Ueber einige fossile menschliche Ueberreste.
Ich habe in der vorhergehenden Abhandlung zu zeigen mich bemüht, dass
die =Anthropini=, oder Familie des Menschen, eine wohl umschriebene
Gruppe der Primaten bilden. Zwischen ihr und der unmittelbar folgenden
Familie der =Catarhini= fehlt in der jetzigen Schöpfung irgend eine
Uebergangsform oder ein Verbindungsglied ebenso vollständig, wie
zwischen den =Catarhini= und =Platyrhini=.
Es ist nun aber eine allgemein angenommene Lehre, dass die anatomischen
Abstände zwischen den verschiedenen jetzt existirenden Formen der
organischen Geschöpfe verkleinert oder selbst zum Verschwinden gebracht
werden, wenn wir die lange und vielgestaltige Reihe von Pflanzen und
Thieren mit in Betracht ziehen, welche den jetzt lebenden vorausgegangen
sind und die wir nur in ihren fossilen Resten kennen. In wie weit diese
Ansicht gegründet ist, in wie weit sie andererseits nach dem
gegenwärtigen Zustande unserer Kenntniss die wirklichen Thatsachen
überschätzt und eine Uebertreibung der sicher aus diesen zu ziehenden
Schlüsse enthält, dies sind Punkte von grosser Bedeutung, auf deren
Discussion ich mich aber für jetzt nicht einlassen will. Dass überhaupt
eine solche Ansicht von den Beziehungen ausgestorbener zu lebenden
Wesen ausgesprochen worden ist, reicht hin, uns zu der scrupulösen
Untersuchung zu führen, in wie weit die neueren Entdeckungen
menschlicher Ueberreste im fossilen Zustande jene Ansicht unterstützen
oder ihr widersprechen.
[Illustration: Fig. 23. Der Schädel der Höhle von Engis, von der rechten
Seite gesehen. Halbe natürliche Grösse. -- _a_ glabella, _b_
Hinterhauptshöcker (_a_ nach _b_ Hinterhaupt-Stirnlinie), _c_ Oeffnung des
knöchernen Gehörgangs.]
Ich werde mich bei Erörterung dieser Frage auf jene fragmentären
menschlichen Schädel aus den Höhlen von Engis im Meusethal in Belgien
und des Neanderthals bei Düsseldorf beschränken, deren geologische
Verhältnisse Sir Charles Lyell mit so viel Sorgfalt untersucht hat[39].
Gestützt auf seine Autorität, nehme ich als ausgemacht an, dass der
Schädel von Engis einem Zeitgenossen des Mammuth (_Elephas primigenius_)
und des wolligen Rhinoceros (_Rhinoceros tichorhinus_) angehörte, mit
deren Knochen zusammen er gefunden wurde, dass ferner der
Neanderthalschädel von grossem, wennschon unbestimmtem Alter ist. Was
auch das geologische Alter des letzteren Schädels sein mag, so halte ich
es (nach den gewöhnlichen Grundsätzen paläontologischer Folgerungen) für
völlig sicher, anzunehmen, dass nur der erstere bis jenseits der
unbestimmten biologischen Grenze hinüberführt, welche die gegenwärtige
geologische Epoche von der ihr unmittelbar vorausgehenden trennt. Und es
kann auch darüber kein Zweifel bestehen, dass sich die physikalisch
geographischen Verhältnisse Europas seit der Zeit wunderbar geändert
haben, in welcher Knochen von Menschen, Mammuths, Hyänen und
Rhinocerossen bunt durch einander in die Höhle von Engis geschwemmt
wurden.
Der Schädel der Höhle von Engis wurde von Professor Schmerling entdeckt
und mit anderen gleichzeitig ausgegrabenen menschlichen Ueberresten in
seinem werthvollen Werke beschrieben: »Recherches sur les ossemens
fossiles découverts dans les cavernes de la province de Liège,« 1833 (S.
59 und folgende), aus welchem die folgenden Stellen, unter möglichster
Wahrung der genauen Ausdrucksweise des Verfassers, ausgezogen wurden:
»An erster Stelle muss ich bemerken, dass diese menschlichen Ueberreste
in meinem Besitz, ganz wie die Tausende von Knochen, die ich neuerdings
ausgegraben habe, durch den Grad der Zersetzung charakterisirt sind, dem
sie unterlegen sind und der genau derselbe ist wie bei Knochen
ausgestorbener Arten. Alle, mit wenig Ausnahmen, sind zerbrochen; einige
sind abgerundet, wie es häufig bei den Resten anderer Arten gefunden
wird. Die Brüche sind senkrecht oder schräg; keiner ist erodirt; ihre
Farbe weicht nicht von der anderer fossiler Knochen ab und schwankt vom
weisslich gelben bis zum schwärzlichen. Alle sind leichter als frische
Knochen, mit Ausnahme derer, die kalkig incrustirt sind und deren
Höhlungen mit Kalk erfüllt sind.
Der Schädel, den ich auf Taf. I, Fig. 1 und 2 habe abbilden lassen, ist
der einer alten Person. Die Nähte beginnen zu verschwinden; alle
Gesichtsknochen fehlen und von den Schläfenbeinen ist nur ein Fragment
des rechten vorhanden.
Das Gesicht und die Basis des Schädels war schon vor der Ablagerung des
Schädels in der Höhle getrennt; denn wir waren nicht im Stande, diese
Theile zu finden, obgleich die Höhle planmässig durchsucht wurde. Der
Schädel fand sich in einer Tiefe von anderthalb Metern (beinahe 5 Fuss)
unter einer aus Ueberbleibseln kleiner Thiere bestehenden Knochenbreccia
verborgen, die einen Rhinoceroszahn und mehrere Zähne von Pferden und
Wiederkäuern enthielt. Diese oben besprochene Breccia (S. 31) war einen
Meter breit (3¼ Fuss ungefähr), und erhob sich zur Höhe von
anderthalb Meter über den Boden der Höhle, deren Wänden sie innig
anhing.
Die diesen menschlichen Schädel enthaltende Erde zeigte keine Spur einer
Störung; Zähne vom Rhinoceros, Pferd, Hyäne und Bär umgaben ihn von
allen Seiten.
Der berühmte Blumenbach[40] hat die Aufmerksamkeit auf die
Verschiedenheiten gelenkt, die die Schädel verschiedener Rassen in Bezug
auf Form und Grösse zeigen. Dies wichtige Werk würde uns wesentlich
geholfen haben, wenn nicht das Gesicht, ein zur Bestimmung der Rasse mit
grösserer oder geringerer Genauigkeit wesentlicher Theil, an unserem
fossilen Schädel gefehlt hätte.
Aber selbst wenn der Schädel vollständig gewesen wäre, sind wir doch
überzeugt, dass sich darüber mit Gewissheit etwas nach einem einzigen
Exemplar nicht hätte sagen lassen. Denn in ein und derselben Rasse sind
individuelle Abweichungen bei Schädeln so zahlreich, dass man, ohne
sich groben Irrthümern auszusetzen, von einem einzelnen Fragment eines
Schädels keinen Schluss auf die allgemeine Form des zugehörigen Kopfes
ziehen kann.
Um indess keinen Punkt bezüglich der Form dieses Schädels zu
vernachlässigen, wollen wir bemerken, dass von Anfang an die lange und
schmale Form der Stirn unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.
In der That nähern die geringe Erhebung der Stirnbeine, ihre geringe
Breite und die Form der Augenhöhle den Schädel mehr dem eines Negers als
dem eines Europäers. Auch sind, wie wir glauben, die in der verlängerten
Form und dem vorstehenden Hinterhaupte liegenden Merkmale in unserem
fossilen Schädel nachzuweisen. Um aber allen Zweifel hierüber zu
entfernen, habe ich die Contouren eines Europäer- und eines
Negerschädels zeichnen und die Stirnen darstellen lassen. Taf. II, Fig.
1 und 2 und die Fig. 3 und 4 derselben Tafel werden die
Verschiedenheiten leicht erkennbar machen; und ein einfacher Blick auf
die Figuren wird instructiver sein als eine lange und ermüdende
Beschreibung.
Zu welchem Schlusse wir auch über den Ursprung des Menschen, dem dieser
Schädel angehörte, kommen mögen, eine Ansicht können wir wenigstens
aussprechen, ohne uns einer fruchtlosen Controverse auszusetzen. Ein
Jeder mag die ihm am wahrscheinlichsten scheinende Hypothese annehmen.
Ich für meinen Theil halte es für bewiesen, dass dieser Schädel einer
Person von beschränkten geistigen Fähigkeiten angehörte, und hieraus
schliessen wir, dass er einem Menschen von niederer Civilisation
angehörte, ein Schluss, der durch einen Vergleich der Stirngegend mit
der Hinterhauptsgegend gerechtfertigt wird.
Ein anderer Schädel eines jungen Individuums wurde am Boden der Höhle
neben einem Elephantenzahn entdeckt; der Schädel war bei seiner
Auffindung ganz; im Augenblick aber, wo er emporgehoben wurde, fiel er
in Stücke, die ich bis jetzt nicht wieder zusammenzusetzen im Stande
war. Auf Taf. I, Fig. 5 habe ich aber die Knochen des Oberkiefers
abbilden lassen. Der Zustand der Alveolen und der Zähne zeigt, dass die
wahren Backzähne das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen hatten.
Einzelne Milchbackzähne und einige Fragmente eines menschlichen Schädels
rühren von derselben Stelle her. Fig. 3 stellt einen menschlichen obern
Schneidezahn dar, dessen Grösse in der That merkwürdig ist[41].
Fig. 4 stellt einen Oberkieferknochen dar, dessen Backzähne bis auf die
Wurzeln abgerieben waren.
Ich besitze zwei Wirbelbeine, einen ersten und letzten Rückenwirbel.
Ein linkes Schlüsselbein (s. Taf. III, Fig. 1); obgleich einem jungen
Individuum angehörig, zeigt der Knochen doch, dass es von grosser
Gestalt gewesen sein muss[42].
Zwei Fragmente des Radius, schlecht erhalten, deuten an, dass die Grösse
des Menschen, dem sie gehörten, nicht über fünf und einen halben Fuss
betrug.
In Bezug auf die Reste der Oberextremitäten bestehen die in meinem
Besitz befindlichen nur aus einem Fragment einer Ulna und eines Radius
(Taf. III, Fig. 5 und 6).
Taf. IV, Fig. 2 stellt einen in der erwähnten Knochenbreccia enthaltenen
Mittelhandknochen dar; er fand sich im untern Theil oberhalb des
Schädels; hierzu kommen noch in verschiedenen Abständen gefundene
Mittelhandknochen, ein halbes Dutzend Mittelfussknochen, drei
Fingerphalangen und eine von den Zehen.
Dies ist eine kurze Aufzählung der in der Höhle von Engis gefundenen
Reste menschlicher Knochen; sie gehören drei Individuen an, die von
Resten von Elephanten, Rhinoceros und Fleischfressern in, der jetzigen
Schöpfung unbekannten Arten umgeben waren.«
Aus der Höhle von Engihoul, der von Engis gegenüber, auf dem rechten
Ufer der Meuse, erhielt Schmerling Reste von drei anderen menschlichen
Individuen, unter denen sich nur zwei Fragmente von Scheitelbeinen, aber
viele Extremitätenknochen fanden. In einem Falle war ein zerbrochenes
Fragment einer Ulna mit einem gleichen Fragment eines Radius durch
Stalagmiten verbunden, ein häufig bei den in den belgischen Höhlen
gefundenen Knochen des Höhlenbären (_Ursus spelaeus_) beobachteter
Zustand.
In der Höhle von Engis fand Professor Schmerling, mit Stalagmiten
incrustirt und einem Steine verbunden, das spitze knöcherne Werkzeug,
das er in Fig. 7 seiner Tafel XXXVI. abgebildet hat. Bearbeitete
Feuersteine wurden von ihm in all den belgischen Höhlen gefunden, die
zahlreiche fossile Knochen enthielten.
Ein kurzer Brief Geoffroy St. Hilaire's in den Comptes rendus der
Académie d. Sc. in Paris vom 2. Juli 1838 spricht von einem (wie es
scheint sehr flüchtigen) Besuche in der Sammlung des Professor
»Schermidt« (muthmaasslich ein Druckfehler für Schmerling) in Lüttich.
Der Schreiber kritisirt kurz die Schmerling's Werk illustrirenden
Zeichnungen und giebt an, dass »der menschliche Schädel etwas länger als
in der Abbildung« sei. Die einzige weitere erwähnenswerthe Bemerkung ist
folgende: »Das Aussehen der menschlichen Knochen weicht nur wenig von
dem uns bekannten der Höhlenknochen ab, von denen an demselben Orte eine
beträchtliche Sammlung vorhanden ist. In Bezug auf ihre speciellen
Formen können im Vergleich mit den Varietäten recenter Menschenschädel
nur wenig _sichere_ Schlüsse aufgestellt werden; denn zwischen
verschiedenen Exemplaren gut charakterisirter Varietäten bestehen viel
grössere Verschiedenheiten, als zwischen dem fossilen Schädel von
Lüttich und irgend einer dieser, zum Ausgangspunkt der Vergleichung
gewählten Varietäten.«
Geoffroy St. Hilaire's Bemerkungen sind, wie man sieht, wenig mehr als
eine Wiedergabe der philosophischen Zweifel des Entdeckers und
Beschreibers dieser Reste. Was die Kritik über Schmerling's Figuren
betrifft, so finde ich allerdings, dass die von ihm gegebene
Seitenansicht ungefähr 3/10 Zoll kürzer als das Original ist, und dass
die Ansicht von vorn ungefähr in demselben Betrag verkleinert ist. Im
Uebrigen ist die Darstellung in keiner Weise inaccurat, sondern stimmt
sehr wohl mit dem Abgusse überein, den ich besitze.
Ein Stück des Hinterhaupts, welches Schmerling entgangen zu sein
scheint, ist seitdem dem übrigen Schädel von dem ausgezeichneten
Naturforscher Dr. Spring in Lüttich angepasst worden, unter dessen
Leitung ein vorzüglicher Gypsabguss für Sir Charles Lyell gemacht wurde.
An einer Doublette dieses Abgusses habe ich meine Beobachtungen
angestellt und nach ihr hat mein Freund Busk die beifolgenden Figuren
gezeichnet, deren Contouren nach sorgfältigen Camera lucida Zeichnungen
auf halbe natürliche Grösse reducirt wurden.
Wie Schmerling bemerkt, ist die Schädelbasis zerstört und die
Gesichtsknochen fehlen völlig; die Schädeldecke aber, Stirnbeine,
Scheitelbeine und der grössere Theil der Hinterhauptsknochen bis zur
Mitte des Hinterhauptsloches sind beinahe vollständig. Das linke
Schläfenbein fehlt. Vom rechten Schläfenbein sind die Theile in der
unmittelbaren Umgebung des äussern Gehörgangs, der Zitzenfortsatz und
ein ansehnlicher Theil der Schuppe wohl erhalten (Fig. 23).
Die Bruchlinien zwischen den an einander gefügten Stücken des Schädels,
die in Schmerling's Figur treu wiedergegeben sind, sind am Abguss leicht
nachzuweisen. Auch die Nähte sind erkennbar, die complicirte Form ihrer
Zähnelung, die die Figur wiedergiebt, ist aber im Abguss nicht klar.
Obschon die den Muskeln als Ansatzstellen dienenden Leisten nicht gerade
ausserordentlich vorspringen, so sind sie doch gut ausgeprägt, und hält
man sie mit den scheinbar gut entwickelten Stirnhöhlen und dem Zustande
der Nähte zusammen, so hinterlassen sie bei mir keinen Zweifel, dass der
Schädel der eines Erwachsenen, wenn nicht eines Mannes im mittlern Alter
ist.
[Illustration: Fig. 24. Der Schädel von Engis, von oben (_A_) und vorn
(_B_) gesehen.]
Die grösste Länge des Schädels ist 7,7 Zoll. Seine grösste Breite, die
dem Abstand der Parietalhöcker sehr nahe liegt, beträgt nicht mehr als
5,4 Zoll. Das Verhältniss der Länge zur Breite ist also nahebei 100:70.
Wird eine Linie von dem Punkte aus, wo die Augenbraue nach der Nase hin
sich einbiegt, von der sogenannten Glabella (_a_ in Fig. 23) nach dem
Hinterhauptshöcker (_b_, Fig. 23) gezogen und der höchste Punkt des
Schädelbogens senkrecht von dieser Linie gemessen, so ergeben sich 4,75
Zoll. Von oben gesehen (Fig. 24, _A_) zeigt die Stirn eine gleichmässig
abgerundete Curve, die in die Contouren der Seiten und des hintern
Theils des Schädels zur Bildung einer ziemlich regelmässigen
elliptischen Curve übergeht.
Die Ansicht von vorn (Fig. 24, _B_) zeigt, dass die Schädeldecke
regelmässig und elegant in querer Richtung gebogen war, und dass der
Querdurchmesser eher etwas unter als über den Parietalhöckern lag. Die
Stirn kann im Verhältniss zum übrigen Schädel nicht schmal genannt
werden, ebenso wenig zurücktretend; im Gegentheil ist der Umriss des
Schädels von vorn nach hinten gut gewölbt, so dass der Abstand entlang
der Krümmung von der Einbucht an der Nasenwurzel his zum
Hinterhauptshöcker 13,75 Zoll misst. Der quere Bogen des Schädels von
einem Gehörgang zum andern quer über die Pfeilnaht ist ungefähr 13 Zoll.
Die Pfeilnaht selbst ist 5,5 Zoll lang.
Die Augenbrauenhöcker (zu beiden Seiten von _a_ in Fig. 23) sind gut,
wenn auch nicht excessiv entwickelt und durch eine mittlere Vertiefung
getrennt. Ihre grösste Erhebung liegt so schräg, dass ich sie für
abhängig von grossen Stirnhöhlen halte.
Wird die, die Glabella mit dem Hinterhauptshöcker verbindende Linie
(_ab_, Fig. 23) horizontal gelegt, so springt kein Theil der
Hinterhauptsgegend mehr als 1/10 Zoll über das hintere Ende der Linie
vor, und der obere Rand des Gehörgangs (_c_, Fig. 23) berührt beinahe
eine auf der äussern Oberfläche des Schädels mit jener parallel gezogene
Linie.
Eine quer von einem Gehörgang zum andern gezogene Linie durchsetzt wie
gewöhnlich den vordern Theil des Hinterhauptsloches. Der Rauminhalt des
Innern dieses fragmentären Schädels ist nicht bestimmt worden.
* * * * *
Die Geschichte der menschlichen Ueberreste aus der Höhle im Neanderthal
wird am besten mit den Worten ihres ursprünglichen Beschreibers, Dr.
Schaaffhausen[43], gegeben.
»Als zu Anfang des Jahres 1857 der Fund eines menschlichen Skelets in
einer Kalkhöhle des Neanderthals bei Hochdal zwischen Düsseldorf und
Elberfeld bekannt wurde, gelang es mir nur, einen in Elberfeld
gefertigten Gypsabguss der Hirnschale zu erhalten, über deren
auffallende Bildung ich zuerst in der Sitzung der niederrh. Gesellsch.
für Natur- und Heilkunde in Bonn am 4. Februar 1857 berichtet habe[44].
Hierauf brachte Herr Dr. Fuhlrott aus Elberfeld, dem es zu danken ist,
dass diese Anfangs für Thierknochen gehaltenen Gebeine in Sicherheit
gebracht und der Wissenschaft erhalten worden sind, und dem es später
gelang, die Knochen in seinen Besitz zu bringen, dieselben nach Bonn und
überliess sie mir zur genaueren anatomischen Untersuchung. Bei
Gelegenheit der Generalversammlung des naturhist. Vereins der
preussisch. Rheinlande und Westphalens in Bonn am 2. Juni 1857[45] gab
Herr Dr. Fuhlrott eine ausführliche Darstellung des Fundortes und eine
Beschreibung der Auffindung selbst; er glaubte diese menschlichen
Gebeine als fossile bezeichnen zu dürfen und legte in dieser Beziehung
besondern Werth auf die vom Herrn Geheimrath Professor Dr. =Mayer=
zuerst beobachteten Dendriten, welche diese Knochen überall bedecken.
Dieser Mittheilung liess ich einen kurzen Bericht über die von mir
angestellte anatomische Untersuchung der Knochen folgen, als deren
Ergebniss ich die Behauptung aufstellte, dass die auffallende Form
dieses Schädels für eine natürliche Bildung zu halten sei, welche bisher
nicht bekannt geworden sei, auch bei den rohesten Rassen sich nicht
finde, dass diese merkwürdigen menschlichen Ueberreste einem höhern
Alterthume als der Zeit der Celten und Germanen angehörten, vielleicht
von einem jener wilden Stämme herrührten, von denen römische
Schriftsteller Nachricht geben und welche die indogermanische
Einwanderung als Autochthonen vorfand, und dass die Möglichkeit, diese
menschlichen Gebeine stammten aus einer Zeit, in der die zuletzt
verschwundenen Thiere des Diluvium auch noch lebten, nicht bestritten
werden könne, ein Beweis für diese Annahme, also für die sogenannte
Fossilität der Knochen in den Umständen der Auffindung aber nicht
vorliege.
Da Herr Dr. =Fuhlrott= eine Beschreibung derselben noch nicht
veröffentlicht hat, so entlehne ich einer brieflichen Mittheilung
desselben die folgenden Angaben: »Eine kleine, etwa 15 Fuss tiefe, an
der Mündung 7 bis 8 Fuss breite mannshohe Höhle oder Grotte liegt in der
südlichen Wand der sogenannten Neanderthaler Schlucht, etwa 100 Fuss von
der Düssel entfernt und etwa 60 Fuss über der Thalsohle des Baches. In
ihrem frühern unversehrten Zustande mündete dieselbe auf ein schmales
ihr vorliegendes Plateau, von welchem dann die Felswand fast senkrecht
in die Tiefe abschoss, und war von oben herab, wenn auch mit
Schwierigkeit, zugänglich. Ihre unebene Bodenfläche war mit einer 4 bis
5 Fuss mächtigen mit rundlichen Hornstein-Fragmenten sparsam gemengten
Lehmablagerung bedeckt, bei deren Wegräumung die fraglichen Gebeine, und
zwar von der Mündung der Grotte aus zuerst der Schädel, dann weiter
nach innen in gleicher horizontaler Lage mit jenem die übrigen Gebeine
aufgefunden wurden. So haben zwei Arbeiter, welche die Ausräumung der
Grotte besorgten und die von mir an Ort und Stelle darüber vernommen
wurden, auf das Bestimmteste versichert. Die Knochen wurden anfänglich
gar nicht für menschliche gehalten, und erst mehrere Wochen nach ihrer
Auffindung von mir dafür erkannt und in Sicherheit gebracht. Weil man
aber die Wichtigkeit des Fundes nicht achtete, so verfuhren die Arbeiter
beim Einsammeln der Knochen sehr nachlässig und sammelten vorzugsweise
die grösseren, welchem Umstande es zuzuschreiben, dass das
wahrscheinlich vollständig vorhandene Skelet nur sehr fragmentarisch in
meine Hände gekommen ist.«
Das Ergebniss der von mir vorgenommenen anatomischen Untersuchung dieser
Gebeine ist das folgende:
Die Hirnschale ist von ungewöhnlicher Grösse und von lang elliptischer
Form. Am meisten fällt sogleich als besondere Eigenthümlichkeit die
ausserordentlich starke Entwickelung der Stirnhöhlen auf, wodurch die
Augenbrauenbogen, welche in der Mitte ganz mit einander verschmolzen
sind, so vorspringend werden, dass über oder vielmehr hinter ihnen das
Stirnbein eine beträchtliche Einsenkung zeigt und ebenso in der Gegend
der Nasenwurzel ein tiefer Einschnitt gebildet wird. Die Stirn ist
schmal und flach, die mittleren und hinteren Theile des Schädelgewölbes
sind indessen gut entwickelt. Leider ist die Hirnschale nur bis zur Höhe
der obern Augenhöhlenwand des Stirnbeins und der sehr stark
ausgebildeten und fast zu einem horizontalen Wulste vereinigten oberen
halbkreisförmigen Linien der Hinterhauptsschuppe erhalten; sie besteht
aus dem fast vollständigen Stirnbeine, beiden Scheitelbeinen, einem
kleinen Stücke der einen Schläfenschuppe und dem obern Drittheil des
Hinterhauptbeins. Frische Bruchflächen an den Schädelknochen beweisen,
dass der Schädel beim Auffinden zerschlagen worden ist. Die Hirnschale
fasste 16876 Gran Wasser, woraus sich ein Inhalt von 57,64 Cubikz. =
1033,24 Cubikcentimeter berechnet. Hierbei stand der Wasserspiegel
gleich mit der obern Orbitalwand des Stirnbeins, mit dem höchsten
Querschnitt des Schuppenrandes der Scheitelbeine und mit den oberen
halbkreisförmigen Linien des Hinterhaupts. Mit Hirse gemessen, war der
Inhalt gleich 31 Unzen preuss. Medicinalgewicht. Die halbkreisförmige
Linie, welche den obern Ansatz des Schläfenmuskels bezeichnet, ist zwar
nicht stark entwickelt, reicht aber bis über die Hälfte der
Scheitelbeine hinauf. Auf dem rechten Orbitalrande befindet sich eine
schräge Furche, die auf eine Verletzung während des Lebens deutet[46];
auf dem rechten Scheitelbein eine erbsengrosse Vertiefung. Die
Kronennaht und die Pfeilnaht sind aussen beinahe, auf der Innenfläche
des Schädels spurlos verwachsen; die lambdaförmige Naht indessen gar
nicht. Die Gruben für die pachionischen Drüsen sind tief und zahlreich;
ungewöhnlich ist eine tiefe Gefässrinne, die gerade hinter der
Kronennaht liegt und in einem Loche endigt, also den Verlauf einer Vena
emissaria bezeichnet. Die Stirnnaht ist äusserlich als eine leise
Erhebung bemerklich; da wo sie auf die Kronennaht stösst, zeigt auch
diese sich wulstig erhoben, die Pfeilnaht ist vertieft, und über der
Spitze der Hinterhauptsschuppe sind die Scheitelbeine eingedrückt. Die
Länge des Schädels, von dem Nasenfortsatz über den Scheitel bis zu den
oberen halbkreisförmigen Linien des Hinterhaupts gemessen, beträgt
303mm (300)[47] = 12,0''.
Der Umfang der Hirnschale, über
die Augenbrauenbogen und die
oberen halbkreisförmigen Linien
des Hinterhaupts so gemessen,
dass das Band überall anlag 590 (590) = 23,37'' od. 23''.
Breite des Stirnbeins von der Mitte
des Schläfengrubenrandes einer
Seite zur andern 104 (114) = 4,1''-4,5''.
Länge der Stirnbeine vom Nasenfortsatz
bis zur Kronennaht 133 (125) = 5,25''-5''.
Grösste Breite der Stirnbeinhöhlen 25 (23) = 1,0''-0,9''.
Scheitelhöhe über der Linie, welche
den höchsten Ausschnitt der
Schläfenränder beider Scheitelbeine
verbindet 70 = 2,75''.
Breite des Hinterhaupts von einem
Scheitelhöcker zum andern 138 (150) = 5,4''-5,9''.
Die Spitze der Schuppe ist von der
obern halbkreisförmigen Linie
des Hinterhaupts entfernt 51 (60) = 1,9''-2,4''.
Dicke des Schädels in der Gegend
der Scheitelhöcker 8
Dicke des Schädels an der Spitze
der Hinterhauptsschuppe 9
Dicke des Schädels in der Gegend
der oberen halbkreisförmigen
Linien des Hinterhaupts 10 = 0,3''.
Ausser der Hirnschale sind folgende Knochen vorhanden:
1) Die zwei ganz erhaltenen Oberschenkelbeine; sie zeichnen sich wie die
Hirnschale und alle übrigen Knochen durch ungewöhnliche Dicke und durch
die starke Ausbildung aller Höcker, Gräten und Leisten, die dem Ansatze
der Muskeln dienen, aus. In dem anatomischen Museum von Bonn befinden
sich als sogenannte Riesenknochen zwei Oberschenkelbeine aus neuerer
Zeit, mit denen die vorliegenden an Dicke ziemlich genau übereinstimmen,
wiewohl sie an Länge von jenen übertroffen werden.