selbst soll sonst, was Wohnungen und Strassen anbetrifft, an der
Westküste von Afrika die schönste sein, und selbst die englische Stadt
Freetown in Sierra-Leone in dieser Beziehung übertreffen. Eine grosse
Bucht vor dem Orte gewährt den grössten Schiffen vollkommene Sicherheit,
und wir fanden mehrere hier ankern, unter andern auch Hamburger. Die
Regierung besitzt auch eine Kriegskorvette, welche ein Geschenk der
Königin von England ist. Der Handel, was Export anbetrifft, besteht
hauptsächlich in Zucker, welcher mit dem grössten Erfolg von den Negern
gebaut wird. Allein im vergangenen Jahre wurden von Liberia für 150,000
Pfund Sterling Rohzucker ausgeführt.
Wir blieben hier bis am folgenden Morgen um 10 Uhr, um den von
Liverpool ankommenden Postdampfer zu erwarten; nach dessen Eintreffen
ging es denn auch gleich weiter. Uebrigens hatten wir an Bord viel
Zuwachs bekommen, eine Menge junger schwarzer Damen, die in England ihre
Erziehung vollenden sollten, beengten die Damencajüte, während wir
selbst indess nur einen Herrn bekamen, der Vater von zweien dieser
jungen Grazien war. Es versteht sich von selbst (die Engländer sind viel
zu vernünftig, um nur im allerentferntesten den Schwindel deutscher
Stubengelehrten, welche über Raçenunterschied ellenlange gehaltlose
Abhandlungen schreiben, auch nur begreifen zu können), dass an Bord
vollkommene Gleichheit zwischen Schwarzen und Weissen herrschte, und
Herr Bull, so hiess unser schwarzer Reisegefährte, war immer einer
unserer interessantesten und genialsten Gesellschafter.
Abends und Nachts hatten wir wieder das fürchterlichste Unwetter, von
tropischen Regengüssen begleitet; erst gegen 10 Uhr Morgens zogen sich
die dicken Regenwolken etwas weiter auseinander, und gegen Mittag
konnten wir schon die hohen Berge von Sierra Leone sehen. Die Spitzen
des Gebirges, so schwer war jetzt die wasserschwangere Luft, waren
indess von einer schwarzen Wolkenschicht umhüllt, man sah nur die
unteren Partien der Halbinsel, die wie eine grosse Muschel an der Küste
von Afrika hingeworfen erscheint. Früher war es jedenfalls eine Insel
wie Fernando Po oder St. Thomas, erst später entstand durch
Anschwemmung aus den beiden Flüssen Bokelli und Kates, die ihre
Mündungen gegen einander richten, eine Verbindung mit dem Festlande.
Sierra Leone oder das Löwengebirge ist nicht blos, weil es der
bestcivilisirteste Negerstaat (an Grossartigkeit des Handels übertrifft
Freetown bei weitem Monrovia) von Tanger bis zum Cap an der Westküste
von Afrika ist, bemerkenswerth, sondern auch seine eigenthümliche
geographische Form zeichnet es vor allen aus. Freilich hat es nicht das
schöne, städtereiche und an Naturproducten ausgezeichnete Hinterland wie
Lagos, aber trotzdem wird durch seine ganz ausserordentlich
vortheilhafte Lage Sierra Leone immer Hauptsitz der Regierung bleiben.
Das Erste was sich unseren Blicken genauer präsentirte, ist ein kleiner
Leuchtthurm, auf einer Halbinsel liegend, welche selbst mit ihrem ewigen
Grün für sich ein kleines Eden bildet; gleich darauf hat man das
prachtvolle Missionsgebäude der Engländer vor sich, von üppig prangendem
Grün umgeben, und einige Schritte weiter entrollt sich die ganze Stadt
vor unseren Blicken, amphitheatralisch ans Löwengebirge hinaufgebaut.
Die vielfarbigen Häuser, meist von hochgiebeligen Dächern, was für ihr
Alter spricht, überragt, die Verschiedenartigkeit des Baustyls,
Brückenanlagen, welche über tief einschneidende Ravins führen,
grossartige Kirchen und andere öffentliche Gebäude, als: der Sitz des
Gouverneurs, verschiedene Casernen und Hospitäler, einige
Verschanzungen nach der Seeseite zu--dies Alles untermischt vom tiefen
dunklen Grün der Tropennatur, aus der hie und da die schlanken,
schaukelnden Zweige der Cocospalme in hellem Saftgrün emporschauen--dies
imposante Schauspiel sagt einem selbstredend, dass man die Hauptstadt
der englischen Besitzungen an der Westküste von Afrika vor sich hat. Im
Hintergrunde der Stadt erheben sich die schwarzen dichtbelaubten Berge,
hin und wieder leuchtet aus ihnen eine blendend weisse Villa der reichen
Europäer oder Neger hervor; auf den Gipfeln der Berge lagerten, wie wir
schon anführten, schwere dunkle Wolken. Im Vordergrunde war vor uns der
wunderherrliche Hafen, durch die Mündung des Sierra-Leone-Flusses
gebildet. Was Grösse und Sicherheit anbetrifft, sucht er seines Gleichen
an der ganzen Küste. Die grossen Schiffe aller Nationen, zwischen denen
die kleinen Canoes einen geschäftigen Verkehr, sowie mit der Stadt
etablirt hatten, brachten dem ganzen Bilde Leben bei.
Indem wir dies grossartige und doch so reizende Panorama betrachteten
und bewunderten, liess der "Calabar" mit lang dauerndem Gerassel seine
Anker fallen. Er hätte zwar noch näher ans Land gehen können, aber uns
war es so gerade lieber, weil wir, je weiter wir vom Quai lagen, um so
weniger vom Gesammtbilde verloren.
Am folgenden Tage liess ich mich aus Land rudern, um die Stadt selbst
näher in Augenschein zu nehmen. Ich hatte auch einen Empfehlungsbrief
für Herrn Rosenbusch, der, Hamburger von Geburt, als holländischer
Consul fungirt. Leider fand in der Angabe des Briefes eine Verwechselung
statt, so dass ich nicht von der allbekannten Gastlichkeit seines Hauses
profitiren konnte; indess hatte ich später den Vortheil den Herrn kennen
zu lernen, indem er am folgenden Tage mich an Bord besuchte, und
überdies die Güte hatte, mich mit neuen Büchern, unter anderen dem
ganzen letzten Jahrgang der Petermann'schen Mitteilungen zu versorgen.
Freetown oder, wie man gewöhnlich schlechtweg sagt, Sierra Leone,
obgleich letzteres eigentlich der Name der ganzen Halbinsel ist, hat
durchaus schwarze Bevölkerung, denn die wenigen Weissen, aus dem
Gouvernement, einigen Consuln und Kaufleuten bestehend, bemerkt man fast
gar nicht. Die Schwarzen, ursprünglich von freigelassenen Sklaven
herstammend, welche die Engländer den Spaniern, Portugiesen und
Nordamerikanern abkaperten, bilden die gemischteste Bevölkerung, die man
sich denken kann, und hier war es, da es Leute fast aus allen Theilen
Afrikas giebt, wo Koello seine bekannte Polyglotta zusammenstellte.
Dennoch hat die englische Sprache eine gewisse Einheit in die
Bevölkerung gebracht, indem sie, obgleich corrumpirt gesprochen, jetzt
als Medium zwischen den unter sich fremden Negerstämmen dient. Es giebt
hier zahlreiche Missionen der verschiedenen protestantischen
Bekenntnisse, auch die Katholiken haben eine Anstalt hier gegründet, und
wie man mir sagte, machte eben die letztere verhältnissmässig am
meisten Proselyten. Es ist dies auch wohl möglich, denn sobald die
Priester der römischen Religion Fanatismus and Unduldsamkeit bei Seite
legen, ist es sehr denkbar, dass dieser Gottesdienst dem augenblicklich
noch auf niedriger Culturstufe stehenden Neger eher einleuchtend ist,
als der abstracte Dinge glaubende und so zu sagen nicht handgreifliche
evangelische Gottesdienst; gerade der katholische Bilderdienst ist ja im
Grunde genommen so verwandt mit dem Fetischismus der Neger, dass er eben
desshalb eine grössere Anziehung ausüben muss. Kirchen und Schulen
fehlen natürlich in Sierra Leone nicht, und die jungen Kaufleute und
Buchführer dieser Colonie sind an der ganzen Küste gesucht und bekannt.
Es kommt auch deshalb oft genug vor, dass junge Leute, die ursprünglich
auf Kosten und Mühen der Missionen gute Bildung und Erziehung bekommen
haben, um als Pfarrer oder Lehrer zu wirken, sich von ihrem erhabenen
Beruf durch die Verlockung, einen grösseren Gehalt zu bekommen, abwendig
machen lassen, und so die Früchte einer langjährigen Arbeit für die
Missionen verloren gehen. Zum Theil mag das aber auch wohl darin liegen,
weil eben schwarze Prediger und Lehrer, pecuniär bedeutend geringer
gestellt sind als die weissen, obgleich manchmal das Wissen zu Gunsten
der ersteren sein dürfte.
Die Strassen der Stadt sind sehr gerade und ausserordentlich breit
angelegt, dennoch könnte man mehr für den Gesundheitszustand derselben
thun, wenn man die breiten, mit hohem Gras, Gebüsch und Palmen
bestandenen Ravins, welche die Stadt durchziehen und die eine Wiege
böser Ausdünstung sein müssen, verschwinden lassen würde. Zudem, da
Polizei genug vorhanden ist, brauchte man auch nicht Schweine, Schafe
und Ziegen frei auf den Strassen herumlaufen lassen. Die Häuser sind
meist, namentlich die neuen, grossartig und luftig gebaut, und benutzt
man zur Construction jetzt meist gebrannte Ziegelsteine, statt wie
früher Holz, welches letztere dem Temperaturwechsel, in der trockenen
Jahreszeit einer excessiven Hitze, in der nassen einer alles
durchdringenden Feuchtigkeit schlecht widersteht. In den Strassen wie am
Hafen herrscht ein reges Treiben, man begegnet jungen schwarzen Dandies
mit weissen Glacéhandschuhen, zu Pferde ihre Promenade machend, fast
alle haben nach neuester Mode eine Brille über dem Nasenrücken, oder
doch an einem Bändchen herunterhängen, viele haben einen Fächer; die
Damen zeigen, wie der demi monde auf den Boulevards, ihre extravaganten
Toiletten, entweder lange Schleppkleider, bei denen sie den Vortheil vor
dem europäischen beau monde haben, sich ohne grosse Kosten einen kleinen
schwarzen Pagen zum Nachtragen der Schleppe halten zu können, wesshalb
die Haken und Oesen zum Aufhängen des zu Langen in Sierra Leone auch nie
werden eingeführt werden--oder kurze Röckchen, wobei natürlich das
schwarze Beinchen durch blendend weisse Strümpfe und Schnürstiefelchen
mit chinesischem Absatz zu einem vollkommenen Pariser umgewandelt wird.
In den Cafés sieht man ältere und gesetztere Neger, oft schon
weisshaarig, bei einem Glase Porter oder Brandy mit ebenso grossem
Interesse die Sierra-Leone-Zeitung oder eine veraltete Times lesen, wie
es bei uns die Kannegiesser zu thun pflegen und Morgens, wenn es frisch
ist nach den Begriffen der Bewohner der heissen Zone, d.h. wenn das
Thermometer zwischen 20 und 25° schwankt, kann man sicher sein, wie
Abends in Italien auf dem Corso, Alles promeniren zu finden. Ein feiner
junger Engländer, in Sierra Leone geboren oder nicht, unterhält sich
vielleicht mit einer schwarzen Schönen vom Balle am vergangenen Abend,
ein eleganter krauslockiger Neger lustwandelt mit einem weissfarbigen
Blondköpfchen, ihr ein Gedicht von Byron vorsagend, oder vielleicht
selbst Verse improvisirend.
Für Europäer ist indess der längere Aufenthalt in der Stadt einer der
verderblichsten an der ganzen Küste: Consul Rosenbusch erzählte mir,
dass man die Erfahrung gemacht habe, die ganze weisse Bevölkerung, circa
200 Seelen stark, sei innerhalb neun Jahren einmal ganz ausgestorben.
Die dort gebornen Weissen scheinen indess das Klima besser zu ertragen,
jedenfalls eben so gut, wie die Schwarzen. Ueberdies scheint, dass, wie
an der ganzen Westküste so auch in Sierra Leone, eine Verbesserung in
climatischer Hinsicht stattfindet.--Der Handel von Sierra Leone, wie
schon die vielen grösseren im Hafen liegenden Schiffe andeuten, ist sehr
bedeutend, und namentlich wird von hier ein bedeutender Zwischenhandel
mit der ganzen Westküste von Afrika vermittelt. Hauptartikel dieses
Zwischenhandels ist die Goro- oder Kola-Nuss, deren sich die Neger wie
wir des Kaffees bedienen, indem sie dieselbe kauen. Die Kola-Nuss kommt
von Gondja und wird hauptsächlich durch Mandingo-Neger aus dem Inneren
zur Küste geschafft und geht dann von Sierra Leone einerseits nach dem
Gambia- und Senegal-Flusse, andererseits bis nach Lagos, um von diesen
Punkten aus wieder ins Innere versandt zu werden.
Auch hier bekamen wir wieder mehrere Passagiere, Schwarze und Weisse,
und unter letzteren waren einige Franzosen. Am folgenden Tage blieben
wir noch bis Abends 5 Uhr, dann lichteten wir wieder die Anker. Das
Wetter war, obgleich von heftigen Regenschauern begleitet, dennoch sehr
heiss, so dass, als ich Nachts mein Thermometer auf Deck exponirt liess,
dasselbe Morgens vor Sonnenaufgang noch 27 Grad Cels. zeigte. Wir
machten hier die interessante Beobachtung, dass wir alle manchmal
ausgezeichnete Schlaftage hatten, d.h. dass, wenn man Morgens wie üblich
fragte, wie haben Sie geschlafen? Alles antwortete, ausgezeichnet! Denn
hin wiederum waren andere Nächte, wo kein Mensch schlafen konnte, ohne
dass man dann dafür eine bestimmte Ursache angeben konnte. Ich denke
indess, dass dies jedenfalls wohl mit der mehr oder weniger stark
geschwängerten electrischen Luft der Regenzeit in Verbindung zu bringen
sein dürfte.--Je mehr Passagiere wir bekamen, um so schlechter wurde
natürlich für uns die Einrichtung, obgleich man immer noch besser daran
war, wie auf dem Seebade der Bremer, Norderney, wo z.B. in der Saison
von 1867 auf 2500 Badegäste nur 20 Kellner waren, während wir auf 60
Passagiere doch 10 Aufwärter hatten, und so wird man finden, dass die
Engländer und Neger, letztere waren es hauptsächlich, die über
mangelhafte Bedienung klagten, im Grunde genommen gar keine Ursache dazu
hatten. Eher Recht hätten sie gehabt sich über die Küche zu beklagen,
die als echt englisch gar nicht zu verdauen war: das Fleisch war immer
nach Art der Negerküche zubereitet, d.h. halb gar, das Gemüse war durch
eine Decoction von heissem Wasser gewöhnlich in geschmackloses Kraut
umgewandelt, ein bestimmter Service wurde überhaupt beim Essen gar nicht
beobachtet, sondern man lebte in dieser Beziehung wie bei den Beduinen,
die auch von der gehörigen Reihenfolge der Gänge und einzelnen Gerichte
keine Idee haben. Gewöhnlich setzte man alles zugleich auf den Tisch,
und da konnte man von vorn oder hinten anfangen, alles war recht.
Unglücklich war der, vor dem ein Braten stand, der die Begierde der
Tischgenossen erregte, denn dann war er sicher, dass er gar nicht zum
Essen kommen konnte, indem er den Dienst eines Kellners zu versehen
hatte, d.h. seine ganze Zeit ging mit Tranchiren verloren.
Wir brauchten 3 Tage um die weite Mündung des Gambiaflusses zu
erreichen, und nachdem wir die Spitze des linken Ufers, welche das Cap
der heiligen Maria genannt wird, umschifft hatten, warfen wir Abends um
6 Uhr Anker vor Bathurst. Der Platz und die Einfahrt ist beim Gambia
sehr bequem, und die Abwesenheit einer Barre vor der Mündung des
Flusses, trägt viel dazu bei, die Schifffahrt zu erleichtern, und so
fanden wir auch eine Menge grösserer Schiffe hier, meist englische und
französische. Die Stadt selbst sieht sonst nur kleinlich aus, und kann
namentlich mit Freetown gar keinen Vergleich aushalten. Das Klima am
Flusse ist ebenfalls für Europäer äusserst ungesund, und ist
Haupthinderniss für Katholiken und Protestanten erfolgreiche Missionen
anzulegen, da die meisten Missionäre frühzeitig den bösen Einflüssen der
Luft erliegen. Der Handel besteht hier hauptsächlich in Koltsche oder
Grundnuss (arachis), von der ein ausgezeichnetes Oel gewonnen wird. Im
frischen Zustande schmeckt dieselbe wie eine Kartoffel, alt hingegen und
etwas im Feuer geröstet, nussartig. Die Frucht dieser arachis, die in
ganz Innerafrika vorkommt, wird hauptsächlich nach Frankreich verschickt
und erst dort, meist in Marseille, wird das Oel daraus gepresst, welches
in jeder Beziehung so gut wie Olivenöl ist.
Wie in Sierra Leone so kamen auch hier neue Reisende an Bord, unter
anderen der Gouverneur der englischen Gambia-Colonie, der, obschon er
Admiral war, alle Welt durch sein schlichtes, einfaches Wesen in
Erstaunen versetzte: so putzte er sich immer Morgens seine Schuhe
selbst, nachdem er zuvor einen grossen Käfig, in welchem er zwei
Trompeter (ein grosser afrikanischer Vogel, welcher hauptsächlich in den
Urwäldern zwischen dem sogenannten Kong-Gebirge und dem Ocean sich
aufhält, die Engländer nennen ihn crownbird) hatte, eigenhändig
ausgekehrt hatte.
Wir blieben bis fünf Uhr Nachmittags in Bathurst, nachdem wir Nachts von
einem so starken Tornado waren überfallen worden, dass unser ganzes
Sonnenzelt über Bord ging; für's Schiff selbst war freilich nichts zu
besorgen, denn in Bathurst ist eine vollkommen sichere Rhede. Die Cap
Verd'schen Inseln dann westlich liegen lassend, erreichten wir nach fünf
Tagen die Canarien. Aber obgleich das Wetter nicht kalt war, hatten wir
doch fortwährend Sturm und hohen Seegang, und es war wirklich ein
erhabenes Schauspiel, zu sehen, wie der Dampfer gegen dies unermessliche
bewegliche Gebirge ankämpfte, jetzt über eine sehr lang gestreckte Welle
hinübergetragen wurde, dann aber wieder durch eine kürzere zischend
hindurchschoss. Und wenn man sieht, wie der schwache Mensch in einer
zerbrechlichen Nussschale diesen endlosen Ocean bekämpft, und mit Erfolg
bekämpft und besiegt, dann wird es einem klar, dass nichts Geist und
Körper so sehr in Anspruch nimmt als das Seemannsleben: die ganze
Laufbahn des Schiffers ist ein unausgesetztes Ringen mit der
Natur.--Schon auf zwanzig Meilen vorher sahen wir den Pik von Teneriffa,
zuerst ganz klar und wolkenlos, dann aber von einer dichten
Wolkenschicht umlagert, so dass nur noch die Spitze herausragte. Am 23.
Juni Morgens früh hielten wir vor St. Croce, dem Hauptorte der Insel.
Die Spanier, als Herren derselben, hielten uns natürlich in Quarantaine
und trieben im Anfange die Vorsicht so weit, dass sie Papiere und Briefe
mittelst einer langen Scheere empfingen, und erst nachdem sie Alles, was
vom Calabar ihnen zugekommen war, ins Seewasser getaucht, ihrer Meinung
nach desinficirt hatten, wagten sie es, die Papiere in die Hände zu
nehmen. Natürlich war es unter solchen Verhältnissen Niemand gestattet
ans Land zu gehen, ebenso wenig durften wir Jemand empfangen.
Vermittelst einer Summe Geldes, ich glaube 25 Francs, wurde indess
später gestattet, dass wir Kohlen einnehmen konnten, ja, es etablirte
sich mit uns vermittelst des Quarantainebootes eine Art Obsthandel und
wir hatten Gelegenheit uns hier die köstlichsten Weintrauben zu
verschaffen. Teneriffa sieht im Ganzen sonst öde aus, selbst die Stadt,
ohne irgendwie malerisch zu sein, trägt nichts dazu bei, die kahlen und
schroffen Feldpartien interessanter zu machen. Auf dem Gebirge selbst
bemerkt man vom Meere aus keine Bäume, obwohl diese Insel wohl nicht
ganz ohne diesen Schmuck ist, denn man sieht, dass andere Culturen, als
Wein, Obst und Korn, sich hoch an die Berge hinaufziehen.
Das Kohleneinnehmen hielt uns bis 3 Uhr Nachmittags auf, um welche Zeit
denn der Calabar mit Dampf und vollen Segeln nordwärts steuerte. Wir
hielten dicht neben der Küste, und so lange wir unter dem Schutze der
hohen Felsen uns befanden, war es, als ob wir eine Flussfahrt machten,
so wie wir indess in die offene See kamen, fing von Neuem das Rollen und
Stampfen des Schiffes derart an, dass fast alle Passagiere seekrank
wurden. Namentlich stark war von dieser unheimlichen Krankheit eine
junge bildschöne Engländerin befallen, welche, von Sierra Leone kommend,
um in ihrem Vaterlande den Sommer zuzubringen, unter den Schutz eines
ebenfalls in Freetown an Bord gekommenen Marinekapitäns gestellt war.
Aber, o armer Gemahl, trotz Wetter und Krankheit wusste unser galanter
See-Cavalier seine Angriffe; Liebeserklärungen und Aufmerksamkeiten so
geschickt zu leiten, dass er schon in Madeira die reizende verheirathete
Blondine vollkommen besiegt hatte. Die ersten sich dort auszuschiffen,
kamen sie die letzten wieder an Bord, waren trunken von Bewunderung für
die herrliche Insel.
Um 1 Uhr Nachts verkündeten am 25. uns die Kanonen, dass wir bei Madeira
angekommen seien, und als wir etwas vor Sonnenaufgang auf Deck
erschienen, lag dieser herrliche Smaragd im tiefen blauen Wasser vor
uns. Giebt es überhaupt einen entzückenderen Anblick, als diese ewig
grüne Frühlingsinsel? Unter der aufgeklärten Regierung der Portugiesen
wurde uns hier natürlich kein Hinderniss in den Weg gelegt, um zu
landen, und ich glaube alle benutzten die Erlaubniss. Was soll ich sagen
von den schönen Gärten, von den schattigen Spaziergängen, von dem
eigenthümlichen Leben der dort seit Jahrhunderten lebenden Portugiesen,
von den reizenden Aussichten, die sich einem von jedem beliebigen Punkte
der Insel darbieten; es ist dies Alles längst bekannt, denn Madeira war
und ist noch immer eine Hauptwinterstation für Brustleidende unserer
kalten Länder. Das Holloway'sche Hotel bietet den ausgezeichnetsten
Comfort, es giebt dort deutschredende Aufwärter, und die Preise sind,
obschon es das erste Hotel auf Funchal und ganz Madeira ist, bedeutend
billiger als in allen anderen. Der Weinbau fängt auch an sich wieder zu
heben, obwohl bis dahin fast nur Cochenille und Zucker gebaut worden
war, desshalb ist ächter Madeirawein auch auf der ganzen Insel
augenblicklich nicht zu bekommen, man trinkt von Portugal importirte
Weine, welche denn auch gewöhnlich den Fremden, wenn sie durchaus darauf
bestehen, Madeira trinken zu wollen, als solche vorgesetzt werden.
Leider mussten wir diese paradiesische Insel schon am selben Abend um 6
Uhr verlassen, nachdem wir auch hier noch Passagiere bekommen hatten.
Unter anderen war eine junge Landsmännin zugekommen, deren Mann nach
einer einmonatlichen Krankheit auf Madeira gestorben war. Obgleich sie
durch ihre Bekannte unter den Schutz des vom Gambia mit uns gekommenen
Admirals gestellt war, konnte ich es als Deutscher nicht ruhig mit
ansehen und unterlassen, sie dem Engländer schon gleich am ersten Tage
abwendig zu machen, bei welchem Unternehmen ich freilich mit
Zuvorkommenheit von der jungen trauernden Dame unterstützt wurde. Es
traf sich merkwürdig genug, dass diese liebenswürdige Frau, in
Petersburg geboren, eine Menge von meinen Freunden kannte; im höchsten
Grade gebildet, sprach sie mit gleicher Fertigkeit die drei neuen
Weltsprachen und war bald neben der blonden jungen Engländerin der
Gegenstand der allgemeinen Bewunderung.
Von der sechstägigen Reise von Madeira nach Liverpool führe ich hier nur
noch an, dass wir alle, als aus dem heissen Klima der Tropen herkommend,
gar nicht auf eine solche Kälte, wie wir sie zu der Zeit hatten,
vorbereitet waren. Unsere jungen Negerinnen in ihren leichten
Sommerkleidern, wie man sie stets in Afrika zu tragen pflegt, konnten
gar nicht mehr auf Deck erscheinen, ein Theil der Herren, ob weiss oder
schwarz, suchte immer Schutz und Wärme bei der Maschine, was mich
anbetrifft, so half mir meine Landsmännin, welche einen Kleidervorrath
von Petersburg bei sich hatte, aus und so russificirt konnten wir Wind
und Wogen Trotz bieten, ohne den ganzen Tag in der dumpfen Cajüte die
eingeschlossene Luft einathmen zu müssen. Endlich nach einer Fahrt von 4
Wochen sahen wir in Irland zuerst Europa wieder und legten einen Tag
später in den Docks in Liverpool bei.
Die Stadt Kuka in Bornu
_Die verschiedenen Stadtheile, ihre Bauart und die Wohnungen des
Sultans.--Das Christenhaus.--Rathsversammlungen.--Aufzüge und Prunk
der Grossen.--Leben und Treiben auf dem grossen Markte.--Schwunghafter
Sclavenhandel._