in dieser Gegend aus Reisern gebaut, sind dicht zusammengedrängt. Die
Gegend um Ohlich ist hügelig, gut bebaut und leidlich bewohnt. Wie
überall hier ist die Bevölkerung Agauisch, indess eben so eitel, frech,
schmutzig und scheinheilig wie die Amharische oder Tigre-Bevölkerung. In
der That zeigte sich hier, wohin das Prestige der englischen Waffen von
der Vernichtung der Armee Theodor's, der Einnahme von Magdala erst
gerüchtweise gedrungen war, die freche Neugierde der Bewohner in ihrer
ganzen Unverschämtheit. Den ganzen Tag standen sie haufenweise vor der
Thüre meiner Hütte, machten über jede ihnen fremde Sache alberne
Bemerkungen und geberdeten sich so, als ob sie die allwissenden,
herrschenden Leute wären, wir anderen Europäer blos arme Schächer. Der
Schum war noch der Allervernünftigste von ihnen und am anderen Morgen
erbot er sich sogar, mich zum Statthalter von Sokota zu begleiten. Diese
Stadt war jetzt nahebei, nur ein Marsch von einigen Meilen trennte uns
noch. Natürlich zog unser Ortsvorsteher seine besten Kleider an, indess
bildeten eine neue weisse Hose, nach Art der Europäischen gemacht (nicht
weit wie die orientalischen), und ein grosses weisses baumwollenes
Umschlagetuch mit breitem rothen Streife seinen ganzen Anzug; aber er
war doch reinlich. Er trug Nichts als einen kleinen Sonnenschirm von
Stroh, ohne den kein Abessinier daher kommt, denn alle gehen barhäuptig,
aber hinter ihm lief ein kleiner Knabe, der seinen Spiess und Schild
trug. Unser Schum war alt und seine krausen Locken schneeweiss, er
unterliess deshalb auch nicht, mich zu bitten, langsam zu reiten, da er
sonst nicht folgen könne.
Der Weg von Ohlich nach Sokota bietet nichts Besonderes dar, ausser dass
man einen Hügelzug übersteigen muss, dessen höchster Punkt man beim
Telela-Pass erreicht. Die Gegend ist gut bevölkert und die grössere
Belebtheit der Strasse kündigt eine Stadt an. Auch eine Zollstation ist
noch zu passiren, wo der Statthalter von Sokota seine Abgaben in
Salzstücken erhebt. Jedes beladene Maulthier giebt 6, jeder Esel 3
Stück. Diese Salzstücke, hier in Abessinien die kleine Münze, haben je
nach der Entfernung von den Küstenebenen, von woher sie kommen, einen
verschiedenen Werth; in Lalibala wechselte ich gegen einen
Maria-Theresia-Thaler 6 Stück ein, früher in Antalo 16, in Adigrath und
Senafe 30, und ehe die Europäer in Abessinien waren, erhielt man dort
sogar 60 Stück. Jedes Stück Salz, die alle eine und dieselbe Form haben,
wiegt ungefähr ein Pfund. Natürlich liess man mich und meine kleine
Karawane unbelästigt den Zoll passiren.
Der Ortsvorsteher von Ohlich, der vorausgelaufen war, um mich beim
Statthalter von Wag und Gouverneur von Sokota, Namens Borah,
anzumelden, kam nun zurück in Begleitung eines Anderen, der etwas
Arabisch radebrechte und sich als ein von Munzinger an den Fürsten von
Tigre abgeschickter Bote auswies, und meldete, der Gouverneur erwarte
mich, damit ich ihn begrüsse. Ueber solche Frechheit entrüstet, indem es
bei allen halbcivilisirten und wilden Völkern Afrika's Sitte ist, zuerst
dem Fremden eine Wohnung anzuweisen und dann seinen Besuch zu erwarten,
antwortete ich einfach, ob man mir eine Wohnung geben wolle oder nicht,
wenn man dies nicht auf der Stelle könne, würde ich sogleich weiter
ziehen. Zudem fügte ich hinzu: "Sage dem Statthalter, dass ich noch gar
nicht die Absicht ausgesprochen habe, ihn zu besuchen, wie er also dazu
kommen könne, meinen Besuch zu erwarten?" Es kam nun auch gleich der
Befehl, mir eine Wohnung zu besorgen, und zwar eine geräumige, gut
aussehende Hütte, und kaum war ich darin einquartiert, als der
Statthalter, von einem grossen Haufen Soldaten begleitet, sich
einstellte, um mich zu besuchen. In Europa wird man es lächerlich
finden, bei uncivilisirten Völkern auf solche Ceremonien zu halten, aber
gerade durch Beobachtung solcher äusserer Kleinigkeiten erhält der
Europäer bei ungebildeten Völkern sein Ansehen und ich hatte mir einmal
zur Regel gemacht, nie in einem Lande zuerst einen Besuch zu machen,
ausser dem Fürsten selbst. Diese Völker halten selbst so sehr darauf,
dass sie eine gewisse Rangordnung darin erkennen; wer dem Anderen zuerst
einen Besuch macht, spricht damit aus, dass er den Besuchenden als
höher im Range stehend erachtet. Der Herrscher von Bornu erkennt das
dadurch an, dass er, sobald er den Besuch eines gebildeten Europäers
erhalten hat, diesem seinen ersten Minister, den Dig-ma, und andere
höhere Würdenträger des Reiches zuschickt; in seinen Augen kommt an Rang
der ihn besuchende Europäer gleich nach ihm, und ich glaubte, in
Abessinien, wo das Volk lange nicht auf einer so hohen Stufe der Bildung
steht, als in Bornu oder Sókoto, dieselben Regeln beobachten zu müssen,
auch zeigte die Erfahrung, dass ich ganz Recht hatte.[10]
Borah benahm sich äusserst freundlich und zuvorkommend, er versprach
nach den ersten Begrüssungen, mich mit Allem zu versorgen, was ich
nöthig haben würde. Sein Anzug war so schmutzig und schlecht, dass ich,
als eine Menge Leute zugleich in die Hütte traten, fragen musste, wer
der Statthalter sei; denn viele seiner Untergebenen waren besser und
reinlicher als er selbst angezogen. Zu meiner Freude lehnte er es ab,
sich auf meinen Teppich neben mich zu setzen, und begnügte sich mit dem
Boden mir gegenüber.
Nach Ordnung meines Gepäckes machte ich dem Statthalter meinen
Gegenbesuch. Er bewohnt das Haus Gobesieh's, des Schum von Wag, ein
grosses Gebäude, das nach europäischer Art gebaut, aber fast ganz
verfallen ist, wie Alles, was von Völkern herrührt, die keine Zukunft
haben; daher hat er sich als Empfanghaus eine kolossale Hütte bauen
lassen, in der er auf einer grossen Ochsenhaut an der Erde sass, während
seine Beamten, Soldaten und anderes Volk, dem er gerade Recht sprach,
ihn umstanden oder auf dem Boden hockten. Die Hütte war ringsum in der
Mauer mit Nischen versehen, in denen Pferde und Maulthiere,
wahrscheinlich die Lieblingsthiere des Herrn Statthalters, standen. Er
selbst hatte, wohl meinen Besuch erwartend, eine Art Schlafrock von
europäischem Möbelkattun übergezogen, der indess nicht reiner war als
seine übrigen Kleider.
Sokota ist einer der bedeutendsten Orte in Abessinien, die Zahl seiner
zur Agau-Bevölkerung gehörenden Bewohner mag sich auf 4 bis 5000 Seelen
belaufen. Es liegt auf mehreren Hügeln und wird in der Mitte vom
Bilbis-Flusse durchströmt, der vom Süden kommend dem Tselari zueilt.
Seinem ganzen Laufe nach hat er nur in der Regenzeit Wasser, aber bei
Sokota führt er solches immer. Die Häuser der Stadt sind besser gebaut,
wie die der umliegenden Ortschaften, obgleich auch die besten noch weit
hinter den Gebäuden der Neger Central-Afrika's zurückstehen;
vorherrschende Form ist die runde Hütte, gewöhnlich mit steinerner
Mauer, während die Bedachung nothdürftig aus Stroh hergestellt ist. Das
Geräth im Inneren besteht aus einem Rohrbette, alga oder arat[11]
genannt, einer Mühle zum Mehlmahlen, d.h. einem flachen, etwas
ausgewölbten Stein, auf dem das Getreide mit einem anderen flachen Stein
zerrieben wird, und der so in ein Thongestell eingemauert ist, dass das
Mehl unten in einen Topf fällt. Einige Töpfe, lederne Säcke, eine
Feuerstelle, Vorräthe, in grossen Krügen aufbewahrt, vervollständigen
das Ameublement.
Sokota hat nur Eine Kirche, die wie alle im Rundstyl gebaut und ohne
alle Merkwürdigkeiten ist, sie heisst Mariz-Mobila. Ein eigenes Quartier
von Mohammedanern bewohnt und aus circa 100 Häusern bestehend sagt uns,
dass es in Sokota Industrie und Handel giebt, welche beide Zweige hier
in Abessinien fast ausschliesslich in den Händen der Mohammedaner sind.
Sie bringen von der Küste Salz, Perlen und europäische Stoffe und
exportiren dafür Felle, etwas Kaffee, Wachs und Vieh. Nach unseren
Begriffen ist der Handel indess sehr unbedeutend. Die Mohammedaner
stehen unter keinerlei Zwang, haben ihre Moschee und leben mit den
Christen in bester Eintracht.
Man kann hier alle Tage Eier, Hühner, Milch, Butter, Honig, Mehl und
selbst Honigwein zu kaufen bekommen und in der Regenzeit werden Kohl,
Bohnen und Erbsen gezogen. Alle diese Artikel sind für gewöhnlich sehr
billig, aber jetzt durch die grossen Einkäufe der Engländer zu
unglaublichen Preisen gestiegen. Ich führe nur an, dass man mir hier 5
Eier für einen Maria-Theresia-Thaler anbot, doch war ich natürlich nicht
englisch genug, um auf diesen Handel einzugehen. Die Gerste war so
theuer, dass ich von Sokota an täglich für 2 Maria-Theresia-Thaler
brauchte; für l Maria-Theresia-Thaler bekam man 5 Pfund und manchmal war
auch für solch hohen Preis keine zu haben.
* * * * *
Ich blieb zwei Tage in Sokota und genoss während dieser Zeit täglich
zwei Mal den Besuch des Gouverneurs, den ich durch das Geschenk eines
seidenen Ehrenkleides und seidener Hosen im Werthe von circa 20 Thalern
entzückt hatte. Es war dies ein Ehrengeschenk Kaiser Theodor's an Dr.
Schimper gewesen und Letzterer hatte mir diese Kleider als
Merkwürdigkeit gegeben, da sie aber zu schwer zu transportiren,
überdiess von europäischem Atlas fabricirt waren, so hatten sie keinen
Werth für mich. Borah meinte, sobald die Engländer das Land würden
verlassen haben, würde Krieg zwischen Gobesieh und Kassai ausbrechen,
das einzige Mittel zur Beendigung des ewigen Bürgerkrieges sei die
Einmischung der Engländer, nach seinem Dafürhalten würde das ganze Land
gern bereit sein, sich ihnen zu unterwerfen, und selbst Gobesieh und
Kassai würden keine Schwierigkeiten machen, den Besiegern Theodor's zu
gehorchen.
Von Sokota aus folgte der Weg Anfangs dem Bilbis und fiel rasch ab. Bei
dem reizenden Flüsschen Mai-Lomin oder Citronenquell frühstückten wir
und gingen denselben Tag bis Elfenal, das etwas östlich vom Wege liegt.
Den ganzen Tag hatten wir die entzückendste Aussicht auf das
Tselari-Thal, welche ich früher schon so sehr von Attala aus bewundert
hatte; steile Königssteine, wunderliche Felsen, im Hintergrunde der
Aladje-Stock, der Debar Ademhoni und andere kolossale Gebirgsmassen
setzten ein Bild zusammen, wie es kein anderes Land der Welt zu liefern
vermag. Der Tselari fliesst nur drei Meilen von Elfenal in
nordwestlicher Richtung mit senkrechten, tief eingeschnittenen Ufern
vorbei. Dieser Ort, noch zu Wag gehörig, also unter der Botmässigkeit
des Gouverneurs von Sokota, gewährte uns natürlich die gastlichste
Aufnahme, aber er war ärmlich und aus Furcht vor Wanzen hatte ich eine
durchlöcherte Hütte vorgezogen, wurde aber dafür nass bis auf die Haut,
denn jede Nacht gab es Gewitter.
Von hier an änderte sich das Gestein ganz und gar, statt der
vulkanischen Gebilde traf man jetzt vorwiegend Sandstein und Kalk, auch
einige andere Pflanzen kamen vor, eine Art Cactus, ein Kolkal en
miniature, im Ganzen aber entbehrte die Gegend jetzt ganz der Blumen und
des Grases, nur Buschwerk und Bäume, die Blätter zu treiben anfingen,
waren reichlich vorhanden.
Am anderen Tage hatten wir einen recht beschwerlichen Marsch. Wenn
Bergtouren schon in allen Ländern mit grossen Hindernissen verknüpft
sind, so ist dies besonders in Abessinien der Fall, wo es gar keine Wege
giebt, und an jenem Tage hatten wir durch die Schegalo-Schlucht an den
Tselari hinabzusteigen. Der eigentliche Weg in die Schlucht hinab,
wahrscheinlich ein künstlicher, war zwar recht gut, aber ganz mit
scharfen Basaltsteinen überschüttet, die vor Zeiten irgend eine
Wasserfluth hierher gebracht haben muss, da Schegalo wie die Ufer des
Tselari selbst keine vulkanische Steinformation haben. Der eigentliche
Thalweg von Schegalo war entsetzlich, unten oft durch Blöcke versperrt
oder so eng, dass wir abladen mussten, mit senkrechten, oft 100 Fuss
hohen Felswänden aus Sandstein oder Marmor, und vom oberen Anfang bis
zum Tselari mit einem Falle von circa 2500 Fuss. Dazu begegnete uns eine
Karawane von circa 3 bis 4000 Menschen aus Zamra, Samre, Abergale etc.,
die alle nach Sokota zu Markte wollten, nur mit Salz beladen, von dem
manches Maulthier 200 Stück, ein Mann aber nie mehr als 10 oder 12 Stück
trug.
In Schegalo stiess mir zum ersten Mal in Abessinien der Kuka-, Baobab-
oder Adansonien-Baum auf, und zwar stand er gerade in Blüthe. Kolossale
Exemplare bemerkte ich übrigens nicht, kein einziger hatte über 5 Meter
oder 15 Fuss Umfang, während ich in Bornu deren von 15 Meter und mehr
Umfang gesehen habe.
Endlich kamen wir an den Tselari, der hier von Osten nach Westen
fliesst und trübe thonige Wellen fortrollte, aber trotz des trüben
Aussehens war das Wasser ausgezeichnet. Leider konnten wir hier nicht
bleiben, kein Dorf war in der Nähe, und eine von Norden kommende
Schlucht hinaufsteigend, gingen wir an demselben Tage noch bis Zaka,
einem ebenfalls noch zu Wag gehörenden Dorfe. Auf dem ganzen Tagemarsch
von Elfenal an hatten wir, so weit wir sehen konnten, kein einziges Dorf
bemerkt. Obgleich mit einem Boten des Gouverneurs von Sokota versehen,
erfuhren wir hier eine sehr ungastliche Aufnahme, der Abessinier ist
gewohnt, nur in der Nähe zu gehorchen, ein Mal aus dem Bereiche der
Stimme seines Herrn kümmert er sich wenig um ihn. Dasselbe ist mit allen
halbcivilisirten Völkern der Fall, die Türkei, Marokko, Aegypten, Bornu,
welche alle ungefähr auf derselben Stufe der Gesittung stehen, zeigen
dieselbe Erscheinung. Zaka ist ein kleines Dorf am Südabhang eines hohen
Gebirgszuges nördlich vom Tselari.
Nachdem wir dies Gebirge, dessen Nordabhang mit vielen Baobas bewachsen
ist, am anderen Tage umgangen hatten, kamen wir in die grosse
Zamra[12]-Ebene, welche den Eindruck eines so eben trocken gelegten
See's macht. Mitten hindurch fliesst der Zamra-Fluss, derselbe, der
weiter nach Osten Garab Dig Dig genannt wird und von Messino kommt. Die
Zamra-Ebene ist gross, gewellt und spärlich mit Gras, reichlich mit
Mimosenbuschwerk bewachsen, überall liegen Thonschiefer, Alabaster und
Glimmerschiefer offen zu Tage. Wie ganz Abessinien ist sie sehr schwach
bevölkert. Ich traf hier am Flusse, der gleichfalls vom Regen
angeschwollen war, zum ersten Mal den Hadjilidj-Baum, auch trat von hier
an die Kranka-Euphorbie wieder auf und die schlangenartige
Pfeilgift-Euphorbie war jetzt auf Schritt und Tritt zu sehen. Wir
blieben in Fenaroa über Nacht, einem ziemlich grossen Ort an einem
Felsen, dessen Bewohner hauptsächlich von Viehzucht leben.
Ein langweiliger Weg führte uns nach dem bedeutenden Ort Samre, indess
war die Gegend etwas bevölkerter, wir liessen vier oder fünf Orte dicht
am Wege liegen. In Samre war der Zulauf neugieriger Gaffer so gross, wie
ich ihn noch nicht in Abessinien erlebt hatte, und der Dedjetj
(fürstliche Statthalter) Heilo war wieder so unverschämt, gleich meine
Aufwartung zu verlangen, doch hatte meine Antwort dieselbe Wirkung wie
in Sokota. Der Dedjetj besorgte mir eine Hütte, schickte dann einen
fetten Hammel, Butter, Honig, Tetsch und Brod und liess sich
entschuldigen, nicht selbst kommen zu können, da er bettlägerig sei.
Unter diesen Umständen sagte ich ihm meinen Besuch auf den folgenden
Morgen zu und bat zugleich um eine Wache, da ich die steigende
Zudringlichkeit der Leute gar nicht mehr bewältigen konnte und auch
nicht gern durch meine eigenen Diener Gewalt ausüben lassen wollte.
Alsbald kam denn auch ein Prügelmeister, der Weiber, Kinder und müssige
Männer aus dem Hofe meiner Hütte herausprügelte.
Am folgenden Morgen ging ich zum Detjetj Heilo, der an Rheumatismus
darniederlag und als Hauptwärter einen indischen, von der englischen
Armee desertirten Soldaten hatte, dem es hier recht gut zu gehen schien.
Der arme Teufel, wahrscheinlich durch abessinische Frauen zur Desertion
verleitet, wollte sich bei mir entschuldigen und war sehr verdutzt, als
er wahrnahm, dass ich kein Hindustani sprach, denn alle englischen
Offiziere, welche die abessinische Expedition mitmachten, verstehen
diese Sprache, weil die Truppen aus Indien kamen; er beruhigte sich
indess, als er sah, dass ich weiter keine Notiz von ihm nahm. Ein
prächtiges Pantherfell, welches mir der Dedjetj zum Geschenk machte,
erwiederte ich mit meiner eigenen Decke, die ich für 10 Thaler gekauft
hatte, da mir alle Geschenke fehlten, auch gab ich ihm noch etwas Pulver
und Zündhütchen.
Samre liegt auf einem Hügel und hat ein freundliches Aussehen, weil alle
Häuser mit Hecken umgeben sind. Die Agau-Sprache wird zwar hier noch
verstanden, hat aber aufgehört, die herrschende zu sein, und wie der
Zamra-Fluss die politische Grenze von Tigre bildet, so sind auch in
Wirklichkeit die Bewohner hier Tigreaner.
Da die Nachricht eintraf, Sir Ropert Napier sei bereits in Antalo, so
beschloss ich, den Marsch von Samre nach Boye in Einem Tage zu machen
und meine Diener mit den Maulthieren langsamer nachkommen zu lassen. Als
ich Nachmittags in Boye ankam, fand ich im Lager zwar Bekannte, aber von
meiner speciellen Gesellschaft, in deren Begleitung ich die Expedition
mitgemacht hatte, war noch Niemand angekommen, eben so wenig Sir Robert.
Am folgenden Tage langte jedoch Oberst Phayre an, der Chef der
recognoscirenden Abtheilung, und in seiner Gesellschaft der preussische
Officier Herr Stumm und so waren wir, die wir von Senafe an bis Magdala
immer an der Spitze der englischen Armee marschirt waren, wieder vereint
und setzten am folgenden Tage auf der Militärstrasse den Weg nach der
Heimath fort.
Höhenmessungen mit dem Aneroid.
Abdikum 9250 engl. Fuss.
Takaze, Bett 5800 " "
Salit 6200 " "
Lalibala 7000 " "
Schegalo 6200 " "
Bilbala-Gorgis 6170 " "
Eisemutsch-Thal 6359 " "
Mári-Thal 5200 " "
Taba, Ort 6000 " "
Siba-Pass 6500 " "
Mokogo-Pass 7800 " "
Biala-Pass 9000 " "
Ohlich, Ort 6200 " "
Telela-Pass 7100 " "
Sokota 6500 " "
Emenenagerill-Pass 5600 " "
Uana-Pass 5550 " "
Tselari-Bett 3200 " "
Zaka 4200 " "
Zamra, Bett 3150 " "
Fenaroa 4500 " "
Samre 6000 " "
Der Aschangi-See in Abessinien
Der Aschangi-See liegt nach den Messungen von General Merewether und
Herrn Clemens Markham auf dem 12° 8' 26" nördlicher Breite und 39° 8'
28" östlicher Länge v. Gr. und bildet, wie er sich uns präsentirt, ein
von Bergen umschlossenes Becken, welches gerade auf der Wasserscheide
zwischen dem Nil und dem rothen Meere sich befindet. In der That
fliessen alle Bäche von den hohen Bergen, die westlich den See
begrenzen, dem Zerari (oder wie er in anderen Provinzen genannt wird
Zelari) zu, während die von den östlichen, den See eindämmenden Hügeln
kommenden, dem rothen Meere sich zuwenden. Im Norden und Westen von
hohen Bergen umgeben, die im Norden im Sarenga eine Höhe von circa
10,000 Fuss erreichen, da schon die Passhöhe des Ashara-Pass 8547 Fuss
(nach Markham 8920 Fuss) beträgt, während im Westen der eben so hohe
Ofila-Berg sich befindet, ist der See nach Süden und Osten zu von
minder hohen Bergen umschlossen.
Das Gestein der nächsten Berge besteht nach Markham aus
marienglashaltigem Schiefer (micaceous schist) und Kreide; ich selbst
bemerkte indess grosse Lagerungen von Thonschiefer und Sandstein, und
der Grundkern des Gebirges dürfte Granit sein, da in den tief
eingeschnittenen Schluchten derselbe offen zu Tage liegt und auch grosse
Blöcke davon sich überall vorfinden. Munzinger will auch Trachyt bemerkt
haben, ohne indess den Ort anzugeben.
Ueber die Entstehung des See's herrschen verschiedene Meinungen: einige
wollen in ihm das Becken eines erloschenen Kraters sehen, während andere
die umgebenden Berge durch eine Naturrevolution sich erheben lassen, um
so ein Becken zu formen und den Abfluss zu hemmen. Die letzte Ansicht
ist die wahrscheinlichere, da die weiten Alluvialufer nach allen Seiten,
mit Ausnahme eines Vorgebirges des Ofila-Berges, das steil und felsig in
den See abfällt, den Gedanken an einen Krater nicht gut aufkommen
lassen. Jedenfalls war, wenn je ein Abfluss existirte, dieser nach Osten
oder Süden, vielleicht ehe die Erdrevolution Statt fand, direct vom
Ofila- und Sarenga-Berge ohne dass ein See vorhanden war. Dass sich das
Niveau des Wassers jetzt nicht erhöht, kann man einestheils durch
allmählige Durchsickerung, welche nach Süden und Osten zu Statt zu
finden scheint, erklären anderentheils durch die Verdunstung, die hier,
dem Hygrometer zufolge, während einer grossen Zeit des Tages, d.h. von
10 Uhr Vormittags bis 4 Uhr Nachmittags, sehr beträchtlich sein muss.
Das Niveau des Sees fand ich zu 7264 Fuss, und an Zeichen ist
abzunehmen, dass dasselbe in und gleich nach der Regenzeit höchstens um
einen oder anderthalb Fuss wächst. Markham fand den See bedeutend höher,
was zum Theil sich aus der Berechnung nach verschiedenen Tabellen
erklären lässt, oder dass irgend eine Ungenauigkeit in der Beobachtung
Statt fand. Ueber die Tiefe des Sees, der vollkommen süsses Wasser hat,
so wie über die Dichtigkeit des Wassers desselben liegen bis jetzt keine
Beobachtungen vor, da die englische Armee auf dem Hinmarsche nach
Magdala zu rasch vorbei ging, um dergleichen Untersuchungen anstellen zu
können. Wir selbst beim Recognoscirungswege weilten nur eine Nacht an
den nördlichen Ufern des Sees. Der Mangel an allen auch noch so kleinen
Schiffen, deren Gebrauch den Uferbewohnern völlig unbekannt ist, trug
natürlich auch dazu bei, dass solche Untersuchungen nicht angestellt
werden konnten. Indess steht zu hoffen, dass uns die Naval-Brigade oder
die Pontonierabtheilung auf dem Heimwege Aufklärung darüber geben
werden. Die Temperatur des Wassers fand ich um 12 Uhr 24,8 C. bei 18,6
Luftwärme.
Der See hat einen Umfang von 11 englischen Meilen und die Gestalt eines
unregelmässigen nach Süden sich ausbiegenden Kreises. Auf allen Seiten,
besonders nach Norden und Nordwesten zu, ist er von flachem
Alluvialboden, welcher sich an die Berge hinaufzieht, umgeben, und
diese flachen Ufer nehmen im Bergbecken einen eben so grossen Raum ein
wie der See selbst. Dieser Boden, der nach dem See zu, fast möchten wir
sagen vegetabilisch wird, so sehr ist er vermischt mit vermodernden
Pflanzentheilen, erlaubt Niemand sich dem Wasser zu nähern, da man schon
auf eine Entfernung von mehreren Schritten, obgleich die Oberfläche
vollkommen hart und wie gefroren aussieht, einsinkt.
Die Bewohner um den See sind Abessinier, aber alle Mohammedaner; dies
spricht noch dafür, dass die eigentliche Wasserscheide durch die
Westgebirge des Sees gebildet wurde, da die Trennung des Christentums
vom Islam hier der Wasserscheide folgt. Bei der Eroberung der östlichen
Provinzen Waag's durch Gobesieh gegen Theodor leisteten die Anwohner des
Aschangi ersterem so gute und wirksame Dienste, dass sie dafür als
Belohnung die Auszeichnung bekamen, einen eigenen Kreis zu bilden,
während sie früher zu Kasta gehört hatten. Sie bezahlen ihre Abgaben,
die in Korn, Vieh und Kriegsdienstleistung bestehen, jetzt direct an
Gobesieh von Waag, während sie früher an Meschascha, den Neffen
Gobesieh's und Fürst von Lasta zahlen mussten. Sie wohnen in kleinen
Weilern; die Häuser derselben sind roh aus unbehauenen Feldsteinen
aufgeführt und rund von Form mit konischen Strohdächern; mehrere solcher
runden Hütten durch eine niedere steinerne Mauer umgeben bilden eine
Familien-Wohnung. Im Inneren sind sie sehr dürftig ausgestattet; einige
Geräthe zum Kochen, grosse thönerne Töpfe oft 5 Fuss hoch zum
Aufbewahren des Korns, eine erhöhte Ruhestätte oft aus Thon, oft aus
Holz und Rohr, mit einem Fell überdeckt, bleierne Gefässe und Schüsseln,
bilden das ganze Ameublement. Das Vieh ist häufig- bei den ärmeren
Leuten Nachts im Wohnhause, bei den Wohlhabenden jedoch immer in
besonderen Räumen. Der Hauptnahrungszweig der Aschangibewohner ist
Ackerbau, der das ganze Jahr hindurch, sei es durch Regen im Sommer, sei
es durch künstliche Irrigation im Winter betrieben wird. Man baut fast
nur Gerste, sehr wenig Weizen und sonst wird ausser Tabak nichts
gezogen. In der Kleidung unterscheiden sich die Bewohner in Nichts von
den übrigen Abessiniern, indess haben viele Männer metallene Ringe,
keilförmig zugebogen um den Arm. Dies ist ein Zeichen, dass sie einen
Galla erlegt haben, denn trotzdem sie Mohammedaner sind, herrscht doch
eine erbitterte Feindschaft zwischen ihnen und den östlich von ihnen
wohnenden Asebo-Galla; mit den umwohnenden Christen leben sie in guten
Beziehungen. Ausser Ackerbau ernähren sie sich aber auch von Viehzucht;
Rinder und Schafheerden und besonders gute Pferde zeichnen das
Aschangi-Thal aus. Die meisten nach Tigre kommenden Pferde, welche als
Lasta- oder Schoa-Pferde, die besonders berühmt sind, aufgekauft werden,
kommen aus Aschangi. Der See, der vielleicht viele Fische birgt (wir
konnten von den Umwohnern merkwürdigerweise nicht in Erfahrung bringen,
ob Fische darin sind oder nicht, und auch Herr Munzinger, der ihn früher
besucht hatte, konnte keinen Aufschluss darüber geben) und auf dem
grosse Schwärme Wasservögel aller Art sieh herumtummeln, scheint gar
nicht von den Anwohnern ausgebeutet zu werden.