen sie Persien) nennen.
Auf der andern linken Seite des Nils sind ausser Kasernen keine Gebäude,
mehrere grosse, halbverfallene Moscheen deuten aber an, dass früher hier
die Stadt sich auch ausdehnte. Von vollkommener Ebene umgeben und im
fruchtbaren Nil-Alluvium liegend, bringt die Gegend hauptsächlich Reis
hervor, der an Vorzüglichkeit jedem der Erde gleich steht; es wird
damit, sowie mit getrockneten Fischen, vom Menzale-See nach der Türkei
und Syrien ein grosser Export getrieben. Renommirt sind auch noch die
Datteln, welche für die besten in ganz Unterägypten gehalten werden. In
neuerer Zeit endlich hat sich Frucht- und Gemüsebau sehr entwickelt, da
Port Said gänzlich mit diesen beiden Artikeln von Damiette versorgt
wird. Bei Hochwasser können Briggs bis 400 Tonnen vom Meer bis zur Stadt
gelangen, bei niedrigem Wasser nur kleinere Schiffe. Eine regelmässige
Dampfschifflinie verbindet Damiette mit Mansura, welche Stadt etwa 80
Meilen nilaufwärts liegt.
Nach einem viertägigen Aufenthalt miethete ich ein Schiff, da die
regelmässigen Dampfer gerade nicht liefen, und fuhr mit gutem Nordwind
nach Mansura, welches wir in 18 Stunden, immer rechts und links die
lachenden Ufer des Nils geniessend, erreichten. Leider erlaubte der
Fanatismus der dortigen Bewohner nicht die Moschee zu betreten, in
welcher das Gefängniss des heiligen Ludwig gezeigt wird, und so nahm
ich, ohne mich in der Stadt aufzuhalten, die Bahn, und fuhr mit dem
ersten Zuge nach der Kalifenstadt zurück.
Malta.
Es kann oft vorkommen, dass ein Reisender, welcher von Europa sich nach
Tripolitanien oder Tunisien begiebt oder umgekehrt, dazu genöthigt wird,
tagelang, welches oft zu Wochen anwächst, auf diesem Felsen mitten im
Mittelmeere zuzubringen: und selbst in diese Lage gebracht, berichten
wir nun wie am besten und nützlichsten und zugleich auch am
interessantsten die Zeit hinzubringen sei. Durch die Kenntniss der
arabischen Sprache konnte ich mich mit den Maltesern selbst in
Verbindung setzen und so nach und nach herauslocken, was auf den Inseln
am sehenswerthesten ist. Freilich waren sie oft darüber so erstaunt mich
fe'l maltese sprechen zu hören, dass sie sich gerade so anstellten, wie
die Beduinen einem Europäer gegenüber, welcher sie plötzlich in ihrer
Sprache anredet, d.h. sie trauten ihren Ohren nicht, wollten nicht
glauben, dass es ihre Sprache sei, bis wiederholte Fragen ihnen endlich
die Laute ohrgerecht machten.
Indem ich im Allgemeinen hier anführe, dass die Inselgruppe, die wir
schlechtweg Malta zusammen nennen, aus der grössten Malta, der mittleren
kleinsten Comino und der zweiten Gozzo, dann einigen Felsen als
Cominetto und Filfela besteht, halte ich es für überflüssig, über Lage,
Grösse und Einwohnerzahl mich auslassen zu müssen, was in jedem
Handbuche der Geographie nachgesehen werden kann.
Kein Land der Welt hat wohl so oft seinen Besitzer geändert, wie Malta,
welches von Homer unter dem Namen von Hyperien, endlich mit der
Herrschaft der Phönizier Ogygien, dann endlich von Griechen, die später
sich der Insel bemächtigten, Melita genannt wurde, aus dem der jetzige
Name Malta entstanden ist. Die kolossalen Bauüberreste, die an mehreren
Orten auf der Insel gefunden werden, deuten darauf hin, dass Malta von
Völkern bewohnt wurde, welche die Griechen mit dem Namen Pelasger
bezeichneten, nach ihnen finden wir Spuren der phönizischen Herrschaft.
Im Jahre 736 v. Chr. bemächtigten sich die Griechen der Inseln, welche
dann 528 v. Chr. in die Hände der Carthager fielen. Im Jahre 242 v. Chr.
mussten die Carthaginienser, wie alle anderen Inseln so auch Malta an
Rom abtreten, welches sich bis 454 hier behauptete, worauf dann die
Vandalen und Gothen und im Jahre 533 Belisar sich Malta's bemächtigte.
Nach dem lateinischen Kaiserreiche zankten sich Araber, dann wieder
Griechen, und wieder Araber um die Herrschaft, bis 1090 Graf Roger mit
den Normannen die Inseln nahm, welche dann 1186 durch die Heirath
Kaiser Heinrichs des VI. mit Constantia, der letzten Entsprossenen von
Roger dem deutschen Reiche einverleibt wurden um nach 72 Jahren in die
Hände von Frankreich zu fallen. Zwei Jahre nach der sicilianischen
Vesper kamen dann die Inseln unter spanische Herrschaft und unter Carl
dem V. wurden sie für ewig den von Rhodus vertriebenen Rittern von
Johannes dem Täufer im Jahre 1530 geschenkt. Erst unter Hompesch dem
letzten und 69sten Grossmeister dieses Ordens kam Malta wieder in die
Macht der Franzosen, um 1802 in die der Engländer zu fallen, unter deren
Oberhoheit die Inseln heute noch stehen.
Es ist wohl nicht nöthig anzuführen, dass die Grossmeisterschaft Paul
des I. von Russland nur eine Comödie war, dass die eigentliche
Ordenseinrichtung mit der Capitulation von Hompesch erlosch. Aber noch
heute hört man oft von Reclamationen ehemaliger Ritter, um Rückgabe der
Güter, welche das englische Gouvernement jetzt im Besitze hat, die
indess rechtmässig Eigenthum der Ritter sind.
Fast alle Reisende werden Zeit genug haben Lavalletta die Hauptstadt von
Malta zu besehen, selbst wenn sie nur einen Tag dort verweilen sollten.
Ich beschränke mich daher darauf nur die Merkwürdigkeiten derselben
aufzuzählen. Von dem bedeutendsten Grossmeister, der je regierte, im
Jahre 1566 gegründet und nach ihm genannt, liegt die Stadt auf einer
Halbinsel so günstig, dass auf beiden Seiten die prächtigsten und
sichersten Häfen, von den Engländern schlechtweg "Doks" genannt, sich
befinden.
Das Fort St. Elmo, welches Lavalette so tapfer 1515 gegen die türkische
Armee des Sultan Selim vertheidigte, das Palais des ehemaligen
Grossmeisters, jetzt Wohnung des Gouverneurs mit einer reichen Sammlung
von Rüstungen und Waffen, die inwendig überaus reiche Kirche von St.
Giovanni, die Bibliothek mit einigen Antiken aus der Zeit der Phönizier
und Carthager, endlich das neue Opernhaus, sind die hauptsächlichsten
Monumente, die Lavalletta zieren. Dazu kommen noch mehrere grossartige
Gebäude, sogenannte Aubergen der früheren Ritter, welche nämlich in acht
Sprachen getheilt waren, deren jede Corporation ihre eigene Wohnung
hatte. Drei dieser Corporationen kamen auf Frankreich, die der Provence,
die der Auvergne und die des eigentlichen Frankreich, eine auf Italien,
eine auf England-Baiern, eine auf Deutschland und zwei auf Spanien, d.h.
auf Aragonien und Castilien. Die Auberge der Castilianer-Ritter zeichnet
sich vor allen durch Grossartigkeit und Pracht aus. Ein hübscher
Spaziergang nach der Vorstadt Floriana hinaus, das ist alles, was der
Fremde als sehenswerth in Lavalletta ausserdem mitnehmen kann.
So wechselvoll sich nun uns die Herren von Malta präsentiren, so stabil
scheint das Leben in Lavalletta seit Zeiten geblieben zu sein; der
Malteser, wenn auch nicht Abkömmling der Araber, hat doch unter der
Herrschaft dieses Volkes, und namentlich früher unter der Ritterschaft
durch die vielen "Caravanen" (so der officielle Ausdruck in den Akten
der Ritter für Piraterie gegen mohammedanische Schiffe) in Sprache fast
alles, in Sitten und Gebräuchen sehr viel von den Abkömmlingen Ismael's
angenommen. Das Haus eines Maltesers ist fast jedem Fremden
verschlossen, und wenn auch viel von der Leichtfertigkeit der hübschen
Malteserinnen, deren weisser Teint namentlich gelobt wird, die Rede ist,
so kann das nur auf das Malteser Geschlecht unter sich selbst Bezug
haben: der Fremde wird sehr schwer in eine Malteser Familie Eingang
finden. Als eigenthümlich fand ich jetzt die Einrichtung von sogenannten
smoking rooms oder Rauchzimmer; ausser den zahllosen Kneipen gab es
früher nur zwei anständige Kaffeehäuser, welche aber auch jetzt zu
wahren Brandy shops gesunken sind, dafür hat man nun Rauchzimmer
erfunden, wo mit Anstand stehend geraucht und Branntwein und Sodawasser
getrunken wird. Ausserdem giebt es gute Clubs oder andere
Vereinigungsorte, in welche jeder Fremde durch seinen Consul sich
einführen lassen kann. Die Hotels, das Imperial-Hotel als erstes, lassen
alle viel zu wünschen übrig.
Doch verlassen wir die Stadt Valletta und gehen ins Innere, so führt uns
der Weg zunächst nach der so ziemlich im Centrum von Malta liegenden
ehemaligen Hauptstadt Civita vecchia, auch città notabile genannt. Bei
den Arabern hiess sie die "Stadt" medina schlechtweg und vom
Malteser-Volk wird sie auch heute noch so genannt. Die Stadt selbst ist
heute klein, von nur einigen hundert Einwohnern, aber dicht dabei liegt
der grosse Ort Rabatto.
An Merkwürdigkeiten hat man dicht bei der Stadt einen alten Kirchhof, in
dem Mumien gefunden worden sind, ganz nach Art der Aegypter, einige gute
Exemplare davon sind auf der Bibliothek. Viel merkwürdiger ist indess
die grosse Ausdehnung der Todtenstadt oder Catakomben; frühere
Todtenbehausungen. dienten sie den ersten Christen als Wohnungen. Für
die Malteser ist das grösste Heiligthum die Grotte von St. Paul, auch in
der Nähe von città vecchia. Im Grunde derselben wird ein Altar gezeigt,
wo Paulus die Messe gelesen haben soll; auch befindet sich daselbst eine
gute Statue dieses Apostels von Melchior Caffa. Die Felswand der Grotte
ist ein Febrifugum, nach Aussage der Eingebornen, wenn pulverisirt
genossen.
Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie ungegründet der Glaube (wenn man bei
Glauben überhaupt von Gründen reden darf) der Malteser ist, St. Paul in
Malta scheitern zu lassen.
Es ist nicht daran zu zweifeln, dass als Paulus von Caesarea nach Rom
fuhr an eine Insel Namens Mileta geworfen wurde, aber eine Insel
gleichen Namens existirte auch im adriatischen Meere. Von der Nordküste
Creta's, wo man gelandet war, abfahrend, überfiel das Schiff ein
heftiger Sturm, aber es heisst ausdrücklich im _adriatischen Meere_.
Dann giebt es keine Sandbänke um Malta, wo die Paulus führenden Seeleute
hätten Blei senken können, um Malta fällt das Meer überall steil ab zu
einer Tiefe, die weder für damalige Senkbleie erreichbar war, noch
weniger ein Stranden erlaubt; ausserdem ist der Ort, wo St. Paul
gestrandet sein soll, d.h. in der Paul's Bucht, der
allerunwahrscheinlichste, denn von Creta kommend hätte er an die
Ostseite der Insel geworfen werden müssen. Es liessen sich noch andere
Gründe anführen, was jedoch nur ermüdend sein würde, und warum auch,
respectiren wir im Gegentheil die Pietät der Malteser für den grossen
Heidenapostel.
Auf dem Wege nach città vecchia hat man noch das hübsche Landhaus des
Gouverneurs zu besuchen, welches mit seinen dunklen Cypressen und
duftenden Orangen einen wohlthuenden Eindruck auf das von dem ewigen
Einerlei ermattete Auge macht. Denn, wenn auch Malta nicht ohne Cultur,
vielmehr jedes Stückchen bebaut ist, so hat man alle Felder mit hohen
Steinmauern umgeben, so dass man nichts als Steine erblickt. Bäume giebt
es aber fast gar nicht auf den Inseln, namentlich keine Gruppen, nur hie
und da einzelne Feigen-, Johannisbrodbäume und Oliven. Und doch wie
fleissig ist die Insel bebaut, wie ist jedes Fleckchen benutzt, die
Erde, um den Felsen zu bedecken, hat man oft aus Sicilien holen müssen.
Aber gerade die Baumlosigkeit der Insel macht alle Mühe und Anstrengung
zu Nichte, von heftigen Regen wird der Humus wieder abgeschwemmt, und
so bleibt das Land ewig ein halbnackter Felsen. Und auch für den
Pflanzenwuchs ist die Baumlosigkeit beeinträchtigend, denn Malta hat im
Sommer vollkommen afrikanisches Klima, und auch im Winter sieht man nie
Schnee oder Eis. Sagt nicht Duveyrier so trefflich in seinem Buche der
Tuareg "die Vorsehung versorgte die Oasen mit Dattelbäumen, nicht nur um
aus den Dattelbäumen allein Nutzen zu ziehen, sondern um im Schatten
derselben Korn bauen zu können", er "nennt die Palmwälder" die
"Treibhäuser der heissen Gegenden", und das ist auch vollkommen wahr.
Aber der Malteser hängt so fest an seinen Gewohnheiten, dass er lieber
fortfährt Erde aus Sicilien zu holen, als Bäume zu pflanzen, ja er hat
sich noch nicht einmal von dem Pfluge losmachen können, den Abraham bei
den Arabern einführte, und die Araber vielleicht mit nach Malta
brachten. Giebt es noch sonst auf der Erde ein christliches Volk, das
mit Abrahams Pflug den Boden bestellt, wie die Semiten? Doch ich muss um
Verzeihung bitten, während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass ich
gerade aus dem christlichen Abessinien gekommen bin, und die Abkömmlinge
der Königin von Saba sind auch heute noch nicht weiter.
Wir waren bis civita vecchia zu Fusse gegangen, da wir aber noch am
selben Tage weiter bis Melleha wollten, ein Ort, welcher in einer Bucht
am Nordwestende der Insel liegt, und wo man glaubt, dass sich die
berühmte Calypsogrotte befindet, so nahmen wir in der Stadt einen
Wagen. Auch in diesem Locomobile sind die Malteser so stabil geblieben,
dass man glauben sollte, sie hätten ihre Wagen nach den alten
Circuswagen direct abmodellirt; ohne Federn und nur von zwei Rädern
getragen, entbehren die echten hier einheimischen Wagen sogar der Sitze,
man legt sich hinein, wie zu Zeiten der Wettkämpfe die Kämpfer und
Wagenlenker darin gestanden haben mochten. Freilich sind die Fiaker von
Lavalette insofern bequemer, als sie Sitze haben, im Uebrigen aber auch
ganz die Form der Wagen unserer klassischen Vorfahren beibehalten haben.
Hier auf dem Lande war nur ein recht alter Wagen aufzutreiben, und uns
hineinlegend fuhren wir ab.
Auf dem Wege nach der Calypsogrotte passirt man die nicht minder
interessanten Gräber von Ben-Djemma (Bengemma). Es steht wohl
unzweifelhaft fest, dass es keine Wohnungen von Lebendigen waren,
sondern Todtengräber, an mehreren anderen Stellen der Inseln findet man
ähnliche, wenn auch nicht in so grosser Zahl. Als wir übrigens in
Melleha ankamen, war es stockfinstere Nacht geworden, und wir waren
froh, sogleich ein Unterkommen zu finden. Es ist auffallend genug, dass
obgleich in der Hauptstadt Lavaletta die Gasthöfe nur mittelmässig nach
unseren Begriffen sind, man in den kleinsten Orten äusserst gute
Aubergen antrifft. So auch hier. Reinliche Zimmer und Betten, einige
Eier, ein Kaninchen, eine Flasche Marsalawein, was wollte man mehr. Dazu
die freundlichste Aufnahme. Man muss überhaupt ins Land selbst
hineingehen um den Malteser kennen zu lernen. Wie schlecht urtheilt man
über ihn, wenn man ihn nur in Aegypten, Tripolitanien, Tunisien und
Algerien gesehen hat! Wie oft habe ich selbst davon zurückgestanden,
mich mit einem Malteser im Auslande einzulassen, und erzählen einem
nicht alle englischen Consuln, dass gerade ihre maltesischen Unterthanen
ihnen am Meisten zu thun machen! Das ist auch in der That der Fall. Und
die Malteser haben wohl recht, wenn sie dies so erklären: die Guten
bleiben in ihrem Vaterlande, die Schlechten wandern aus.
Die Bewohner von Lavaletta machen indess eine Ausnahme, der Fremde muss
sich sehr in Acht nehmen, nicht von ihnen übervortheilt zu werden, für
alles verlangen sie mindestens den dreifachen Werth. Auch sonst sind sie
bei den Engländern in Verruf: Sehr begünstigt, da sie frei von allen
Abgaben sind, überdies alle Privilegien eines Freihafens geniessen, kann
kein Gouverneur es ihnen Recht machen, und die Blätter von Lavaletta
lassen es sich angelegen sein, die Regierung in den Augen des Volkes so
schlecht wie möglich zu machen.
Am anderen Morgen war das Erste, dass wir zur Grotte der Calypso
wanderten, welche dem Orte in einer Kalksteinfelswand gegenüber liegt.
Von den Malteser-Inseln behaupten auch die Bewohner Gozzo's die
Calypso-Grotte zu besitzen, ausserdem haben verschiedene Gelehrte diesen
berühmten Aufenthalt Odysseus' nach anderen Inseln hin verlegen wollen.
Die meisten und besten Geographen stimmen aber darin überein, dass
Malta der wahre Ort sei, ob man indess diese Grotte gerade die gewesen
ist, worin Calypso den vielduldenden Wanderer festhielt, wage ich nicht
zu behaupten. Jedenfalls ist es nicht die Grotte, welche auf Gozzo
gezeigt wird.
Die Grotten, welche wir vor uns hatten, waren in den Fels gehauene
Zimmer von verschiedener Grösse, und es scheint, als ob eine Hauptgrotte
vor diesen Zimmern existirt hat, welche indess weggestürzt zu sein
scheint. Das Merkwürdigste war, dass mehrere dieser Zimmer noch heute
bewohnt sind, wie ich denn später noch an mehreren Orten constatiren
konnte, dass in Malta Troglodyten sind, was für unser neunzehntes
Jahrhundert in Europa immerhin auffallend genug ist.
Ein heftig ausbrechender Regen nöthigte uns zur Umkehr nach Lavalletta,
da derselbe aber nur einen Tag anhielt, konnten wir schon gleich darauf
unsere Wanderungen wieder antreten. Es galt eine andere merkwürdige
Höhle zu besuchen, die am Südende der Insel liegt und den Namen Erhassan
hat. Man gelangt dahin am besten über den kleinen Zorrik. Diese Höhle
ist vollkommen Naturwerk, indem die untere Partie wahrscheinlich vom
Meere ausgewaschen, weggesunken, der obere Felsboden aber stehen
geblieben ist. Der Zugang ist sehr schwer und für Damen wohl kaum
erreichbar, auch muss man sich in der Höhle selbst sehr in Acht nehmen,
da viele Irrgänge vorkommen. Licht muss man auf alle Fälle mitnehmen,
und wer sich weit in die Höhle hinein wagen will, thut wohl, Stricke
mitzunehmen, um sich daran zurückleiten zu können. Zimmer, welche an den
Seiten eingehauen sind, deuten darauf hin, dass auch diese Grotte
bewohnt war.
Dicht bei Zorik ist noch eine andere Einsenkung, welche den Namen
Makluba (umgestülpt) führt. Auch dieses sonderbare Loch über 100' tief
und an der Basis einen eben so grossen Durchmesser habend, muss durch
einen Einsturz hervorgerufen sein, die Wände sind überall senkrecht und
das Gestein ist wie immer Kalk.