dehnte sich das Wasser so weit man sehen konnte aus, doch gegenüber sah
man an einzelnen Lichtern und Wachtfeuern die Grenze des majestätischen
Stromes. "Ist dies das andere Ufer?" fragte ich die Neger.--"Nein, das
ist blos eine Insel, _Loko_, von _Bassa-Negern_ bewohnt, und hier
werden wir bei Tagesanbruch übersetzen", war die Antwort. Sodann luden
sie uns ein, uns auf den Sand niederzustrecken, da bei Tagesanbruch,
sobald die Bassa uns sehen, sie mit ihren Kähnen herüberkommen würden,
um uns abzuholen. Wir labten uns mit einem Trunke Wassers; seit wir
Abends die Stadt verliessen, hatten wir trotz des schnellen Marsches
nicht getrunken, weil Niemand Wasser mit sich führte. Dann legten wir
uns ruhig nieder und erwarteten halb wachend, halb schlafend den Morgen.
Beim ersten Grauen des Tages hörten wir sofort Geschrei und Lärmen und
sahen, wie von der mit Oelpalmen bewachsenen Insel, auf deren nördlichem
Ufer zahlreiche kleine Hütten standen, eine Menge Kähne ins Wasser
stiessen und von nackten Negern auf die Stelle zu hingeschaufelt wurden,
an der wir uns befanden. Wir stiegen nun auch den Strand hinab, der
jetzt beim niedrigsten Wasserstande des Bénuē sehr breit war, und
bald waren wir den _Bassa_ gegenüber. Diese schienen sehr erstaunt, ein
paar Weisse vor sich zu sehen, denn hatten sie jemals welche gesehen, so
waren diese den Bénuē _herauf_ in eigenen Schiffen gekommen. Anfangs
schienen sie uns sogar für Fulbe, die ihre erbittertsten Feinde sind, zu
halten. Nachdem aber die uns begleitenden Neger ihnen die Versicherung
gegeben hatten, dass wir diesem Stamme nicht angehörten, überdies keine
Mohammedaner wären, sondern _Nassara_ (Christen, mein mohammedanischer
_Diener Hammed_ liess es sich ganz gern gefallen, hier als Christ mit
zu passiren), wollten sie sich sogleich ohne Weiteres unseres Elfenbeins
bemächtigen, sowie des Gepäckes, um dieses und uns in die ausgehöhlten
Baumstämme (ihre Kähne) zu werfen. So, dachte ich indess, geht das
nicht. Die Menschen sind überall dieselben, und wenn man in Italien oder
im Oriente nicht wohl daran thut, sich, ohne zu parlarmentiren, in die
Hände des dienenden Publikums zu geben, so glaubte ich auch hier vorerst
dingen zu müssen. Wir rissen ihnen also unsere Habe wieder aus den
Händen, und ich machte ihnen begreiflich, dass sie mir zunächst den
Preis für das Uebersetzen sagen müssten. Zu dem Ende legte ich 100
Muscheln (Kauris) auf den Boden und fragte durch Zeichen, wie viel sie
solcher hundert haben wollten? Nach langem Streiten und Handeln wurden
wir dann handelseins über 4000 Muscheln, was allerdings theuer genug
war, wenn man bedenkt, dass es sich blos ums Uebersetzen handelte, 4000
Muscheln aber den Werth von einem Maria-Theresia-Thaler repräsentiren.
Die anderen Neger, welche, wie ich gehofft hatte, uns bis nach _Loko_
begleiten würden, erklärten dann, dass sie zurück müssten, um noch vor
der grossen Hitze Udéni zu erreichen. Nachdem sie uns dann in die
Baumstämme geholfen, die so klein waren, dass kaum zwei Mann darin Platz
hatten, und wir desshalb mehrerer bedurften, nahmen sie Abschied, wir
stiessen vom Lande und wurden von den Bassa rasch nach ihrer Insel
hinüber geschaufelt.
Die Ankunft von Fremden ist auf solchen Plätzen immer ein Ereigniss,
wenigstens des Morgens früh, wo Alles eben vom Schlafe erwacht und noch
nicht der Arbeit nachgegangen ist. Als wir landeten, hatte sich ein
zahlreiches Publikum versammelt, das vielleicht noch aussergewöhnlich
vergrössert war, weil man längst gesehen hatte, dass zwei Weisse die
Fremden seien. Wie besorgt ich nun auch anfangs war, mich so ganz ohne
irgend eine Stütze unter den Bassa zu befinden, von denen die anderen
dem Fulbe des Reiches Sókoto unterworfenen Negerstämme mir nicht
schlecht genug zu sprechen wussten, so legte sich doch meine Besorgniss,
da ich bald sah, dass alles Böse, was man von ihnen gesagt hatte,
Uebertreibung sei. Obgleich von Hunderten dieser Leute umringt, die sich
so dicht wie möglich an uns herandrängten, uns befühlten und befragten,
und sich dann wunderten, dass wir nicht in ihrer Sprache zu antworten
vermochten, that man uns nichts zu Leide, sondern wir wurden einfach in
einen von mehreren Hütten gebildeten Hofraum gedrängt. Man gab uns zu
verstehen, dass wir uns setzen möchten. Nachdem uns dann eine recht nett
aussehende alte Negerin ein Gefäss voll warmer Suppe gebracht hatte,
fragte man uns durch Zeichen und Laute, ob wir denn gar keine der dort
üblichen Sprachen verständen, und nach einander nannten sie eine Menge
Sprachen als: _Fulfulde, Berbertji, Arabtji, Haussa, Nupe_ etc. Ich
glaubte nun zu verstehen, dass unter ihnen Individuen wären, die eine
dieser Sprachen verständen, und erwiderte sogleich _Arabtji,
Berbertji_. Unter letzterem Worte bezeichnen nämlich alle diese
Negerstämme die _Bewohner_ und _Sprache_ von _Bornu_ (--das Kanúri--).
Die Bassa schienen eben so froh zu sein wie ich, als ich Berbertji
antwortete; es wurde gleich darauf einer fortgeschickt, der dann mit
einem Andern zurückkam, welcher uns schon von Weitem sein La-Le-La-Le,
ke l'áfia-lē ṅda tégē etc.: "Sei gegrüsst; Friede; _wie
befindet sich deine Haut_" etc. entgegenrief.
Fand er sich im Anfange etwas getäuscht, dass ich nicht so fliessend zu
antworten vermochte, als er sich wohl gedacht hatte, so sah er doch
schnell ein, dass es sein Vortheil sei, uns zu Freunden zu behalten, und
ich meine gar, er sagte den Bassa, dass wir wirkliche _Kanúri_ vom
Tsad-See seien, was sie indess nicht glauben wollten, sondern ihm
entgegneten, wir wären _Inglese_ und Vettern von den beiden weissen
Christen in Lokója (--der bekannten von Dr. Baikie gegründeten Station
an der Mündung des Bénuē in den Niger--). Er selbst war gerade nicht
von Bornu, sondern von einer im Reiche Sókoto gegründeten Colonie Namens
_Lafia-Bere-Bere_. Er sagte mir dann, dass man eine Hütte für uns in
Stand setze, und dass der König der Insel mir einen Besuch machen würde,
den ich später zu erwidern hätte.
Unterdessen nahm ich die Gelegenheit wahr, mich etwas umzusehen. Unser
Kanúri erzählte mir, dass die Bassa auf Loko hauptsächlich von der
_Fähre_ lebten, da hier ein _Hauptübergang_ sei; bei Hochwasser sei die
ganze Insel, welche jetzt etwa 16 Fuss über dem Wasserspiegel lag,
überschwemmt, und die meisten Leute zögen sieh dann aufs linke Ufer
zurück, während nur die zur Besorgung der Fähre unumgänglich notwendigen
jungen Leute in hohen _auf Pfählen_ ruhenden Hütten zurückblieben. Die
Bassa-Neger wohnten früher alle auf dem rechten Bénuē-Ufer, wurden
aber von den Fellata, ihren fanatischen Feinden, zurückgedrängt, so dass
nur noch einige wenige Plätze von ihnen am rechten Ufer behauptet
werden. Die Bassa sind mit den _Afo-_ und _Koto-Negern_ eng verwandt und
scheinen sanfter Natur zu sein; sie nähren sich hauptsächlich von
Fischen, die der Bénuē ausgezeichnet und in unglaublicher Menge
liefert. Dem Aeussern nach sind sie _echte Neger_, ohne doch dabei
hässlich zu sein. In der Jugend gehen beide Geschlechter nackt, und
unter den Erwachsenen haben die ärmeren Leute höchstens ein Schurzfell
um die Hüften geschlagen. Eigenthümlich ist die _Art ihrer Begrüssung_,
indem sie den Vorderarm der Länge nach an einander legen, derart, dass
einer dem andern den Ellenbogen umfasst. Sie sind wie die Afo-Neger
_Fetischdiener_, ohne jedoch einen so ausgeprägten Penatendienst wie
jene zu haben.
Endlich war die kleine runde Hüte, welche man provisorisch aus Matten
aufgeführt hatte, fertig, so dass wir einziehen konnten. Kaum hatten wir
uns niedergelassen, als der _Galadima_ oder _König_ der Insel kam. Er
besah Alles, that viele Fragen mittels des Kanúri und sagte, er würde
nach einem _Araber_ als Dolmetscher senden. Im Ganzen benahm er sich
recht anständig. Als er sich entfernt hatte, war meine erste Sorge, ein
Schiff zu miethen nach _Imaha_ (wird auch von den Arabern und
Soko-Negern _Um-Aischa_ genannt), einem Orte, der drei Tagereisen
unterhalb am Bénuē liegt und wohin wir zunächst mussten. Das war
keineswegs leicht, nicht etwa desshalb, weil die Leute zu hohe Preise
forderten,--sie verlangten, ich glaube, 10,000 Muscheln, was mit den
4000 fürs blosse Uebersetzen also in gar keinem Verhältnisse
stand,--sondern weil wir gar kein _baares Geld, d.h. Muscheln_, mehr
hatten. Ich versprach ihnen, in Imaha zu zahlen, wo ich einen Burnus,
das letzte Stück, was mir von meinen Waaren geblieben war, zu verkaufen
gedachte. Aber kein Mensch wollte Credit geben; es blieb uns also nichts
Anderes übrig, als alle Kleidungsstücke, die wir entbehren konnten, zu
verkaufen, um so die Summe zu Stande zu bringen. Indem wir uns auf das
Notwendigste beschränkten, gelang es uns 8000 Muscheln zusammen zu
bekommen, und indem wir gleich im Voraus baar bezahlten, konnten wir von
den 10,000 Muscheln 2000 abdingen.
Nachdem dies in Ordnung war, machte ich dem Könige meine Aufwartung. Er
mochte wohl ein hübsches Geschenk erwartet haben, ich konnte ihm aber
blos einige kleine einheimische Baumwollentücher geben, mit denen sich
in Haussa die Weiber bekleiden. Damit gab er sich zufrieden, weil er
selbst vorher gesehen hatte, dass wir gar nichts mehr besassen. Er
machte dann die freundschaftlichsten Versicherungen, und meinte, _er
wünsche nichts so sehr, als mit den Engländern direct in
Handelsverbindung zu treten_. Ja, als ich zu Hause kam, sandte er mir
sogar ein Gegengeschenk: ein Huhn, trockne Fische, _Madidi_, d.h. eine
Art Kleister in Bananenblätter gewickelt, und 1500 Muscheln baar.
Denselben Tag konnten wir natürlich nicht an die Abreise denken, und es
war auch gut, dass wir blieben. Denn am Abend kündigte sich die
Regenzeit mit einem solchen Tornado (Orkan) an, dass ich fest glaubte,
es sei ein Erdbeben damit verbunden. Da das Unwetter gegen
Sonnenuntergang hereinbrach, also um eine Stunde, da alle Leute ihren
Topf auf dem Feuer hatten, so kann man denken, wie sehr die Weiber sich
beeilten, die Feuerstellen zuzudecken. Die Windstösse waren so heftig,
dass in einem Nu mehrere Hütten weggeführt und Gott weiss wohin geweht
wurden. Glücklicherweise lag unsere Hütte zwischen anderen so geschützt,
dass wir nicht zu fürchten brauchten, fortgeweht zu werden. Das hinderte
aber nicht, dass, als die Wolken an zu brechen fingen, Ströme Wassers
von oben und unten hereinflutheten, so dass wir in einem Augenblicke
durchnässt waren. Es ist gut, dass dergleichen Unwetter in der heissen
Zone nie lange anhalten; nach einigen Stunden hatten wir einen
vollkommen sternhellen und unumwölkten Himmel, und am andern Morgen
tauchte die Sonne wie neu aus dem Bénuē, dessen früher staubige,
dunkelbuschige Ufer jetzt durch den Regen rein gewaschen waren und wie
im Frühlingsgrün prangten. Bei uns in Europa hat man keine Idee davon,
wie rasch belebend der erste Regen auf die todte Natur einwirkt. Schon
nach einigen Tagen sprosst Alles neu und frisch aus dem Boden, welcher
sich wie durch Zauber in einen grünen Teppich voll bunter Blumen
umwandelt. Und sobald die Pflanzenwelt erwacht, thut es nicht minder die
kleine Thierwelt; Schmetterlinge und Käfer, die man sonst nur in
Thälern, wo immer fliessende Bäche und Rinnsale rieseln, bemerkt,
treiben sich nun überall umher.
* * * * *
Am andern Morgen endlich nahmen wir von unseren Bassa-Freunden in Loko
Abschied und bestiegen unsern hohlen Baum. Dieser Kahn war gerade gross
genug, um uns beherbergen zu können; nur Ein Neger stand auf dem
Hintertheile, um mit einer Schaufel das schnell stromabwärts treibende
Schiffchen zu lenken. In seinem Munde hatte er eine lange Pfeife, die
bis auf den Boden ging und nur von Zeit zu Zeit fortgelegt wurde, wenn
die Lenkung des Schiffes vielleicht mehr Aufmerksamkeit wie gewöhnlich
erheischte. Wenn uns ein anderer Kahn begegnete, dann wurde sicher
beigelegt, um einige Züge gemeinschaftlich zu schmauchen. Die meisten
hatten sogar ein kleines Feuer in einem irdenen Topfe auf dem
Vordertheile des Kahnes brennen, theils um Fische im Rauche des Feuers
vor Fäulniss zu bewahren, theils um die Pfeifen anzünden zu können.
Es ist die Sitte des Rauchens hier bemerkenswerth genug; während z. B.
in ganz Nordcentralafrika, Uadai, Bornu, Haussa, Bambara etc. überall
Taback gezogen wird, verwenden die dortigen Einwohner dies Kraut _nur
zum Kauen_, indem sie es pulverisirt mit Natron mischen, zuweilen auch
zum _Schnupfen_; erst in der Nähe des Bénuē wird das Rauchen
allgemein.
An Abwechselung fehlt es bei dieser Fahrt natürlich nicht; zahlreiche
Herden von Flusspferden, Haufen fauler Kaimans, die sich auf den
Sandbänken sonnten, fliegende Fische, die unser Fahrzeug umgaukelten, in
den dichtbelaubten Bäumen am Ufer Herden von Affen aller Art, die
neugierig auf uns herunterschielten,--hier und da, und dies meist am
linken Ufer, ein Negerdorf. Auch sah ich die mannigfaltigsten
Vorkehrungen zum Fischfange; sie nahmen sich fast wie grosse Vogelbauer
aus und standen überall an seichten Stellen im Bénuē. Die Zeit wurde
mir nicht lang. Nachts legten wir bei einer Sandbank inmitten im Strome
bei, unterhielten aber immer Feuer, damit die gefrässigen Kaimans nicht
zu nahe herankämen. Am dritten Tage endlich waren wir im Angesichte
_Imaha's_, wo wir bei Sultan _Schimmegē_, einem Freunde des
verstorbenen Dr. Baikie, die freundlichste Aufnahme fanden.
Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern.
Obgleich staatliche Einrichtungen unter den Negern des nördlichen
Centralafrikas fast fehlen, so findet man doch bei den Tebu feste
gesellschaftliche Einrichtungen, so wenig sie dieselben ausgebildet
haben mögen. Von allen Wüstenbewohnern sind sie die einzigen, welche
eine stabile monarchische Regierungsform haben, obschon mit sehr
beschränkter Gewalt; die Tebu bilden gewissermassen den Uebergang zu der
despotischen Staatsform der grossen Negerreiche nördlich vom Aequator
und jenen freien, unabhängigen Stämmen, welche als Tuareg-, Araber- und
Berber-Triben südlich vom grossen Atlas theils nomadisiren, theils feste
Wohnsitze haben.
Die Tebu haben die eigentliche Mitte der Sahara inne: Tibesti, Borgu,
Uadzánga, Kauar und einige andere kleine Oasen sind ihre Domänen, im
Süden aber dehnen sie sich durch Kanem hin bis an das Ostufer des
Tsad-Sees aus und reichen fast bis Bagirmi hinab. Sesshaft in kleinen
Ortschaften, von denen die grösste wohl kaum tausend Einwohner erreicht,
sind sie dennoch ein wanderlustiges Volk, und ein erwachsener Tebu-Mann
verbringt die Hälfte seines Lebens auf den oft unsichtbaren Pfaden der
endlosen Wüste, oder in den Steppen und Wäldern, welche die Sahara von
den eigentlichen fruchtbaren Ländern Innerafrikas trennen.
Die Tebu haben Könige, welche in gewissen Familien erblich sind, und
zwar folgt die Herrscherwürde nicht auf den jedesmaligen Sohn, sondern
auf das älteste männliche Glied der ganzen Familie. Der König heisst
"derde" (Barth: dirdë bus), jedoch hört man ebenso oft den
Kanúri-Ausdruck "mai". Für Erbprinz, obgleich das nicht der Sohn ist, er
müsste denn ausnahmsweise der zunächstkommende männliche Sprössling
sein, haben sie den besonderen Ausdruck "derde kotiheki"; die übrigen
männlichen Mitglieder haben schlechtweg den Namen Prinzen "maina". Die
Königin hat den Titel "derde-ádebi".
Da bei den Tebu weder Heere noch sonstige Staatseinrichtungen existiren,
so haben sie auch für die verschiedenen Beamten und Chargen, welche
damit verknüpft sind, keine Namen. Indess nennen sie den Oberanführer
einer Truppe "bui-hento", einen Unterbefehlshaber "esé-gede-bento". Auch
für Unterhändler oder Gesandten haben sie den besonderen Ausdruck
"iári-kekéntere". Ihre religiösen Beamten haben mit der Religion von den
mohammedanischen Arabern ihre Namen in die Teda-Sprache mit hinüber
genommen. Als besonders muss noch erwähnt werden, dass die Tebu einen
eigenen Ausdruck für den Schatzmeister haben, oder denjenigen, welcher
bei den Grossen die Ausgaben verrechnet, er heisst "rezi ukil-benoa".
Mit dem eigentlichen Schatze oder mit dem Gelde hat er indess nichts zu
thun, denn dies vergraben die Grossen und Reichen eigenhändig, und sind
viel zu besorgt und misstrauisch, um den Platz, der meist weit weg von
der Wohnung auf einer nicht frequentirten Hammada liegt, auch nur eine
zweite Person wissen zu lassen.
So einfach wir nun auch die Tebu-Einrichtungen finden, um so
complicirter zeigen sich die der ihnen nahe verwandten Stammesvölker,
der Kanúri oder Bewohner von Bornu. Diese und mit ihnen die Höfe der
Pullo-Dynastien, an der Spitze Sókoto, haben offenbar Einrichtungen,
welche von allen Negerstaaten am meisten denen der gesitteten Völker
nahe kommen. Dass mit der Einführung des Islam eine bedeutende Aenderung
vor sich gegangen ist, lässt sich aber auch nicht wegleugnen. Während
z.B. früher in Bornu der Fürst, der den Titel "mai" hat, sich nicht
einmal seinen Grossen zeigte und stets hinter einem Vorhange sprach, ist
derselbe jetzt öffentlich sichtbar für Jedermann, spricht sogar in
gewissen Fällen selbst Recht. Trotzdem hat sich in naheliegenden
Ländern, wie in Bagirmi, Mándara und anderen die Sitte erhalten, dass
die Grossen, wenn sie mit dem Könige reden, ihm den Rücken zuwenden,
zum wenigsten müssen sie das Antlitz abwenden. Ja in Kuka selbst gehört
es noch zum guten Ton, mit abgewandtem Gesicht den "mai" anzureden.
Sehr einflussreiche Stellungen in Bornu haben die jedesmalige Mutter des
niai, welche den Titel "magéra" führt, und auf die politischen
Verhandlungen influenzirt, dann diejenige Frau, welche legitim
verheirathet das Glück hat, den ersten männlichen Erben zur Welt zu
bringen; diese heisst "gúmsu". Sie ist zugleich Leiterin des ganzen
Harem, der in einem so grossen und mächtigen Staate wie Bornu jedenfalls
nicht kleiner ist als der des Beherrschers der Hohen Pforte, und somit
zu zahlreichen Intriguen und Ränken Gelegenheit giebt.
Seit dem Sturze der Sefua-Dynastie durch die Familie der Kanemiýn hat
man angefangen eine directe Nachfolge einzuführen, obwohl der
mohammedanische Glaube, der in Bornu am Hofe verbreitet ist, immer
befürchten lassen muss, dass Ausschreitungen vorkommen. Der Thronfolger
hat den Titel "y'eri-ma"[6] (nicht tata mai kura, wie Barth sagt, was
blos ältester Sohn des Königs heisst, auch nicht tsiro-ma).
Die einflussreichste Persönlichkeit am Hofe von Bornu ist dann zunächst
der Dig-ma, was Barth durch Minister des Innern übersetzt hat. Dieses
ist aber noch viel zu wenig: der Dig-ma ist Minister des Inneren, des
Aeusseren, Ministerpräsident, kurz er vereinigt nach unseren Begriffen
das ganze Ministerium in seiner Person. Natürlich sind in einem Lande,
wo alle Geschäfte und Beziehungen fast mündlich gemacht werden, diese
der Art, dass Ein Mann ausreicht, um dieselben abzuwickeln. Uebrigens
hat der Dig-ma auch seine Gehülfen, von denen der Erste den Titel
"ardžino-ma" führt.
Mehr für das eigentliche Hauswesen, besonders für die intimen
Angelegenheiten des Sultans dient der Oberste der Eunuchen, "mistra-ma".
Gewöhnlich gelangen diese zu grossen Reichthümern, da um irgend eine
Gunst vom Sultan zu bekommen, alle Beamten bestochen werden müssen und
hauptsächlich der mistra-ma. Der Sultan verzeiht überhaupt den Eunuchen
und dem Eunuchenobersten ihre Reichthümer, da er nach ihrem Tode so wie
so ihr Erbe ist. Man glaube indess ja nicht, dass diese unglücklichen
Geschöpfe darauf verzichten, als Männer gelten zu wollen; nicht nur,
dass sie stolz und reichgeschmückt die wildesten Pferde besteigen und
Waffen tragen, halten sie sich auch ihr Weiberharem, und der Mistra-ma
hat sicher ein ebenso grosses Harem wie der Dig-ma. Mit dem Mistra-ma,
jedoch lange nicht eine so wichtige Persönlichkeit, rangirt der
Oberaufseher der königlichen Sklaven, welche in der Regel in einer
Anzahl, die zwischen 3--4000 Köpfen schwankt, vorhanden sind; sein
Titel ist "mar-ma-kullo-be".
Als sonstige Aemter, die mehr oder weniger die Person des Sultans
betreffen, finden wir noch den Mainta oder Oberverpfleger. Wenn man
weiss, wie gross die täglichen Einnahmen des Mai an Korn, Fleisch,
Butter, Honig, Geflügel und anderen Victualien sind, und wenn man
andererseits einen Einblick gethan hat, welche Menge von Lebensmitteln
alle Tage in die Küche des Königs geliefert werden muss, um die
homerischen Schüsseln für den eigenen Haushalt, für den königlichen Rath
und für die zahlreichen Fremden, welche als Gäste des Mai aus der
königlichen Küche gespeist werden, zu füllen, so wird man sich gestehen,
dass das Amt desselben kein unwichtiges ist. Der Mainta hat zugleich die
Aufsicht über Küche und Köche. Weniger bedeutend ist die Function des
Sintel-ma oder Mundschenks. In einem Staate, wo Wein- oder Biertrinken
für ein Verbrechen gilt, lässt sich das leicht erklären. In Bornu
besteht die ganze Thätigkeit des Sintel-ma, seitdem der Islam als
Staatskirche proclamirt worden ist, darin, dem Mai die Trinkschale mit
Wasser oder eine Tasse Kaffee oder Thee zu präsentiren. Vor dem Essen
und nachher hat derselbe ebenfalls das Waschbecken zu bringen, worin der
Mai seine Hände abspült.
Das Heer in Bornu ist in drei grosse Abtheilungen getheilt: Reiter,
Infanterie, welche zum Theil mit Flinten bewaffnet ist, zum Theil mit
Pfeil und Bogen, und die Schangermangerabtheilung; alle führen
ausserdem Spiesse und Säbel, die Cavallerie aber nur letztere Waffen.
Was die Schangermangerabtheilung betrifft, so ist dies eine Art Garde du
corps; ihre Waffe ist ein Wurfeisen von der Länge von zwei Fuss und mit
sichelartigen, geschärften Widerhaken versehen, Der Reiteroberst hat den
Titel "katšélla-blel", der Infanterieoberst heisst
"katš élla-ṅbursa", der Schangermangeroberst "yálla-ma". Die
übrigen Offiziere haben schlechtweg den Titel "katsélla", die
Hülfsoffiziere oder Adjutanten heissen "kre-ma".
Als besonders wichtig müssen die Commandanten zweier Städte
hervorgehoben weiden, der von Ngórnu und der von Yo. Hauptsächlich haben
diese wohl deshalb einen besondern Titel, weil der Mai manchmal ausser
in Kuka auch in diesen Städten seine Residenz hat. Der Statthalter von
Ngórnu heisst "fugu-ma", der von Yo hat den Namen "kasal-ma". Alle
Vorsteher der übrigen Ortschaften haben den gemeinsamen Titel
"billa-ma", und nach Barth auch "tš i-ma", während Koello letzteres
Wort mit Abgabensammler übersetzt.
Alle Söhne und männlichen Nächsten des Mai, die obersten Befehlshaber
des Heeres, der Dig-ma, der Eunuchenoberst, endlich die "kognáua" (pl.
von kógna) versammeln sich alle Tage im Gebäude des Mai und bilden den
grossen Rath, nókna genannt. Natürlich vom Mai in eigener Person
präsidirt, ist die Stimme des Einzelnen ihm gegenüber ohne alles
Gewicht. Der Mai betritt unter Trommelschlag und Musik den Saal erst,
wenn Alle versammelt sind, ein "kingaiam" oder Herold kündet seine
Ankunft an, wobei die ganze Versammlung sich erhebt, und sich erst
wieder setzt, nachdem er selbst Platz genommen hat. Gewissermassen haben
die Kognáua höheren Rang als die Befehlshaber der Armee und der Dig-ma,
denn erstere dürfen bedeckt bleiben vor dem Mai, während letztere und
auch der Mistra-ma nur mit blossem Haupte erscheinen dürfen. An Macht,
Reichthum und Einfluss sind jedoch der Dig-ma und Mistra-ma die ersten
nach dem Mai. Religiöse Würden sind nur die bei den Arabern üblichen,
und ihr Name ist mit geringer Abweichung auch arabisch.
Obgleich Barth behauptet, dass die Communalverfassungen in dem grossen
Fulbe-Reiche sehr unentwickelt seien, so kann ich doch für die Reiche,
welche ich Gelegenheit zu durchreisen hatte, aussagen, dass ich im Jahre
1867 die Einrichtungen der Staaten Bautš i, Keffi-abd-es-Zenga und
Nupe ebenso entwickelt fand wie die von Bornu, möglich auch, dass seit
der Zeit schon eine Umwandlung vor sich gegangen war, oder in den
nördlichen Staaten, welche Barth auf seiner ruhmvollen Reise nach
Timbuktu durchzog, die Einrichtungen nicht so scharf ausgeprägt waren.
Das grosse Pullo-Reich Zókoto zerfällt in viele Staaten, die alle mehr
oder weniger unabhängig von der Hauptregierung sind, aber dennoch alle
den Kaiser von Zókoto, der "bába-n-serki" heisst, anerkennen und ihm
jährlichen Tribut zahlen. Der Bába-n-serki gilt ihnen nicht allein als
weltlicher Regent, sondern ist auch geistiges Oberhaupt und führt als
solcher den arabischen Titel "hákem-el-mumenin" oder Beherrscher der
Gläubigen.
Im Lande Bautš i, von den Arabern Jacóba (auch Vogel und v. Beurmann
nennen die Stadt so, der eigentliche Name ist indess Bautš i) genannt,
steht an der Spitze der Regierung ein König, "lámedo" genannt. Obgleich
unumschränkter Herrscher, hat er doch mit vielen unterworfenen Stämmen
eine Art Vertrag machen müssen, durch welchen die Abgaben, welche zu
entrichten sind, fest bestimmt wurden, und, was sehr wichtig ist,
gleichzeitig festgesetzt wurde, dass von ihm im eigenen Lande keine
Sklavenraubzüge ausgeführt werden dürfen. Der Lámedo hält alle Tage
offene Gerichtssitzung, in der er selbst jede Partei verhört und
aburtheilt.