2. durch den Besitz eines kurzen Beugemuskels und eines kurzen
Streckmuskels;
3. durch den Besitz eines besondern Muskels, des langen
Wadenbeinmuskels, _Peronaeus longus_.
Und wenn wir bestimmen wollen, ob die terminale Abtheilung einer
Gliedmaasse bei anderen Primaten ein Fuss oder eine Hand genannt werden
muss, so müssen wir uns durch das Vorhandensein oder Fehlen dieser
Merkmale leiten lassen und nicht durch die blossen relativen
Verhältnisse oder die grössere oder geringere Beweglichkeit der grossen
Zehe, welche unendlich variiren kann ohne irgend welche fundamentale
Aenderung in dem Bau des Fusses.
* * * * *
Wir wenden uns nun, diese Betrachtungen im Auge behaltend, zu den
Gliedmaassen des Gorilla. Die terminale Abtheilung der Vorderextremität
bietet keine Schwierigkeit dar; -- Knochen für Knochen und Muskel für
Muskel finden sich wesentlich ebenso angeordnet wie beim Menschen, oder
mit solchen untergeordneten Verschiedenheiten, wie sie beim Menschen als
Varietäten auch gefunden werden. Die Hand des Gorilla ist plumper,
schwerer und hat einen im Verhältniss etwas kürzern Daumen als die des
Menschen; Niemand hat aber jemals daran gezweifelt, dass es eine wahre
Hand ist.
Auf den ersten Blick sieht das Ende der Hinterextremität sehr
handähnlich aus, und da dies bei vielen der niederen Affen noch mehr der
Fall ist, so ist es nicht zu verwundern, dass der Ausdruck »Quadrumana«
oder Vierhänder, den Blumenbach von den älteren Anatomen[30] annahm und
Cuvier unglücklicherweise zur geläufigen Bezeichnung machte, eine so
verbreitete Annahme als Name für die Gruppe der Affen finden konnte.
Aber die oberflächlichste anatomische Untersuchung weist sofort nach,
dass die Aehnlichkeit der sogenannten »hintern Hand« mit einer
wirklichen Hand nur bis auf die Haut geht, nicht tiefer, und dass in
allen wesentlichen Beziehungen die Hinterextremität des Gorilla so
entschieden mit einem Fusse endigt wie die des Menschen. Die
Fusswurzelknochen gleichen in allen wichtigen Beziehungen der Zahl,
Anordnung und Form denen des Menschen (Fig. 20). Die Mittelfussknochen
und Finger sind andererseits relativ länger und schlanker, während die
grosse Zehe nicht bloss relativ kürzer und schwächer, sondern durch ein
beweglicheres Gelenk mit ihrem Metatarsalknochen an die Fusswurzel
gelenkt ist. Gleichzeitig steht der Fuss schräger am Unterschenkel als
beim Menschen.
In Bezug auf die Muskeln, so ist ein kurzer Beuger, ein kurzer Strecker
und ein langer Wadenbeinmuskel vorhanden, auch sind die Sehnen der
langen Flexoren der grossen und der übrigen Zehen mit einander verbunden
und haben ein accessorisches Muskelbündel.
Die hintere Gliedmaasse des Gorilla endet daher in einen wahren Fuss mit
einer sehr beweglichen grossen Zehe. Es ist allerdings ein Greiffuss,
aber in keiner Weise eine Hand: es ist ein Fuss, der in keinem
wesentlichen Charakter, sondern nur in bloss relativen Verhältnissen, im
Grade der Beweglichkeit und der untergeordneten Anordnung seiner Theile
von dem des Menschen abweicht.
Man darf nun indess nicht glauben, weil ich von diesen Differenzen als
nicht fundamentalen spreche, dass ich ihren Werth zu unterschätzen
suche. Sie sind in ihrer Art wichtig genug, da ja in jedem Falle der Bau
des Fusses in strenger Beziehung zu den übrigen Theilen des Organismus
steht. Auch kann nicht bezweifelt werden, dass die weitergehende
Theilung der physiologischen Arbeit beim Menschen, so dass die Function
des Stützens gänzlich dem Bein und Fuss übergeben ist, für ihn ein
Fortschritt im Baue von grosser Bedeutung ist; nach Allem aber sind
anatomisch betrachtet die Uebereinstimmungen zwischen dem Fusse des
Menschen und dem Fusse des Gorilla viel auffallender und
bedeutungsvoller, als die Verschiedenheiten.
Ich habe mich lange bei diesem Punkte aufgehalten, weil es einer ist, in
Bezug auf den viele Täuschung besteht; ich hätte ihn aber ohne Nachtheil
für meinen Beweis übergehen können, da ich dabei nur zu zeigen nöthig
habe, dass, mögen die Differenzen zwischen der Hand und dem Fusse des
Menschen und denen des Gorilla sein, welche sie wollen, -- die
Differenzen zwischen denen des Gorilla und denen der niedrigeren Affen
noch viel grösser sind.
Wir brauchen nicht weiter in der Reihe hinabzusteigen als bis zum Orang,
um hierfür einen entscheidenden Beweis zu erlangen.
Der Daumen des Orang weicht mehr von dem des Gorilla ab, als der Daumen
des Gorilla von dem des Menschen abweicht, nicht bloss durch seine
Kürze, sondern durch den Mangel irgend eines besondern langen
Beugemuskels. Die Handwurzel des Orang enthält, wie die der meisten
niederen Affen, neun Knochen, während sie beim Gorilla, wie beim
Menschen und dem Chimpanze, nur acht enthält.
Der Fuss des Orang weicht noch mehr ab (Fig. 20); seine sehr langen
Zehen und kurze Fusswurzel, kurze grosse Zehe und in die Höhe gerichtete
Ferse, die grosse Schiefe der Gelenkverbindung mit dem Unterschenkel und
der Mangel eines langen Beugemuskels für die grosse Zehe trennen
denselben noch viel weiter vom Fusse des Gorilla, als der letztere vom
Fusse des Menschen entfernt ist.
Bei einigen der niederen Affen entfernen sich Hand und Fuss noch weiter
von denen des Gorilla, als sie es beim Orang thun. Bei den
amerikanischen Affen hört der Daumen auf gegenüberstellbar zu sein; beim
Klammeraffen (_Ateles_) ist er bis zu einem blossen von Haut bedeckten
Rudiment verkümmert; bei den Sahuis ist er nach vorn gerichtet und wie
die übrigen Finger mit einer gekrümmten Kralle versehen -- so dass in
allen diesen Fällen kein Zweifel darüber bestehen kann, dass die Hand
von der des Gorilla verschiedener ist, als die des Gorilla von der des
Menschen.
[Illustration: Fig. 20. Fuss des Menschen, Gorilla und Orang, von derselben
absoluten Länge, um die relativen Verschiedenheiten in jedem zu zeigen.
Buchstaben wie in Fig. 19. Verkleinert nach Originalzeichnungen von
Waterhouse Hawkins.]
Und mit Bezug auf den Fuss, so ist die grosse Zehe der Sahuis noch
unbedeutender im Verhältniss als die des Orangs, während sie bei den
Lemuren sehr gross und völlig daumenartig und gegenüberstellbar ist, wie
beim Gorilla; bei diesen Thieren ist aber die zweite Zehe oft ganz
unregelmässig modificirt, und in einigen Arten sind die zwei
Hauptknochen der Fusswurzel, das Sprung- und Fersenbein, so ungeheuer
verlängert, dass der Fuss in dieser Hinsicht dem irgend eines andern
Thieres völlig unähnlich wird.
Dasselbe gilt für die Muskeln. Der kurze Zehenbeuger des Gorilla weicht
von dem des Menschen durch den Umstand ab, dass ein Bündel des Muskels
nicht an das Fersenbein, sondern an die Sehnen der langen Beuger
befestigt wird. Die niederen Affen weichen durch eine Weiterführung
desselben Merkmals vom Gorilla ab, zwei, drei oder mehre Bündel werden
an die langen Beugesehnen befestigt oder die Bündel werden
vervielfältigt. Ferner weicht der Gorilla unbedeutend in der Art des
Durchflechtens der langen Beugesehnen vom Menschen ab; die niederen
Affen sind dadurch vom Gorilla verschieden, dass sie wieder andere,
zuweilen sehr complicirte Anordnungen derselben Theile besitzen und dass
ihnen gelegentlich das accessorische Muskelbündel fehlt.
Bei all diesen Modificationen muss man sich erinnern, dass der Fuss
keines seiner wesentlichen Merkmale verliert. Jeder Affe und Lemur zeigt
die charakteristische Anordnung der Fusswurzelknochen, besitzt einen
kurzen Beuger und Strecker und einen _Peronaeus longus_. So
verschiedenartig die relativen Verhältnisse und die Erscheinung des
Organs sein mögen, so bleibt die terminale Abtheilung der hintern
Extremität im Plan und Grundgedanken des Baues ein Fuss und kann in
dieser Hinsicht nie mit einer Hand verwechselt werden.
Man kann daher kaum irgend einen Theil des körperlichen Baues finden,
welcher jene Wahrheit besser als Hand und Fuss illustriren könnte, dass
die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und den
höchsten Affen von geringerem Werth sind als die zwischen den höchsten
und niedersten Affen; und doch giebt es ein Organ, dessen Studium uns
denselben Schluss in einer noch überraschenderen Weise aufnöthigt -- und
dies ist das Gehirn.
Ehe wir aber die Grösse der Verschiedenheit zwischen einem Affengehirn
und dem menschlichen Gehirn zu präcisiren suchen, ist es nöthig,
darüber klar zu werden, was im Bau des Gehirns einen grossen und was
einen kleinen Unterschied ausmacht; und wir erreichen dies am besten
durch eine kurze Untersuchung der hauptsächlichsten Modificationen,
welche das Gehirn in der Wirbelthierreihe darbietet.
Das Gehirn eines Fisches ist im Vergleich zu dem Rückenmark, in welches
es sich verlängert, und zu den Nerven, die von ihm austreten, sehr
klein; von den Abschnitten, aus denen es zusammengesetzt ist --
Riechlappen, Hemisphärenlappen und die folgenden --, herrscht keiner vor
den andern so weit vor, dass er sie bedeckte oder undeutlich machte; und
häufig sind die sogenannten Sehlappen die grössten Hirnmassen unter
allen. Bei den Reptilien nimmt die Masse des Gehirns im Verhältnisse zum
Rückenmark zu und die Hemisphären des grossen Gehirns fangen an, über
die anderen Theile zu prädominiren, während bei Vögeln dies Vorherrschen
noch ausgeprägter ist. Das Gehirn der niedersten Säugethiere, wie des
Schnabelthiers und der Beutelratten und Känguruhs, zeigt einen noch
entschiedenern Fortschritt in dieser Richtung. Die Grosshirnhemisphären
haben nun so sehr an Grösse zugenommen, dass sie mehr oder weniger die
Repräsentanten der Sehlappen verdecken, welche verhältnissmässig klein
bleiben, so dass das Gehirn eines Beutelthieres äusserst verschieden ist
von dem eines Vogels, Reptils oder Fisches. Noch einen Schritt weiter in
der Reihe, unter den placentalen Säugethieren, erleidet das Gehirn eine
äusserst wichtige Modification, -- nicht dass es äusserlich sehr
verändert erschiene, in einer Ratte oder einem Kaninchen gegen das eines
Beutelthiers, oder dass die relativen Verhältnisse seiner Theile
geändert wären, sondern man findet ein scheinbar völlig neues Gebilde
zwischen den Hemisphären des grossen Gehirns, sie unter einander
verbindend, in der Gestalt der sogenannten »grossen Commissur« oder des
»corpus callosum«. Der Gegenstand erfordert eine sorgfältige
Nachuntersuchung; wenn aber die gewöhnlich angenommenen Angaben correct
sind, so ist das Auftreten des Corpus callosum bei den placentalen
Säugethieren die grösste und am plötzlichsten erscheinende Modification,
die das Gehirn in der ganzen Reihe der Wirbelthiere darbietet, es ist
der grösste Sprung, den die Natur irgendwo beim Aufbau des Gehirns
macht. Denn nun, da die beiden Hälften des Gehirns einmal so mit
einander verbunden sind, ist der Fortschritt in der allmählich grösser
werdenden Complicirtheit des Gehirnbaues durch eine vollständige Reihe
hindurch von den niedersten Nagethieren oder Insektenfressern bis zum
Menschen hin zu verfolgen; und diese Complexität besteht hauptsächlich
in der unverhältnissmässigen Entwickelung der Hemisphären des grossen
Gehirns, und des kleinen Gehirns, aber besonders des erstern, im
Verhältniss zu den anderen Hirntheilen.
Bei den unteren placentalen Säugethieren lassen die Grosshirnhemisphären
die eigentliche obere und hintere Fläche des kleinen Gehirns völlig
sichtbar, wenn das Gehirn von oben betrachtet wird; in den höheren
Formen aber neigt sich der hintere Theil jeder Hemisphäre, die nur durch
das Hirnzelt (s. S. 112) von der vordern Fläche des kleinen Gehirns
getrennt wird, nach hinten und unten und wächst zu dem sogenannten
»hintern Lappen« aus, um endlich das kleine Gehirn zu überragen und zu
bedecken. Bei allen Säugethieren enthält jede Hemisphäre des grossen
Gehirns eine Höhlung, den sogenannten Seitenventrikel, und da dieser
Ventrikel einerseits vorwärts, andererseits rückwärts in die Substanz
der Hemisphäre verlängert ist, so sagt man, dass er zwei Hörner oder
»cornua« habe, ein vorderes, »cornu anterius«, und ein absteigendes
Horn. Ist der hintere Lappen ordentlich entwickelt, so erstreckt sich
eine dritte Verlängerung der Ventricularhöhle in ihn hinein und wird
dann hinteres Horn, »cornu posterius«, genannt.
Bei den niedrigeren und kleineren Formen der placentalen Säugethiere ist
die Oberfläche der Grosshirnhemisphären entweder glatt und eben
abgerundet, oder zeigt nur wenig Gruben, welche technisch Furchen,
»sulci«, genannt werden und die Erhöhungen oder »Windungen« der
Gehirnsubstanz von einander trennen; die kleineren Arten aller Ordnungen
neigen zu einer ähnlichen Glätte des Gehirns hin. In den höheren
Ordnungen aber, und besonders in den grösseren Formen derselben, werden
die Furchen äusserst zahlreich und die zwischenliegenden Windungen
relativ in ihren Durchschlingungen mehr complicirt, bis endlich die
Oberfläche des Gehirns beim Elephanten, Tümmler, den höheren Affen und
dem Menschen ein völliges Labyrinth solcher gewundenen Falten darbietet.
Wo ein hinterer Lappen existirt und seine zuständige Höhle, das hintere
Horn, darbietet, da trifft es sich gewöhnlich, dass eine besondere
Furche auf der innern und untern Oberfläche des Lappens parallel dem
Boden des Horns und neben ihm erscheint, welch' letzterer
gewissermaassen über die Decke der Furche gewölbt ist. Es ist, als ob
die Grube oder Furche dadurch gebildet worden wäre, dass Jemand den
Boden des hintern Horns von aussen her mit einem stumpfen Instrument
eingedrückt hätte, so dass der Boden als convexe Hervorragung sich
erheben musste. Diese Hervorragung ist nun das, was Hippocampus minor
genannt wird; der Hippocampus major ist eine Hervorragung am Boden des
absteigenden Horns. Welches die functionelle Bedeutung beider Gebilde
sein mag, wissen wir nicht.
Als ob die Natur an einem auffallenden Beispiele die Unmöglichkeit
nachweisen wollte, zwischen dem Menschen und den Affen eine auf den
Gehirnbau gegründete Grenze aufzustellen, so hat sie bei den letzteren
Thieren eine fast vollständige Reihe von Steigerungen des Gehirns
gegeben, von Formen an, die wenig höher sind als die eines Nagethieres,
zu solchen, die wenig niedriger sind als die des Menschen. Und es ist
ein merkwürdiger Umstand, dass, obgleich nach unserer gegenwärtigen
Kenntniss ein wirklicher anatomischer Sprung in der Formenreihe der
Affengehirne vorhanden ist, die durch diesen Sprung entstehende Lücke in
der Reihe nicht zwischen dem Menschen und den menschenähnlichen Affen,
sondern zwischen den niedrigeren und niedersten Affen liegt, oder, mit
anderen Worten, zwischen den Affen der alten und neuen Welt und den
Lemuren. Bei jedem bis jetzt untersuchten Lemur ist das kleine Gehirn
zum Theil von oben sichtbar, und sein hinterer Lappen mit dem
eingeschlossenen hintern Horn und Hippocampus minor ist mehr oder
weniger rudimentär. Jeder Sahui, amerikanische Affe, Affe der alten
Welt, Pavian oder Anthropoide hat dagegen sein kleines Gehirn hinten
völlig von den Lappen des grossen Gehirns bedeckt und besitzt ein
grosses hinteres Horn mit einem wohlentwickelten Hippocampus minor.
Bei vielen dieser Geschöpfe, wie beim Saimiri (_Chrysothrix_), überragen
die Grosshirnlappen das kleine Gehirn im Verhältniss noch mehr und
reichen viel weiter nach hinten als beim Menschen (Fig. 17, S. 89); und
es ist vollständig sicher, dass bei allen das kleine Gehirn hinten
völlig von wohlentwickelten hinteren Lappen bedeckt wird. Die Thatsache
kann von einem Jeden nachgewiesen werden, der den Schädel irgend eines
Affen der alten oder neuen Welt besitzt. Denn da das Gehirn bei allen
Säugethieren die Schädelhöhle vollständig erfüllt, so leuchtet ein, dass
ein Abguss des Innern vom Schädel die allgemeine Form des Gehirns
wiedergeben wird, in jedem Falle mit so kleinen und für unsern
gegenwärtigen Zweck völlig bedeutungslosen Differenzen, wie sie in Folge
des Mangels der das Gehirn einhüllenden Häute am trocknen Schädel
auftreten. Macht man nun solch einen Abguss in Gyps und vergleicht ihn
mit einem ähnlichen Abguss eines menschlichen Schädels, so springt
sofort in die Augen, dass der Abguss der Grosshirnkammer, der das grosse
Gehirn des Affen darstellt, ebenso vollständig den Abguss der das kleine
Gehirn darstellenden Kleinhirnkammer überragt und bedeckt, wie er es
beim Menschen thut (Fig. 21). Ein nicht sorgfältiger Beobachter, der
vergisst, dass ein so weiches Gebilde wie das Gehirn seine Gestalt in
dem Moment verliert, wo es aus dem Schädel genommen wird, kann wohl
allerdings den unbedeckten Zustand des kleinen Gehirns eines
herausgenommenen und verzerrten Gehirns für die natürlichen Verhältnisse
der Theile halten; sein Irrthum muss ihm aber selbst klar werden, wenn
er versuchen wollte, das Gehirn in die Schädelhöhle wieder
zurückzubringen. Anzunehmen, dass das kleine Gehirn eines Affen im
natürlichen Zustande hinten unbedeckt sei, ist ein Missverständniss, das
nur dem zu vergleichen wäre, wenn sich Jemand einbilden wollte, dass die
Lungen des Menschen immer nur einen kleinen Theil der Brusthöhle
einnehmen -- weil sie dies thun, sobald die Brust geöffnet ist und ihre
Elasticität nicht länger durch den Luftdruck neutralisirt wird.
[Illustration: Fig. 21. Zeichnungen der Ausgüsse der Schädel vom Menschen
und Chimpanze, von derselben absoluten Länge und in entsprechender
Stellung. _A_ grosses, _B_ kleines Gehirn. Die obere Zeichnung ist nach
einem Abguss im Museum des Royal College of Surgeons, die untere nach der
Photographie eines Abgusses vom Chimpanzeschädel, die den Aufsatz
Marshall's »über das Gehirn des Chimpanze« in der Natural History Review,
July 1861, erläutert. Die schärfere Ausprägung der untern Kante des
Ausgusses der Grosshirnkammer beim Chimpanze rührt von dem Umstande her,
dass in diesem Schädel das Tentorium vorhanden war, in dem des Menschen
aber nicht. Der Abguss stellt das Gehirn vom Chimpanze genauer dar als das
vom Menschen; das starke Vorspringen der hinteren Lappen des grossen
Gehirns des erstern nach hinten, über das kleine Gehirn, ist sehr
deutlich.]
Der Irrthum ist um so weniger zu entschuldigen, als er jedem deutlich
werden muss, der den Durchschnitt des Schädels irgend eines über den
Lemuren stehenden Affen untersucht, selbst ohne sich die Mühe zu geben,
einen Abguss zu machen. Denn in jedem solchen Schädel findet sich eine
sehr deutliche Grube, wie beim menschlichen Schädel, die die Ansatzlinie
des sogenannten _Tentorium_ oder Hirnzeltes andeutet, einer
pergamentartigen Scheidewand, welche im frischen Zustande zwischen das
grosse und kleine Gehirn eingeschoben ist und das erstere abhält auf das
letztere zu drücken (s. Fig. 17, S. 89).
Diese Grube deutet daher die Trennungslinie zwischen dem Theil der
Schädelhöhle, der das grosse Gehirn enthält, und dem an, der das kleine
Gehirn enthält; und da das Gehirn die Schädelhöhle vollständig erfüllt,
so leuchtet ein, dass die Verhältnisse dieser beiden Theile der
Schädelhöhle uns sofort über die Verhältnisse ihrer Contenta aufklären.
Nun liegt beim Menschen, bei allen Affen der alten und der neuen Welt,
mit einer einzigen Ausnahme, wenn das Gesicht nach vorn gerichtet ist,
diese Ansatzlinie des Tentorium, oder der Eindruck der seitlichen Sinus,
wie sie technisch genannt wird, beinahe horizontal und die
Grosshirnkammer überragt unwandelbar die Kammer für das kleine Gehirn
oder springt hinter dieselbe vor. Beim Brüllaffen oder _Mycetes_ (s.
Fig. 17) geht diese Linie schräg nach oben und hinten und das grosse
Gehirn ragt fast gar nicht vor, während bei den Lemuren diese Linie, wie
bei den niedrigen Säugethieren, noch mehr in derselben Richtung
aufsteigt, so dass die Kammer für das kleine Gehirn bedeutend jenseits
der Grosshirnkammer vorspringt.
Wenn die gröbsten Irrthümer in Bezug auf Punkte, die so leicht
aufzuklären sind, wie diese Frage über die hinteren Lappen, mit dem
Schein der Autorität vorgebracht werden, so ist es nicht zu verwundern,
dass Gegenstände der Beobachtung, nicht gerade sehr complicirter Natur,
die aber doch eine gewisse Sorgfalt verlangen, noch schlechter
weggekommen sind. Jemand, der die hinteren Lappen an irgend einem
Affengehirn nicht sehen kann, ist nicht leicht in der Lage, eine
besonders werthvolle Meinung in Bezug auf das hintere Horn oder den
Hippocampus minor abzugeben. Sieht Jemand die Kirche nicht, so wäre es
verkehrt, seiner Ansicht über ihr Altargemälde oder ein gemaltes Fenster
beipflichten zu wollen; ich halte mich daher nicht für verpflichtet,
hier auf eine Discussion dieser Punkte einzugehen, sondern begnüge mich
damit, den Leser zu versichern, dass das hintere Horn und der
Hippocampus minor jetzt nicht bloss beim Chimpanze, dem Orang und dem
Gibbon, sondern bei allen Gattungen der Paviane und Affen der alten
Welt, wie auch bei den meisten der neuen Welt, mit Einschluss der
Sahui's, und zwar gewöhnlich wenigstens so gut entwickelt wie beim
Menschen, oft sogar besser, gesehen worden sind[31].
In der That führt uns das reichliche und zuverlässige Zeugniss, welches
wir besitzen (und wir haben hier die Resultate sorgfältiger auf die
Erörterung dieser speciellen Fragen gerichteter Untersuchungen
geschickter Anatomen vor uns), zu der Ueberzeugung, dass hintere Lappen,
hinteres Horn und Hippocampus minor -- weit davon entfernt,
eigenthümliche und für den Menschen charakteristische Gebilde zu sein,
für die man sie immer und immer wieder erklärt hat, selbst nach der
Publication der klarsten Beweise vom Gegentheil -- gerade diejenigen
Gebilde sind, welche die ausgeprägtesten Hirncharaktere darstellen, die
der Mensch mit den Affen gemeinsam hat. Sie gehören zu den deutlichsten
Affeneigenthümlichkeiten, die der menschliche Organismus darbietet.
[Illustration: Fig. 22. Die Hemisphären des grossen Gehirns vom Menschen
und Chimpanze, in derselben Länge gezeichnet, um die relativen Verhältnisse
der Theile zu zeigen; das obere nach einem Präparat, das Mr. Flower,
Conservator am Museum des Royal College of Surgeons, für mich zu fertigen
die Güte hatte, das untere nach der Photographie eines in ähnlicher Weise
präparirten Chimpanzegehirns, die der oben erwähnten Abhandlung Marshall's
beigegeben war. _a_ hinterer Lappen, _b_ Seitenventrikel, _c_ hinteres
Horn, _x_ Hippocampus minor.]
In Bezug auf die Windungen bieten die Affengehirne alle Uebergänge von
dem beinahe glatten Gehirn des Sahui bis zum Orang und Chimpanze dar,
die nur wenig unter dem Menschen stehen. Und es ist äusserst merkwürdig,
dass, sobald alle Hauptfurchen auftreten, die Art ihrer Anordnung mit
der der entsprechenden Furchen beim Menschen identisch ist. Die
Oberfläche eines Affengehirns stellt eine Art von Umrisszeichnung des
menschlichen dar; bei den menschenähnlichen Affen werden immer mehr und
mehr Details eingetragen, bis endlich das Gehirn des Chimpanze und Orang
dem Baue nach nur in untergeordneten Merkmalen von dem des Menschen
unterschieden werden kann; hierher gehört die grössere Aushöhlung der
vorderen Lappen, die constante Anwesenheit von Furchen, die dem Menschen
gewöhnlich fehlen, und die verschiedene Lage und relative Grösse einiger
Windungen.
Was also den Bau des Gehirns anlangt, so ist klar, dass der Mensch
weniger vom Chimpanze und Orang verschieden ist, als diese selbst von
den Affen, und dass der Unterschied zwischen den Gehirnen des Chimpanze
und des Menschen fast bedeutungslos ist, wenn man ihn mit dem zwischen
dem Gehirn des Chimpanze und eines Lemurs vergleicht.
Es darf indessen nicht übersehen werden, dass eine sehr auffallende
Verschiedenheit in Bezug auf absolute Masse und Gewicht zwischen dem
niedrigsten Menschengehirn und dem Gehirn des höchsten Affen vorhanden
ist, -- eine Verschiedenheit, die um so auffallender wird, wenn wir uns
daran erinnern, dass ein erwachsener Gorilla wahrscheinlich beinahe
zweimal so schwer ist als ein Buschmann, oder als manche Europäerin. Es
darf bezweifelt werden, ob ein gesundes Gehirn eines erwachsenen
Menschen je weniger als ein- oder zweiunddreissig Unzen gewogen hat,
oder ob das schwerste Gorillagehirn schwerer als zwanzig Unzen gewesen
ist.
Dies ist ein sehr bemerkenswerther Umstand, der uns einst wohl helfen
wird, den grossen Abstand, welcher in Bezug auf intellectuelle Fähigkeit
zwischen dem niedersten Menschen und dem höchsten Affen besteht, zu
erklären[32]; er hat aber wenig systematischen Werth, und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil (wie schon aus dem über den Schädelinhalt
Gesagten zu schliessen ist) der Gewichtsunterschied des Gehirns zwischen
dem höchst entwickelten und niedersten Menschen sowohl relativ als
absolut viel grösser ist, als der zwischen dem niedersten Menschen und
dem höchsten Affen. Der letzterwähnte Unterschied wird, wie wir gesehen
haben, durch zwölf Unzen Hirnsubstanz absolut, oder durch 32:20 relativ
ausgedrückt; da aber das grösste bekannte menschliche Gehirn zwischen 65
und 66 Unzen wog, so ist der erstgenannte Unterschied durch mehr als 33
Unzen absolut, oder durch 65:32 relativ zu bezeichnen. Systematisch
betrachtet sind die Differenzen im Gehirn bei Menschen und Affen nur von
generischem Werthe, -- seine Familienmerkmale liegen hauptsächlich in
seinem Gebiss, seinem Becken und seinen unteren Extremitäten.
Wir mögen daher ein System von Organen vornehmen, welches wir wollen,
die Vergleichung ihrer Modificationen in der Affenreihe führt uns zu
einem und demselben Resultate: dass die anatomischen Verschiedenheiten,
welche den Menschen vom Gorilla und Chimpanze scheiden, nicht so gross
sind als die, welche den Gorilla von den niedrigeren Affen trennen.
Indem ich aber diese bedeutungsvolle Wahrheit ausspreche, muss ich mich
gegen ein sehr verbreitetes Missverständniss verwahren. Ich finde in der
That, dass sich der, wer nur einfach zu lehren sucht, was uns die Natur
in diesen Dingen so klar zeigt, dem aussetzt, seine Meinung falsch
dargestellt und an seiner Ausdrucksweise so lange herumgedeutelt zu
sehen, bis er zu behaupten scheint, dass die anatomischen Unterschiede
zwischen dem Menschen und selbst den höchsten Affen gering und
unbedeutend sind. Ich benutze daher diese Gelegenheit, im Gegentheil
ausdrücklich zu versichern, dass sie gross und bedeutend sind, dass
jeder einzelne Knochen des Gorilla Zeichen an sich trägt, durch welche
er leicht von dem entsprechenden Knochen des Menschen unterschieden
werden kann; und dass jedenfalls wenigstens in der jetzigen Schöpfung
kein Zwischenglied den Abstand zwischen _Homo_ und _Troglodytes_
ausfüllt.
Es würde nicht weniger unrecht als absurd sein, die Existenz dieser
Kluft zu leugnen; es ist aber wenigstens ebenso unrecht als absurd, ihre
Grösse zu übertreiben und, sich mit der zugegebenen Thatsache ihrer
Existenz beruhigend, jede Untersuchung über die Weite oder Enge
derselben zurückzuweisen. Man mag sich, wenn man will, immer daran
erinnern, dass kein verbindendes Glied zwischen dem Menschen und Gorilla
existirt, man soll aber nicht vergessen, dass zwischen dem Gorilla und
dem Orang, oder dem Orang und dem Gibbon eine nicht weniger scharfe
Trennungslinie besteht und hier ebenso vollständig irgend welche
Uebergangsform fehlt. Ich sage: nicht weniger scharf, wenn sie auch
etwas enger ist. Die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem
Menschen und den menschenähnlichen Affen berechtigen uns sicher zu der
Ansicht, dass er eine besondere, von jenen getrennte Familie bildet; da
er aber weniger von ihnen abweicht, als sie von anderen Familien
derselben Ordnung verschieden sind, so haben wir kein Recht, ihn zu
einer besondern Ordnung zu erheben.
Und so kömmt denn der vorausblickende Scharfsinn des grossen
Gesetzgebers der systematischen Zoologie, Linné, zu seinem Rechte; ein
Jahrhundert anatomischer Untersuchung bringt uns zu seiner Folgerung
zurück, dass der Mensch ein Glied derselben Ordnung ist (für welche der
Linnéische Name _$Primates$_ beibehalten werden sollte) wie die Affen
und Lemuren. Diese Ordnung kann jetzt in sieben Familien von ungefähr
gleichem systematischen Werthe eingetheilt werden: die erste,
_$Anthropini$_, enthält nur den Menschen, die zweite, die _$Catarhini$_,
umfasst die Affen der alten Welt, die dritte, die _$Platyrhini$_, alle
Affen der neuen Welt, mit Ausnahme der Sahui's; die vierte, die
_$Arctopithecini$_, enthält die Sahui's, die fünfte, die _$Lemurini$_,
die Lemuren, von denen _Cheiromys_ wahrscheinlich auszuschliessen ist,
um eine sechste besondere Familie, die _$Cheiromyini$_, zu bilden; die
siebente, die _$Galeopithecini$_, enthält nur den fliegenden Lemur,
_Galeopithecus_, eine merkwürdige Form, welche fast an die Fledermäuse
grenzt, wie _Cheiromys_ die Erscheinung eines Nagers darbietet, und die
Lemuren die von Insectenfressern.
Es bietet wohl kaum eine Säugethierordnung eine so ausserordentliche
Reihe von Abstufungen dar, wie diese; sie führt uns unmerklich von der
Krone und Spitze der thierischen Schöpfung zu Geschöpfen herab, von
denen scheinbar nur ein Schritt zu den niedrigsten, kleinsten und
wenigst intelligenten Formen der placentalen Säugethiere ist. Es ist,
als ob die Natur die Anmaassung des Menschen selbst vorausgesehen hätte,
als wenn sie mit altrömischer Strenge dafür gesorgt hätte, dass sein
Verstand durch seine eigenen Triumphe die Sklaven in den Vordergrund
stelle, den Eroberer daran mahnend, dass er nur Staub ist.
Dies sind die hauptsächlichsten Thatsachen und die unmittelbare
Folgerung aus ihnen, auf welche ich im Anfang dieser Abhandlung hinwies.
Die Thatsachen können, glaube ich, nicht bestritten werden; und wenn dem
so ist, so scheint mir auch der Schluss unvermeidlich.
Wird aber der Mensch durch keine grössere anatomische Scheidewand von
den Thieren getrennt, als diese von einander, dann scheint mir auch zu
folgen, dass, wenn irgend ein natürlicher Causalvorgang nachgewiesen
werden kann, durch welchen die Gattungen und Familien von Thieren
entstanden sind, dieser Causalvorgang auch völlig hinreicht, die
Entstehung des Menschen zu erklären. Mit anderen Worten, wenn gezeigt
werden könnte, dass die Sahui's z. B. durch allmähliche Modification aus
gewöhnlichen Platyrhinen entstanden sind, oder dass beide, Sahui's und
Platyrhini, modificirte Verzweigungen eines ursprünglichen Stammes sind
-- dann würde auch kein vernünftiger Grund vorhanden sein, daran zu
zweifeln, dass der Mensch in dem einen Falle durch allmähliche
Modification eines menschenähnlichen Affen, oder im andern Falle ebenso
als eine Abzweigung desselben ursprünglichen Stammes wie jene Affen
entstanden sei.
Gegenwärtig hat nur ein solcher natürlicher Causalvorgang irgend welches
Zeugniss zu seinen Gunsten aufzuweisen, oder mit anderen Worten: es
giebt nur eine Hypothese in Betreff der Entstehung der Arten der Thiere
im Allgemeinen, welche eine wissenschaftliche Existenz hat -- die von
Darwin aufgestellte. Denn so scharfsinnig auch viele von Lamarck's
Ansichten waren, so brachte er doch so viel Unreifes und selbst Absurdes
hinzu, dass der Nutzen, den seine Originalität, wäre er ein nüchterner
und vorsichtiger Denker gewesen, gehabt hätte, wieder neutralisirt
wurde; und obgleich ich von der Ankündigung einer Formel über »das
vorbedachte allmähliche Werden organischer Formen« gehört habe, so ist
doch klar, dass die erste Pflicht einer Hypothese die ist, verständlich
zu sein, und dass ein vollklingender Satz dieser Art, den man von vorn
und von hinten und von der Seite her lesen kann, ohne seine Bedeutung zu
beeinträchtigen, in Wirklichkeit gar nicht existirt, wenn er auch zu
existiren scheint.
Gegenwärtig löst sich daher die Frage nach den Beziehungen des Menschen
zu den Thieren schliesslich in die umfassendere Frage von der
Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit der Darwin'schen Ansichten auf. Hier
wird aber das Terrain schwierig und es gehört sich, unsere genaue
Stellung zur Frage mit grosser Sorgfalt zu bestimmen.
Ich glaube, es kann nicht bezweifelt werden, dass Darwin hinreichend
bewiesen hat, dass das, was er Wahl oder Modification in Folge einer
Auswahl nennt, in der Natur vorkommen muss und wirklich vorkommt; er hat
ferner bis zum Ueberfluss bewiesen, dass solche Wahl Formen erzeugen
kann, die ihrem Baue nach so verschieden selbst wie Gattungen sein
können. Böte uns die Thierwelt nur anatomische Verschiedenheiten dar, so
würde ich nicht einen Augenblick zu erklären anstehen, dass Darwin die
Existenz einer wirklichen physikalischen Ursache nachgewiesen habe,
völlig hinreichend, den Ursprung lebender Arten, und des Menschen unter
diesen, zu erklären.
Ausser ihren anatomischen Verschiedenheiten bieten aber Pflanzen- und
Thierarten, wenigstens eine grosse Zahl unter ihnen, physiologische
Merkmale dar: Formen, die man anatomisch als besondere Arten kennt, sind
meist entweder durchaus unfähig, sich unter einander zu vermehren, oder
wenn sie es thun, ist der resultirende Bastard unfähig, seine Rasse mit
einem andern Bastard derselben Art zu erhalten.
Eine wirklich physikalische Ursache wird indessen nur unter einer
Bedingung als eine solche angenommen: dass sie alle Erscheinungen, die
in den Bereich ihrer Wirksamkeit fallen, erklären kann. Ist sie mit
irgend einer Erscheinung unverträglich, so ist sie zu verwerfen; ist sie
nicht im Stande, eine einzelne Erscheinung zu erklären, so ist sie in
diesem Punkte schwach oder verdächtig, obgleich sie vollständiges Recht
haben mag, eine provisorische Annahme zu beanspruchen.
So viel mir bekannt ist, ist Darwin's Hypothese mit keiner bekannten
biologischen Thatsache unvereinbar; im Gegentheil erhalten durch ihre
Annahme die Thatsachen der Entwickelung, vergleichenden Anatomie,
geographischen Verbreitung und Paläontologie eine gegenseitige
Verbindung und eine Bedeutung, die sie zuvor nie besassen. Was mich
betrifft, so bin ich völlig überzeugt, dass diese Hypothese, wenn sie
nicht streng wahr, doch eine solche Annäherung an die Wahrheit ist, wie
die Copernikanische Theorie für die Planetenbewegungen war.
Trotz alledem muss unsere Annahme der Darwin'schen Hypothese so lange
nur provisorisch sein, als ein Glied in der Beweiskette noch fehlt; und
so lange alle Thiere und Pflanzen, die sicher durch Zuchtwahl von einem
gemeinsamen Stamme entstanden sind, fruchtbar sind, und ihre Nachkommen
unter einander, so lange fehlt jenes Glied. Denn für so lange kann nicht
bewiesen werden, dass die Zuchtwahl alles das leistet, was zur Erzeugung
natürlicher Arten nöthig ist.
Ich habe den letzten Satz so stark als möglich dem Leser vorgelegt; denn
die allerletzte Stellung, die ich einnehmen möchte, ist die eines
Advocaten für Darwin's oder irgend welche andere Ansichten, wenn unter
einem Advocaten der verstanden wird, dessen Aufgabe es ist, wirkliche
Schwierigkeiten zu ebnen, und zu überreden, wo er nicht überzeugen kann.
Um indessen Darwin gerecht zu sein, muss zugegeben werden, dass die
Zustände der Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit sehr falsch verstanden
werden, und dass der tägliche Fortschritt der Erkenntniss dieser Lücke
in dem Beweis eine immer geringere Bedeutung beilegt, besonders
verglichen mit der Menge von Thatsachen, welche mit seinen Lehren
harmoniren oder von ihnen aus Erklärung erhalten.
Ich nehme daher Darwin's Hypothese an als eine, die zur Beibringung des
Beweises verpflichtet ist, dass physiologische Arten durch Zuchtwahl
entstehen, ebenso wie ein Physiker die Undulationstheorie des Lichts
annimmt als verpflichtet, die Existenz des hypothetischen Aethers, oder
ein Chemiker die atomistische Theorie als verpflichtet, die Existenz der
Atome nachzuweisen; und zwar genau aus denselben Gründen: sie hat
unendlich viel Wahrscheinliches auf den ersten Blick für sich, sie ist
gegenwärtig das einzig erreichbare Mittel, das Chaos beobachteter
Thatsachen in eine bestimmte Ordnung zu bringen; und endlich ist sie das
wirksamste Forschungsmittel, was die Naturforscher seit der Erfindung
des natürlichen Classificationssystems und dem Beginn des systematischen
Studiums der Embryologie erhalten haben.
Wenn wir aber selbst Darwin's Ansichten bei Seite lassen, die ganze
Analogie natürlicher Vorgänge liefert uns einen so vollständigen und
vernichtenden Beweis gegen das Dazwischentreten anderer als sogenannter
secundärer Ursachen bei der Erzeugung aller Erscheinungen im Universum,
dass ich, die innigen Beziehungen zwischen dem Menschen und der übrigen
lebenden Welt, und zwischen den in letzterer wirksamen Kräften und allen
übrigen vor Augen, keinen Grund sehe, daran zu zweifeln, dass alle nur
coordinirte Ausdrücke für den grossen Fortschritt der Natur sind, vom
Formlosen zum Geformten, vom Unorganischen zum Organischen, von blinder
Naturkraft zu bewusstem Verstand und Willen.
Die Wissenschaft hat ihre Pflicht erfüllt, wenn sie die Wahrheit
ermittelt und ausgesprochen hat; und wenn diese Zeilen nur für Männer
der Wissenschaft bestimmt wären, so würde ich jetzt diese Abhandlung
schliessen, wohl wissend, dass meine Fachgenossen nur Beweise
anzuerkennen und es für ihre höchste Pflicht zu halten gelernt haben,
diesem sich zu fügen, wie sehr es auch gegen ihre Neigungen verstosse.
Da ich aber den weitern Kreis des intelligenten Publicums zu erreichen
wünsche, so wäre es eine unwürdige Feigheit, das Widerstreben zu
ignoriren, mit dem die Mehrzahl meiner Leser die Schlüsse aufzunehmen
geneigt sein dürfte, zu welchen mich das sorgfältigste und
gewissenhafteste Studium, das ich dem Gegenstand nur zu widmen im Stande
war, geführt hat.
Von allen Seiten höre ich ausrufen: »Wir sind Männer und Frauen, und
nicht bloss eine bessere Art Affen, mit etwas längeren Beinen, etwas
compacterem Fusse und grösserem Gehirn als eure thierischen Chimpanzes
und Gorillas. Die Kraft der Erkenntniss -- das Bewusstsein von Gut und
Böse -- die mitleidsvolle Zartheit menschlicher Gemüthsstimmungen
erheben uns weit über alle Genossenschaft mit den Thieren, wie nahe sie
auch an uns heranzutreten scheinen.«
Hierauf kann ich nur entgegnen, dass dieser Ausruf äusserst gerecht wäre
und meine ganze Sympathie besässe, wenn er nur irgend erheblich wäre.
Ich bin es gewiss nicht, der die Würde des Menschen auf seine grosse
Zehe zu gründen sucht, oder der zu verstehen giebt, dass wir verloren
wären, wenn ein Affe einen Hippocampus minor hat. Ich habe im Gegentheil
diese eitlen Fragen zu beseitigen mich bemüht. Ich habe zu zeigen
versucht, dass zwischen uns und der Thierwelt keine absolute Linie
anatomischer Abgrenzung gezogen werden kann, die breiter wäre, als die
zwischen den unmittelbar auf uns folgenden Thieren; und ich will noch
mein Glaubensbekenntniss hinzufügen, dass der Versuch, eine psychische
Trennungslinie zu ziehen, gleich vergebens ist und dass selbst die
höchsten Vermögen des Gefühls und Verstandes in niederen Lebensformen zu
keimen beginnen[33]. Gleichzeitig ist Niemand davon so stark überzeugt,
wie ich, dass der Abstand zwischen civilisirten Menschen und den Thieren
ein ungeheurer ist, oder so sicher dessen, dass, mag der Mensch von den
Thieren stammen oder nicht, er zuverlässig nicht eins derselben ist.
Niemand ist weniger geneigt, die gegenwärtige Würde des einzigen
bewussten intelligenten Bewohners dieser Welt gering zu halten, oder an
seinen Hoffnungen auf das Künftige zu verzweifeln.
Es wird uns allerdings von Leuten, die in diesen Sachen Autorität
beanspruchen, gesagt, dass die beiden Ansichten nicht zu vereinigen
wären, und dass der Glaube an die Einheit des Ursprungs des Menschen und
der Thiere die Verthierung und Erniedrigung des erstern mit sich führe.
Ist dem aber wirklich so? Könnte nicht ein einigermaassen verständiges
Kind mit nahe liegenden Beweisen die seichten Redner zurückweisen, die
uns diesen Schluss aufnöthigen wollen? Ist es wirklich wahr, dass der
Poet, Philosoph oder Künstler, dessen Genius der Ruhm seiner Zeit ist,
von seiner hohen Stellung erniedrigt wird durch die unbezweifelte
historische Wahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen Gewissheit, dass er
der directe Abkömmling irgend eines nackten und halbthierischen Wilden
ist, dessen Intelligenz gerade hinreichte, ihn etwas verschlagener als
den Fuchs, dadurch aber um so mehr gefährlicher als den Tiger zu machen?
Oder ist er verbunden zu heulen und auf allen Vieren zu kriechen wegen
der ausser aller Frage stehenden Thatsache, dass er früher ein Ei war,
das keine gewöhnliche Unterscheidungskraft von dem eines Hundes
unterscheiden konnte? Oder muss der Menschenfreund und Heilige den
Versuch, ein edles Leben zu führen, aufgeben, weil das einfachste
Studium der menschlichen Natur auf ihrem Grunde alle die selbstsüchtigen
Leidenschaften und die heftigen Begehrungen der gewöhnlichen Vierfüssler
offenbart? Ist Mutterliebe gemein, weil eine Henne sie zeigt, oder Treue
niedrig, weil ein Hund sie besitzt?
Der gesunde Menschenverstand der grossen Masse der Menschheit wird diese
Fragen, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, beantworten. Eine
gesunde Menschlichkeit, die sich hart bedrängt fühlt, wirklicher Sünde
und Erniedrigung zu entfliehen, wird das Brüten über eine speculative
Befleckung den Cynikern und den »Allzugerechten« überlassen, die, in
allem Uebrigen verschiedener Meinung, in der blinden Unempfindlichkeit
für den Adel der sichtbaren Welt und in der Unfähigkeit, die
Grossartigkeit der Stellung des Menschen darin zu erfassen, sich
vereinigen.
Ja noch mehr: haben sich denkende Leute einmal den blindmachenden
Einflüssen traditioneller Vorurtheile entwunden, dann werden sie in dem
niedern Stamm, dem der Mensch entsprungen ist, den besten Beweis für den
Glanz seiner Fähigkeiten finden und werden in seinem langen Fortschritt
durch die Vergangenheit einen vernünftigen Grund finden, an die
Erreichung einer noch edleren Zukunft zu glauben.
Sie werden sich erinnern, dass wir, vergleichen wir den civilisirten
Menschen mit der thierischen Welt, wie Alpenreisende sind, die die Berge
in den Himmel ragen sehen und kaum unterscheiden können, wo die tief
beschatteten Klüfte und die ewig glänzenden Gipfel aufhören und die
Wolken des Himmels anfangen. Gewiss ist der von tiefem Staunen
ergriffene Reisende zu entschuldigen, wenn er sich weigert, dem Geologen
zu glauben, der ihm erzählt, dass diese herrlichen Massen doch
schliesslich nichts anderes sind, als erhärteter Schlamm vorweltlicher
Meere oder abgekühlte Schlacken unterirdischer Hochöfen, von gleichem
Stoffe wie der zäheste Thon, aber durch innere Kräfte zu jener Stelle
stolzer und scheinbar unnahbarer Herrlichkeit erhoben.
Aber der Geolog hat Recht; und ernstes Nachdenken über seine Lehren
fügt, anstatt unsere Ehrfurcht und Bewunderung zu vermindern, zu der
bloss ästhetischen Betrachtung des ununterrichteten Beschauers noch all
die Macht intellectueller Erhebung.
Und wenn Leidenschaft und Vorurtheil sich gelegt haben werden, dann wird
die Lehre der Naturforschung über die grossen Alpen und Andes der
lebenden Welt, -- den Menschen, eine gleiche Wirkung äussern. Unsere
Ehrfurcht vor dem Adel der Menschheit wird nicht verkleinert werden
durch die Erkenntniss, dass der Mensch seiner Substanz und seinem Baue
nach mit den Thieren eins ist; denn er allein besitzt die wunderbare
Gabe verständlicher und vernünftiger Rede, wodurch er in der
Jahrhunderte langen Periode seiner Existenz die Erfahrung, welche bei
anderen Thieren mit dem Aufhören jeden individuellen Lebens fast
gänzlich verloren geht, langsam angehäuft und organisch verarbeitet hat,
so dass er jetzt wie auf dem Gipfel eines Berges weit über das Niveau
seiner niedrigen Mitgeschöpfe erhaben und von seiner gröberen Natur
verklärt dasteht, verklärt dadurch, dass er hier und da einen Strahl aus
der unendlichen Quelle ewiger Wahrheit reflectiren konnte.
Fußnoten:
[26] Es versteht sich, dass ich in der vorhergehenden Abhandlung aus der
ungeheuren Menge von Abhandlungen, die über die menschenähnlichen Affen
geschrieben worden sind, nur die zur Erwähnung ausgewählt habe, die mir
von besonderer Bedeutung schienen.
[27] Wir sind bis jetzt noch nicht hinreichend mit dem Gehirn des
Gorilla bekannt; bei Besprechung der Hirnmerkmale werde ich daher den
Chimpanze als die höchste Form unter den Affen annehmen.
[28] »Mehr als einmal,« sagt Peter Camper, »habe ich mehr als sechs
Lendenwirbel beim Menschen angetroffen ... Einmal fand ich dreizehn
Rippen und vier Lendenwirbel.« Fallopius erwähnt dreizehn Rippenpaare
und nur vier Lendenwirbel; und Eustachius fand einmal elf Rückenwirbel
und sechs Lendenwirbel. -- »Oeuvres de P. Camper«, T. 1, p. 42. Wie
Tyson angiebt, hatte sein »Pygmie« dreizehn Rippenpaare und fünf
Lendenwirbel. Die Frage von der Krümmung der Wirbelsäule bei Affen
erfordert noch weitere Untersuchungen.
[29] Man hat angegeben, dass Hinduschädel zuweilen so wenig wie 27 Unzen
Wasser enthalten, was einen Rauminhalt von ungefähr 46 Cubikzoll geben
würde. Der Minimalinhalt, den ich oben angenommen habe, ist indess auf
die werthvollen Tabellen basirt, die Rud. Wagner in seinen »Vorstudien
zu einer wissenschaftlichen Morphologie und Physiologie des menschlichen
Gehirns« publicirt hat. Als das Resultat sorgfältiger Wägungen von mehr
als 900 menschlichen Gehirnen giebt Professor Wagner an, dass die Hälfte
zwischen 1200 und 1400 Gramm wog und dass ungefähr zwei Neuntel, meist
männliche Gehirne, 1400 Gramm überschritten. Das leichteste Gehirn eines
erwachsenen Mannes mit gesunden Geisteskräften wog 1020 Gramm. Da ein
Gramm gleich 15,4 Gran ist und ein Cubikzoll Wasser 252,4 Gran enthält,
so ist dies gleich 62 Cubikzoll Wasser, so dass wir, da Gehirn schwerer
ist als Wasser, völlig gegen Irrthum nach der Seite einer zu kleinen
Annahme hin gesichert sind, wenn wir dies als den kleinsten Inhalt eines
erwachsenen männlichen Gehirns annehmen. Das einzige erwachsene
männliche Gehirn, das nur 970 Gramm wiegt, ist das eines Idioten; das
Gehirn einer erwachsenen Frau aber, gegen deren geistige Gesundheit
nichts vorliegt, wog nur 907 Gramm (55,3 Cubikzoll Wasser); und Reid
führt ein erwachsenes weibliches Gehirn von noch kleinerem Rauminhalt
an. Das schwerste Gehirn indessen (1872 Gramm, oder ungefähr 115
Cubikzoll) war das einer Frau; zunächst kommt dann das von Cuvier (1861
Gramm), dann Byron (1807 Gramm) und dann eine geisteskranke Person (1783
Gramm). Das leichteste erwachsene Gehirn, was bekannt ist (720 Gramm),
war das einer blödsinnigen Frau. Die Gehirne von fünf Kindern, vier
Jahre alt, wogen zwischen 1275 und 992 Gramm. Man kann daher ziemlich
richtig sagen, dass ein mittelgrosses europäisches Kind von vier Jahren
ein zweimal so grosses Gehirn hat als ein erwachsener Gorilla.
[30] Vom Fusse seines »Pygmie« sprechend, bemerkt Tyson S. 13: »Da aber
dieser Theil in seiner Bildung und auch in seiner Function einer Hand
ähnlicher ist als einem Fusse, habe ich gedacht, ob diese Art von
Thieren zur Unterscheidung von anderen nicht besser Quadrumanus genannt
und als solche aufgeführt werden sollte, denn als Quadrupes, d. i.
besser ein vierhändiges als ein vierfüssiges Thier.« Da diese Stelle
1699 publicirt wurde, so ist J. G. St. Hilaire offenbar im Irrthum, wenn
er die Erfindung des Ausdrucks »Quadrumanus« Buffon zuschreibt, obschon
»Bimana« ihm zugeschrieben sein kann. Tyson gebraucht »Quadrumana« an
mehreren Stellen, so S. 91: »Unser =Pygmie= ist nicht ein Mensch, aber
auch nicht der gewöhnliche =Affe=, sondern eine =Thierart= zwischen
beiden, und obgleich ein =Biped=, doch eine von der =Quadrumanus=-Art;
wiewohl manche Menschen beobachtet worden sind, die ihre =Füsse= wie
=Hände= brauchen, wie ich selbst mehrere gesehen habe.«
[31] S. die Anmerkung am Ende dieser Abhandlung, die eine kurze
Geschichte des hier angedeuteten Streites enthält.
[32] Ich sage »zu erklären _helfen_«; denn ich glaube durchaus nicht,
dass irgend ein ursprünglicher Unterschied in der Qualität oder
Quantität der Hirnsubstanz jenes Auseinandergehen des Menschen- und
Affenstammes verursacht hat, das zu dem gegenwärtigen enormen Abstand
zwischen ihnen geführt hat. Es ist in einem gewissen Sinne ohne Zweifel
völlig wahr, dass Unterschied in der Function das Resultat eines
Unterschieds in der Structur ist, oder, mit anderen Worten, eines
Unterschieds in der Combination der primären Molecularkräfte lebender
Substanz; und von diesem unleugbaren Axiom ausgehend argumentiren die
Gegner gelegentlich und scheinbar sehr plausibel, dass die grosse
intellectuelle Kluft zwischen dem Menschen und dem Affen eine
entsprechende anatomische Kluft in den Organen der intellectuellen
Function voraussetzt; so dass der Umstand, dass man so grosse
Differenzen nicht auffinde, kein Beweis dafür sei, dass sie nicht
vorhanden seien, sondern dass die Wissenschaft nicht im Stande sei, sie
nachzuweisen. Nur wenig Ueberlegung indessen wird, denke ich, das Irrige
dieses Schlusses zeigen. Seine Gültigkeit ruht auf der Annahme, dass die
intellectuelle Fähigkeit ganz und gar vom Gehirn abhänge, während doch
das Gehirn nur eine jener vielen Bedingungen ist, von denen die
geistigen Manifestationen abhängen; die anderen sind hauptsächlich die
Sinnesorgane und die motorischen Apparate, besonders die, welche beim
Greifen und bei der Bildung der articulirten Sprache betheiligt sind.
Ein Stummgeborener würde trotz seiner grossen Gehirnmasse und der
Ererbung starker intellectueller Instincte nur wenige höhere geistige
Manifestationen zu äussern im Stande sein als ein Orang oder Chimpanze,
wenn er auf die Gesellschaft stummer Genossen beschränkt wäre. Und doch
könnte nicht der geringste erkennbare Unterschied zwischen seinem Gehirn
und dem einer äusserst intelligenten und gebildeten Person vorhanden
sein. Die Stummheit könnte die Folge einer mangelhaften Bildung des
Mundes oder der Zunge, oder einer bloss fehlerhaften Innervation dieser
Theile sein; oder die Folge angeborener Taubheit, die wiederum durch
einen minutiösen, nur von einem sorgfältigen Anatomen nachzuweisenden
Fehler des inneren Ohres verursacht wäre.
Der Schluss: weil eine grosse Differenz zwischen der Intelligenz eines
Menschen und eines Affen besteht, deshalb muss auch ein gleich grosser
Unterschied zwischen ihren Gehirnen bestehen, scheint mir ungefähr
ebenso begründet, als wenn man beweisen wollte, dass, weil »ein grosser
Abstand« zwischen einer gutgehenden und einer gar nicht gehenden Uhr
besteht, deshalb auch ein grosser Abstand zwischen der Structur der
beiden bestehen müsse. Ein Haar am Balancier, ein bischen Rost an einem
Stifte, ein Bug in einem Zähnchen, irgend etwas so Kleines, dass nur das
geübte Auge des Uhrmachers es nachweisen kann, könnte die Ursache des
ganzen Unterschieds sein.
Und da ich mit Cuvier glaube, dass der Besitz der articulirten Sprache
das grosse Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist (mag es ihm absolut
eigenthümlich sein oder nicht), so halte ich es für sehr leicht
verständlich, dass eine in gleicher Weise wenig auffallende anatomische
Verschiedenheit die primäre Ursache des unermesslichen und praktisch
unendlichen Auseinanderweichens des menschlichen und Affenstamms gewesen
sein mag.
[33] Es ist für mich ein so seltnes Vergnügen, die Ansichten Professor
Owen's in völliger Uebereinstimmung mit meinen eignen zu finden, dass
ich nicht umhin kann, eine Stelle aus seiner Abhandlung »Ueber die
Charaktere etc. der Classe Mammalia« im Journal of the Proceedings of
the Linnean Society of London für 1857 zu citiren, die aber
unerklärlicher Weise in der zwei Jahre später vor der Universität
Cambridge gehaltenen »Reade Lecture«, die im Uebrigen fast nur ein
Abdruck jener Abhandlung ist, weggelassen worden ist. Prof. Owen
schreibt:
»Da ich nicht im Stande bin, den Unterschied zwischen den psychischen
Erscheinungen eines Chimpanze und eines Buschmanns, oder eines Azteken
mit gehemmter Hirnbildung, weder für so wesentlicher Natur anzuerkennen
oder aufzufassen, dass ein Vergleich zwischen ihnen ausgeschlossen wäre,
noch für einen andern als bloss gradweisen zu halten, so kann ich meine
Augen der Bedeutung jener Alles durchdringenden Gleichheit des Baues
nicht verschliessen; jeder Zahn, jeder Knochen ist streng homolog; und
diese Gleichheit macht die Bestimmung des Unterschieds zwischen _Homo_
und _Pithecus_ zu einer schwierigen Aufgabe für den Anatomen.«
Es ist gewiss etwas sonderbar, dass der »Anatom«, der es für »schwierig«
hält, »den Unterschied zu bestimmen« zwischen _Homo_ und _Pithecus_,
beide doch auf anatomische Gründe gestützt in verschiedene Unterclassen
bringt!«
Kurze Geschichte des Streites über den Bau des Menschen- und
Affengehirns.
Bis zum Jahre 1857 stimmten alle Anatomen von Autorität, die sich mit
dem Hirnbau der Affen beschäftigt hatten -- Cuvier, Tiedemann,
Sandifort, Vrolik, Isidore Geoffroy St. Hilaire, Schroeder van der Kolk,
Gratiolet --, darin überein, dass das Affengehirn einen =hintern Lappen=
besitze.
Im Jahre 1825 bildete Tiedemann in seinen Icones das =hintere Horn= der
Seitenventrikel bei Affen ab und erkannte dasselbe auch in dem Text zu
den Icones an, und zwar nicht bloss unter dem Titel »Scrobiculus parvus
loco cornu posterioris« (eine Thatsache, die man in den Vordergrund
stellte), sondern als »cornu posterius« (Icones, p. 54), ein Umstand,
der ebenso absichtlich im Hintergrund gehalten wurde.
Cuvier sagt (Leçons, T. III. p. 103), »die vorderen oder Seitenventrikel
besitzen eine Fingerhöhle (hinteres Horn) nur beim Menschen und den
Affen ... Ihre Gegenwart hängt von der der hinteren Lappen ab.«
Schroeder van der Kolk und Vrolik und Gratiolet haben gleichfalls das
hintere Horn von verschiedenen Affen beschrieben und abgebildet. In
Bezug auf den Hippocampus minor hat Tiedemann irrthümlich angegeben,
dass er bei den Affen fehle; Schroeder van der Kolk und Vrolik haben
aber auf die Existenz eines von ihnen für einen rudimentären Hippocampus
minor gehaltenen Gebildes beim Chimpanze hingewiesen, und Gratiolet
bestätigt ausdrücklich sein Vorhandensein bei diesen Thieren. Dies war
der Zustand unserer Kenntniss über diese Punkte im Jahre 1856.
Diese Thatsachen kannte entweder Professor Owen nicht oder er verschwieg
sie ungerechtfertigter Weise. Denn 1857 legte er der Linnean Society
eine Abhandlung vor, »On the Characters, Principles of Division, and
Primary Groups of the Class Mammalia,« die im Journal jener Gesellschaft
abgedruckt wurde und folgenden Passus enthält: »Beim Menschen bietet das
Gehirn eine höhere Entwickelungsstufe dar, die bedeutender und stärker
markirt ist als die, durch welche sich die vorhergehende Unterclasse von
der ihr zunächst stehenden niedern unterscheidet. Es überragen hier
nicht bloss die Hemisphären die Riechlappen und das kleine Gehirn,
sondern sie erstrecken sich weiter nach vorn als die ersteren und weiter
nach hinten als das letztere. Die Entwickelung nach hinten ist so stark
ausgeprägt, dass die Anatomen diesem Theile den Namen eines dritten
Lappens beilegen; _er ist der Gattung Homo eigenthümlich, und in
gleicher Weise ihr eigenthümlich das hintere Horn des Seitenventrikels
und der >Hippocampus minor<, welche den hintern Lappen jeder Hemisphäre
charakterisiren_.« Journal of the Proceedings of the Linnean Society.
Vol. II. p. 19.
Da die Abhandlung, in der diese Stelle vorkommt, keinen geringern Zweck
hat, als den, die Classification der Säugethiere umzugestalten, so
konnte wohl vermuthet werden, ihr Verfasser habe unter dem Eindruck
einer besondern Verantwortlichkeit geschrieben und die Angaben, die er
vorzubringen wagte, mit besonderer Sorgfalt geprüft. Und selbst wenn
dies zu viel erwartet hiesse, Uebereilung oder Mangel an Gelegenheit zur
gehörigen Ueberlegung kann zur Entschuldigung etwaiger Irrungen nicht
vorgeschoben werden; denn die angeführten Sätze wurden zwei Jahre später
in der vor der Universität Cambridge gehaltenen »Read-Lecture«, 1859,
wiederholt.
Als die im obigen Auszug cursiv gedruckten Behauptungen zuerst zu meiner
Kenntniss gelangten, war ich nicht wenig über einen so directen
Widerspruch mit den unter gutunterrichteten Anatomen geläufigen Lehren
erstaunt. Da ich aber natürlich glaubte, dass die vorbedachten Angaben
einer verantwortlichen Person irgend welche thatsächliche Begründung
haben müssten, hielt ich es für meine Pflicht, den Gegenstand von Neuem,
schon vor der Zeit, wo es mein Beruf war, in meinen Vorlesungen darüber
zu lesen, zu untersuchen. Das Resultat meiner Untersuchung war der
Beweis, dass die drei Behauptungen Owen's, dass »der dritte Lappen, das
hintere Horn des Seitenventrikels und der Hippocampus minor der Gattung
Homo eigenthümlich« seien, den offenbarsten Thatsachen widersprechen.
Ich theilte diesen Schluss meinen Zuhörern mit; da ich aber keine
Neigung hatte, in einen Streit mich einzulassen, der, mochte sein
Ausgang sein, welcher er wolle, der englischen Wissenschaft nicht gerade
zur Ehre gereichen konnte, wandte ich mich zusagenderen Arbeiten zu.
Die Zeit kam aber bald, wo ein längeres Beharren in meinem Schweigen
mich eines unwürdigen Betrugs an der Wahrheit schuldig gemacht hätte.
Bei der Versammlung der British Association in Oxford, 1860, wiederholte
Professor Owen jene Behauptungen in meiner Gegenwart; natürlich
widersprach ich ihnen sofort direct und ohne Einschränkung mit dem
Versprechen, dies sonst ungewöhnliche Verfahren an einem andern Orte zu
rechtfertigen. Dieses Versprechen löste ich durch die Veröffentlichung
eines Artikels in der Januar-Nummer der Natural History Review, worin
ich die Wahrheit der drei folgenden Sätze vollständig nachwies (a. a. O.
S. 71):
»1. Dass der dritte Lappen dem Menschen weder eigenthümlich noch
charakteristisch ist, da er bei allen höheren Quadrumanen existirt;«
»2. dass das hintere Horn des Seitenventrikels dem Menschen weder
eigenthümlich noch charakteristisch ist, da auch er bei den höheren
Quadrumanen vorhanden ist;«
»3. dass der _Hippocampus minor_ dem Menschen weder eigenthümlich noch
charakteristisch ist, da er sich bei gewissen höheren Affen findet.«
Ferner enthält der Aufsatz folgende Stelle (S. 76):
»Obgleich endlich Schroeder van der Kolk und Vrolik (a. a. O. S. 271)
ausdrücklich bemerken, dass >der Seitenventrikel von dem des Menschen
durch sehr mangelhafte Entwicklung des hintern Horns unterschieden ist,
in welchem nur ein Streifen als Andeutung des Hippocampus minor sichtbar
ist<, so zeigt doch ihre Fig. 4 der zweiten Tafel, dass dies hintere
Horn ein völlig deutliches und unverkennbares Gebilde ist, völlig so
gross, als es oft beim Menschen ist. Es ist um so merkwürdiger, dass
Professor Owen die ausdrücklichen Angaben und Figuren dieser Verfasser
übersehen haben sollte, als bei Vergleichung der Figuren augenscheinlich
wird, dass sein Holzschnitt des Chimpanzegehirns (a. a. O. S. 19) eine
verkleinerte Copie der zweiten Figur auf der ersten Tafel Schroeder van
der Kolk's und Vrolik's ist.«
»Gratiolet bemerkt indess ganz richtig (a. a. O. S. 18):
>unglücklicherweise war das von ihnen als Modell genommene Gehirn
bedeutend verändert (profondément affaissé), weshalb die allgemeine Form
des Gehirns auf diesen Tafeln in einer völlig incorrecten Weise
wiedergegeben ist.< Es wird allerdings bei einer Vergleichung eines
Durchschnitts des Chimpanzeschädels völlig klar, dass dies der Fall
ist; und es ist sehr zu bedauern, dass eine so incorrecte Figur als
typische Darstellung des Chimpanzegehirns genommen wurde.«
Von dieser Zeit an hätte wohl dem Professor Owen die Unhaltbarkeit
seiner Stellung so klar sein müssen, wie jedem Andern; weit davon
entfernt aber, die grossen Irrthümer, in welche er gerathen war,
zurückzunehmen, bestand er auf ihnen und wiederholte sie: zuerst in
einer vor der Royal Institution am 19. März 1861 gehaltenen Vorlesung,
welche in der Nummer des Athenaeum vom 23. desselben Monats genau
wiedergegeben war, wie Prof. Owen in einem Briefe an dies Journal vom
30. März zugiebt. Der Bericht des Athenaeum war von einer Zeichnung
begleitet, die ein Gorillagehirn darstellen sollte, die aber in der That
eine so ausserordentlich falsche Darstellung war, dass sie Prof. Owen in
dem erwähnten Briefe thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich
zurücknimmt. Beim Verbessern dieses Fehlers fiel aber Prof. Owen in
einen andern Irrthum von viel tieferer Bedeutung. Seine Mittheilung
schliesst nämlich mit dem folgenden Satze: »In Bezug auf das wahre
Verhältniss, in welchem das grosse Gehirn das kleine bei den höchsten
Affen bedeckt, verweise ich auf die Abbildung des nicht präparirten
Chimpanzegehirns in meiner >Reade's< Vorlesung über die Classification
etc. der Säugethiere, S. 25, Fig. 7. 8^o. 1859.«
Es würde nun nicht zu glauben sein, wäre es nicht unglücklicherweise
wahr, dass diese Figur, auf welche das vertrauende Publicum ohne ein
Wort der Erklärung »in Bezug auf das wahre Verhältniss, in dem das
grosse Gehirn das kleine bei den höchsten Affen bedeckt«, verwiesen
wird, genau jene unanerkannte Copie der Figur Schroeder van der Kolk's
und Vrolik's ist, auf deren gänzliche Ungenauigkeit vor Jahren Gratiolet
hingewiesen hatte, dessen Ausspruch durch mich in jener Stelle meines
oben citirten Aufsatzes in der Natural History Review zu Prof. Owen's
Kenntniss gebracht worden war.
Ich lenkte von Neuem die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Umstand
in meiner Erwiderung an Prof. Owen, Athenaeum, 13. April 1861; die
verworfene Figur wurde aber noch einmal und ohne die leiseste Andeutung
ihrer Ungenauigkeit von Prof. Owen in den Annals of Natural History,
June 1861, reproducirt.
Dies war denn doch den ursprünglichen Verfassern der Figur, Schroeder
van der Kolk und Vrolik, zu viel. In einem an die Akademie zu Amsterdam,
deren Mitglieder sie sind, gerichteten Briefe erklären sie, obgleich
entschiedene Gegner jeder Form von Theorie einer progressiven
Entwickelung, vor Allem die Wahrheit zu lieben, und dass sie es daher
für ihre Pflicht halten, auf die Gefahr hin, einer ihnen missliebigen
Theorie eine Stütze darzubieten, bei erster Gelegenheit öffentlich Prof.
Owen's Missbrauch ihrer Autorität zurückzuweisen.
In diesem Briefe räumen sie freimüthig die Richtigkeit der oben
erwähnten Gratiolet'schen Kritik ein und stellen in neuen und
sorgfältigen Figuren den hintern Lappen, das hintere Horn und den
Hippocampus minor des Orang dar. Nachdem sie diese Theile in einer
Sitzung der Akademie demonstrirt hatten, fügen sie ferner hinzu: »la
présence des parties contestées y a été universellement reconnue par les
anatomistes présents à la séance. Le seul doute qui soit resté se
rapporte au pes Hippocampi minoris ... A l'état frais l'indice du petit
pied d'Hippocampe était plus prononcé que maintenant«.
Prof. Owen wiederholte seine irrigen Behauptungen bei der Versammlung
der British Association 1861, und erneuerte ohne besondere Nöthigung den
Streit bei der Versammlung in Cambridge 1862, wobei er nicht eine
einzige neue Thatsache oder einen neuen Beweis beibrachte, auch nicht im
Stande war, dem übereinstimmenden, schlagenden Zeugnisse zu begegnen,
das die mittlerweile vorgenommenen Zergliederungen zahlreicher
Affengehirne (von Prof. Rolleston[34], Mr. Marshall[35], Mr. Flower[36],
Mr. Turner[37] und mir selbst[38]) zu Tage gefördert hatten. Nicht
zufrieden mit der ziemlich kräftigen Zurückweisung dieses beispiellosen
Verfahrens in Section D der Versammlung hiess Prof. Owen die
Veröffentlichung eines Berichtes über seine Angaben für gut, in den
»Medical Times« vom 11. Oct. 1862, der eine seltsame Entstellung der
meinigen enthielt (wie aus einem Vergleich mit dem Bericht der »Times«
über die Discussion zu ersehen ist). Ich füge den Schluss meiner
Entgegnung in derselben Zeitschrift vom 25. October bei:
»Wäre dies eine Sache der Ansicht oder eine Sache der Erklärung von
Theilen oder von Bezeichnungen, wäre es selbst eine Sache der
Beobachtung, wobei das Zeugniss meiner Sinne gegen das einer andern
Person stände, so würde ich beim Erörtern dieses Gegenstandes einen
andern Ton annehmen. Ich würde in aller Bescheidenheit die
Wahrscheinlichkeit zugeben, dass ich im Urtheilen geirrt, im Erkennen
gefehlt, oder von Vorurtheilen geblendet wäre.
Niemand behauptet aber, dass dies ein Streit um Ausdrücke oder Ansichten
sei. So neu und aller Autorität bar manche von Prof. Owen's
aufgestellten Definitionen gewesen sein mögen, man kann sie annehmen,
ohne dadurch die Hauptzüge der Frage zu alteriren. Obgleich daher
specielle auf diesen Gegenstand gerichtete Untersuchungen während der
letzten zwei Jahre von Dr. Allen Thomson, Dr. Rolleston, Mr. Marshall
und Mr. Flower, lauter Anatomen von Ruf in England, und von Schroeder
van der Kolk und Vrolik (die Prof. Owen unvorsichtig genug auf seine
Seite zu ziehen versuchte) auf dem Continent angestellt worden sind, so
haben doch alle diese geschickten und gewissenhaften Beobachter
einstimmig die Genauigkeit meiner Angaben bestätigt und die völlige
Grundlosigkeit der Behauptungen Prof. Owen's bezeugt. Selbst der
ehrwürdige Rudolph Wagner, den Niemand progressionistischer Neigungen
anklagen wird, hat seine Stimme für meine Angaben erhoben, während nicht
ein einziger Anatom, gross oder klein, Prof. Owen unterstützt hat.
Ich will nun nicht etwa den Vorschlag machen, wissenschaftliche
Differenzen durch allgemeine Abstimmung zu entscheiden, ich glaube aber,
dass soliden Beweisen etwas Anderes als leere und grundlose Behauptungen
entgegengestellt werden muss. In den zwei Jahren nun, durch welche sich
dieser Streit hinschleppt, hat Prof. Owen nicht gewagt, ein einziges
Präparat zur Begründung seiner oft wiederholten Behauptungen
vorzubringen.
Die Sache steht daher so: Meine Angaben sind nicht bloss in
Uebereinstimmung mit denen der besten älteren Autoritäten und aller
neueren Untersucher, sondern ich bin auch völlig bereit, sie an dem
ersten besten zur Hand kommenden Affen zu demonstriren; Prof. Owen's
Behauptungen dagegen stehen nicht bloss in directem Widerspruch mit
alten und neuen Autoritäten, sondern er hat auch kein einziges Präparat
beigebracht und kann keines beibringen, wie ich hinzusetzen will, was
sie rechtfertigt.«
Ich verlasse nun den Gegenstand für jetzt. Im Interesse meines Berufes
würde ich mich freuen, für immer schweigen zu können. Unglücklicherweise
ist es aber ein Gegenstand, bei dem nach Allem, was vorgefallen ist,
keine Verwechselung oder Confusion von Ausdrücken möglich ist; und wenn
ich behaupte, dass der hintere Lappen, das hintere Horn und der
Hippocampus minor bei gewissen Affen existirt, so behaupte ich entweder
etwas, das wahr ist, oder von dem ich wissen muss, dass es falsch ist.
Die Frage ist hierdurch eine Frage persönlicher Wahrhaftigkeit geworden.
Ich für meinen Theil will keinen andern Ausgang des gegenwärtigen
Streits annehmen, so traurig er auch ist.
Fußnoten:
[34] On the Affinities of the Brain of the Orang. Nat. Hist. Review,
April, 1861.
[35] On the Brain of a young Chimpanzee. Ibid. July, 1861.
[36] On the Posterior lobes of the Cerebrum of the Quadrumana.
Philosophical Transactions, 1862.
[37] On the anatomical Relations of the Surfaces of the Tentorium to the
Cerebrum and Cerebellum in Man and the lower Mammals. Proceedings of the
Royal Society of Edinburgh, March, 1862.
[38] On the Brain of Ateles. Proceedings of Zoological Society, 1861.