allein den ganzen Tag auf der prachtvollen Factorei zuzubringen, die
grossartigen Unternehmungen und Arbeiten bewundern, dem geschäftigen
Treiben der Neger zuzuschauen, hätte Reiz genug gewährt. In der That,
wenn man des Morgens auf der oberen Veranda sass, vor sich die herrliche
Allee von Brodfruchtbäumen, die ewig saftgrünen Teppiche von
Bahama-Gras, auf welchen sich zahme Gazellen herumtummelten, im
Hintergrunde die tief blauen Lagunen, von einem palmenbewachsenen
Sandgürtel begrenzt, ganz in weiter Ferne die mächtig tobende Barre, und
jenseits im unendlichen Ocean die stolzen Dreimaster, welche ihrer
Ladungen warteten, dann begriff ich, dass man in Lagos sein konnte, ohne
Heimweh zu bekommen. Abends waren wir die ganze Zeit natürlich durch
gemeinschaftliche Diners in Anspruch genommen: beim Gouverneur, bei den
Missionären, auf den anderen Factoreien etc.
Aber der Küstendampfer war unterdessen angekommen, und somit musste
Abschied genommen werden. Herr Philippi liess den O'Swald'schen Dampfer
heizen, um uns über die Barre hinaus an das Postdampfschiff zu bringen.
Er selbst hatte noch die Güte, mich bis dahin zu begleiten, und nachdem
hinten die Hamburger, in der Mitte die Bundesflagge und vorn meine alte
Bremer-Flagge, die von allen europäischen Flaggen allein den Tsad-See
begrüsst, und einzig ausser der englischen Flagge den Niger befahren
hatte, waren aufgehisst worden, verliessen wir um 10 Uhr Morgens die
Stadt und befanden uns bald darauf an Bord des englischen Postschiffes.
Als wir Abschied genommen, und ich noch lange dem kleinen schnell
dahinschiessenden Tender nachgesehen und nachgewinkt hatte, fing ich an,
nachdem ich meine Sachen in die mir zugewiesene Cabine untergebracht
hatte, mich umzusehen. Freilich waren einem die Bewegungen sehr gehemmt,
denn abgesehen von den grossen Oelfässern, die auf dem Vorder- und
Mitteldeck den Weg sperrten, war selbst unser Hinterdeck mit doppelten
Schichten von Baumwollsäcken zugepackt. Alte diese Waaren hatte man in
Lagos eingenommen und noch nicht Zeit gefunden, sie in den Raum hinunter
zu schaffen. Das Schiff selbst war sonst gut eingerichtet, hielt 900
Tons, jedoch war der Raum mehr für Waaren als für Passagiere berechnet:
es war der Schraubendampfer "Calabar", Capt. Kroft, der West Africa
Steam Navigation Company zugehörend. Inzwischen kamen immer noch neue
Passagiere von Lagos und unter den Bekannten fand sich auch der
Gouverneur Herr Glover, der Befehl bekommen hatte, sich zum Gouverneur
en chef, nach Sierra Leone zu begeben. Endlich um 5 Uhr Abends war alles
eingeladen und eingeschifft, und nach einem dreifachen Salutschusse
seitens des "Calabar" trat derselbe seinen Lauf nach Westen an.
Obgleich wir nicht weit von der Küste entfernt waren, verloren wir
dieselbe dennoch bald ausser Sicht, da überdies nach 6 Uhr Abends die
Nacht schon hereinbrach. Im Uebrigen waren wir vom schönsten Wetter
begünstigt. Man stieg dann hinunter, um sich den Tafelfreuden
hinzugeben, aber im Ganzen, obgleich aus Innerafrika kommend, hatte mich
der kurze Aufenthalt in Lagos schon so verwöhnt, dass ich mich etwas
getäuscht fand. Die Abwesenheit von Servietten an der Tafel konnte man
noch eher entschuldigen, denn am Ende ist es besser, gar nichts
dergleichen vorzufinden, als schmutzige, und namentlich durfte ich mich
selbst nicht über die Aufwartung beklagen, da ich noch meinen Diener
Hamed bei mir hatte. Ausser Herrn Glover, der auch seinen Leib-Neger bei
sich hatte, waren in dieser Beziehung die anderen Passagiere freilich
nicht so günstig gestellt. Ein Gutes war vorhanden, dass, da sämmtliche
Reisende von der Küste waren, aller steife Zwang fehlte, der sonst unter
Engländern das Zusammensein so unerträglich macht. Ueberdies war nur
eine Dame vorhanden, und obwohl eine Tochter Albions hatte sie doch
durch ihren Aufenthalt in Afrika, sie war Missionärin am Camerun,
längst das Unbiegsame einer britischen Lady verloren.
Wir legten uns am ersten Tage alle frühzeitig zur Ruhe und da wir bis
jetzt etwa nur 30 Passagiere an Bord hatten, während die erste Cajüte
deren 50 fassen konnte, waren wir gut logirt, sowohl Herr Glover als
auch ich hatten je eine ganze Cabine für uns, überhaupt liessen die
Betten nichts zu wünschen übrig.
Als ich am anderen Morgen, nachdem der Kaffee genommen (dieser, sowie
Thee, Cakes und Butterbrod wurden immer mit Sonnenaufgang aufgetischt)
aufs Deck ging oder vielmehr auf die Baumwollensäcke kletterte, fand
ich, dass mehrere Passagiere es vorgezogen hatten, einfach in ihren
Kleidern auf den weichen Ballen zu schlafen, und da ein grosses
Sonnenzelt das Hinterdeck beschattete, ging das auch recht gut, denn auf
die Art konnte der Thau sie nicht erreichen, und von Kälte ist ja unter
den Tropen im Juni überhaupt nicht die Rede. In den Cabinen war es denn
auch so heiss, dass man Nachts immer die Fenster offen lassen musste.
Um aber vor Allem dem Leser einen Begriff zu geben, wie man auf einem
englischen Dampfer lebt; führe ich an, dass um 8 Uhr das eigentliche
Frühstück war, warme Fleische, Gemüse, Pasteten und Thee oder Kaffee, um
12 Uhr Mittags war sogenannter Lunch, d.h. ein kaltes Frühstück aus
kalten Fleischen, Würsten, Salaten und Früchten bestehend, um 4 Uhr
Nachmittags das Diner, endlich um 7 Uhr Abends Thee und Butterbrod. Es
versteht sich von selbst, dass die Engländer ausserdem zum Schlusse noch
der Brandyflasche zusprachen. Man sieht hieraus, dass der Magen gar
keine Zeit hatte, ein eingenommenes Mahl zu verdauen, und dass, wer eben
keine besondere Beschäftigung hatte, die ganze Zeit mit Tafeln zubringen
konnte.
Das Schiff bot am Morgen einen eigenthümlichen Anblick, von den Fässern
waren erst wenige unter das Deck geschafft, aber auf jedem hockten oder
lagen ein paar Schwarze. Es waren dies Neger von der Kru-Küste, die nun,
nachdem ihr Miethstermin abgelaufen war, in ihre Heimath zurückkehren
wollten. Sie scheinen zu den Amphibien zu gehören, denn sie sind
offenbar mehr als blos ausgezeichnete Schwimmer und die einzigen Neger
an der Küste, die sich gern und freiwillig den Europäern als Arbeiter
vermiethen; sie scheuen dabei keine weiten Reisen, und gehen Contracte
auf mehrere Jahre ein. Nach Ablauf der Zeit mit ihrem Ersparten in die
Heimath zurückkehrend, verheirathen sie sich entweder, oder verprassen
ihre Gelder mit Barássa (Schnaps); dann gehen sie aber sicher, sobald
sie ihren letzten Heller ausgegeben haben, ein neues Engagement ein. Die
Kru-Leute sind sehr kräftig gebaut, von braunschwarzer Farbe, ihre
Physiognomie ist sehr hässlich, ihre Gewandtheit und Geschicklichkeit
ist gleich gross auf dem Wasser und zu Lande.
Seit dem Abend vorher hatten wir das Land ausser Sicht, aber gegen 10
Uhr Morgens näherten wir uns wieder der Küste, welche ganz flach war und
nur von hohen Palmen, Oel- und Kokos-, bestanden zu sein schien. Um 12
Uhr hielten wir vor Yellee-Coffee (dieser Name ist auf der trefflichen
Grundmann'schen Karte nicht angegeben, es ist der von den Engländern
gebrauchte für den Ort Keta, wo eine Bremer Mission sich befindet), wo
indess nur ein einziges auf europäische Art gebautes Haus zu sehen war,
von vielen kleinen Negerhütten umgeben.
Kaum war das Anlegen vorüber, als zahlreiche Canoes das Dampfschiff
umschwärmten, und nun begann ein Drängen und Klettern um zuerst mit den
Waaren an Bord zu kommen. Da indess diesen schwarzen und ganz nackten
Waldteufeln nicht gestattet war aufs Hinterdeck zu kommen, so konnte man
von dort aus mit Musse diesem Bewegen und Treiben zuschauen. Man brachte
Lebensmittel, hauptsächlich Yams, süsse Erdäpfel, Cocosnüsse, Mangos,
Bananen, Plantanen, Ananas, Melonen und andere Früchte, dann Papageien,
Enten, Puter, Schafe, Zwiebeln, rothen Pfeffer, Matten, Strohmützen,
Pantherfelle, einheimische Cattunzeuge und andere niedlich und kunstvoll
gearbeitete Handarbeiten. Nachdem der nicht enden wollende Streit, wer
zuerst aufs Deck kommen sollte, wobei mancher denn noch rücklings in
Wasser fiel oder gestossen wurde, sich gelegt hatte, fing in grösster
Eile ein Tauschhandel an, indem die Matrosen vom Dampfer gegen leere
Flaschen, europäische Taschentücher, Messer, manchmal auch baares Geld
das, was sie wünschten, eintauschten. Während indess einige Sachen, z.
B. Papageien, welche man 3 für 2 englische Shillinge einhandeln konnte,
ausserordentlich billig waren, wurden für andere die übertriebensten
Preise gefordert. So verlangte man für ein Stück einheimischen Cattun,
der allerdings recht hübsch war, indess nur die Grösse von 3 Ellen Länge
auf 2 Breite hatte, 4 Dollars. Ebenso wurden merkwürdigerweise für die
kleinen Meerkatzen unverschämt hohe Preise gefordert; man hätte hier
indess eine ganze Menagerie zusammenkaufen können, denn sogar ein
Chimpanze fehlte nicht und langborstige Stachelschweine, sowie Igneumon
waren mehrere vorhanden. Die Neger von Yellee-Coffee sind sehr gemischt,
den Hauptgrund in der Bevölkerung bilden indess die Popo- und
Fanti-Neger, und die Sprachen dieser beiden Stämme werden hier
vorzugsweise gesprochen. Sie sind pechschwarz, haben ächte Negerzüge,
fast alle gehen ganz nackt, nur einige Wenige halten es der Mühe werth,
ein europäisches Taschentuch um die Hüften zu winden.--Es befindet sich
vor Yellee-Coffee die Navalstation der Engländer, die indess jetzt, seit
der Sklavenhandel nun ganz unterdrückt ist, von ihrer früheren Bedeutung
verloren hat. Wie schon gesagt, hat auch unser norddeutscher
Missionsverein eine Station hier und scheint dieselbe insofern zu
gedeihen, als sie sich bei Erziehung der Neger nicht bloss auf das
geistige Wohl des Schwarzen beschränkt, sondern demselben auf der
Missionsanstalt auch allerlei nützliche Handwerke gelehrt werden, was
leider die Engländer bei ihrer sonst so trefflichen Mission ganz
vernachlässigen.
Es kamen hier auch zwei von den deutschen Missionären an Bord, um nach
Christiansborg zu fahren; einer von ihnen, ein junger stutzerhafter
Mann, mit langen Haaren, kam, nachdem er sich an Bord durch ein gehörigs
Glas Ale gestärkt hatte, auf mich zu und redete mich auf englisch an,
sagend, dass er sein Deutsch unter den Negern gänzlich verlernt habe, da
er schon längere Zeit an der Küste sei. Dies Englisch aus dem Munde
eines Schwaben (er war freilich noch nicht 40 Jahre alt) klang indess so
komisch, indem natürlich zwischen d und t, zwischen b und p, die
lächerlichsten Verwechselungen gemacht wurden, dass ich ihm auf
französisch antwortete, und nun unterhielten wir beiden Deutschen uns
zur grossen Belustigung des Publikums längere Zeit, er immer englisch
und ich französisch sprechend. Unser guter Schwabe, er war freilich noch
nicht 40 Jahre alt, merkte indess, dass er der Gegenstand der
allgemeinen Heiterkeit war. Später ertappte ich ihn, wie er sich ganz
fertig mit seinem Amtsbruder, der ein sehr vernünftiger Mann war,
unterhielt, und fast hätte ich der Versuchung nicht widerstanden, ihn
auf Platt anzureden, um eine zweite fremdartige Unterhaltung zu
erwecken, denn Deutsch konnte er allerdings nicht, nur schwäbisch.
Wir blieben hier bis 6-1/2 Uhr Abends und verliessen dann wie am Tage
vorher, westlich etwas zu Süd haltend, Yellee-Coffee. Unsere Abfahrt
fand bei einem starken Tornado statt, so dass wir alle unter Deck
flüchten mussten. Die Nacht war indess wieder ausserordentlich schön.
Sobald es tagte, sprang ich am folgenden Tage aus meiner Cabine und sah,
dass wir uns nahe an der Küste befanden, und Akkra und Christiansborg
dicht vor uns liegen hatten. Die Städtchen nehmen sich reizend aus; die
vielen europäischen Häuser, alle glänzend weiss und italienischen Villen
gleichend, treten auf dem dunklen Grün der Oel- und Kokospalmen scharf
hervor. Im Hintergrund sah man niedrige Hügel, eine Abwechslung, die um
so angenehmer auffiel, als wir bis jetzt nur flache Küsten gesehen
hatten. Die meisten grösseren Factoreien hatten ihre Flaggen aufgezogen,
und da bemerkte ich auch unsere Bremer auf dem Vietor'schen
Etablissement wehen. Auch mehrere grössere Handelsschiffe waren vor
Anker, unter anderen zwei amerikanische Barken.
Wie gewöhnlich grüsste der Calabar mit drei Schüssen und warf dann Anker
aus, worauf wir sogleich wieder von einer Unzahl hohler Baumstämme
umschwärmt waren, welche die Akkra-Neger mit grösster Geschicklichkeit
über die höchsten Wellen trieben. Hier indess kamen sie nicht um zu
handeln, sondern blos um etwaige Passagiere zu holen und zu bringen,
auch unsere beiden Deutschen verliessen uns, wofür indess mehrere andere
Missionäre mit ihren Frauen und Kindern wieder kamen alle von der
Basler Gesellschaft, welche hier im Innern sich ein tüchtiges Feld
eröffnet hat.
Akkra und Christiansborg gehören schon der Goldküste an, indem diese von
der östlich sich hinziehenden Sklavenküste durch den Volta-Fluss
getrennt ist. Wir hatten die Mündung dieses bedeutenden Flusses, der
rechts und links grosse Lagunen hat, Nachts passirt. Der Haupttheil der
Bevölkerung der beiden Oerter ist vom Stamme der Akkra-Neger, sie sollen
den Yóruba verwandt sein. Ganz eigenthümlich ist die Bauart ihrer Kanoe,
weil sie ein erhöhtes Hintertheil haben, überhaupt dabei sehr gross
sind; mit dem grossen dreieckigen Segel, dessen sie sich bedienen, giebt
das dem Schiffchen von Weitem ein ganz classisches Aussehen. Am meisten
entzückte mich der melodische Sang der Ruderer, und erinnerte mich sehr
an die singlustigen Kakánda-Neger am mittleren Niger, denen es auch ganz
unmöglich war, ihr Kanoe weiter zu stossen, ohne jeden Stoss mit Gesang
zu begleiten. Indess haben die Akkra-Neger, und dies ist höchst
bemerkenswerth, wirklich eine Art Choralgesang, denn die zweite und
dritte Stimme accordirt immer melodisch mit der ersten. Möglich auch,
dass sie dies durch den Unterricht von Missionären gelernt haben, obwohl
die Lieder, welche sie sangen, keine religiöse zu sein schienen, sondern
gewöhnliche Volkslieder.
Akkra war bis vor zwei Monaten halb englisch, halb holländisch, ist
jetzt aber durch Verkauf ganz an die Engländer gekommen. Christiansborg
wurde schon 1850 von den Dänen dem Englischen Gouvernement überlassen.
Man sieht also, wie England so ganz allmählich und ohne Aufsehen zu
erregen, sich der ganzen Küste von Afrika bemächtigt, denn längst sind
der Reichthum an Rohproducten und die Fähigkeit, später dort für alle
Colonialerzeugnisse das fruchtbarste Feld und den ergiebigsten Boden zu
finden, von diesem speculativen Volke erkannt worden.
Wir blieben einen ganzen Tag vor Akkra, was, da hohe See war, und das
Schiff stark rollte, nicht sehr angenehm war. Wie am vorhergehenden Tage
fuhren wir dann um 7 Uhr Abends weiter, und fanden uns am andern Morgen
vor dem bedeutenden Ort Cape Coast Castle liegen.
Diese Stadt mit ihrem Fort, wie der Name es schon andeutet, liegt auf
steilen Felsen, welche senkrecht in die See abfallen; von den
Portugiesen erbaut, gehört sie jetzt den Engländern, und sieht sie auch
nicht so lieblich wie Akkra und Christiansborg aus, so hat sie doch
einen europäischen Anstrich. Wie immer kommen zahlreiche Boote, und hier
bieten sie uns besonders Goldstaub und Papageien zum Verkauf an. Ganz
besonders erregten aber unser Aller Bewunderung die ausserordentlich
schönen und feinen Filigranarbeiten der Neger in Gold: Broschen, die
künstlichsten Ketten, Ringe, Ohrbommel und andere Sachen wurden so
ausgezeichnet und mit einer solchen Vollendung uns zum Verkauf
vorgezeigt, dass ein gewöhnlicher europäischer Goldarbeiter Mühe gehabt
haben würde, dergleichen nachzumachen. Um Gold und Goldstaub dreht sich
hier denn auch das ganze Leben, Die Hauptzufuhr kommt vom
Atschanti-Lande, und unser Schiff nahm im Ganzen gegen 3000 Unzen ein,
theils in Staub, theils in Ringen. Die Fanti, welche den
Hauptbestandtheil der Cape Coast Castle Bevölkerung bilden, sowie die
Assin und Wassau, Stämme, die weiter im Inneren des Landes wohnen,
bedienen sich ausschliesslich des Goldstaubes als Geldmittel. Jeder hat
zu dem Ende eine kleine empfindliche Goldwage und ein ledernes Säckchen
mit Goldstaub immer bei sich. Das Gewicht besteht in kleinen leichten
Kernen einer Schottenpflanze und bei grösseren Quantitäten in Steinchen.
Ich staunte gerade die furchtbare Brandung an, welche die Wellen des
Oceans gegen die Felsblöcke, auf welche das Fort erbaut ist, bis zu
einer Höhe von 50 Fuss hinaufspritzten, als meine Aufmerksamkeit durch
zwei Officiersfamilien in Anspruch genommen wurde, die auf Stühlen
sitzend (es ist allgemein Gebrauch an der Westküste von Afrika, in die
grossen Kanoe Stühle zu setzen, da keine Bänke vorhanden sind) in einem
grossen Kanoe an Bord gerudert wurden. Und um so mehr wunderte ich mich,
als ich den einen Officier mit seiner Dame sich im schönsten
Plattdeutsch (Holländisch) unterhalten hörte. Diese heimischen Töne
brachten mich zuerst auf die Vermuthung, es mit preussischen
Marineofficieren zu thun zu haben, da dieselben ja möglicherweise neu
uniformirt sein konnten. Aber ich wurde bald enttäuscht, indem man mir
in der Ferne nach Westen zu das holländische Fort Elmina zeigte, das ich
bis dahin gar nicht wahrgenommen hatte, beschäftigt wie ich war mit
meiner allernächsten Umgebung. Elmina ist auf circa eine Stunde von Cape
Coast Castle entfernt und insofern für die Holländer von Wichtigkeit,
weil sie hier einen Theil ihrer Soldaten für ihre ostindischen Colonien
recrutiren. Sie bezahlen dafür einen jährlichen Tribut an den Aschanti
König, der ihnen hingegen die nöthige Mannschaft, also Sklaven, liefert.
Diese werden nun meist auf fünf Jahre engagirt, nach Ablauf welcher Zeit
sie frei werden und in ihr Land zurückkehren können. Dies thun sie dann
auch in der Regel, bleiben aber nach ihrer Rückkehr meist beim Fort
Elmina unter dem holländischen Schutze wohnen, weil sie, falls sie nach
Aschanti gingen, aufs Neue in Sklaverei fallen würden. Man theilte mir
hier mit, dass so gut der König von Aschanti mit den Holländern stehe,
er gerade jetzt den Engländern den Krieg erklärt habe, und sie nach
Beendigung der Regenzeit angreifen würde. Hoffen wir das dem nicht so
ist oder, wenn, dass derselbe glücklicher für unsere weissen Vettern
ausfallen möge als bei früheren Gelegenheiten.
Hier ankerten wir nur bis Mittags und immer dicht neben der Küste
haltend kamen wir Appolonia und Cape tree points vorbei. Das Wetter war
gut, obgleich die See hoch ging, was starkes Schwanken und Rollen des
Dampfers zur Folge hatte, der überdies übermässig lang und schmal war.
Es war für mich um so unangenehmer, als ich von Zeit zu Zeit noch
Fieberanfälle bekam, obgleich sonst meine Kräfte durch die Seeluft
anfingen zuzunehmen. Im Uebrigen hatte sich die Sache an Bord recht
gemüthlich gestaltet, und obgleich wir so viele Geistliche aller Secten
an Bord hatten, dass wir im Nothfall ein Concil hätten abhalten können,
lebte man doch ohne allen Zwang, und gerade hierin gaben uns die
Missionäre das beste Beispiel. Sonntags wurde jeden Morgen Gottesdienst
abgehalten, und Kapitän Kroft wusste sich dieses Dienstes mit eben so
grosser Geschicklichkeit und Gewandtheit zu unterziehen, wie mit der
Führung des Dampfers.
Mit Cap tree points verliessen wir Abends die Küste, und fuhren den
ganzen folgenden Tag, ohne dass uns irgend etwas Merkwürdiges aufstiess;
zudem hielt ein anhaltend fallender Regen uns fortwährend unter Deck,
denn die wolkenzusammentreibende Sonne war jetzt gerade über unseren
Köpfen, was in der Regenzeit bekanntlich am Schlimmsten ist. Um l Uhr
endlich erblickten wir den Ort Cavalle, wo Herr Paine, ein
amerikanischer Bischof, seit 27 Jahren für die Ausbreitung der
christlichen Religion wirkt. Von hier nach Cap Palmas sind nur noch
anderthalb Stunden, und dort angekommen warf der Calabar wieder Anker.
Cap Palmas ist der Hauptort der Kru-Küste, und zählt politisch zur
Republik Liberia, welche bekanntlich unter amerikanischem Schutze steht.
Trotz des Regens und des Nebels nahm sich dieser Ort ganz reizend aus.
Er liegt unmittelbar an einem tiefgezackten Ufer, und die Kirchen und
hochgiebligen Häuser konnten einen glauben machen eine nordische Küste
vor sich zu haben. Gleich vorn am Cap bemerkt man einen Kirchthurm, der
indess diese Illusionen wieder zerstört, denn er sieht wie ein
mohammedanisches Minaret aus; vor dem Cap liegt eine kleine grüne Insel,
die, wenn sie auch des Baumschmuckes entbehrt, nicht wenig dazu beiträgt
die Abwechslung des palmbewachsenen Ufers zu erhöhen. Cap Palmas ist wie
ganz Liberia aus einer Niederlassung freigelassener Sklaven gebildet,
und hat eine eigene Regierung, von der jedoch alle Weissen
ausgeschlossen sind. Die Regierung ist abhängig von dem Präsidenten in
Monrovia. Die presbyterianische Religion ist bei ihnen die
vorherrschende. Es giebt in Palmas auch einige Weisse, welche Handel
treiben, und dieselben, obgleich unter dem Gouvernement der Schwarzen,
leben mit den Negern im besten Einverständniss. Hauptartikel des Handels
ist, wie an der ganzen Westküste, Oel und Palmnüsse. Der Ort ist im
Emporblühen begriffen, und ich hätte gern die Gelegenheit benutzt, diese
interessanten Punkte einer selbständigen Negercultur näher in
Augenschein zu nehmen, wenn nicht Regen und hoher Wellenschlag jedes
Landen sehr unangenehm gemacht hätten. Freilich liessen sich unsere
Kru-Neger, die wir von Lagos und Kamerun mitgebracht hatten, hierdurch
nicht abhalten, und ihre Verwandten und Freunde umschwärmten in
unendlich kleinen und unzähligen Kanoes fortwährend den Dampfer, um sie
aufzunehmen.
Die meisten indess, namentlich die, welche ohne Gepäck waren, sprangen
ganz einfach über Bord und schwammen so auf das sie erwartende Kanoe zu.
Dass dabei die lächerlichsten Scenen sich immer wiederholten, kann man
sich leicht vorstellen, denn beim Einsteigen ins Kanoe schlug dasselbe
meist zuerst um und wurde dann, als wenn nichts Besonderes passirt wäre
im Meere selbst wieder aufgerichtet und ausgeschüttet. Es lagen auch
mehrere europäische Schiffe hier vor Anker.
Abends 5 Uhr lichteten wir die Anker, und bald entschwand die grüne
Küste wieder unseren Augen. Anhaltend fallender Regen würde die Fahrt zu
einer entsetzlich langweiligen gemacht haben, wenn ich nicht in Mynheer
Schmeet, einem holländischen Officier van der Gezondheid, einen sehr
unterhaltenden und gebildeten Mann gefunden hätte. Die holländischen
Colonien, über den ganzen Erdball zerstreut, hatten ihm Gelegenheit
gegeben, alle Welttheile kennen zu lernen. Zudem hatte ich vollauf zu
lesen, denn seit zwei Jahren ausser allem Verkehr mit dem gebildeten
Europa, hatte ich mich durch Stösse neuer Schriften, die lauter für mich
unbekannte Thaten und Ereignisse enthielten, durchzuarbeiten.
Ein guter Wind begünstigte die Schnelligkeit des Calabar's so, dass wir
schon am andern Abend um 5 Uhr vor Monrovia waren, während wir
eigentlich erst am folgenden Morgen um 6 Uhr hätten eintreffen sollen.
Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, ist der sprechendste Beweis, bis
auf welche Stufe der Neger sich in Cultur und Civilisation
emporzuschwingen vermag, sobald er, von tüchtigen Missionen umgeben, in
administrativer Beziehung sich selbst überlassen ist. Die Regierung
selbst ist ganz nach dem Muster der amerikanischen eingerichtet, und hat
hier denn auch der Präsident und der Congress seinen Sitz. Eine Art von
Schutz, obgleich das am Ende ja nur gegen europäische Mächte gerichtet
sein könnte, wird immer noch vom government of the United States
ausgeübt; nach Innen zu gegen die unabhängigen Neger ist Liberia
vollkommen im Stande, sich selbst zu schützen und Achtung zu
verschaffen. Mehr als 600,000 Neger erkennen übrigens die Herrschaft der
Republik Liberia an, und über 25,000 Seelen davon haben die christliche
Religion angenommen.