LAND UND VOLK IN AFRIKA
BERICHTE AUS DEN JAHREN 1865-1870.
VON
GERHARD ROHLFS
BREMEN, 1870.
VERLAG VON J. KÜHTMANN'S BUCHHANDLUNG.
U.L. FR. KIRCHHOF 4.
INHALT.
Bemerkungen über die Zukunft Algeriens
Beobachtung über die Wirkungen des Haschisch
Von Lagos nach Liverpool
Die Stadt Kuka in Bornu
Am Bénuē
Titulaturen und Würden in einigen Centralnegerländern
Die Art der Begrüssungen bei verschiedenen Neger-Stämmen
Von Magdala nach Lalibala, Sokota und Antalo, April/Mai 1868
Der Aschangi-See in Abessinien
Nach Axum über Hausen und Adua
Damiette
Malta
Die grosse Bodeneinsenkung in Nordafrika
Bemerkungen über die Zukunft Algeriens.
Mursuk in Fessan im Januar 1866.
Der Kaiser der Franzosen hat sich bitter getäuscht, wenn er geglaubt
hat, durch eigene Anschauung vermittelst einer blossen Triumphreise den
Zustand einer Colonie kennen lernen zu können. Schon um civilisirte
Völker zu studiren und dann ihren moralischen und materiellen Zustand
würdigen und beurtheilen zu können, darf man nicht als grosser Herr,
viel weniger als Kaiser reisen. Ich erinnere nur an die bekannte Reise
der Kaiserin Katharine in Süd-Russland, der man alle Tage dieselben
Leute, dasselbe Vieh entgegen trieb, um sie glauben zu machen, dass die
Provinzen gut bevölkert seien. Und sehen wir nicht in Algerien bei der
Reise des Kaisers sich etwas Aehnliches wiederholen? Die Duar in der
Provinz Oran waren bei der Durchreise des Herrschers nach Sidi Bel-Abbès
an die Landstrasse gerückt; so erzählen uns die Lokalblätter.
Die Araber gründlich kennen zu lernen ist gar noch schwieriger; das
gelingt nur bei langjährigem Aufenthalt unter ihnen, oder wenn man in
ihrer Mitte gereist ist und zwar unter der Maske eines Mohammedaners,
nicht eines Vornehmen, sondern eines Bedürftigen; denn selbst einem
vornehmen Religionsgenossen gegenüber sind die Araber Lügner, Heuchler
und Prahler. Unter allen anderen Umständen ist man nur zu geneigt, über
den Grundcharakter dieses Volkes in grosse Irrthümer zu verfallen, wie
eben erst der Kaiser und früher der bekannte General Daumas, der so
anziehende Bücher über die Araber geschrieben hat, die man jedoch als
nichts weiter als Romane betrachten darf. Denn obgleich General Daumas
jahrelang die Bureaux arabes dirigirte, so hatte er doch wohl nie
Gelegenheit, mit _den Leuten vom kleinen Zelte_ zu verkehren, sondern
frequentirte nur die _Leute der cheima kebira_; will man aber ein Volk
kennen lernen, so muss man sich nicht blos in den höchsten Kreisen
desselben bewegen, sondern alle Klassen durchmustern.
Ich nun würde nicht gewagt haben, über einen so delicaten Gegenstand
meine Meinung abzugeben, wenn nicht ein langjähriger Aufenthalt in
Algerien selbst, dann eine dreijährige Reise durch Marokko und seine
Wüste, bei welcher unter anderen ganz Tuat durchforscht wurde (in welche
Oase die Franzosen bis jetzt vergebens weder mit Güte noch mit Gewalt
haben dringen können), mich derart mit allen Klassen dieses Volkes in
Berührung brachte, dass ich glaube, im Interesse Frankreichs, im
Interesse Algeriens, meine Meinung nicht verschweigen zu dürfen.
Meine Ansicht über die eingebornen Bewohner der Algerie habe ich vor
zwei Jahren in mein Tagebuch niedergelegt und dies im Jahre 1865 in den
Dr. Petermann'schen Mittheilungen, Th. XI, publicirt; dasselbe enthält
folgenden Passus, der sich nun schon wieder durch den frischen Aufstand
Si Lalla's bewährt hat:
"Ich glaube die Franzosen können sich nicht genug in Acht nehmen, wollen
sie nicht einen Tag erleben, wie ihn die Engländer in Indien gehabt
haben. Bei einer Nation wie die Araber, deren ganzes Wesen, Leben und
Treiben sich auf die intoleranteste Religion gründet, die existirt, sind
_Civilisationsversuche vergeblich_. Wie sind die Araber heutzutage nach
mehr als 30-jährigem Besitze der Franzosen von Algerien? Die in den
Städten haben alle schlechten Sitten der Franzosen angenommen und helfen
dem französischen Pöbel im Absinthtrinken, dass sie aber dafür auch nur
im Geringsten christlich religiöse Grundsätze angenommen hätten, daran
ist nicht zu denken. Forscht man tiefer nach, so findet man, so
geschmeidig und umgänglich sie äusserlich geworden sind, dass sie
innerlich allen Hass und alle Verachtung gegen die Bekenner eines andern
Glaubens bewahrt haben. Entfernt man sich nun gar einige Stunden weit
von der Stadt, so findet man, dass die Civilisation dahin noch ganz und
gar nicht gedrungen ist. Der Araber unter seinem Zelte lebt nach wie
vor und hasst die Christen ebenso wie früher, und wenn er sich enthält
einen Ungläubigen zu tödten, um dafür das Paradies zu erlangen, so
geschieht es nur aus Furcht vor dem strengen Gesetze. Die Franzosen
hätten längst wie die Engländer in Nordamerika mit den Eingebornen
verfahren sollen, nämlich dieselben zurückdrängen, dann wäre Algerien
heutzutage ein ruhiges, nur von Europäern bewohntes und cultivirtes
Land. Man wird dies vielleicht hart finden und barbarisch und mit den
civilisirten Grundsätzen unserer Epoche nicht übereinstimmend. Vom
Zimmer aus und von Weitem sind die Dinge jedoch ganz anders anzuschauen,
als in der Nähe, und notwendiger Weise wird es bis zum letzten Tage
immer Völker geben, die zum Besten der allgemeinen Menschheit den andern
Platz machen müssen etc."
Diese vor zwei Jahren ausgesprochenen Grundsätze sind auch noch heute
meine feste innige Ueberzeugung. Wenn dem nothwendigen Gange der Natur
nach früher oder später jede Colonie sich vom Mutterlande trennt, sobald
sie sich stark genug fühlt, um auf eigenen Füssen stehen zu können, und
notwendiger Weise der Tag heran kommt, wo z. B. Grossbritannien auf
seine beiden einzigen Inseln wird beschränkt sein--hat Frankreich das
Glück gehabt, eine Colonie zu finden, die vor den Thoren des
Mutterlandes liegt, ja jetzt durch Dampf und Telegraph Eins mit ihm ist.
Diese aussergewöhnliche Lage würde es gestatten, die Colonie so mit der
Metropole zu verschmelzen, dass für Frankreich an eine spätere
gewaltsame Lostrennnung wie das von Alters her immer bei allen Colonien
der Fall gewesen ist und sein wird, nicht zu denken wäre.
Dazu gehört aber vor allen Dingen, dass die Bevölkerung Eine sei. Ich
will damit nicht gesagt haben, dass die Franzosen desshalb anderen
Europäern die Colonie verschliessen sollen; im Gegentheil, selbst jetzt
nach blos 30 Jahren sehen wir, dass die aus anderen Ländern
Eingewanderten[1] und namentlich ihre Abkömmlinge fast gänzlich
französische Sitten und Gebräuche angenommen haben und meistens,
namentlich die jüngere Generation, auch die französische Sprache. Aber
zwei in jeder Beziehung so gänzlich von einander verschiedene Völker,
wie Franzosen und Araber es sind, neben einander bestehen lassen oder
gar versuchen wollen, sie zu vermischen, ist der höchste Unsinn. Seit
undenklichen Zeiten hat das Arabervolk sich nie mit anderen vermischt,
weil es mehr noch als die Juden von seiner eigenen Vortrefflichkeit, als
ein von Gott auserwähltes Volk überzeugt ist. Seit tausend Jahren in
Besitz der Nordküste Afrika's, sehen wir Berber und Araber _neben_
einander bestehen, jedes Volk genau seine Sprache und Sitte
beibehaltend. Im äussersten Osten, in der Jupiter-Ammons Oase, am
Atlantischen Ocean im Sus-Lande haben die Araber die Berber zu
unterwerfen, jedoch _nicht sich mit ihnen zu amalganieren gewusst_. Die
sogenannten _Kulughli_, Progenitur der Türker mit Araberweibern,
bezeugen keineswegs ein Aufgehen der Araber in Türken oder umgekehrt;
überall, wo die Türken die Araber beherrschen, bestehen beide Völker
unvermischt _neben einander_. Und doch verbindet Berber, Araber und
Türken Eine Religion.
Wird man je dem Araber seine Wanderlust, seinen Hang zu plündern und
sich raubend umherzutreiben nehmen können? Versuche man doch eine Hyäne
zu zähmen! Der Araber ist moralisch überzeugt, dass er den französischen
Bajonetten nicht widerstehen kann, dennoch wird er bei der geringsten
Gelegenheit sich wider Ordnung und Gesetz erheben, und so lange wird
Revolution in der Algerie sein, wie noch ein Zelt oder Duar vorhanden
ist. Mögen die Gefühlsmenschen sagen, was sie wollen, vom Verdrängen der
Indianer durch die Engländer, jeder vernünftige Mensch findet es
bewundernswerth, Nordamerika der Civilisation gewonnen zu sehen. So
verabscheuungswerth die modernen französischen Araberlobhudler die
Vertreibung der Mauren aus Spanien hinstellen mögen, so ist nicht zu
verneinen, dass Spanien dadurch der Civilisation erschlossen wurde; denn
wären die Mohammedaner heute noch im Besitze der Halbinsel, so wären sie
sicher in keiner Weise weiter in der Civilisation, als es die in den
anderen Ländern Wohnenden sind; und wenn die Spanier selbst sich nicht
schneller civilisirten und Schritt hielten mit den anderen Völkern, so
ist die Verarmung des Landes, die Entvölkerung Spaniens nicht im
Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen zu suchen, sondern eher in
der enormen Auswanderung nach Amerika, die zu der Periode statt fand,
und in der Priesterschaft.
In der That sehen wir, dass in den Ländern, die sich abgeschlossen von
aller christlichen Civilisation halten, die Mohammedaner seit der
Periode, wo Mohammed sie zum Islam bekehrte, gar keinen Fortschritt
gemacht haben. Und die sogenannten arabischen Glanzperioden unter den
Abassiden im Orient, unter den Ommiaden im Occident, sind nur dem
christlichen Einflusse zuzuschreiben, weil dort unter beiden Regierungen
Christen die Hauptbevölkerung bildeten; aber in den Ländern, wie z.B.
Marokko und Arabien, wo die Araber nie mit Christen in Berührung kamen,
haben die Araber es nie weiter zu bringen gewusst, als wie ihr
Standpunkt war zur Zeit Abrahams.
Möge daher der Kaiser der Franzosen nicht zaudern, und ein Volk, das für
die Wüste geboren ist, dahin zurückdrängen, woher es gekommen ist;
diejenigen, welche den ernsten Willen haben, sich mit den Europäern zu
vereinigen, werden von selbst zurückkommen und müssen die christliche
Religion annehmen, die einzige, unter welcher Civilisation möglich ist.
Durch das Verdrängen der Araber in Masse in die Wüste hinein wird der
Kaiser sich nicht nur den Dank aller Franzosen, sondern auch die
Bewunderung der ganzen christlichen Welt erwerben, und möge die
Geschichte unsere Nachkommen einst lehren: Die Bourbonen wussten die
Algerie zu erobern, die Napoleoniden indess verstanden es, sie in
christlich civilisirtes Land umzuwandeln.--
Beobachtungen über die Wirkungen des Haschisch.
#Mursuk in Fessan, Ende Januar 1866.#
Unter _Haschisch_ verstehen die Araber im weitern Sinne jedes _Kraut_,
näher jedoch bezeichnen sie damit den indischen Hanf, cannabis indica
(nach Linné in die Klasse Dioccia pentandria gehörend), weil an
Vorzüglichkeit jedes andere Kraut gegen dieses in den Hintergrund tritt.
Von Tripolitanien an nennen die Eingebornen diese Pflanze _Tekruri_, und
diesen Namen führt sie auch in der Türkei, Aegypten, Syrien, Arabien und
Persien vorzugsweise.
Graf d'Escayrac de Lauture sagt über die Pflanze Folgendes:
"Die Haschischa ist die Cannabis indica; man findet sie in Afrika, und
wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und Tripoli
eingeführt worden. In letzteren nennt man ihn Tekruri, also mit
demselben Namen, den man in Mekka den von Sudan kommenden Pilgern
giebt, um damit ihre Herkunft anzudeuten. Vielleicht bedeutet Tekruri
auch, wie einige Geographen meinen, irgend eine Provinz in Sudan,
vielleicht auch ist es nichts weiter, als die Ableitung von irgend einer
arabischen Sprachwurzel, welche die Wirkung "verbessern, vollkommener
machen" bezeichnet. Die Haschisch verdankt ihre Wirkung einem
eigenthümlichen Stoffe, den Herr Gastinel, Pharmaceut in Aegypten,
ausgezogen und bestimmt, und dem er den Namen _Haschischin_ gegeben hat.
Dieser Stoff, Harz, ist von einer schönen grünen Farbe, die jedoch
_nicht_ vom Chlorophyll herrührt, kleberig-zäh und von einem
eigenthümlich unangenehmen Geschmack."
Ich füge hier hinzu, dass die Cannabis indica wohl weiter nichts ist als
die verwilderte oder wilde Cannabis sativa, und eher eine Pflanze der
gemässigten Zone als der heissen ist, denn je weiter man nach Süden
vordringt, je seltener und krüppelhafter gedeiht dieselbe. Während man
z.B. äusserst schöne Exemplare in den gemässigten Bergregionen des
Kleinen Atlas der Algerie und Marokko's findet, und die eine Höhe von
manchmal 1-1/2 Meter erreichen, gedeiht in den heissen Oasen Tafilet,
Tuat und Fessan die Pflanze nur kümmerlich, obgleich die Bewohner alle
Sorgfalt auf ihren Anbau anwenden, und von Norden wird dieselbe nach
Süden exportirt.
Die Eingebornen bedienen sich derselben auf verschiedene Weise: Entweder
sie zerschneiden die getrockneten Blätter und Blüthen sehr klein und
rauchen sie rein oder mit Taback vermischt aus kleinen Pfeifen oder
Cigaretten, oder sie vermischen dieselben mit Tumbak (Tabak) und rauchen
so dies Kraut aus der Nargile. In Syrien bereiten sie wie Thee eine Art
Infusion und trinken den Aufguss mit Zucker versüsst, oder endlich man
pulverisirt Blätter und Blüthen, und schluckt dies Pulver rein oder mit
Zuckerstaub vermischt herunter. Auch mit Honig und Gewürzen zu einer Art
Backwerk verarbeitet, bereiten sie aus denselben kleine Kuchen, die
unter dem Namen _Majoun_ verkauft werden.
Mag man nun Haschisch nehmen unter welcher Form man wolle, immer übt
dasselbe einen _starken Rausch_ aus. Europäer jedoch, welche
Beobachtungen darüber anstellen wollen, können dies nur, entweder indem
sie eine Infusion trinken, oder das Haschisch-Pulver essen, denn um eine
Wirkung vom Rausche zu haben, muss man den Rauch so tief einziehen, was
Araber, Perser und Türken zwar auch beim Taback- und Opiumrauchen thun,
dass der Dampf in die Lungen eingesogen, unmittelbar mit dem Blute in
Berührung kommt. Zwei Theelöffel voll Haschisch genügen, um einen
kräftigen Rausch bei einem Neuling hervorzubringen.
Eindruck, den aus mich die Cannabis machte.
#In Mursuk, 25. Januar 1866, Abends 6 Uhr.#
Ich trinke Thee in Gesellschaft Mohammed Besserkis, Enkel des Sultans
Mohammed el Hakem von Fessan. Mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Ich
nehme zwei Theelöffel voll Haschischkraut, welches in einer Kaffeeröste
etwas gedörrt, dann pulverisirt und mit Zuckerstaub gemischt worden war.
Mein Puls war im Moment des Nehmens 90 (wie immer).
Nach einer viertel Stunde gar kein Erfolg. Wir essen zu Abend:
Kameelfleisch mit rothen Rüben, Kameelfrikadellen, weisse gebackene
Rüben, Bohnensalat; Salat aus Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch und
Radieschen bestehend; Brod, Butter und Käse.
Besserki sagt mir, dass die Wirkung nach dem Essen kommen werde, ich
indess,--es ist jetzt 7 Uhr,--merke gar nichts. Wir trinken eine Tasse
schwarzen Kaffee ohne Zucker.
7 Uhr 10 Minuten. Mein Puls hat nur 70; ich friere, obgleich eine Pfanne
mit Kohlen vor mir steht. Besserki sagt, er spüre stark die Wirkung und
befiehlt meinem Diener, einige Datteln zu bringen, um, wie er sagt, die
Wirkung zu beschleunigen; auch ich esse zwei Datteln.
7 Uhr 20 Minuten. Mein Puls 120 oder mehr. Bin ich in einem Schiffe? Die
Stube schaukelt, mein Bewusstsein ist indess vollkommen frei, blos
scheint mir Besserki sehr langsam zu sprechen und ich vergesse oft den
Anfang vom Satze, den er spricht. Auch wenn ich jetzt denke, vergesse
ich, womit ich angefangen.
7 Uhr 45 Minuten. Mein Herz schlägt so, dass ich jeden Schlag höre, Puls
zählen unmöglich.
Besserki sagt, er will fortgehen, mein Diener geht mit; ein anderer
zündet mir eine Nargile an. Ich rauche _und fliege_, obgleich ich mit
den Händen fühle, dass ich liege.
Ich denke ungeheuer schnell und glaube, dass ich beim Schreiben dieser
Zeilen Stunden zubringe.
8 Uhr. Mein Blut schlägt Wellen, _und einzelne Theile fallen von meinem
Körper_, obgleich ich mich dumm[2] niederschreibe, denn ich habe
vollkommen freies Bewusstsein, dass ich alle Glieder besitze. Ich denke,
ich will ausgehen.
8 Uhr 20 Minuten. Ich träumte, ich ginge aus, die _Strassen der Stadt
verlängerten sich_ und waren mir ganz unbekannt, die Häuser sehr hoch;
ich glaube, ich war in der Polizeiveranda, wo ein Mann war, um zu
petitioniren und zu mir mit einem Gesuch kam; ich ging dann zurück und
setzte mich vor mein Haus.
_Ich bin ohne allen Willen_; die Wand gegenüber meinem Hause war schön
tapezirt, auch hörte ich von fern _schöne Musik_ und jetzt schreibe ich
und sehe, dass Alles erlogen ist.
Ich will mich legen, _aber bin ich wirklich verrückt_?
Ich liege jetzt (8 Uhr 30 Minuten), _mein Wille ist ganz weg und in mir
grosser Sturm_. Das Licht brennt seit Stunden und ich kann es nicht
ausblasen, aber ich schreibe, und da ich denke, so bin ich doch wohl
nicht gelähmt.
Bin ich wirklich hier? Mein Hinterkopf ist sehr angefüllt. Ich bin
ungemein leicht, und wenn ich nicht schriebe, würde ich in der Luft
schweben.
#26. Januar Morgens.#
Bis so weit hatte ich gestern Vermögen gehabt, während des Rausches zu
schreiben; ich verfiel dann in einen festen Schlaf, aus dem ich heute
Morgen um 9 Uhr erwachte. Nachdem ich die im Rausche niedergeschriebenen
Empfindungen gelesen, war meine erste Frage, ob ich wirklich nach der
Polizeiveranda gegangen sei, oder dies blos geträumt habe? Es fand sich
denn, dass ich wirklich dagewesen sei, ganz vernünftig gesprochen habe,
überhaupt Niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, dass ich im
Tekrurizustande mich befände.
Nachträglich kann ich nun noch constatiren, dass
1) man sich ungemein leicht glaubt und oft zu schweben meint.
2) Dass der Puls, im Anfange vermindert, im vollen Stadium des Rausches
eine solche Geschwindigkeit erreicht, dass es für den im Rausche
Befindlichen unmöglich ist, ihn zu zählen.
3) Starker Blutandrang nach dem Hinterkopfe.
4) Auffallende Lähmung der Willenkraft.
5) Das Gedächtniss verliert seine Regeln, naheliegende Dinge werden
vergessen, andere aus längst vergangenen Zeiten werden aufgefrischt.
6) Alles erscheint in den schönsten Farben und in vollkommener Harmonie.
7) Manchmal lichte Augenblicke, verbunden mit schrecklicher Angst, dass
dieser Zustand immer dauern möge.
8) Endlich der ganze Rausch sui generis, und eher ein Verrücktsein, als
das, was wir Europäer unter Rausch verstehen, zu nennen.
Heute Morgen indess befinde ich mich vollkommen wohl und verspüre auch
nicht im Mindesten einen sogenannten Katzenjammer.
Von Lagos nach Liverpool
Es war als ob Afrika erbittert sei, dass ein Weisser es gewagt hatte,
den ganzen Continent, den die Araber unter dem Namen "Das Land der
Schwarzen" schlechtweg bezeichnen, durchschnitten hatte, denn als ich
Icoródu verliess, um vom eigentlichen Festlande nach Lagos überzusetzen,
welches eine Insel in den Ossa-Lagunen ist, wären wir zuletzt beinahe
noch mit Mann und Maus, wie wir Deutsche zu sagen pflegen,
untergegangen.
Die Sache verhielt sich so. Am letzten Tage hatte ich meinen Diener
Hammed den Dolmetsch, einen kleinen Negerburschen, den ich von Lokója
aus als Geschenk für den Gouverneur in Lagos mitgenommen hatte, so wie
unsere Packesel zurückgelassen, indem ich mich allein früh Morgens von
Makúm, (siehe Dr. Grundemann's Missions-Atlas, Blatt Nr. 6) zu Pferde
auf den Weg machte, blos von meinem kleinen Privatneger Noël, der
während der langen Reise sich zu einem unermüdlichen Fussgänger
herangebildet hatte, sowie von einem Lagos-Bewohner (ebenfalls zu
Pferde) begleitet, der schon von Ibàdan an mit mir reiste, und dessen
Frau, welche auf dem Kopfe grosse Kürbisschalen trug, in denen sie ihre
Vorräthe hatte, ihrem Manne zu Fuss treu nachtrabte. Denn unsere Pferde,
als ob sie wüssten, dass auch sie nun bald würden erlöst sein, schritten
wacker aus, obgleich das meinige schon seit Tagen nur noch von Gras
lebte, indem Korn, so viel Muscheln wir auch immerhin boten, um keinen
Preis aufzutreiben war. So ununterbrochen dahin reitend, immer im
dichten Urwalde, dessen Pfad so eng war und so überwachsen, dass man
öfter absteigen musste, da der Reiter zu hoch war, erreichten wir denn
auch ohne weitere Ereignisse und Unfälle die wichtige Handelsstadt
Ikoródu ungefähr gegen 1 Uhr Nachmittags.
Ikoródu, ausschliesslich von Schwarzen vom Stamme Ijebu bewohnt, die
jedoch mit ihren Stammesgenossen in keinem allzu freundlichen
Verhältnisse stehen, da sich die Stadt des Handels wegen in eine Art
Abhängigkeitsverhältniss zum Gouvernement von Lagos gestellt hat,
wetteifert jetzt mit Abeokúta, einer Stadt von 100,000 Einwohnern, um
die Landesproducte, hauptsächlich Palmöl, Palmnüsse und Baumwolle gegen
die europäischen Fabrikate, besonders Schnaps, Pulver, Gewehre,
Zeugstoffe und andere kleine Artikel umzutauschen. Und Ikoródu würde
vielleicht bald Abeokúta bedeutend im Handel übertreffen, weil es nur
vier Stunden von Lagos entfernt liegt, wenn nicht eben diese Stadt am
schiffbaren Ogun-Flusse läge, sodass also die Producte schon mehrere
Tage weit auf die bequemste und leichteste Weise ins Innere
transportirt werden können.
Wir hielten uns übrigens gar nicht in Ikoródu auf, sondern durchritten
schnell die Stadt und den lärmenden Markt, wo neben einheimischen
Producten, europäische Artikel en détail verkauft wurden, und
hauptsächlich unser Altonaer Kümmel und schlechter amerikanischer Rum
eine reichliche Abnahme fanden--und zum anderen Thore wieder
herauskommend, begaben wir uns dann direct zum Landungsplatze, der
ungefähr eine Viertelstunde südwestlich von der Stadt entfernt liegt.
Ich glaubte das Meer zu sehen, und doch war es nur erst die
baumumkränzte Lagune, aber so entfernt und so weit sind die
gegenüberliegenden Ufer jener oft durchbrochenen schmalen Landzunge, die
dickbelaubt sich weithin vor's eigentliche Festland herzieht, dass man
mit blossem Auge eben nichts als eine tiefblaue Wasserfläche vor sich
hat. Am Landungsplatze fanden wir eine Menge kleiner Hütten, theils leer
und für etwaige Reisende zum Uebernachten aufgebaut, theils von
Verkäufern und Garköchen besetzt, welche damit beschäftigt waren, neben
Kleinwaaren, Obst und anderen Sachen, welche sie ausboten, Yams-Scheiben
und kleine Mehlkügelchen in Palmöl zu rösten, oder eine starkgepfefferte
Krautsauce zubereiteten, welche als Zuspeise zu dem weitverbreiteten
Madidi (es ist dies der Haussa Name; der an der Küste in der
Yóruba-Sprache übliche ist mir nicht bekannt), eine Art in grosse
Blätter eingekochter Kleister aus indianischem Korne, gegessen wird.
Auch 20-30 grössere Kanoes lagen am Strande, und alle Augenblick kamen
mit der günstigen Seebrise neue und meist sehr schwer beladene
angesegelt, welches einen reizenden Anblick gewährte, und viel Leben und
Treiben am Ufer hervorrief.
Nachdem wir mein Pferd abgesattelt hatten und es dann frei umhergehen
liessen, nahmen auch wir eine von den Hütten in Beschlag, denn schon am
Morgen hatten wir auf unsere Kosten erfahren, dass hier an der Küste die
Regenzeit noch weniger ein Weilen im Freien gestattet, als weiter im
Innern, wo doch nach einem heftigen Tornado meist wieder ein eintägiger
Sonnenschein folgt. Dann dachten wir auch daran, uns etwas Lebensmittel
zu kaufen, denn am ganzen Tage immer zu Pferde, hatten wir uns nur Zeit
gelassen, um einige Madidi, die man das Stück, eine Hand gross, für 10
Muscheln (an der Küste gehen 6000 Muscheln, im Innern 4000 auf einen
Thaler) überall am Wege zu kaufen findet, im Weiterreisen zu verspeisen.
Es fand sich nun aber, dass, obgleich der Markt sehr verlockend mit
allerhand Negergerichten ausgestattet war, und namentlich
westafrikanische Früchte, als Bananen, Plantanen, Pisang, Ananas u.a.m.
in Hülle und Fülle auslagen, wir keine Muscheln mehr hatten. Als wir
Morgens in der Eile früh sattelten, hatte Noël vergessen, aus dem
grossen Muschelsack hinreichend für uns welche herauszunehmen, unser
ganzer Reichthum bestand noch in 20 Muscheln, was gerade genug war, um
unseren regen Hunger erst recht anzureizen. Wir mussten also suchen
etwas zu verkaufen, aber Alles, was wir allenfalls von übrigen
Kleidungsstücken hätten entbehren können, war auch bei den Packeseln
zurückgeblieben, bis endlich Noël mich an ein paar neuseidene rothe
Taschentücher erinnerte, welche ursprünglich als Geschenke für kleinere
Häuptlinge hätten dienen sollen, indess beim Ende der Reise keine
Verwendung mehr gefunden hatten. Ich hatte dann später die Depeschen und
Briefe der beiden Weissen in Lokója hineingewickelt, um sie auf diese
Art besser gegen Regen und Schmutz zu schützen. Die Briefe wurden also
schnell bloss gelegt, auf die Gefahr hin, schmutzig zu werden, und der
Lagos-Mann, der vielleicht Muscheln besass, aber that, als ob er keine
hätte, auf den Markt geschickt, um die Tücher zu verauctioniren. Da die
Marktleute wahrscheinlich gleich durchschauten, dass wir keine Muscheln
bei uns hatten, sich überdies wohl denken konnten, wir seien nach einem
langen Ritte sehr ausgehungert, so boten sie uns natürlich für die
Tücher so niedrige Preise, dass ich anfangs nicht darauf eingehen
wollte. In der That verlangten sie die Tücher ungefähr für ein Viertel
des Preises, zu dem man sie in Europa in den Fabriken verkaufen würde.
Aber was thun? Hunger ist einer der despotischsten Herren, und wenn ich
selbst es zur Noth noch bis nach Lagos hätte aushalten können, so
dauerte mich mein treuer kleiner Noël, der sich zwar auch zum Hungern
bereit erklärte, aber seine Blicke gar nicht von den verlockenden
Oelkügelchen wegwenden konnte. Auch die Frau Negerin, welche dem
Lagos-Manne immer zu Fusse nachgetrabt war, gab mir durch Zeichen zu
verstehen, dass die Yams-Scheiben ausgezeichnet wären, und so wurde
unser Mann wieder beordert, die Tücher auf den Markt zu tragen. Aber o
Schicksal! Hatten die Neger schon früher so geringe Preise geboten, so
wollten sie dieselben jetzt um eine noch geringere Summe haben, aber um
nur nicht gar mit meinen seidenen Sacktüchern sitzen bleiben und hungern
zu müssen, gab ich sie nun à tout prix fort. Noël wurde dann ausgesandt,
um Ekoréoa, so heisst man die kleinen Mehlkügelchen, welche in Palmöl
gesotten sind, Yams und Früchte zu kaufen und dann nochmals wieder
abgeschickt, denn unsere beiden Lagos-Gefährten, Mann und Frau, assen
für viere; endlich indess waren Alle satt.
Mittlerweile kamen immer mehr Kanoes von Lagos herangesegelt, welches,
bei dem bunten Vordergrunde, einen entzückenden Anblick gewährte; theils
benutzte man anstatt ordentlicher Segel irgend ein grosses
Kleidungsstück, theils auch waren es viereckige grosse Stücke Zeug, aus
einheimischen schmalen Cattunstreifen zusammengenäht. Nach beiden Seiten
ragten sie natürlich weit über das schmale Kanoe hinaus. Man hatte mir
gesagt, dass alle Abend ein grösseres, dem Gouverneur von Lagos
gehörendes Schiff herüberkäme und dass es am besten sein würde, mit
diesem überzufahren. Es kam dies denn auch bald in Sicht, indem es
erkenntlich war au einer weissen Flagge, auf welche ein V.R. (Victoria
regina) gestickt war.
Ein uniformirter Neger sprang aus dem Boote und noch zwei andere
folgten, die seine Untergebenen zu sein schienen. Wir wurden schnell mit
einander bekannt, obgleich der uniformirte Bootsführer das Englisch auf
jene eigene Art der Neger spricht, wodurch es fast zu einer neuen
Sprache wird.
Er sagte mir, er würde noch am selben Abend zurückfahren, erbat sich
auch, da sein Schiff hinlänglich gross sei, mein Pferd mitzunehmen,
welches ich jedoch, als bei einer Nachtfahrt zu gefährlich, ausschlug.
Als ich dann aber um 9 Uhr Abends das Fahrzeug bestieg, liess ich das
Pferd unter der Obhut des kleinen Noël zurück, indem ich ihm sagte, so
lange im Landungsorte von Ikoródu zu bleiben, bis die anderen Diener und
Esel ankämen, und dies konnte wohl kaum vor Mitternacht oder dem
folgenden Morgen der Fall sein.
Wir waren also im Ganzen zu vier Mann, und sobald wir es uns bequem
gemacht hatten, spannten die Neger die Segel auf, um den zwar nicht
starken, aber jetzt bei Nacht günstig wehenden Landwind zu benutzen.
Ueberdies schaufelten sie noch mit ihren kleinen runden Rudern, so dass
wir schnell das Ufer verliessen. Aber nur ungefähr eine Stunde hielten
sie so bei, denn, sei es Müdigkeit oder hatte der Barássa, so heisst in
der Lingua franca der Branntwein, das Seinige gethan, sie legten die
Schaufeln nieder und überliessen sich einem ruhigen Schlafe. Das Schiff
folgte indess mit aufgespanntem Segel noch leise dem Hauche des Windes,
obgleich derselbe fast ganz nachgelassen hatte, und der heiterste
tiefblaue Sternenhimmel sich über uns wölbte. Auch ich, denkend, es sei
eben so passend, Morgens in Lagos anzukommen, als mitten in der Nacht,
dachte keineswegs daran, sie wieder aufzuwecken, sondern streckte mich
ebenfalls auf meiner Matte aus, und die fremden Sternbilder betrachtend,
schlief ich auch schnell ein, ermüdet, wie ich von einem langen Ritte
war.
Aber lange sollte unser Schlaf nicht dauern und die lieblichen Bilder
von Venedigs Lagunen, die sich mir im Traume vorstellten, wurden unsanft
durch eine starke Schaukelbewegung des Kanoe zerstört. Ich richtete mich
schnell auf, und der pechschwarze Himmel, das Zucken der Blitze
überzeugte mich schnell, dass einer jener Tornado im Anzuge sei, von
deren fürchterlicher Gewalt und Heftigkeit eben nur die heisse Zone
Zeuge ist.
Trotz des heftigen Stosses waren meine schwarzen Begleiter nicht
erwacht, erst auf mein Rufen und auf eine handgreifliche Demonstration
sprangen sie auf, und ein fürchterlicher zweiter Windstoss, der von
allen Seiten zugleich herzukommen schien, brachte ihnen rasch das
Gefährliche unserer Lage vor Augen. Schnell half ich ihnen die immer
noch ausgespannten Segel mit reffen, was wegen der entsetzlich starken
und unregelmässig bald hier, bald dort her kommenden Windstösse keine
Kleinigkeit war, dann aber nahm in kurzer Zeit der Sturm dermassen zu,
und sein Toben war zuweilen nur noch durch das Krachen des Donners
übertönt, dass wir innerhalb fünf Minuten an's Ufer geschleudert waren.
Aber keineswegs war unsere Lage hierdurch verbessert, denn wenn ich Ufer
sage, so muss man dabei nicht an einen Strand oder auch nur sonst etwas
Aehnliches denken: wir wurden gegen die Tausende von Mangrovenstützen
oder Wurzeln geworfen, die weit vom wirklichen Ufer aus, oft eine
Viertelstunde entfernt oder länger sich ins Wasser hineinerstrecken, und
unter günstigen Umständen von ihren vorstreckenden Zweigen alljährlich
neue Luftwurzeln, die das Wasser suchen, abwerfen, welche mit der Zeit
zu dicken Stützen oder Stämmen werden. Wer nicht selbst an
salzseeartigen Lagunen diese eigenthümliche Vegetation der Mangroven
gesehen hat, kann sich kaum durch eine blosse Beschreibung einen Begriff
davon machen. Am besten glaube ich, wird man mich verstehen, wenn ich
sage, dass eine dicke grüne Laubdecke von Tausenden von dicken oft 3-4,
oft aber auch von 10 Fuss hohen Stützen getragen, über dem Wasser zu
ruhen scheint. Unter dieser Laubdecke ist aber das Wasser noch sehr
tief, und je weiter vom wahren Ufer ab, je tiefer. Gegen diese Stämme
aus Luftwurzeln ursprünglich gebildet, wurde nun unser Schiffchen durch
die widerstandlose Kraft des Windes geschleudert, und jeder hohe
Wellenschlag, abgesehen davon, dass er es fortwährend mit Wasser
füllte, schien, als ob er es zertrümmern müsse.
Unter den fürchterlichsten Regengüssen, einem unaufhörlichen
Donnergeroll, bei einer pechschwarzen Finsterniss, oft indess durch nahe
electrische Feuerschläge, die zischend ins tobende Wasser fielen,
taghell erleuchtet, blieben wir so mehrere Stunden lang in dieser
gefährlichen Lage. Vergebens bemühten wir uns durch Festklammern an die
Baumstämme dem Schiffe mehr Halt zu geben, eine jede neue Welle riss uns
wieder weg und schleuderte uns dann wieder zurück gegen die Baumwand.
Ich versuchte es mehrere Male mich den Negern verständlich zu machen,
aber der unerhörte Lärm des Himmels und des Meeres machte jedes Sprechen
unmöglich; in dieser lebensgefährlichen Stellung blieben wir fast bis
Tagesanbruch, indem der Tornado merkwürdiger Weise fast sieben Stunden
seine Wuth an uns ausliess, während er sonst in der Regel nur von kurzer
Dauer ist. Trotzdem gingen wir siegreich, wenn auch erbärmlich
zugerichtet, aus dem Kampfe hervor: unsere beiden Masten waren
abgebrochen, die gegen die Baumstämme gerichtet gewesene Seite des
Schiffes war so zugerichtet, dass dasselbe eben nur noch dienen konnte,
um uns nach Lagos zu bringen, wir selbst aber waren, das war nun
freilich kein grosses Unglück, der Art, als ob wir im Wasser gelegen
hätten, und namentlich meine Neger, die es weniger angemessen fanden, in
einem nasskalten Hemde zu sitzen, als sich von der aufgehenden Sonne
die schwarz lackirte Haut bescheinen zu lassen, wussten bald, was thun,
sie reducirten sich bis auf Vater Adams Kleid und legten ihr Hemd in die
Sonne.
Und diese schien denn auch heiter genug, denn sobald einmal ein solches
Unwetter seine Wuth ausgelassen hat, wird man mit dem reinsten Himmel
belohnt; nach zwei Stunden schon hatten mich die Neger nach Lagos
gebracht, und wir landeten am nördlichen Ende der Insel zwischen einer
grossen Menge von Canoes.
Ohne weitere Empfehlungen für Jemand in der Stadt, mit Ausnahme, dass
ich Pass und Depeschen der beiden Weissen in Lokója von dorther für den
Gouverneur von Lagos überbrachte, indem die dort angesiedelten Engländer
seit sechs Monaten vergeblich versucht hatten, einen Courier nach der
Küste durchzuschicken, war es ganz natürlich, dass ich beim Gouverneur
mein Absteigequartier nahm, und ohne weitere Umstände und Anmeldung
begab ich mich nach dem stattlichen ganz aus Eisen gebauten
Gouvernementsgebäude, das am anderen Ende der Inselstadt, auf dem
europäischen Quai liegt. Freilich sah ich nicht sehr präsentabel aus,
als ich vor Herrn Glover (so heisst der derzeitige Gouverneur von Lagos,
der der geographischen Welt sehr wohl bekannt ist, durch seine schönen
Nigerkarten, indem er vor Jahren auf Kosten der englischen Regierung mit
einem Dampfer den Niger hinauf explorirte bis Rabba und die genauesten
Karten vom Niger geliefert hat, die wir überhaupt besitzen) erschien.
Meine hohen Stiefeln quatschten bei jedem Schritte vom Wasser, das in
sie gelaufen, aus meiner langen weissen Tobe bezeichnete hinter mir ein
unaufhörlicher Tropfenfall den Weg, den ich gegangen war.
Aber in Afrika kennt man keine Ceremonien, und selbst der Holländer
verliert dort seine Steifheit und grollt dem Fremden nicht, der es wagen
würde mit unabgekratzten Schuhen sein Haus zu betreten. Herr Glover
hiess mich daher herzlich willkommen, und als er sah und verstanden
hatte, wer ich sei, wollte er keine weitere Erklärung: zuerst ein warmes
Bad und dann musste ich von seinen eigenen Kleidern anziehen. Ich fand
mich natürlich gleich ganz wie zu Hause, und seine Gesellschaft, drei
Marineofficiere, von denen der eine sein Privatschreiber, die anderen
seine zufälligen Gäste waren wie ich, trugen nicht wenig dazu bei, den
Aufenthalt angenehm zu machen.
Indess sollte ich doch nicht lange unter dem gastlichen Dache von Herrn
Glover bleiben; schon beim Frühstück, woran oben genannte Herren, sodann
der deutsche Pfarrer Herr Mann, ein früherer Missionär in Abeokúta und
jetzt in Lagos angestellt, theilnahmen, stellte sich der Chef der
O'Swald'schen Factorei in Lagos ein, Herr Philippi. Wie ein Lauffeuer
war nämlich das Gerücht durch die Stadt gegangen, es sei ein Weisser
über Land angekommen, und man vermuthe, der Weisse sei ein Deutscher.
Wie war da denn nur Haltens bei diesem trefflichen Manne. "Wo ist der
Deutsche? Wer ist es?" waren seine ungestümen Fragen, als er den Salon
betrat, und als der Gouverneur mich ihm vorgestellt und er mir die Hand
gedrückt hatte, erklärte er Herrn Glover ganz kurz, dass ich sein sei,
dass er ein grösseres Recht auf mich habe, um Gastfreundschaft zu
erweisen, als der englische Gouverneur.--Sowohl Herr Glover als auch ich
waren in grosser Verlegenheit, der Gouverneur, weil er nicht wusste, wie
er sich einer so kurz und bündig gestellten Forderung des Herrn
Philippi, der überdies sein Freund war, gegenüber benehmen sollte, ich
andererseits noch mehr, indem ich einerseits durch ein so schnelles
Weggehen Herrn Glover beleidigen konnte, andererseits aber auch eine so
schmeichelhafte Einladung des Chefs vom ersten deutschen Handlungshause
an der Westküste Afrikas nicht abschlagen wollte.
Genug, Herr Philippi wusste es so einzurichten, dass ich mit ihm gehen
und noch am selben Tage in der O'Swald'schen Factorei meine Wohnung
aufschlagen konnte. Ich hatte keineswegs bei dem Tausche verloren.
Am andern Tage kam, zum Ergötzen der Lagos-Bewohner, auch meine
Karawane, die beim Uebersetzen über die Lagune mehr als ich begünstigt
gewesen war; voran kam Noël mit meinem abgemagerten Schimmel, dann
Hamed, seinen Esel, der nicht mehr stark genug war, um ihn zu tragen,
vor sich hertreibend, endlich die beiden Lastesel, je Tom und Bu-Chari,
den Dolmetsch mit Stöcken hinter sich. Aber in Lagos wie in Yóruba- und
Izebu-Lande hatte man nie vorher graue Langohren gesehen, und so kam
es, dass die halbe schwarze Bevölkerung der Karawane nachzog, und es vor
der Factorei dicht und schwarz gedrängt voll Menschen stand, als sie
durch's hohe Hofthor einzogen.
Da der Dampfer zwar schon angekommen, aber noch weiter nach Bonny und
Cámerun gefahren war, nun aber erst in einigen Tagen zurückerwartet
wurde, so hatten wir vollkommen Zeit, die Annehmlichkeiten des
gastfreisten deutschen Hauses unter den Tropen Afrikas kennen zu lernen,
sowie auch Musse, die Stadt in Augenschein zu nehmen.
_Lagos_, dieses neue Handelsemporium der Engländer, liegt, wie schon
erwähnt, auf einer Insel, und ist seit den wenigen Jahren unter dem
englischen Gouvernement zu einer Stadt von 50,000 Seelen herangewachsen.
Die schönen breiten Strassen, welche, unter einer aufgeklärten
Administration, die kleinen engen Pfade der Neger verdrängt haben, die
zweckmässige Bauart der Häuser, welche jetzt sämmtlich aus Backsteinen
aufgeführt werden, haben ausserordentlich zur Verbesserung des
Gesundheitszustandes beigetragen. Und wenn auch noch heuer schwere
Wechsel- und Sumpffieber immer an der Tagesordnung sind, kommt doch
Malaria jetzt äusserst selten vor, und das gelbe Fieber und die Cholera
haben sich noch nie in Lagos gezeigt. Eben so ist die andere Plage der
grossen Bucht an der Westküste von Afrika, der Guinea-Wurm, in dieser
Stadt fast ganz unbekannt.
Die englische Regierung hat hier zwei Compagnien schwarzer
westindischer Soldaten, ausserdem ebenso viele, die aus eingebornen
Negern recrutirt werden, und hauptsächlich aus dem Haussa-Stamme
genommen werden. Es ist letzteres merkwürdig genug, da im Innern Afrikas
die Haussa als feige verschrien sind, und liegt darin allerdings ja auch
ein thatsächlicher Beweis, dass die Haussa als eine selbständige Nation
durch ihre Unterjochung von den Fellata zu existiren aufgehört haben.
Indess sollen sie unter englischem Commando, wie Herr Glover mir
mittheilte, sich zu tüchtigen Soldaten ausbilden. Allgemein sind sie
übrigens wegen ihrer grossartigen Diebereien und abgefeimten Räubereien
verschrien, und wenn Europäer oder andere Neger durch das sogenannte
Haussa-Viertel, denn es wohnen auch viele Haussa-Leute mit ihren
Familien, auch ohne Soldaten zu sein, in der Stadt, gehen, pflegen sie
sich die Tasche zuzuhalten. Ausserdem sind noch einige
Marineartilleristen zur Bedienung der auf dem Quai vor dem
Gouvernementshause aufgepflanzten Geschütze vorhanden. Die Soldaten sind
sehr zweckmässig uniformirt, und für ihre andere Bequemlichkeit sorgt
eine luftige Caserne und ein gut eingerichtetes Hospital.
Ein Gemeinderathhaus ist gerade im Bau begriffen, eben so wie eine
hübsche steinerne Kirche. Bethäuser und Schulen sind ausserdem schon
mehrere vorhanden, denn die church missionary society, sowie die Wesleyn
methodists haben mehrere Prediger hier. In der That scheinen, trotzdem
dass auch die Mohammedaner mehrere Moscheen in Lagos haben und leider
auf eine dumme, unvernünftige Art von Herrn Glover, dem jetzigen
Gouverneur der Insel, begünstigt werden, die Missionäre hier mit Erfolg
zu wirken. Als ich Sonntags die Kirche oder vielmehr das grosse Bethaus
besuchte, fand ich eine volle und hauptsächlich aus Negern, jedoch auf
europäische Art gekleidet, bestehende Versammlung, und ungemein freute
es mich, als die kleinen schwarzen Knaben und, Mädchen, nur von einigen
wenigen weissen Kindern unterstützt, mit Präcision und Gefühl die
schönsten Choräle, von einem Harmonium, das ihr schwarzer Lehrer
spielte, begleitet, sangen.
Als hervorragende Persönlichkeit steht an der Spitze der Geistlichkeit
in Lagos und als Director der sogenannten evangelischen schwarzen
Niger-Mission der Bischof Crowther. Dieser Neger, aus einem kleinen
Dorfe in Yóruba gebürtig, wurde als Kind geraubt und den Portugiesen
verkauft. Er hatte jedoch das Glück, von den Engländern gekapert zu
werden, und von der Vorsehung dazu bestimmt, als ein auserlesenes
Werkzeug dem Christenthume und der Civilisation zu dienen, wurde er nach
Freetown in Sierra-Leone gebracht, wo er seine erste Erziehung erhielt
und getauft wurde. Er zeigte bald so hervorragende Eigenschaften und
Geistesanlagen, dass man ihn zur weiteren Ausbildung nach England
schickte, genug wenn ich sage, dass er heute Bischof ist. Aber nicht nur
als Geistlicher wusste er sich in jeder Beziehung auszuzeichnen, er
leistete gleich Grosses im Gebiete der afrikanischen Sprachen, seine
Uebersetzung der heiligen Schrift in die Yóruba-Sprache, mehrere
Grammatiken, darunter eine der Nyfe-Sprache, legen Zeugniss seiner
gründlichen Bildung ab; endlich die Reisebeschreibung der Niger- und
Bénuē-Expedition, welche Herr Crowther mit dem verstorbenen Dr.
Baikie machte, lassen ihn als einen ausserordentlich vielseitig
gebildeten Mann erkennen. Leider konnte ich nicht die persönliche
Bekanntschaft dieses ausserordentlichen Mannes machen, denn während
meiner Anwesenheit in Lagos war er auf einer Inspectionsreise nach
Bonny, immer besorgt um das Wohl seiner Missionen.
Auf dem grossen Quai breiten sich dann rechts und links vom
Gouvernementsgebäude die schönen Factoreien oder Handelsetablissements
der Europäer aus, und von allen diesen ist die O'Swald'sche, wie schon
erwähnt, die erste. Es giebt indess noch mehrere andere Häuser in Lagos,
die gute Geschäfte machen. Der zweiten grössten Factorei steht ein
Marseiller Haus vor, und die Engländer, obgleich sie sich natürlich auch
bedeutend am Handel betheiligen, da ja die ganze Insel jetzt ihr
Eigenthum ist, kommen doch erst in zweiter Linie; so hat auch die
westafrikanische Compagnie deren Directorium in Liverpool ist, in den
letzten Jahren sehr an ihrer Bedeutung verloren.
Der Handel, was Export anbetrifft, beruht hauptsächlich auf Palmöl, das
theils fertig von den Eingeborenen den Europäern zum Austausch oder zum
Verkauf gebracht wird, theils auf die Nüsse der Oelpalme, welche roh
nach Europa verschifft werden und dann dort durch Auspressen und andere
Zubereitung ein doppeltes Product ergeben, nämlich Stearin und Oel. Was
Baumwolle und Kornausfuhr anbetrifft, so ist die Production derzeit noch
zu gering, um bedeutend ins Gewicht zu fallen, für beide Artikel ist
indess eine grosse Zukunft vorhanden, denn kein Boden ist günstiger für
Korn, Indigo, Taback und Baumwolle als der afrikanische, man trifft
diese Pflanzen auf jedem Schritt und Tritt, so dass man versucht sein
möchte, sie für einheimische zu halten. Die Oel-Ausfuhr aber selbst
liegt noch ganz in der Kindheit, denn von einer eigentlichen Ausbeutung
ist bei der Undurchdringlichkeit der Wälder, heutzutage noch keine Rede,
aber bei der gänzlichen Stockung des Sklavenhandels von Lagos aus, und
eben weil wiederum die Neger die europäischen Producte nicht entbehren
können, werden sie schon Mittel und Wege finden, um nach und nach auch
die Millionen von Palmen, die sich in den schwarzen Wäldern finden,
ihren Tribut zahlen zu lassen.
Was die Einfuhr anbetrifft, so stehen in erster Linie Schnaps, und zwar
schlechter holländischer und deutscher Genever, amerikanischer Rum, dann
Pulver, Steinschlossgewehre, leichte amerikanische Cattune, Perlen und
andere kleinere Artikel, dann zweitens die Importation der kleinen
Muscheln, welche als Scheidemünze in Afrika gelten. Diese werden vom
indischen Archipel zu Schiffe an die Ost- und Westküste von Afrika
gebracht. Obwohl nun sowohl im Innern als auch an der Küste der Werth
derselben grossen Schwankungen unterliegt, kann man doch im grossen
Allgemeinen sagen, dass ein Maria-Theresien-Thaler im Innern 4000
Muscheln, an der Küste indess 6000 werth ist. In Lagos werden sie bei
der Importation en gros von den Europäern gewogen und später in Körbe[3]
von je zu 20,000 verpackt, und vom Niger an kommen sie nur noch in
kleinen Paketen vor, obgleich doch noch in Seg-Seg (westliches
Königreich vom Kaiserreich Sókoto) Käufe und Verkäufe von
Hunderttausenden von Muscheln gemacht werden.
Der Verkehr in der Stadt ist meist zu Fuss, obwohl die Vornehmen und
Reichen, seien sie nun schwarz oder weiss, meist zu Pferde ausreiten.
Der Lagunendienst wird durch eine grosse Zahl von kleinen Booten und
Kanoes besorgt, die alle numerirt sind, und die grösseren Häuser, wie
O'Swalds, die französische Factorei und die westafrikanische Compagnie
haben ihre eigenen Dampfer, die bestimmt sind, theils die Waaren zu den
grossen Segelschiffen, welche der Barre halber in die Lagune nicht
einlaufen können, hinauszutransportiren, theils auch, um kleinere
Segelschiffe, als Brigg und was darunter ist, in die Lagune
hereinzuschleppen. Der Gouverneur hat ausserdem auch für den Dienst
einen Dampfer zur Disposition, welcher Eigenthum der Colonie ist.
Die Bevölkerung von Lagos ist so überwiegend schwarzer Raçe, dass die
wenigen Weissen, vielleicht hundert an der Zahl, ganz darunter
verschwinden. Diese Schwarzen sind wieder von den verschiedensten
Stämmen, obwohl Yóruba- und Sabu-Leute vorwiegend vorhanden sind. Man
glaube indess nicht, dass die schwarze Bevölkerung eine niedere Stufe
einnimmt, wie denn überhaupt der schlechtweg ausgesprochene Grundsatz,
die schwarze Bevölkerung sei gar nicht der Civilisation fähig, ein sehr
schlecht basirter ist. Freilich haben die, welche sich zu dieser Ansicht
bekennen, sich wohl hauptsächlich auf die schwarze Bevölkerung Amerikas
bezogen, aber von einer seit Jahrhunderten durch Sklaverei unterdrückten
Bevölkerung Schlüsse auf eine ganze Raçe ziehen zu wollen, wäre ebenso
unsinnig und lächerlich, als wolle man der ganzen europäischen Familie,
weil gerade die Griechen ihre eben errungene Freiheit weder ertragen
noch benutzen können, politische Unmündigkeit vorwerfen. Doch es würde
zu weit führen, dies Thema hier zu behandeln, genug, dass ich als
Beispiel anführe, dass Herr Philippi mir unter anderem Zutritt zum Hause
James verschaffte, welches ebenfalls einem Schwarzen gehört, der ein
bedeutendes Colonialwaarengeschäft betreibt. Seine Frau, Md. James,
ebenfalls eine Schwarze, war einst dazu bestimmt, einem Engländer, der
den König Dáhome besuchte, zu Ehren geopfert zu werden, wurde aber auf
Wunsch des Weissen befreit, und ist jetzt in Lagos eine der
liebenswürdigsten Salondamen.--Sie hatte mehrere Male die Güte die
schönsten und schwierigsten Sonaten und Symphonien von Mozart und
Beethoven uns vorzuspielen. Ich habe hier nur ein Beispiel von der
Fähigkeit, sich zu bilden, bei den Negern angeführt, ich könnte deren
hundert bringen.