Für "gute Nacht" sagen die Tji-Neger _me-nopáo_ und erhalten _ya da ya_

zur Antwort. Wie befindest Du Dich? drücken sie durch _Wo ho tedeng_ aus

und _me ho ye_, ich bin wohl. Sie erkundigen sich durch _ming mu ye_,

wie steht's in der Stadt?, und erwidern darauf _ming mu ye fu_, in der

Stadt steht's gut.

Begegnen sich zwei, so ist der gewöhnliche Gruss _aichia_, Wo kommst Du

her? _Wufike_, oder von wo bist Du? _wokohe_. Endlich _nante ye_, reise

glücklich. Für Willkommen haben die Tji-Neger mit allen Yóruba-Völkern

das _aku-abo_ gemein. Häufig mischen sie ein _me adamfo_, mein Freund,

mein Wohlthäter, unter ihre Grüsse. Besondere Ceremonien beobachten die

Tji-Neger bei ihren Grüssen nicht.

Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Anatola, April/Mai 1868.[9]

Am 13. April 1868 wehte die englische Flagge auf den drei Amben von

Magdala, freilich nur für einige Tage, aber ein Ereigniss wichtig genug

mit seinen damit verknüpften Erfolgen, immer eine der merkwürdigsten

Thaten der Englischen Armee, welche sie bis jetzt vollbracht hat, zu

bleiben. In der That, die Befreiung der europäischen Gefangenen, die

Vernichtung des abessinischen Heeres, der Tod des Negus Negassi, die

Einnahme von Magdala erfolgten so rasch nach jenem beschwerlichen

Marsche durch Abessinien, dass selbst wir Theilnehmer der Expedition uns

oft hinterher fragten, wie Alles so schnell und glücklich zu Ende kommen

konnte. Und Magdala, für einige Monate der Aufenthalt der europäischen

Gefangenen, von Theodor für unüberwindlich gehalten und daher als sein

letzter Zufluchtsort ausgesucht, dann für einige Tage Standquartier

einer englischen Brigade, ist jetzt nur noch, was es ursprünglich war,

ein interessanter Punkt, denn wohl schwerlich werden die plündernden

Galla etwas noch Brauchbares dort oben lassen, sie werden die Kirche

zerstören und höchst wahrscheinlich die Gebeine ihres Erzfeindes, der

bei seinen Lebzeiten Tausende ihrer Brüder mit kaltem Blute erwürgte, in

alle Winde zerstreuen.

Etwas südlich von Beschilo sich erhebend sendet der Magdala-Berg seine

Bäche diesem Flusse zu, welcher nach Aufnahme der Djidda dem blauen Nil

oder Abai zufliesst. Der Magdala-Berg selbst besteht aus drei

verschiedenen oben flachen Amben oder Plateaux, dem nördlichen oder

Selasse, dem westlichen Fala und dem eigentlichen Magdala, welches am

weitesten nach Süden zu liegt. Die Vegetation in dieser Gegend ist

reichlich und besteht meist aus Mimosen, aber zur Zeit unserer

Anwesenheit war Alles vertrocknet und verbrannt und nur der in

Abessinien überall vorkommende Kandelaber-Baum (Kolkual-Euphorbia)

bringt etwas Abwechselung in die Gegend. Das Gestein ist durchaus

vulkanisch um Magdala und namentlich die nahen Bänke des Baschilo

zeigen die schönsten Basaltsäulen. Von der Thierwelt der Umgegend ist

nichts besonders Merkwürdiges zu berichten, wenn man nicht in der Käfer-

und Insektenwelt nach Neuem suchen will, und dann muss man zur Regenzeit

dort sein. Grosse reissende Thiere scheinen selten zu sein und selbst

Hyänen hörten wir fast gar nicht, freilich hatten sie vollauf zu thun,

da gerade vor unserer Ankunft König Theodor am Charfreitag zweihundert

abessinische Gefangene in einen Abgrund hatte stürzen und auf die etwa

Ueberlebenden schiessen lassen. Einheimische Bevölkerung giebt es

augenblicklich nicht mehr in Magdala nach dem grossen Exodus, den die

Engländer nach dem Tode Theodor's veranstaltet haben. Die, welche wir

vorfanden, waren aus ganz Abessinien zusammengetrieben, aus Semien, aus

Tigre, aus Godjam, aus Begemmder etc., und jetzt zerstreuen sie sich

wieder, Jeder nach seiner alten Heimath, und so wird Magdala wieder, was

es früher war, Besitz der Galla.

Als am 16. April die meisten Angelegenheiten geordnet waren, d.h. die

wenigen Befestigungen geschleift, dann die Kanonen des abessinischen

Königs gesprengt, bereitete sich die englische Armee zum Rückmarsch nach

Zula vor und ich, schon früher entschlossen, nicht auf demselben Wege

zurückzukehren, auf dem ich mit der Armee gekommen war, trennte mich

gleich hier von ihr. Freilich konnte ich meinen ursprünglichen Plan, den

Dembea-See und Gondar zu besuchen, nicht ausführen; theils war die

Regenzeit vor der Thür, theils sollten, was sich aber als falsch erwies,

die Gegenden nach Westen hin unsicher sein; aber ich beabsichtigte,

wenigstens über Lalibala nach Sokota zu gehen, um durch eine neue Route

der Geographie nützlich zu sein.

Man wird zwar wenig Neues auf diesem meinem Wege finden; Abessinien ist

nach allen Richtungen so von Reisenden durchkreuzt, Land und Sitten sind

so ausführlich beschrieben worden, dass man von der kurzen Zeit, die mir

vor den Tropenregen blieb, nicht viel erwarten wird. Ich weiss auch

nicht so interessante Abenteuer zu berichten, wie sie Bruce erzählt,

glaube aber auch, dass das nur Ausnahmsfälle sind. Man darf das Leben

und die Sitten eines ganzen Volkes nicht nach einzelnen Vorfällen

beurtheilen, und wenn ein Fremder zufällig in Berlin oder Hamburg eine

jener Bacchanalien mitgemacht, würde er sehr Unrecht haben, wenn er

danach auf die Sitten des ganzen deutschen Volkes schliessen wollte.

Eben so Unrecht würde es sein, weil Theodor und natürlich alle seine

Soldaten, die blindlings jeden seiner Winke vollstreckten, Ungeheuer von

Grausamkeiten waren, diess dem ganzen abessinischen Volke aufbürden zu

wollen.

Für uns ist Abessinien hauptsächlich interessant, weil sein Volk durch

Jahrhunderte hindurch vom Islam umgeben den christlichen Glauben bewahrt

hat, obgleich das Christenthum der Abessinier Nichts mit der Lehre

gemein hat, wie sie heut zu Tage der gebildete Europäer auffasst. Zur

Zeit der portugiesischen Expedition unter Rodrigo und Alvares fanden

diese zwar viele Anknüpfungspunkte mit der abessinischen Religion, aber

weil damals in Europa die christliche Religion fast nur in

Aeusserlichkeiten bestand, konnte sich Alvares darüber wundern, dass die

Messe nicht ganz wie bei den Portugiesen abgehalten wurde, dass man

ausser der ersten eine alljährliche Taufe beobachte, dass man die

Beschneidung beibehalten habe und ausser dem Sonntag den Samstag heilig

halte. Zu unserer Zeit, wo man im Christenthum etwas ganz Anderes sieht

als die Beobachtung äusserer Gebräuche, würden wir höchstens sagen, die

Abessinier seien dem Namen nach Christen, dem Wesen nach aber Islamiten

oder Juden, d.h. Solche, deren Religion sich nur auf die Vollziehung

äusserer Gebräuche basirt.

Aber nicht nur sein Volk ist es, was uns Abessinien so interessant

macht, das Land selbst, die Pflanzen- und Thierwelt, die es

hervorgebracht hat, müssen uns das grösste Interesse einflössen.

Abessinien ist in Afrika ein Land für sich, was die Schweiz für Europa

ist, ist es für Afrika, und wenn wir die Schweiz und Tyrol ein sehr

durchschnittenes Gebirgsland nennen, so ist Abessinien ein Chaos.

Am 17. April verliess ich die Armee bei Arodje, um noch denselben Tag im

Baschilo zu lagern. Die steilen Ufer dieses Flusses, welcher ein mehrere

tausend Fuss tief eingeschnittenes Bett hat, liessen es mir meiner

Transportthiere halber wünschenswerth erscheinen, die Etappe

Arodje-Talanta in zwei zu trennen. Wir hatten vom Lager bis an den Fluss

nur einige Meilen, aber entsetzlich genug war dieser Weg: der Auszug der

entwaffneten Armee Theodor's dauerte nun schon seit drei Tagen, hier

sterbende Menschen, dort von ihren Eltern verlassene Kinder, hier eine

in Verwesung übergehende Leiche, dort ein Gerippe und auf jedem Tritt

und Schritt das Aas eines Pferdes, Esels oder Maulthieres. Der Weg nach

dem Baschilo war so begangen wie einer der frequentesten Zugänge zu

einer europäischen Hauptstadt; da kamen Elephanten, welche die grossen

Armstrong-Kanonen und Mörser, unnütz wie die Elephanten selbst in der

Expedition, transportirten, hier eine Abtheilung englischer Soldaten,

dort Auswanderer aus Magdala, hier die ehemaligen Gefangenen, der Syrier

Rassam und Herr Cameron, durch seine langen Entbehrungen entkräftet,

dort die übrigen Europäer, die bei König Theodor gelebt hatten; Herr Dr.

Schimper in seinem rothseidenen Ehrenkleide, auf einem Maulthiere

reitend (letzte Geschenke des verstorbenen Königs), mit seinem spitzigen

Hute und langem weissen Barte à la Tilly eher einem Zauberer des

Riesengebirges ähnlich als einem deutschen Gelehrten, hätte nicht die

lange Pfeife, die selbst auf dem Maulthiere unseren Pflanzensammler

nicht verliess, gleich den Deutschen verrathen; dann Herr Zander, einem

Patriarchen gleich mit seinem langen grauen Barte, dort eine englische

Lady, freilich nicht mehr ganz nach der letzten Leipziger Mode

gekleidet, Missionäre, die, sich in Abessinien wenig um Religion

kümmerten, denn kein Kind wurde zu einem Christen erzogen, noch irgend

eine Schule angelegt.--Alles strömte nach Norden, froh, Magdala für

immer Adieu gesagt zu haben.

Wir fanden den Baschilo etwas niedriger, als vor Zeiten, der Regen hatte

seit einigen Tagen wieder nachgelassen, wie das in Abessinien

alljährlich vorkommen soll. Abessinien hat nämlich an der Küste eine

Regenzeit, welche mit dem Regen des mittelländischen Meeres

correspondirt, dann eine sogenannte Vorregenzeit im April, endlich die

eigentliche Regenzeit, die Anfang Juni eintreten soll. Auf diese

Abnormitäten hat ohne Zweifel die Gebirgsnatur grossen Einfluss, ich

glaube aber, für Süd-Abessinien, d.h. vom 10° an südlich, würden

aufmerksame Beobachter kein Aufhören des Regens constatiren können,

sobald die Sonne den Zenith des Grades übertreten hat. Selbst nördlich

vom 12° hörten die seit Mitte April eingetretenen Regen nicht ganz auf,

nur waren sie schwächer, natürlich verminderte die Kälte der Luft bei

dem durchschnittlich über 7000 Fuss hohen Boden des Landes bedeutend die

Wirkung der senkrechten Sonnenstrahlen und somit den Niederschlag.

Wir lagerten im Baschilo, freilich nicht unter den angenehmsten

Verhältnissen: Gefangene, abessinische Auswanderer, darunter auch die

beiden Frauen von Theodor, Durenesch (weisses Gold), eine Tochter von

Ubie, und Csero Tameña, Wittwe eines früheren Galla-Chefs und nachher

zweite Frau Theodor's, Alles war bunt unter einander. Dazu die grosse

Hitze, am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang noch 25°, während auf

Talanta um die Zeit vor Sonnenaufgang die durchschnittliche Temperatur

blos + 5° zu sein pflegt. Man möchte beinahe sagen: Es ist gut, dass die

ganze Gegend durch Theodor entvölkert ist, denn sicher würde das

Baschilo-Thal, wenn jetzt Menschen dort wohnten, eine Pest- oder

Cholera-Grube werden. Aber ein Racheengel scheint über diese Gegenden

hingegangen zu sein, kein Haus, kein Dorf, kein lebendes Wesen, ausser

auf der von den Engländern eingeschlagenen Strasse, so weit das Auge

blicken kann, eine trostlose Todtenstille, und um das Bild noch

trauriger zu machen, ist Alles pechschwarz vom Brande, kein grünes Blatt

oder Halm mehr zu sehen, und selbst die Thierwelt scheint verschwunden

zu sein, man hört kaum Singvögel, nur Affen, meist langbärtige, ziehen

in grossen Heerden bellend und kläffend an den steilen Basaltwänden hin.

Der Marsch am folgenden Tage war nicht angenehmer. Obgleich ich lange

vor Sonnenaufgang aufgebrochen war, um nicht mit dem Strom von

abessinischen Leuten zusammenzukommen, so fand ich doch den steilen Weg

zur Talanta-Hochebene hinauf eben so voll wie am Tage zuvor den nach dem

Baschilo hinunter. Dieselben Scenen wiederholten sich. Dieser Weg, den

Theodor mit so vieler Mühe angelegt hatte, um die grossen Kanonen, die

Ursache seines Unterganges, nach Magdala zu bringen, ist nichts

weniger, als was wir in Europa unter einer künstlichen Bergstrasse

verstehen, der Abfall ist meist so steil, dass ihn europäische Wagen nie

hätten befahren können. In Talanta fanden wir ein ganzes englisches

Lager vor, denn die zahlreiche Kavalerie, die Sir Robert unnützer Weise

nach dem gebirgigsten Lande der Welt mitgenommen, hatte hier

zurückbleiben müssen. Abends kam Sir Robert auch nach und bis auf eine

kleine Reserve war jetzt Alles von der englischen Armee auf dem rechten

Ufer des Baschilo. Nachdem der General am folgenden Tage noch so

freundlich gewesen war, mir zur Bewaffnung meiner Diener die nöthigen

Doppelflinten aus dem Nachlass des Königs Theodor zu geben, liess ich

die englische Armee auf Talanta zurück, um meine eigene Reise

anzutreten. Es war freilich Mittag geworden, indess hoffte ich noch

Djidda zu erreichen, um dort die Nacht zuzubringen.

Kaum hatten wir begonnen, den steilen über 3000 Fuss tiefen Abhang von

Talanta ins Djidda-Bett hinab zu steigen, als über 500 waffenlose Leute

jeden Alters und jeden Geschlechtes, Auswanderer aus Magdala oder

Ueberreste der abessinischen Armee, sich uns anschlossen um unter

unserem Schutz durch die Djidda zu gelangen. Erst am Tage vorher nämlich

war eine Abtheilung solcher Leute von raubsüchtigen Galla-Horden rein

ausgeplündert, Einige sogar getödtet und Andere verwundet worden. Die

zahlreichen Schluchten in den basaltischen Ufern der Djidda boten diesem

Gesindel die günstigsten Schlupfwinkel. Alles ging indess Anfangs gut,

ich liess den ganzen Zug von Männern, Weibern und Kindern mit ihren

Pferden, Eseln und anderem Vieh vorausmarschiren und dachte an Nichts

weniger als an einen Angriff, als auf dem Plateau von Aberkut, welches

gerade halbwegs zwischen der Talanta-Höhe und dem Djidda-Bette eine

breite Stufe bildet, die abessinischen Flüchtlinge von Leuten aus

Aberkut selbst angegriffen wurden. Da sie weit voraus waren, so konnte

ich nicht gleich verhindern, dass einige Maulthiere und Esel

weggetrieben wurden; sobald mich indess die feigen Plünderer ansprengen

sahen, von meinen mit Doppelflinten bewaffneten Dienern gefolgt, flohen

sie davon und selbst drei Thiere konnten wir ihnen wieder abjagen. Etwas

weiter stiessen wir dann noch auf Galla, aber sie hielten sich ausser

Schussweite, denn einige Kugeln, die wir ihnen nach ihrer Schlucht

hinüber sandten, trafen oder reichten nicht.

So kamen wir glücklich in die Djidda-Sohle, wo wir dies Mal fliessendes

Wasser fanden, was beim Hinmarsch nicht der Fall gewesen war. Wir

stiessen hier auf ein Detachement Elephanten, konnten also in grösster

Sicherheit die Nacht kampiren. Freilich wurde unsere Nachtruhe manchmal

durch das nahe Geheul von Hyänen oder durch das rollende Grunzen der

Elephanten unterbrochen, wir kannten jedoch die einen als unschädliche

Feinde, die anderen als beschützende Freunde. Diese gelehrigen Thiere

hatten Tags vorher die Mörser und grossen Kanonen herunter gebracht und

als sie an der Djidda ankamen, war ich gerade Zeuge, mit welchem

Wohlbehagen sie sich zur Abkühlung den ganzen Körper mit Wasser

bespritzten; auf die Stimme ihres Führers, eines indischen Soldaten,

nahmen sie sich indess wohl in Acht, auch nur das kleinste Tröpfchen auf

die Metallwaffen zu blasen, die sie mit derselben Leichtigkeit daher

trugen, wie ein preussischer Soldat seine Zündnadel.

Auch die Djidda hinauf war ich immer noch in der traurigen Lage, von

halb verhungerten und sterbenden Abessiniern aus Theodor's Armee und

Magdala begleitet zu sein, abgesehen davon, dass die Luft verpestet war

von unbegrabenen Leichen und unzähligen Kadavern von Thieren, theils vom

früheren Durchgange der Armee Theodor's, theils von dem der englischen

Armee. Ohne mich aufzuhalten, passirte ich durch Bit-Hor, wo ich ein

grosses Magazin für die englische Kavalerie eingerichtet fand, und durch

Sindi, wo unter dem Schutze des englischen Sind Horses-Regiments Alles,

was von der Armee Theodor's und den ehemaligen Einwohnern Magdala's

lebendig bis Uadela heraufgekommen war, lagerte. Der Anblick dieser

dahin sterbenden Menschenmasse berührte mich so, dass ich trotz der

Erschöpfung meiner Maulthiere weiter ritt; wie aus dem Bereiche der

Abessinier Theodor's kam ich damit zugleich aus dem Bereiche der

englischen Armee. Was, dachte ich, wird aus diesen elenden Menschen, die

heute noch unter dem Schutze des englischen Namens dahin ziehen, wenn

sie morgen allein ihren abessinischen Brüdern gegenüber stehen? Meist

aus Begemmder und den Gegenden von Tabor und Dembea haben sich die

Soldaten durch ihre Mord- und Gewaltthaten so verhasst gemacht, dass

Niemand Mitleid mit ihnen haben wird. Aber selbst wenn Keiner als Opfer

der Blutrache fällt, werden die Meisten umkommen, denn nur wenige haben

Lebensmittel und diese mit Gewalt zu nehmen, wie es früher Gewohnheit

dieses Gesindels war, dafür hatte Sir Robert Napier dadurch gesorgt,

dass er ihnen auch die geringsten Waffen hatte abnehmen lassen. Nach

einer ungefähren Schätzung der kleinen schwarzen Zelte, welche in Sindi

aufgeschlagen waren, und nach früheren Ueberschlägen, als ich diese

Menschenmasse während drei Tagen von Magdala herunter strömen sah,

musste ich die Zahl derselben auf 50 bis 60,000 schätzen.

Ich ging noch an demselben Abend bis Abdikum, wo ich dicht bei dem Dorfe

und an der Seite der steilen Basaltblöcke, auf welche die Kirche erbaut

ist, mein Zelt aufschlug; freilich hatte ich nicht verhindern können,

dass einige bettelnde Abessinier aus Magdala sich mir anhingen, sie

behaupteten, denselben Weg gehen zu wollen, wie ich. Abdikum ist ein Ort

von ziemlicher Ausdehnung, wie alle Ortschaften in hiesiger Gegend

weitläufig gebaut sind, der Art, dass eine Menge kleiner Hütten Gehöfte

bilden, in denen drei oder noch mehr Familien zusammen hausen. Die

Kirche von Abdikum hat nichts Merkwürdiges, wie die meisten in

Abessinien ist es eine grosse runde Hütte, von Stroh roh überdacht und

mit einem äusseren Gange umgeben, der für die Weiber bestimmt ist,

welche die Kirche selbst nicht betreten dürfen. Im Inneren befindet sich

das Allerheiligste, viereckig inmitten aufgemauert und der Art, dass der

Hochaltar gegen Osten gerichtet ist. Das Allerheiligste, oft durch

hölzerne Thüren verschlossen, meist aber nur durch Vorhänge aus Kattun

abgetrennt, darf nur von ordinirten Priestern betreten werden. Zwei

längliche Steine, die hart sein müssen, damit sie einen hinlänglich

starken Klang geben, und die meist in den Zweigen der Bäume hängen,

welche jede abessinische Kirche beschatten, dienen als Glocken,

wirkliche findet man nur in den reichsten Kirchen. Einige Räucherfässer,

Kreuze, grosse Folianten aus Pergament, die Kleider, welche die Priester

bei den Messen und Hochämtern umlegen, Trommeln und eiserne Handschellen

sind der ganze Apparat einer jeden abessinischen Kirche und je nach

Alter und Grösse sind sie mehr oder weniger reich dotirt, aber es giebt

einige, die selbst nach europäischen Begriffen wirklich reich

ausgestattet sind.

Derartig war die Kirche in Abdikum nicht, sie gehörte zu den weniger

begünstigten; was mich aber verlockte, am anderen Morgen früh hinauf zu

klettern auf die wunderlichen Felsblöcke, das war die unvergleichliche

Aussicht, die man dort auf die hohen Gebirge südlich von Magdala hat,

die Kollo-Berge, und um einen letzten Blick auf Magdala selbst zu

werfen.--Im Bereiche der englischen Armee war natürlich Alles theuer,

die Leute hatten sich daran gewöhnt, Alles mit Silber aufgewogen zu

bekommen, und so lebte ich in Abdikum an dem Tage für sieben

Maria-Theresia-Thaler und hatte dafür Brod, Gerste, Butter, eine Ziege

und Honig und als Gastgeschenk am Morgen etwas Milch zum Kaffee.

Am anderen Morgen schlug ich einen neuen Weg ein, anstatt nach Sentara

zu gehen, um dem englischen Armeeweg zu folgen, schlug ich die Richtung

von 330° ein und langte über eine gewellte Gegend, die reich mit

Gehöften und Heerden bedeckt war, Abends am Rande des Uadela-Plateau's

an. Wir hatten die grossen Orte Tebabo und Boa passirt und obgleich die

Gegend keineswegs schön zu nennen war, denn es fehlte die Abwechselung,

so wurde doch das Auge erfreut durch grosse Heerden schwarzer Schafe,

durch Leute, die friedlich den Pflug handhabten (_von allen schwarzen

Völkern sind die Abessinier die einzigen, die den Pflug bei sich

eingeführt haben_); man sah, der Krieg war vorbei, es herrschte hier

Sicherheit und Friede. Der Rand des Uadela-Hochlandes ist steil und

basaltisch, er fällt bei Sindina, wo wir am Abend lagerten, in

NNO.-Richtung gegen den Takaze zu ab und man hat von hier aus die

entzückendste Aussicht auf den Takaze und die Schedeho-Landschaft. Die

Abessinier rechnen zwar Sindina nicht mehr zu Uadela, sie bezeichnen

vielmehr mit diesem Namen nur das Land zwischen Schedeho und Djidda,

aber im geographischen Sinne ist die Hochebene, welche zwischen dem

Takaze und der Djidda liegt, nicht davon zu trennen, es ist ein

zusammenhängendes Ganze. Ganz anders verhält es sich mit Talanta und

Daunt, welche beiden Tafelberge durch einen tiefen Einschnitt von

einander getrennt sind; überdiess ist Daunt wenigstens 500 Fuss tiefer

als Talanta. Sindina ist ein grosser Ort oder Distrikt, wenn man so

will, wie Abdikum, Tebabo und Boa.

Ein schweres Stück Arbeit blieb nun zu thun übrig, denn wenn die

Durchgänge durch Beschilo und Djidda auch mit grossen Schwierigkeiten

verknüpft gewesen waren, so hatten wir doch einen Weg vorgefunden

gehabt; da, wo Theodor seine grossen Kanonen hinab und hinauf gebracht

hatte, konnten wir natürlich mit unserem leichten Gepäck auch

fortkommen. Aber es handelte sich nun darum, das steile Ufer bis an den

Takaze hinab zu klimmen, wo nur ein kleiner Pfad für Menschen vorhanden

war. Nachdem der alte Führer verabschiedet und ein neuer gemiethet war,

machten wir uns früh Morgens auf.

Der Weg war natürlich der Art, dass an Reiten nicht zu denken war. Jede

Wendung um einen der zackigen Felsblöcke bot ein anderes Bild und

entschädigte reichlich für die Mühe und Arbeit, die man durch das

Herabklettern hatte. Freilich waren meine Burschen nicht so zufrieden,

denn oft mussten die Maulthiere abgeladen und Kisten und Pakete auf dem

Kopfe weiter geschafft werden. Mir selbst passirte das Unglück, dass

bei einem Sprung von einem Felsblock mein Taschenkompass aus dem Rock

flog und unwiederbringlich in einen tiefen Abgrund geschleudert wurde.

Wir trafen hier auf die seltsamsten Basaltsäulen, die ich je in Afrika

vorgefunden habe und wie sie vielleicht nur noch in der Fingal-Grotte

anzutreffen sind; mehrere Hunderte von steinernen Mastbäumen, ca. 50

Fuss hoch und alle von einander getrennt, bildeten einen Basaltwald, wie

man ihn nirgends schöner finden kann. Das Herabsteigen nahm uns,

obgleich der Weg wohl kaum mehr als 6 englische Meilen lang war, bis

Mittag in Anspruch, dann erst standen wir an den rieselnden Wassern des

Takaze, der hier vollkommen in Westrichtung fliesst. Als wir hier einen

Augenblick rasteten, kamen zwei Leute auf uns zu und fragten, wo der

Negus inglese (Sir Robert Napier) sich aufhalte. Auf meine Gegenfrage,

was sie von ihm wünschten, sagten sie, dass Meschascha schon seit Jahren

fünf von ihrer Familie gefangen halte und sie des englischen Negus

Fürsprache zu deren Befreiung anflehen wollten. Als ich dann fragte,

warum Meschascha dieselben im Gefängniss halte, erwiderten sie: "Weil

wir reich sind, wir wollen aber lieber dem Negus inglese zahlen als

Meschascha, denn dann wissen wir, dass sie wirklich befreit werden." Ich

sagte ihnen, dass Sir Robert Napier, falls er die Sache so fände, wie

sie aussagten, auch ohne Geld ihnen Gerechtigkeit angedeihen lassen

würde, und unterrichtete sie dann, wo sie ihn treffen würden.

Gelderpressungen sind in der That in Abessinien eben so zu Hause wie in

der Türkei und Aegypten.

Land und Volk in Afrika, Berichte aus den Jahren 1865-1870 · 第 7 / 14 段