Noch ein Trunk vom herrlichen Takaze-Wasser und dann ging es weiter nach

dem grossen Dorfe Salit, wo man uns gastlich aufnahm und eine Hütte

anbot. Die Hütten sind in der Gegend vom Takaze bis Sokota alle sehr

leicht aus Reisern und Zweigen gebaut und mit Stroh gedeckt, während in

den höheren Gegenden die Wände aus Stein, durch Thon zusammengehalten,

aufgeführt werden. Für das hiesige Klima reicht diese leichte und

luftige Bauart vollkommen aus, denn bei einer Höhe von 5 bis 6000 Fuss

über dem Meere hat das Thermometer in der Regenzeit sowohl als in der

trockenen selten unter 15° vor Sonnenaufgang. Eine Schwester

Meschascha's, des derzeitigen Fürsten von Lasta, schickte mir Abends

einen grossen Krug Busa oder Gerstentrank, der indess einem europäischen

Gaumen gar nicht munden will, obwohl die Abessinier grosse Liebhaber

davon zu sein scheinen. Um sich aufzuregen, müsste man solche

Quantitäten zu sich nehmen, dass ein europäischer Magen gar nicht im

Stande wäre, sie zu halten. Ueberdiess widersteht Einem schon die

chokoladenartige Farbe.

Die Gegend um Salit ist hügelig und von einem Halbkreise hoher Berge der

Art eingeschlossen, dass Amba Terrasferri den südlichen und Amba

Ascheten, an dessen Westabhange Lalibala liegt, den nördlichen

Stützpunkt dieses Halbkreises bildet. Sehr arm an Gras, wenigstens in

dieser Jahreszeit, ist die Gegend dafür gut mit Buschwerk, meist

Akazien, bewachsen. Das Gestein ist überall vulkanischer Natur und von

derselben Beschaffenheit wie am gegenüberliegenden linken Takaze-Ufer.

Von Lalibala trennte uns nur noch Ein Marsch. Auf halbem Wege

überschreitet man den beständig Wasser führenden Fluss Katschenave, der

östlich beim Orte Aritatta entspringt und in den Takaze fällt. Ein Ort

gleichen Namens liegt an beiden Seiten des Flusses, wo wir ihn

überschritten. Der Weg war an dem Tage ziemlich gut, wenn von guten

Wegen überhaupt in Abessinien die Rede sein kann, und sanft stiegen wir

den Abhang des mächtigen Ascheten-Berges hinauf, wo der grosse Ort

Laktalab liegt.

Je mehr ich ins Land hinein kam, desto höflicher fand ich die Bewohner.

Das war sicher Folge der Einnahme von Magdala und von Theodor's Tod.

Niemand in Abessinien hatte ihn anzugreifen gewagt, selbst als er schon

in den letzten Zügen lag, als ganz Abessinien, alle Provinzen von ihm

abgefallen waren, und da kam nun ein so kleiner Haufen "Frengi", wie die

Abessinier die Europäer schlechtweg nennen, und machte diesem

gefürchteten Fürsten, der im Bunde mit dem Teufel zu stehen vorgab, in

Einem Tage das schrecklichste Ende. Hatte man vorher über die Frengi

gespottet, ihnen nachgerufen: "Theodor wird Euch alle köpfen", und

anderes dummes Zeug mehr, so hatte sich jetzt die Verachtung in grösste

Hochachtung verwandelt und ich kann mir denken, wie die eitelen und

prahlerischen Abessinier, die sich wie die Araber und Juden für ein von

Gott auserwähltes Volk halten, innerlich darunter leiden mussten, so vor

einem kleinen Haufen Europäer gedemüthigt zu stehen. Waren sie froh,

ihren Erzfeind Theodor los zu sein, so musste dies eitle Volk doch

innerlich einen heissen Neid fühlen, dass sie dies nicht selbst hatten

bewerkstelligen können. Indess äusserten sie dies nicht laut, im

Gegentheil nie sah ich ein Volk demüthiger und kriechender als jetzt.

Nicht genug, dass sich alle Alle, die uns begegneten, so verbeugten,

dass die Hände vorn bis auf die Erde reichten, ein Gruss, den sie sonst

nie einem Europäer, sondern nur ihren Fürsten erzeigen, gingen sie immer

mit uns, bis ihnen meine Diener zuriefen, ihres Weges zu ziehen. Ich

wusste Anfangs nicht, was dies zu bedeuten habe, bis man mir sagte, dass

dies das Zeichen der grössten Hochachtung sei. Dicht vor der berühmten

Kirchenstadt begegnete uns ein alter ehrwürdiger Priester, in einer Hand

einen Sonnenschirm, in der anderen einen Kranz tragend, vor der Brust

hatte er ein dickes Pergamentbuch hängen; er gab mir seinen Segen und

sagte dann, ich solle getrost in den heiligen Wallfahrtsort einziehen,

ich sei der erste Frengi, der nach dem Tode Theodor's nach Lalibala

käme, und das brächte mir grosses Glück und Segen.

Ich stieg in Lalibala bei Bischur, dem Schum oder Vorsteher des Ortes

ab, der mir eine seiner Hütten zur Disposition stellte, welche für

gewöhnlich den Kühen zum Aufenthalte diente. Eine bessere Menschenhütte

schlug ich aus, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass die

Abessinier nicht nur wie die Araber, Berber und andere Völker

Nordafrika's reichlich mit Läusen und Flöhen gesegnet sind, sondern auch

jede Hütte, welche Menschen beherbergt hat, von Wanzen wimmelt. Ich habe

in der That oft den Schmutz der Araber und Berber bewundert, wie

namentlich die Bewohner der Grossen Wüste Jahre lang nicht daran denken,

sich oder ihre Kleider zu waschen. Dann aber entschuldigte ich sie

manchmal mit dem constanten Wassermangel, aber hier in Abessinien

übertrifft der Schmutz der Bewohner Alles, was vorkommen kann. Die

Weiber und Männer schmieren sich fingerdick die Butter in die Haare,

welche nur ein Mal im Leben bei den Frauen zu kleinen Tressen geflochten

werden; kommt die Sonne, so trieft die Butter auf Körper und Kleidung,

so dass diese bald eine so dunkle und schmutzige Farbe wie der Körper

annimmt. Erst wenn Alles in Fetzen fällt, werden die Kleider abgelegt.

Nachdem ich mich etwas gestärkt, ging ich, die verschiedenen Kirchen zu

besuchen, welche schon das Staunen der Portugiesen erweckten und die in

Wirklichkeit nicht ihres Gleichen in der Welt haben, denn alle Kirchen,

die man in Lalibala bewundert, sind Monolithen. Obgleich die Portugiesen

alle dem König Lalibala als Urheber zuschreiben, so ist das offenbar ein

Irrthum, denn im Baustyl der verschiedenen Kirchen ist ein älterer

roherer und jüngerer feiner Styl unverkennbar. Lalibala hat jedoch

offenbar einen grossen Antheil an den merkwürdigen Bauwerken dieses

Ortes und jedenfalls wird wohl die Kirche die seinen Namen führt, von

ihm herrühren. Ich wurde von den Mönchen und Priestern mit der grössten

Bereitwilligkeit aufgenommen und vom Ausziehen der Schuhe oder sonstigen

Forderungen, wie sie früher wohl die Priester anderer Kirchen an mich

gestellt hatten, war hier keine Rede, ja in allen Kirchen führte man

mich ins Allerheiligste oder an den Hauptaltar. Ich bemerke hierbei,

dass das Allerheiligste, wie wir es jetzt in allen neuen abessinischen

Kirchen, d.h. auch in solchen, welche schon mehrere Jahrhunderte alt

sind, streng abgemauert und von der übrigen Kirche abgeschieden finden,

wie es bei dem jüdischen Tempel in Jerusalem der Fall war, in den ersten

Zeiten des Christenthums in Abessinien nicht gekannt war; alle Kirchen

in Lalibala, wie wir sie heute finden, haben einen einfachen Hauptaltar,

wie es in allen anderen christlichen Kirchen der Fall ist. Ueberhaupt

sieht man diesen Gebäuden ihren echt christlichen Charakter an, während

man bei den neuen abessinischen Kirchen erst wissen muss, dass sie

christliche Gotteshäuser sein sollen, von selbst würde kein Europäer sie

dafür erkennen.

Die am besten erhaltene und von allen übrigen getrennt ist die St.

Georg-Kirche; ein vollkommenes Kreuz, aus Einem Steine gemeisselt, würde

man sagen, sie sei so eben aus der Hand eines Zuckerbäckers

hervorgegangen. Jeder Arm des Kreuzes mag 40 Fuss an der Basis haben

und eben so hoch sein. Vier Säulen im Inneren stützen die Decke, welche

wie das Ganze Ein Stein und mit dem Ganzen Ein Stein ist. Die grösste

und ursprünglich die vollendetste ist die dem Medanheallem oder

Weltheiland gewidmete Kirche. Es ist dies eine vollkommene Basilika und

man kann in Harmonie der einzelnen Theile zum Ganzen nichts Schöneres

finden. Auch die Emanuel-Kirche ist vollkommen in ihren Formen: 24

Schritt lang und 16 breit hat sie ca. 40 Fuss Höhe, wie alle übrigen ist

sie aus Einem Steine gemeisselt. Die älteste scheint die Aba

Libanos-Kirche zu sein, dann die in kolossalen Aushauungen

ausgemeisselte Mercurius-Kirche. Ausserdem giebt es hier noch eine

Gabriel-Kirche und eine Marien-Kirche, welche mit der Debra Sina- oder,

wie sie auch genannt wird, Golgatha- und Lalibala-Kirche zusammenhängt.

Der König Lalibala liegt in der Golgatha-Kirche begraben, wo auch ein

anderer berühmter Heiliger Abessiniens, Selasse, seine Grabstätte hat.

Bei vielen dieser Kirchen hat der vulkanische Stein, aus dem das ganze

Terrain in und um Lalibala besteht und aus dem auch diese merkwürdigen

monolithischen Kirchen gehauen sind, der Witterung schlecht

widerstanden, und da die jetzige Generation wie viele vor ihr Nichts zur

Erhaltung dieser merkwürdigen Bauwerke thut, so gehen sie rasch ihrem

Untergange entgegen. Vollkommen gut erhalten ist nur noch die

Georg-Kirche. Die prächtige Medanheallem-Kirche dagegen, die früher von

aussen mit einem Säulengang umgeben war, dessen 40 Fuss hohe Säulen aus

demselben Blocke wie die Kirche gehauen waren und daher mit ihr

zusammenhingen, hat jetzt nur noch vier dieser Säulen aufrecht stehen,

alle übrigen sind von der Kirche abgefallen. Es wäre an der Zeit, dass

Etwas für diese merkwürdigsten Denkmäler alter christlicher Baukunst

geschähe.

Mit der grössten Freundlichkeit und Bereitwilligkeit wurde mir Alles

gezeigt; hier war es eine Glocke, dort ein Räuchergefäss, hier eine

Kirchenkrone, dort ein Kreuz, was ich bewundern musste, und die Toleranz

dieser Priester ging sogar so weit, dass mein mohammedanischer Diener

Abd-er-Rahman, der meinen Dolmetsch machte, überall mit hingehen durfte.

Ja, in der Georg-Kirche musste ich sogar den Mantel des heiligen Georg

selbst umbinden, es waren freilich nur noch Fetzen und er sah

entsetzlich schmutzig und verdächtig aus, die guten Priester bestanden

aber so sehr darauf, mir dadurch den Segen ihres Patrons zu Theil werden

zu lassen, dass ich, um nicht als Ungläubiger zu gelten, mich noch froh

stellen musste, diess widerliche Gewand während meines Besuches in der

Georg-Kirche umzuhaben. Viele dieser Kirchen sind sehr gut dotirt, die

Marienkirche hat sogar Glocken und in anderen findet man Geräthe, die

jeder europäischen katholischen Kirche Ehre machen würden.

Der ganze Tag ging natürlich damit hin, diese Wunderbauten zu besehen,

und als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich meinen Wirth vor der

Thür mit einem grossen Topf voll Tetsch. Dies ist Hydromel oder saures

Honigwasser, ein angenehmes und im Stadium des Gährens starkes Getränk,

das man aber nur bei vornehmen Abessiniern bekommt, da seine Herstellung

für die gewöhnliche Klasse zu kostspielig ist.

Auch am folgenden Tage zog es mich wieder zu den Kirchen, ich konnte

mich nicht satt sehen an diesen Wunderbauten, und so konnte ich auch

Zeuge sein, wie eine grosse Anzahl armer Menschen, Bettler und Reisende,

vor der Marienkirche gespeist wurden; dies geschieht alle Tage um

dieselbe Zeit, die Kirchen haben dazu reiche Gründe, viele Einnahmen von

den Ein- und Umwohnern Lalibala's und wohlhabende Pilger tragen Geld und

andere Gaben zu. Der Klerus aller dieser Kirchen, die Mönche mit

eingerechnet, ist indess auch bedeutend und kann sich auf ein Paar

hundert Personen belaufen.

An sonstigen Merkwürdigkeiten hat Lalibala die sieben Oelbäume

aufzuweisen, die ganz jung von Jerusalem hierher verpflanzt, jetzt

grosse, stattliche Bäume geworden sind. Ihr Alter muss jedenfalls

bedeutend sein, denn von einem ist nur noch ein Stumpf übrig und zwei

andere sind zu Einem verwachsen. Ein Hügel, von einem Baume

überschattet, Debra Siti genannt, wurde mir als bemerkenswert gezeigt,

weil hier der König Lalibala gelehrt and gepredigt haben soll. Ein

einfaches steinernes Kreuz auf dem Wege zur St. Georgkirche wurde mir

auch besonders gezeigt, doch konnte mir Niemand sagen, was es für eine

Bewandtniss damit habe.

Lalibala ist auf sieben Hügel an einem der Westabhänge des mächtigen

Ascheten-Berges gebaut, dessen Höhe 10,000 Fuss betragen kann. Selbst

7000 Fuss hoch hat es ein köstliches Klima und die Bäume, welche die

Hütten überschatten, die reizende Lage machen es zu einem wahren

Paradies. Es mag jetzt circa 12 bis 1500 Seelen haben, war aber dereinst

gewiss bedeutend grösser. Zahlreiche Gänge in den Felsen, Ueberreste von

alten Kirchen, von denen alle Ueberlieferung verschwunden zu sein

scheint, viele Ruinen von Wohnungen, die besser construirt waren als die

jetzigen, deuten genugsam an, dass Lalibala vordem ein anderer Ort war

als gegenwärtig, wenn nicht schon die Kirchen Zeugniss dafür ablegten.

So interessant nun auch der Aufenthalt in dieser Kirchenstadt war, so

zuvorkommend die Leute im Allgemeinen sich zeigten, reiste ich doch

Nachmittags weiter, da ich keinen Augenblick Ruhe hatte. Hunderte von

Menschen belagerten um Arznei bittend meine Thür und obschon ich Alle zu

befriedigen suchte, diesem ein Brechmittel, jenem ein anderes Medikament

gebend, so war an ein Alleinsein keinen Augenblick für mich zu denken.

Indess gingen wir an jenem Tage nur nach dem drei engl. Meilen westlich

von Lalibala gelegenen Orte Schegala, das wie Ascheten und Medadjen zum

Lalibala-Distrikt gehört. Man steigt auf einen Ausläufer des Ascheten

herab, gewissermassen die Fortsetzung desselben Sporns, auf welchem

Lalibala liegt, und hat nördlich fortwährend das liebliche

Medadjen-Thal, voller Gehöfte und Felder, welche von Hecken und

Buschwerk bordirt sind, so dass es Einem ganz heimathlich ums Herz wird.

Das Medadjen-Thal wird von Bergen gebildet, die sich vom Ascheten aus

durch Norden ziehen und deren Hauptspitzen der Selembie, Adeno und

Dogussatsch sind. Bei Schegala erhält das Thal einen bedeutenden Zweig

von Süden und zieht so verstärkt unter dem Namen Gebea-Ebene dem Takaze

zu. Kein Berg ist schöner bewaldet in Abessinien als der Ascheten und

diess erhöht natürlich die paradiesische Lage Lalibala's, aber wurde je

eine Stadt der Priester, ein religiöser Mittelpunkt in reizloser Gegend

angelegt? Mekka bildet in dieser Beziehung für uns eine Ausnahme, aber

ist für den Araber die Wüste nicht Alles, freut sich nicht alljährlich

der Araber, wenn er im Frühjahr den fruchtbaren Teil mit der endlosen

Sandebene, wo nur hier und da ein Grashalm keimt, vertauschen kann?

* * * * *

Mein Weggehen von Lalibala hatte mir indess wenig genützt, die Leute

begleiteten mich, ich hatte einen Schwarm von fünfzig um mich, Lahme,

Blinde, Aussätzige, Alles wollte von dem Frengi profitiren. Es war wie

in Tafilet, wo man mir eines Tages in Ertib die Kleider zerriss, um

Arznei zu bekommen.

So angenehm die Lage von Schegala ist, was Klima und Schönheit der

Gegend anbetrifft, eine so unangenehme Nacht brachte ich zu. In der

Voraussetzung, in einer der luftigen Hütten, in welcher noch dazu in

letzter Zeit Kühe gewesen waren, sicher vor allem Ungeziefer zu sein,

hatte ich meine Teppiche auf das abessinische Rohrlager gebreitet, aber

nach Mitternacht wachte ich auf und fühlte, dass ich an hundert Stellen

gebissen und gestochen wurde; eine Legion Wanzen war aus dem alten

Ruhebett hervorgeeilt und hatte sich meines Körpers bemächtigt. Wenn ich

nicht meine noch müderen Diener aufwecken wollte, musste ich Geduld

haben, und die hatte ich, freilich mit grossem Blutverluste, bis der

Morgen graute.

Bis Bilbala-Gorgis zieht sich der 12 engl. Meilen lange Weg durch eine

überaus reizende Gegend. Sie ist mit hohem Buschwerk reichlich

bewachsen, unter dem üppiges Gras gedeiht, und im Osten hat man immer

einen hohen Gebirgszug, von dem die höchsten Spitzen Dogussatsch,

Selatit und Aderho heissen, während die zu übersteigenden Hügel relativ

nicht mehr als 1000 Fuss haben. Die zahlreichen, dem Takaze tributären

Rinnsale führen in Folge des gut bewaldeten Bodens alle Wasser. Sobald

man den Wukara-Fluss passirt hat, kommt man auf dessen rechtem Ufer zu

der reizenden Ruine einer zerstörten Kirche. Aus Quadersteinen

aufgeführt stehen einige Mauern noch ganz und zeigen jene kleinen

Fenster mit steinernen Kreuzen wie die Kirchen in Lalibala, überhaupt

scheint sie aus derselben Epoche und von denselben Baumeistern

herzurühren. Das Innere ist mit Schlingpflanzen bedeckt und wilde

Olivenbäume überschatten das Ganze. Das Volk schreibt die Erbauung der

Kirche natürlich, wie alles Grossartige, dem König Lalibala zu.

Bilbala-Gorgis ist eine weitläufige Ortschaft und weil zufällig die

ersten Gehöfte mohammedanischen Bewohnern zugehören, so wies man mir die

Moschee, eine kleine runde Hütte, als Absteigequartier an. Diese

Mohammedaner waren von Theodor aus Tigre hierher versetzt worden und

seines Todes froh bereiteten sie sich jetzt zur Rückkehr in die Heimath

vor. Fleissig wie alle Mohammedaner in Abessinien im Gegensatz zu den

faulen Christianos, wie sich die Christen nennen, besass jede Familie

einen Webestuhl. Sie waren natürlich äusserst tolerant und hatten nichts

dagegen, dass ich rauchte und Tetsch trank, zwei sonst in den Moscheen

streng verbotene Dinge. Als ich ihnen aber Abends zum Gebete für einen

Augenblick die Hütte räumte, genirte sich einer nicht, mir während

seiner Andacht mein Doppelglas zu stehlen, was ich leider erst am

anderen Morgen merkte, als wir schon weit vom Orte entfernt waren.

Ausser diesen hierher verpflanzten Mohammedanern giebt es keine in

Bilbala-Gorgis und es ist bezeichnend für die mohammedanische Religion,

dass überall, wo auch nur einige Familien sich finden, sie sich gleich

eine Moschee errichten, und selbst ein einzelner Mohammedaner, wenn er

fest unter Andersgläubigen wohnt, hat sicher seinen besonderen Betplatz.

Sie lebten hier übrigens ganz auf gleichem Fusse mit den Christen und

hatten keinerlei Beschränkung oder Unduldsamkeit zu erleiden.

Der folgende Tag war für uns ein recht beschwerlicher. Anfangs behielt

die Gegend ihre liebliche Natur bei, vom Terrassa-Pass an wurde sie aber

so zerrissen und wild, oft zwar grossartig, dann aber auch wieder

traurig, dass man nicht wusste, welchen Gefühlen man Raum geben sollte.

Vom Terrassa-Pass war, so weit das Auge blicken konnte, Alles durch

Waldbrand zerstört und die trostlose Traurigkeit der Gegend wurde noch

erhöht durch das schwarze vulkanische Gestein. Ohne Wasser, wie die

Gegend war, musste ich bis an den Mari-Fluss reiten, der indess auch

kein fliessendes Wasser hatte, sondern nur Pfuhle. Mit dem Mari-Fluss

beginnt die Agau-Sprache, ein von den beiden anderen in Abessinien

herrschenden Sprachen, dem Tigre und Amhara, verschiedenes Idiom. Das

Volk unterscheidet sich sonst in Nichts von dem übrigen und wenn sie

selbst auch unter sich Agauisch sprechen, so verstehen doch Alle die

beiden anderen Sprachen. Nordwärts erstreckt sich die Sprache bis an den

Distrikt Abergale, im Westen bis Semien, im Osten bis an den Aschangi.

Das Torf Taba, in dem wir übernachteten, ist übrigens ein elender

kleiner Ort, die Leute leben hauptsächlich von Viehzucht, da der Boden

zu arm ist, um reichliche Ausbeute für Ackerbau zu geben.

* * * * *

Die trostlose Gegend änderte sich erst beim Siba-Pass, bis dahin hatten

wir ein starkes Stück Arbeit. Die Zeit verstrich mit Auf- und Abladen,

weil alle Augenblicke solche Stellen vorkamen, wo meine Maulthiere mit

den Kisten nicht fortkommen konnten. Bei einer sehr schwierigen Stelle

wäre beinahe einer meiner Diener umgekommen, indem das Maulthier auf ihn

sprang und die Flinte sich entlud. Mit Uebersteigung des Siba-Passes

wurde die Gegend wieder freundlicher, wenn auch der Weg nicht besser,

nur im Siba-Thal hatten wir ein Stück Weges von einigen Meilen, welches

gut zu nennen wäre, wenn ihn nicht die Büsche so beschränkt hätten, dass

ich alle Augenblicke vom Pferde steigen musste, weil ein Reiter zu

Pferde nicht unter den niedrigen Zweigen durchkommen konnte. Oben im

Siba-Thale waren Wasserlöcher mit hinlänglichem Wasser zu unserem

Frühstück, aber so viel hatte ich jetzt längst gesehen, dass, wenn auch

ein einzelner Reisender mit wenigen Dienern recht gut diesen Weg von

Magdala über Lalibala und Sokota nach Antalo gehen kann, es _unmöglich_

gewesen wäre, eine Armee wie die Englische auf _diesem Wege_

fortzubringen. Wenigstens in der trockenen Jahreszeit wäre dies auf dem

von mir verfolgten Wege rein unausführbar gewesen und in der nassen

Jahreszeit würden die Regenbetten Schwierigkeiten gemacht haben.

Von hier an immer steigend kamen wir dann über den hohen Mokogo-Pass und

brachten die Nacht einige Meilen weiter nordwärts im Dorfe Belkoak zu.

Wir befanden uns hier sehr hoch, so dass wir Nachts beinahe von Kälte zu

leiden hatten. Ich wäre gern hier geblieben, da meine Thiere sehr

erschöpft waren, allein es gelang uns nicht, Getreide für sie

aufzutreiben, selbst gegen Medizin wollte Niemand Etwas hergeben. Seit 5

Jahren waren die Leute hier alljährlich von Heuschrecken heimgesucht

worden, dazu hatten in den letzten Jahren Wassermangel, der constante

Bürgerkrieg und die Gottesgeissel Theodor das ihrige gethan, Land und

Bevölkerung arm zu machen.

Wir hatten nun den hohen Pass von Biala zu übersteigen, einen kolossalen

Gebirgsstock, der von NO. nach SW. streicht. Unsere Thiere wollten

indess kaum weiter und dazu kam, dass die Dörfer, wo wir hätten

unterkommen können, weit vom Wege ablagen. Der südöstliche Abhang des

Biala-Stockes ist besser bewaldet und bewohnt als der entgegengesetzte.

Der Pass, über den man kommt, wird vom nordöstlichsten Abhänge gebildet,

der mit dem westlichen Ausläufer des Gerbako-Berges zusammenhängt. Der

Biala-Berg selbst hat drei Hauptspitzen, eine nordöstliche, eine

mittlere, welche die höchste ist, und eine südwestliche. Sein

südwestlichster Abhang steht mit dem lang gedehnten Su-Amba in

Verbindung. Das Gestein des Biala ist vornehmlich vulkanischer Natur.

Ich wäre gern im Dorfe Biala, das an der Nordostseite liegt, geblieben,

um eine Ersteigung dieses Kolosses zu versuchen, aber theils waren meine

Schuhe und Stiefel so zerrissen, dass sie einen solchen Gang nicht mehr

ausgehalten hätten, und hinauf reiten konnte man nicht, theils war das

Aneroid, welches mir bei der Trennung von der englischen Armee ein

Bekannter geliehen hatte, nur bis zu 8000 Fuss brauchbar und die

Passhöhe, welche wir bei Biala überschritten, war schon höher. Mein

eigenes Aneroid und Hypsometer waren gleich beim Anfange der Expedition

zerbrochen. Somit fiel der Hauptzweck einer Ersteigung des Biala, die

Bestimmung seiner Höhe, weg.

Wir hatten den Pass von Biala glücklich überwunden und weil wir vor uns

in hügeliger Ebene das Dorf Ohlich liegen sahen, nahmen wir uns vor,

dort die Nacht zuzubringen. Freilich wäre es besser für uns gewesen,

andere, näher liegende Dörfer aufzusuchen, aber dies erkannten wir erst,

als es zu spät war. Ein wolkenbruchartiges Gewitter brach plötzlich über

uns herein und es war unmöglich, aus ihm herauszukommen, es schien mit

uns nach Norden zu ziehen. Alle kleinen Schluchten und Rinnsale, die wir

zu passiren hatten, verwandelten sich in einem Augenblick in reissende

Giessbäche, welche mit rasender Geschwindigkeit Fuss hoch schmutziges

dickes Wasser fortrollten. Wenn ich selbst auch nicht sehr litt, da ich

vom Kopfe bis zu Fuss wasserdichte Kleider schnell überziehen konnte,

so blieb doch an meinen Dienern kein trockener Faden und alles nicht in

den Kisten befindliche Gepäck wurde gleichfalls durchnässt.

Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870 · 第 8 / 14 段