gewöhnliche Residenzstadt von Bornu. Sie liegt ungefähr dem 13° nördl.
Br. und dem 32-1/2° östl. Länge v. F., etwa zwei Stunden vom Westrande
des Tsadsees, und ist umgeben von einer ungeheuern steinlosen Ebene.
Diese ist zum grössten Theile mit dichter Waldung bedeckt, welche
hauptsächlich aus Tamarinden, Mimosen, Hadjilidj (Balanites
aegyptiacus), Korna (Rhannus lotus) und Dumpalmen besteht. Blos in
unmittelbarer Nähe der Stadt haben die Bäume für die Culturen Platz
machen müssen, und zur Regenzeit sind die Stadtmauern von zwanzig Fuss
hohen _Argum-moro_- (Pennisetum distichum) und _Ngáfoli_- (Sorghum)
Feldern umgeben. Allmälig aber, und namentlich gegen das Ende der
Regenzeit, wird das ganze umliegende Land Ein Sumpf, und bei
anhaltendem Regen steigt der Tsad-See oft so hoch, dass er mit der
ganzen umliegenden Gegend Einen Morast ausmacht. Aber auch in Kuka
selber ist dann Alles unter Wasser, und die grosse breite Strasse,
welche die Stadt der ganzen Länge nach durchschneidet, von den Kukaern
"_Dendal_", d.h. Promenade genannt oder, wie Barth übersetzte,
"Königsstrasse", ist dann Ein Wasserbecken von meist 1 bis 1-1/2 Fuss
Tiefe.
Die Stadt Kuka, so genannt, weil der Gründer Mohammed-el-Kánemi im Jahre
1814, als er die Stadt anlegte, dort, wo er das erste Haus hinbaute,
eine "Kuka" oder Adansonia digitata fand, besteht aus drei Theilen: der
Weststadt _Billa fute be_, der Mittelstadt und der Oststadt _Billa gede
be_.[4] Die Ost- und Weststadt sind mit hohen und guten Mauern aus
gehärtetem Thon umgeben und derart aufgeführt, dass man von Innen bequem
durch Treppen überall bis nach oben hinaufsteigen kann, während die
Aussenwand fast ganz steil abläuft. Die Richtung der Stadt ist, da die
beiden ummauerten West- und Osttheile fast rechtwinkelige Vierecke
bilden, beinahe von Osten nach Westen.
An öffentlichen Gebäuden besitzt natürlich eine Stadt wie Kuka, deren
Baumaterial blos Thon ist, nichts Bemerkenswerthes. Der jetzige Sultan,
Scheich Omar, der bei den Kanúri den Titel _Mai_, d.h. König, führt,
residirt in der Oststadt, wo er drei sehr grosse, geräumige Wohnungen
hat, die ebenfalls aus Thon gebaut sind und die von ihm abwechselnd
bewohnt werden; in den inneren Hofräumen sind ausserdem eine Menge
kleiner, birnenförmiger Hütten aus Stroh, für die Weiber und Sklaven.
Dicht dabei befindet sich auch eine grosse Moschee, die ebenfalls aus
Erdklumpen errichtet ist; in dieser wird Freitags das Chotbah-Gebet, dem
der Mai immer im grössten Pompe beiwohnt, abgehalten. In seiner
Hauptwohnung befinden sich auch die Grabmonumente seines Vaters
Mohammed-el-Kánemi, welcher die jetzige Dynastie der Kanemin gründete,
nachdem die der _Séfua_, welche von etwa 900 Jahren nach Christi Geburt
bis zu Anfang unseres Jahrhunderts den Thron innehatten, durch ihn vom
Throne gestürzt war. Seinen Bruder Abd-er-Rahman liess er zur Zeit, als
Barth und Vogel in Bornu waren, als Empörer and Usurpator erdrosseln.
Das Grab des Letztern ist äusserst prächtig und gleicht in dieser
Beziehung ganz denen der marokkanischen Kaiser in Mikenes und Fes. Eine
andere sehr grossartig angelegte Moschee hat man nicht vollenden können,
und so ist sie, ohne Dachschutz, schon wieder ganz zerregnet. In der
Weststadt hat der Mai auch eine sehr grosse Wohnung, welche früher
hauptsächlich seinem Vater zum Aufenthalte diente; neben ihr befindet
sich ebenfalls eine grosse Moschee, welche gut erhalten ist und in der
auch des Freitags Chotbah gelesen wird. Der jetzige Sultan residirt
indess nur in einzelnen Fällen in der Weststadt und dann immer nur auf
einige Tage. In der Weststadt liegt ferner das Christenhaus _Fato
ṅssara be_, welches allen europäischen Reisenden, von Barth und
Overweg an, als Absteigequartier gedient hat.
In beiden Städten und auch in dem grossen nicht ummauerten Stadttheile
giebt es ausserdem eine Menge grosser viereckiger Thongebäude, und zwar
in der Oststadt die der Prinzen, der Grossen und Beamten, während in der
Weststadt mehr die Kaufleute, die hier aus allen Theilen der bekannten
afrikanischen Länder zusammenströmen, ihre Wohnungen und Niederlassungen
haben. Das eigentliche Haus des Volkes ist indess die kleine
_bienenkorbförmige Strohhüte_, die gewöhnlich oben mit einem Straussenei
oder mehreren geschmückt ist, _Ngim_ genannt, und die, wenn mehrere
zusammen von einer thönernen Befriedigung umgeben sind, den Namen
_Fato_, Wohnung, haben.
_Die Bevölkerung_ einer Stadt, die als _Hauptmittelpunkt des Handels von
Innerafrika_ gilt, muss natürlich eine sehr gemischte sein; am meisten
vertreten sind indess die _Kanúri_ oder eigentlichen Bornubewohner, dann
die _Leute aus Kanem_, einem Lande, welches nördlich vom Tsad liegt,
endlich die _Teda_ oder _Tebu_, die zum Theil in Bornu selbst ansässig
sind, zum Theil auch aus den ihnen zugehörenden Ländern kommen. Aber
ausserdem sind die _Búdduma_ oder _Jedina_, welche die Inseln des
_Tsad_ bewohnen, die _Uandala_ aus den nördlichen Sumpfniederungen am
Rande des Mendif-Gebirges durch zahlreiche Colonien in der Hauptstadt
vertreten, sowie das _weisse_ Element durch die verschiedenen
_Túareg-Stämme_ der südlichen Sahara und durch _Araber_ und _Berber_
repräsentirt wird. Natürlich da alle diese Stämme ihre eigenen Trachten
haben, bietet dieses Völkergemisch den buntesten Anblick, den man sich
denken kann, obgleich die Hauptstadt, wie alle anderen auch, das
Eigenthümliche hat, sehr rasch alle zu absorbiren. Man sieht daher sehr
häufig alte Musguweiber mit grossen Narben in der Ober- und Unterlippe.
Denn wenn sie es auch in ihrem Vaterlande für schön hielten, in die
Lippen sich ein oft mehrere Zoll grosses Stück Holz oder eine
Kürbisschale einzuschieben, so schämen sie sich doch dieses Schmuckes,
sobald sie längere Zeit in der Capitale gelebt haben, der Art, dass sie
die grossen Löcher nach Herausnahme des Tellers durch Wundmachen der
Ränder zu vernarben suchen. Ebenso gehen vielleicht die Gebirgsbewohner
südlich von Uandala eine Zeit lang ganz nackt, wie in ihrer Heimath, wo
ihre ganze Kleidung in dem Blatte irgend einer Feigenart besteht,
welches sie vorn an ihrem Gürtel befestigen; aber bald erwacht das
Schamgefühl, oder vielmehr die Eitelkeit, es den Anderen gleichzuthun,
und sie suchen sich mit irgend einer Art Kleidungsstück zu bedecken.
Kuka ist eine _Grossstadt_ und gleicht in manchen Beziehungen unseren
europäischen Hauptstädten. Morgens früh, d.h. um 6 Uhr, sieht man die
eigentlichen Kukabewohner noch gar nicht, Alles schläft noch. Indess
kommen schon vom Lande, dessen Bewohner sich lange vor Sonnenaufgang auf
den Weg machen, um die Stadt bei Zeiten zu erreichen, die Bauern mit
Vieh, Butter, Fischen, Korn, Obst und Gemüsen. Laut ihre Waaren
ausbietend, durchziehen sie die Strassen, und nun erheben sich die
Frauen Kukas, um für den täglichen Bedarf einzukaufen. Zuerst wird aber
sorgfältig die Hütte und der Hofraum ausgekehrt, und dann macht jede
ihre Toilette am Brunnen, der fast bei keinem Hause fehlt. Denn so eitel
die Kanúrifrauen auch sind, so reinlich sind sie andererseits. Die
Männer, welche ein Handwerk treiben gehen nun ebenfalls ans Geschäft,
nachdem sie zuvor jedoch ein frugales Frühstück eingenommen haben,
welches in der Regel aus Negerhirsebrei mit einer stark gepfefferten
Adansonienblattsauce besteht. Selten wird des Morgens Fleisch genossen.
Die meisten Gewerke werden wie in allen heissen Ländern unter Schoppen
in den Strassen oder auf den öffentlichen Plätzen betrieben,
Baumwollspinnereien, Indigobereitung, grosse Färbereien, um den Kattunen
die so sehr beliebte dunkelblaue Farbe zu geben, Ledergerbereien,
Klopfanstalten, in denen eine Menge junger Neger und Negerinnen
beschäftigt sind, um durch Klopfen mit einem hölzernen Hammer der Tobe
oder Kulgu Glanz zu verleihen, endlich Schuster, Schneider, Klempner,
Schmiede, Schreiner, Sattler, Schwertfeger etc., Alles arbeitet im
Freien. Die gegen Mittag eintretende Hitze gestattet aber Keinem,
länger als bis 11 Uhr den Geschäften nachzugehen.
Gegen 8 Uhr erheben sich auch die Grossen und die reichen Kaufleute.
Jene begeben sich in ein Vorgebäude oder in einen äussern Hof ihrer
Wohnung, um ihre zahlreichen Clienten zu empfangen, um Stadtneuigkeiten
zu hören und um etwaige Angelegenheiten unter den Hausangehörigen zu
ordnen, Der Kaufmann hingegen begiebt sich auf den Dendal oder auf einen
ihm zunächst liegenden Platz und tauscht hier mit Seinesgleichen
Neuigkeiten aus, oder mustert die Vorübergehenden.
Das eigentliche Leben beginnt aber um 9 Uhr; jeder Prinz, jeder Beamte,
und darunter namentlich die _Cognaua_ (Plural von _Cogna_) oder Räthe,
welche die _Rathsversammlung_ oder _Nókna_, die alle Morgen in der
Wohnung des Mai stattfindet, bilden, begeben sich mit grossem Gepränge,
von vielen Sklaven und Clienten begleitet, zur Wohnung des Sultans. Da
kommt auf einem prächtigen Berberhengste, der vielleicht mit zwanzig
Sklaven bezahlt worden ist, ein nächster Verwandter des Sultans; sein
Pferd hat einen silbernen Kopfhelm und einen reichen seidenen Ueberwurf,
der Sattel, bei den Vornehmen meist mit hohen Lehnen, wie bei den
Arabern, ist in der Regel von echtem blauen oder rothen Sammt, worauf
Arabesken von Gold gestickt sind, überzogen; eine eben so kostbare
Schabracke und Zügel aus feinen Lederstreifen zusammengeflochten,
vervollständigen das Ganze. Der Reiter trägt meist nach Art der Tuniser
Kaufleute einen Anzug aus Tuch und Seide, jedoch sind nur sehr wenige
mit einem Turban versehen, meist begnügen sie sich mit einem rothen Fes.
Und sobald er vor dem Sultan sich befindet, hat nur der Prinz von Blut
und die _Cognaua_ die Erlaubniss, den Fes aufzubehalten, alle anderen,
selbst die Generäle und Minister, müssen barhaupt und barfuss
erscheinen. Vor ihm her laufen seine Waffenträger und rufen Jedem zu,
Platz zu machen, während hinterher noch Spiessträger und ein ganzes
Gefolge von Sklaven trabt. Mit weniger grossem Aufzuge reiten die
Beamten, höheren Offiziere und Räthe, alle lieben es aber, ein so
grosses Gefolge wie möglich zu haben, jedoch darf ihr Pferd weder
Silberplatten noch Seidentroddeln tragen. Dies ist ausschliessliches
Vorrecht der königlichen Familie und vielleicht eines fremden Gesandten.
Alle diese Aufzüge gehen im schnellsten Trabe durch die Stadt. Was liegt
dem Grossen daran, ob seine hinterhertrabenden Sklaven keuchen und
husten, er kümmert sich nur um sich und achtet nur den, welcher im Range
über ihm steht. Sobald alle in den geräumigen Sälen des Fürsten
versammelt sind und sich gesetzt haben, ertönen die grosse Trommel und
mehrere Pfeifen und andere Instrumente, für die wir keinen Namen haben,
von denen eins jedoch unserm Dudelsacke gleicht und einen
clarinetartigen Ton abgiebt. Jetzt betritt, von Eunuchen umgeben, der
_Mai_ die Versammlung, und während sich die Verschnittenen zurückziehen,
nimmt er Platz auf einer Erhöhung, die mit schönen Smyrnaer Teppichen
überdeckt ist. Die ganze Versammlung, welche sich beim Eintritt des Mai
erhoben hat, lässt sich nun auch nieder, und jeder Einzelne kann dann
den Mai begrüssen, kann Beschwerden vorbringen und Gesuche einreichen;
die speciell Bevorzugten dürfen auch die Hand küssen. Dies thun indess
eigentlich nur _Schürfa_ (Abkömmling des Propheten, deren es immer eine
Menge aus Mekka und Medina kommende in Kuka giebt). Die alten _Cognaua_
haben so grosse Ehrfurcht vor ihrem Fürsten, dass sie ihm gar nicht ins
Gesicht sehen, wenn sie mit ihm reden. Und früher zur Zeit der
Sefua-Dynastie war es Gebrauch, wie das heute noch im Königreiche
Mándara Sitte ist, dass alle beim Könige Versammelten demselben den
Rücken zukehrten, um nicht vom Glanze des königlichen Antlitzes
geblendet zu werden. Der Mai allein ist bewaffnet; zur Seite hat er zwei
mit Silber beschlagene Pistolen liegen, manchmal auch noch einen
Karabiner; vor ihm liegt ein kostbares silbernes Schwert, Geschenk der
Königin Victoria[5]; alle anderen aber müssen, ehe sie die Wohnung des
Mai betreten, draussen ihre Waffen zurücklassen. Die Versammlung dauert
meist bis 11 Uhr, wo der Sultan durch seinen Rückzug das Zeichen zum
Auseinandergehen der Versammlung giebt. Ehe sie jedoch die Wohnung
verlässt, gruppiren sich drei oder vier um eine Fleischschüssel,
Geschenk des Sultans, der ihnen manchmal auch während der Versammlung
Goronüsse präsentiren lässt. Die Reste in den Schüsseln sind immer für
die Sklaven.
Sobald sich die Grossen mit ihren Gefolgen wieder in ihre Wohnungen
zurückbegeben haben, nimmt die Stadt einen todten Anstrich an. Die
grosse Hitze erlaubt um diese Zeit keine Geschäfte und Arbeit, Alles
zieht sich in die kühlsten und innersten Gemächer der Wohnung zurück,
oder sucht einen dichtschattigen Baum auf, um sich dem Schlaf, und dem
Nichtsthun hinzugeben.
Erst um 3 Uhr Nachmittags wird die Stadt wieder belebt, der _Markt_
fängt an. Ich spreche hier nicht von dem grossem Markte, der jeden
_Montag_ vor den Thoren der Weststadt abgehalten wird, sondern von dem,
der _alle Tage_ in der Stadt selbst stattfindet. Aber wenn ich sage, es
wird nur Ein Markt abgehalten, so muss man darunter nicht verstehen,
dass derselbe an nur Einem bestimmten Orte wäre, im Gegentheil, um 3 Uhr
Nachmittags ist _die ganze Stadt ein Markt_; Hauptpunkte bilden freilich
der westliche _Dendal_ der Weststadt, dann der _Ngimgsegeni-Dendal_ und
der Platz am Westthore der Oststadt.
Nur wer selbst dem Leben und Treiben in den Negerstädten mit beigewohnt
hat, kann sich einen Begriff davon machen, wie es auf diesen Märkten
hergeht. Man findet Alles, was zum Leben nöthig ist. Hier stehen grosse
lederne _Botta_, weiche Butter enthalten, die natürlich immer flüssig
ist, dort hacken die Metzger Fleisch, hier stehen Säcke mit Getreide,
dort liegen _Koltsche_ und _Ngángala Erdnüsse_, die einen
kastanienartigen Geschmack haben. Melonen, Pasteten, _Kornafrüchte_
(Lotus) und die bitteren äusserlich einer Dattel ähnlichen Früchte des
_Hadjilidj-Baums_, selbst viele andere wilde Waldfrüchte werden
ausgeboten, nicht zu vergessen die herrliche _Gunda_ oder
_Melonenbaumfrucht_, welche in den letzten Jahren aus dem Sudan ihren
Weg bis an den Tsad-See gefunden hat. Aber auch gekochte Speisen findet
man, um lodernde Feuer sieht man an kleinen hölzernen Spiessen grosse
Stücke Fleisch braten, oder auch nach Art der Araber auf Kohlen backen.
Wenn es gehackt und stark gewürzt ist und dann um Stäbchen geklebt und
über Kohlen gar gemacht wird, bezeichnen sie es als _Gúmgeni_. Dies ist
das, was die Araber _Kiftah_ nennen. Auch kleine Brötchen, für einige
Muscheln das Stück, sind zu haben, und damit ja nichts für den Gaumen
fehle, findet man eine ganze Budenreihe, wo blos _Goro-_ oder
_Kola-Nüsse_ verkauft werden. Aber wie manche arme Schlucker muss sich
mit dem blossen Anblick genügen! Die _Goro-Nuss_, die nach Kuka von der
Westgegend Afrikas _über Kano_ kommt, wird durch diesen Transport so
theuer, dass man manchmal das Stück mit 1000 Muscheln und mehr bezahlen
muss, d.h. nach unserm Gelde mit etwa 9 Silbergroschen. Die übrigen
Lebensmittel sind jedoch in Kuka so billig, dass ein Mann bequem seine
Familie einen Monat lang mit 1000 Muscheln ernähren kann.
Interessant sind die Buden, welche _europäische Artikel_ ausbieten:
Perlen, Seidenzeuge, Kattune, Spiegel, Porzellanwaaren, Nadeln, Messer,
grobes Schreibpapier und andere kleine Artikel. Namentlich in _Perlen_
findet man eine erstaunlich grosse Auswahl, und man hat berechnet, dass
die venetianischen Glasperlenfabriken für die schwarzen Damen eben so
viele Perlen fabriciren, als es die böhmischen jetzt für die weissen
Modedamen thun. Auch alle Handwerke findet man auf dem Markte vertreten,
namentlich fehlt es nicht an Pferdegeschirr und Sätteln, denn jeder auch
nur einigermassen bemittelte Mann in Kuka hat sein Reitpferd und einen
Sklaven. Trödelbuden und Kleidermagazine sind natürlich auch vorhanden,
denn wie bei uns kauft sich ein Kuka-Stutzer manchmal ein neues hübsches
Gewand, zieht es ein oder ein paarmal an und verkauft es dann dem
Trödler, nachdem er es einem neuangekommenen Araberkaufmann vorher auf
Borg abgenommen hatte.
_Sklaven_ sind ebenfalls alle Tage zu haben, jedoch von geringerer
Sorte. Man findet deren 100 oder 150 ausgestellt, während _Montags am
grossen Markttage manchmal Tausende unter den Hangars kauern._ Der
Sklavenhandel wird überhaupt en gros in den Häusern getrieben, indem es
z.B. vorkommt, dass ein reicher Kaufmann aus Tripoli oder Kairo seine
Waaren oder einen grossen Theil derselben an Einen Mann für eine gewisse
Zahl von Sklaven losschlägt, ohne dass diese auf den Markt kommen. Durch
den _grossen Aufschwung des Sklavenhandels in den letzten Jahren_ sind
die Sklaven bedeutend im Preise gestiegen; so gilt ein hübsches junges
Mädchen von 13 bis 16 Jahren bis gegen 50 oder 60 Maria-Theresia-Thaler,
ein junger Bursche durchschnittlich 20 Thaler.
Hinter den Sklaven kommt gleich der Ort, wo das Vieh verkauft wird, denn
auch Kameele, Pferde, Esel, Rindvieh, Schafe, Ziegen, Hühner etc. sind
alle Tage und zwar nach unseren Begriffen zu fabelhaft billigen Preisen
zu haben. So ersteht man eine fette Kuh für 2 Maria-Theresia-Thaler, ein
gutes Pferd für etwa 12 solcher Thaler, ein Huhn für 50 Muscheln. Man
kann aber auch alles mit Waaren kaufen, und wer z.B. europäische Artikel
hat, steht sich sehr gut dabei, da diese bedeutend höher abgeschätzt
werden, als ihr wirklicher Werth ist. Der Markt dauert bis 6 Uhr Abends,
weil dann nach Sonnenuntergang die schnell eintretende Finsterniss jedem
Austausch ein Ende macht.
Aber damit hat noch längst nicht das Leben in Kuka ein Ende. Nachdem man
vom Markte zu Haus angekommen, wird das Mittagsessen eingenommen und
dann machen sich die Leute ihre Besuche. Man giebt sich Rendezvous;
namentlich die verheiratheten Leute leben in Kuka auf einem sehr
leichtem und ungenirten Fusse. Fast jede hübsche verheirathete Frau hat
ihren Cavaliere servente, und selbst die jungen Töchter des Sultans
wussten es möglich zu machen, ihren Eunuchen zu entschlüpfen, um
Liebesabenteuer aufzusuchen. Dabei bilden sich die Kinder Abends zu
Gruppen, denn die kühlere Nachtluft gestattet jetzt Tanz und Singen;
Musikbanden durchziehen die Strassen und namentlich bei Mondschein wird
es selten vor Mitternacht ruhig in der Stadt.
Für einen Europäer würde indess bei allen materiellen Vortheilen ein
bleibender Aufenthalt in Kuka unerträglich sein. Mit Europa ist in der
Regel nur ein Mal im Jahre über Tripoli eine Verbindung; der viel nähere
Weg nach der Küste vermittelst des Bénuē und Niger ist augenblicklich
für Reisende und Warensendungen ganz verschlossen. Der einzige Artikel,
der jetzt in Masse von der Küste seinen Weg bis an den Tsad-See gefunden
hat, ist die kleine Muschel (Kauri), welche als Geld dient. Das Klima
von Kuka ist sonst trotz der Nähe des Tsad und trotz der vielen
Wasserlachen während der Regenzeit ein gesundes, weil die trockene Luft,
durch die Nähe der Sahara bedingt, eine rasche Verdunstung des Wassers
hervorbringt und so schon nach wenigen Tagen den Boden austrocknet.
Am Bénuē
Wir verliessen Nachts um 10 Uhr die Stadt Udéni, wo der Fetischdienst
von den Negern am ausgeprägtesten betrieben wird. An demselben Tage
noch, als ich Nachmittags Abschiedsaudienz beim Sultan hatte, konnte ich
mich davon überzeugen, und war Zeuge der eigenthümlichen Opfer, welche
diese Stämme ihren Götzen darbringen. War es ein wirkliches Fest, oder
war es um den Zorn der aus Thon geformten Götter zu versöhnen, weil ein
Weisser mehrere Tage in den Mauern der Stadt geweilt hatte, das konnte
ich nicht erfahren.
Die Götter sind meist aus Erde, oft auch aus Holz geformt, und bewohnen
eigene kleine Hütten. In den Gegenden am Bénuē sind es hauptsächlich
_Dodo_ und Mussa, denen man allgemeine Verehrung und Anbetung zollt. Es
giebt nämlich _Götter, die allgemein sind_, und _Privatfetische_; jeder
hat z. B. seinen eigenen Hausgötzen, ausserdem hat man _Stadtgötter_,
_Thorgötter_, Feld- and Gartengötter, Flussgötter etc.
Als ich Abends mit meinen Leuten die schmale Brücke überschritt, die
uns aus dieser Hexenstadt mit ihren Blutopfern wieder ins Freie brachte,
dauerte es lange Zeit, trotz der herrlichen Nacht, trotz der lieblichen
Gegenden, bis mir die Opfer, die ich Nachmittags im Hause des Sultans
mit angesehen hatte, wieder aus dem Sinne kamen. Immer schwebten mir im
Geiste die Bilder vor, wie unter Pauken- und Trommelschlag nackte
Sklaven Schafe, Hühner und Tauben abstachen, die irdenen Bilder mit Blut
beschmierten und dann Federn daran klebten. Aber endlich riefen die
Stille der Natur und die üppige Pflanzenwelt andere Gedanken hervor. Man
sah, dass die Nähe des Bénuē hier schon einen mächtigen Einfluss auf
die Entwickelung der Vegetation ausübte. Schweigend durchzogen wir die
Ebene, denn Nachts vermeidet man gern jedes Geräusch. Waren wir doch
überdies in einer Gegend, wo fortwährend Krieg und Ueberfälle an der
Tagesordnung sind, _auf der äussersten Grenze der Macht der Fellata oder
Pullo_ (Fulbe) _nach Süden zu_. Voran gingen zwei riesige Neger aus
Keffi-abd-es-Senga; jeder trug auf seinem Kopfe einen 3 Ellen langen, an
80 Pfund schweren Elephantenzahn. Ich hatte das Elfenbein gegen meine
Pferde ausgetauscht. Dann kam einer mit mehreren kleinen Zähnen, dann
drei Sklaven, die unser Gepäck trugen, und den Schluss machten wir
selbst.
Die Stille der Natur wurde fast durch nichts unterbrochen, nur zuweilen
hörte man von fern das Krachen der Zweige im Gebüsche, durch welches
ein unförmliches Flusspferd weidend sich den Weg brach, oder
aufgescheuchte Vögel, welche eine andere Schlafstelle suchten, flogen
kreischend davon. Mehrere Male wurde Rast gemacht, denn die
Elfenbeinträger, obwohl es schien, als ob sie nichts zu tragen hätten,
weil sie so rüstigen Schrittes vorwärts eilten, hatten doch von Zeit zu
Zeit eine Erholung nöthig. Nach einem vierstündigen raschen Dahineilen
gelangten wir plötzlich in einen dichten, hohen Wald; nur tastend
konnten wir vorwärts kommen, denn die Kronen der Bäume bildeten ein so
dichtes Dach, dass kein Stern durchfunkelte. Indess war der Pfad
ziemlich breit, aber viele im Wege liegende Baumstämme und grosse
Wurzeln machten das Weitermarschiren sehr beschwerlich. Dann wehte uns
plötzlich eine kühlere Luft an, der Weg wurde frei und vor uns lag eine
weite Ebene. Unsere Träger hielten an und legten, sich gegenseitig
helfend, das Elfenbein auf den Boden; ein Gleiches thaten die
Gepäckträger. Schon glaubten wir, es handle sich um eine blosse Rast;
als ich weiter vorwärts ging, sah ich, dass ein weiter, blanker See zu
unseren Füssen sich ausdehnte.