obschon es immer noch zu den grösseren Orten Abessiniens gehört. Es
liegt einige hundert Fuss höher als Adua, welches selbst nach einer
durchschnittlichen Berechnung 5500 Fuss über dem Meere liegt. Alvares
erzählt uns, dass hier die Königin Saba, deren wahrer Name Maquerda[15]
gewesen sei, regiert und nach ihr ihr Sohn, den sie mit Salomon gezeugt
hatte. Auch finden wir in seinem interessanten Buche, dass von hier aus
zuerst das Christenthum nach Abessinien verbreitet wurde, und zwar als
auch eine Königin regierte, mit Namen Candace[16] oder Judith. Freilich
finden wir heutzutage nichts von den Wundern, von denen Alvares uns in
seiner Beschreibung von Axum unterhält, und da unmöglich die Gebäude und
Steine in einem Zeiträume von 4000 Jahren können spurlos verschwunden
sein, so ist wohl anzunehmen, dass er seiner Phantasie grossen Spielraum
gelassen hat, ebenso wie er es mit Beschreibung der Kirchen von Lalibala
thut[17]. An Merkwürdigkeiten haben wir nur heutzutage in Axum die alten
Ruinen aus vorchristlicher Zeit und die Kirche. Letztere ist ein Gebäude
ohne alle Kunst, obgleich ganz verschieden von allen anderen Kirchen in
Abessinien, weil sie ganz aus Stein aufgeführt ist. Das Material dazu
haben die alten Ruinen liefern müssen, wie auch die Substructionen,
sowie die steinernen Treppen, welche zur Kirche führen, andeuten, dass
hier früher wohl ein heidnischer Tempel gestanden haben mag. Vor der
Hauptfaçade ist ein Säulengang, die anderen Seiten der Kirche, welche
selbst ein längliches Viereck bildet mit glattem Dache, sind ohne
jeglichen Schmuck. Die fanatischen Bewohner wollten uns nicht erlauben
das Innere zu betreten; hier war der religiöse Fanatismus noch grösser
als die Geldgier. Von den vielen Palästen, dem Löwenhause oder
Ambacabete, den Springbrunnen, von denen Alvares schreibt, konnten wir
keine Spur finden, ebensowenig Inschriften, eine amharische[18] ohne
Bedeutung ausgenommen.
Ebenso scheinen Alvares Aussagen von den anderen Ruinen entweder sehr
übertrieben zu sein, oder der Vandalismus der Bewohner müsste dieselben
zerstört haben, denn selbst wenn dieselben auseinander gefallen wären,
so müssten die Bruchstücke heutzutage zu finden sein, da der Stein,
dessen man sich zu diesen Bauten bedient hat, sehr gut der Witterung
wiedersteht. Der Stein, welcher eine Art von Granit ist[19], muss aus
einer anderen Gegend hergeholt sein, denn in der Umgegend von Axum
findet man nur Sandstein, Kalk und Schiefer[20].--Dicht bei einem
ungeheuren Feigenbaum, der in seinem Umfange dem ausserhalb der Stadt
Adua stehenden gleichkommt, und in Axum den Namen "Baum des Pharao"
führt, findet man den berühmten Obelisk von reinster und schönster
Arbeit, als ob er gestern aus der Hand des Meisters hervorgegangen wäre.
Aber die Zeit, welche den Obelisk selbst nicht angreifen konnte, so
scharf sind noch heute alle Ecken, Umrisse und Zeichnungen, hat eine
Senkung des Erdbodens bewirkt, welche ihn in eine merkwürdig geneigte
Stellung gebracht hat, vielleicht nur noch einige Regenzeiten und der
Mittelpunkt der Lothrechten wird sich ausserhalb der Basis befinden, und
dann wird auch der letzte Zeuge der Wunderbauten Axums gleich seinen
Brüdern in Stücken auf dem Boden liegen. Ferret und Gallinier erwähnen
nichts von dieser geneigten Stellung dieses Obelisken, den sie 80 Fuss
hoch schätzen, während Alvares dessen Höhe auf 66 Ellen oder Bracia
angiebt. Auch letzterer, der genau das ganze Ruinenfeld beschreibt,
erwähnt nichts von einer schiefen Stellung, ebensowenig Th. von Heuglin.
Leider war unsere Zeit zu kurz gemessen, als dass uns genug übrig blieb,
um die Königsgräber und die von Salt und v. Heuglin genau beschriebene
griechische Inschrift zu besichtigen. Nach Salt sind diese Bauten nicht
vor der Zeit der Ptolemäer errichtet und sollen von einem gewissen König
Acizane circa 300 Jahre nach Chr. durch nach Abessinien gekommene
christliche Arbeiter hergestellt sein. Dapper in seiner Liste der
Abessinischen Könige führt ihn nicht auf.
Selbigen Tages kamen wir Abends wohlbehalten in Adua an, und verbrachten
den folgenden Tag damit, unsere Einkäufe für die Rückreise zu machen, da
wir auf die Vorräthe im Lande gar nicht rechnen konnten. Die Kirche in
Adua, die uns an dem Tage geöffnet wurde, bot nichts bemerkenswerthes,
es ist ein Gebäude der Neuzeit.
Eine zahlreiche Menschenmenge hatte sich am 20. eingefunden, um Abschied
von uns zu nehmen, und vielleicht weggeworfene oder vergessene Sachen
sich anzueignen. Wie gross die Armuth ist, kann man überdies daraus
sehen, dass den ganzen Tag unter den Pferden und Maulthieren alte Weiber
und Kinder herumhockten, um etwa zu Boden fallende Körner aufzusammeln.
Unser Weg führte uns in ONO.-Richtung; den erhabenen Semaita-Berg wieder
rechts lassend; aber so zerrissen und wunderbar geformt die Gegend
nördlich von Adua auch ist, so war die Strasse doch im Allgemeinen gut.
Zudem war sie sehr belebt, da gerade an diesem Tage der wöchentliche
Markt in Adua abgehalten wurde, und nun aus der ganzen Umgegend Alt und
Jung herbeiströmte um Einkäufe für die Woche zu machen.--Sobald man den
Reberen-Pass überstiegen hat, laufen die Gewässer alle nach NW. um dem
Mareb tributär zu werden. Bei einer Quelle Mai-Schuha wurde ein kurzer
Halt gemacht. Wie wenig sicher indess die Gegend ist, ersahen wir
daraus, dass ein einzelner Mann trotz der wegen des Marktes belebten
Gegend fast vor unseren Augen ausgeplündert wurde, wahrscheinlich war es
ein Wiedervergeltungsact eines fremden Dorfes, weil Niemand sich
hineinmischte. Als wir alle anderen Leute theilnahmlos, den Mann von
vier anderen ausziehen sahen, hielten wir es auch nicht für geboten uns
ins Mittel zu legen, und wie Adam im Naturkleide konnte er dann
abziehen.
Der hohe zweigipflige Gendepta-Berg wird nun umgangen, so dass wir ihn
westlich liegen lassen, und sodann passiren wir noch mehrere Rinnsale,
die alle mittelst des Ungea dem Mareb zu gehen. Eine niedere Kette,
welche wir dann mittelst des Damitjel-Passes übersteigen, und auf deren
linken oder nördlichen Verlängerung die Michaels-Kirche liegt, führt uns
in den District von Antidjo. Hier war es, wo Dr. Schimper zur Zeit, als
Ubie König von Tigre war, als Gouverneur die Provinz regierte, und einer
meiner Burschen aus einem der Dörfer dieser Provinz gebürtig, erzählte
mir, dass damals Weinbau, Feigenzucht und viel Gemüse dort gezogen wäre.
Krieg, Zerstörung und Indolenz der Bewohner haben dies kleine Paradies
zu Nichts herabgebracht, aber die Lage ist wunderschön, und gewiss würde
Alles dort gedeihen. Bei unserer Anwesenheit in Intidjo, wir lagerten am
Dagassoni-Bache, fanden wir blos eine gute Zwiebelzucht, sonst war von
Gemüsebau nichts zu sehen.
Als Dr. Schimper bei Theodor's Zuge nach Tigre ihm folgen musste,
verlor er seine Provinz, welche vom derzeitigen Herrscher Kassa von
Tigre einem Verwandten gegeben wurde. Hoffen wir, dass Schimper, welcher
mit kräftigen Empfehlungsbriefen des commandirenden englischen Generals
an Kassa, die englische Armee bei Adebaga verliess, um in Adua seinen
Wohnsitz aufzuschlagen, bald wieder als Statthalter in seine ehemalige
Provinz zurückkehren möge.
Wir hatten indess keine angenehme Nacht im Intidjo-Thale, schwarze
Wolken hatten sich im Südosten um den colossalen Oger-Berg
zusammengezogen und zögerten auch nicht sich über uns zu entladen.
Obgleich wir am folgenden Tage nicht so weit zu marschiren hatten, so
war der Weg doch ungleich schwieriger und an Reiten fast gar nicht zu
denken. Ueber den Urea-Pass führte uns ein mit grossen Steinen bedeckter
Weg in das steil abfallende Sseriro-Thal hinab, und dann die
Ntabaras-Schlucht westlich lassend fanden wir uns am Rande des weiten
Thales, in welchem Debra-Damo, eines der berühmtesten Klöster
Abessiniens, liegt.
Die Stelle, wo wir hinabsteigen mussten, bestand aus glatt abgewaschenem
Sandstein, der so weiss war, dass man in der Sonne kaum die Augen offen
halten konnte, als ob man auf einem Gletscher gewesen wäre. Der Weg
aufwärts machte uns aber noch weit mehr zu schaffen; endlich lagerten
wir am Fusse der eigentlichen Bergfeste, die so steil nach allen Seiten
abfällt, dass man in einem Korbe hinaufgezogen werden muss, wenn man sie
besuchen will. Es leben einige Mönche auf diesem Berge, welche ihre
Bedürfnisse meist von unten beziehen, indess auch etwas Ackerbau oben
treiben, und einiges Vieh halten. Die Mönche sind sehr schwierig,
Fremden die Erlaubnis zum Heraufziehen zu ertheilen, und da unsere Zeit
so schon fast abgelaufen war, um noch mit der englischen Armee
Abessinien verlassen zu können, standen wir von jedem Besuche ab uns
Aufgang zu verschaffen.
Da indess vor Nacht noch viel Zeit war, so benutzte Herr Stumm dieselbe
um einige Tauben, die sich in zahlloser Menge in den grossen Sycomoren
herumtummelten, zu erlegen, eine willkommene Zuthat zu unserer ohnedies
schmalen Küche, da im Lande Alles aufgezehrt zu sein schien.
Der letzte Tag war ohne Interesse, wir kamen in NNO.-Richtung bald auf
die englische Heerstrasse, so dass wir noch am selben Abend in
Gunna-Gunna inmitten des englischen Lagers campiren konnten. Wie immer
fanden wir die gastfreundlichste Aufnahme und da die Armee schon seit
einigen Tagen in europäischen Genüssen schwelgte, die wir fast fünf
Monate lang entbehrt hatten, kann man sich denken, dass wir bei Claret
und Ale, Cigarren und sogar mit glänzender Beleuchtung und auf Stühlen
sitzend einen vergnügten Abend zubrachten.
Damiette.
Welcher von den vielen Reisenden und Besuchern, die jetzt jedes Jahr
sich über Aegypten ergiessen, und das Land des Nils zu einem Modeland,
wie die Ufer des Rheins, gemacht haben, denkt daran nach Damiette zu
gehen? Fast niemand. Und warum? Weil die Stadt eben ausserhalb der
grossen Verkehrsstrassen liegt, welche in Aegypten sowohl wie auch
anderwärts seit Einführung der Eisenbahn ganz andere Wege eingeschlagen
haben. Während früher die Abendländer in Damiette ans Land stiegen, ist
jetzt Alexandria Hauptausschiffungsort geworden, und auch diese Stadt
wird dem schnell emporblühenden Port Said weichen, wenn der Kanal fertig
sein und die Eisenbahn direct von dort bis Suez führen wird.
Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen in Port Said, einer der jüngsten
und doch schon bedeutendsten Städte in Aegypten, ein Aufenthalt, der um
so angenehmer war, als ich im lukullischen Hause unseres norddeutschen
Consuls; des Herrn Bronn, die Strapazen der abessinischen Expedition und
die gluthglühende Sonne des rothen Meeres vergessen konnte, machte ich
mich auf, Damiette zu besuchen. Von Port Said aus kann man mittelst des
mittelländischen Meeres dahin kommen, oder direct durch den See Menzale
fahren, welcher vom mittelländischen Meere nur durch eine schmale
Landzunge, die manchmal nur einen Kilometer breit ist, öfters auch
Durchgänge hat, zum Binnen-See abgetrennt ist.
Eine Art von Dahabie war schnell gemiethet, wenn ich nicht irre für den
Preis von 40 Francs, und wenn der Wind günstig blies, so konnte ich
hoffen in 12 Stunden von Port Said aus das Täamiatis zu erreichen. Da
aber manchmal widriger Wind eintritt, und so die Fahrt um das doppelte
und dreifache verzögert, so versorgte mich Herr Consul Bronn noch
reichlich aus seiner Küche und seinem Keller. Da gab es Büchsen mit
eingemachten Fleischen, Fischen, Ragouts, Gemüsen, Früchten, die nie
fehlenden Sardinenschachteln, endlich Orangen, Malaga-Trauben, Mandeln
und Käse; von Weinen, welche bekanntlich das grosse Haus Bazaine aus
Marseille nach dem Canal liefert, hatte Herr Bronn Claret und Sparkling
Hock eingepackt, und damit nichts fehlte, lagen oben auf dem Korbe,
welcher ausserdem ein completes Reisenecessaire enthielt, zwei frische
Brode; ein grosser Krug Süsswasser completirte das Ganze. In der That,
es war Essen und Trinken genug für 10 Mann auf zwei Tage.
Das Consulatsboot, eine schlanke Gig, fuhr im Consulat vor, ein kleiner
Dock direct vom Canal aus mündet zum Güterausladen in den grossen Hof
des Consulates selbst ein. Die norddeutsche Flagge wurde gehisst und mit
einer steifen Nordwestbriese ging es canalaufwärts, wo etwa eine halbe
Stunde entfernt die Schiffe lagen, welche nach Damiette clarirt waren.
Alles war rasch an Bord des ägyptischen Schiffes gebracht, und nach
einem herzlichen Lebewohl wurde ich hineingetragen, das Wasser war
nämlich so seicht, dass das plumpe Araberschiff nicht dicht an den Damm
des Canals, der den Menzale-See durchschneidet, heran kommen konnte.
Dasselbe hatte blos zwei Mann Besatzung, war etwa 20 Fuss lang auf 8
Fuss Breite, ganz flach und ging vielleicht 1-1/2 Fuss tief, nach hinten
befand sich eine Art von Cajüte, worin die Mannschaft des Schiffes ihre
Vorräthe hatte. Grosse Segel hingen nach allen Seiten von einem
schwindelhohen Mastbaum herab, so dass man staunte, dass das Schiff
davon nicht kopfschwer wurde, freilich war es sehr breit. Die Mannschaft
bestand, wie gesagt, aus dem Reis oder Capitän, welcher zugleich die
Person eines Ober- und Untersteuermanns in sich vereinigte, und aus
einem Behari oder Matrosen, der alle andern Persönlichkeiten bis zum
Schiffsjungen, den die Araber Mudju nennen, repräsentirte. Vom Consul
selbst hergeführt, kann man sich denken, dass ich von der gesammten
Mannschaft mit gehörigem Respect aufgenommen wurde, denn im Orient gilt
ein Consul mehr als ein Bascha, theils weil er nicht nur Strafen
verhängen kann wie jener, sondern auch manchmal wirksamer Schutz gegen
die Willkür der mohammedanischen Behörden selbst den Arabern angedeihen
lässt.
Es war halb 8 Uhr als wir vom Ufer stiessen, im wahren Sinne des Wortes,
denn der Wind war gerade conträr, wenn auch nicht heftig, und da die
Mannschaft wahrscheinlich die Kunst des Lavirens nicht kannte, das ganze
Fahrzeug auch zu ungeschickt dazu war, so konnte sie dasselbe nur mit
langen Stangen langsam weiter stossen. Glücklicherweise hatte ich
Lectüre bei mir, denn so viel merkte ich gleich, dass wir jedenfalls
nicht in einem Tag hinkommen würden. Man richtete es sich indess so
bequem wie möglich ein, mit mir war blos noch der kleine Neger Noël,
also zu viert waren wir im ganzen. Gegen Mittag wurde der Wind
nördlicher, und nun fingen sie doch an ihn selbst aufzufangen und zu
benutzen, aber langsam ging es trotzdem.
Und dann wurde manchmal angehalten, wir fanden uns in einer jener
Fischerflotillen, und da musste Es ssalamu alikum ausgetauscht werden,
wobei dann gewöhnlich ein paar Fische zum Geschenk abfielen. Kein See
ist vielleicht so fischhaltig wie der Menzale, fast durchweg nur 2 Fuss
tief (wesshalb ich auch nicht für nöthig hielt, wie bei andern Seereisen
sonst immer, einen Schwimmgürtel umzubinden) hat er ausgezeichnete
Brütestellen für die Fische. Auch mehren sich diese in dem ewig
lauwarmen Wasser derart, dass uns mehreremal einige ins Boot sprangen.
Der Hauptfisch im Menzale ist nämlich ein gewisser von den Aegyptern
Snamura genannter, welcher immer in grossen Sätzen aus dem Wasser
herausspringt, und dessen Rogen getrocknet einen Haupthandelsartikel
nach Kleinasien und der europäischen Türkei bildet. Der Snamura-Rogen
wird von einem türkischen Effendi ebenso hoch geschätzt wie von unseren
Feinschmeckern der Caviar. Ueberhaupt zieht der Pascha, Namens Henang
Bey, welcher das Privilegium des Fischfanges auf dem Menzale-See
geniesst, einen ungeheuren Vortheil daraus, denn Tausende von Centnern
trockener Fische werden von hier aus in den ganzen Orient geschickt.
Mehr als hunderte von Fischerbooten sind alle Tage mit dem Fischfang
beschäftigt, und ein paar tausend Fischer haben hier ihre Arbeit. Um
nicht jeden beliebigen fischen zu lassen, hält der Bascha eine eigene
kleine Flotille mit Polizisten, welche Tag und Nacht auf der See herum
patrouilliren müssen.
Von zahlreichen kleinen flachen Inseln bedeckt, welche kaum einige Fuss
aus dem Niveau des Wassers hervorragen, von denen mehrere sogar bewohnt
sind, hat der See eine Länge von 10 Meilen auf 3 Meilen Breite.
Abends wurde an solch einer kleinen Insel angelegt, weil die Mannschaft
ihre Fische, die sie am Tage zum Geschenk bekommen hatten, backen
wollte. Dieses Eiland bestand fast ganz aus kleinen leeren Kalkmuscheln,
in der Mitte wuchs indess etwas Grün, und mittelst einiger trockener
Sprickeln hatten sie bald ein gutes Feuer, worin sie die Fische, nachdem
sie dieselben vorher ausgenommen hatten, hineinwarfen, und so in einigen
Minuten auf die primitivste Art brieten. Hernach ging es weiter, und da
wir kein Mondlicht hatten, auch keine Kerzen bei uns führten, so legten
wir uns zum Schlafe nieder, freilich nicht eben weich, denn das Schiff
hatte nichts als die harten Dielen, wenn nicht Schmutz und Staub von 20
Jahren etwas Weiche geschafft hätten. Ob der gelehrsame Reis und der
wohlgehorchende Behari eigentlich die ganze Nacht durchgefahren waren,
kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; der Reis Abd-Allah behauptete es
indess beim Kopfe des Propheten, und so musste man es wohl glauben. Es
kam mir indess vor, als die aufgehende Sonne uns weckte, als seien wir
gar nicht von der Stelle gekommen. Bis 3 Uhr Nachmittags dauerte es noch
ehe wir Damiette erreichten, um 9 Uhr Morgens hatten wir indess aus
einem dichten Palmenwalde die hohen feinen Minarets, welche die Araber
Smah[21] nennen, herausragen gesehen.
* * * * *
Wenn auch vor Damiette waren wir doch nicht in der Stadt, ein schmaler
Kanal führte vom Menzale-See zum Damm, der die fruchtbaren Niederungen
des Nils abtrennt, und hinter ihnen liegt erst Damiette selbst am Nil.
Unglücklicherweise hatte der Nordwestwind alles Wasser weggetrieben, so
dass unser plumpes Schiff das Ufer nicht erreichen konnte, nichts blieb
übrig als entweder den zwei Fuss tiefen Schlamm zu durchwaten oder bis
am Abend im Schiffe zu bleiben, wo nach Aussage der Leute das Wasser
höher werden würde. Aber ich zog doch lieber vor einen Kilometer im
Schlamm zu stelzen, als angesichts der Stadt länger im Schiffe zu
bleiben; nur rasch meine Kleider abwerfend, sprang ich hinaus und
arbeitete mich glücklich an den Damm. Freilich war dies, da man bei
jedem Schritt bis über die Knie einsank und förmlich festklebte, keine
leichte Arbeit, aber nach einer Stunde hatten wir festen Fuss und
konnten uns in den Wellen des Nils den Menzale-Schlamm abwaschen. Die
Koffer wurden gegen ein hohes Bakschisch von der Mannschaft des Schiffes
an das Land getragen, dann gleich auf einen Esel gelegt, und fort ging
es zur Stadt.
Man hat die Wahl in Damiette zwischen zwei Hotels, wovon das eine
ziemlich mitten in der Stadt liegt und von einem Griechen gehalten ist.
Das andere, mehr eine Art Pension, liegt ausserhalb der Stadt nördlich
und gehört Herrn Guérin, der, wie der Name andeutet, Franzose ist. Man
kann sich wohl denken, dass ich letzteres als Absteigequartier vorzog,
zumal ich einen Empfehlungsbrief für den Besitzer mitbrachte. Reizend in
einem Palmengarten gelegen, zwischen denen Oliven, Orangen und
europäische Fruchtbäume herrlich gedeihen, von den üppigsten
Gemüseculturen fast aller Zonen umgeben, die Wege von Jasmin und Rosen
besäumt, kann man sich keinen angenehmeren Aufenthalt denken als dieses
ländliche Hotel, Reinliche Zimmer, freundliche Wirthe und, was
erstaunenswerth ist in Aegypten, billige Preise, ist dies Hotel in
Damiette so zu sagen eine Ausnahme. Zwei Familien, je aus Mann und Frau
bestehend, wirtschafteten hier gemeinsam und lebten in vollkommenster
Harmonie, ja das Merkwürdige dabei war noch, dass der Hauptinhaber Herr
Guérin Jude ist, seine Frau eine Christin, während das andere Ehepaar
ein umgekehrtes Verhältniss zeigt. Da nach Damiette sehr wenig Fremde
kommen, so existirt natürlich keine Table d'Hôte, und man isst, wenn man
nicht ausdrücklich es verlangt, mit der Familie à la française.
Obgleich sehr wenig Europäer in Damiette wohnen, hat die Stadt ein
aussergewöhnlich reinliches Aeussere, die Strassen sind
verhältnissmässig breit, viel reiner als die in Cairo und Alexandria,
und die Hauptstrasse, welche die Stadt der Länge nach durchschneidet,
mit ihren Buden und Gewölben an beiden Seiten, ist orientalisch schön.
Die Stadt kann gegenwärtig 45 bis 50,000 Einwohner zählen, war aber
früher bedeutend grösser.
In alten Zeiten galt Damiette als der Schlüssel Aegyptens und lag dann
unmittelbar am mittelländischen Meere, während es heute durch die
Ausschwemmungen des Nils, der fortwährend nach Norden Erdreich ansetzt,
12-15 Kilometer davon entfernt ist. Damiette liegt auf dem rechten Ufer
des östlichen Nilarmes, auf einer Landzunge, welche den Nil vom
Menzale-See trennt, es wird zur Provinz Mennfieh gerechnet. Eine ganze
Tragödie spielte sich hier zur Zeit der Kreuzzüge ab, als der heilige
Ludwig in der Nähe der Stadt geschlagen und gefangen genommen wurde.
Aber schon vor ihm hatte man die Wichtigkeit Damiette's erkannt, und die
Franzosen debarkirten zuerst im Jahre 1218, dann eroberten am 5.
November 1219 Graf Wilhelm von Holland und Johann von Brienne, König von
Jerusalem, die Stadt, mussten aber bei der Regierung des Sultans
Mel-ed-Din sie wieder räumen, und Friedrich der II., der ein Hülfsheer
im Jahre 1221 sandte, konnte nur noch Zeuge vom Abzüge des christlichen
Heeres sein.
Im Jahre 1249 landete dann Ludwig der Heilige, eroberte die Stadt nach
zwei Tagen, schleifte sie und liess durch Versenkungen den Hafen
schliessen. Aber obgleich Ludwig noch zwei Schlachten gegen die
Mohammedaner gewann, erlitt er eine empfindliche Niederlage vom Sultan
Moadem-Turanscha im folgenden Jahre am 8. Februar dicht bei der Stadt
Mansura. Ein Vertrag, den er mit diesem Emir abschloss, konnte nicht zur
Ausführung kommen, da derselbe gleich darauf von seinen eigenen
Mammeluken ermordet wurde. Der Bruder Ludwigs, der Graf von Artois, war
ebenfalls unglücklich in seinen Unternehmungen, und am 5. April 1250
gerieth Ludwig der Heilige bei Mansura mit seinen Brüdern Alphons und
Karl in Gefangenschaft, und konnte nur dadurch seine Befreiung erlangen,
dass er Damiette, welches mittlerweile etwas weiter südlich wieder
aufgebaut worden war, abtrat und noch 100,000 Mark Silber zahlte.
Im Jahre 1798 wurde Damiette dann unter Kleber von den Franzosen erobert
und den Türken eine empfindliche Niederlage beigebracht, Sidney Smith
entriss es aber den Franzosen wieder und gab es den Türken zurück,
welche es bis zum 26. Juli 1803 behielten. An diesem Tage schlug
Mehemmed-Ali im Verein mit Bardissi unter den Mauern Damiette's die
Türken, welche von Kursuf commandirt waren, und weihte damit die
Unabhängigkeit Aegyptens der Pforte gegenüber ein.
Heutzutage ist Damiette[22] eine friedliche Stadt, und nirgends in ganz
Aegypten sind die Einwohner so vorurtheilsfrei und zuvorkommend. Die
Hauptbevölkerung besteht natürlich aus Mohammedanern, welche wie die
christlichen Kopten die Urbevölkerung ausmachen; Levantiner, meist
griechischen Glaubens, bilden dann zunächst das Hauptcontingent, und von
eingewanderten Europäern bilden die Mehrzahl die Griechen, auch einige
wenige Italiener und Franzosen giebt es, Engländer und Deutsche sind
augenblicklich nicht da. Man glaube aber deshalb nicht, dass wir keinen
Consul hätten, die schwarzweissrothe Flagge weht auf der ganzen Erde,
und wo der Deutsche heutzutage hinkommt, überall giebt sie ihm kräftigen
Schutz.
"Ich muss Herrn Surur", so heisst unser Consul, der nebenbei gesagt der
reichste Mann der Stadt und ein eingewanderter Levantiner ist, "doch
einen Besuch machen", dachte ich, und that es. Er wohnt am ganz
entgegengesetzten Ende in einer prachtvollen Villa ausserhalb der Stadt.
Zu meinem Bedauern fand ich den Consul verreist um eines seiner vielen
Güter zu inspiciren, welche er rechts und links am untern Nil liegen
hat. Aber den letzten Tag Abends kam der Kanzler des Consulats und bat
mich doch noch den folgenden Tag zu bleiben, Herr Surur wünsche mich
auch gern mit dem spanischen und englischen Consul bekannt zu machen.
"Das ist er ja selbst", erwiederte ich, wissend, dass Herr Surur auch
zugleich England und Spanien vertritt. "Das ist ganz recht", erwiederte
der Kanzler, "aber da er Ihnen in preussischer Uniform einen Gegenbesuch
machen wird, würde er Sie hernach sehr gern auch noch in englischer und
spanischer Uniform empfangen, er hat auch für jedes Land besondere
Empfangzimmer." Mir kam die Sache so sonderbar komisch vor, dass ich
fast Lust hatte meine Reisedispositionen umzuändern, um diesen
Sonderling, welcher schon seit 1812 jene drei Länder in Damiette
repräsentirt, kennen zu lernen; aber ich dachte, dann kommen noch
spanische und englische Gegenbesuche, die norddeutsche, englische und
spanische Diners zur Folge haben werden, und so ist's besser gleich
abzubrechen. Folglich erklärte ich dem Herrn Kanzler: ich könne meine
Reiseplane nicht mehr umändern, und bat ihn, mich dem guten Andenken des
Herrn Consuls zu empfehlen.